Latein/ Übersetzen

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Um einen Text von einer Sprache in eine andere zu übersetzen, reicht es nicht, einfach nur eine Grammatik und ein Wörterbuch zu haben. Man sagt zwar, „die Wörter sind wie Ziegel und die Grammatik wie Mörtel“, aber deswegen weiß man noch lange nicht, wie man „mauert“.

Schema der Übersetzung von einer Sprache in eine andere

In Anlehnung an diesen Spruch kann man aber wirklich systematisch an die Übersetzung eines Satzes heran gehen. In der folgenden Grafik soll das verdeutlicht werden. Auf jedem Level (Stufe) muss man sich dabei andere Fragen stellen; es kann durchaus vorkommen, dass man erst zu mehreren verschiedenen Möglichkeiten kommt. Diese Möglichkeiten hält man sich offen, bis man weitere Informationen gewonnen hat, um die falschen Möglichkeiten später ausschließen zu können. Daher ist es wichtig, möglichst viele grammatische Phänomene (wie A.c.I., Abl. abs. usw.) zu kennen, damit man sie im Text auch erkennt. So kommt im Laufe der Zeit zum Wissen auch die Erfahrung, wie man Texte übersetzt.

Stufe 1: Wortebene
Auf dieser Stufe hat man es mit den einzelnen Wörtern zu tun und muss sich fragen: welche Wörter liegen vor und in welcher Form (Kasus, Tempus usw.)?
Stufe 2: Satzteilebene
Auf dieser Stufe versucht man, Zusammenhänge zwischen den einzelnen Wörtern herzustellen. Hier helfen grammatische Phänomene wie die KNG-Beziehung, Participium coniunctum, die Apposition usw. Man muss sich fragen: welche Wörter gehören zusammen?
Stufe 3: Satzebene
Hier verlässt man endgültig die Formenlehre und arbeitet mit den Begriffen der Satzlehre: man sucht das Prädikat, das Subjekt und (wenn vorhanden) das Objekt des Satzes. Die Stellung von Wörtern oder ganzen Wortgruppen kann von Sprache zu Sprache viel aussagen (z.B. ob es sich um einen Aussagesatz oder einen Fragesatz handelt). Sätze verlangen normalerweise bestimmte Satzteile, und so kann man die Wörter bzw. Wortgruppen im Satz ordnen. Andere Wortgruppen entpuppen sich dann als bestimmte Ergänzungen (z.B. präpositionale Ausdrücke). Langsam sollten alle nicht eindeutig beantworteten Fragen aus den niedrigeren Ebenen klar werden (z.B. ein nicht eindeutiger Kasus oder eine unklare Wortart).
Stufe 4: Kontextebene
Wenn man mehr als einen Satz hat, bilden diese Sätze meist einen zusammenhängenden Sinn. Nachfolgende Sätze beziehen sich auf vorher Genanntes, und so erklären sich solche Phänomene wie der relativische Anschluss. Manche Begriffe werden nur noch durch Pronomen wiederholt.

Hat man auf diese Weise den Aufbau und den Sinn eines Satzes in seiner Quellsprache verstanden, kann man ihn in der Zielsprache umgekehrt aufbauen: man konstruiert ein passendes Satzgefüge, sucht nach entsprechenden (Ersatz-)Konstruktionen und muss schließlich die Wörter übersetzen und konjugieren bzw. deklinieren.

Beispiele[Bearbeiten]

Einfaches Beispiel[Bearbeiten]

Rosas florere video.

Dies ist ein einfacher Satz, der öfters in Grammatiken vorkommt. Wenn man ihn sich systematisch vornimmt, kommt man zu folgenden Ergebnissen:

  • Wortebene:
    • rosas ist eindeutig der Akk. Pl. von rosa ( = „die Rose“): „die Rosen“.
    • florere ist ein Inf. Präs. Akt. und bedeutet „blühen“. In vielen Wörterbüchern werden aber nicht die Infinitivformen aufgeführt, sondern die Verben stehen in der Form 1. Pers. Sg. Präs. Ind. Akt. (dort fände man den Eintrag floreo).
    • video ist eine Form von videre: es kann nur die 1. Pers. Sg. Präs. Ind. Akt. sein, also bedeutet das Wort: „ich sehe“.
  • Satzteilebene:
    • rosas steht alleine.
    • florere und video sind beides Verben, doch nur video ist eine konjugierte Form. Diese beiden Wörter können nicht zusammen gehören. Sie sind auch nicht durch irgendeine Konjunktion verbunden.
  • Satzebene:
    • rosas ist offensichtlich das einzige Substantiv. Da es im Akkusativ steht, kann es das Objekt des Satzes sein.
    • video ist das einzige konjugierte Verb, also muss es das Prädikat sein. Das Objekt von „ich sehe“ kann rosas („die Rosen“) sein.
    • florere bleibt noch übrig. Beim Studieren der Grammatik stößt man auf das Phänomen des A.c.I.: rosas ist nicht das Akkusativ-Objekt von video, sondern rosas florere („die Rosen blühen“) im Ganzen hängt von video ab.

Fügt man diese Erkenntnisse zusammen, so kann man diesen Satz mit einem „dass-Satz“ übersetzen als:

„Ich sehe, dass die Rosen blühen.“

oder als Infinitivsatz:

„Ich sehe die Rosen blühen.“

Längeres Beispiel[Bearbeiten]

Horum omnium fortissimi sunt Belgae, propterea quod a cultu atque humanitate provinciae longissime absunt minimeque ad eos mercatores saepe commeant atque ea, quae ad effeminandos animos pertinent, important proximique sunt Germanis, qui trans Rhenum incolunt, quibuscum continenter bellum gerunt. (Caesar: Bellum Gallicum I, 1)

Dieser extrem lange Satz besteht aus 39 Wörtern, die im Original noch nicht einmal mit Satzzeichen von einander getrennt wurden. Auch dieser Satz kann systematisch übersetzt werden, auch wenn man anfangs nicht genau weiß, wo der Hauptsatz steht.

  • Wortebene:
    • horum ist eindeutig der Gen. Pl. von hic ( = „dieser“), auf Deutsch: „deren“.
    • omnium ist der Gen. Pl. von omnis ( = „all“): „aller“.
    • fortissimi: die Endung -issimus, -a, -um ist ein typisches Kennzeichen eines Superlativs, das Grundwort ist fortis ( = „tapfer“): fortissimi sind also „die Tapfersten“ (Nom. Pl. mask.). Durch den Hang zur Übertreibung kann man hier einen Elativ annehmen: „die Tapfersten“ sind keine Weltmeister, sondern lediglich „ziemlich tapfer“ im Vergleich zu den anderen hier erwähnten Völkern.
    • sunt ist ganz klar die 3. Pers. Pl. des Ind. Präs. Akt. von esse ( = „sein“): „sind“.
    • Belgae ist entweder Gen. Sg. oder Dat. Sg. oder Nom. Pl. von Belga ( = „der Belger“); Belga sollte aber nicht mit „Belgier“ übersetzt werden, da der Staat Belgien erst Jahrhunderte später gegründet wurde! Die Belger waren ein germanischer Stamm. Da sie hier nicht in direkter Rede angesprochen werden, kann man einen Vok. Pl. ausschließen.
    • propterea ist ein ursprünglich aus 2 Wörtern zusammengesetzter Ausdruck, der auch einzeln übersetzt werden kann: propter ea ( = „wegen dieser sc. Dinge“) ist eine präpositionale Wendung, die zusammen gewachsen ein Adverb bildet. Im Deutschen haben wir genau die gleiche Konstruktion: „deswegen“ ( < „wegen dessen“).
    • quod kann eine Konjunktion sein („weil“) oder der Nom. oder Akk. Sg. des Relativ- oder Indefinitpronomens qui: „was“ o. „irgendetwas“.
    • a ist eine Präposition mit der Bedeutung „von“.
    • cultu ist der Abl. Sg. von cultus: man übersetzt besser mit „Lebensweise“ und nicht einfach mit „Kultur“.
    • atque ist wie ac eine Variante von et und bedeutet: „und, auch“.
    • humanitate ist der Abl. Sg. von humanitas, hier eher mit „Bildung“ zu übersetzen als mit „Menschlichkeit“.
    • provinciae ist entweder der Gen. Sg. oder der Dat. Sg. oder der Nom. Pl. von provincia: mit „Provinz“ ist in diesem Zusammenhang Gallien gemeint. Auch werden hier keine „Provinzen“ im Vokativ angesprochen.
    • longissime hat auch wieder die typische Superlativ-Endung -issimus und stammt von longus ab. Die Endung -e verweist jedoch auf ein Adverb: „am längsten, ziemlich lang“.
    • absunt ist die 3. Pers. Pl. des Ind. Präs. Akt. von abesse, das eine Zusammensetzung von ab und esse ist: „sie sind nicht da/anwesend/vorhanden“.
    • minimeque sind eigentlich 2 Wörter: das -que ist wie ein angehängtes et („und“). minime ist der unregelmäßige Superlativ von non multum, wobei das -e wieder ein Adverb anzeigt: „am kleinsten/wenigsten“.
    • ad ist eine Präposition mit der Bedeutung „zu, an, bei“.
    • eos ist der Akk. Pl. masc. des Personalpronomens is, ea, id: „sie“.
    • mercatores ist der Nom. oder Akk. Pl. von mercator: „die Kaufleute“.
    • saepe sieht wegen der Endung -e wie ein Adverb aus: ist es auch, aber es ist die erstarrte Form des vermuteten Adjektivs *saepis mit der Bedeutung „gedrängt“. saepe bedeutet „oft“.
    • commeant ist die 3. Pers. Pl. des Ind. Präs. Akt. von commeare, einem Verb der a-Konjugation: „sie gehen hin und her, sie fahren“.
    • atque bedeutet wie oben „und, auch“.
    • ea ist entweder das Personalpronomen is, ea, id („er, sie, es“) oder das Demonstrativpronomen is, es, id („dieser, diese, dieses“), und es kann ausser dem Nom. oder Abl. Sg. des Fem. genau so gut der Nom. oder Akk. Pl. des Neutr. sein!
    • quae ist auf jeden Fall ein Pronomen: entweder der fem. Nom. Sg. oder Pl. des Relativpronomens qui („die/welche“) oder der Nom. bzw. Akk. Pl. des Relativpronomens qui im Neutrum („die/welche“). Wird es adjektivisch benutzt, kann es auch vom Interrogativpronomen qui? („welche?“) oder sogar vom Indefinitpronomen quae (statt qua bzw. aliqua: „irgendeine“) abstammen.
    • ad ist eine Präposition: „zu, an, bei“.
    • effeminandos ist das Gerundiv zu effeminare = .verweichlichen. (im Sinne von .verweiblichen.: es wurde von femina („die Frau“) abgeleitet). Als Verbaladjektiv steht es hier im Akk. Pl. des Maskulinums: „um sie zu verweichlichen“.
    • animos ist auch ein masc. Nom. Pl., aber dieses Mal vom Substantiv animus = „Geist, Sinn“, also in diesem Zusammenhang besser: „die Gemüter“.
    • pertinent ist eindeutig die 3. Pers. Pl. Präs. Ind. Akt. des Verbs pertinere und bedeutet: „sie erstrecken sich/betreffen/dienen zu“.
    • important ist wieder 3. Pers. Pl. Präs. Ind. Akt., jedoch von importare: „sie führen ein“.
    • proximique ist wie oben minimeque zusammen gesetzt: -que bedeutet „und, auch“, proximi ist der Gen. Sg. oder Nom. Pl. von proximus, des unregelmäßigen Superlativs von prope, das eigentlich eine Präposition ist: „die nächsten/nächst gelegenen“.
    • sunt stammt wie oben erläutert von esse ab: „sind“.
    • Germanis ist entweder der Dat. Pl. oder der Abl. Pl. von Germanus = „der Germane“.
    • qui ist wieder ein Pronomen: entweder der masc. Nom. Sg. oder Pl. des Relativpronomens qui („der/welcher; die/welche“) oder adjektivisch benutzt das Interrogativpronomen qui? („welcher“) oder das Indefinitipronomen qui („irgendwelche“).
    • trans ist eine Präposition: „über“.
    • Rhenum ist der Akk. Sg. eines Flussnamens: „den Rhein“.
    • incolunt ist eindeutig die 3. Pers. Pl. Präs. Ind. Akt. von incolere: „sie wohnen“.
    • quibuscum ist die Zusammensetzung von cum quibus: cum ist eine Präposition („mit“) und quibus ist der Dat. oder Abl. Pl. des Relativpronomens qui: „mit denen“.
    • continenter ist ein Adverb, das aus dem Part. Präs. Akt. des Verbs continere („zusammen halten“) entstanden ist: „zusammen hängend, ununterbrochen“.
    • bellum ist der Nom. oder Akk. Sg. des Substantivs bellum („Krieg“).
    • gerunt ist eindeutig die 3. Pers. Pl. Präs. Ind. Akt. von gerere: „sie tragen/führen“.

Jetzt hat man schon viele Informationen gesammelt: viele Wörter sind eindeutig geklärt worden, aber bei manchen ist die jeweilige Form noch nicht ganz klar. Im nächsten Schritt versucht man herauszufinden, welche Wörter zusammen gehören.

  • Satzteilebene:
    • horum und omnium sind beide Gen. Pl.: sie gehören – nicht nur, weil sie nebeneinander stehen – zusammen. „deren aller“ oder besser „von all denen“ muss sich noch auf ein Nomen beziehen.
    • fortissimi ist ein Prädikatsnomen, mit dem das Subjekt verglichen wird. Wie oben erwähnt ist hier irgend jemand „ziemlich tapfer“ (Elativ).
    • sunt ist das einzige Verb dieses Satzes. Der Satz ist also eine einfache Aussage der Art „A sind B“.
    • Belgae ist das Subjekt des Hauptsatzes!
    • propterea ist ein Adverb („deswegen“), das sich aber auf quod („weil“) bezieht. Auch im Deutschen kann man das so formulieren: „deswegen, weil“ bedeutet „das vorher Gesagte ist deswegen so, weil …“ und aus keinem anderen Grund. quod muss also eine Konjunktion sein, die (zusammen mit propterea) eine Erläuterung als Nebensatz einleitet. Ein Pronomen zu sein macht keinen Sinn, weil hier nirgendwo ein Wort im Singular steht, auf das sich quod beziehen könnte.
    • a ist eine Präposition, die den Ablativ verlangt: das findet man in cultu, also „von der Kultur“. Meist wird mit a/ab etwas Trennendes gemeint, also handelt es sich hier um einen Abl. separativus.
    • humanitate ist auch ein Abl. Sg. wie cultu. Und da zwischen diesen beiden Wörtern ein atque („und“) steht, werden sie also verbunden. Offensichtlich ist der Abl. separativus größer als gedacht.
    • provinciae muss sich auf humanitate beziehen, weil man hier ans Satzende kommt und kein Nomen mehr erscheint. Es bezieht sich auf das vorher Genannte, also mindestens auf humanitate, aber der komplette Ausdruck cultu atque humanitate bietet sich hier an. Der ganze Ausdruck heißt also: cultu atque humanitate provinciae = „Lebensweise und Bildung der Provinz (Gallien)“.
    • longissime ist ein Adverb und muss sich auf ein Verb beziehen. Das folgt auch gleich in Gestalt von absunt. longissime absunt bedeutet also: „ziemlich lang abwesend/entfernt“ und gemeint sind die Belgae des Hauptsatzes (es gibt nur eine Übereinstimmung im Numerus).
    • minimeque sind wie gesagt 2 Wörter: das -que kann man umwandeln in ein et („und“), das eigentlich vor das minime gehört. Es ist kein Zufall, dass minime auch ein Adverb ist! Offensichtlich geht die weiter oben begonnene Begründung weiter. minime muss sich aber auf ein Verb beziehen, das noch kommen wird.
    • ad ist eine Präposition, die den Akkusativ verlangt. Das ist das nachfolgende Personalpronomen eos, so dass dieser Ausdruck „zu denen“ bedeutet. Es handelt sich hier um einen Akkusativ der Richtung und gemeint sind die Belgae des Hauptsatzes. Obwohl der a-Deklination folgend (wie viele Feminina), werden die „Belger“ als Männer (also schwerpunktmäßig die Kämpfer) aufgefasst, daher eos und nicht etwa eas.
    • mercatores ist das Subjekt dieses neuen Nebensatzes und hat nichts mit eos („ihnen“) zu tun.
    • saepe ist wie minime ein Adverb aus: minime beschreibt seinerseits noch einmal saepe, so dass die Kombination minime saepe entsteht, nur dass saepe unmittelbar vor dem Verb commeant steht, auf das es sich bezieht. minime saepe bedeutet „am wenigsten oft“, was einer Verneinung gleich kommt: „ziemlich selten“ ist eine treffendere Übersetzung.
    • atque verknüpft eine weitere Begründung zum oben begonnenen propterea quod.
    • ea ist noch immer unklar, es wird aber durch einen eingeschobenen Nebensatz weiter erläutert (quae…). Überspringt man diesen Nebensatz, stößt man auf das Verb important, das in der 3. Pers. Pl. steht und „sie führen ein“ bedeutet. Jetzt ist klar, dass mit „sie“ ea gemeint ist: irgendwelche „Sachen“ oder „Dinge“, die in dem eingeschobenen Satz näher erläutert werden.
    • quae greift also noch einmal ea auf und steht allein (genauer: substantivisch): es muss also ein Relativpronomen im Fem. oder Neutr. Pl. sein.
    • ad verlangt auch hier einen Akkusativ: der findet sich in effeminandos animos.
    • effeminandos ist nicht nur ein Gerundiv, es bezieht sich wie ein Adjektiv auf animos und drückt (da es sich hier um einen sog. prädikativen Zusatz des Akkusativs handelt) einen Zweck aus: „um die Gemüter zu verweichlichen“.
    • pertinent ist das einzige Verb dieses eingeschobenen Nebensatzes. „sie dienen zu“ passt auch zum finalen Sinn des effeminandos animos.
    • important setzt den Satz atque ea… fort.
    • proximique entspricht also et proximi und führt die letzte Begründung des Satzes propterea quod… fort. Immer noch ist von den Belgae die Rede, also auch hier maskulines Geschlecht (daher proximi statt proximae).
    • sunt ist das Prädikat dieser letzten Begründung und steht wie Belgae im Plural.
    • Germanis muss ein Dat. Pl. sein, denn proximi („am nächsten“) drückt den Standort aus, den die „Belger“ gegenüber den „Germanen“ einnehmen, und eben dieser Bezugspunkt sind die „Germanen“. Einen Dativ, der einen (konkreten) Standort oder einen (abstrakten) Standpunkt widerspiegelt, nennt man Dativus iudicantis oder Dativus relationis.
    • qui greift nicht wieder die „Belger“, sondern die „Germanen“ auf, weil untypischer Weise der vorher gehende Satz mit dem Dativ Germanis statt mit dem Verb endet. Also handelt es sich um ein Relativpronomen (masc. Nom. Pl.).
    • trans als Präposition verlangt ein Akkusativ-Objekt: das ist Rhenum („den Rhein“): „über den Rhein/jenseits des Rheins“.
    • incolunt ist das Verb dieses Relativsatzes.
    • quibuscum = cum quibus ist ein 2. Relativsatz zu Germanis. Wegen der Präposition cum steht das Relativpronomen hier im Abl. Pl. (quibus): „mit denen“.
    • continenter ist ein Adverb, das sich auf gerunt bezieht.
    • bellum kann kein Nom. Sg. sein, weil gerunt im Plural steht und daher auch ein Subjekt im Plural verlangt. bellum ist also das Objekt des Satzes: „sie führen Krieg“.
  • Satzebene:
    • horum omnium fortissimi sunt ist also das vollständige Prädikat (Prädikatsnomen und Hilfsverb) dieses Satzes: „die Tapfersten von all denen sind“.
    • Belgae ist Subjekt des Satzes: „die Belger“.

Mit Subjekt und Prädikat ist dieser Hauptsatz schon vollständig: „Von all denen sind die Belger die Tapfersten“.

    • propterea quod leitet einen Begründungssatz (Kausalsatz) ein, der aus mehreren Teilen besteht und die Belgae näher beschreibt.
    • longissime absunt ist das Prädikat des 1. Nebensatzes: ergänzt wird er durch den präpositionalen Ausdruck a cultu atque humanitate, also „weil sie von der Lebensweise und Bildung der Provinz am weitesten entfernt sind“. Das Subjekt ist dabei dasselbe wie im Hauptsatz: Belgae.
    • mit der Konjunktion -que folgt der nächste Nebensatz: mercatores ist jetzt das Subjekt, das durch das Prädikat minime … saepe commeant atque … important beschrieben wird: „die Kaufleute kommen ziemlich selten und führen (ziemlich selten) ein“. Ergänzt wird dieser Satz durch ad eos = „zu ihnen“: das sind jetzt die Belger als Objekt. Und da es zwei verschiedene Tätigkeiten (Verben) gibt, stellt ea das Objekt von important dar. Was für „Dinge“ die Kaufleute einführen, erläutert ein eingeschobener Relativsatz.
    • pertinent ist das Prädikat dieses Nebensatzes, ad effeminandos animos ist eine präpositionale Wendung, die den Zweck angibt, und mit dem Relativpronomen quae wird das Objekt ea des übergeordneten Satzes wieder aufgegriffen, hier sind sie jedoch das Subjekt: „die zum Verweichlichen der Gemüter dienen“.
    • mit -que wird der letzte Nebensatz verknüpft: proximi sunt ist das Prädikat („sie sind am nächsten“), und als Vergleichsobjekt werden Germanis genannt: „und weil sie den Germanen am nächsten/ziemlich nahe sind“.
    • mit qui werden die Germanis des vorher gehenden Satzes als Subjekt des angehängten Nebensatzes wieder aufgegriffen, wo erläutert wird, was für Auswirkungen die Nähe der Germanen auf die Belger hat. incolunt ist das Prädikat dieses Satzes; trans Rhenum ist eine passende präpositionale Wendung dazu, also: „die jenseits des Rheins wohnen“.
    • quibuscum = cum quibus greift noch einmal die Germanis auf, jetzt aber als Objekt. gerunt ist das Prädikat des Nebensatzes im Nebensatz. Zusammen mit dem Akkusativobjekt bellum bildet es den Ausdruck „Krieg führen“, ergänzt wird es durch das Adverb continenter. Dieser Nebensatz lautet also: „und mit denen sie ständig Krieg führen“.

Wenn man jetzt alle Teil-Übersetzungen zusammenträgt und die deutsche Wortstellung vor allem in den Nebensätzen berücksichtigt, erhält man folgende Übersetzung:

Horum omnium fortissimi sunt Belgae, propterea quod a cultu atque humanitate provinciae longissime absunt minimeque ad eos mercatores saepe commeant atque ea, quae ad effeminandos animos pertinent, important proximique sunt Germanis, qui trans Rhenum incolunt, quibuscum continenter bellum gerunt.

bedeutet:

„Von all denen sind die Belger die Tapfersten, weil sie von der Lebensweise und Bildung der Provinz am weitesten entfernt sind, die Kaufleute ziemlich selten kommen und Dinge einführen, die zum Verweichlichen der Gemüter dienen, und weil sie den Germanen ziemlich nahe sind, die jenseits des Rheins wohnen, und mit denen sie ständig Krieg führen.“