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Psychologie: Einführung: Perspektiven

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Einführung

Einleitung | Alltagstheorie und wissenschaftliche Theorie | Gegenstand der Psychologie | Strömungen und Sichtweisen
Psychische Fähigkeiten | Psychische Funktionen | Psychische Kräfte | Die Kognition | Die Psyche als Einheit

 

Behavioristische Perspektive | Biologische Perspektive | Evolutionäre Perspektive | Gestaltspsychologie
Humanistische Perspektive | Kognitive Perspektive | Psychodynamische Perspektive | Systemische Perspektive

 

Strömungen und Sichtweisen (Perspektiven) der Psychologie

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In der Psychologie gibt es ganz unterschiedliche philosophische Auffassungen, wie die menschliche Psyche gesehen wird, und damit verbunden sind automatisch die unterschiedlichen Betrachtungsweisen, wie Erleben und Verhalten zustande kommt. Neben diesen unterschiedlichen Strömungen gibt es auch noch Sichtweisen auf die Psychologie. Diese Sichtweisen, wie zum Beispiel die evolutionäre Perspektive oder die systemische Perspektive vertreten nicht unbedingt besondere philosophische Auffassungen, aber versuchen, aus bestimmten Blickwinkeln auf die gesamte Psychologie zu schauen, und verwenden dabei schon vorhandene Theorien.

Ziel dieses Kapitels ist es die wichtigsten Strömungen und Sichtweisen, die es gibt, aufzuzeigen, damit man sich selbst einen groben Überblick machen kann. Strömungen und Sichtweisen werden hier der Einfachheit halber unter dem Begriff Perspektiven zusammengefasst.

Dabei ist wichtig zu wissen, dass alle Perspektiven etwas Wahres, beziehungsweise etwas Brauchbares enthalten und damit einzelne Teilaspekte der Psyche näher erklären können. Es gibt in der Psychologie genauso wenig eine große vereinheitlichte Theorie wie in der Physik, aber im Gegensatz zur Psychologie besteht in der Physik die Chance, in näherer Zukunft eine solche zu finden. Man kann aber nicht grundsätzlich ausschließen, dass die Neurobiologie irgendwann die wirkliche Natur der menschlichen Psyche ergründet, aber falls diese Möglichkeit besteht, wäre es bis dahin noch ein langer Weg.

Deshalb ist es gut, dass man heutzutage mit gewissen Theorien Verhalten, Erleben sowie die Beziehung zueinander in Modellen relativ gut erklären, sowie daraus wissenschaftliche Schlüsse sowie Therapien errichten kann. Nicht zuletzt hat die Psychologie auch sehr großen Einfluss auf die Pädagogik, und ist für sie sozusagen das, was die Mathematik für die Physik ist.

Die Auflistung ist rein alphabetisch bedingt und steht in keiner besonderen oder bevorzugenden Reihenfolge.

Behavioristische Perspektive

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Das Wort Behaviorismus kommt vom englischen behaviour - was man mit Verhalten übersetzen kann. Die behavioristische Perspektive ist das pure Gegenteil der kognitiven Perspektive. Aus dieser Sichtweise ergeben sich aus bestimmten Bedingungen bestimmte Verhaltensweisen, welche wiederum ganz bestimmte Konsequenzen haben. Eigentlich ist es ein ganz einfaches Muster:

Man nimmt an, dass nur Reize das Verhalten bestimmen. Diese lösen in unserem Nervensystem automatische Reflexe aus, die nicht bewusste Vorgänge sind. Auf die Reflexe folgt dann die eigentliche Reaktion auf diese Reize, welches zielgerichtetes Verhalten, also Handeln ist: Kurz zusammengefasst sieht das Schema so aus:

Reiz Reflex Reaktion

Diese Perspektive geht also nur von der Umwelt als verhaltensbestimmenden Faktor aus. In dieser psychologischen Richtung ist einzig das Verhalten (das beobachtbar ist), von Interesse. Das Erleben kann man nicht beobachten und wird als nicht wissenschaftlich erachtet.

Das Interessante dabei ist, dass vor allem Tiere damit erforscht wurden und werden. Mit diesen Tierversuchen entdeckte man die klassische und später die operante Konditionierung, welche hier kurz erläutert werden:

  • Klassische Konditionierung: In der klassischen Konditionierung wird der Reflex mit einem sekundärem Reiz ausgelöst. Das bedeutet, dass die reflexiven Verhaltensweisen, die bei gewissen Reizen automatisch auftreten, daraufhin trainiert werden, auch bei einem anderen alleinigen Reiz ausgelöst werden können. Das funktioniert, indem man zusätzlich zum primären Reiz, der den Reflex auslöst, gleichzeitig den sekundären Reiz gibt, und dies mehrmals hintereinander in kurzen Abständen wiederholt. Mit der Zeit wird der Reflex auch ausgelöst, wenn nur der sekundäre Reiz gegeben wird.


Beispiel: Die Hunde von Pawlow

Pawlow untersuchte das Verhalten von Hunden. Er stellte ihnen Futter hin, was bei den Hunden den Reflex der Speichelabsonderung auslöste. Gleichzeitig ließ er eine Glocke erklingen. Nach mehrmaligem wiederholen zeigten die Hunde auch Speichelabsonderung, wenn nur die Glocke ertönte. Vor dem Versuch taten sie das aber nicht: Wir sehen, dass eine klassische Konditionierung passiert sein muss. Nach gewisser Zeit ließ aber die Speichelabsonderung durch ertönen der Glocke nach, da die Hunde natürlich bald merkten, dass sie nicht mehr Futter bekamen, wenn die Glocke ertönte.

  • Operante Konditionierung: Bei dieser Konditionierung, die später entdeckt wurde, trainiert man nicht reflexive Verhaltensweisen. Das bedeutet, dass man keinen primären und sekundären Reiz benötigt, sondern nur einen Reiz, der eine bestimmte Verhaltensweise trainiert (konditioniert).


Beispiel: Stromschläge

Forscher steckten einmal Mäuse in einen Käfig mit zwei Futterquellen. Die eine war eine normale Futterquelle, bei der anderen bekam man jedesmal einen elektrischen Schlag ab, sobald man sie benutzen wollte. Die Mäuse lernten recht schnell, im Sinne des operanten Konditionierens, nur noch die neutrale Futterstelle zu benutzen.

Diese Konditionierungen existieren auch beim Menschen, wenn auch in sehr eingeschränktem Maße. Ansonsten laufen die ganzen Konditionierungen im Bereich der Verhaltensforschung der Biologie.

Biologische Perspektive

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In der biologischen Perspektive sind die genetische Veranlagung (das Erbgut) , das bioelektrische Nervensystem, sowie die biochemischen- und bioelektrischen Vorgänge im Gehirn verantwortlich für unser Verhalten. Damit nimmt sie zum Teil die behavioristische Idee auf, dass das Verhalten reine Reflexe und Reaktionen auf diese Reflexe sind.

Beispiel 1: Pupillenreflex

Wenn ein Tier oder ein Mensch aus dem Dunkeln ins Helle tritt, ziehen sich automatisch seine Pupillen zusammen. Dies ist ein bioelektrischer Reflex, der über das Nervensystem erfolgt.

In diesem Beispiel tritt ein reiner Reflex auf, wie ihn der Behaviorismus kennt. Ein Schema aus der Verhaltenskunde der Biologie lässt sich 1:1 anwenden auf diesen Fall. Dort wird nämlich der sogenannte Reflexbogen als Modell genommen. Er gilt auch für die behavioristische und die biologische Perspektiven in der Psychologie und ist folgendermaßen aufgebaut:

Wie gut zu erkennen ist, wirkt ein bestimmter Reiz (in diesem Fall das Licht der Sonne) auf ein Sinnesorgan (das Auge). Das Nervensystem (und nicht das Gehirn) verarbeitet die Information in Sekundenschnelle und gibt den Impuls, damit das ausführende Organ oder Reflexorgan (wiederum das Auge) die Pupille zusammenzieht. Ein weiteres Beispiel für einen Reflexbogen gibt das folgende Beispiel:

Beispiel 2: Hitzereflex

Fasst ein Kind auf eine heiße Herdplatte, zieht es den Arm reflexartig zurück (es sei denn, es steht unter Schock, das kann auch vorkommen). Auch dieser Reflex ist bioelektrisch.

Darüber hinaus werden aber die biochemischen Vorgänge im Gehirn nicht als reine Reflexe angesehen, sondern als physikalisch-chemische Prozesse des Denkens, welche das Verhalten auch verändern können (zum Beispiel Lernprozesse). Durch Denkvorgänge ist es auch möglich, Handlungen erst zu durchdenken, bevor man sie ausführt (verinnerlichtes Handeln). Verinnerlichtes Handeln hat man zum Beispiel auch bei Schimpansen beobachtet, jedoch beim Menschen ist dieses viel ausgeprägter.

Biologische Psychologie, Wesentliches aus eine Vorlesung der Universität Wien

Evolutionäre Perspektive

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Die evolutionäre Perspektive steht sehr nahe an der biologischen Perspektive. Sie ist aber eine Sichtweise und bedient sich auch bei der kognitiven Perspektive. Die evolutionäre Perspektive legt Wert auf die evolutionäre Entwicklung, und zwar in Bezug auf Darwins Evolutionslehre. Laut dieser hat sich der Mensch langsam aus primitiveren Organismen entwickelt, zuletzt aus dem Affen. In dieser Sichtweise sind Verhaltensmuster durch den langsamen Evolutionsprozess entstanden. Dieser nahm immer Rücksicht auf die jeweiligen Umweltbedingungen, an die sich der Mensch anpassen musste. Diese Anpassungen hatten bestimmte Verhaltensmuster zur Folge, welche an die Nachkommen weitergegeben wurden. Die Frage bleibt allerdings offen, ob dies durch Lernen oder das Erbgut geschah. Wahrscheinlich durch beides.

Beispiel: Aggressionsverhalten

In der evolutionären Perspektive gibt es eine Theorie, die aggressives Verhalten auf steinzeitliche Verhältnisse zurückführt. Sie besagt, dass wegen der damaligen Gruppierung in Clans Rivalitäten zwischen den einzelnen Clans herrschten, und dass bei der heutigen Lebensweise diese Rivalitäten zwar nicht mehr vorhanden sind, Aggressionen sich aber trotzdem erhalten haben.

Wer sich genauer informieren will, kann sich bei Wikipedia den Artikel  Evolutionäre Psychologie durchlesen.

Gestaltspsychologie

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Die Gestaltspsychologie ist eine relativ junge Entwicklung in der Psychologie. Sie nimmt an, dass man eine Person nur anhand aller ihrer Einzelteile nicht erfassen kann. Man muss immer die Gestalt als Ganzes, den Menschen als Ganzes aller Verhaltensweisen sehen, mit all ihren Teilen samt Verknüpfungen. Die Menschen haben jedoch im Allgemeinen die Tendenz, alle Einzelteile als Gestalt zu sehen und nicht die gesamte Gestalt an sich. Dazu eine Skizze:

  • Rechts sehen wir lediglich die Summe von 5 Verhaltensweisen
  • Links dagegen sehen wir mehr als die Summe, wir sehen das Ganze, genauso wie es die Gestaltspsychologie will


Analog dazu kann man folgende Beispiele betrachten:

Vergleichendes Beispiel 1: Bäume und Wald

Eine Gruppe von Bäumen wird im Allgemeinen nicht als Wald gesehen, wenn sie aber dicht zusammenstehen und sehr viele sind, werden sie sehr wohl als Wald angesehen.

Vergleichendes Beispiel 2: Der menschliche Körper

Der menschliche Körper besteht aus lauter Einzelteilen, die zusammengesehen aber nicht eine Person darstellen, sondern nur die einzelnen Teile repräsentieren. Die gesamte Person kann nur erfasst werden, wenn von der ganzen Person ausgegangen wird, welche die einzelnen Teile des Körpers zusammenhält und koordiniert.

Angewendet auf das Verhalten und Erleben sagt die Gestaltspsychologie folgendes aus: Wenn man verschiedene Verhaltensweisen einer Person beobachtet, kann man trotzdem nicht die Person als Gestalt erfassen. Erst wenn man die komplexen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Verhaltensweisen kennt, kann man die Person als Ganzes beurteilen. Das Erleben gehört auch in diese komplexen Zusammenhänge.

Humanistische Perspektive

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Die humanistische Perspektive hat ein sehr positives Menschenbild: Sie geht allgemein davon aus, dass der Mensch gut ist, er kommt quasi als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Der Mensch ist frei, und er strebt in dieser Strömung nach Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.

Triebe und Umwelteinflüsse spielen keine Rolle in Hinsicht auf das Verhalten und Erleben. Jene sind vielmehr auf ein Ziel hin ausgerichtet, dienen einem bestimmten Zweck. Vor allem interessiert sich die humanistische Psychologie für die Entstehung neuer Ansichten, Einstellungen und Wertorientierungen.

Das soll aber nicht heißen, dass man die humanistische Perspektive nicht ernst nehmen kann, denn Vorsicht ist beim ersten Blick geboten: Die Humanisten unter den Psychologen sind keine bloßen Optimisten, die nur das Gute im Menschen sehen und nicht an das Böse glauben - auch in Modellen von ihnen kann es zu Fehlentwicklungen kommen, die zum Beispiel zu Verbrechen führen.

Kognitive Perspektive

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Die kognitive Perspektive fasst den Menschen als ein selbständig denkendes, auch sich selber hinterfragendes Wesen auf. Sie interessiert sich vor allem für die geistigen Prozesse und die Wahrnehmung, also die Kognition (daher der Name, auf die Kognition wird später noch ausführlicher eingegangen).

Verhalten kommt hier zustande durch die subjektive Interpretation der jeweiligen Situationen, also das individuelle Erleben. Das bedeutet, dass jede Person aufgrund von bestimmten Rahmenbedingungen wie Werte die Reize aufnimmt, sie mit der bisher gesammelten Erfahrung vergleicht, reflektiert und Aufgrund dessen die Situation auf eine bestimmte Weise erlebt. Das Erleben und das Denken, wie man damit umgehen soll, bestimmen danach das Verhalten.

Psychodynamische Perspektive (Tiefenpsychologie)

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Die psychodynamische Perspektive wurde begründet von der Tiefenpsychologie und hat sich seither laufend weiterentwickelt. Vor etwa 100 Jahren von Sigmund Freud begründet, ist sie heute aktueller denn je. Weitere bekannte Vertreter sind Carl Gustav Jung oder Alfred Adler.

In der psychodynamischen Perspektive geht man davon aus, dass neben dem Bewussten ein Unterbewusstsein existiert. In diesem Unterbewusstsein existieren Triebe, welche befriedigt werden wollen. Das Verhalten kommt in dieser Sichtweise aufgrund der Triebbefriedigung zustande, aber auch aufgrund der Gesellschaft. Es existiert in dieser Perspektive ein Gleichgewicht zwischen den beiden Antriebskräften.

Das Unterbewusstsein funktioniert folgendermaßen: Es dringen Reize in das Bewusstsein ein und manchmal durchdringt so ein Reiz das Bewusstsein und dringt ins Unbewusste. Dort wird er abgespeichert und dringt meistens nicht mehr ins Bewusstsein hervor. Es kann aber sein, und zwar meistens im Traum, dass sich gespeicherte Reize im Unterbewusstsein vermischen und zusammen oder auch einzeln hervordringen. Träume können also auf unbewusste Inhalte hindeuten, und deshalb ist die Traumanalyse auch ein wichtiges Werkzeug der tiefenpsychologischen Psychotherapie.

Man geht davon aus, dass eine Bedeutung des Traumes eine Wunscherfüllung ist, das heißt, man wünscht sich das, was man träumt. Dabei gilt aber nicht das Offensichtliche, was man träumt: das ist bloß die vordergründige Story (manifester Trauminhalt). Der wirkliche Wunsch ist subtil in den Traum eingefügt, und zwar symbolisch (unbewusster, latenter Trauminhalt). Dabei muss man den Traum immer im Kontext mit dem jeweiligen Umfeld des Träumenden deuten, da die unbewussten Inhalte nur von dort stammen können.

Träume können allerdings auch auf traumatische Erlebnisse hinweisen, zum Beispiel auf sexuellen Missbrauch im Kindesalter. Solch eine schlimme Erinnerung kann sich tief ins Unterbewusstsein eingraben.

Systemische Perspektive

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Unter systemischer Perspektive laufen ganz unterschiedliche Theorien. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie vor allem die Wechselwirkung des Menschen mit seiner Umwelt betrachten. Je nach dem, in welcher Umwelt sich die Person gerade befindet, wird sein Erleben und Verhalten unterschiedlich beeinflusst.

Hier sehen wir anschaulich, was man damit meint: Eine jugendliche Person hat in der Schule, bei seiner Familie oder im Verein unterschiedliche Verhaltensweisen X, aber auch gemeinsame Verhaltensweisen, die sich in den Schnittmengen befinden.

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