Sozialklima von Gruppen: Theoretische Ansätze

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Eine Systematisierung von Forschungstraditionen[Bearbeiten]

Es entstanden im Laufe dieses Jahrhunderts verschiedene theoretische Ansätze, um situationsabhängiges, menschliches Verhalten zu erklären. Diese wurden durch den recht allgemein formulierten Willen geleitet, geeignete Erklärungen für das Zusammenwirken zwischen Umwelt und Mensch zu finden. SPROUT & SPROUT (1971) kennzeichnen diese lose Klammer wie folgt: Die Rahmenbegriffe jeder ökologischen Aussage sind 'Umwelt', die 'Einheit innerhalb ihrer Umwelt' und die gegenseitigen Beziehungen zwischen diesen beiden. Dieses umfassende Forschungsgebiet zeichnet sich wie wenig andere durch ein hohes Ausmaß von Interdisziplinarität aus. Ein eindeutiges Zuordnen zu Wissenschaftsdisziplinen wie Pädagogik, Psychologie, Soziologie oder Anthropologie erscheint deshalb nicht sinnvoll. Es ist aber wegen der Fülle der vorliegenden Arbeiten zweckmäßig, eine Systematisierung unabhängig von den traditionellen Disziplinen zu finden, u.a. auch schon mit der Absicht, umwelttheoretische Ansätze, die wenig zum Sozialklimaansatz beitragen können, von vorneherein auszuschalten.


Ein Versuch wurde von MEISTER (1978, 551) vorgestellt. Er unterscheidet vier Betrachtungsweisen:

  • a) die globale Wahrnehmung und Einschätzung von Lernumwelten,
  • b) die Einschätzung einzelner Aspekte oder Komponenten,
    • c) Feststellung und Messung durch objektive Beobachtung einzelner Merkmale der Lernumwelt,
    • d) Feststellungen über Merkmalsvergesellschaftungen (z.B. Summenwerte, Faktoren-strukturen u.ä.).


Diese Einteilung wird der Komplexität des Gegenstandes nicht gerecht, da Methodenanwendungen (siehe d), globale vs. spezifische Einschätzung (siehe a und b) sowie objektive vs. subjektive Sichtweise (siehe a, b vs. c) vermengt werden. Bei dem Systematisierungsversuch MEISTERs wird deutlich, nach wie vielen Kriterien man systematisieren könnte. Eine Klärung durch ein einzelnes Kriterium muss daher unbefriedigend bleiben.


Es liegen neben MEISTER noch weitere Systematisierungsversuche vor (FURNHAM & ARGYLE, 1981; MOOS, 1973, 1974a; SCHREINER, 1973; WALTER, 1972). Vorab sei festgestellt, dass die Trennungen in diese Versuche künstlich ist, so dass es zu Überschneidungen kommen muss. Im folgenden seien die Ansätze der genannten Autoren zusammengefasst:


Demographischer Ansatz:

Hierbei wird davon ausgegangen, dass sich Umwelt durch die Eigenschaften der in dieser Umwelt befindlichen Personen charakterisieren lässt. Typische Merkmale dieser Personen sind etwa: Alter, Geschlecht, sozio-ökonomischer Status, Fähigkeiten, u.s.w.


Ökologischer Ansatz:

Im Rahmen dieses Ansatzes wurden überwiegend folgende Aspekte von Umwelt erfasst: a) meteorologische und geographische Variablen, b) Variablen der physikalisch gestalteten Umwelt.


Organisationsstruktureller Ansatz:

Es wird angenommen, dass das Verhalten der Menschen von bestimmten strukturellen Dimensionen der Organisation beeinflusst wird. Solche Dimensionen sind etwa: Beschäftigungsverhältnisse, Verdienstmöglichkeiten, Kontrollmaßnahmen, Merkmale der formellen Interaktionen und Kommunikationsstruktur.


Sozial-perzeptiver Ansatz:

Umwelt wird hierbei durch die Wahrnehmung der in dieser Umwelt befindlichen Menschen charakterisiert.


'Behaviour-setting'-Ansatz:

Dieser durch Roger BARKER begründete Ansatz konzeptualisiert Umwelt als ökologische Einheiten ('settings'), die sowohl Umwelt- als auch Verhaltensdeterminanten aufweisen.


Funktionale bzw. Verstärkungseigenschaften von Umwelten:

Grundannahme hierbei ist, dass Menschen ihr Verhalten von Situation zu Situation vor allem als Funktion der jeweiligen Verstärkungskonsequenzen ändern.


Soziometrischer Ansatz:

Hier werden Merkmale der informellen Interaktions- und Kommunikationsstruktur untersucht (z.B. Cliquenformation, Statusdefinitionen).


Interaktionsanalytischer Ansatz:

Gegenstand der Analyse ist hier die Häufigkeit und Intensität bestimmter Merkmale der Interaktion zwischen Lehrer und Schülern und zwischen Schülern untereinander (z.B. akzeptierende vs. tadelnde Äußerungen u.s.w.).


Psychoanalytischer Ansatz:

Das Verhältnis von Lehrer und Schüler wird in Begriffen von 'Übertragung', 'Abwehrmechanismen', 'unbewussten Konflikten' usw. analysiert.


Psychometrischer Ansatz:

Im Zentrum der Analyse stehen Variablen wie Intelligenz, Leistungsmotiv, Konzentrationsfähigkeit u.s.w.


Interaktionale Psychologie:

Dieser durch die Interaktionismusdebatte bekannte Ansatz steht kennzeichnend für die Frage nach einer Wechselwirkung von Person und Umwelt.


Symbolischer Interaktionismus:

Dieser originär soziologische Ansatz geht von den Bedeutungen der Dinge aus und ist wohl der früheste, der die subjektive Struktur von Umwelt berücksichtigt hat.


Die verschiedenen Ansätze zeigen durch ihre verschiedene Bedeutungsweite, wie schwierig es ist, Umweltforschung zu partialisieren. Auf den ersten Blick wird deutlich, dass nicht alle Ansätze zur theoretischen Fundierung des Sozialklimas beitragen können. Aus diesem Grunde wurden für die nähere Darstellung einige wesentliche Ansätze ausgewählt, die die subjektive Bedeutung der Situationen in ein theoretisches Konzept einzuordnen versuchen (vgl. SCHULTZ, 1979). Bei dieser Darstellung sollten natürlich Kritiker des subjektiven Zugangs zur Umwelt nicht fehlen. Im folgenden werden - grob klassifiziert - die sog. Umwelttheorien dargestellt, die Aussagen über den Person-Umwelt-Bezug machen. Zusätzlich aufgeführt werden die sozial-kognitiven Lerntheorien, weil sie durch die Annahme von Lernprozessen evtl. klären können, wie eine Person zu einer bestimmten Sichtweise über ihre Umwelt kommt.




Umwelttheorien[Bearbeiten]

Unter Umwelttheorien werden alle die Ansätze gefasst, die die Umwelt, wenn auch durchaus unterschiedlich, zur Erklärung menschlichen Verhaltens heranziehen. Die Bedeutung dieser Theorien für die Sozialklimaforschung ist durchaus unterschiedlich. Um das theoretische Umfeld zu skizzieren, müssen auch Auffassungen berücksichtigt werden, die den subjektiven Zugang zur Umwelt ablehnen. Dazu gehören beispielsweise die Konzeptionen von WOHLWILL und BARKER. Die Sozialklimaforschung hebt sich von diesen beiden Ansätzen bewusst ab und beruft sich auf Theorien, die der wahrgenommenen Umwelt als Grundlage zur Erklärung menschlichen Verhaltens ein größeres Gewicht beimessen. Die Theorie, die diesbezüglich derzeit eine Renaissance erlebt, ist der sog. symbolische Interaktionismus, ein originär soziologischer Ansatz. Aber auch die Werke K. LEWINs sind eine fruchtbare Quelle für diesen Zugang zur Umwelt.


Ein prominenter und weitaus tiefgründigerer Kritiker von LEWIN als z.B. WOHLWILL war E. BRUNSWIK, dessen Ansatz dem einfachen Dualismus objektiv-subjektiv kaum zugeordnet werden kann. Wegen der Originalität seiner Gedanken muss sich auch ein Klimaforscher mit ihm auseinandersetzen. Nicht fehlen darf die Konzeption H. MURRAYs, auf den sich eine Reihe von Motivationspsychologen stützen. Er vollzog die analytische Trennung von Person und Umwelt. Aber erst die Erweiterung durch STERN mit dem Hinweis auf den Gruppenbezug von Verhalten macht diesen Ansatz für die Soziaklimaforschung diskussionswürdig.


Sind die bisher aufgezählten Auffassungen durchaus 'Klassiker' im besten Sinne, so gibt es dennoch auch neuere Arbeiten, die ältere zu erweitern suchen. Dazu gehört z.B. U. BRONFENBRENNER, der eine Ausdifferenzierung der topologischen Regionen LEWINs vorstellt und dabei z.T. eine Hierarchie von Umwelteinheiten annimmt.


Dass die Person-Umwelt-Debatte nicht isoliert dasteht, sondern auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen eine große Rolle spielen kann, zeigt eine Arbeit von OERTER et al., die aus der Denkpsychologie kommt und stark an die Konzeption MURRAYs erinnert.


Den Abschluss der Darstellung verschiedener Umwelttheorien wird durch eine kurze Zusammenfassung der Interaktionismusdebatte gebildet. An ihr wird deutlich, dass einseitige Ansätze fruchtlos bleiben und differenzierteren Versuchen eine größere Chance eingeräumt werden muss, die Person-Umwelt-Problematik zu klären.


Die Darstellung der Theorien soll zeigen,

  • dass die Erklärung menschlichen Verhaltens ohne einen irgendwie gearteten Einbezug der Umwelt unfruchtbar ist und
  • dass unter den verschiedenen Zugängen zur Umwelt eines Individuums der Weg die größte Chance hat, bei dem das Individuum selbst helfen muss, diesen Zugang zu verschaffen.


Die Zahl der angesprochenen Theorien bedingt notwendigerweise eine Kürzung der Darstellung der einzelnen Ansätze. Diese Kürzung ist manchmal unzulässig, zumindest kann sie missverständlich sein. Die Häufung von Begriffen und ihren Relationen untereinander auf engstem Raum ist z.T. schwer zu lesen. Dabei lässt die Unterschiedlichkeit der Ansätze ein übergreifendes Rahmenschema nur teilweise zu (sonst bräuchte man sie ja nicht getrennt darzustellen), einige Querverbindungen sind dennoch möglich und werden auch gezogen.


Die Lektüre wird erleichtert, wenn man sich folgende Fragen vergegenwärtigt:


  • a) Kann der Ansatz eindeutig dem objektiven oder subjektiven Zugang zur Umwelt zugeordnet werden?
  • b) Wenn a) positiv beantwortet werden kann: Welchem Zugang ist der Ansatz zuzuordnen?
  • c) Werden Person (oder Organismus) und Umwelt eindeutig getrennt und daraus - gewissermaßen als    Synthese - Verhalten erklärt? Oder wird eine Trennung abgelehnt?
  • d) Werden in den Ansätzen gleiche Instanzen eingeführt, auch bei unterschiedlichen Begriffen?
  • e) Worin liegt - wenn überhaupt - ein möglicher Beitrag eines Ansatzes für die Sozialklimaforschung?




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