Die Himmelstafel von Tal-Qadi/ Astronomische Bezugssysteme

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Beziehung zwischen horizontalem und äquatorialem Koordinatensystem bei einer Himmelsbeobachtung auf dem Breitengrad .
Im Horizontsystem die vier Himmelsrichtungen Norden (N), Osten (O), Süden (S) und Westen (W), senkrecht nach oben der Zenit, senkrecht nach unten der Nadir, die orthogonalen Koordinaten , und sowie der Azimut und der Höhenwinkel .
Im Äquatorialsystem die beiden Himmelspole Nordpol und Südpol, der Stundenwinkel und die Deklination .

Bei der unmittelbaren Beobachtung der Bahnen der Fixsterne gibt es zwei natürliche Bezugssysteme, nämlich das horizontale und das äquatoriale. Für die Beobachtung der sieben gegenüber dem Fixsternhimmel beweglichen Wandelgestirne ist es sinnvoll, neben der Horizontebene und der Äquatorebene eine weitere Ebene einzuführen, nämlich die Ekliptikebene. Der Name Ekliptik leitet sich von der lateinischen Bezeichnung linea ecliptica (Verdeckungslinie) ab, die wiederum auf das altgriechische Wort ἐκλειπτική (ekleiptikē für verdeckend) zurückgeht. Die sieben Wandelgestirne können sich entlang der Ekliptiklinie bei Konjunktionen nicht nur begegnen, sondern die nähergelegenen können die fernerliegenden Wandelgestirne manchmal sogar bedecken, wie zum Beispiel bei Mond- oder Sonnenfinsternissen sowie Transiten.

Der Horizont[Bearbeiten]

Das horizontale Koordinatensystem entspricht der täglichen Erfahrung der Umwelt, da die beiden Augen des Menschen in der Regel horizontal nebeneinander ausgerichtet sind. Ein Stein fällt im Horizontsystem immer senkrecht von oben nach unten in Richtung Erdmittelpunkt. Es ist das am häufigsten verwendeten Koordinatensystem für die Orientierung im Alltag. Der ideale Horizont ist eine Kreislinie, in deren Mittelpunkt der Beobachter steht. Die Lotrichtung steht senkrecht auf dem entsprechenden Kreis, und daher hat jeder Punkt auf der Erdoberfläche ein anderes Horizontsystem, in welchem zu jedem Zeitpunkt einen anderen Ausschnitt des Himmels gesehen werden kann.

Für die Angabe von Richtungen werden die Himmelsrichtungen Norden, Osten, Süden und Westen verwendet. In Bezug auf die Nordrichtung oder alternativ in Bezug auf die Südrichtung kann auch der Azimut als rechtsläufiger Winkel angegeben werden, wobei bei Bezug auf Norden die Nordrichtung 0 Bogengrad entspricht, die Ostrichtung 90 Bogengrad, die Südrichtung 180 Bogengrad und die Westrichtung 270 Bogengrad.

Die Höhe über dem Horizont wird als Höhenwinkel von 0 bis 90 Bogengrad angegeben, wobei 0 Bogengrad auf dem Horizont und 90 Bogengrad senkrecht über dem Beobachter im Zenit liegt. Negative Winkel liegen unter dem Horizont, und der Nadir liegt exakt unter dem Beobachter bei einem Höhenwinkel von -90 Bogengrad. Der Meridian ist der Großkreis, der durch den Nord- und Südpunkt sowie durch Zenit und Nadir geht.

Durch die Rotation der Erde ändert sich der Fixsternhimmel im Bezug zum Horizontsystem permanent.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie die Richtungen im Horizontsystem mit einfachen Mitteln bewerkstelligt werden können. Selbst als es noch keine Kompasse gab, war es möglich, die Himmelsrichtungen zu bestimmen:

Die Himmelspole (siehe unten) befinden sich in der Verlängerung der Erdachse und zeichnen sich dadurch aus, dass sich ihre Lage und die Lage der dort am Himmel befindlichen Fixsterne gegenüber dem Horizontsystem trotz der Erdrotation innerhalb eines Tages nicht ändert. Diese Lage lässt sich durch die Beobachtung der in der Nähe der Pole gelegenen zirkumpolaren Sterne, die nie unter den Horizont fallen, leicht herausfinden. Heute markiert der Polarstern (Polaris, α Ursa Minor) ungefähr den Himmelsnordpol. Durch die Präzession der gegen die Ekliptik geneigten Erdachse wandern die Himmelspole im Laufe von Jahrtausenden allerdings auf kreisartigen Bögen um die Pole der Ekliptik, so dass ein bestimmter Ort auf diesen Bögen ungefähr alle 25800 Jahre von den Himmelspolen erreicht wird. Fällt man von einem Himmelspol das Lot auf den Horizont, findet man dort auf der Nordhalbkugel den Nordpol beziehungsweise auf der Südhalbkugel den Südpol.

Bei den beiden Tag-und-Nacht-Gleichen zum Frühlingsanfang und zum Herbstanfang, geht die Sonne exakt im Osten oder im Westen auf und unter. Dies gilt immer für alle anderen Objekte auf dem Himmelsäquator, wie zum Beispiel den rechten Gürtelstern Mintaka (δ Orionis) im Sternbild Orion, die Sterne Zaniah (η Virginis), Porrima (γ Virginis) und Heze (ζ Virginis) im Sternbild Jungfrau (Virgo), den Stern Almizan III (θ Aquilae) in der linken Flügelspitze des Sternbilds Adler (Aquila) sowie den Stern Sadalmelik (α Aquarii) im Sternbild Wassermann (Aquarius).

Alle Gestirne kulminieren auf dem Meridian. Auf der Nordhalbkugel kann dies auf dem südlichen Meridian anhand der maximalen Höhe über dem Horizont beobachtet werden, und auf der Südhalbkugel auf dem nördlichen Meridian. Bei der oberen Kulmination der Sonne oder des Mondes auf dem Meridian erreicht der durch das Licht der Himmelskörper hervorgerufene Schatten eines senkrecht auf der Erdoberfläche stehenden Stabes seine kürzeste Länge in Richtung zu den Himmelspolen beziehungsweise zu den Polen der Erdachse.

Die Himmelspole[Bearbeiten]

Bei nächtlichen Beobachtungen der Fixsterne fällt auf, dass diese sich innerhalb eines siderischen (lateinisch sideris = des Sterns, also auf den Fixsternhimmel bezogenen) Tages von knapp 24 Stunden immer auf dem gleichen Kreis von Osten nach Westen einmal um die Himmelspole drehen und danach im Bezug zum Horizontsystem wieder an der gleichen Stelle stehen. Ein siderischer Tag dauert hierbei ungefähr vier Minuten kürzer als ein Sonnentag, weil die Sonne sich bezogen auf den Fixsternhimmel scheinbar - bedingt durch den Umlauf der Erde um die Sonne - täglich um ein kleines Stück nach Osten (auf der nördlichen Halbkugel also nach links) bewegt. Nach einem Jahr summieren sich diese täglichen Differenzen zu einem ganzen Tag auf, so dass sich jeder beliebige Stern nach einem Sonnenjahr zur gleichen Tageszeit auf- und untergeht beziehungsweise sich zu den gleichen Tageszeiten an der gleichen Stelle im Horizontsystem beziehungsweise in der entsprechenden Himmelsrichtung befindet. Dies kann durch die folgenden überschlägigen Rechnungen leicht nachvollzogen werden:

Der nördliche Himmelspol ist heute leicht durch den Polarstern (Polaris) im Kleinen Bären (Ursa Minor) zu finden, der die ganze Nacht (und den ganzen Tag) an derselben Stelle ziemlich genau im Norden des horizontalen Bezugssystems liegt. Alle anderen Sterne verändern im horizontalen Bezugssystem ständig ihre Lage.

Die Sterne in der Nähe des sichtbaren Himmelspols sind für einen bestimmten Beobachtungspunkt immer über dem Horizont und werden zirkumpolare Sterne genannt. Die zirkumpolaren Sterne des gegenüberliegenden, nicht sichtbaren Himmelspols sind nie zu sehen. Am Nordpol und am Südpol der Erde sind alle Sterne der jeweiligen Hemisphäre zirkumpolar, auf dem Äquator der Erde ist es keiner. Wegen der Neigung der Ekliptik ist von überall auf der Erde aus gesehen kein einziges ekliptikales Sternbild der Lebewesenkreiszeichen vollständig zirkumpolar.

Alle sichtbaren Sterne, die nicht zirkumpolar sind, gehen im Verlauf eines Vierundzwanzigstundentages irgendwann am östlichen Horizont auf und am westlichen Horizont unter. Die Sterne genau in der Mitte zwischen den beiden Himmelspolen liegen auf dem Himmelsäquator, und sie beschreiben den größten Tageskreis am Himmel, der jeweils exakt 180 Bogengrad über dem und unter dem Horizont verläuft.

Die beiden Winkel im äquatorialen Koordinatensystem, die die Lage eines beliebigen Himmelskörper definieren, sind der Stundenwinkel oder die Rektaszension entlang des Himmelsäquators und die Deklination senkrecht dazu in Richtung der Himmelspole, nach Norden positiv und nach Süden negativ. Der Stundenwinkel eines Himmelsobjekts entspricht der Zeit, die seit dem letzten Durchgang des betreffenden Himmelsobjekts durch den Meridian vergangen ist, und Stundenwinkel und Rektaszension werden daher meist in Stunden angegeben. Die Rektaszension wird allerdings auf den Frühlingspunkt bezogen, der sich zum Frühlingsanfang in der Sonnenmitte befindet. Die Rektaszension und die Deklination aller Fixsterne sind abgesehen von deren geringfügiger Eigenbewegung und der Verschiebung des Frühlingspunktes durch die sehr langsame Präzession der Erdachse innerhalb von wenigen Jahren praktisch konstant und werden daher in Sternenkatalogen angegeben. Die größte Differenz von Deklinationen gleichzeitig sichtbarer Himmelsobjekte wird immer in südlicher Richtung auf dem Meridian erreicht die kleinste Differenz in nördlicher Richtung auf dem Meridian.

Die Polhöhe ist der kleinste Winkel zwischen dem Horizont und einem Himmelspol entlang des Meridians, der genau der geographischen Breite des entsprechenden Beobachters auf der Erdkugel entspricht. Der Winkel zwischen Zenit und Himmelspol ergänzt die Polhöhe zu einem rechten Winkel mit 90 Bogengrad und entspricht gleichzeitig der Neigung zwischen Horizontalebene und Äquatorialebene. Beide Bezugssysteme teilen sich sowohl den Ostpunkt als auch den Westpunkt. Am Nordpol ist die Polhöhe +90 Bogengrad, am Südpol ist sie -90 Bogengrad, und auf dem Äquator beträgt sie 0 Bogengrad.

Der Frühlingspunkt[Bearbeiten]

Die um geneigte Lage der kreisbogenförmigen Ekliptik in Bezug zum Himmelsäquator mit seinem äquatorialen Koordinatensystem mit den Koordinaten (Rektaszension) und (Deklination), die hier für die ekliptikale Länge dargestellt sind.

Der Frühlingspunkt (Äquinoktialpunkt) hatte und hat eine herausragende Bedeutung in der Himmelskunde. Wenn die Sonne (und mit ihr ein gleichzeitig auftretender Neumond) im Frühlingspunkt steht, geht sie zum Frühlingsanfang dort überall auf der Erde morgens um 6 Uhr Ortszeit genau im Osten auf und abends um 18 Uhr Ortszeit exakt im Westen unter. Da der Vollmond von der Erde aus gesehen der Sonne immer gegenübersteht, steht ein Vollmond, der zum Frühlingsanfang auftritt, gegenüber dem Frühlingspunkt im Herbstpunkt und geht abends gegen 18 Uhr im Osten auf und morgens gegen 6 Uhr im Westen unter.

Umgekehrt steht die Sonne (und mit ihr ein gleichzeitig auftretender Neumond) zum Herbstanfang im Herbstpunkt und geht dort überall auf der Erde morgens um 6 Uhr Ortszeit genau im Osten auf und abends um 18 Uhr Ortszeit exakt im Westen unter. Ein gleichzeitig auftretender Vollmond befindet sich dann in der Nähe des Frühlingspunktes und geht morgens um 6 Uhr Ortszeit im Osten auf und abends um 18 Uhr Ortszeit im Westen unter.

Der Frühlingspunkt durchwandert innerhalb eines Tages den Großkreis des Himmelsäquators einmal vollständig. Da die Sonne im Gegensatz zum feststehenden Frühlingspunkt innerhalb eines Sonnentages von exakt 24 Stunden à 60 Minuten knapp ein Dreihundertsechzigstel (also ein Bogengrad) auf dem Ekliptikkreis entgegen der täglichen Sonnenbahn weitergelaufen ist, erreicht sie dieselbe Höhe über dem Horizont oder denselben Meridian bei der Kulmination auf demselben erst etwas später als der Frühlingspunkt, Die folgende Abschätzung ergibt die ungefähre Zeitdifferenz:

Aus diesem Grund ist ein siderischer Tag, also die Zeitspanne die der Frühlingspunkt oder jeder andere feste Punkt auf dem Himmelsäquator für einen vollständigen Umlauf mit 360 Bogengrad benötigt, gegenüber dem Sonnentag um diese vier Minuten verkürzt.

Die Wanderung des Frühlingspunktes entlang der Ekliptik.

Bedingt durch die Präzession der Erdachse verändern sich im Zyklus von zirka 25800 Jahren nicht nur die Lage der Himmelspole entlang einer Kreisbahn, sondern auch der Frühlingspunkt. Er durchwandert in dieser Zeit in westlicher Richtung genau einmal die gesamte Ekliptik mit ihren 360 Bogengrad. In jedem der zwölf Sternbilder entlang dieses Zodiaks mit einem Winkel von 30 Bogengrad pro Sternzeichensegment liegt er also für 2150 Jahre. Anders ausgedrückt: der Frühlingspunkt verschiebt sich in einhundert Jahren um 1,4 Bogengrad, in zehn Jahren um 8,4 Bogenminuten beziehungsweise pro Jahr um 50 Bogensekunden nach Westen. Die Lage der Ekliptik im Bezug auf den Fixsternhimmel bleibt jedoch unverändert.

→ Zum Zodiak und zur Zahl Zwölf siehe auch Exkurs Zur Zwölf.

Von vor 4500 Jahren bis heute ist der Frühlingspunkt vom Sternbild Stier (Taurus) gut 60 Bogengrad nach Westen gewandert, so dass dieses Sternbild zum Frühlingsanfang heute nicht mehr gleichzeitig mit der Sonne, sondern erst gut vier Stunden nach der Sonne untergeht und daher abends im Westen gut sichtbar ist, weil die Sonne sich vor dem Untergang der Hyaden und Plejaden bereits deutlich unter dem Horizont befindet. Vor rund 3000 Jahren befand sich der Frühlingspunkt dann schon im Sternbild Widder (Aries) und heute bereits im Sternbild Fische (Pisces).

Dieses Wanderverhalten war bereits in der Antike bekannt, und wurde von dem chaldäischen Gelehrten  Kidinnu (* vermutlich um 400 vor Christus; † vermutlich 330 vor Christus) dargestellt.  Nikolaus Kopernikus erkannte und benannte vor 500 Jahren die Präzession der Erdachse als Ursache für die Wanderung des Frühlingspunktes, und erst  Friedrich Wilhelm Bessel konnte die Präzessionskonstante mit hoher Genauigkeit bestimmen, was 1813 von der Preußischen Akademie der Wissenschaften mit der Verleihung eines Preises gewürdigt wurde.

Der Frühlingspunkt stellt einen Anker in den Sonnenkalendern (auch Solarkalender) dar. Das jüdische Pessach sowie auch das christliche Osterfest finden seit jeher nach der Tag-Und-Nacht-Gleiche (Äquinoktium) im Frühjahr statt. Der Ostersonntag ist zum Beispiel der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond, der auf dieses Äquinoktium folgt. Die Bestellung von Ackerflächen und die Aussaat von Pflanzensamen wurden und werden in vielen Kulturen mit Bezug auf den Termin des astronomischen Frühlingsanfangs durchgeführt, um gute Ernteerträge zu erhalten.

Die Lage des Frühlingspunkts bei der ekliptikalen Länge 0 Bogengrad kann im Fixsternhimmel nicht direkt im Bezug zum Fixsternhimmel beobachtet werden, weil das Sonnenlicht zum Frühlingsbeginn die Sterne in der Umgebung des Frühlingspunktes bei weitem überstrahlt. Ein gleichzeitig auftretender Vollmond hat die ekliptikale Länge 180 Bogengrad und befindet sich also im Herbstpunkt. Zur Tag-und-Nacht-Gleiche im Herbst steht die Sonne dann im Herbstpunkt bei der ekliptikalen Länge 180 Bogengrad. Der Herbstpunkt, in dem die Sonne zum Herbstbeginn exakt im Westen untergeht, befindet sich auf der Ekliptik also direkt gegenüber dem Frühlingspunkt, der gleichzeitig exakt im Osten gegebenenfalls mit einem gleichzeitig dort auftretenden Vollmond aufgeht. Aber auch während der Sonnenauf- und untergänge kann der Fixsternhimmel nicht beobachtet werden.

Seit Uhren zur Verfügung stehen, kann die Sternzeit mit ihnen als der Stundenwinkel des Frühlingspunktes gemessen werden. Ohne eine genaue Zeitmessung ist die Bestimmung der Lage des Frühlingspunktes keineswegs eine triviale Aufgabe. Die Aufgabe der Zeitmessung kann mit dem Mond oder dem Planeten Jupiter bewerkstelligt werden. Er bewegt sich innerhalb von knapp zwölf Jahren einmal vollständig durch die Ekliptik. Im Raster von drei Jahren wandert er auf der Ekliptiklinie jeweils ungefähr 90 Bogengrad weiter und steht dann ausgehend vom Frühlingspunkt als Startpunkt bei den ekliptikalen Längen 0 Bogengrad (Frühlingspunkt), 90 Bogengrad, 180 Bogengrad (Herbstpunkt) und 270 Bogengrad. Da er während der zwölf Jahre seiner siderischen Umlaufzeit häufig und wegen seiner großen Helligkeit nicht nur nachts, sondern auch in der Dämmerung gut gesehen werden kann, ist es möglich, die Lage von Frühlings- und Herbstpunkt indirekt durch die Winkelmessung der Lage des Planeten Jupiter zu bestimmen. Der Saturn hat wegen seiner noch größeren Entfernung von der Erde zwar eine geringere Parallaxe zum Fixsternhimmel als der Jupiter, ist aber auch deutlich weniger hell als dieser. Er hat eine siderische Umlaufzeit von fast dreißig Jahren und verändert seine ekliptikale Länge darum im Mittel ungefähr um 12 Bogengrad pro Jahr.

Eine weitere grobe Möglichkeit besteht darin, den Mond zu beobachten, der für einen siderischen Umlauf fast 28 Tage braucht, im Mittel also knapp sieben Tage für ein Viertel des siderischen Umlaufs. Kulminiert der abnehmende Halbmond bei der Tag-und-Nacht-Gleiche während des Sonnenaufgangs zum Herbstbeginn auf dem südlichen Meridian, so muss er eine Woche (sieben Tage) zuvor als Vollmond beim Frühlingspunkt gestanden haben, beziehungsweise muss er eine Woche zuvor beim Herbstpunkt gestanden haben, wenn die Sonne zum Frühlingsbeginn aufgegangen ist. Entsprechend kann auch der auf dem südlichen Meridian kulminierende zunehmende Halbmond bei der Tag-und-Nacht-Gleiche während des Sonnenuntergangs beobachtet werden: eine Woche später erreicht er im im Frühling den Herbstpunkt beziehungsweise im Herbst den Frühlingspunkt. Wegen der gerundeten Rechnung mit ganzen Zahlen und aufgrund der Exzentrizität der Mondbahn können sich hierbei allerdings Winkelfehler von über 10 Bogengrad ergeben. Wenn die Lage des Mondes in seinen 27 oder 28 Mondhäusern während der Tag-und-Nacht-Gleichen langfristig mitgezählt wird, kann dieser Fehler durch langjährige Mittel ausgeglichen werden.

Die Ekliptik[Bearbeiten]

Die vier Polar- und Wendekreise während der Sommersonnenwende auf der Nordhalbkugel. Die Ekliptik liegt in dieser Darstellung genau horizontal zwischen Erd- und Sonnenmittelpunkt.

Die Ekliptik ist die gedachte Ebene, in der die Erdbahn während eines Jahres um die Sonne läuft. Sie ist gegenüber dem Himmelsäquator um den Winkel von gut 23 Bogengrad geneigt, so dass auch von der Schiefe der Ekliptik die Rede ist. Dadurch sind vier Breitenkreise auf der Erdoberfläche festgelegt:

  • Der nördliche Wendekreis der Sonnenbahn, auf dem die Sonne zur Sommersonnenwende mittags im Zenit steht.
  • Der südliche Wendekreis der Sonnenbahn, auf dem die Sonne zur Wintersonnenwende mittags im Zenit steht.
  • Der nördliche Polarkreis, wo die Sonne zur Sommersonnenwende gerade nicht mehr untergeht beziehungsweise wo die Sonne zur Wintersonnenwende gerade noch nicht aufgeht.
  • Der südliche Polarkreis, wo die Sonne zur Wintersonnenwende gerade nicht mehr untergeht beziehungsweise wo die Sonne zur Sommersonnenwende gerade noch nicht aufgeht.
Die scheinbare tägliche Bewegung der Sonne
Animation der scheinbaren täglichen Bewegung der Sonne zu Beginn der vier Jahreszeiten mit den drei Ebenen des Horizonts (grün), des Äquators (rot) und der Ekliptik (blau). Die Blickrichtung verläuft von vorne im Osten (Sonnenaufgang) nach hinten im Westen (Sonnenuntergang).
Die scheinbaren Sonnenbahnen verlaufen in den Tagbögen oberhalb und in den Nachtbögen unterhalb der ruhenden grünen Horizontalebene, die für eine geographische Breite von 50 Bogengrad dargestellt sind. Im Süden erreichen die Tagbögen mittags ihre oberen Scheitelpunkte, und im Norden erreichen die Nachtbögen um Mitternacht ihre unteren Scheitelpunkte. Der senkrecht auf der Horizontalebene stehende schwarze Zeiger ist zum Zenit ausgerichtet.
Die braune Rotationsachse der Erde verläuft von links unten (Himmelssüdpol) nach rechts oben (Himmelsnordpol). Die Sonne im Frühlingspunkt ist grün eingefärbt, und ihr gegenüber befindet sich die Sonne im Herbstpunkt, wenn es jeweils die Tag-und-Nacht-Gleiche gibt. Zu diesen beiden Zeitpunkten befindet sich Sonne auf dem als roten Kreis dargestellten Himmelsäquator.
Die Ebene der Ekliptik ist als rotierende blaue Scheibe dargestellt. Die obere Sonne stellt die Situation bei der Sommersonnenwende dar, und die untere bei der Wintersonnenwende. Während der Zeit der Sommersonnenwende ist die Ekliptik mittags am stärksten und um Mitternacht am geringsten gegenüber der Horizontalebene geneigt, und während der Zeit der Wintersonnenwende ist es umgekehrt.

Zu jedem Zeitpunkt des Tages und des Jahres hat die Ekliptik gegenüber dem Horizont eine variierende Lage und eine andere Bogenlänge oberhalb des Horizonts, jedoch befindet sich der höchste Scheitel immer ungefähr in südlicher Richtung. Der Vollmond erreicht zur Sommersonnenwende um Mitternacht nur eine geringe Horizonthöhe, die Sonne steht dann mittags allerdings mit bei maximaler Horizonthöhe (unter Umständen sogar im Zenit bei einer Horizonthöhe von 90 Bogengrad), und es gibt somit den längsten Tag des Jahres. Zur Wintersonnenwende ist es umgekehrt, und es resultiert der niedrigste Sonnenstand und damit der kürzeste Tag des Jahres. Bei der Tag-und-Nacht-Gleiche zum Herbstanfang erreicht die Ekliptik zum Sonnenaufgang ihre maximale Höhe und maximal über dem Horizont sichtbare Bogenlänge und zum Sonnenuntergang das jeweilige Minimum, bei der Tag-und-Nacht-Gleiche zum Frühlingsanfang ist es wiederum umgekehrt.

Die Lage des Bogens der Ekliptik über dem Horizont zu verschiedenen Zeitpunkten
Jahreszeit morgens mittags abends nachts
Frühlings-
anfang
Ekliptik.A.png Ekliptik.B.png Ekliptik.C.png Ekliptik.D.png
Sommer-
anfang
Ekliptik.B.png Ekliptik.C.png Ekliptik.D.png Ekliptik.A.png
Herbst-
anfang
Ekliptik.C.png Ekliptik.D.png Ekliptik.A.png Ekliptik.B.png
Winter-
anfang
Ekliptik.D.png Ekliptik.A.png Ekliptik.B.png Ekliptik.C.png

Besonders steile Aufgänge im Osten und Untergänge im Westen sind also zu den folgenden Tageszeiten zu sehen:

  • Beim Frühlingsanfang (Tag-und-Nacht-Gleiche) am Abend
  • Beim Sommeranfang (Sonnenwende) am Mittag
  • Beim Herbstanfang (Tag-und-Nacht-Gleiche) am Morgen
  • Beim Winteranfang (Sonnenwende) um Mitternacht

Besonders flache Aufgänge im Osten und Untergänge im Westen sind entsprechend zu den folgenden Tageszeiten zu sehen:

  • Beim Frühlingsanfang (Tag-und-Nacht-Gleiche) am Morgen
  • Beim Sommeranfang (Sonnenwende) um Mitternacht
  • Beim Herbstanfang (Tag-und-Nacht-Gleiche) am Abend
  • Beim Winteranfang (Sonnenwende) am Mittag

→ In Bezug auf die vier Tages- und Jahreszeiten siehe auch Exkurs Zur Vier.

Die ekliptikale Länge wird üblicherweise vom Frühlingspunkt aus als Winkel zwischen -180 und +180 Bogengrad in der Ebene der Ekliptik angegeben, zum Frühlingsanfang steht die Sonne also bei der ekliptikalen Länge null. Die ekliptikale Breite wird wiederum senkrecht dazu als Winkel zwischen -90 und +90 Bogengrad in Richtung der Pole der Ekliptik bestimmt. Die ekliptikale Breite der Sonne ist definitionsgemäß null. Die Deklination eines Punktes auf der Ekliptik liegt immer zwischen und . Im Frühlings- und Herbstpunkt ist die Deklination der Sonne gleich null, zum Sommeranfang ist sie und beim Winterbeginn .

→ Zur scheinbaren Begegnung von beweglichen Gestirnen mit Himmelsobjekten siehe auch Exkurs Konjunktionen.

→ Zur Verwendung von Mondstationen für die Beschreibung der ekliptikalen Länge des Mondes siehe auch Mondhäuser.

Beobachtungen in der Nähe der Ekliptik[Bearbeiten]

Alle sieben Wandelgestirne können entlang der Ekliptiklinie ohne technische Hilfsmittel beobachtet werden, teilweise sogar bei Tageslicht und immer auch in der Dämmerung.

Die Mondsichel kann drei Tage vor oder nach Neumond durchaus auch am Mittag gesehen werden, wenn ihre Lage am Himmel bekannt ist und sie daher mit bloßem Auge fixiert werden kann. Die Schattenseite des Mondes ist vom Himmelsblau dabei nicht zu unterscheiden, und nur die schmale Sichel leuchtet etwas heller und weißlicher als der Himmel.

Befindet sich die Sonne in Horizontnähe und die Venus bei großer Elongation, gelingt auch deren Beobachtung am Taghimmel mit bloßem Auge. Die Venus ist nach der Sonne und dem Mond mit Abstand der hellste Planet und wird wegen ihres Glanzes in der poetischen Literatur auch als „Morgenstern“ beziehungsweise „Abendstern“ bezeichnet. Ihre Aufgänge als „Morgenstern“ und ihre Untergänge als „Abendstern“ auf der Ekliptik wurden bereits im 17. vorchristlichen Jahrhundert berechnet und auf den Venus-Tafeln des babylonischen Königs Ammi-saduqa festgehalten. Auf einigen der keltischen Bronzescheiben von  Monasterevin (Irland, erstes bis zweites nachchristliches Jahrhundert[1]) ist möglicherweise der scheinbare Verlauf der Venus- und Merkurpositionen am Abend- und Morgenhimmel über dem Horizont in Bezug zur Sonne künstlerisch dargestellt. Die anderen Planeten (etwas irreführend manchmal auch als Wandel- oder Wandersterne bezeichnet) sind nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang sichtbar.

Am schwierigsten ist in nördlichen Breiten die Beobachtung des innersten Planeten Merkur, weil dieser nur kurzzeitig (bei großer Elongation) und bei guten Sichtverhältnissen während der Dämmerung beobachtet werden kann. Am besten gelingt dies, wenn die Ekliptik möglichst steil auf der Horizontlinie steht, weil dann die Sonne noch relativ weit unter dem Horizont steht und den Himmel noch nicht zu sehr aufhellt. Dies ist um die Tag-und-Nacht-Gleichen der Fall – im Frühjahr am Abend (der Merkur muss dann eine große östliche Elongation haben), und im Herbst am Morgen (der Merkur muss dann eine große westliche Elongation haben). Entsprechendes gilt im Übrigen auch für das Alt- und Neulicht des Mondes sowie für die Venus.

Die drei äußeren Planeten, Mars, Jupiter und Saturn, können von der Erde aus gesehen jede ekliptikale Länge annehmen und bewegen sich langsamer entlang der Ekliptik. Sie sind hell genug, um mit bloßem Auge in der Dämmerung sichtbar zu sein, zudem können sie aber auch bei ihrer Kulmination auf dem südlichen Meridian beobachtet werden.

Von den in der nördlichen Hemisphäre zu sehenden Sternen ist lediglich der nur 8,6 Lichtjahre entfernte und schon vom griechischen Dichter Homer als Hundsstern erwähnte Sirius (α Canis Majoris) im Sternbild Großer Hund (Canis Major) mit -1,5m heller als der Saturn. Die nächst helleren Sterne Arktur (α Bootis) im Sternbild Bärenhüter (Bootes), Wega (α Lyrae) im Sternbild Leier (Lyra), Capella (α Aurigae) im Sternbild Fuhrmann (Auriga) und Rigel (β Orionis) im Sternbild Orion sind mit rund 0m bereits anderthalb Größenordnungen dunkler als Sirius und eine halbe Größenklasse dunkler als der Saturn. Die Sterne dieser Aufzählung liegen allerdings nicht in Ekliptiknähe und bilden deswegen keine spektakulären Konjunktionen mit den sieben Wandelgestirnen.

Die sieben hellsten feststehenden Himmelsobjekte in der Nähe der Ekliptik liegen zwischen den Sternbildern Stier (Taurus, rechts) und Skorpion (Scorpio, links). Der Bogen der Ekliptik wird von den Wandelgestirnen entgegen dem Uhrzeigersinn vom Frühlingspunkt rechts zum Herbstpunkt links durchlaufen. In der Nähe unteren Bogenhälfte befinden sich keine hellen Fixsterne in der Nähe der Ekliptik, der helle Stern Fomalhaut (α Piscis Austrini) im Sternbild Südlicher Fisch (Piscis Austrinus) dient lediglich zur Orientierung. Außerhalb des Bogens liegende Punkte befinden sich nördlich der Ekliptik und innen liegende südlich.

Die hellsten in Ekliptiknähe liegenden Sterne sind Antares (α Scorpii, 1,0m) im Sternbild Skorpion (Scorpio), Spica (α Virginis, 1,0m) im Sternbild Jungfrau (Virgo), Regulus (α Leonis, 1,5m) im Sternbild Löwe (Leo), Pollux (β Geminorum, 1,0m) im Sternbild Zwillinge (Gemini) und Aldebaran (α Tauri, 1,0m) im Sternbild Stier (Taurus) sowie die beiden offenen Sternhaufen der Hyaden (0,5m)und der Plejaden (Messier 45, 1,5m), die beide ebenfalls im Sternbild Stier (Taurus) liegen. Diese Sterne beziehungsweise Sternhaufen stehen regelmäßig in dichter Konjunktion mit den sieben Wandelgestirnen und werden manchmal sogar von ihnen bedeckt.

Die beiden Roten Riesen Aldebaran und Antares liegen nur geringfügig südlich der Ekliptik und unterscheiden sich in ihrer ekliptikalen Länge um fast genau 180 Bogengrad. Die beiden äußersten Pole dieser Reihe, der Stern Antares und der Sternhaufen der Plejaden, werden in ihrer Eigenschaft als Kalendergespann auch als Plejaden-Waage bezeichnet.[2]

→ Siehe auch Exkurs Die sieben hellsten Objekte der Ekliptik.

Vor gut 5000 Jahren – als die Keilschrift erfunden wurde[3] und die ersten zeichnerischen Darstellungen von Gottheiten auftauchen – befanden sich Aldebaran neben dem Frühlingspunkt und Antares neben dem Herbstpunkt. Dies bedeutet, dass zum Frühlingsanfang die Sonne genau im Osten zusammen mit Aldebaran aufgegangen ist, während Antares gleichzeitig im Westen untergegangen ist. Beziehungsweise ist die Sonne genau im Westen zusammen mit Aldebaran untergegangen, während Antares gleichzeitig im Osten aufgegangen ist. Umgekehrt zum Herbstbeginn: hier ging die Sonne genau im Osten zusammen mit Antares auf, während gleichzeitig Aldebaran im Westen unterging. Beziehungsweise ist die Sonne genau im Westen zusammen mit Antares untergegangen, während Aldebaran gleichzeitig im Osten aufgegangen ist.

Für die damaligen Menschen waren diese beiden sehr hellen und rot leuchtenden Sterne daher ein Gespann, um auf einfache Weise die Zeitpunkte des Frühlings- und des Herbstanfangs im Sonnenjahr zuverlässig zu bestimmen. Der in der obigen Tabelle beschriebene Halbbogen auf der Ekliptik befand sich damals zum Frühlingsbeginn bei Sonnenuntergang und zum Herbstbeginn bei Sonnenaufgang vollständig oberhalb des Horizonts. Zum Sommerbeginn war dieser Halbbogen um Mitternacht vollständig unter dem Horizont und daher gar nicht zu sehen. Dafür war der sichtbare Teil der Ekliptik zum Winterbeginn um Mitternacht vom Stern Antares Osten bis zu den Plejaden im Westen vollständig und fast gleichmäßig in 45-Grad-Schritten durch die oben angegebenen fünf Sterne markiert, wobei die Ekliptik den Meridian im Süden bei maximaler Höhe schnitt.

Das Goldene Tor der Ekliptik[Bearbeiten]

Das Goldene Tor der Ekliptik ist der Bereich zwischen den beiden offenen Sternhaufen der Hyaden und der Plejaden im Sternbild Stier (Taurus), die die beiden Pfosten des Tores bilden. Die Ekliptik kreuzt die Verbindungslinie dieser beiden Sternhaufen in etwa mittig, und alle Planeten, der Mond und die Sonne laufen auf ihrer scheinbaren Bahn deswegen regelmäßig durch das Goldene Tor der Ekliptik hindurch.

Der rote Planet Mars (Mitte) im Goldenen Tor der Ekliptik zwischen dem offenen Sternhaufen der Hyaden (links) mit den Roten Riesen Aldebaran (α Tauri) und dem offenen Sternhaufen der Plejaden (rechts).

Eine mannshohe, heute aufrecht stehende Stele im kleinen neolithischen Tempel von Mnajdra an der Südküste von Malta zeigt mehrere gebohrte Näpfchen, von denen eine Anhäufung an der linken Seite mit den Plejaden gleichgesetzt wurde.[4] Betrachtet man die Stele, die vermutlich liegend gebohrt wurde, auf dem Kopf stehend, ergibt sich eine sehr ähnliche Darstellung wie in der Mitte der Himmelstafel von Tal-Qadi, wo das Goldene Tor der Ekliptik abgebildet ist. Beide Darstellungen stammen aus der Tarxien-Phase der Insel und sind deswegen mindestens 4500 Jahre alt.

Vor 4300 Jahren befand sich der Frühlingspunkt noch im Sternbild Stier (Taurus), vor 2150 Jahren im Sternbild Widder (Aries, aus dieser Epoche stammt das Synonym „Widderpunkt“ für den Frühlingspunkt) und heute im Sternbild Fische (Pisces). 2500 vor Christus lag der Frühlingspunkt genau zwischen den Hyaden und den Plejaden im Goldenen Tor der Ekliptik! Vor rund 4500 Jahren befand sich ein zum Herbstbeginn auftretender Vollmond also gleichzeitig im Frühlingspunkt und im Goldenen Tor der Ekliptik und ging abends um 18 Uhr Ortszeit genau im Westen unter.

Die Lage des Frühlingspunktes vor 4500 Jahren im Goldenen Tor der Ekliptik.

Auf der leicht beschädigten babylonischen Tontafel VAT 07851 im Vorderasiatischen Museum in Berlin aus der Stadt Uruk in seleukidischer Zeit (zirka zweites Jahrhundert vor Christus) befindet sich eine Ritzzeichnung mit dem Mond im Sternbild Stier (Taurus). Von von links nach rechts sind die eindeutig mit Keilschrift gekennzeichneten Plejaden (in Keilschrift Assyrian cuneiform U1202F MesZL 247.svg Assyrian cuneiform U1202F MesZL 247.svg = MUL MUL = Plejaden (wörtlich "Sterne")), der Mond mit einem Kämpfer und einem Löwen, die innerhalb der Mondscheibe dargestellt sind, sowie dem Himmelsstier zu sehen.[5] Eine möglicherweise vorhanden gewesene Beschriftung des Stieres ist wegen der Beschädigung der Tontafel im hinteren Teil der Stierdarstellung nicht erhalten, die Zuordnung ist dennoch eindeutig. Eine beschriftete und vollständige Darstellung des Himmelsstiers taucht in einer ähnlichen Zeichnung auf einer rituellen Tontafel im Königlichen Museum für Kunstgeschichte in Brüssel (TCL 6, 47; MRAH O.00175) aus dieser Zeit auf.[6] Diese Darstellung ist am Himmel zwar nur in umgekehrter Reihenfolge von rechts nach links zu beobachten, stellt aber zweifelsohne den durch das Goldene Tor der Ekliptik zwischen dem Kopf des Stieres und den Plejaden hindurchziehenden Mond dar:

Umzeichnung der seleukidischen Ritzzeichnung auf der Tontafel VAT 07851 aus dem Vorderasiatischen Museum in Berlin (ungefähr zweites Jahrhundert vor Christus). Der Mond mit bewaffnetem Mann einen Löwen bekämpfend (Mitte) zwischen dem offenen Sternhaufen der Plejaden (links) und dem Himmelsstier (rechts).

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Mond auf seinem Weg zum absteigenden Knoten der Mondbahn nach einer Bedeckung der Plejaden sich der Ekliptiklinie von Norden her nähert. Nach ungefähr sieben Tagen - also ein Mondviertel später - erreicht er auf seinem Weg entlang der Ekliptiklinie diesen Knoten beim ekliptiknahen und sehr hellen Königsstern Regulus (α Leonis), den Brust- beziehungsweise Herzstern im Sternbild Löwe (Leo), den er dann ebenfalls bedecken kann.

→ Siehe auch Kapitel Mondzyklen, Abschnitt Der drakonitische Zyklus.

Das Goldene Tor der Ekliptik in De temporis e stellarum observationibus definiendi ratione apud veteres usitatissima aus dem Jahr 1856 vom deutschen Astronomen Carl Bremiker (* 1804; † 1877). Die Ekliptik verläuft auf der Linie von B nach A, und der Punkt C markiert das Goldene Tor der Ekliptik. Vergiliae = Plejaden; Suculae = Hyaden; Taurus = Stier; Aries = Widder.

Die auffälligen und mit bloßem Auge leicht erkennbaren Sternhaufen der Plejaden (lateinisch: "Vergiliae") und der Hyaden (lateinisch: "Suculae") bilden im Bezug zum Fixsternhimmel Asterismen. Zusammen mit dem Stern Aldebaran (er selber gehört nicht zu den Hyaden) stellen diese drei Objekte auf relativ engem Raum, in einem Winkelbereich von weniger als zehn Bogengrad, die drei hellsten Objekte in der Nähe der Ekliptik dar.[7] Gemeinsam bilden sie die beiden Pfosten des Goldenen Tors der Ekliptik im Sternbild Stier (Taurus). Auch der angelsächsische Benediktiner  Beda Venerabilis (672 oder 673 bis 735) nannte die beiden Sternhaufen Plejaden und Hyaden Anfang des 8. Jahrhunderts in seinem Werk De natura rerum im elften Kapitel Vergiliae und Suculae. Er wies darauf hin, dass es sich um Frühlingszeichen am Himmel handelt und dass die Benennung von Sternen und Asterismen bei den ihm damals zur Verfügung stehenden Schriften nicht einheitlich gestaltet ist. Über die beiden Sternhaufen schreibt er "de signiferis signis per quae planetae currunt", also "von den Fahnenträgerzeichen, durch die die Planeten laufen".[8] Hierbei bezieht Beda sich offenbar auch auf das 18. Kapitel "Naturae frugum" (Verse 246 bis 248, 280 und 313) in der "Naturalis historia" von  Plinius dem Älteren (23 oder 24 bis 79) aus dem ersten Jahrhundert, der die beiden lateinschsprachigen Begriffe "vergiliae" und "suculae" ebenfalls verwendet hat.[9]

Alle sieben beweglichen Himmelsobjekte ziehen im Laufe der Zeit von der Erde aus betrachtet mehr oder weniger häufig, aber regelmäßig sehr nahe der Ekliptik durch diese Pforte und somit zwischen den beiden Sternhaufen hindurch.

→ Siehe auch Exkurs Zur Sieben.

Der Erdmond, die Venus und der Merkur können aufgrund der etwas größeren Abweichung von der Ekliptik und der relativen Erdnähe gelegentlich einen Pfosten des Goldenen Tors streifen, treffen oder im Falle des Mondes und des Merkurs sogar etwas außerhalb der Plejaden vorbeiziehen. Die Venus, der dritthellste Wandelstern nach Sonne und Mond, bleibt stets südlich der Plejaden und nördlich von Aldebaran. Der Mond kann sowohl die Plejaden als auch den Stern Aldebaran bedecken.

Die ekliptikale Länge wird vom Frühlingspunkt aus entlang der Ekliptik gemessen. Für das Goldene Tor der Ekliptik beträgt sie heute zirka 64 Bogengrad. Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass die Verbindungslinie zwischen den Hyaden und den Plejaden bei der ekliptikalen Breite von 0 Bogengrad ziemlich genau mittig durch die Linie der Ekliptik geschnitten wird. Ferner ist die Ekliptik unter einem Winkel von rund 45 Bogengrad zu dieser Verbindungslinie geneigt. Auf diese Weise können sowohl die Lage der Ekliptik als auch deren Neigung zu jedem Zeitpunkt, von jeder Stelle der Erde und unmittelbar anhand der Ausrichtung des Goldenen Tors der Ekliptik abgelesen werden, ohne die Bahnen oder Lagen von Sonne, Mond oder Planeten beobachten zu müssen.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass vor 4500 Jahren in jedem Jahr zum Frühlingsanfang die untergehende Sonne abends am westlichen Horizont im Goldenen Tor der Ekliptik stand, wobei dieses wegen des hellen Sonnenlichts selbst allerdings gar nicht zu sehen war. Heute ist dies am 25. Mai der Fall, da sich der Frühlingspunkt mittlerweile um gut zwei Monate (ein Monat entspricht einem Winkel 30 Bogengrad entlang der Ekliptik) verschoben hat.

Der Himmelsstier[Bearbeiten]

Wiktionary – Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen:
Asterismus des Himmelsstieres mit den Bezeichnungen der hellsten Sterne. Der Stern γ Tauri (Hyadum I) im Maul des Stierkopfes ist der einzige in dieser Darstellung, von dem drei gelbe Linien ausgehen.

Das deutsche Wort „Stier“ lässt sich auf die beiden verwandten mittelhochdeutschen Wörter „stier“ (glasig blickend) und „sterre“ (starr, unbeweglich) zurückführen. Auch die deutschen Wörter „stieren“ (starr blicken) und „starren“ (bewegungslos auf etwas schauen) sind damit verwandt. Das althochdeutsche Wort „stiuri“ bedeutet „stark“. Auch die folgenden Wörter für „Stier“ scheinen auf ein altes gemeinsames Lehnwort zurückzugehen: assyrisch „šûru“, hebräisch „šōr“, phönizisch „thōr“ und aramäisch „tōra“ beziehungsweise im verwandten Mittelpersisch (Pahlavi, Zoroastrier) "tôrâ" (man bemerke die Übereinstimmung zum hebräischen Begriff „Tora“ für den Pentateuch, also die fünf Bücher Mose), altgriechisch „ταυρος“ („tauros“), lateinisch „taurus“.[10] Hierbei fällt auf, dass auch die nordische Himmelsgottheit „Thor“ genannt wird und dass diese mit den antiken Himmelsgottheiten „Zeus“ beziehungsweise „Jupiter“ gleichgesetzt wird. Diese Gottheiten sollen mit dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe ein gewaltiges Donnern verursachen. In Israel hat sich Jahwe vermutlich unter phönizischem Einfluss zum Himmelsgott entwickelt, wobei er mit den Gestirnen in Verbindung gebracht wurde. Als Prototyp der Vorstellung von Jahwe als Himmelsgott findet sich in der westsemitischen Gottheit „Baal des Himmels“ (Baalschamem).[11][12] Im Zoroastrismus hat das ursprüngliche Rind, der ursprüngliche Stier beziehungsweise der Urochse den avestischen Namen Gav-aevo-data. Nachdem dieses Tier getötet wurde floh es als Seele Goshorun (avestisch: "Geush Urvan") zu den Stern-, Mond- und Sonnenstationen auf der Ekliptik und beklagte dort die Zerstörung der Welt. Nach seiner Besänftigung wurde es zum Urahn aller Nutztiere.

Das mittelhochdeutsche Wort „sterre“ kann auch mit „Stern“ übersetzt werden und ist mit dem Wort „Gestirn“ eng verwandt. Im Lateinischen heißt es ebenfalls sehr lautähnlich „aster“ beziehungsweise „astrum“ sowie im Altgriechischen „ἄστρον“ („astron“). Das englische Wort „star“ bedeutet „Stern“ und „starry“ bedeutet „gestirnt“.

Insofern ist es wenig überraschend, in einem wichtigen Sternbild des Lebewesenkreises (Zodiak) einen Stier am Nachthimmel zu finden. In diesem Sternbild befand sich im Neolithikum der Frühlingspunkt der Sonne. Der ursprüngliche sehr großflächige Asterismus des Himmelsstieres (lateinisch: „taurus caeli“, griechisch: „ταυρος Ολίμπου“ / „tauros Olympou“) ist als Konstellation sehr gut erkennbar und deutlich größer als das heutige verstümmelte Sternbild Stier (Taurus). Es befindet sich ferner in der Himmelsregion der aktuellen Sternbilder Walfisch (Cetus), Widder (Aries) und Fuhrmann (Auriga). Weiter westlich schließen sich die Lebewesenkreiszeichen Fische (Pisces) und Wassermann (Aquarius) an. Südlich vom Stier befindet sich das Sternbild Fluss Eridanus, südlich vom Widder das Sternbild Walfisch (Cetus) und südlich vom Wassermann das Sternbild Südlicher Fisch (Piscis Austrinus). Es ist festzuhalten, dass diese fünf Sternbilder allesamt mit Wasser in Verbindung stehen.

Als eines der zwölf Ekliptiksternbilder hat der Stier seit der babylonischen Zeit allerdings nur eine ekliptikale Gesamtlänge von 30 Bogengrad. In der römischen Mythologie wird die Tauroktonie (Kunstwort aus lateinisch "taurus" ("Stier") und altgriechisch "σκοτώνω" ("skotono" = "Herausschneiden")) beschrieben: die ikonischen Darstellungen zeigen den römischen Gott Herakles, der den Stier durch einen Dolchstoß tötet. Vom ursprünglichen Himmelsstier wurde das Sternbild Widder (Aries) "herausgeschnitten", so dass heute nur noch der vordere Teil des Stieres einschließlich der Plejaden zum Sternbild Stier (Taurus) gehört. Bei den Arabern gehören die Plejaden (arabisch: "Thuraya") sowohl zum Asterismus "Hände der Thuraya" als auch als fetter Schwanz des Lammes zum Asterismus "Lamm" (Widder).[13]

Der große Himmelsstier umfasst die folgenden Hauptsterne:

Die Hauptsterne des Asterismus „Himmelsstier“
Astronomische
Bezeichnung
Eigenname Lage im
Himmelsstier
Scheinbare
Helligkeit
ζ Tauri Tien Kuan Rechte Hornspitze 3,0m
β Tauri Elnath Linke Hornspitze 1,7m
α Tauri Aldebaran Rechtes, rotes Auge 0,9m
ε Tauri Ain Linkes Auge 3,5m
γ Tauri Hyadum I Maul 3,6m
M45 (Taurus) Plejaden Rücken 1,6m
41 Aries Bharani / Nair al Butain Schwanz 3,6m
α Aries Hamal Hinterlauf 2,0m
β Aries Sheratan Hinterlauf 2,6m
α Cetis Menkar Vorderlauf 2,5m

Das Sternbild Stier (Taurus) gehörte schon immer und überall zu den bedeutendsten Sternbildern.[14] Neben den beiden offenen Sternhaufen der Hyaden und der Plejaden ist der helle Rote Riese Aldebaran besonders markant und wird häufig als das leuchtende rechte Auge des Stieres betrachtet. Im 18. Jahrhundert wurde er in Deutschland auch als das Ochsenauge bezeichnet.[15] Der Name Aldebaran stammt aus dem Arabischen und bedeutet der (den Plejaden beim Aufgang am östlichen Morgenhimmel) Folgende. Der Stern Elnath ist heute gleichzeitiger Bestandteil des Sternbilds Fuhrmann (Auriga).

Die scheinbare Sonnenbahn wird Ekliptiklinie genannt. Sie dient als Bezugslinie für die astronomischen Koordinaten des Ekliptiksystems. Alle sieben mit bloßem Auge sichtbaren Wandelgestirne ziehen entlang der Ekliptiklinie aus dem dunklen Trichter der Thuraya durch das Goldene Tor der Ekliptik in die sternenreicheren Regionen des Himmels. Üblicherweise werden die ekliptikalen Längen vom Frühlingspunkt aus gemessen, und die ekliptikalen Breiten senkrecht zu dieser Linie nach Norden und nach Süden. Der Frühlingspunkt lag vor gut 5000 Jahren (also zur Epoche J-3000) im Goldenen Tor der Ekliptik, also mitten im Himmelsstier, bei der damaligen ekliptikalen Länge des Sterns Aldebaran (α Tauri, Alphastern oder das rote Ochsenauge des Sternbilds Stier (lateinischsprachig: „Oculus Tauri“)[16][17][18]) von null Bogengrad. Die Sonne stand zum Frühlingsbeginn, der damals häufig den Jahresbeginn markierte, demnach in Konjunktion zu diesem Stern. Während eines Sonnenjahres zog die Sonne auf ihrer kreisförmigen Bahn vom Jahresanfang beim Stern Aldebaran bis zum Jahresende beim Stern Ain (ε Tauri, der andere Augenstern) mit der ekliptikalen Länge von rund 359 Bogengrad kurz vor dem erneuten Erreichen des Frühlingspunktes.

Der Kupferstich "Coeli enarrant gloriam Dei" von Bernard Picart (* 1673 ; † 1733), Amsterdam, 1727.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, die Verse zwei bis sieben aus Psalm 19 zu reflektieren:[19]

2 Caeli enarrant gloriam Dei et opus manus eius adnuntiat firmamentum

3 Dies diei eructat verbum et nox nocti indicat scientiam

4 Non est sermo et non sunt verba quibus non audiatur vox eorum

5 In universam terram exivit sonus eorum et in finibus orbis verba eorum

6 Soli posuit tabernaculum in eis et ipse quasi sponsus procedens de thalamo suo exultavit ut fortis ad currendam viam

7 A summitate caeli egressus eius et cursus eius usque ad summitatem illius nec est qui se abscondat a calore eius

Die Einheitsübersetzung hat diese Verse folgendermaßen ins Deutsch übertragen:[20]

2 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände.

3 Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund,

4 ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme.

5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde. Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut.

6 Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen.

7 Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.

Die Deutung der beiden Sterne Aldebaran und Ain als die Augensterne des Himmelsstieres ist sehr alt:

Der erste Buchstabe unseres Alphabets A wird im Altgriechischen mit Alpha (groß: Α, klein: α) bezeichnet. Dieser wiederum hat seine Entsprechungen in noch älteren Alphabeten. Im Hebräischen wird er Aleph genannt und im Arabischen Alif. Der helle Stern Aldebaran (alpha Tauri) kann mit dem ersten Buchstaben Aleph des bereits im zweiten vorchristlichen Jahrtausend verwendeten phönizischen Alphabets in Zusammenhang gebracht werden:[2] In der sehr alten protosinaitischen und phönizischen Sprache wurden für diesen Buchstaben die folgenden Schriftzeichen verwendet:

Dieser Buchstabe wird paläographisch mit dem Begriff „Ochse“ beziehungsweise „Stier“ gedeutet. Die Ägypter kannten die Hieroglyphe Abydos-Bold-hieroglyph-F1.png (F1) für „Ochsenkopf“. In Anatolien wurde im 2. und 1. Jahrtausend vor Christus die luwische Hieroglyphe Hieroglyph Luwian BOS.jpg für „Rind“ verwendet.

Auch der Buchstabe O unserer Alphabets hat eine Entsprechung im Altgriechischen, den Buchstaben Omikron (groß: Ο, klein: ο) . Auch dieser hat Entsprechungen in noch älteren Alphabeten. Im Hebräischen wird er Ajin und im Arabischen wird er Ain genannt. In der sehr alten protosinaitischen und phönizischen Sprache wurden die folgenden Schriftzeichen verwendet:

Dieser Buchstabe wird paläographisch mit dem Begriff „Auge“ gedeutet. Die Ägypter benutzen für diesen Begriff die Hieroglyphe Hieroglyph D4.svg (D4).

Mythologie[Bearbeiten]

Ernst Christian Ludwig von Bunsen (* 1819; † 1903) wies Ende des 19. Jahrhunderts darauf hin, dass die eine der älteren chaldäischen Formen des hebräischen Gottesnamens „JHWH“, nämlich „JAO“ mit kosmischen Symbolen verknüpft sein könnte. Die beiden paläographischen Buchstaben „A“ (Alpha, Aleph) und „O“ (Omikron, Ajin) waren vor 4000 Jahren vom Frühlingspunkt gerechnet mit dem ersten Zeichen Stier und dem letzten Zeichen Widder des Lebewesenkreises (Zodiak) verbunden. Die Sonne war bei den Phöniziern mit dem Buchstaben „J“ verknüpft, und wenn dieses „J“ dem „A“ und dem „O“ vorangestellt wird, ergibt sich die Buchstabenfolge „JAO“ (Iota - Alpha - Omikron beziehungsweise Jod, Aleph, Ajin). Dies symbolisiert den jährlichen Sonnenlauf der Sonne „J“ von Frühlingspunkt „A“ entlang der Ekliptiklinie bis zum letzten Lebewesenkreiszeichen Widder (Aries) „O“.[21] Es wäre auch auch denkbar, dass die beiden Buchstaben „A“ und „O“ unmittelbar mit den beiden sehr auffälligen Augensternen des Himmelsstiers im Frühlingspunkt der Sonnenbahn Aldebaran (α Tauri = alpha Tauri = Aleph, ekliptikale Länge zur Epoche J-3000 = 0 Bogengrad) und Ain (ε Tauri = epsilon Tauri, Ajin, ekliptikale Länge zur Epoche J-3000 = 359 Bogengrad) verknüpft sind, was auch ganz ohne die Voraussetzung des Zodiaks eine Erklärung liefern würde, der erst später als die Alphabete entwickelt wurde. Wie auch immer, solche Zusammenhänge würden erklären, dass der Gottesname mit dem göttlichen Himmelsstier in Zusammenhang steht.

Anmerkung:
Wie weiter oben ausgeführt, bedeutet das aramäische Wort „tōra“ „Stier“. Unter der Annahme, dass nach dem zweiten Gebot von Gott kein Bild gemacht werden darf (Bilderverbot),[22] wäre es durchaus nahliegend, das ursprünglichste Wort Gottes des jüdischen Glaubens (namentlich die fünf Bücher Mose der Bibel, den Pentateuch der Septuaginta beziehungsweise die Tora des Talmuds) mit dem Namen des Stieres, der als Himmelsbild Gott repräsentiert, gleichzusetzten, also mit dem aramäischen Namen „tōra“.
Vergleiche hierzu auch die Anfertigung zweier goldene Rinderfiguren als Gottesbild durch Jerobam I., den ersten König des Nordreichs Israel, die im zwölften Kapitel des ersten Buchs der Könige beschrieben ist:[23]
28 So ging er mit sich zu Rate, ließ zwei goldene Kälber anfertigen und sagte: Ihr seid schon zu viel nach Jerusalem hinaufgezogen. Hier sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.
29 Er stellte das eine Kalb in Bet-El auf, das andere brachte er nach Dan.
30 Dies wurde Anlass zur Sünde. Das Volk zog vor dem einen Kalb her bis nach Dan.

Der Stier wird offenbar seit jeher im Zusammenhang mit der Urflut und der Sonne gesehen. Viele Mythen bringen auch die Elemente Himmel, Mond, Gestirne, Schöpfer, Gold oder Lichtbringer im Zusammenhang mit Rindern, wie zum Beispiel in der Sage über die kolossale himmlische "Rote Kuh" im zehnten Gesang des finnischen Epos Kalevala (Verse 361 ff.):[24][25]

Eine Kuh dringt aus dem Feuer,
Golden strahlen ihre Hörner,
An der Stirn der Bär vom Himmel,
Auf dem Kopf das Rad der Sonne.

Stiere wurden im Altertum häufig in Abbildungen dargestellt, in denen Bezüge zu Gegenständen, Lebewesen oder Gottheiten zu erkennen sind. Im Alten Testament wir der Stier mit den Attributen Fruchtbarkeit, Macht, Kampf und Stärke in Verbindung gebracht.[26]

Hexagonaler Ring mit neunzehn jeweils um eine Radiuslänge überlappenden Kreisen.

Der Himmelsstier symbolisiert die Erschaffung des Himmels als Bringer aller Gestirne:

  • Sieben Wandelgestirne:
    • Ein zentrales Hauptgestirn (die Sonne).
    • Sechs weitere Wandelgestirne: der Mond und die fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.
  • Die Fixsterne repräsentiert durch den Zodiak mit seinen zwölf Lebewesenzeichen (Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische, Widder).

Dies sind insgesamt neunzehn Bestandteile. Ein symmetrischer hexagonaler Ring aus neunzehn gleichgroßen Kreisen ist wie folgt aufgebaut:

  • Sieben innenliegende Kreise:
    • Ein zentraler Kreis.
    • Sechs Kreise umgeben den zentralen Kreis gleichmäßig.
  • Je zwei Kreise liegen mit ihren Mittelpunkten gleichmäßig verteilt im äußeren Bereich auf den Umfängen der sechs mittleren Kreise; zusammen sind dies zwölf Kreise.

Der Göttervater Zeus näherte sich der Königstochter Europa als Stier. Auch in orientalischen Mythen taucht die Vorstellung des Himmelsstieres in der Form des Urstieres auf. Schon im uralten Gilgamesch-Epos wird der Himmelsstier erwähnt. Die sechste Tafel aus dem prähistorischen Mesopotamien beschreibt, wie der Göttervater An der Stadt Uruk den Himmelsstier ausgesendet hatte, um Gilgamesch zu bestrafen. In Uruk angelangt, richtete der Himmelsstier große Zerstörungen an und tötete hunderte von Männern.

Auch in der antiken Dichtkunst wurde auf den Himmelsstier Bezug genommen. Im griechischsprachigen Werk „Hoi Tēs Hērōikēs Poiēseōs Palaioi Poiētai Pantes“ (lateinische Übersetzung: „Poetae Graeci vete res carminis heroici scriptores, qui extant, omnes“, zu Deutsch: „Alle alten griechischen Poeten der heroischen Dichtkunst, die als Verfasser herausragen“) des Jacobus Lectius von 1606, also kurz vor der Erfindung des Fernrohrs, das die Möglichkeiten der Einblicke in den Nachthimmel revolutioniert hat, wird der Himmelsstier im ersten Buch der Dionysiaka (Διονυσιακά) des Nonnos von Panopolis noch direkt mit dem obersten römischen Gott Jupiter (respektive mit dem obersten griechischen Gott Zeus) in Verbindung gebracht:[33]

Iupiter taurus in caelo relatus
Iupiter maritus, surgens vero ad pedes agitatoris in caelo
sponsus stellatus fulgebat Taurus caeli.

Zu Deutsch:

Jupiter, der in den Himmel gebrachte Stier
Jupiter der Ehemann, sich wahrhaft erhebend zu Füßen des himmlischen Lenkers,
der gestirnte Bräutigam, leuchtete als Himmelsstier.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass sich der Asterismus Himmelsstier am Himmel direkt unter den beiden Füßen des Sternbilds Perseus befindet. Der Heroe Perseus ist in der griechischen Mythologie der Sohn des Zeus. Bei den Babyloniern hieß das Sternbild SU.GI zu Deutsch „Alter Mann“, was rein geometrisch gut zum Sternbild Perseus passen würde, es gibt jedoch auch die Deutung als der „Wagenlenker“ im angrenzenden Sternbild Fuhrmann (Auriga).[34] Wie auch immer, in beiden Fällen befindet sich der Himmelsstier zu Füßen des SU.GI.

Der himmlische Flussgott der griechischen Mythologie Acheloos soll sich während seines Kampfes mit Kontrahenten Herakles bei des Donners Brüllen in einen Stier gewandelt haben. In diesem Umfeld kann auch der kretische Minotaurus gesehen werden; ihm müssen in jedem Jahr sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen dargebracht werden, die als die sieben winterlichen Sonnen- und Mondwesen gelten.

→ Siehe hierzu auch: Die Höhlenmalerei in der Magura-Höhle / Dritte Station.

In keltischen Sagen steigt dieser aus himmlischen Wassern empor und mischt sich unter irdische Herden. Eine mongolische Sage erwähnt den himmlischen Stier Bucha Nojan als die gute Gottheit, die jegliches Erdenglück gespendet hat.[35]

Bei den persischen Parsen, die der Lehre des Zoroastrismus folgen, war der Stier das erste Geschöpf. Dieser wurde vom bösen Geist Ahriman erlegt, woraufhin aus dem Stierkörper der Mensch und die heilsame Pflanzenwelt hervorgingen. Der Urstier wird deswegen als Keim alles Guten angesehen, und es wird geglaubt, dass seine Seele im Himmel fortbesteht. Ahriman ist der Widersacher von Ormuzd (Ahura Mazda), der als Gottheit Licht, Tag und Leben geschaffen hat. Ahriman gilt dagegen als der Verursacher von Finsternis, Nacht und Tod, und ihm sind alle anderen bösen Geister untertan. Zu diesen schlechten Geschöpfen zählen auch die Schlangen.[36]

Der folgende Sachverhalt ist in diesem Kontext bemerkenswert: das Sternbild Stier (Taurus, heutige ekliptikale Längen 49 bis 90 Bogengrad) auf der einen Seite sowie die Sternbilder Schlange (Serpens) und Schlangenträger (Ophiuchus) auf der anderen Seite befinden sich in der Himmelssphäre zwischen Ekliptik und Himmelsäquator an gegenüberliegenden Stellen, so dass sich die ekliptikalen Längen um 180 Bogengrad beziehungsweise die Rektaszensionen um 12 Stunden unterschieden. Das Sternbild Schlange ist zweigeteilt in den Schlangenkopf (Serpens Caput, heutige ekliptikale Längen 216 bis 244 Bogengrad) und den Schlangenschwanz (Serpens Cauda, heutige ekliptikale Längen 260 bis 285 Bogengrad), die durch den Schlangenträger (Ophiuchus, heutige ekliptikale Längen 240 bis 283 Bogengrad) mittig unterbrochen werden.

Der Dualismus zweier Widersacher beziehungsweise zweier Gegenpole, die mit den beiden mythischen Gestalten des Stieres und der Schlange beziehungsweise mit den Attributen Licht, Finsternis oder Urflut in Verbindung gebracht werden können, taucht in erstaunlich vielen Traditionen auf.[37]

Zum Dualismus „Licht / Finsternis“
Kultur
Religion
Sprache Gottheit Widersacher
Vedisch Sanskrit Indra Vritra
Zoroastrismus Altiranisch Ahura Mazda Ahriman
Ägyptische Mythologie Altägyptisch Re Apophis
Judentum Hebräisch JHWH („Jahwe“) Satan
Griechische Mythologie Altgriechisch Zeus Ophion
Hinduismus Sanskrit Krishna Kaliya

Der Trichter der Thuraya[Bearbeiten]

Westlich des Goldenen Tors der Ekliptik gibt es nur weniger auffällige Sternbilder und Sterne. Die hellsten Sterne nördlich und südlich der Ekliptik bilden in Richtung Plejaden (arabisch Thuraya) eine Art Trichter (orangefarben), durch den alle sieben Wandelgestirne in das Goldene Tor der Ekliptik eintreten. Dies sind nördlich der Ekliptik die Sterne Hamal im Widder (Aries) sowie Algenib, Markab und Enif im Sternbild Pegasus, und südlich der Ekliptik die Sterne Menkar und Diphda im Sternbild Walfisch (Cetus) sowie Formalhaut im Sternbild Südlicher Fisch (Piscis Austrinus).

Die Beduinen kennen seit alters her das Sternbild Hände der Thuraya. Der Asterismus Thuraya ist die arabische Bezeichnung für die Plejaden beziehungsweise das Siebengestirn. Von diesem Asterismus gehen sowohl die beiden Arme der Thuraya als auch das Sternbild Lamm (al-hamal) aus.[38] Dieses Lamm und der vom Betrachter aus gesehen linke Arm sind gleichzeitig Bestandteile des Körpers und der Beine des Himmelsstiers. In der linken Schulter der Thuraya liegt das Goldene Tor der Ekiptik.

Der Rand des Trichters ist mit fallender ekliptikaler Länge und Rektaszension (Reihenfolge der Sichtbarkeit von Osten nach Westen) durch die folgenden hellen Himmelsobjekte markiert:

  • Offener Sternhaufen der Plejaden (Messier 45, M45) im Sternbild Stier (Taurus)
  • Nördlich der Ekliptik
    • Der hellste Stern Hamal (α Arietis) im Sternbild Widder (Aries)
    • Algenib (γ Pegasi) im Sternbild Pegasus
    • Markab (α Pegasi) im Sternbild Pegasus
    • Der hellste Stern Enif (ε Pegasi) im Sternbild Pegasus
  • Südlich der Ekliptik
    • Menkar (α Ceti) im Sternbild Walfisch (Cetus)
    • Der hellste Stern Diphda (β Ceti, auch Deneb Kaitos) im Sternbild Walfisch (Cetus)
    • Der mit Abstand hellste Stern Fomalhaut (α Piscis Austrini) im Sternbild Südlicher Fisch (Piscis Austrinus)

Bevor die sieben entlang der Ekliptik wandelnden Himmelskörper das Goldene Tor der Ekliptik im Sternbild Stier (Taurus) erreichen, durchlaufen sie in der Regel die Sternbilder Steinbock (Capricornus), Wassermann (Aquarius), Fische (Pisces) und schließlich Widder (Aries). In diesem Himmelsquadranten zwischen dem Stern Deneb Algedi (δ Capricorni), dem „Schwanz des Ziegenböckchens“ im Sternbild Steinbock, und dem Goldenen Tor der Ekliptik gibt es keinen einzigen ekliptiknahen Stern mit einer Größenklasse 3,5m oder heller. Lediglich die beiden Sterne Sadalmelik (α Aquarii) und Sadalsuud (β Aquarii) im Sternbild Wassermann erreichen die Größenklasse 3m, liegen mit einer nördlichen ekliptikalen Breite von 10,5 Bogengrad beziehungsweise 8,5 Bogengrad allerdings außerhalb der Bahnen der Wandelgestirne. Erst im Goldenen Tor der Ekliptik im Sternbild Stier (Taurus) übertreffen die Plejaden, die Hyaden sowie der Rote Riese Aldebaran (0,85m) diese Helligkeit, und zwar erheblich. Dies bedeutet, dass alle in diesem Himmelssegment in der Nähe der Ekliptik liegenden Fixsterne in der Helligkeit von mehreren hundert anderen Sternen des Nachthimmels sowie sehr deutlich von den sieben Wandelgestirnen übertroffen werden. Die sieben Wandelgestirne ziehen also aus einer dunklen und sternenarmen Himmelsregion, dem Trichter der Thuraya, quasi wie durch einen Trichter oder einen Schlauch zum Himmelsstier in das Goldene Tor der Ekliptik. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass das zentrale Mondhaus in der großen chinesischen Konstellation "Schwarze Schildkröte des Nordens" im chinesischen Mondkalender "Leere" genannt wird. Diese Konstellation erstreckt sich entlang der Ekliptik vom Sternbild Schütze (Sagittarius) über die Sternbilder Steinbock (Capricornus) und Wassermann (Aquarius) bis in das Sternbild Fische (Pisces) über einen ganzen Himmelsquadranten (90 Bogengrad), und das zentrale Mondhaus 虛 (Xū) befindet sich bei der ekliptikalen Länge der Sterne Deneb Algedi (δ Capricorni) und Sadalsuud (β Aquarii).

Mit dem beduinischen Sternbild Hände der Thuraya (grüne durchgezogene Linien, die Ekliptik ist als rot gepunktete Linie dargestellt). Die anatomischen Bestandteile von unten Mitte über die Plejaden (Thuraya) nach rechts oben: die amputierte Hand (al-kaf al-jadhma), Thuraya (die kleine Reichliche, ath-thuraya), das Schulterblatt (al-'atiq), die Schulter (al-mankib), der Oberarm (al-'adud), die Ellenbogenspitze (ibrat al-mirfaq), der Ellenbogen (al-mirfaq), die Ellenbogengrube (al-ma'bid), der Unterarm von Thuraya (dhira’ ath-thuraya), die Tätowierung des Handgelenks (washm al-mi'sam), die Henna-gefärbte Hand (al-kaf al-khadib).
Thuraya wird von den Beduinen auch als der fette Schwanz des Asterismus Lamm (al-hamal) interpretiert. Dies entspricht dem griechischen Sternbild Widder (Aries). Der Stern Hamal steht für die kleinen Hörner des Lammes.[13]
Der Arm der Thuraya mit der amputierten Hand und der Asterismus Lamm bilden zusammen einen Trichter, durch den alle Wandelgestirne auf der Ekliptik in das Goldene Tor der Ekliptik zwischen den beiden offenen Sternhaufen der Hyaden beim Stern Ain und der Plejaden eintreten.
Die Vorderseite der Stele vom Rocher des Doms.

Eine prähistorische Darstellung des Trichters der Thuraya könnte auf der Vorderseite der Stele vom Rocher des Doms zu sehen sein. Die beiden oben abgerundeten Pfeiler in der Ritzzeichnung würden in diesem Fall für die beiden Pfeiler des Goldenen Tors der Ekliptik stehen. Das große sternförmige Symbol repräsentiert ein helles Himmelsobjekt, namentlich die Sonne, den Mode oder eines der fünf weiteren freiäugig sichtbaren Wandelgestirne, das entlang der Ekliptiklinie regelmäßig durch diese beiden Pfeiler hindurchtritt.

Präzession und Nutation[Bearbeiten]

Befindet sich am rechten Ende der gepunkteten schwarzen Linie eine große Masse, dann ist die Gravitationskraft (rote Pfeile) auf die dieser Masse zugewandten Hälfte größer als auf die dieser Masse abgewandten Hälfte. Ist die rotierende Erdachse gegenüber dieser Linie zudem geneigt, ergibt sich ein Drehmoment, das in Richtung auf den Betrachter (senkrecht aus der Bildebene hinaus) die Achse entgegen dem Uhrzeigersinn aufrichten möchte. Durch das Gesetz des Drehimpulssatzes erfolgt daraufhin jedoch nicht die Aufrichtung der Achse, sondern eine andauernde kreisförmige Präzessionbewegung der Rotationsachse, bei der sich der Drehimpuls zeitlich stets in Richtung des jeweils wirkenden Drehmoments ändert.
Ein auf einer horizontalen i,j-Ebene schnell rotierender Kreisel erfährt eine langsame Präzessionsbewegung um die senkrechte k-Achse. Stimmt die Hauptträgheitsachse des rotierenden Körpers nicht exakt mit dessen Rotationsachse überein, kommt es gleichzeitig zu einer Nutation, bei der die Rotationsachse des Kreises kleinere Pendelbewegungen ausführt (schwarze Linie).

Im System des Himmelsäquators sind die Rektaszensionen und die Deklinationen aller Fixsterne einer stetigen Änderung unterworfen. Diese sind durch die Präzession der Erdrotationsachse bedingt. Alle großen Massen, insbesondere die der Sonne, aber auch die des Mondes und die der Planeten erzeugen auf der zugewandten Seite wegen der etwas größeren Nähe eine größere Gravitationskraft als auf der abgewandten Seite. Falls die Erdrotationsachse in Bezug auf die Verbindungslinie von Erdmittelpunkt und anziehender Masse geneigt ist, resultiert senkrecht zur Erdrotationsachse ein Drehmoment, das in Verbindung mit dem durch die tägliche Drehung verursachten Drehimpuls der Erdkugel die Präzessionsbewegung hervorruft. Hierbei kreist der Himmelspol innerhalb von knapp 26000 Jahren beziehungsweise innerhalb eines Platonischen Jahres einmal um den Pol der Ekliptik. Dieses Verhalten von sich drehenden rotationssymmetrischen Körpern kann beispielsweise auch bei Peitschenkreiseln beobachtet werden, deren Rotationsachse nicht lotrecht steht und die von Kindern gerne als Spielzeug benutzt werden.

Die Präzession bewirkt gleichzeitig das rückläufige Wandern von Frühlings- und Herbstpunkt innerhalb eines Platonischen Jahres entlang der Ekliptiklinie beziehungsweise der Lebewesenkreiszeichen (Zodiak).

Da das Trägheitsmoment der Erde wegen der inhomogenen Massenverteilung und der Verschiebungen der Massen im Innern der Erde zeitlich nicht konstant ist, kann die Präzession der Erdrotationsachse immer nur empirisch bestimmt werden. Der Hauptteil der jährlichen Lunisolarpräzession wird durch die Sonne und den Mond hervorgerufen, deren Abstände von der Erde wegen der elliptischen Umlaufbahnen jedoch ebenfalls nicht konstant sind. Da der Mond in Bezug auf die Ekliptik permanent seine ekliptikale Breite ändert und seine auf- und absteigenden Knoten dabei innerhalb des drakonitischen Zyklus von 18,6 Jahren einmal vollständig auf der Ekliptiklinie herumwandern, ergibt sich die am deutlichsten erkennbare Schwankung der Präzession mit exakt dieser Periode, die auch als astronomische Nutation bezeichnet wird. Weitere, aber kleinere Störeinflüsse beruhen auf den Gravitationskräften der Planeten.

Siehe auch Kapitel Mondzyklen / Abschnitt Der drakonitische Zyklus.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Robert David Stevick: The Forms of the Monasterevin-Type Discs, The Journal of the Royal Society of Antiquaries of Ireland, Band 136, Seiten 112 bis 140, 2006
  2. 2,0 2,1 Ernst von Bunsen: Die Plejaden und der Thierkreis oder: Das Geheimnis der Symbole, Verlag von Mitscher und Röstell, Berlin, 1879
  3. Ira Spar: The Origins of Writing, Heilbrunn Timeline of Art History, Essays, Department of Ancient Near Eastern Art, The Metropolitan Museum of Art, Oktober 2004
  4. Frank Ventura: L'astronomija f'Malta, Pubblikazzjonijiet Indipendenza, 2002, ISBN 9789993241287
  5. Wayne Horowitz, Alestine Andre, and Ingrid Kritsch: The Gwich’in Boy in the Moon and Babylonian Astronomy, Arctic Anthropology, Vol. 55, No. 1, pp. 91–104, Board of Regents of the University of Wisconsin System, 2018, ISSN 0066-6939
  6. Alasdair Livingstone: Mystical and Mythological Explanatory Works of Assyrian and Babylonian Scholars, Eisenbrauns, 2007, ISBN 9781575061337
  7. Carl Friedrich von Klöden: Der Sternenhimmel. Eine vollständige populäre Sternenkunde, mit besonderer Beziehung auf die grosse Sternwandkarte des Landes-Industrie-Comptoirs, Kapitel Anleitung zur Kenntnis der Sterne, Teil II In der Nacht vom 29. März, Abends 10 1/2 Uhr, Abschnitt b Aussicht nach Westen, Seite 93, Weimar, 1848
  8. Beda Venerabilis: De natura rerum - Kapitel 11 De stellis ("Über die Sterne"), Monumenta Informatik, Thalwil, Schweiz
  9. Gaius Plinius Secundus: Naturalis historia - Liber XVIII - Naturae frugum, Hochschule für angewandte Wissenschaften Augsburg
  10. Hermann Güntert: Indogermanisch und Semitisch, Kapitel V. Sprachliche Beziehungen der Indogermanen zu anderen Völkergruppen, in: Kultur und Sprache / Der Ursprung der Germanen, Seite 56, Carl Winter, Heidelberg, 1934
  11. Izak Cornelius: 4. Der Himmelsgott in der Religionsgeschichte von Israel und Juda, in: Himmelsgott, Deutsche Bibelgesellschaft, Februar 2011
  12. Matthias Albani: Der eine Gott und die himmlischen Heerscharen - Zur Begründung des Monotheismus bei Deuterojesaja im Horizont der Astralisierung des Gottesverständnisses im Alten Orient, Evangelische Verlagsanstalt, 2000, ISBN 3-374-01820-3
  13. 13,0 13,1 Danielle Adams: The Lamb - A folkloric celestial complex, Two Deserts, one sky - Arab Star Calendars, 2017
  14. Stierschädel mit Sternenbezug – Himmelswissen der Steinzeit älter als gedacht, scinexx, 1. Februar 2008
  15. Siehe Schlagwort "Aldebaran" in: Johann Heinrich Zedlers Grosses vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, 1731-1754, Spalte 1095
  16. Johann Elert Bode: Deutliche Anleitung zur Kenntniß des gestirnten Himmels, "Zum gemeinnützigen und beständigen Gebrauch", Seite 296, Dieterich Anton Harmsen, Hamburg, 1772
  17. Siehe auch Schlagwort „Aldebaran“ in: Johann Heinrich Zedlers Grosses vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, 1731-1754, Spalte 1095
  18. Damond Benningfield: Das rote Stierauge, Deutschlandfunk, 16. Januar 2000
  19. Psalm 18 (19), Verse 2 bis 7, Vulgata, Psalmi iuxta Hebraicum translatus
  20. Psalm 19, Verse 2 bis 7, Einheitsübersetzung (2016)
  21. Ernst von Bunsen: Die Überlieferung. Ihre Entstehung und Entwicklung, neuntes Kapitel "Früheste Astrologie", Seite 140, Fußnote 1), Friedrich Arnold Brockhaus, Leipzig, 1889
  22. Deuteronomium,, 20. Kapitel, Vers 4 (Einheitsübersetzung (2016): "Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde."
  23. 1. Buch der Könige, Kapitel 12, Verse 28 bis 30, Einheitsübersetzung (2016)
  24. Ernst Ludwig Rochholz: 4. Sturmthiere - 1) Gespenstische Dorfthiere, in: Naturmythen - Neue Schweizersagen, Verlag Benedictus Gotthelf Teubner, Leipzig, 1862
  25. Friedrich Leberecht Wilhelm Schwartz: Kapitel VI: Thierartige an die Sonne mit besonderer Berücksichtigung der Sonnenstrahlen sich anschließende Vorstellungen, in: Sonne, Mond und Sterne - ein Beitrag zur Mythologie und Culturgeschichte der Urzeit, Verlag Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung), 1864
  26. Klaus Koenen: 2. Stierbilder als Symbol von Macht und Stärke, in: Stierbilder, Deutsche Bibelgesellschaft, November 2009
  27. Gabriele Theuer: Mond, 2. Mondgottverehrung in Syrien-Palästina, 2.3. Der Mondgott bei den Aramäern – der Mondkult von Haran (Eisenzeit), WiBiLex, Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, Deutsche Bibelgesellschaft, April 2010
  28. Moritz Abraham Levy: Phönizische Studien - II. Backsteine, Gemmen und Siegel aus Mesopotamien mit phönizischer (altsemitischer) Schrift - B "Gemmen und Siegel" - Nummer 11, Seite 36 und 37, siehe auch Tafel 10, Band 2, Leuckart, Breslau, September 1857
  29. Charles-Tanguy Le Roux, Jean-Paul Gisserot, Philippe Laplace: Gavrinis, Editions Jean-Paul Gisserot, 1995, ISBN 9782877471459
  30. Charles-Tanguy Le Roux: A propos des fouilles de Gavrinis (Morbihan) : nouvelles données sur l'art mégalithique armoricain, Bulletin de la Société préhistorique française, 81-8, 1984, Seiten 240 bis 245
  31. Éric Gaumé: Cornes d'aurochs (supplique pour le réexamen d'une gravure néolithique de bovidé dans l'île morbihannaise de Gavrinis, Bretagne), Bulletin de la Société préhistorique française, 104-1, März 2007, Seiten 81 bis 88
  32. Jean-Pierre Mohen: Le menhir au taureau brisé de Gavrinis (Morbihan), in: Pierres vives de la préhistoire: Dolmens et menhirs, Odile Jacob, 2009, Seiten 133 ff, ISBN 9782738123077
  33. Jacobus Lectius: Hoi Tēs Hērōikēs Poiēseōs Palaioi Poiētai Pantes – 'Iupiter taurus in caelo relatus, 1606
  34. Ernst Friedrich Weidner: kakkab GAM,kakkab SU-GI und kakkab Lu-lim, in: Alter und Bedeutung der babylonischen Astronomie und Astrallehre nebst Studien über Fixsternhimmel und Kalender, Seite 49 ff., Hinrichs, Leipzig, 1914
  35. Wilhelm Schwartz: Der Ursprung der Mythologie dargelegt an der griechischen und deutschen Sage, Verlag Wilhelm Hertz, Bessersche Buchhandlung, Berlin, 1860
  36. Georg Weber: Arier und Iranier - II. Die Iranier, Meder und Perser, Allgemeine Weltgeschichte / Geschichte des Morgenlandes, zweite Auflage, Verlag Wilhelm Engelmann, Leipzig, 1882
  37. Ernst von Bunsen: Die Überlieferung. Ihre Entstehung und Entwicklung, neuntes Kapitel "Früheste Astrologie", Friedrich Arnold Brockhaus, Leipzig, 1889
  38. Danielle Adams: Thuraya, the Abundant Darling of the Heavens - The quintessential asterism, Two Deserts, one sky - Arab Star Calendars, 3 December 2015