Soziologische Klassiker/ Der Begriff der Moral bei den Klassikern der Soziologie

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Einleitung[Bearbeiten]

Das hier überblicksmäßig vorgestellte Projekt stellt den Versuch einer systematischen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Moral bei den soziologischen Klassikern dar. Das vollständige Projekt im Rahmen einer Bachelorarbeit wurde aus urheberrechtlichen Gründen auf die Homepage der Universität Salzburg verlegt.

Zur Stellung der Moral in der Soziologie[Bearbeiten]

Interessanterweise gibt es keine Monographien bzw. Speziallexika, die sich systematisch mit den soziologischen Moraltheorien beschäftigen, so wie es Monographien oder Lexika zum Thema „Tourismussoziologie“ oder „Umweltsoziologie“ gibt. Wer in allgemeinen Soziologielexika[1] zum Stichwort „Moral“ nachliest, bekommt vermittelt, dass nur ausgesprochen wenige SoziologInnen relevante Beiträge zu diesem Thema geschrieben hätten und man sich besser in der Sozial- und Entwicklungspsychologie umzusehen habe. Dies ist insbesondere deshalb verwunderlich, weil Moralvorstellungen eine wichtige handlungsanleitende Funktion haben und damit soziologisch höchst relevant sind. Moralisches Handeln unterscheidet sich wesentlich von anderen Handlungstypen, etwa von zweckrationalem Handeln: "Geht man davon aus, daß die Begleitumstände identisch sind, so werden die ersteren eher größere Opfer bringen, weil sie mehr Motivation haben. Sie werden auch bei aufkommendem Widerstand eher weitermachen, weil sie die Werte internalisiert haben, die ihre Handlungsweise rechtfertigen."[2] Ähnlich argumentiert Berger[3], indem er betont, dass „eine aus zweckrationalen Motiven innegehaltene Ordnung ungleich labiler ist als eine mit dem Prestige der Verbindlichkeit auftretende.“

Das vorliegende Projekt soll zeigen, dass die soziologische Auseinandersetzung mit der Moral umfangreicher und inhaltlich vielfältiger ist, als dies in Lexika vermittelt wird. Außerdem wird ein Vorschlag für eine Systematik der verschiedenen Theorien unterbreitet.

Zum Begriff der Moral in der Soziologie[Bearbeiten]

Wenn man sich mit der Moral im soziologischen Kontext auseinandersetzt, ist es wichtig, zwischen der normativen und der deskriptiven Moral zu unterscheiden. Erstere beschäftigt sich damit, wie Normen vernünftig und moralisch begründet werden können bzw. mit der Frage, was moralisch richtig oder falsch ist. Die deskriptive Moral dagegen beschreibt „die Handlungsregeln und Ziele … die in einer Grupppe oder Gesellschaft faktisch handlungsleitend oder verbindlich sind.“[4] Ob diese faktisch geltenden Handlungsregeln moralisch „richtig“ sind, ist nicht Gegenstand der deskriptiven Moral und damit auch nicht Gegenstand der Soziologie. Wenn sich die Soziologie mit der Richtigkeit von moralischen Normen beschäftigt (und dies geschieht leider immer wieder) bzw. verschiedene Moralen wertend vergleicht, überschreitet sie ihre Kompetenz bzw. ihren Aufgabenbereich und wird unglaubwürdig. Denn eigentlich sollte die Soziologie wertfreie Beschreibungen liefern.[5]

Theory Map[Bearbeiten]

Weiter unten wird eine Systematik der soziologischen Moraltheorien skizziert. Diese Theory Map bietet einen übersichtlichen Zugang dazu.

Moralische GrundbegriffeMoral als SystemMoral in der konkreten SituationKlassiker der Soziologie Moral.jpg
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Versuch einer Systematik[Bearbeiten]

Moralische Grundprinzipien und -begriffe[Bearbeiten]

Weber, Simmel und auch Habermas beschäftigen sich mit der Moral insofern auf einer Meta-Ebene, als sie sich überwiegend mit moralischen Grundprinzipien bzw. –begriffen beschäftigen. Ihre Grundgedanken werden im Folgenden kurz vorgestellt. Für genauere inhaltliche Auseinandersetzungen mit den einzelnen Moraltheorien bitte den Links folgen.


Max Weber beschäftigt sich in den Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie[6] ausführlich mit der „Prägung von Wirtschaftsstilen durch das religiöse Ethos der tragenden Schichten“[7] , und zwar sowohl im christlichen wie auch im nicht-christlichen Kontext. Döbert[8] meint zwar, dass alle diese religionssoziologischen Texte auch als moralsoziologische Texte gelesen werden können, weil historisch Moral immer Religion war. Da es in dieser Arbeit jedoch ganz spezifisch um den Begriff der Moral geht, und weil ein Vergleich der verschiedenen Religionen und deren Auswirkungen auf die Gesellschafts- bzw. Wirtschaftsordnung zu umfangreich würde, werden im vorliegenden Projekt nur die die Moral direkt betreffenden, allgemeineren Punkte herausgefasst. So werden etwa Webers Begriffe der Wertrationalität, der Virtuosen- und Massenethik, der magischen und der ritualistischen Ethik und der Gesetzes- und Gesinnungsethik näher erklärt. >> weiter

Simmels Auseinandersetzung mit der Moral ist auf weiten Strecken mehr moralphilosophisch als soziologisch geprägt und relevant. Interessant für die Soziologie sind sicher vor allem seine Aussagen über sittliches Sollen, Altruismus, Verdienst und Schuld sowie über das Verhältnis von objektiven Normen und Freiheit des Individuums.[9] >> weiter

Habermas streicht in seiner universalpragmatischen Handlungstheorie[10]diejenigen grundlegenden (moralischen) Normen heraus, die kommunikatives Handeln (und damit auch jegliches andere Handeln) überhaupt möglich machen. >> weiter

Moral als System[Bearbeiten]

Durkheim, Parsons, Etzioni und Luhmann beschreiben die Moral auf der Makro-Ebene als System mit einer bestimmten Struktur bzw. Funktion. Ihre Grundgedanken werden im Folgenden kurz vorgestellt. Für genauere inhaltliche Auseinandersetzungen mit den einzelnen Moraltheorien bitte den Links folgen.

Durkheim sieht die Moralordnung als Grundlage für die Gesellschaftsordnung überhaupt an. Er unterscheidet die häusliche/familiale Moral (die Aufzeichnungen über diese gingen jedoch leider verloren) von der Berufsmoral und der staatsbürgerlichen Moral.[11] Außerdem beschäftigt er sich ausführlich mit der Moralerziehung, insbesondere mit den Elementen der Moralität (Geist der Disziplin, Anschluss an soziale Gruppen, Autonomie des Willens).[12] >> weiter

Auch für Parsons[13] hat die Moral eine herausragende Funktion: Sie integriert die Persönlichkeit und das soziale System sowie das Wertesystem mit den letzten Zwecken. Die institutionalisierte Moral garantiert also die Integration der Gesellschaft. >> weiter

Der Kommunitarist Etzioni[14] thematisiert die gelebte Moral als Grundlage für ein gutes soziales Leben. >> weiter

Für Luhmann[15] ist die Moral zwar ebenfalls ein System, das alle anderen Teilsysteme durchdringt („interpenetriert“), sie hat aber nicht eine derart einzigartige Sonderfunktion wie bei den oben genannten Soziologen. Er beschreibt die Moral als System von Achtungs- und Missachtungsbekundungen mit einer bivalenten Struktur. >> weiter

Moral in der konkreten Situation[Bearbeiten]

Andere SoziologInnen behandeln die Moral auf der Mikroebene. Hier geht es darum, auf welche Weisen sich die Moral in konkreten Situationen, im konkreten Handeln zeigt. Dabei können vor allem Vertreter des interpretativen Paradigmas und Vertreter der Rational Choice Theory (bzw. des utilitaristischen Paradigmas) gefunden werden, deren Grundgedanken hier kurz vorgestellt werden. Für genauere inhaltliche Auseinandersetzungen mit den einzelnen Moraltheorien bitte den Links folgen.


Bei den Vertretern des interpretativen Paradigmas sind die Zugänge sehr vielfältig.

Becker[16] beschäftigt sich mit den moralischen UnternehmerInnen, die auf "moralische Kreuzzüge" gehen und versuchen, neue moralische Regeln einzuführen bzw. durchzusetzen. >> weiter

Berger/ Luckmann[17] meinen, dass die Moral keineswegs aus der heutigen Gesellschaft verschwunden sei, sondern sich nur wie die Religion in den Privatbereich zurückgezogen habe. Sie setzen sich mit den Charakteristika moralischer Kommunikation bzw. des Moralisierens auseinander. >> weiter

Garfinkel[18] untersucht anhand von Krisenexperimenten die moralische Empörung, die auf den Bruch des interpretativen Vertrauens folgt. >> weiter

Goffman[19] beschreibt die Moral als etwas, das von den Handelnden in der konkreten Situation immer neu gestaltet und repariert werden muss. >> weiter

Mead[20] beschäftigt sich mit der Rolle von moralischen Konflikten sowie mit dem moralischen Bewusstsein und dessen Bedeutung für die Ich-Identität. >> weiter


Bei den VertreterInnen des utilitaristischen Paradigmas ist die ganz spezifische Frage wichtig, wie moralisches Handeln als rationales Handeln erklärt werden könnte. Dabei wird moralisches Handeln entweder implizit mit zweckrationalem Handeln gleichgesetzt, wie dies bei Homans oder Coleman der Fall ist.[21] >> weiter

Oder das moralische Handeln wird wie bei Lindenberg[22]als eigener Handlungstyp aufgefasst, nämlich als wertrationales Handeln. Wichtig ist hier, dass Lindenberg dem Rational Choice Gedanken durchaus treu bleibt, weil er auch dem wertrationalen Handeln eine instrumentelle Rationalität zugrunde legt. >> weiter

Literaturliste[Bearbeiten]

  • Abend, Gabriel (2008):
    "Two main problems in the sociology of morality. In: Theory and Society. Vol 37, No.2, pp 87-125."
  • Becker, Howard S. (1981):
    "Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens."
    Frankfurt am Main.
  • Berger, Johannes (1998):
    "Das Interesse an Normen und die Normierung von Interessen. Eine Auseinandersetzung mit der Theorie der Normentstehung von James S. Coleman. In: Müller, Hans-Peter / Schmid, Michael (Hg.): Norm, Herrschaft und Vertrauen. Beiträge zu James S. Colemans Grundlagen der Sozialtheorie. S. 64-78."
    Opladen/Wiesbaden.
  • Berger, Peter L. / Luckmann, Thomas (1995):
    "Modernität, Pluralismus und Sinnkrise. Die Orientierung des modernen Menschen."
    Gütersloh.
  • Burns, Tom (1992):
    "Erving Goffman."
    London.
  • Coleman, James S. (1991):
    "Grundlagen der Sozialtheorie. Band 1. Handlungen und Handlungssysteme."
    München.
  • Coleman, James S. (1994):
    "Grundlagen der Sozialtheorie. Band 3. Die Mathematik der sozialen Handlung."
    München.
  • Cook, Gary Allan (1985):
    "Moralität und Sozialität bei Mead. In: Joas, Hans (Hg.): Das Problem der Intersubjektivität. Neue Beiträge zum Werk George Herbert Meads. S. 131-155."
    Frankfurt am Main.
  • Döbert, Rainer (2000):
    "Moral. In: Reinhold, Gerd (Hg.): Soziologie-Lexikon. 4. Auflage. S. 445-449."
    München u.a.
  • Durkheim, Emile (1973):
    "Erziehung, Moral und Gesellschaft. Vorlesungen an der Sorbonne 1902/1903. Herausgegeben von Heinz Maus, Friedrich Fürstenberg und Frank Benseler."
    Neuwied am Rhein / Darmstadt.
  • Durkheim, Emile (1991):
    "Physik der Sitten und des Rechts. Vorlesungen zur Soziologie der Moral."
    Frankfurt am Main.
  • Dux, Günter (2004):
    "Die Moral in der prozessualen Logik der Moderne. Warum wir sollen, was wir sollen."
    Weilerswist.
  • Etzioni, Amitai (1994):
    "Jenseits des Egoismus-Prinzips. Ein neues Bild von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft."
    Stuttgart.
  • Etzioni, Amita (1997):
    "Die Verantwortungsgesellschaft. Individualismus und Moral in der heutigen Demokratie."
    Frankfurt am Main.
  • Gethmann, Carl F. (2004):
    "Universalpragmatik. In: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie. Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 1., unveränderte Sonderausgabe. S. 415-416."
    Stuttgart / Weimar.
  • Greve, Jens (2003):
    "Handlungserklärung und die zwei Rationalitäten? Neuere Ansätze zur Integration von Wert- und Zweckrationalität in ein Handlungsmodell. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Bd. 55, Nr. 4, S. 621-653."
  • Habermas, Jürgen (1983):
    "Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln."
    Frankfurt am Main.
  • Habermas, Jürgen (2001):
    "Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft."
    Stuttgart.
  • Heritage, John (1984):
    "Garfinkel and Ethnomethology."
    Oxford.
  • Kambartel, Friedrich (2004a):
    "Moral. In: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie. Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 2., unveränderte Sonderausgabe. S. 932-933."
    Stuttgart / Weimar.
  • Kambartel, Friedrich (2004b):
    "Moralität. In: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie. Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 2., unveränderte Sonderausgabe. S. 933-934."
    Stuttgart / Weimar.
  • Lübbe, Weyma (2004):
    "Weber. In: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie. Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 4., unveränderte Sonderausgabe. S. 631-633."
    Stuttgart / Weimar.
  • Luckmann, Thomas (1998):
    "Gesellschaftliche Bedingungen geistiger Orientierung. In: Luckmann, Thomas (Hg): Moral im Alltag. Sinnvermittlung und moralische Kommunikation in intermediären Institutionen. S. 19-46."
    Gütersloh.
  • Luhmann, Niklas (1978):
    "Soziologie der Moral. In: Luhmann, Niklas / Pfürtner, Stephan H. (Hg): Theorietechnik und Moral. S. 8-116."
    Frankfurt am Main.
  • Mead, George Herbert (1980):
    "Gesammelte Aufsätze. Band 1. Herausgegeben von Hans Joas."
    Frankfurt am Main.
  • Müller, Hans-Peter / Schmid, Michael (Hg.) (1998):
    "Norm, Herrschaft und Vertrauen. Beiträge zu James S. Colemans Grundlagen der Sozialtheorie."
    Opladen/Wiesbaden.
  • Parsons, Talcott (1994):
    "Aktor, Situation und normative Muster. Ein Essay zur Theorie sozialen Handelns. Herausgegeben von Harald Wenzel."
    Frankfurt am Main.
  • Opp, Karl-Dieter (2002):
    "Rational Choice Theory / Theorie der rationalen Wahl. In: Endruweit, Günter / Trommsdorff, Gisela (Hg.): Wörterbuch der Soziologie. 2., völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage. S. 424-427."
    Stuttgart.
  • Schluchter, Wolfgang (1988):
    "Religion und Lebensführung. Band 1. Studien zu Max Webers Kultur- und Werttheorie."
    Frankfurt am Main.
  • Simmel, Georg (1989):
    "Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe Bd. 1. Gesamtausgabe Bd. 3. Herausgegeben von Klaus Christian Köhnke."
    Frankfurt am Main.
  • Simmel, Georg (1991):
    "Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe Bd. 2. Gesamtausgabe Bd. 4. Herausgegeben von Klaus Christian Köhnke."
    Frankfurt am Main.
  • Weber, Max (1956):
    "Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Bd. 1. Herausgegeben von Johannes Winckelmann"
    Tübingen.
  • Weber, Max (1963):
    "Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. 1-3."
    Tübingen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. zum Beispiel Döbert 2000, S. 447
  2. Etzioni 1994, S. 108-109.
  3. Berger 1998, S. 73.
  4. Kambartel 2004a, S. 932.
  5. vgl. Abend 2007, S. 88.
  6. Weber, Max (1963): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. 1-3. Tübingen. Der erste Band enthält unter anderem die vielleicht am besten bekannte protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.
  7. Lübbe 2004, S. 632.
  8. vgl. Döbert 2000, S. 446.
  9. vgl. Simmel 1991; Simmel 1989.
  10. vgl. Gethmann 2004.
  11. vgl. Durkheim 1991.
  12. vgl. Durkheim 1973.
  13. vgl. Parsons 1994.
  14. vgl. Etzioni 1994; Etzioni 1997.
  15. vgl. Luhmann 1978.
  16. vgl. Becker 1981
  17. vgl. Berger/Luckmann 1998; Luckmann 1998; Funiok o.J.
  18. vgl. Heritage 1984
  19. vgl. Burns 1992
  20. vgl. Cook 1985; Mead 1980
  21. vgl. Berger 1998; Coleman 1994; Homans 1972
  22. vgl. Greve 2003