Klassengröße – gestern und heute/ 19. Jh.: Die Statistik

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Die Statistik[Bearbeiten]

Will man eine historische Analyse der Veränderung von Bildungsstatisti­ken vornehmen, so ist Voraussetzung, dass die betreffenden Zahlen über­haupt erfaßt worden sind.[1] Bis 1901 gab es jedoch keine reichseinheitliche Statistik, allenfalls findet man Daten aus den für den Schulbereich verant­wortlichen Einzelstaaten.[2]

In Preußen stammen die ältesten schulstatistischen Aufnahmen aus dem Jahre 1822. In diesem Jahr wurde eine Kirchen- und Schultabelle eingerich­tet (TEWS, 1909, S. 461; ZAHN, 1911, gibt das Jahr 1816 an). In dieser Stati­stik wurde allerdings nur die Zahl der Lehrer, Lehrerinnen, Hilfslehrer und der Knaben und Mädchen erfaßt. Erweitert wurde diese preußische Schulsta­tistik im Jahre 1837 und nochmals im Jahre 1858. Angaben zur Klassengrö­ßenveränderung enthält allerdings erst die preußische Schulstatistik von 1886.[3] (In Bayern begann die offizielle Bildungsstatistik 1855, in Sachsen und Baden 1884, in Hessen 1887, in Mecklenburg-Schwerin 1910; ZAHN, 1911).

Weiter muß berücksichtigt werden, dass die Einstellung der Statistiken vermutlich interessengeleitet verlief: "Insbesondere die Auswertungsteile zeigen, wie sehr der Statistiker hier Handlangerdienst für die von der Ver­waltung beabsichtigte 'Entwicklung' leistet... Die damalige politische Funk­tion der Bildungsstatistik verhindert für die heutige Forschung eine unkriti­sche Anwendung der Daten" (MÜLLER, 1977, S. 158, Anm. 13). Zudem lassen Schulbesuchsstatistiken nur recht allgemeine und beschränkte Aussa­gen über die Expansion des öffentlichen Bildungswesens zu, zumal wenn Erhebungsmängel oder, wie seit der Jahrhundertmitte, zweifelhafte Schät­zungen den Wert des Zahlenmaterials beeinträchtigen (LESCHINSKY & ROEDER 1983, S. 144). Die Statistik in Preußen muß teilweise auch als ver­fälscht angesehen werden, weil die Erhebungen der ersten Jahrhunderthälfte verspätete Einschulung, außerordentlich hohe Fehlzeiten, vorzeitiges Abbre­chen des Schulbesuchs und sogar Schullosigkeit verschleiern (KLEWITZ & LESCHINSKY, 1984, S. 80).

In der offiziösen preußischen Schulstatistik wurde von der Annahme aus­gegangen, dass "sowohl der Besuch einer vollkommen organisierten mehrk­lassigen Schule wie auch der Unterricht in nicht-überfüllten Klassen bessere Bildungs- und Erziehungserfolge zeitigt als die gegenteiligen Unterrichts­bedingungen" (Volksschulwesen, 1891, S. 124; zit. n. LESCHINSKY & ROEDER, 1983, S. 152). Dies müßte dazu geführt haben, dass die Meßzahlen eingehalten werden. Es gilt dabei zu berücksichtigen, dass die staatlichen Vorgaben keine sog. Klassenteiler waren, die Maximalwerte konnten also überschritten werden. Im folgenden werden die tatsächlichen Zahlen - nach Schulsystemen gegliedert - referiert.


a) Das Höhere Schulwesen

Die Schüler-Lehrer-Relationen von 1822 bis 1913 sind in der nächsten Tabelle enthalten.

Die Werte der Schüler-Lehrer-Relation fallen in dieser Tabelle fallen ab 1864 abrupt ab. Dies hat folgende Bewandtnis: Die Angaben von 1822 bis 1864a stammen aus den im Preußischen Statistischen Bureau gesammelten Kirchen- und Schultabellen, die ab 1864b bis 1913 aus dem Ministerium der Unterrichtsangelegenheiten. Letzteres rechnete bei den Lehrern die sog. 'Hilfslehrer' mit, so dass die Basis zur Berechnung der Schüler-Lehrer-Rela­tionen sich änderte. Angaben zu der Zahl der Hilfslehrer liegen nicht vor, zur Klassengröße direkt auch nicht.

Aus dieser Tabelle geht dennoch eindrucksvoll hervor, wie stark das hö­here Schulwesen expandierte. Die Schüler-Lehrer-Relationen konnten nahe­zu konstant bei um die 20 gehalten werden (einschl. Hilfslehrer). Nur in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts war keine große Steigerung vor­handen, da aber mehr Lehrer eingestellt wurden, war auch das Schüler-Leh­rer-Verhältnis günstiger.



Tabelle 2.4
Schüler-Lehrer-Relationen für Preußen
Jahr
Anstalten
Lehrer
Schüler
S-L-Relation
1822
129
952
24344
26
1825
147
1063
27602
26
1828
134
1053
25819
25
1831
140
1124
26041
23
1834
148
1093
26616
24
1837
237
1546
37074
24
1840
245
1625
37432
23
1843
249
1683
41787
25
1846
246
1718
45548
27
1849
251
1804
49268
27
1852
282
1940
56203
29
1855
285
2098
61802
29
1858
268
2378
64086
29
1861
300
2545
71461
28
1864a
302
2812
79278
28
1864b
264
3810
78718
21
1871
414
5941
119641
20
1875
454
6669
135777
20
1880
493
7502
145575
19
1885
525
8724
151541
17
1890
549
156796
1896
576
8365
156472
19
1900
627
8852
176268
20
1906
745
11119
227349
20
1910
824
12549
260019
21
1913
881
13731
275165
23

Quelle: HOHORST et al. 1978; FISCHER et al. 1982


Zur Klassengröße gab es wie betont keine oder nur sporadische Angaben. Diese sollen im folgenden referiert werden.

Vor 1820 muß es in einigen preußischen Provinzen Gymnasien mit vor­wiegend kleinen Klassen gegeben haben, die jedoch schon in den 1820er Jahren eine ansteigende Tendenz aufwiesen. So lagen 1814 die Werte in Gymnasien in Westfalen bei durchschnittlich 18,9 Schülern, 1826 schon bei 29,9 Schülern (APEL, 1984, S. 141). Im etwa gleichen Beobachtungszeit­raum veränderte sich die Klassengröße in den Rheinprovinzen kaum (1816: 31,5 Schüler, 1827: 32,5 Schüler), wohl deswegen, weil die Klassengrößen hier schon anfangs vergleichsweise recht hoch lagen.


Ein unklares Bild ergab sich für die 1830er Jahre:

- Die Arbeitssituation der Philologen war im Vergleich zu den Lehrern der anderen Schularten recht günstig. 1837 betrug die Lehrer-Schüler-Relation in Preußen 1:18, in Österreich 1:20.

- Folgende Schüler-Lehrer-Relationen konnten aus den Angaben in BRAUNS & THEOBALD (1837) berechnet werden. Die Zahlen gelten für alle Gymna­sien der Provinzen Preußen, Posen, Schlesien, Pommern, Brandenburg, Sachsen, Westfalen und die Rheinprovinz für das Jahr 1832/33 für die Klassenstufen I bis VII: I: 23; II: 30; III: 35; IV: 41; V: 43; VI 40; VII 35.

- Höhere Werte werden von der Höheren Bürgerschule in Breslau berichtet:

Tabelle 2.5
Klassengrößen der Höheren Bürgerschule zu Breslau am 1.1.1841 (BRANDAU, 1959, S. 242)

Klasse
I
II
IIIa
IIIb
IVa
IVb
V
VI
VIIa
VIIb
Größe

16
41
53
53
53
58
60
60
52
26

- Für höhere Stadtschulen werden allerdings auch günstigere Werte berich­tet. So besuchten 1830 die höhere Stadtschule in Mayen in der unteren Klasse 10, in der oberen Klassen 23 Schüler (APEL & KLÖCKER, 1886, S. 353f). Ähnliche Werte findet man auch aus dem Bericht über die höhere und Gewerbeschule in Elberfeld aus dem Jahre 1830. Die 182 Schüler die­ser Schule teilten sich auf in die Prima (9 Schüler), Sekunda (33), Tertia (48), Oberquarta (48) und Unterquarta (44) (1986, S. 360).

- Es gab allerdings auch Gymnasien, die bis zu 120 Schüler in einer Klasse hatten (so im Bericht eines Arztes über das Gymnasium in Köln aus dem Jahre 1828; APEL & KLÖCKER, 1886, S. 516). Der Arzt schrieb: "Was kann in Klassen von 120, von 90 und 80 Schülern, wie deren das hiesige Gym­nasium aufzuweisen hat, geleistet werden? Der Lehrer muß darin seine Ge­sundheit, die Schüler ihre Zeit verlieren. Ein dritter Nachtheil ist die gerin­ge Besoldung der Lehrer, welche durchgängig nicht einmal der Besoldung der Kanzellisten gleichsteht" (S. 516).

- In den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es eine Diskussion um die Überfüllung der Gymnasien. Überfüllung bedeutete, dass die vorgege­bene Meßzahl überschritten wurde. Dies war durchaus üblich, denn der Andrang an die Schulen war zeitweise sehr hoch: So galt z.B. für die Mün­steraner Gymnasien im Jahre 1834 noch, dass nicht mehr als 50 Schüler aufgenommen werden durften. 10 Jahre später sollte diese Zahl "nicht mehr als Limit für eine Klassenfrequenz gelten, wenn der Raum eine grö­ßere Anzahl von Personen zuließe und eine zweckmäßige Aufstellung der Utensilien erlaube." "Diese Anweisung erfolgte ohne Rücksicht auf die Überforderung der Lehrpersonen und einen möglichen Leistungsverfall, der in derart großen Klassen eintreten mußte" (APEL, 1984, S. 223; s.a. KRAUL, 1984, S. 64). Das interessante an dieser Zahl von 50 Schülern ist, dass diese Meßzahl für Gymnasien gegolten hat, also einer Schulform, die bis dahin Klassengrößen zu verzeichnen hatte, die mit den heutigen ver­gleichbar sind.

- So liegen die Zahlen für ein Düsseldorfer Gymnasium im Jahre 1815 in ähnlichen Bereichen (APEL, 1984, S. 282, Anm. 86):


Tabelle 2.6
Klassengrößen für ein Düsseldorfer Gymnasium im Jahre 1815
Klassenstufe
Schülerzahl
- 1. und 2. Klasse:
11
- 3. Klasse:
26
- 4. Klasse:
26
- 5. Klasse:
26
- 6. Klasse:
33


- Für die Gymnasien in den Rheinprovinzen wurden folgende Zahlen auf­gefunden (APEL, 1984, S. 207):

Tabelle 2.7
Schüler-Lehrer-Relationen für die Rheinprovinzen
Jahr
Gymnasien
Lehrer
Schüler
Schüler
pro Lehrer
1827
17
224
3611
16,1
1832
18
212
3218
15,2
1835
18
232
3230
13,9

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert haben sich die Schüler-Lehrer-Relationen keineswegs durchgängig verringert, sondern sehr unterschiedlich verändert, wie aus der kleinen Tabelle hervorgeht (s.a. Tab. 2.4).

Für die Zeit ab 1860 konnten die Schüler-Lehrer-Relationen der unter­schiedlichen preußischen höheren Schulen vor allem aus Tabellen in RETHWISCH, LEHMANN & BÄUMER (1904) rekonstruiert werden (s. Tab. 2.8). Aus der Höhe der Werte muß der Schluß gezogen werden, dass hier - wie auch schon in Tabelle 2.4 - die Hilfslehrer mit einbezogen waren.


Tabelle 2.8
Schüler-Lehrer-Relation der höheren Schulen Preußens
Jahr
ProGy
Gym
ORS
RG
RPG
RS
1860
19,8
22,8
11,0
19,4
1865
12,7
20,1
20,8
14,9
18,0
1870
13,3
18,9
19,9
17,0
17,9
1875
13,8
18,7
20,7
17,7
18,3
1880
14,3
18,2
21,1
18,9
16,7
17,0
1885
13,1
16,8
15,9
15,5
13,3
18,0
1890
12,4
15,8
18,3
16,2
14,1
19,6
1895
11,5
16,1
17,8
17,4
13,9
20,6
1900
13,2
17,2
19,0
18,8
13,7
20,5
1901
13,6
17,0
19,3
18,5
15,1
20,8
1902
13,3
16,7
19,1
18,7
16,6
21,6

Legende: Die Zahlen für die Schüler-Lehrer-Relationen wurden berechnet aus diversen
Tabelle in RETHWISCH et al. (1904).

ProGy: Progymnasiums S.181
Gym: Gymnasium S.177/178
ORS: Oberrealschulen S. 180
RG: Realgymnasium S.179
RPG: Realprogymnasien S.182
RS: Realschulen S.183



Die günstigsten Werte über die Zeit gesehen wiesen das Progymnasium und das Realprogymnasium auf. Man kann nicht behaupten, dass sich im Zeitraum von 1860 bis 1902 entscheidende Veränderungen in der Schüler­zahl pro Klasse ergeben haben.

Die Schüler-Lehrer-Relationen für die Vorschulen der höheren Schulen waren nicht so günstig, wie die folgende Übersicht zeigt:


Tabelle 2.9
Schüler-Lehrer-Relationen der Vorschulen der preußischen höheren Lehr­anstalten (RETHWISCH et al., 1904, S. 193)
Jahr
G
RG
ORS
PG
RPG
RS
1870
37,2
42,2
1880
36,8
36,4
37,7
38,1
1885
53,0
32,8
29,4
43,5
1890
34,5
34,7
1895
35,1
35,6
40,1
16,6
29,4
39,5
1902
36,5
39,0
40,3
26,8
47,2
39,9


In der Darstellung von Durchschnittswerten liegt eine gewisse Gefahr: Die Unterschiede zwischen einzelnen Schulen verschwinden gänzlich. Aber gerade im höheren Schulwesen zeigen sich erhebliche Streuungen, die er­neut die Überfüllungsdiskussion anregten. WIESE(1864, S. 468ff) stellte die Klassengrößen bzw. Wechselkoetengrößen für die höheren Schulen in Preu­ßen für das Jahr 1863 zusammen. Es ergaben sich nach eigener Berechnung für die 105 Gymnasien und 34 Realschulen 1. Ordnung folgende Mittel-, Maximal- und Minimalwerte für die einzelnen Klassenstufen:


Tabelle 2.10
Mittelwerte, Maximalwerte und Minimalwerte für das Gymnasium und die Realschule 1. Ordnung in Preußen 1863
  Gymnasium Realschule 1. Ordnung
Klassen-
stufe
Mittel
Min
Max
Mittel
Min
Max
I
29
8
61
13
3
28
II
32
17
64
25
14
53
III
43
34
66
45
22
72
IV
46
18
87
46
37
78
V
49
22
79
55
33
79
VI
47
9
90
54
38
79

Legende: Für jede Klassenstufe gab es eine Klasse. Wenn Schulen auf einer Klassenstufe Wechselkoeten hatten, so wurde über die Koeten pro Stufe der Mittelwert berechnet.


1868 legte Wiese den zweiten Band seiner Darstellung des höheren Schulwesens in Preußen vor. Darin wird erneut deutlich, dass die Meßzahlen teilweise erheblich überschritten wurden (WIESE gibt Beispiele, aber keine systematische Tabelle wie in seinem ersten Band). Er interpretierte diese Lage wie folgt: "Solche Ueberschreitungen finden bei mehreren Anstalten eine Erklärung in besonderen localen Verhältnissen, welche eine rücksichts­lose Durchführung der gegebenen Vorschriften einstweilen nicht gestatten. Dies ist namentlich in dem Falle, wo, weil keine Bürger- oder Mittelschulen vorhanden sind, alles was eine höhere Bildung erstrebt, auf das Gymnasium oder die Realschule angewiesen ist und sich dahin zusammendrängt.... Eine Vergleichung mit früheren Jahren beweist, dass in Folge der Vermehrung der Lehrkräfte sowie der Beschaffung neuer Classenräume der Uebelstand im ganzen schon geringer geworden ist" (WIESE, 1869, S. 11)

Otto KÜBLER führte Leopold WIESEs Sammlung der Verordnungen und Gesetze für die höheren Schulen in Preußen weiter. Darin heißt es u.a. aus der Ciruclar-Verfügung vom 28.2.1867: "Durch die U. und PO (=die Unterr­ichts- und Prüfungsordnung der Real- und höheren Bürgerschulen; d. Verf) v. 6. Octb. 1859 ist hinsichtlich der in den einzelnen Klassen einer Real­schule 1.O. zulässigen unteren Kl. die Zahl von 50, für die mittleren 40, für die oberen 30 bestimmt worden. Ich habe mit Befriedigung wahrgenommen, dass in einigen Provinzen diese Grenze mehr und mehr eingehalten und dass obige Bestimmung in entsprechender Weise auch bei den Gymnasien zur Anwendung gebracht wird, sowie auch, dass , wenn sich eine von dem betreffenden K.Prov.Sch.C. (Königliches Provincial-Schulcollegium; d. Verf) eine Zeit lang geduldete höhere Frequenz als dauernd erwiesen hatte, für die Einrichtung von Parallelklassen gesorgt worden ist. In anderen Pro­vinzen ist, wie die eingereichten Frequenzlisten immer aufs neue ergeben, diesem für das Gedeihen der Schulen so wichtigen Gegenstande nicht die­selbe Aufmerksamkeit gewidmet und nicht genug auf Mittel und Wege Be­dacht genommen worden, durch welche einer schädlichen Klassenüberfül­lung vorgebeugt werden kann. " Im weiteren wird darauf hingewiesen, dass die strikte Einhaltung natürlich nicht überall durchführbar sei, deshalb könnte man in den mittleren und oberen Klassen 10 Schüler mehr aufneh­men (KÜBLER, 1886, S. 154).[4]

Im Jahre 1883 wurde das Gutachten der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen vom 19.12.1883 vorgelegt (abgedruckt in KÜBLER, 1886). Neben zahlreichen Aspekten wie Selbstmord bei Schülern und diver­sen Krankheiten wurde auch die Klassengröße angesprochen. Dabei monier­te man, dass viele Gymnasien sich nicht an die Maximalwerte halten würden. Es ergaben sich für 1881 folgende Werte für überfüllte Klassen (KÜBLER, 1886, S. 304):

140 von 251 Gymnasien (55,73%)
6 von 38 Progymnasien (15,78%)
53 von 105 Realschulen I. und II. O. (50,57%)
16 von 104 höheren Bürgerschulen (15,38%)

Das Gutachtergremium empfahl eine Senkung der Klassenmeßzahlen be­sonders für die unteren Klassen. Preußen solle so verfahren wie Württem­berg oder Sachsen, wo die Maximalgröße bereits auf 40 Schüler pro Klasse festgelegt sei (Zu den Klassengrößen in nicht-preußischen höheren Schulen siehe Anlage 1).

Für das höhere Schulwesen lagen trotz dieser Unterschiede im Vergleich zu den anderen Schularten günstige Werte vor.



b) Das Mittlere Schulwesen

Im mittleren Schulwesen wurden begrifflich ab 1872 die Bürger-, Mittel-, Rektorats-, die höheren Knaben- und Stadtschulen und das höhere Mäd­chenschulwesen zusammengefaßt. Es war erklärtes Ziel, die Klassen nicht zu groß werden zu lassen. Die Richtzahlen für die Mittelschule begründete man damit, dass anders die Vorteile dieser Schulart nicht gewährleistet wer­den konnten. So heißt es bei SCHNEIDER & v. BREMEN: "Diese Vortheile können aber nur so gehörig ausgenutzt werden, wenn die Schüler in den einzelnen Klassen weniger zahlreich und die Lehrkräfte und die Lehrmittel besser sind als in der Gemeindeschule" (1887, S. 547).

Bis auf einen kleinen Einbruch im Jahre 1878 kann man auch beim mitt­leren Schulwesen von einer Expansion sprechen, die aber lange nicht so stark war wie im höheren Schulwesen. Die Schüler-Lehrer-Relationen und die Klassengrößen verringerten sich von ca. 55 bis 30 Schüler pro Lehrer bzw. pro Klasse. Natürlich gab es auch hier regionale Unterschiede, wie die folgenden Tabelle zeigt:

Tabelle 2.11
Statistiken über die öffentlichen Mittelschulen
Jahr
Schulen
Klassen
Lehrer
Schüler
Klassen
 -größe
S-L
-Relation
1822
710
1341/166
81792
54
1825
736
1374/203
86219
55
1828
906
1629/256
106754
57
1831
823
1710/289
103487
52
1834
780
1740/301
106156
52
1837
666
1287/332
83312
51
1840
685
1388/357
85545
49
1843
661
1335/371
70101
46
1846
702
1524/412
91818
47
1849
756
1703/453
103317
48
1852
733
1763/485
103863
46
1855
704
1638/475
96909
46
1858
608
1763/438
96139
44
1861
560
1857/431
101469
44
1864
508
2233
90899
41
1878
336
2328
72039
31
1886
576
4015
134937
34
1891
550
4310
131270
31
1896
604
4482
4904
143097
31,9
29
1901
669
5701
6306
188221
33,0
30
1906
729
6760
7699
216786
32,1
28
1911
632
5951
6134
180729
30,4
30

Quellen: HOHORST et al. (1987); FISCHER et al. (1982)
Legende: Die Schrägstriche bei den Lehrern teilen die Zahl der Lehrer von denen der Lehrerinnen.


An der nächsten Tabelle zeigen sich wieder beträchtliche regionale Unterschie­de, die bestehen bleiben, obwohl die höchsten Werte (von 37 in Hessen-Nas­sau) in dem hier untersuchten Zeitraum (1891-1911) sich immerhin um fünf Schüler bzw. Schülerinnen verringert hat.


Tabelle 2.12
Klassengrößen 1891 bis 1911 für die öffentlichen Mittelschulen in Hessen-Nassau und der Rheinprovinz
(freundlicherweise zusammengestellt vom Stat. Landesamt Rheinland-Pfalz)
Jahr
Hessen-Nassau
Rheinprovinz
1891
37,3
22,8
1896
36,5
23,9
1901
36,0
25,8
1911
32,3
24,2

Diese dargestellten Werte galten für das öffentliche mittlere Schulwesen. Nun bietet sich ein Vergleich zum privaten Schulsystem an: Für Preußen liegen folgende Zahlen für die Mittelschulen einschl. der privaten höheren Mädchenschulen vor 1891: 18,6; 1896: 17,7; 1901: 19,1. (Quelle: Preußi­sche Statistik, Heft 176: Das gesamte niedere Unterrichtswesen 1901). Daran zeigt sich, dass die privaten Schulen sehr viel kleinere Klassen gehabt haben mußten. Dies bestätigte sich auch für die beiden Provinzen Hessen-Nassau (9,9 Schüler) und die Rheinprovinz (11,8 Schüler). Ähnlich wie bei den Volksschulen (s.u.) liegen die Werte für die privaten Institutionen sehr viel günstiger. Dies kann man erneut beobachten, wenn man die Zahlen für das höhere Mädchenschulwesen näher betrachtet:

Für die Privatschulen liegen nur vereinzelt Angaben vor, dennoch zeigt sich deutlich, dass sie günstigere Werte - auch bei Berücksichtigung der z.T. großen Unterschiede - aufzuweisen hatten. Unter Vernachlässigung der re­gionalen Unterschiede kann man beobachten, dass die höheren Mädchen­schulen günstigere Werte hatten als das mittlere Schulwesen generell. Ver­einzelt lagen die Werte sogar unter den besonders vorteilhaften des höheren Schulsystems. Preußen liegt mit 20,5 bei den öffentlichen und 19,4 bei den privaten gut im Mittelfeld.


Tabelle 2.13
Schüler-Lehrer-Relation des höheren Mädchenschulwesens im Deutschen Reich
(berechnet vom Autor nach Rethwisch, Lehmann & Bäumer, 1904, S. 423-426)
[5]
  ÖMS
PMS
Gesamt
1892
1902
1892
1902
1892
1902
Mecklenburg-Schwerin
10,3
11,0
Mecklenburg-Strelitz
21,3
20,3
Sachsen-Weimar
12,6
16,4
Oldenburg
16,8
19,8
10,2
14,8
Braunschweig
15,3
14,5
8,6
14,4
Sachsen-Meiningen
32,9
37,5
17,2
15,6
26,3
Sachsen-Altenburg
20,0
15,4
8,6
11,5
Sachsen-Coburg+Gotha
20,0
22,3
7,3
11,9
15,2
Anhalt
17,3
22,6
Schwarzburg-Sondersh.
11,6
13,5
Schwarzburg-Rudolstadt
8,4
12,6
Reuß ä.L.
11,0
15,0
Reuß j.L.
23,5
27,3
2,7
18,7
Schaumburg-Lippe
10,0
10,9
Lippe
13,6
17,1
7,1
12,1
Lübeck
17,1
17,2
Bremen
21,1
13,3
Elsaß-Lothringen
14,9
Preußen
20,5
19,4
10,7
13,2
Bayern
8,0
Sachsen
Württemberg
17,8
21,7
17,4
14,0
16,1
18,1
Baden
16,6
16,3
19,3
6,8
17,7
9,8
Hessen
33,9
28,3

Legende:

ÖMS Öffentliche höhere Mädchenschule

PMS Private höhere Mädchenschule

Sachsen-Weimar; Elsaß-Lothringen (1899); Bayern: ÖMS und PMS zusammen; Schaumburg-Lippe: Höhere MS



c) Das Volksschulwesen

Der Abschnitt dieses Kapitels zum Volksschulwesen folgt auf der nächsten Seite.




Ergänzungen[Bearbeiten]

  1. Leider gibt es aus unterschiedlichen Gründen noch keine Datenbank zu historischen Statistiken, wie man es aus anderen Forschungsgebieten gewöhnt ist. Die Schwierigkeiten sind von SIEGLERSCHMIDT (1988) zusammengefaßt.
  2. Es sollten ab 1901 alle 5 Jahre Erhebungen durchgeführt werden. Erst ab ca. 1950 liegen umfassende Daten vor. Die Bildungsstatistik ist deshalb heute auf einem recht hohen Stand, dennoch verwundert die Heterogenität der Darstellung der Zahlen der einzelnen Bundesländer.
  3. Es gibt eine weitere Ausnahme: Für das Königreich Württemberg ergibt eine Schulstatistik aus dem Jahre 1842 folgende Schüler-Lehrer-Relationen: Volksschule 75,8, Gymnasien 18,3, Lyceen 22,9, Lateinschulen 18,4, Realschulen (einschl. Oberrealschulen) 26,1 und Elementarschulen 33,0 (FRIEDRICH, 1978, S. 188).
  4. Diese Überfüllung der höheren Schulen (schon in den vierziger Jahren diskutiert, s.o.) wurde mehrfach offiziell angesprochen. KÜBLER nennt noch die Circular Verfügungen des Provincial-Schul-Collegiums zu Breslau vom 14.2.1872 und zu Stettin vom 3.12.1866, sowie die Ministerial Verfügung vom 24.2.1875 (KÜBLER, 1886, S. 154f).
  5. Die Zahlen von Hamburg und Sachen liegen ebenfalls vor, ließen sich aber nicht in die Tabelle aufnehmen, da nur einzelne Schulen spezifiziert waren. Die Werte liegen aber im Rahmen der tabellierten.



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