Soziologische Klassiker/ Brain Drain/ Kritische Theorie

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Anfang und Genese[Bearbeiten]

In den 20er Jahren der Nachkriegszeit in Europa entwickelte sich neben der Handlungstheorie und der Systemtheorie -als Pendant zur Mikro- und Makrosoziologie- ein dritter Weg, die „Kritische Theorie“, mit dem nach dem "Zweiten Weltkrieg" verwendeten Pseudonym „Frankfurter Schule“. Grundlage waren marxistische Studien und trotz der gescheiterten Revolutionen in Deutschland und Russland, sowohl den Wirren der Nachkriegszeit des „Ersten Weltkriegs“, ging der Weg zurück zu Marx. Aufgrund der damaligen Zeitgeschichte herrschte eine bürgerlich-wissenschaftlich Abneigung der etablierten Soziologie gegenüber einer marxistischen Orientierung. Demnach etablierten sich die Anfänge in spontanen „freischwebenden“ Studentengruppen. Eine der bekanntesten war der Horkheimer-Kreis, der sich 1922 zum ersten Mal traf. 1923 ging daraus die Stiftung des "Instituts für Sozialforschung" hervor, die sich schließlich 1924 an der Frankfurter Universität institutionalisierte.

Trotz der ablehnenden Haltung des Frankfurter Bürgertums und wegen der durchwegs großbürgerlichen Herkunft der Studenten des Horkheimer-Kreises, konnte sich dieser neue verpönte Denkansatz als Alternative durchsetzen. Der Fokus in der marxistischen „Kritischen Theorie“ war die Frage, wieso es der Arbeiterschaft nicht möglich war, sich der Ausbeutung durch den Kapitalismus zu erwehren. 1930 wurde schließlich Max Horkheimer (1875 - 1973) Direktor in Frankfurt am "Institut für Sozialforschung" und gab der marxistischen Denkweise eine neue interdisziplinäre sozialphilosophische Denkweise, vermied damals in Europa aufgrund der politischen Situation jedoch das Wort „Klasse“. Erst durch diese Berufung Horkheimers bekam das Institut ansehliches Profil. Aufgrund des ihm 1931 ins Leben gerufenen Programms des interdisziplinären Materialismus, wo er eine andauernde Arbeitsgemeinschaft von Intellektuellen aus den verschiedensten Disziplinen einlud wurde schließlich ein universalistischer ganzheitlicher Ansatz ins Leben gerufen. Dieses Programm wurde in der von Horkheimer herausgegebenen "Zeitschrift für Sozialforschung" in den Jahren 1931 bis 1941 veröffentlicht.[1],[2], [3]

Emigration und Exil[Bearbeiten]

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 änderte sich die Situation für den Horkheimer-Kreis des Instituts für Sozialwissenschaften sowie jüdischen Sozialwissenschaftlern spontan. Dabei ist das Wort Emigration kritisch betrachtet dispositioniert, da es ein gewisses Maß an Freiwilligkeit suggeriert und beispielsweise im Fall von Norbert Elias, der Deutschland innerhalb eines Tages mit lediglich einer Reisetasche und einer Schreibmaschine verlassen musste, nicht zutreffend scheint.

Tatsache ist auch, dass die Bedrohung durch den Nationalsozialismus und dessen Konsequenzen nicht ernst genug genommen wurde. Beispielhaft wäre hier Theodor W. Adorno ein späterer Protagonist der "Frankfurter Schule", zu erwähnen. Adorno und Max Horkheimer lernten sich bereits 1922 in einem Seminar ihres Doktorvaters Hans Cornelius in Frankfurt kennen, Adorno wurde aber erst 1938 auf der Flucht ein richtiges Mitglied des "Instituts für Sozialforschung". Ein Grund war, dass Adorno wie erwähnt den Nationalsozialismus unterschätze und sogar nach der Machtergreifung - zwar in der Kritik den Umständen angepasst - nicht ins Exil ging, sondern sich als Musikkritiker durchzuschlagen. 1934 erkannte er schließlich doch den Ernst der Lage und floh über England - damals neben Paris Dreh und Angelpunkt für Emigranten - in die USA. Nur bei praktisch orientierten Personen, wie Friedrich Pollock der genug Erfahrung mit Administration in der Wissenschaft zu tun hatte, dämmerte eine böse Vorahnung und es wurden rechtzeitig Gelder - vorzüglich in die Schweiz - transferiert was eine Fortführung des Instituts im Ausland ermöglichte.

Das Institut selbst wurde von der SA besetzt und bestand lediglich ca. nur mehr sechs Wochen nach der Machtübernahme, es wurde am 13.März geschlossen. Diese Entwicklung setzte sich später auch an anderen Universitäten in Deutschland und Österreich fort. Durch das Gesetz "Zur Wiederherstellung des Berufbeamtentums" wurden Beamte aus rassistischen oder politischen Gründen trangsaliert und entlassen. So kehrte sich Alfred Weber klar vom Nationalismus ab und verbot das Hissen der Hakenkreuzflaggen auf seinem Institut, wurde dafür aber promt in die vorzeitige Pensionierung gezwungen. Leopold von Wiese musste seine "Kölner Vierteljahresschrift für Soziologie" einstellen, er sagte später aus, er hätte sich nicht gängeln lassen, schweigen sei würdiger gewesen. Von Wieses Einfluss auf die Soziologie wurde durch den Nationalsozialismus stark beschnitten und nach dem Kriege versuchte er sich mit der nordamerikanisch orientierten Sozialforschung und der augkommenden Systemtheorie durch Hilfe seiner Beziehungslehre zu messen, wurde aber 1950 emeritiert.

Die Horkheimers machten sich indessen über Genf und Paris auf die Flucht und 1934 erfuhr die „Kritische Theorie“ eine neue Heimat in den USA, an der „New York University“, wo alsbald die „New School for Social Research“ – bestehend bis heute als Ort der kritischen Theorie - gegründet wurde.

1936 erschien in Paris ein umfangreicher Band mit dem Titel „Studien über Autorität und Familie“. Es sind die zusammengefassten und vielfältigen Forschungsansätze der Frankfurter Schule, besonders mit den Forschungsberichten und Grundsatzartikeln von Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Erich Fromm. Die Hauptaussage darin lautet, dass durch die Familie im Allgemeinen und durch die Autorität des Vaters in der hochkomplexen Industriegesellschaft und daraus abgeleitet der Autorität der Ökonomie im Speziellen, kapitalistische Herrschaftssysteme reproduziert werden. Horkheimer nennt dies ein Existenzurteil.[4], [5],[6]

Theoretisches Wirken im neuen Umfeld[Bearbeiten]

In New York angekommen führte Max Horkheimer die Tradition der Frankfurter Schule, insbesondere die „Zeitschrift für Sozialforschung“ fort. Darin erschien 1937 Max Horkheimers Aufsatz „Von der traditionellen zur kritischen Theorie“. Gegen die Meinung vieler der damaligen Zeit wird darin die Botschaft publiziert, dass wissenschaftliche Aussagen immer auch gesellschaftliche Tatsachen sind, soll heißen, Theorien haben immer auch eine Form von gesellschaftlicher Praxis und spricht sich somit gegen das Postulat der Werturteilsfreiheit von Max Weber aus. Aufgrund der engen Verbindung zwischen Sigmund Freuds Psychoanalyse und marxscher Gesellschaftskritik wird die "Kritische Theorie" im angloamerikanischen Sprachraum auch als "Freudomarxismus" bezeichnet. Horkheimer greift in seinem Aufsatz weiters die Geschichtsinterpretation von Karl Marx auf und sympathisiert mit dessen Marxismus. Nun nach vielen Jahren seiner Gründung und einem Leben im Exil spricht der Horkheimer Kreis erstmals offen über eine Klassenanalyse bzw. über ein Klassenbewusstsein. Aus Angst vor dem Nationalsozialistischen Terrors hatte Horkheimer 1931 bei seiner Antrittsrede als Direktor des "Institutes für Sozialforschung" noch darauf verzichtet, aus Rücksichtnahme bezüglich der Universität, auf das damals sensible Bürgertum in Frankfurt und aus Angst vor Komplikationen mit seinen Geldgebern und Sponsoren. Was sich also schon in Frankfurt latent ankündigte, nahm nun unter vorteilhafteren Bedingungen schärfere und klarere Züge an, die "Kritische Theorie" erfuhr kam durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus einen Aufschwung. Viele Studenten des Hormheimer-Kreises wollten rationale Erklärungen für die unbegreiflichen Geschehnisse zwischen 1933 und 1945. Mit der Rezeption der historisch – materialistischen Geschichtsauffassung von Karl Marx verwirft Horkheimer die unzähligen Versuche, Soziologie als eine relative autonome Einzeldisziplin zu verstehen und widmet sich einem universalistischen gesamtheitlicheren Ansatz. Der entscheidende Unterschied zu Marx liegt in Horkheimers Auffassung in einem anderen Verhältnis von Basis und Überbau und zwar geht die „Kritische Theorie“ von einer Wechselwirkung beider aus. Im Gegensatz zu Max Horkheimer und Theodor W. Adorno blieb Herbert Marcuse Anfang der 50er Jahre in den USA und äußerte sich dort bestimmt und energisch in der Öffentlichkeit über den Zusammenhang von kapitalistischen Produktionsmethoden und den Folgen für das alltägliche Leben. Er nahm die Arbeiterschaft aufgrund ihres befriedenden zugeteilten Wohlstands aus dem revolutionären Potential heraus und sah die neue Hoffnung in den freischwebenden Kräften der Außenseiter, also Studenten, Intellektuelle bis hin zu den Außenseitern der Slums. Nur darin – dokumentiert in seinen Büchern „Der eindimensionale Mensch“ und „Triebstruktur und Gesellschaft“ – sieht er die Hoffnungsträger für gesellschaftliche emanzipierte Entwicklung und somit gilt dieses Element der „Kritischen Theorie“ auch als „Material“ bzw. als Wegweiser für die studentischen Aktionsgruppen in den 1960er Jahren, als auch den damalig aufkeimenden Bürgerinitiativen.[7],[8]

Wirkungsgeschichte der Theorie – Rückkehr nach Europa[Bearbeiten]

  • Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verließen schließlich in den 50er Jahren die USA und kehrten nach Westdeutschland zurück. Ihr Entsetzen über den Nationalsozialismus sowie über das Schicksal der Intellektuellen äußerte sich in vehementen Pessimismus. Sie waren geprägt vom Holocaust und sahen darin, die „Wirklichkeit als Hölle“ in Bezug auf Max Weber stahlhartem Gehäuse. Des Weiteren fanden sich beide Anfang der 50er Jahre aufgrund der gegenwärtigen Umstände in einer antikommunistischen Gesellschaft wieder. Somit hielten sie sich in ihren marxistischen Denkansätzen vorerst zurück. Trotzdem führten sie in den späten 50er und Anfang der 60er Jahren eine akademische Linke fort. In den 1950er Jahren kam es durch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zu einer Neugründung des "Instituts für Sozialforschung" (IfS) an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.Somit werden Horkheimer und Adorno – ähnlich wie Herbert Marcuse in den USA – in Europa als Vorreiter der Studentenbewegung der 60er Jahre gesehen, denn ihr Einfluss bei den kritischen Intellektuellen war groß. So waren sie es, die unter Wenigen den gängigen Fortschrittsglauben eines westlichen Wohlfahrtsstaates der damaligen Zeit hinterfragten und gegen die Vorstellung, es sei die Beste aller Welten arbeiteten. Diese Ansicht war noch immer geprägt von den Nachwehen des Holocaust. Horkheimers kritische frühe Schriften musste man sich jedoch zu jener Zeit aufgrund seiner oppositionellen Haltung als Raubdruck oder private Kopie organisieren.
  • Jürgen Habermas (geb. 1929) übernahm schließlich die Tradition der „Kritischen Theorie“ und führte sie bis heute fort und dies obwohl seine erste Arbeit am Institut für Sozialforschung in Frankfurt mit dem Titel „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gerade vom „Urvater“ der „Kritischen Theorie“ Max Horkheimer nicht akzeptiert wurde. Habermas richtete sich schließlich in Marburg an Wolfgang Abendroth. Die "Kritische Theorie" von Horkheimer und Adorno und anderen wird als "Ältere kritische Theorie" getitelt, die "Jüngere kritische Theorie" die ihren Höhepunkt in der 68er Bewegung erfuhr, wurde hauptsächlich Jürgen Habermas zugeschrieben. Er plädiert auf die Vernunftbezogenheit der Diskussion über die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule unter Berücksichtigung weltlicher und historischer Theorien. Dies führte er weiter über den herrschaftsfreien Diskurs und dessen aufklärerischen Potenz und gibt somit der Sprache eine zentrale Bedeutung. An diesem Punkt kommt er in Berührung mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann und kritisiert diese, indem Habermas in Bedacht auf den herrschaftsfreien Diskurses, Luhmann`s Ansatz des kommunikativen sinnhaften Handelns Entpolitisierung und Herrschaftslegitimisierung bestehender Systeme und deren Autopoesis vorwirft. Habermas vertritt somit eine klare Position hinsichtlich der Emanzipation des Menschen.

Vertreter (alphabetisch)[Bearbeiten]


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Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Korte (2004a), Seite 82ff
  2. Vgl. o.A. Artikel "Kritische Theorie" in Wikipedia: Kritische Theorie
  3. Vgl. Kaesler (2003), Seite 630
  4. Vgl. Korte (2004a), Seite 83ff
  5. Vgl. Korte (2004b), Seite 129, 120ff, 134ff
  6. Vgl. Kaesler (2003), Seite 630
  7. Vgl. Korte (2004a), Seite 84ff
  8. Vgl. o.A. Artikel "Kritische Theorie" in Wikipedia: Kritische Theorie
  9. Vgl. Korte (2004a), Seite 91ff
  10. Vgl. o.A. Artikel "Kritische Theorie" in Wikipedia: Kritische Theorie