Soziologische Klassiker/ Boudon, Raymond

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Grundstruktur des Kapitels:


Biographie in Daten[Bearbeiten]

Boudon, Raymond

  • geboren am 27. Jänner 1934 in Paris


Familie:
Eltern: keine Daten vorhanden
Familie: 1961 heiratete er die aus Bayern stammende Rosemarie Riessner.


Karriere:
Boudon hat die Oberstufe in den besten Gymnasien, Condorcet und Louis le Grand besucht. Später geht er auf eine lehrerbildende Hochanstalt, die er 1958 mit der Berechtigung Philosophie zu unterrichten abschließt.

  • 1985-1960 Mitarbeit bei der CERPA (Dienst psychologischer Forschungsarbeiten der französischen Armee).
  • 1961-1962 ist er mit einem Stipendium der Ford-Gründung an Université de Columbia in New York.
  • 1962 tritt er dem CNRS (nationales Zentrum der wissenschaftlichen Forschung) bei. Von dem er 1963 als Dozent in Bordeaux eingesetzt wird.
  • 1964-1965 hält er sich in Harvard auf.
  • 1967 wird er an der Sorbonne zum Professor ernannt.

Raymond Boudon lehrte an zahlreichen ausländischen Universitäten, insbesondere in: Genf (1971-1995), Chicago, Columbia, Florenz, Harvard, Quebec, Lissabon, Mailand, Montreal, Moskau, Oxford, Sankt Petersburgin, Santiago, Sao Pauloach, Stockholm, Hongkong.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Boudon leistete während des Algerienkrieges (1954-1962) seinen Wehrdienst und bekam daduch die Möglichkeit sich von 1958-1960 an der Arbeit der CERPA (Dienst psychologischer Forschungsarbeiten der französischen Armee)zu beteiligen. Ein anderes, prägendes Ereignis im Bezug auf den Krieg, bekam er von seiner Frau vermittelt, deren Familie 1945, als sie selbst noch ein Kind war, sich weigerte den eigenen Grund und Boden zu verlassen, um diesen der sowjetischen roten Armee Rußlands zu überlassen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Boudons handlungstheoretisches Konzept basiert auf den Vorarbeiten älterer Klassiker wie Pareto, Durkheim und Marx, aber auch auf neueren Beiträgen, wie etwa jene von Parsons, Merton, Lazarsfeld und Homans. Boudons betrachtet sowohl dynamische als auch statische Aspekte. Seine Unterscheidung in "soziologisch orientiert" und "ökologisch orientiert" kann parallel zu Max Webers Unterscheidung zwischen "wertrational" und "zweckrational" gesehen werden.


Werke[Bearbeiten]

  • La Logique du Social, 1978, Librairie Hachette, Paris
  • L'Inégalité des chances, Paris, Armand Colin, 1973 (publication poche : Hachette, Pluriel, 1985).
  • Effets pervers et ordre social, Paris, PUF, 1977 (en poche : Quadrige, 1993).
  • La Logique du social, Paris, Hachette, 1979 (en poche : Hachette, Pluriel, 1983).
  • Dictionnaire critique de la sociologie, (avec F. Bourricaud), Paris, PUF, 1982.
  • La Place du désordre. Critique des théories du changement social, Paris, PUF, 1984 (en poche : Quadrige, 1991).
  • L'Idéologie, ou l'origine des idées reçues. Paris, Fayard, 1986 (en poche : Seuil/Points, 1992).
  • L'Art de se persuader, des idées douteuses, fragiles ou fausses, Paris, Fayard, 1990 (en poche : Seuil/Points).
  • Le Juste et le Vrai : études sur l'objectivité des valeurs et de la connaissance, Paris, Fayard, 1995.
  • Le Sens des valeurs, PUF, 1999.
  • L'Explication des normes sociales, coéd. avec P. Demeulenaere et R. Viale, Paris, PUF, 2001.
  • (avec Robert Leroux), "Y a-t-il encore une sociologie", Paris, Odile Jacob, 2003.
  • Tocqueville aujourd'hui, Odile Jacob, 2005
  • Pourquoi les intellectuels n'aiment pas le libéralisme, Odile Jacob, 2004. 252 pages. ISBN 273811398 (Ouvrage tiré d'une conférence donnée en 2003 à l'invitation du parti libéral suisse).
  • Renouveler la démocratie. Éloge du sens commun, Odile Jacob, 2006


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Die Logik des gesellschaftlichen Handelns[Bearbeiten]

Boudon geht bei seinem Konzept von Paretos Idee aus, dass nicht-logisch orientierte Handlungen von einer soziologisch orientierten Wissenschaft untersucht werden, logische orientierte Handlungen dagegen von ökonomisch orientierter Wissenschaft. Analog dazu ist, so Boudon, auch Webers Unterscheidung in Zweckrationalität und Wertrationalität zu sehen. Um jedoch diesen Dualismus zwischen logisch und nicht-logisch zu überwinden stellt Boudon folgende drei Thesen auf:

  1. Jene Phänomene, die Soziologen interessieren, lassen sich durch den Aufbau des Interaktionssystems erklären, in dem sie stattfinden.
  2. Erst wenn die Verhaltensweisen eines Individuums als zweckrational verstanden werden, lässt sich ein Kausalzusammenhang zwischen den Eigenschaften des Interaktionssystems und dem Verhalten des Individuums erklären.
  3. Um individuelle Handlungen zu erklären, muss die Soziologie komplexe Analyseschemata anwenden, die über eine einfache Unterscheidung in Kosten und Nutzen hinausgehen.

Die erste These greift zurück auf den methodologischen Individualismus, hinter dem das Postulat steckt, dass Erklärungen in der Soziologie nur durch Rückgriff auf die jeweiligen Akteure und deren Interaktionssystem gefunden werden können. Boudon unterscheidet bei der Betrachtung des Interaktionssystems aber auch zwischen Interaktionen funktionaler und Interaktionen interdependenter Art. Bei der funktionalen Art ist es notwenig, dass die Person eine Rolle innehat, die ein Charakteristikum für ein Bündel an Normen darstellt. Ein Beispiel dafür ist eine Frau, die die Rolle der Familienmutter hat und ihre Handlungen in Beziehung zu dieser Rolle setzt. Wenn Handlungen aber nicht direkt mit einer Rolle im Zusammenhang stehen, beizeichnet Boudon diese Interaktionen als interdependent.

Die zweite These befasst sich damit, dass Individuen zielorientiert handeln. Diese Zielorientierung wird durch ein Abwägen von Kosten und Nutzen gefunden. Das Interessante ist aber, dass es in einem Interdependenzsystem auch immer nicht-intendierte Folgen gibt, die von absichtlichen Handlungen herrühren. Diese Folgen, die Boudon auch als „Emergenzeffekte“ bezeichnet werden, wirken sich auf die Makroebene aus. Ein gutes Beispiel hierfür ist, wenn viele Leute bei ihrer Bank, die in Insolvenzverdacht steht, ihr gesamtes Guthaben abheben und somit als Summe ihrer Handlungen eine nicht-intendierte Insolvenz auslösen. Diese Effekte müssen sich aber nicht wie im obigen Beispiel immer negativ auswirken, sie können genauso auch positiv oder neutral sein. Weiters müssen die Effekte auch nicht immer sofort auftreten, sondern können auch verzögert sein.

Durch die nicht-intendierten Folgen absichtlichen Handelns wird auch Boudons dritte These unterstützt, die besagt, dass komplexe Sachverhalte nicht nur nach ihren zweckrationalen Entscheidungen analysiert werden können. Boudons handlungstheoretisches Konzept beschränkt sich aber nicht nur auf statische Prozesse. Vielmehr wird beschrieben, dass sozialer Wandel sich durch das Ergebnis aus individuellen Handlungen zu allgemeinen Strukturen konkretisiert. All die dynamischen Variablen sind Teil der globalen Kategorie Umwelt. Für Boudon sind das vor allem institutionelle Gegebenheiten historischer als auch ökonomischer Art, die gleichzeitig den Rahmen für das Interdependenzsystem bzw. Interaktionssystem der Akteure darstellen. Nach diesem Konzept handeln Individuen also auf Grund bestimmter Bedingungen, die in ihrer Umwelt herrschen.

Ein Kritikpunkt an Boudons Position ist, dass er von einer "untersozialisierten" Akteurskonzeption ausgeht. Weiter beleuchtet er den Stellenwert von individuellen Netzwerken nicht systematisch genug. Auch wird ihm zu Lasten gelegt, dass sowohl die individuelle Motivation als auch die historische Prägung der Individuen unberücksichtigt lässt.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Gemeinsam mit Pierre Bourdieu, Edgar Morin und Alain Touraine gehört Boudon zu den wenigen zeitgenößischen französischen Soziologen, die internationale Anerkennung genießen; und dies obwohl seine Vorstellung einer liberalen Welt im Kontrast zu diversen sozialistischen Visionen in Frankreich standen und mitunter immer noch stehen. Damit hat Boudon eine besondere Stellung in der französischen Soziologie. Obwohl er darüber hinaus, als ein herausragender Vertreter des methodologischen Individualismus, international bekannt geworden ist, wurde seit Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs von Rowohlt (1988) kein einziges Werk mehr herausgegeben. Boudon steht somit nach wie vor im Schatten anderer Soziologen, zumindest im Bezug auf gesellschaftliche Debatten. In dem 2003 erschienenen Interviewband, gibt Boudon Auskunft über seinen Bildungsweg, die Grundlagen des methodologischen Individualismus, über die großen Soziologen u.v.m. Eines der 8 enthaltenen Interviews ist gratis einsehbar unter: Y a-t-il encore une sociologie?.


Literatur[Bearbeiten]

  • Oesterdiekhoff, Georg W. [Hrsg.] (2001):
    "Boudon, Raymond. In: Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden
  • Reinecke, Jost (2001):
    "Boudon, Raymond. In: Papcke, Sven / Oesterdiekhoff, Georg W. [Hrsg.]: Schlüsselwerke der Soziologie"
    Wiesbaden, S. 54-56.


Internetquellen[Bearbeiten]