Sozialklima von Gruppen: Interaktions-psychologische Ansätze

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Der interaktions-psychologische Ansatz (Interaktionismusdebatte)[Bearbeiten]

Ein letzter Blick bezüglich der Erklärung der individuell-subjektiven Wahrnehmung der Lernumwelt richtet sich nicht auf eine Theorie, die weitgehend an einen Autor oder eine Autorengruppe gebunden ist, sondern auf eine ganze Diskussionsperiode, nämlich auf die Interaktionismusdebatte.


"Es ist eine klassische Frage der Psychologie, in welcher Weise und in welchem Masse ein gegebenes Verhalten durch die aktuelle Situation zustande kommt oder aber von überdauernden, stabilen Personenmerkmalen abhängig ist". Diese Einleitung von HOEFERT (1982b; vgl. PEKRUN, 1983, 166) kennzeichnet eine langjährige Tradition innerhalb der Psychologie (abgesehen von der 'interactional pedagogy' des R.E.CLARK (1982)). Diese Tradition ist allerdings eher durch die erwähnte Frage, weniger durch befriedigende Antworten bekannt geworden. Wenn HOEFERT - wohl durch EKEHAMMAR (1974) inspiriert - auf KANTOR, KOFFKA, LEWIN und MURRAY als die 'Vorarbeiter' dieser Tradition verweist, die den "offenbar denkmöglichen Rahmen" abgesteckt hätten, so erwähnt er nicht diejenigen Psychologen wie ALLPORT, CATTEL und andere, die die Psychologie durch ihren ausschließlich eigenschaftszentrierten Ansatz behindert haben, gegen den sich für damalige Verhältnisse kritische Psychologen ja erst einmal durchsetzen mussten. Die eigenschaftszentrierte Psychologie war (und ist?) zumindest im empirischen Bereich dominant (ENDLER, 1977), auch wenn CRAIK (1976) fordert, dass die Umwelt auch in der Persönlichkeitspsychologie berücksichtigt werden muss.


Im folgenden werden die drei Konzeptionen (Personalismus, Situationalismus, Interaktionismus) eingehender betrachtet. (Zu den historischen Quellen siehe HOEFERT (1982), EKEHAMMAR (1974) sowie SELLS (1963).)



a) Der Personalismus

Man kann nicht sagen, dass es 'den' personalistischen Ansatz gibt, vielmehr steckt dahinter eine lange Tradition vielfältiger Auffassungen innerhalb der Persönlichkeitspsychologie, denen allen eine Grundannahme gemeinsam ist: Manifestes Verhalten ist eine wesentliche Funktion von stabilen, latenten Merkmalen (Traits). Traits sind in erster Linie hypothetische Konstrukte und dienen der umfassenden Beschreibung von beobachtbaren Verhaltensweisen. Diese 'Zwei-Schichten-Auffassung' (HERRMANN, 1969, 1980) hat ihre methodische Parallele in Faktoren- oder Pfadanalysen mit latenten Variablen (wie z.B. LISREL), wobei folgende Gegenüberstellung gilt:


    Manifeste     →     beobachtbares

    Variable                Verhalten


    latente         →     Hypothetisches

    Variable                Konstrukt

                                (Trait: Eigenschaft)


Die Gesamtheit der latenten Variablen (Traits) ist per definitionem (HERRMANN, 1969) die Persönlichkeit. Verhalten ist dabei relativ stabil. Dem liegt die Annahme der relativen Konsistenz (s. Abb. 2.16, Typ C) zugrunde.


Die empirische Forschung konnte zwar diese auf Dauer bestehenden Traits nachweisen, dies liegt aber daran, dass die Verhaltensvariabilität zwischen den Situationen folgendermaßen erklärt wurde: Fehlende Konsistenz auf Verhaltensebene muss ja nicht gleichzeitig fehlende Konsistenz auf der latenten Ebene bedeuten. WAKENHUT (1978, 73) schließt daraus, dass auf diese Weise personalistische Ansätze empirisch nicht widerlegt werden können.


WAKENHUT (1978) macht deutlich, wie stark diese Persönlichkeitsauffassung die Methodenentwicklung, insbesondere innerhalb der klassischen Testtheorie, beeinflusst hat. Das erste Axiom der klassischen Testtheorie ist das Datenmodell (KRANZ, 1981):


    


wobei = der beobachtete Wert = manifeste, beobachtbare Variable

= der wahre Wert = hypothetisches Konstrukt, Trait, latente Variable

= der Fehler (besser: ungeklärter Anteil)


In t und T ist also eindeutig die Zwei-Schichten-Auffassung nach HERRMANN (1969) impliziert. e wird - wie auch bei KRANZ - als Fehler bezeichnet. Damit wird also intraindividuelle Variabilität (die ja so etwas wie einen spezifischen Situationseinfluss darstellen könnte) als unerwünschter Anteil im Sinne des traitzentrierten Ansatzes bezeichnet.


Es kommt noch ein Problem hinzu:

Relative Konsistenz ist nur durch das Hinzuziehen mehrerer Personen bezüglich eines (oder mehrerer) Traits überprüfbar. Theoretisch sind Traits aber für ein einzelnes Individuum definiert. Diese Art der Definition erscheint unter Hinzuziehung unseres Alltagswissens auch plausibel: Wenn man eine einzelne Person über lange Zeit kennt, kann man Verhaltenskonsistenzen benennen (= Eigenschaften).


Hier wird wieder ein unvereinbares Theorie-Methode-Verhältnis innerhalb des Personalismus aufgezeigt. WAKENHUT zeichnet schärfer: "Akzeptiert man die Annahme, dass Verhalten situationsspezifisch ist, so erübrigt sich eine Persönlichkeitsforschung im herkömmlichen Sinn." (1978).


Die interaktionistische Kritik an den eigenschaftszentrierten Ansätzen zielt "in erster Linie auf die dort behauptete zeitliche und transsituationale Konsistenz oder Stabilität" der jeweiligen Eigenschaften (HOEFERT, 1982, 14). Die wesentlichsten Kritikpunkte dieser Konsistenzannahme lassen sich wie folgt zusammenfassen:


  1. Die durch eigenschaftszentrierte Untersuchungen aufgeklärte Verhaltensvarianz ist äußerst gering (vgl. SARASON et al. 1975; MISCHEL, 1968)
  2. Die durch Beobachtung erhobenen Ergebnisse über Verhaltenskorrelate unterliegen häufig den kognitiven Konstruktionen des Beobachters (BOWERS, 1973; MISCHEL, 1973a)
  3. Wenn in eigenschaftszentrierten Ansätzen situative Einflüsse doch als wichtig erkannt werden, so werden diese in der methodischen Umsetzung stark vernachlässigt.


Die alternativen Vorgehensweisen zum "Mythos der personellen Konsistenz" (HUNT, 1975) werden noch ausführlicher dargestellt (Eine gute Zusammenfassung dazu lieferte HOEFERT, 1982).


Als "Achillesferse der Eigenschaftstheorie" bezeichnet HECKHAUSEN (1980, 9-13) die angenommene Konsistenz über Situationen hinweg. Diese sei nur deshalb möglich gewesen, weil die 'Unterschiedlichkeit von Situationsgegebenheiten' (1980, 11) bei den Schlussfolgerungen so blass geblieben seien.



b) Der Situationalismus

Der Situationalismus, ebenso wie - quasi als Synthese - der Interaktionismus ist durch seine Kritik an eigenschaftszentrierten Ansätzen entstanden. Ansatzpunkt der kritischen Auseinandersetzung ist die Frage, inwieweit Verhalten über Situationen hinweg konsistent ist.


Verhalten ist beim situationalistischen Ansatz ausschließlich von äußeren Faktoren determiniert:


    


Der Situationalismus hat - abgesehen von dem klassischen Behaviorismus (vgl. SKINNER) - kaum einen Einfluss auf die Persönlichkeitsforschung gehabt. Dies lag vorwiegend daran, dass sich der Situationalismus nicht bewähren konnte, was beim Personalismus (s.o.) aufgrund des Datenmodells der klassischen Testtheorie möglich war. Die Erklärung interindividueller Variabilität konnte bei der Annahme, dass Verhalten von außengelagerten Faktoren abhängig ist, nicht gelingen. Auf der Suche nach Erklärungsansätzen wandelte sich schließlich MISCHEL (1968 noch engagierter Situationalist) bis 1973 zum differenzierten Verhaltenstheoretiker. Im Rahmen des behavioristischen Ansatzes zeigte sich allerdings, dass in Teilbereichen Verhalten durchaus rein situationsabhängig erklärt werden kann. Aber auch hier bewährte sich der SKINNERsche Optimismus nicht.


Ebenso wie der personenzentrierte Ansatz konnte sich der Situationalismus nicht durchsetzen. Es blieb der mühsame Versuch eines Kompromisses - in Form des sog. Interaktionismus. WALTER fordert, dass "wir uns nicht voreilig zu einem einseitigen Soziologismus, Psychologismus oder sonstigem -ismus hinreißen lassen" (1972, 426; "Interactionism - like any other '-ism'...", ALKER, 1977)). Dieser Wunsch ist bei der Zuweisungs- und Kategorisierungstendenz innerhalb der Wissenschaft kaum einzuhalten. Deshalb seien im weiteren die herkömmlichen Begriffe - bei aller Vorsicht - weiter verwendet.



c) Der Interaktionismus

Man kann also grob drei Ansätze voneinander unterscheiden, die die 'klassische Frage' zu beantworten suchen: den Personalismus, den Situationalismus und den im folgenden zu diskutierenden Interaktionismus (VORWEG, 1980b). Der erste ist nahezu identisch mit dem eigenschaftszentrierten Ansatz innerhalb der Psychologie, der zweite erklärt menschliches Verhalten als allein durch situative Faktoren bestimmt, der letzte versucht sich an einem durch Wechselwirkungen gekennzeichneten Erklärungsmodell. ARGYLE & LITTLE (1972) referieren vier Typen der Variabilität menschlichen Verhaltens, an denen die drei Grundkonzeptionen verdeutlicht werden können(s. Abb. 2.16).


Abb. 2.16: Vier Arten der Variation zwischen Person und Situation (n. ARGYLE & LITTLE, 1972; Abzisse: Ausprägung des Verhaltens)


Typ A ist dadurch gekennzeichnet, dass die Personen sich in verschiedenen Situationen konstant verhalten. Es liegt damit eine absolute Konsistenz des Verhaltens vor. (vgl. ENDLER, 1977; MAGNUSSON, 1982; MAGNUSSON & ENDLER, 1977). In Typ B liegt exakt der umgekehrte Fall vor (absoluter Situationalismus). Bei Typ C und D haben sowohl Person als auch Situation einen Einfluss auf das Verhalten, wobei bei Typ C die Rangfolge der Personen in einer Situation gleich bleibt (relative Konsistenz). Erst bei Typ D ist ein Interaktionismus voll erreicht (Kohärenz).


Handlungen lassen sich demnach durch drei Beurteilungsdimensionen erklären (HECKHAUSEN, 1980,4f):

  • durch den Vergleich mit anderen Personen auf Übereinstimmung des Handelns (individuelle Unterschiede),
  • durch den Vergleich mit anderen Situationsanlässen auf Übereinstimmung des Handelns (Gleichartigkeit über Situationen hinweg), und
  • durch den Vergleich mit früheren gleichen Situationsanlässen auf Übereinstimmung des Handelns (Stabilität über die Zeit hinweg).


Die dritte Beurteilungsdimension ist bei ARGYLE & LITTLE (1972) nicht berücksichtigt, kann aber den Typen der Variabilität logisch äquivalent sein, wenn man die Situation 1-3 als zeitlich hintereinanderliegend, aber inhaltlich gleich, definiert.


Die jahrzehntelange Resistenz der Psychologie gegenüber interaktionistischen Ansätzen führt HUNT (1975) darauf zurück, dass 'Interaktionismus' zu restriktiv definiert wurde. Damit trifft er einen ganz wichtigen Punkt hinsichtlich der sog. statistischen Interaktion. Aber es liegen andere Definitionen von Interaktion vor, die vor allem von ENDLER und EDWARDS (1978), OLWEUS (1976) und PERVIN (1978) zusammengestellt wurden und die nicht restriktiv statistisch sind (s.a. BRAUNS, 1982). HOLLING (1982, 186 ff.) unterscheidet den mechanistischen Interaktionismus vom dynamischen Interaktionismus (s.a. ENDLER & EDWARDS, 1978; PAWLIK, 1982).


Das mechanistische Modell entspricht weitgehend dem statistischen - varianzanalytischen - Interaktionsbegriff. Dies hängt eng mit der Forschungstradition zusammen, in der vorwiegend Varianzanalysen gerechnet wurden. Verhaltensvarianz wurde erklärt durch den Faktor Person, durch den Faktor Situation und durch die Wechselwirkung beider. So entstand jenes Modell, das bald theoretisch überholt sein sollte und empirisch - so OLWEUS (1976) - recht schnell in einer Sackgasse gelandet ist. OLWEUS kritisiert besonders das methodische Vorgehen (Varianzanalyse) und folgert daraus, dass die Frage nach den Erklärungsanteilen inhaltlich unlösbar ist (vgl. SCHMALT & SOLOKOWSKI, 1982) ROTTER bezeichnet die ganze Frage als Pseudoproblem (1981, 174). Diese Kritik stimmt sicherlich für das mechanistische Modell, nicht hingegen für das sog. 'dynamische Modell', das derzeit noch befruchtend wirkt (s. WAKENHUT, 1978, 89).


Mit dem dynamischen Modell ist die Frage, ob eine Interaktion überhaupt vorliegt, durch die Frage, wie diese denn abläuft, verdrängt worden. Das mechanistische Modell mit dem statistischen Interaktionsbegriff ist durch die dynamische Sichtweise abgelöst.


Dieses dynamische Modell ist durch zwei Ebenen charakterisiert:

  • die Interaktion zwischen den Situationen,
  • die Interaktion innerhalb einer Situation (HOLLING, 1982).


Interaktionen zwischen Situationen finden über die Person statt, denn diese begibt sich aktiv in bestimmte Situationen, die wiederum auf die Person in bestimmter Weise wirken. Situationen treten also nicht zufällig auf. Allerdings ist diese Einsicht nicht neu. Einer der eigentlich typischen 'Eigenschaftstheoretiker' (CATTELL) hatte auf diesen Tatbestand auch schon hingewiesen: "Persönlichkeit kann als das Verhalten eines Menschen in einer bestimmten Situation definiert werden."(1973, 29).


Mit der Interaktion innerhalb einer Situation sind die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Reizen, den mediativen Prozessen in der Person und dem daraufhin folgenden Verhalten gemeint, wobei das Verhalten seinerseits wieder Situationsreize hervorruft. Dieser Sachverhalt wird als 'reziproker Interaktionismus' (PEKRUN, 1983, 169f) bezeichnet und lässt sich wie folgt darstellen.


Abb. 2.17: Der reziproke Interaktionismus



Im folgenden sollen zusammenfassend und akzentuiert die Merkmale des Interaktionismus dargestellt und die Abgrenzung zu den beiden anderen Ansätzen vollzogen werden. Die wichtigsten Aussagen des Interaktionismus sind wie folgt formuliert (BECKER, 1980; BOWERS, 1973; ENDLER, 1977; ENDLER & MAGNUSSON, 1976a,b ; FURNHAM & ARGYLE, 1981; HERRMANN, 1980; HUNT, 1975; MAGNUSSON, 1974; VORWEG & SCHRÖDER, 1980):

  1. Das Verhalten wird durch einen kontinuierlichen Prozess der Interaktion zwischen Person und Situation determiniert.
  2. Das Individuum ist in diesem Prozess ein intentional und aktiv handelndes.
  3. Bei der Interaktion sind mediative Prozesse von entscheidender Bedeutung.
  4. Die subjektive Bedeutung der Situation für das Individuum ist eine wesentliche Verhaltensdeterminante.


Die Punkte 1) und 2) sind für das mechanistische, nicht aber für das dynamische Modell notwendig und hinreichend. Die Punkte 3) und 4) charakterisieren das dynamische Modell der Interaktion. Dabei fällt besonders Punkt 4) ins Auge: Hier wird die theoretische Anknüpfung des Interaktionismus zur Sozialklimaforschung offenbar.


Wie aber stellt sich diese Interaktion dar? GEBERT & ROSENSTIEL (1981, 14) sehen die Interaktion von Person und Situation vorwiegend über die Handlung vermittelt:


         Person → Handlung → Situation


Handlung wird daher definiert als das 'aktuelle Erleben und Verhalten' der Person. LANTERMANN formuliert diesen Gedanken in LEWINscher Notation: Aktuelles Verhalten (V) einer Person (P) in einer aktuellen Umgebung (U) ist eine Funktion (f) einer handlungskonditionalen Interpendenz von personalen und Umgebungsfaktoren (1982b, 44). LANTERMANN bestätigt nach empirischen Untersuchungen, dass auf der Personen-Seite die Situationswahrnehmung "von ausschlaggebender Bedeutung zur Evozierung von Verhalten ist" (1982b, 53).


MAGNUSSON (1982) kennzeichnet die Situationswahrnehmung als den wichtigsten Bestandteil der dynamischen Interaktion überhaupt. Die theoretische Konsequenz aus dieser Annahme ist, dass das Verhalten allein nicht mehr Gegenstand der Analyse sein kann, sondern dass mediative Prozesse eine zentrale Rolle im dynamischen Interaktionismus spielen müssen. HOLLING (1982), ENDLER (1977) sowie HOEFERT (1982) unterscheiden aus diesem Grunde zwei Ebenen der Konsistenz:

  • die Verhaltens- oder Reaktionskonsistenz (reaction level)
  • und die Konsistenz bei mediativen Prozessen (mediating level)


Vorbereitende Arbeiten zur Synthese beider Ebenen sind bei PEKRUN (1983) zu finden.


Der Interaktionismus blieb von Kritik nicht verschont. Der härtesten Kritik ist er durch den eigenschaftstheoretischen Ansatz ausgesetzt. Im deutschsprachigen Raum traten dabei besonders die Arbeiten von BUXBAUM (1981) und HERRMANN (1980) in den Vordergrund. Sie kritisieren vor allem die mechanistische Auffassung des Interaktionismus. Da dieses ältere Modell aber innerhalb des Interaktionismus durch eine dynamische Sichtweise abgelöst wurde, greift insbesondere die Kritik von BUXBAUM nicht mehr. Der Kritiker benennt Defizite, die spätestens von MAGNUSSON und ENDLER (1977) kompensiert wurden. (Deshalb sei hier auf die Originalliteratur verwiesen, sie hat nur noch historischen Wert (BUXBAUM, 1981; GOLDING, 1975; HECKHAUSEN, 1980; HERRMANN, 1980; OLWEUS, 1976; VORWEG, 1980b).)


Der dynamische Interaktionismus wurde seitens der Vertreter eines eigenschaftszentrierten Ansatzes bisher noch nicht derart vehement angegriffen. Dies mag wohl daran liegen, dass der Interaktionismus neuerer Prägung seinerseits auch in seiner Kritik an den eigenschaftstheoretischen Ansätzen nachgelassen hat. Die besondere Betonung mediativer Prozesse trug wohl zusätzlich zu einer Entschärfung zwischen den genannten Positionen bei. Zudem ist der neuere Interaktionismus auch schlecht angreifbar, da er sehr abstrakt formuliert ist (vgl. MITTENECKER, 1982) und auch kaum Einfluss auf die empirische Forschung hat (vgl. dazu die Kritik bei PEKRUN, 1983, 170). Dies war bei der mechanistischen Sichtweise durch die direkte Ankoppelung an die Varianzanalyse nicht der Fall.


Dem frühen Interaktionismus kann man sicherlich vorwerfen, zu einer Simplifizierung beigetragen zu haben, indem er eine künstliche Trichotomie Personalismus-Situationalismus-Interaktionismus konstatierte, die sich zu einem 'Geschichtsklischee' verdichtete (HERRMANN, 1980). Aber dadurch wurde auch eine Art 'Ordnungsfunktion' (HOEFERT, 1982) ausgeübt, die die wissenschaftliche Diskussion aufgrund ihrer Stereotypisierung angeregt hat. Die Bedeutung von Umwelt, Situation und Stimulus konnte nur so der traditionell gewichtigen Eigenschaftspsychologie entgegengesetzt werden.

PLAUM (1981) wirft den Vertretern des Interaktionismus vor, keine grundlegenden methodischen Neuerungen vorgestellt zu haben. Darüber hinaus seien sie sogar weit hinter LEWIN zurückgeblieben. In der gesamten Diskussion um die Interaktion zwischen Person und Umwelt sei der Entwicklungsaspekt völlig außer acht gelassen worden. Man sollte die Vertreter des Interaktionismus fragen, ob die dynamische Konzeption für die gesamte Lebensspanne gilt oder ob es entwicklungsabhängige Unterschiede gibt.


Einen Ansatz dazu liefert BRONFENBRENNER. Für ihn ist die Interaktion von Person und Umwelt abhängig von dem Entwicklungsstand der Person. Die im dynamischen Interaktionismus zugrundegelegte Wechselwirkung entsteht erst allmählich (1981, 19). Die Umwelt wird im Laufe der Entwicklung zunehmend komplexer, und es treten zunehmend Bereiche hinzu, die nicht unmittelbar handlungsrelevant sind. Es scheint sicher, dass die Konzeption einer 'Ökologischen Entwicklungspsychologie' ihre Berechtigung hat.


Die Bedeutung der bisher dargestellten Theorien für die Sozialklimaforschung ist verschieden stark, sie alle zeigen aber, dass die Beschäftigung mit der Umwelt als Erklärungshilfe für menschliches Verhalten notwendig ist. Alle diese Theorien geben aber kaum Hinweise darauf, warum die Umweltwahrnehmungen zwischen Personen unterschiedlich ausfallen können. Es liegt die Vermutung nahe, dass Aspekte der Sozialisation hier weiterhelfen können. Wahrnehmungsunterschiede werden sicher durch bisher Erlerntes begründet werden können. Ob diese Vermutung richtig ist, soll im nächsten Abschnitt unter Einbeziehung sozial-kognitiver Lerntheorien geklärt werden.





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