Bewusstseinserweiterung: Zusammenhänge

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung2. Der Begriff Bewusstsein3. Bewusstseinseinschränkung als Wahrnehmungseinschränkung4. Wahrnehmungserweiterung in der Mystik5. Die Methode des Selbsterinnerns6. Wachheit im Schlaf-Theorie7. Wachheit im Schlaf-Praxis8. Selbsterinnern, Klartraum und Klarheit im Wachzustand9. Literatur

 

Mögliche Zusammenhänge zwischen Selbsterinnern und Klarträumen[Bearbeiten]

Es ist jetzt viel über die Möglichkeit veränderte Bewusstseinszustände auf natürliche Weise, d.h. ohne die Verwendung psychedelischer Drogen und ohne das Praktizieren spezieller bewusstseinserweiternder Techniken wie der konzentrativen Meditation oder spezieller aufmerksamkeitsfördernder Techniken, die besondere Settings erfordern, berichtet worden. Deutlich wurde – so hoffe ich –, dass solche speziellen Techniken nicht unbedingt erforderlich sind, um die Erfahrung veränderter Bewusstseinzustände machen zu können. Es stellt sich allerdings nunmehr die Frage, wie das scheinbare Paradoxon Luzidität in Träumen erklärbar gemacht werden kann.

Auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Ouspenskys psychologischem System der Selbsterinnerung und dem Phänomen Klartraum wurde ich durch eine Klartraumerfahrung meines Bruders Uwe hingewiesen. Als er bereits LaBerge's Buch über Klarträumen gelesen hatte und sich mehrere Wochen erfolglos in der von LaBerge beschriebenen Technik zur Induktion von Klarträumen geübt hatte, besuchte er mich in Berlin und wir verbrachten einen langen Abend mit einem gemeinsamen Freund, der ihm Ouspenskys System der Selbsterinnerung nahe brachte.

Unser Freund betonte an diesem Abend die unbedingte Notwendigkeit, die uns eigene Mechanisiertheit zu erkennen und zu durchbrechen. Er selbst versuche immer, so erklärte er meinem Bruder, seine eigenen Automatisierungsprozesse zu durchbrechen, indem er sich beispielsweise, wenn er durch eine Straße gehe, bewusst und absichtlich, die Dachrinnen oder das Unkraut auf dem Boden anschaue, um einen Moment der Selbsterinnerung auszulösen und um den offensichtlichen Schlafzustand, indem er sich sonst durch die angeeignete Mechanisiertheit befindet durch den Akt der geteilten Aufmerksamkeit zu durchbrechen. An diesem Abend forderte unser gemeinsamer Freund meinen Bruder unmissverständlich auf, von seinen alltäglichen Identifizierungen loszulassen und sich anzustrengen sich seiner selbst bewusster zu werden und bewusster zu leben. Einige Tage später rief mein Bruder mich ganz erfreut an und berichtete mir von seinem ersten Klartraum. Er war darin luzide geworden, als er bemerkte, dass er über seiner Heimatstadt Oldenburg flog und sich die Dachrinnen der Häuser anschaute. Mein Bruder erzählte mir dann, dass er sich den Rat unseres Freundes zu Herzen genommen hatte und sich tatsächlich Tags zuvor bewusst die Dachrinnen der Häuser angeschaut hatte.

Was war passiert? Ich vermute, dass mein Bruder sich in seinem ersten vollständig luziden Traum daran erinnert hatte, dass er Tags zuvor bei sich selbst einen Zustand der Selbsterinnerung – im Sinne Ouspenskys – ausgelöst hatte, indem er sich zum ersten mal seit langem überhaupt in einem klareren Bewusstseinzustand befunden hatte und dies sozusagen als Anlass und Beispiel dienen konnte, um die lange von ihm angestrebte Klarheit im Traum zu erreichen. Dadurch, dass er sich im Wachleben durch einen bewussten Akt aus der üblichen Mechanisierung, in der er normalerweise durch die Straßen geht und die dazu führt, dass er sich üblicherweise in Tagträumen aufhält[1], befreien konnte und somit seine Annahme, er sei selbstverständlich wach, durchbrechen konnte, konnte er es auch im nächtens darauf folgenden Traum.

Der Grad der Wachheit, den man tagsüber erlebt oder durch eine bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit erlangt, scheint – diesem Beispiel zu Folge – in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Klartraumerfahrung zu stehen. Wie bereits erwähnt ist ein bedeutendes Charakteristikum normalen Träumens, dass man mit dem Traumgeschehen vollständig identifiziert ist und gewöhnlich selbstverständlich annimmt, man sei wach. Die Methode Ouspenskys beruht auf der Annahme, dass wir gewöhnlich nicht einmal wach sind, wenn wir es eigentlich sein sollten – nämlich tagsüber. Sie ähnelt in sofern der Methode Tholeys, weil beide durch eine Art Reflektionstechnik ihren gegenwärtigen Bewusstseinzustand überprüfen. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass Tholeys Wunsch zu Erwachen sich mehr auf den Schlaf- und Traumzustand bezieht, während Ouspenskys Wunsch zu Erwachen auf das bezogen ist, was er Halbschlaf nennt und gewöhnlich von uns als Wachzustand bezeichnet wird. Deshalb ist das Ergebnis der beiden Reflektionsfragen (Tholey fragt: Wach' ich oder träum' ich?. Und Ouspensky fragt: Bin ich mir meiner selbst bewusst oder nicht?) auch völlig unterschiedlich. Während Tholey tagsüber mit seiner Fragestellung wohl üblicherweise zu dem Ergebnis kommt, er sei wach, weil nichts in seiner Umgebung auf einen Traum Hinweise, kommt Ouspensky aufgrund seines Bewusstseinsstufenmodells wahrscheinlich eher zu dem Ergebnis, dass er womöglich jetzt wach oder wacher sei, aber mit Sicherheit bis zu dem Moment, an dem er sich die Frage gestellt hatte, geschlafen hatte.

Ouspensky geht also von vorne herein von der Annahme aus, dass er nicht nur im Schlaf sondern auch im sogenannten Wachzustand sich seiner selbst nicht bewusst ist und deshalb ist für ihn das Klarträumen, das er Halbtraumzustand nennt, ein Akt der Selbsterinnerung, der von ihm für die ganze Entwicklung der Persönlichkeit – sowohl tagsüber als auch nächtens – angestrebt wird. Dadurch, dass für ihn klar ist, dass das was wir üblicherweise Wachen nennen nur wenig mit dem gemein hat, was er unter Wachen verstanden wissen möchte, löst sich der scheinbare Widerspruch, den Luzidität den konventionellen Traumforschern jahrelang bereitet hat, auf. Denn dadurch, dass Selbsterinnern ein dritter Zustand – neben Schlafen und Wachen – ist, bekommt die Luzidität seinem System zu Folge einen klaren Rang: Es ist eine Form des Selbsterinnerns, die sich seiner Lehre zufolge auch und gerade im sogenannten Wachzustand durch die von ihm beschriebene Form der geteilten Aufmerksamkeit erzielen lässt.

Erfahrene Klarträumer betonen immer wieder die scheinbar unabdingbare Notwendigkeit, sich nicht allzu stark in luziden Träumen mit dem Traumgeschehen zu identifizieren, da ansonsten das Wach-Bewusstsein wieder vom Traumgeschehen absorbiert wird. Einen sehr hohen Rang erhält die Loslösung von der Identifizierung auch in Ouspenskys System der Selbsterinnerung, denn wer mit dem äußeren oder inneren Geschehen zu stark identifiziert ist, kann sich nicht gleichzeitig beobachten. Wir erinnern uns, dass Ouspensky betonte, identifizieren bedeute sich zu verlieren. Bezogen auf das Klartraumphänomen wird diese Annahme besonders plastisch, denn wer sich hier identifiziert, verliert tatsächlich sein Wachbewusstsein. In diesem Sinne kann man den Prozess der Identifikation mit Einschlafen selbst gleichsetzen. Außerdem können wir davon ausgehen, dass wir weitestgehend mit der Annahme, wir seien wach, identifiziert sind. Der Bruch mit der mechanisierten Annahme, man sei selbstverständlich wach, ist sowohl für Ouspenskys Akt der Selbsterinnerung am Tage als auch für den nächtlichen Akt der Selbsterinnerung (man erinnert sich ja an das selbst – einerseits an das Körper-Selbst –, das im Bett liegt und schläft und andererseits an das Traum-Selbst – wie ich es hier einmal nennen möchte – das sich lebendig und wach in seiner selbst kreierten Traumlandschaft bewegt) im Traum für die Erlangung eines erweiterten Bewusstseinszustandes notwendig. Oder anders herum gesagt: Geht man weiterhin davon aus, dass man selbstverständlich immer wach ist, ist überhaupt kein Erwachen möglich, weder im Schlaf noch im richtigen Leben. Und das wiederum wirft eine neue Schwierigkeit im Zusammenhang mit der Erlangung höherer Bewusstseinzustände auf, denn scheinbar muss diese Erkenntnis, dass man eigentlich schläft, wenn man glaubt wach zu sein, einem anderen als einem rein intellektuellen Wissen entspringen. D.h. man muss scheinbar erst einmal einen anderen Bewusstseinzustand kennen gelernt haben, um wirklich unterscheiden zu können zwischen unterschiedlichen Klarheitsgraden, die einem sowohl tagsüber als auch des nachts beschieden sein können.

Ouspensky zu Folge kennt allerdings jeder Mensch Zustände höherer Klarheit, die zum Beispiel in Zusammenhang mit intensivsten Emotionen stehen, die beispielhaft und hilfreich sein können, wenn man sich vorstellt, was es heißen könnte, wacher zu sein. Da es sich aber bei der Annahme wach zu sein um eine kollektive Illusion handelt, die von weiten Bevölkerungskreisen getragen wird, scheint es umso schwieriger zu sein, jemanden, der höchst lebendig und scheinbar wach ist, davon zu überzeugen, dass er eigentlich gerade schläft, zumal er höchst wahrscheinlich gerade für einen kurzen Moment erwacht, wenn man ihn fragt, ob er sich seiner selbst in diesem Moment bewusst ist oder nicht.

Klarheit im Wachzustand – Erwachen im Leben[Bearbeiten]

Es scheint also – Ouspensky zu Folge – tatsächlich eine Möglichkeit zu geben, die Klarheit aus dem Traumzustand in den Wachzustand zu übertragen, wobei eine der Methoden des Erwachens sicherlich Selbsterinnern ist. Was könnte es wohl – rein hypothetisch – bedeuten, wenn dieselbe Klarheit, die Klarträumer in ihren Träumen erreichen, von ihnen in den Wachzustand hineingetragen werden könnte?

Ich selbst hatte einmal einen Klartraum, in dem ich auf dem Beifahrersitz in einem Bus saß und mich angeregt mit dem Busfahrer unterhielt. Gewöhnlich pflege ich die Traumfiguren, die ich treffe, um Rat zu fragen, und manchmal frage ich sie regelrecht aus. Nachdem ich den Busfahrer um seine Meinung bezüglich einer mir zu dieser Zeit sehr nahestehenden Person gebeten hatte und er mir – wenngleich auch etwas ausweichend – geantwortet hatte, beobachtete ich am Wegrand eine Frau, die immer wieder drei kleine Mädchen hintereinander hochwarf, die dann lachend und sanft zu Boden schwebten. Ich war sehr fasziniert und wendete mich an den Busfahrer mit der Frage: Wenn ich die Luzidität in den Wach-Zustand hineintragen könnte, könnte ich dann eigentlich fliegen? Als Antwort bekam ich ein strahlendes Lachen und Kopfnicken präsentiert. Daraufhin fuhren wir in ein Einkaufszentrum und ich wachte auf.

Was mein Traumberater mir da gesagt hatte, genügt zwar keinen wissenschaftlichen Kriterien, aber es regte mich doch zum Nachdenken an. Wir mögen zwar nicht gleich fliegen lernen, aber eine größere Wachheit scheint doch enorme Vorteile mit sich zu bringen. Wäre es beispielsweise möglich, die reale Umgebung ebenso intensiv und farbig zu erleben wie Klarträumer die Traumlandschaften in ihren luziden Träumen erleben, wie viel lebendiger und aufregender wäre dann die wahrgenomme Wachwelt. Wie viel mehr Staunen könnte es geben über das, was uns alltäglich umgibt, denn durch den Bewusstseinssprung Selbsterinnern bekommt die wahrgenommene Welt ein andere Qualität. Der Focus, der nach innen gerichtet wird auf die Instanz, die alles zu spiegeln in der Lage ist, birgt in sich also eben jene Ebene, die von LaBerge als Verdoppelung des Bewusstseins bezeichnet wird.

Sich seiner selbst zu erinnern, d.h. sich eines Ich-Bin-Da-Bewusstseins gewahr zu sein und dieses Gewahrsein zu bewahren, hieße sich auch von Vorstellungen zu befreien, die als Konstrukte für die Wahrnehmung der äußeren Wirklichkeit dienen und das würde wohl auch bedeuten, dass einem immer wieder Neues begegnet, da nichts (oder kaum mehr etwas) in alte Kategorien gezwängt wird, die dann das einzige sind, was eigentlich noch wahrgenommen wird.

Denn wenn wir immer nur die gleichen Kategorien wahrnehmen, die wir aufgrund unserer Wirklichkeits-Konstruktions-Prozesse gebildet haben, erleben wir die Welt als langweilig und vor allen Dingen auch als eingeschränkt. Auf die Luzidität bezogen bedeuten die unbewussten Annahmen über die Beschaffenheit der (Traum)-Realität eine ganz erhebliche Einschränkung. In dieser Welt haben unsere Annahmen einen ganz direkten Einfluss auf die Form, die diese Träume annehmen. Je mehr theoretische Barrieren es in dieser Welt gibt, desto mehr unpassierbare Grenzen begegnen uns auch. Wird aber das Denken darüber, was uns möglich ist, erweitert, erweitern sich – im luziden Traum direkt erfahrbar und umsetzbar – auch die jeweiligen Fähigkeiten. Zumindest für die Traumwelt scheint es grundsätzlich von Vorteil zu sein, alles für möglich zu halten, denn Wie der Träumer, so der Traum, wie LaBerge treffend feststellt.[2] Was könnte also das Loslassen von festgefahrenen Vorstellungen für das Wachleben bedeuten?

Wer darum bemüht ist, seine eigenen Wahrnehmungskategorien aufzuspüren und zu sprengen, z.B. durch den bewussten Akt des Selbsterinnerns, beginnt mehr wahrzunehmen und beginnt über den Tellerrand seiner eigenen Kategorien hinauszublicken. Durch die Augenblicksbezogene und damit gegenwärtige Ich-Bin-Da-Empfindung wächst auch ein Gefühl der Verantwortung für das, was man wahrnimmt, denn es wird offensichtlicher, dass das Wahrgenommene subjektiven Auswahlprozessen unterliegt und dass eine Einflussmöglichkeit besteht hinsichtlich der Art und Weise, wie man etwas wahrnimmt. Wenn ich mich beispielsweise tatsächlich einmal langweiligen sollte und durch den Fokus nach innen dieses Gefühl identifizieren kann, kann ich meine Aufmerksamkeit, die offenbar in einer eingefahrenen Kategorie verweilt, entweder darauf verwenden diese Stimmung zu untersuchen und zu analysieren oder sie gezielt auf etwas anderes richten.

In der Analogie zum luziden Träumen ist festzustellen, dass ein luzider Träumer – im Gegensatz zu einem normalen Träumer – nicht davon ausgeht, dass ihm die Dinge einfach zustoßen. Er weiß vielmehr, dass er das Traumgeschehen aktiv gestalten kann und es ist ihm auch bewusst – und zwar zumeist in großer Deutlichkeit – dass er selbst der Schöpfer seiner Traumlandschaften und – Umgebungen ist. Viele luzide Träumer sprechen in diesem Zusammenhang von einer großen, fast majestätischen, Verantwortung, die sie für ihre eigenen Gedanken fühlen, denn sie erleben ihre Traumwelten als ihre eigenen Schöpfungen, die selbstverständlich nur ihren Gedanken entspringen können.[3]

Langeweile (im Wachleben natürlich- ich habe noch nie gehört, dass sich ein luzider Träumer im Traum gelangweilt hätte) ist in diesem Zusammenhang ein Zeichen von starker Identifikation, die in sich selbst natürlich vielfältige Ursachen tragen kann, welche sich aber wahrscheinlich allesamt auf vergangene Erfahrungen beziehen, die – wenn sie als Ursache für die jeweilige Stimmung nicht identifiziert werden – das Gefühl für die Gegenwart und für das eigene Sein zerstören können. Das kann zu einem sich selbst nährenden Prozess führen, der meines Erachtens nur durch einen Entautomatisierungsprozess in Kombination mit Selbsterinnern und ehrlicher Analyse der Situation behoben werden kann.

Angenommen also wir könnten in einem Moment der Langeweile unsere nichtluzide Haltung, die folglich beinhaltet, dass wir annehmen, die Dinge und Ereignisse stießen uns einfach zu und die uns glauben lässt, wir könnten uns ihnen gegenüber nur passiv verhalten, in eine luzide Haltung verwandeln, dann hieße das, dass ich für alles, was mir zustößt selbst verantwortlich bin. Ich bestimme also selbst, ob ich diese Stimmung oder Situation einfach geschehen lasse oder ob ich sie als eine Gelegenheit zur Selbstintegration betrachte und mit der Situation entsprechend umgehe. Ich kann demnach selbst bestimmen, ob ich eine im Wachleben gegebene Situation als gemeine Heimsuchung erlebe oder als Herausforderung betrachte. Erinnern an sich selbst scheint auch einer der wesentlichen Gründe zu sein, warum Klarträumer die Intensität der Wahrnehmung als außergewöhnlich gesteigert erleben. Durch den Prozess des Erwachens und die Verdoppelung des Bewusstsein durch die geteilte Aufmerksamkeit wird die Welt im Klartraum – und in der Folge auch im Leben – ungleich lebendiger, intensiver und farbenreicher.

Gleichzeitig würde die Beibehaltung des Focusses auf sich selbst auch bedeuten, dass die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und ihrer Ursachen deutlicher würde. Habe ich beispielsweise die festgelegte Annahme über mich selbst: Ich streite mich niemals!, wird es mir, wenn ich diesen Satz in mir nicht identifiziere durch die genaue Beobachtung meiner Gefühle und Reaktionen, nicht auffallen, falls ich mich tatsächlich einmal streiten sollte. Derartige Annahmen, die Ouspensky als Erkenntnispuffer bezeichnet, verbauen mir, wenn sie durch den Mangel an Selbstbeobachtung und Selbsterinnerung nicht aufgedeckt und als Lüge entlarvt werden, die Möglichkeit etwas anderes zu erkennen, als das, was eines meiner vielen Ichs für wahr und real hält. In der Folge könnte ich nur ungläubig den Kopf darüber schütteln, wenn mir das Gegenüber einer strittigen Auseinandersetzung weismachen will, wir hätten uns soeben gestritten.

Falls ich nicht bereit bin, meine eigene Wahrheit durch genaue Selbstbeobachtung zu überprüfen, kann ich mein Gegenüber in der Konsequenz nur für einen Lügner oder für paranoid halten. Beide Annahmen hätten in der Folge wahrscheinlich einen unangenehmen Einfluss auf die Beziehung zu meinem Gegenüber. Es lassen sich die unmöglichsten und absurdesten Konsequenzen aus diesem kleinen Beispiel ableiten, die sich allesamt vermeiden ließen, würde ich mich von Anfang an meiner selbst erinnern und wäre ich bereit, meine eigenen Annahmen über die Wahrheit dieser Situation zu überprüfen.

Mehr Klarheit im Wachleben erleichtert also den zwischenmenschlichen Umgang – so die Beobachtung wirklich mit Ehrlichkeit betrieben wird – ungemein. Viele Missverständnisse, die allein auf der subjektiven Zuordnung gewisser Begebenheiten im zwischenmenschlichen Bereich zu früher einmal gemachten Erfahrungen beruhen, die eine kategorienbildende Wirkung entfalteten, könnten sich durch eine aufmerksame Selbstbeobachtung wahrscheinlich vermeiden lassen. Denn die Bilder und Vorstellungen, die uns zur Wahrnehmung des Wirklichen dienen, beziehen sich zumeist nicht nur auf uns selbst, sondern auch auf die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Wenn ich die Wahrnehmung meiner Mitmenschen allein aus den festgefahrenen Bildern, die ich über sie habe, nähre, können mir viele Veränderungen in ihren Gefühlen und Handlungen auch gar nicht auffallen. Erwarte ich beispielsweise aufgrund einer gebildeten Kategorie, dass ein bestimmter Mensch aggressiv ist, werde ich alle seine Reaktionen als aggressiv bewerten, wie objektiv freundlich er sich auch immer in der augenblicklichen Situation verhalten mag. Denn wir sehen hauptsächlich das, was wir erwarten zu sehen, was anhand des von Postman durchgeführten Kartenexperiments meines Erachtens aufgezeigt werden konnte.

Die Befreiung von Vorstellungen, Bildern und den daran geknüpften Erwartungen ist auch das Ziel der Eckehartschen Philosophie und des sufischen Lebensweges. Je freier die Wahrnehmung von Vorstellungen, desto frischer, lebendiger und auch kindlicher erleben wir die Welt. Durch das Bemühen ein Ich-Bin-DaEmpfinden zu erlangen und zu bewahren gekoppelt mit der Forderung Ouspenskys, negative Gefühle nicht einfach auszudrücken, sondern zu beobachten und zu verwandeln, kann auch die Wahrnehmung anderer Menschen – ihrer Gefühle, Stimmungslagen und Verhaltensweisen – deutlicher und klarer werden.

Es ist wohl nicht zu erwarten, dass die Probleme im zwischenmenschlichen Bereich dadurch einfacher werden, denn sie bleiben sicherlich dieselben, aber wer wach ist und nicht all zu stark mit seinen Gefühlen identifiziert ist, kann sicherlich klarer denken und die Problemlagen, mit denen er konfrontiert ist, aufgrund der fehlenden Vermischung mit allzu subjektiv gefärbten Gefühlen, besser überblicken. Sich zu bemühen, sich in allen Lebenslagen zu entidentifizieren, hieße sich zu bemühen zu erwachen.

Wir können außerdem davon ausgehen, dass Luzidität durch große Achtsamkeit ausgezeichnet ist. Eine so geartete Achtsamkeit im Leben hätte den Vorteil einer wesentlich größeren Flexibilität in Bezug auf unsere Handlungsmöglichkeiten. LaBerge schreibt dazu:

LaBerge, S.
„Unachtsame Gewohnheit ist nicht unbedingt eine schlechte Sache, gewohnheitsmäßige Unachtsamkeit dagegen schon.“
Quelle: Hellwach im Traum, Seite 283

Wenn wir gewohnheitsmäßig unachtsam reagieren und leben, verschlafen wir wahrscheinlich viele Entwicklungsmöglichkeiten, um nicht zu sagen: Wir verschlafen das ganze lebendige Sein. Eine weitere Spekulation über die potenziellen Möglichkeiten wachen Seins, das vielleicht ein bedingungsloses Ich-Bin-Da-Bewusstsein bedeuten könnte steht im Zusammenhang mit der für luzide Träume typischen Relativierung von Ängsten. Dadurch, dass ein luzider Träumer weiß, dass alles nur ein Traum ist, verliert die Bedrohung seiner Existenz an Bedeutung. Durch die Gewissheit, dass alles nur ein Traum ist, weiß der Träumer auch, dass kein Traumangreifer ihn töten kann.

Spinnen wir einmal diese Spekulation weiter und fragen uns, ob die Luzidität auch in diesem Bereich auf das wirkliche Leben übertragbar sein könnte. In diesem Zusammenhang möchte ich die Überlegungen der buddhistischen Philosophie aufgreifen. Die buddhistische Philosophie geht im wesentlichen von der Annahme aus, dass alles Leiden ist[4][5]

Sobald der Mensch dies als Wahrheit für sich erkennt, richtet er all sein Streben darauf aus, dieses Leiden aufzulösen. Dies geschieht durch die Erkenntnis und die Vermehrung des Wissenstandes über das Leiden, was im weiteren Verlauf des Erkenntnisprozesse dazu führen soll, dass alles Leiden als Maya – als illusorisch – erkannt wird.

Gehen wir also beispielsweise von einer weitverbreiteten Leidensform aus: der Angst. Die wohl unbestritten bedrohlichsten Ängste sind die vor der Vernichtung des eigenen Ichs, des Bewusstseins der eigenen Existenz, also vor dem, was man landläufig als Tod bezeichnet. Laut buddhistischer Tradition müsste nun alles Streben darauf gerichtet sein, zu erkennen, was Angst tatsächlich ist und was in Verbindung damit das ist, wovor man eigentlich Angst hat – also der Tod. Im luziden Traum hat der um rechte Erkenntnis bemühte Wanderer die Möglichkeit, diese Dinge im Modell durchzuspielen und zu untersuchen. Freilich arbeitet er nur mit einem Modell, hier mit seinem Vorstellungsbild über den Tod. Dennoch besteht die Möglichkeit eine lebensbedrohliche Situation im Traum durch das Moment der Erkenntnis, dies ist ja nur ein Traum, die Angst zu transzendieren und zu überwinden. Die Angst verliert zwar oft noch nicht soviel an emotionaler Wirkkraft (denn der Träumer fühlt sich oftmals trotz dieser Erkenntnis dazu aufgefordert, das Weite zu suchen), sie verliert aber in diesem Moment ihre logische Berechtigung. Denn vor etwas, das einfach nicht passieren kann – ich kann nicht sterben, denn dies ist nur ein Traum – brauche ich auch keine Angst zu haben. Diese Erkenntnis führt – zumindest im fortgesetzten luziden Traum – dazu, dass sich die Angst vor der Vernichtung der Existenz mehr und mehr abbaut. Stephen LaBerge beispielsweise berichtet, er habe seit Jahren keinen Alptraum mehr gehabt und auch im wachen Leben sehr von seinen luziden Traumreisen profitiert, indem er angstfreier, mutiger und insgesamt selbstsicherer wurde.

Ein erfahrener luzider Träumer ist also zumindest im Traum in der Lage, das Wesen des Leidens durch Erkenntnis zu durchdringen und kann zumindest im Traum, seine Angst als nichtig und sinnlos ausweisen und damit sein Leiden auflösen. Er hat die buddhistische Aufforderung, sein Leiden geistig zu durchdringen und es dadurch aufzulösen, erfüllt. Siddharta Gautama – der Begründer des Buddhismus – bekam seinen Namen Buddha als Ehrentitel verliehen. Der Name Buddha bedeutet Erwachter oder Erleuchteter. Buddha betrachtete man also als einen im Leben Erwachten; als einen, der erkannt hatte, dass alles Leiden letztlich nichtig und illusorisch ist. Er muss also einen Erweckungsprozess durchgemacht haben, der ihn zu dieser Erkenntnis gebracht hatte.

Im luziden Traum gewinnt das Erleben durch die Erkenntnis, dass alles nur ein Traum – also eine Illusion – ist, eine gänzlich andere Qualität. Die Erkenntnis produziert einen Zustand nie gekannter Wachheit. Die eigentliche Qualität des Geschehens zu erkennen bedeutet also zu erwachen und in Folge dieses Erwachens wird alles Leiden als illusorisch erkannt. Da Buddha also ein im Leben Erwachter war, muss er durch einen Bewusstseinsakt zu der Erkenntnis gelangt sein – wie man etwa bei Nyanatolika nachlesen kann –, dass nichts ihn wirklich bedrohen kann, da sein Wesen unsterblich ist. Denn wenn es tatsächlich etwas gäbe, vor dem er einen berechtigten Grund zu Angst haben müsste, könnte sich sein Leiden – seine Angst vor der Auslöschung der eigenen Existenz – ja nicht in Luft aufgelöst haben. Er muss also folglich durch die Erkenntnis seiner Unsterblichkeit erwacht sein und durch eine solch geartete Erkenntnis würde tatsächlich alles Leiden illusorisch. Vielleicht war also Buddha einer, der über den von Eckehart und von den Sufis beschriebenen Weg der Angleichung ein reines Ich-Bin-Da-Bewusstsein erworben hat. In diesem Fall wäre dann zwar der Schmerz – etwa körperlicher Schmerz – noch vorhanden, aber es bestünde kein Grund mehr, sich damit zu identifizieren, weil der Schmerz den eigentlichen unsterblichen und unendlichen Wesenskern, nicht mehr berühren könnte. Angenommen Buddha hätte das tatsächlich erkannt. Was sollte uns davon abhalten, eine solche, wirklich lebensverändernde, Perspektive der Betrachtung anzustreben? Dies ist nun zugegeben die wildeste Spekulation, die sich aus der Beschäftigung mit Luzidität ergibt. Allerdings stellt sich für mich mehr und mehr die Frage, was das Träumen überhaupt für einen Sinn hat.

Die wissenschaftliche Debatte darüber enthält viele Spekulationen[6] und die letztgültige Erklärung bleibt noch aus.

Eine Möglichkeit, die mir im Zusammenhang mit dieser Arbeit in den Sinn kommt ist die, dass wir durch das normale Träumen jeden Tag aufs Neue darauf hingewiesen werden, dass wir uns mindestens in zwei verschiedenen Bewusstseinzuständen befinden können, von denen der eine gewöhnlich wachere Qualitäten mit sich bringt als der andere. Dadurch, dass wir gewöhnlich jede Nacht der Illusion erliegen, wir seien wach und unsere Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten, ob dieser Illusion, zumindest im Traum erheblich einschränken und jeden Morgen durch das Erwachen die Möglichkeit haben zu erkennen, wie dumm wir eigentlich waren, zu glauben, wir seien wach gewesen, obwohl doch nun offensichtlich ist, dass wir geschlafen haben, werden wir meines Erachtens immer wieder aus Neue dazu aufgefordert, unseren eigenen Bewusstseinszustand zu überprüfen.

Wir führen uns also jede Nacht selbst an der Nase herum, belügen uns über unseren Zustand und haben jeden Morgen die Möglichkeit zu sehen, wie sehr wir uns doch täuschen können. Das allein scheint mir schon Sinn genug zu sein. Denn wer ernsthaft darum bemüht ist, seinen eigenen Bewusstseinszustand zu überprüfen und ernsthaft in Erwägung zieht, dass er sich genauso gut auch täuschen könnte, ist vor allzu großer Selbstverherrlichung zumindest einigermaßen gefeit und nimmt seine eigenen Vorstellungen und Meinungen über die Beschaffenheit der Realität und insbesondere über sich selbst nicht mehr ganz so wichtig.

Wie wäre es doch schön, wenn wir morgens aus dem Schlaf erwachten und erst einmal herzlich über uns selbst und unsere Selbsttäuschungen lachen könnten!


Quellen[Bearbeiten]

  1. Ich hoffe mein lieber Bruder, der diese Arbeit auch liest, möge mir diese etwas unschmeichelhafte Beschreibung seines üblichen Bewusstseinzustands verzeihen und im Bewusstsein der eventuellen wissenschaftlichen Erkenntnis zu dienen von einer möglichen Missbilligung absehen.
  2. LaBerge, S.: Hellwach im Traum – Mehr Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung durch bewusstes Träumen, Jungfermann-Verlag, Paderborn 1987, Seite 125
  3. LaBerge, S.: Hellwach im Traum – Mehr Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung durch bewusstes Träumen, Jungfermann-Verlag, Paderborn 1987, Seite 114
  4. Nyanatiloka: Das Wort Buddhas, Konstanz 1978
  5. Janssen, B.: Meditatio, ergo sum – oder – Kamm man durch Meditation den Kapitalisten in sich zerstören?, Unkorrigiertes Manuskript einer Semester-Arbeit; zugänglich in der Dokumentation des PI, SoSe 1991, Seiten 10 ff.
  6. Diese Spekulationen reichen von der rein physiologischen Erholungstheorie über die psychologischen Erklärungsmodelle (von Freud, für den der Traum die Via Regio zum Unbewussten war und für den die Träume hauptsächlich zur Wunscherfüllung dienten) bis zum gestaltpsychologischen Lager, für deren Anhänger jeder unbedeutende Traum ein ungeöffneter Traum ist, der dem Träumer viele Informationen über sich selbst verrät. (Vgl. LaBerge (1987), Seiten 199 ff.)


 

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