Klassengröße – gestern und heute/ 19. Jh.: Die Statistik c)

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c) Das Volksschulwesen[Bearbeiten]

Einschneidender Faktor in der Schulgeschichte des 19. Jahrhunderts war - wie schon ausgeführt - die Schulpflicht. Ihre Durchsetzung machte im 19. Jahrhundert erhebliche Fortschritte. HERRLITZ et al. (1981, S. 51f) geben nach der preußischen Schulstatistik für 1846 eine durchschnittliche Schulbe­suchsquote von 82% an, wobei sicher die Winter-Sommer-Unterschiede, auf die noch eingegangen wird, nicht berücksichtigt wurden.

Die Tabelle zeigt nach einer deutlichen Zunahme der Schüler-Lehrer-Re­lation bis 1858 eine Abnahme der Relationen bis 1911 (vgl. TENORTH, 1988, S. 150f). Der Sprung in der Anzahl der Schulen, Klassen und Lehrer zwi­schen 1864 und 1871 hing wohl primär mit der Angliederung weiterer Ge­biete (wie Hannover) an Preußen zusammen. Aus der Tabelle wird ersicht­lich, dass die Zahl der Volksschulen später seit der zweiten des 19. Jahrhun­derts wuchs, damit war auch ein Ansteigen der Zahl von Klassen und Leh­rern verbunden (CLAUSNITZER, 1891, S. 301f). Zu Bedenken ist allerdings auch hier, daß ab 1864 die Hilfslehrer in der Statistik mit berücksichtigt wurden. Bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges lag die Klassengröße bei durchschnittlich 50 Schülern pro Klasse. Etwas höher schätzt REUKAUF (1909) die Durchschnittszahl bzgl. der Schüler-Lehrer-Relation ein, aller­dings nur auf das ganze Deutsche Reich bezogen. Auf einen Lehrer seien 58 Schüler entfallen (1909, S. 332f).


Tabelle 2.14
Die öffentlichen Volksschulen in Preußen im 19. Jahrhundert [1]
Jahr
Schulen
Klassen
Lehrer
Schüler
Klgr
S-L
-Relation
1822
20440
20545
1427045
69
1825
20877
20944
1577999
75
1828
21328
21503
1791703
83
1831
21786
22211
1917934
91
1834
22420
23203
2102271
91
1837
22878
23781
2169247
91
1840
23323
24328
2224239
91
1843
23646
25150
2328146
93
1846
24044
25914
2433333
94
1849
24201
26249
2453062
93
1852
24637
26834
2583565
96
1855
24770
27659
2615382
95
1858
24923
28369
2719072
96
1861
25156
29533
2778208
94
1864
25056
30805
2825322
92
1871
33120
48211
3900655
81
1878
32299
59493
4272199
72
1882
33040
65968
59917
4339729
66
72
1886
34016
75097
64750
4838247
64
75
1891
34742
82746
71731
4916476
59
69
1896
36138
92001
79431
5236826
57
66
1901
36756
104082
90208
5670870
54
63
1906
37761
115902
102764
6164398
53
60
1911
38684
128725
117162
6572140
51
56

Quellen: HOHORST et al. (1987); FISCHER et al. (1982); TEWS (1914)
Legende: (ab 1864 einschl. Hilfslehrer).


Nach TENORTH (1988, S. 150) stiegen die Schülerzahlen in Preußen 1824 von 1,4 Millionen auf 4,2 Millionen (1878). Die Zahl der Schüler pro Lehrer zählt zunächst 68, sie verschlechtert sich mit der Durchsetzung der Schul­pflicht auf 90 im Jahre 1852 und liegt noch 1878 bei 74, bevor sie nach 1906 auf 56 Schüler pro Lehrer sinkt.

Da die Volksschulen nur zu 5% vom Staat, zu etwa 75% von den Ge­meinden und zu mehr als 20% durch Schulgelder der Eltern finanziert wur­den und die Gemeinden die dadurch und durch Bevölkerungswachstum an­steigenden Kosten nicht in gleichem Maße verstärken konnten, verschlech­terte sich die Schüler-Lehrer-Relation von 1:54 um 1816 auf 1:80 um 1846. Die Schüler-Lehrer-Relation ist zwar kein Hinweis über die Veränderung der Klassengrößen, aber es kann angenommen werden, dass auch die durch­schnittliche Klassengröße angewachsen sein muss. Dafür gibt es noch andere Indizien: Im Bayrischen Schulfreund des Jahres 1829 (Auszüge in PETRAT, 1979, S. 100f) erschien ein Artikel mit dem Titel "Neue, höchst vortheil­hafte Weise, die Schulzimmer zu beheitzen" von Stephani. Dieser schreibt auf Seite 5: "Nach der vorliegenden Zeichnung können in einem Lehrzim­mer von dieser Größe, welches nur gegen 40 bis 50 Kinder fasst, nun 20 Kinder mehr untergebracht werden."

Aus den frühen 19. Jahrhundert sind nur sporadisch Zahlen zum Schüler-Lehrer-Verhältnis bzw. zur Klassengröße überliefert. Zwei Tendenzen lie­ßen sich ausmachen: (1) in der ersten Hälfte des Jahrhunderts verschlechter­te sich die Schüler-Lehrer-Relation: "Mit der Steigung der Schülerzahl, die von 1816 bis 1846 allein in den Elementarschulen sich gut verdoppelte, konnte die Vermehrung der Lehrer, die in dieser Zeitspanne um 40% zu­nahm, nicht schritthalten. Die Folge war, dass um die Jahrhunderte in den preußischen Elementarschulen durchschnittlich nicht mehr 54, wie noch 1816, sondern 80 Kinder auf eine Lehrkraft kamen ..." (LESCHINSKY & ROEDER 1983, S. 145). (2) Bereits damals machte sich die Land-Stadt-Diffe­renz bemerkbar. Dazu TENORTH: "Die Lehrer-Schüler-Relationen sinken in den niederen Schulen auch in den Städten kaum unter 1:50; sie erreichen aber in den ländlichen Regionen Bayerns, Preußens oder Österreichs auch durchaus höhere Werte, etwa 1:116 im Regierungsbezirk Oppeln (1843) oder 1:330 in der Bukowina nach 1830" (TENORTH, 1987, S. 257).


Einige Einzelüberlieferungen aus ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sol­len das Bild abrunden:

HEPPE (1971, Band 5, S. 271) berichtet von unterschiedlichen Freischulen in der freien Stadt Hamburg im Jahre 1820. Als Normalzahl wurden ca. 60 Kinder pro Klasse angenommen, einige Schulen lagen aber bei knapp 100 Kindern pro Klasse.
Über eine Schule in Michelstadt (damals Großherzogtum Hes­sen-Darmstadt; 1817) berichtet HEPPE: Aus den Schullisten waren 60 arme Mädchen von 6 bis 14 Jahren zu Pflegetöch­tern der Anstalt ausgewählt und zugleich war bestimmt wor­den, dass die Austretenden immer wieder durch Neue ersetzt werden sollten. Die Mädchen wurden geprüft und in zwei Klassen geteilt. Die meisten verstanden von weiblicher Hand­arbeit eigentlich noch gar nichts" (HEPPE, 1971, Band 2, S. 75).
Aus der Anmerkung 2 in v. RÖNNE (1855, S. 236) geht hervor, dass im Jahre 1837 auf jeden Elementarschullehrer 79 Schul­kinder kamen. In der Anmerkung 3 auf derselben Seite findet sich der Hinweis, dass auf jeden Lehrer in Preußen 31 Schul­kinder gekommen waren.


Um und nach der Jahrhundertmitte, als die Industrialisierung und Urba­nisierung begann, "auf vollen Touren" zu laufen (take off-phase), blieb das Volksschulwesen - bezogen auf die Klassengröße - ein Stiefkind der Ent­wicklung.[2] Die Verhältnisse verbesserten sich selten, im Gegenteil ver­schlechterten sich oftmals. Comenianische Größenvorstellungen seien Wirk­lichkeit geworden, meint NICKLIS (1975, S. 315), besonders auf dem Lande, wo 120-200 auf einen Lehrer entfallen würden. Auf dem Lande saßen noch immer häufig um die 100 Kinder in einem Raum, eine Zahl, die im Sommer freilich wegen der Mithilfe der Kinder auf dem Feld oftmals um die Hälfte geschrumpft war. Zwei Beispiele sollen die Verhältnisse illustrieren:

FRIEDRICH PAULSEN (1846-1908) schrieb eine Kritik an einer Landschule um 1850 (abgedruckt in Scheibe, 1965, S. 13f). In dieser Kritik heißt es: "In der Oberklasse saßen wohl etwa 40 bis 50 Knaben und Mädchen, nach Bänken ge­trennt, in der Unterklasse mochten 60 bis 80 sein, Knaben und Mädchen in den Bänken durcheinander. So im Winter, im Sommer schmolz die Zahl auf die Hälfte und weniger zusammen. Der Unterricht geschah in der Weise, dass der Lehrer sich bald der einen, bald der anderen Klasse widmete, meist natürlich der Oberklasse; während dessen beschäftigte sich die andere Klasse still für sich ....".
Die Besuchszahlen im Winter 1851/52 für einzelne Lübecker Schulen hat HEPPE (1971, Band 5, S. 377f) zusammengestellt. Dabei schwankte die Schülerzahl von 18 bis 162, wobei einige Vergleichszahlen zum Sommer zeigen, dass im Sommer die Schülerzahlen radikal sinken. Allerdings war der bereits mehrfach erwähnte Schülerrückgang im Sommer den Lehrern gar nicht so unrecht. So findet man in der Pädagogischen Realencyclopädie folgenden Gedanken: "In mehren Schulen darf der Lehrer gar nicht wünschen, dass die Kinder ordentlich kommen möchten, weil dann die Zahl zu groß, die Arbeit zu lästig, der Raum zu eng werden würde, als dass mit Leichtigkeit und Freude gelehrt und gelernt werden könnte" (HERGANG, 1851, S. 403).
HEPPE (1971, Band 5, S. 450) berichtet von der Knabenvolksschule St. Georg in Wismar: "Die Schülerzahl war bereits gegen Ende des Jahres 1850 auf 200 ange­wachsen. Die Räumlichkeiten des Schulhauses reichten nur eben für soviele Schüler aus, und doch war mit Sicherheit vorauszusagen, dass mit Beginn des neuen Schuljahres, um Ostern ein bedeutender Zuwachs kommen werde. Es wurde ein Anbau am Schulhause geschafft, und zwar in solchem Umfange, dass zwei Zimmer - zu je 100 Kindern berechnet - hinzukamen, wodurch gleich für spätere Bedürfnisse gesorgt war."

Freilich waren die Klassen nicht überall derart überbesetzt. Unterschiede gab es bspw. in Baden im Hinblick auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis zwi­schen katholischen und protestantischen Schulen: "Es kommt also bei den Protestanten auf 90 Schulkinder ein Lehrer, bei den Katholiken auf 77 ein Lehrer" (HEPPE, 1971, Band 4, S. 289, für 1857).

Das war aber nicht durchgängig so, wie folgende Beispiele aus Trier zei­gen. Hier rangierten die katholischen Schulen am Ende der Skala. Nahezu ideale Verhältnisse für die damalige Zeit herrschten offenbar in den jüdi­schen Schulen:

Die durchschnittliche Klassengröße der Elementarschulen um 1840 lagen für den Bereich der Stadt Trier wie folgt (APEL & KLÖCKNER, 1886, S. 68):
- jüdische Schulen (Trier-Stadt):
33
- evangelische Schulen (Trier-Stadt):
69
- katholische Schulen (Kreis Bitburg):
82
- katholische Schulen (Kreis Prüm):
96

Eine leichte Verbesserung der Verhältnisse setzte erst um die Jahrhun­dertwende ein. Allerdings galten auch dann noch nach damaligem Maßstab (in Preußen) 10% der Klassen als überfüllt (REUKAUF, 1909, S. 335). Diese Zahl von 10% scheint im ersten Moment nicht sehr hoch, doch muss man sich vergegenwärtigen, dass der Maßstab selbst hoch angesetzt war: Als überfüllt gilt eine Klasse dann, wenn sie die vorgeschriebene Zahl über­schreitet (etwas, was heute gar nicht möglich ist).

Wie bereits betont, liegen für die Jahrhundertwende präzisere Angaben vor, die im folgenden analysiert werden sollen. Allerdings weise die Statisti­ken auch bemerkenswerte Lücken auf. Ein Beispiel sei genannt: "Über den Prozentsatz an Schülern, die unter damals wirklich einwandfreien äusseren Bedingungen hinsichtlich Klassenfrequenz und Schulaufbau die Volksschule besuchten, findet sich in den statistischen Übersichten auffälligerweise keine präzise Angabe" (LESCHINSKY & ROEDER, 1983, S. 153).

Gleichwohl zeigen die statistischen Überlieferungen, dass sich zumindest das Schüler-Lehrer-Verhältnis in den rund 50 Jahren zwischen 1864 und 1911 verbessert hat. Allerdings sind alle Zahlen mit großer Vorsicht zu be­trachten. Dies sei an einem Beispiel illustriert: "Weil die Zahl der Lehrer, z.B. in den Industriebezirken nicht ausreichte, half man sich vielfach da­durch, dass man die Zahl der Klassen in mehrgliedrigen Schulen erhöhte und dafür die Wochenstundenzahl der einzelnen Klassen herabsetzte; auch die Halbtagsschule, bei der zwei Klassen von einem Lehrer unterrichtet werden, die eine vormittags, die andere nachmittags, ist eine solche Noteinrichtung" (REUKAUF, 1909, S. 335).

TEWS folgerte 1911 aus seinen Recherchen: "Wir haben in Preußen etwa 6 1/4 Mill. Volksschüler. Für diese 6 1/4 Volksschüler haben wir 98.000 Lehrer. Das heißt, es kommt auf 63 Volksschüler etwa ein Lehrer" (in SCHEIBE, 1965, S. 43f)[3]

Welche Unterschiede die Veränderung in einzelnen Landesteilen aufwies, lässt sich aus folgender Statistik entnehmen.

Tabelle 2.15
Klassengrößen 1886 bis 1911 für die öffentlichen Volksschulen für Hessen-Nassau, Rheinprovinz und Pfalz
(freundlicherweise zusammengestellt vom Stat. Landesamt Rheinland-Pfalz)
Jahr
Hessen-Nassau
Rheinprovinz
Pfalz
1886
59,6
69,9
1891
53,4
65,9
1895
54,7
1896
51,0
62,8
54,6
1898
55,0
1901
50,1
60,8
1903
55,6
1906
49,3
59,3
1907
55,9
1909
56,3
1911
47,8 (26,0)
56,7 (22,2)
56,1

Legende: Zahlen in Klammern für 1911 für private Volksschulen


Erneut wird am Beispiel dieser Tabelle deutlich, daß es beträchtliche re­gionale Unterschiede gegeben hat. Es zeigt sich, daß die Zahlen für Hessen-Nassau und die Rheinprovinz gesunken sind, während sie in der Pfalz ziem­lich konstant blieben. Die privaten Volksschulen hatten 1911 erheblich klei­nere Klassen.

In Preußen gab es allerdings auch Schulen, in der mehr als 120 Schulkin­der auf eine Lehrkraft fielen. Allein in Posen gab es 262 Schulen, die eine derartige Lehrer-Schüler-Relation zeigten. Am besten schnitten die Stadt­staaten ab: Dies ist bemerkenswert, weil insbesondere Hamburg mehr Schulkinder hatte als jedes der deutschen Herzogtümer. Sehr ungünstig wa­ren die Verhältnisse durchgängig in den kleinen Fürstentümern (REUKAUF, 1909, S. 332f).

Statistiken über die anderen Länder des Deutschen Reiches liegen nur sehr sporadisch vor. Eigentlich gibt es nur noch ernstzunehmende Angaben des Herzogtums Sachsen-Meiningen um die Jahrhundertwende. In Sachsen-Meiningen waren die durchschnittlichen Klassengrößen geringer als in Preußen.

Für die Württembergschen Volksschulen ergaben sich folgende Schüler-Lehrer-Relationen (FRIEDRICH, 1978, S. 399):


Abbildung 2.2: Lehrer-Schüler-Relationen an Württembergischen Volksschulen



FRIEDRICH berichtete über das Volksschulwesen in Württemberg im 19. Jahrhundert und konnte die Klassengrößen der 32 Volksschulen des Ober­amtsbezirks Wangen referieren (1978, S. 51). Die Zahlen schwanken zwi­schen 30 und 160 Schülern, beim einem Mittelwert von 75 Schüler pro Klasse.

Interessant ist auch die Frage, ob es Korrelationen gibt zwischen der An­zahl der Schulstufen und den Klassengrößen. REUKAUF (1909, S. 135) bejah­te diese Frage. Es würden sich Unterschiede zwischen Schulen zeigen, je nachdem, wieviele Klassen sie hatten (in Preußen um die Jahrhundertwende zweiklassig, dreiklassig und mehrklassig) und wieviele Lehrer an dieser Schule vorhanden waren.

SCHWARTZ hat 1907 eine Untersuchung zur Organisation des Volks­schulwesens vorgelegt. Ihm ging es vor allem um den Vergleich der ver­schiedenen Organisationsformen der Volksschulen. Darunter war auch eine Analyse der durchschnittlichen Klassengrößen städtischer Schulen in Ab­hängigkeit von dem System der Volksschule (6-, 7- oder 8-stufig). Er kam für 1900/01 und 1902/3 zu folgender Aufstellung (SCHWARTZ, 1907, S. 55 und 120):


Tabelle 2.16
Klassengröße in Volksschulen mit unterschiedlicher Zahl von Stufen in ver­schiedenen Städten kurz nach der Jahrhundertwende
  1900/01 1902/03
6-stufig
Frankfurt/Oder
54,7
52,9
Magdeburg
50,1
48,6
Spandau
58,0
55,8
7-stufig
Bochum
50,6
63,1
Kassel
45,1
48,0
Charlottenburg
42,0
45,7
Dortmund
60,2
60,9
Erfurt
53,3
51,3
Essen
58,7
58,6
Hannover
55,2
52,6
Posen
53,2
50,6
Potsdam
50,2
57,3
8-stufig
Dresden
41,1
42,4
Freiburg
49,5
49,8
Karlsruhe
41,4
41,1
Mainz
52,8
52,8
Mannheim
45,2
43,8
Wiesbaden
57,6
55,6

Legende: Von SCHWARTZ sind nur die Zahlen der Städte übernommen, die für beide Jahre vorliegen.


Es ergab sich für die 6-stufigen generell ein Abnahme der Werte, für die 7-stufigen eine gemischte Veränderung, überwiegend allerdings eine Zu­nahme, die 8-stufigen blieben nahezu konstant, oder die Werte nahmen ab. Einige Städte (wie Berlin, Frankfurt/Main, Görlitz) hatten ihr System vom 6- bzw. 7-stufigen auf das 8-stufige umgestellt. Dies war mit einer Senkung der Werte über die 3 Jahre verbunden.

Obwohl die Zahlen keine klare Aussage zulassen, ist die Häufigkeit von 40-50 Schülern in den 8-stufigen Volksschulen auffallend. Greift man noch einmal Reukaufs Aussage über die besondere Überfüllung wenig-stufiger Volksschulen auf (s.o.), so erhärtet sich die Vermutung, dass jene Kommu­nen bzw. Schulen, die sich für ein 8-stufiges Schulsystem aussprachen, auch damit einer Überfüllung der Klassen entgegenzusteuern verstanden.

War vorhin von 10% Überfüllung der Volksschulklassen nach der Jahr­hundertwende die Rede, so verteilten diese sich alles andere als gleichmäßig auf Stadt und Land. 14% entfielen auf das Land und "nur" knapp 3% auf die Städte (REUKAUF, 1909, S. 335).

TEWS, der von den "verhältnismäßig guten Verhältnissen der Volksschu­len" 1911 sprach, prangerte um so mehr die Verhältnisse auf dem Land an: "Aber wenn man hinauswandert auf das Land und sieht dort Schulen, in de­nen einem Lehrer 120 Schüler - nicht etwa für kurze Zeit, sondern für die ganze Amtszeit - 150 Kinder zeitweise, Monate hindurch auch mehr als 150 Kinder anvertraute, da kann von irgendwelchem Unterricht gar nicht mehr die Rede sein. Das ist nicht mehr geistige Volksküche, sondern bitterste Hungersnot, unter der die Volksschule leidet. In einem Gymnasium sitzen oft nur 140 bis 170 Kinder und für diese Kinderzahl sind gewöhnlich 12 Le­hrer da; auf der Volksschulseite braucht man für diese Zahl viel öfter nur ei­nen einzigen!" (TEWS, in SCHEIBE, 1965, S. 43f).

Die Lage war allerdings noch schlimmer, als es durch die amtliche Stati­stik deutlich werden konnte: In der amtlichen Statistik wurden nämlich auch die nichtbesetzten Lehrerstellen mitgezählt. Man muss also davon ausgehen, dass die tatsächlichen Klassengrößen noch viel größer waren. Besonders un­günstig gestaltete sich die Lage in den Landschulen, nicht nur wegen der schlechten Finanzierung, sondern auch deshalb, weil 2/3 der unbesetzten Lehrerstellen auf Landschulen entfallen waren. In manchen Kreisen fehlten bis zu 15% der Lehrer. So kam es zu krassen Fällen, dass beispielsweise in der Provinz Posen ein Lehrer 15 Jahre lang 180 Kinder zu unterrichten hatte (REUKAUF, 1909, S. 336). Schon damals wollten Lehrer nicht auf das Land.

Wie überfüllt gerade ländliche Schulen waren, geht auch indirekt aus der Tatsache hervor, dass die sog. Zwergschulen als Ausreisser den Mittelwert beträchtlich verschoben haben müssen. Es gab auf dem flachen Land und im Gebirge viele Zwergschulen, die teilweise weniger als 20 Kinder hatten.Unter Berücksichtigung dieser sehr geringen Zahl der Schüler und der Größe der durchschnittlichen Klassen muss es zahlreiche Schulen gegeben haben, die als überfüllt gelten konnten. Es sei noch angefügt, dass Schulen nach dem Ministerialerlaß vom 10.4.1869 dann erhaltungswürdig waren, wenn sie mindestens 20 Schüler hatten, zumal wenn die Entfernung zur nächsten Schule mehr als eine halbe Stunde war (PETERSILIE, 1897, Band II, S. 112).

Im Vergleich zu den öffentlichen Volksschulen schnitten die privaten un­gleich besser ab: Für Preußen sind folgende Zahlen für die private Volks­schule überliefert: 1891: 27,6; 1896: 28,1; 1901: 26,1. Die Werte liegen also erheblich niedriger als die der öffentlichen Volksschulen (Quelle: Preußi­sche Statistik, Heft 176: Das gesamte niedere Unterrichtswesen 1901).


Abschließend sei auf den internationalen Vergleich verwiesen: In Tab. 2.17 sind die Klassengrößen um die Jahrhundertwende aufgelistet.

Es zeigen sich deutliche Unterschiede. Die deutschen Staaten lagen kei­neswegs an der Spitze, im Gegenteil, eher im Mittelfeld. Allerdings müssen die Verhältnisse in England noch schlimmer gewesen sein. Vorbildlich sind die Länder Frankreich, USA, aber auch die Niederlande, Argentinien und Ir­land.


Tabelle 2.17
Klassengrößen der Volksschulen um die Jahrhundertwende im internationa­len Vergleich (REUKAUF, 1909, S. 331)
Staat
Jahr
Klassengröße
England
1894
103
Finnland
1893
89
Schottland
1894
79
Baden
1890
75
Dänemark
1880
67
Preußen
1896
66
Hessen
1894
62
Spanien
1885
61
Sachsen
1894
55
Viktoria
1891
52
Belgien
1894
51
Serbien
1891
51
Norwegen
1892
50
Schweden
1893
49
Rumänien
1892
48
Italien
1894
46
Japan
1890
46
Frankreich
1894
41
Niederlande
1884
39
Argentinien
1893
37
USA
1894
36
Irland
1894
30

Soweit zu den Berichten über die Lage der Volksschulen in Preußen und anderen Ländern des Deutschen Reiches. Der Schultyp Volksschule selbst wurde nicht so engagiert diskutiert wie das höhere Schulwesen. Allerdings gab es auch Ausnahmen. REUKAUF z.B. hat die Zahl 40 nach wie vor als Zielvorgabe im Kopf, wenn er beklagt, wieweit Deutschland noch von dem früher geforderten Ideal entfernt ist, "wonach keine Klasse über 40 Schul­kinder zählen sollte" (1909, S. 342).


Bleibt als Fazit: Auf dem Lande hat es vielfach im gesamten 19. Jahrhun­dert keine wesentlichen Verbesserungen des Volksschulwesens gegeben, in den Städten wohl schon, vor allem seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhun­derts, verstärkt in den Jahren nach der Jahrhundertwende.



d) Das Sonderschulwesen

Der Abschnitt d) dieses Kapitels zum Sonderschulwesen folgt auf der nächsten Seite.

Ergänzungen[Bearbeiten]

  1. Es wurde bereits im ersten Kapitel erwähnt, daß Klassengröße mit Lehrer-Schüler-Relation nicht unbedingt identisch sein muss. Die Angaben, die für das Deutsche Reich vorliegen, sind ausschließlich Lehrer-Schüler-Relationen, so dass sich die Frage stellt, ob diese wirklich mit den Klassengrößen identisch sein kann. Diese Frage kann für die Volksschulen positiv beantwortet werden aufgrund einer Tabelle bei TEWS (1909, S. 472), in der das Verhältnis zwischen Schulklassen und Lehrer enthalten ist. Von 1896 bis 1906 ist das Verhältnis so gut wie 1:1.
  2. Die Klassengröße von Volksschulen in der Schweiz um 1850 herum mssß bei 60-80 Schülern herum gelegen haben. (Diese Angaben sind in dem Jahrbuch für Lehrer aus dem Jahre 1853 enthalten; Diesterweg, 1853).
  3. Johannes TEWS (1860 bis 1937) war ein Lehrer aus Pommern, später Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung (von 1891-1933) und führendes Mitglied des Deutschens Lehrervereins. Er gehörte zu den maßgeblichen Vertretern der Einheitsschule (FABRY, 1989). Auf einer Tagung des Goethebundes in Berlin (Dezember 1911) hielt er einen Vortrag über die neue deutsche Volksschule (abgedruckt in SCHEIBE, 1965, S. 43f).




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