Sozialklima von Gruppen: Zur ökologischen Psychologie

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Zur ökologischen Psychologie Egon BRUNSWIKs und ihrer Weiterverarbeitung durch NYSTEDT[Bearbeiten]

Nach LEWIN ist BRUNSWIKs "Psychologie vom Gegenstande her" (BRUNSWIK, 1934,3; 1939, 48; WOLF, 1981) eine zweite, wichtige, allerdings aus vielen Gründen weniger einflussreiche Konzeption. Der bedeutendste Unterschied zwischen den Ansätzen LEWINs und BRUNSWIKs besteht in der unterschiedlichen Auffassung über die Umwelt. Bei LEWIN ist Umwelt durch die Person vermittelt und wird auch über diese gemessen, BRUNSWIK geht dagegen von den direkten, objektiven Reizen aus und misst die Umwelt nicht über die Person (er verwendet anstelle des Begriffes Person den Begriff Organismus). Die Hauptkritik an rein subjektivistischen Ansätzen wie dem von LEWIN besteht darin, dass eine Systematisierung von Situationen und Bedeutungen von verschiedenen Umweltparametern fehle. (BRONFENBRENNER folgert aus dieser Kritik, dass beide Konzeptionen empirisch unvereinbar sind (1981, 47; vgl. den Optimismus WOLFs 1984)). BRUNSWIK ordnet Umweltreize nach ihrer Bedeutung, Erfahrungsnähe und psychologischer Relevanz. In seiner Sichtweise ordnen sich Reize in einem Kontinuum von organismusfernen (distalen) bis organismusnahen (proximalen) Reizen. BRUNSWIK (1939) macht diese Konzeption an einem Modell deutlich (Abb. 2.10). Das symmetrische Modell gliedert Umweltbestandteile und Verhaltenskonsequenzen nach ihrer Nähe zum Organismus. Vom Organismus aus gesehen nimmt die Relevanz der einzelnen Schichten von links nach rechts (der Reaktionsseite) ab. Die 'Nähe' oder 'Ferne' der Schichten bestimmt sich durch den Raum - oder Zeitfaktor. Der Organismus ist zwar das 'zentrale Element' (WOLF, 1983b), wird aber von BRUNSWIK nicht näher spezifiziert.


Abb. 2.10: Das Modell der persönlichen Umwelt nach BRUNSWIK (1939, 37)


In LEWINs Grundaussage, die sich in diesem Modell durch die Sequenz a-O-A repräsentiert, sieht BRUNSWIK allerdings eine unzulässige Verkürzung ('encapsulated'), da man nicht nur die organismusnahen Reize und Verhaltenssegmente berücksichtigen dürfe (1943, 271). Dessen ungeachtet beurteilt er LEWINs Modell für diesen Bereich als das 'most adequate'.


Einen Versuch, die bisher kaum umgesetzten Annahmen BRUNSWIKs zu verdeutlichen, legten JESSOR & JESSOR (1973, 1977) vor. Sie haben die Umweltseite des BRUNSWIK-Modells an Beispielen erklärt (s. Abb. 2.11) Diese Abbildung ist zeilenweise von links nach rechts zu lesen. Die 'Nähe' und 'Ferne' wird leicht erkennbar und ist einleuchtend. BRUNSWIK zieht alle Informationen aus diesem Modell, LEWIN würde sich ausschließlich auf die letzte Spalte beziehen.


Abb. 2.11: Dimensionen der Nähe umweltrelevanter Aspekte zum Organismus (n. JESSOR & JESSOR, 1978)


Da JESSOR & JESSOR (1973) in einer empirischen Untersuchung zum Drogenmissbrauch nachweisen konnten, dass mit zunehmender Ferne vom Organismus die Varianz zur Erklärung aktuellen Verhaltens abnimmt, stellt sich die Frage, ob BRUNSWIKs Ansatz über LEWINs hinausgeht. Sie stellen, ausgehend von BRUNSWIK, folgendes fest: "Personale Entwicklung und Verhalten sind logisch abhängig von der proximalen, nicht von der distalen Umwelt" (1973, 806; vgl. auch SIROTNIK, 1982). Hierbei muss man berücksichtigen, dass die Autoren die proximale Umwelt als die wahrgenommene Umwelt definieren (JESSOR, 1981).


Die angedeuteten Probleme spiegeln sich auch in dem sog. 'Linsenmodell' (s.BRUNSWIK, 1943, 1955). Dies sei in Kürze dargestellt (s. Abb. 2.12)(...Bild folgt!):


Abb. 2.12: Das Umwelt-Verhaltens-Modell von E. BRUNSWIK



Wenn die schon eingangs erwähnten proximalen Reize die distalen gut repräsentieren, dann liegt 'Ökologische Validität' vor (COHEN, 1969: 'Merkmalsvalidität'; vgl. BRONFENBRENNERs Verwendung dieses Terminus). Inwieweit der Organismus den proximalen Reiz für das Verhalten verwendet, wurde in der 'Nutzbarmachung' (Utilization; COHEN, 1969: 'Merkmalsverwertung') offenbar. Die direkte Beziehung zwischen den distalen Reizen und dem Verhalten wird von ihm als 'funktionale Validität' bezeichnet. Letztere kann hoch sein, auch wenn die ökologische Validität und die Nutzbarmachung gering sind. Das Modell - und dies ist der Kernpunkt - ist durch 'uncertainity' gekennzeichnet. Aus dieser Auffassung folgen die weitreichenden wissenschaftstheoretischen Gedanken BRUNSWIKs, in denen er besonders der experimentellen Psychologie schwere Fehler anlastet, da folgende Annahmen darin nicht berücksichtigt seien:


  • ökologische Repräsentativität: Die Experimentalsituation muss eine Stichprobe aus der 'Population Umwelt' sein.
  • probabilistischer Funktionalismus: Das ökologisch valide Funktionieren des Organismus ist z.T. unbestimmt ('semierratic', 'intrinsical limited'). Es gibt deshalb keine gesetzesartigen Beziehungen.
  • repräsentatives Design: Die Umwelt hat einen probabilistischen Charakter, welcher in der Experimentalsituation erhalten bleiben muss.
  • Kausalgefüge der Umwelt: Reize und deren 'Stellvertreter' sind mehrdeutig. Es existieren in der Umwelt hierarchische Beziehungen ('Umweltwahrscheinlichkeiten'), die es zu analysieren gilt.


Bei all diesen Forderungen übersieht BRUNSWIK nicht, dass das Verhalten des Menschen quasi als Rückwirkung die Umwelt ändert (1956, 20). Hier wird deutlich, dass BRUNSWIKs Auffassung von Psychologie eine gänzlich andere ist als die von LEWIN. BRUNSWIK spricht von einer Psychologie "without the organism" (BRUNSWIK, 1943, 271), in der über die Ermittlung der distalen 'Gegenstände' Wissen über den Organismus zu erlangen sei. LEWIN hingegen würde seine Psychologie rein vom Organismus (von der Person) her definieren. Auch die Umweltbegriffe beider Autoren sind gänzlich verschieden:


LEWIN definiert Umwelt immer psychologisch, BRUNSWIK nur als objektiven Tatbestand. Daraus resultiert die Kritik BRUNSWIKs am LEWINschen Umweltbegriff als 'postperceptual' und 'prebehavioral'.


Die Auffassung, dass man von der Umwelt auf die Person rückschließen könne, trifft in mancherlei Hinsicht zu, allerdings stößt sie schnell an Erkenntnisgrenzen. Z.B. sagt eine liebevoll eingerichtete Wohnung sicherlich etwas über den Geschmack des Bewohners aus. In solchen Fällen allerdings konnte die Person ihre Umwelt bestimmen (vgl. die Zirkularitätsthese von WOHLWILL). So werden hier die 'distalen Reize' vom Organismus zunächst gesetzt und sind später nicht mehr abhängig von ihm, was BRUNSWIK zaghaft andeutet (1952, 20).


Durch LEWINS frühen Tod konnte die Kontroverse von 1943 (vgl. die Zeitschriftenartikel beider Autoren in diesem Zeitraum) zwischen ihm und BRUNSWIK nicht fortgesetzt werden. Die derzeit besonders experimentell orientierte Psychologie könnte ohne Zweifel durch die Gedanken BRUNSWIKS angeregt werden.


Ohne auf die alte LEWIN-BRUNSWIK-Kontroverse noch einmal einzugehen, sind es vor allem zwei Punkte, die an BRUNSWIKs Konzeption zu kritisieren sind. BRUNSWIK hat zum einen seine Theorie nur sehr eingeschränkt empirisch zu belegen versucht. Seine Untersuchungen lagen nach der Ansicht von KRUSE (1978, 99) nur in dem Bereich b-B (s. Abb. 2.10). Soweit er empirisch gearbeitet hat, liegen seine Untersuchungen inhaltlich in einem Bereich, den man heute der Wahrnehmungspsychologie zuordnen würde; es handelte sich also keinesfalls um Untersuchungen, die die ganze Breite menschlichen Verhaltens umfassen. Diesbezüglich ist sein Ansatz restringiert, was seine wissenschaftstheoretischen Gedanken allerdings nicht berührt.


Zum anderen berücksichtigt BRUNSWIK nicht die kognitiven Zwischenprozesse. Dieses ist erst von NYSTEDT (1972, 1981) versucht worden, was - unter Anlehnung an BRUNSWIK - eine eindrucksvolle Bestätigung des subjektiven Ansatzes ist: die Erweiterung des Linsenmodells. Um die Terminologie NYSTEDTs zu verstehen, sei das Linsenmodell in NYSTEDTs Fassung beschrieben (vgl. Abb. 2.13).


NYSTEDT beschreibt das Linsenmodell korrelationsstatistisch. r(ei) bezeichnet die ökologische Validität (=Zusammenhang distale Variable - Reize). r(i) ist die Korrelation der Reize untereinander, r'(i) die Vorstellung einer Person vom Zusammenhang zwischen den Reizen. Die funktionale Validität wird durch r(DB) gemessen. NYSTEDT erschien eine Erweiterung des Linsenmodells sinnvoll, weil er das intrapersonelle, kognitive System verdeutlicht wissen wollte. Die Grundstruktur BRUNSWIKs (Ökologie - Person - Ökologie) bleibt dabei erhalten. Das erweiterte Linsenmodell ist in Abb. 2.13 wiedergegeben.


Im Grunde ist diese Erweiterung dadurch charakterisiert, dass das gesamte Linsenmodell BRUNSWIKs sich noch einmal in der kognitiven Struktur der Person wiederfindet. NYSTEDTs These war, dass das Verhalten einer Person erst dann adäquat erklärt werden kann, wenn die kognitive Repräsentation einer Situation bekannt ist (perzeptuell-kognitives System). So einleuchtend diese Überlegungen sind, die methodischen Probleme wiegen schwer. NYSTEDT selbst überträgt die klassischen Methoden aus der Erforschung der impliziten Persönlichkeitstheorie (rating-Skalen etc.; vgl. BENDER, 1985; v.SALDERN & STILLER, 1980) auf sein Forschungsgebiet, insofern er davon ausgeht, dass die kognitiven Prozesse bei der Beurteilung einer Person ähnlich der einer Situation seien.


Abb. 2.13: Das Linsenmodell in der Terminologie von NYSTEDT (1972, 1981)


Damit unterliegt dieser Ansatz ähnlichen Problemen wie die anderen eher objektivistisch orientierten Versuche, den Umwelteinfluss auf das menschliche Verhalten zu erklären. Es muss aber festgehalten werden, dass diese Konzeption noch erweiterungsfähig ist. BRUNSWIKs Beitrag zum Sozialklimakonzept ist fruchtbar, wenn auch nicht durch seine Kritik an LEWIN: Sie führt zu einer Stärkung der eher subjektivistisch orientierten Konzeptionen.

MURRAYs 'need-press'-Konzept und dessen Erweiterung durch STERN[Bearbeiten]

Ein weiterer Ansatz, der auf den ersten Blick für die Sozialklimaforschung vielversprechend scheint, ist der von H. MURRAY, dem dieser Abschnitt gewidmet ist.


MURRAY hat 1938 ein Verhaltensmodell vorgestellt, welches nach Ansicht vieler Autoren insbesondere die Schulklimaforschung im US-amerikanischen Bereich hinsichtlich theoretischer Annahmen entscheidend beeinflusst hat (so z.B. EKEHAMMER, 1974; HOLLAND, 1973, 6; MITCHELL, 1969; PULVINO & HANSEN, 1972; RANDHAWA & FU, 1973; SCHREINER, 1973, 65; WALTER, 1972). Sein Ausgangspunkt war die Diskussion über die Psychologie als Wissenschaft, wobei er zwei Typen von Psychologen zu erkennen glaubte: die Periphalisten und die Zentralisten (PERVIN, 1978). Die Periphalisten sind am besten durch den Behaviorismus um WATSON charakterisiert: absolute Umweltabhängigkeit des Verhaltens. Die Zentralisten sind dagegen eher als Eigenschaftstheoretiker zu bezeichnen: Persönlichkeit und Verhalten werden durch zentrale interne Prozesse determiniert. Da MURRAY eine Synthese aus beiden Konzeptionen versuchte, ist er neben LEWIN in den dreißiger Jahren der profilierteste Vertreter des frühen Interaktionismus geworden. Dies lässt sich leicht durch die Forderungen, die MURRAY an die Psychologie stellt, erkennen:


  • wird menschliches Verhalten beschrieben, so muss auch die Umwelt beschrieben werden,
  • dabei muss die Interaktion zwischen Person und Umwelt im Mittelpunkt stehen, weniger die Person oder die Umwelt alleine (MURRAY, 1938).


Verhalten entsteht nach MURRAY aus dem Zusammenwirken von Umwelteinflüssen (PRESS) und individuellen Bedürfnissen (NEEDS). Needs sind Konstrukte, die nur aus dem Verhalten abgeleitet werden können. Das Individuum kann durch einen 'set' von needs beschrieben werden, die Umwelt durch einen 'set' von press. Needs lösen das Verhalten aus. Sie sind Basis für die interindividuellen Unterschiede in "Intensität, Dauer und Richtung zielorientierten Verhaltens" (HOEFERT, 1982a, 89).


Press sind Umweltfaktoren und behindern oder fördern die individuelle Bedürfnisbefriedigung einer Person. (MURRAY verwendet 'press' auch im Plural). MURRAY unterscheidet zwischen objektiver und psychologischer Umwelt: 'Alpha press' sind die tatsächlichen Umweltgegebenheiten, 'beta press' sind die durch die Person wahrgenommenen Umweltgegebenheiten (vgl. HEIDER, 1977), wobei MURRAY selbst nur bei einer krankhaften Person annimmt, dass ein Unterschied zwischen alpha- und betapress besteht. Auf diesem Wege können Situationen und Personen durch äquivalente Dimensionen beschrieben werden.


Eine weitere wichtige Annahme MURRAYs ist, dass sich needs und press komplementär gegenüberstehen. (KUERT (1979, 181) spricht hierbei von Isomorphie - einem Begriff, der uns in anderem Zusammenhang noch beschäftigen wird (in Kap. 2.2.1.8).) Komplementäre needs und press (ein sog. 'Thema') unterscheiden sich inhaltlich nicht. (Beispiele dazu sind in der auf dem Konzept MURRAYs aufbauenden Fragebogenbatterie enthalten (s. GARDNER, 1976; SCHNEEWIND & LORTZ, 1978; SCHREINER, 1973, 67ff)).


Neu ist damit die subjektive Wahrnehmung der Umwelt als einer der Parameter für die Verhaltenserklärung. Geblieben ist die Frage, wie Person und Umwelt bzw. needs und beta press zusammenwirken. Das Modell MURRAYs lässt sich wie folgt darstellen:


Abb. 2.14: Das Need-Press-Modell von MURRAY


Das Modell MURRAYs nimmt an, dass die Wahrnehmung der Umwelt unabhängig von den Bedürfnissen einer Person ist. Dagegen sprechen allerdings alle Ergebnisse der Forschung zur sozialen Wahrnehmung. Ebenso fehlt explizit eine Rückmeldeschleife vom Verhalten zu den alpha press (wie allerdings schon bei LEWIN).


In Erweiterung von MURRAY unterschied STERN (1970) das beta-press in 'private beta press' und 'consensual beta press'. Letzteres wird "dann als existent angesehen, wenn mehrere Menschen Umweltereignisse übereinstimmend perzipieren" (SCHREINER, 1973, 66). Private beta press bestehen dann, wenn diese Übereinstimmung nicht zustande gekommen ist. Somit bezieht STERN den für die Erforschung des Sozialklimas zentralen Aspekt der Gruppenwahrnehmung mit ein (man vergleiche dazu noch einmal Abb. 2.1). Beide beta-press können nicht objektiv erfasst werden, sind aber die Umwelteinflüsse, die das Verhalten beeinflussen (SCHULTZ, 1979, 827; vgl. das THOMAS-Theorem in Kap. 2.2.1.3).


Für die Erforschung des Sozialklimas erscheint besonders der Gedanke von STERN (1970, 7) von großer Bedeutung zu sein, dass das Zusammenspiel von needs und press das Klima bzw. die Atmosphäre konstituieren würde (KUERT, 1979, 181; SCHREINER, 1973, 66).


Die Kritik zu diesem Konzept MURRAYs und STERNs ist vielfältig. BARKER (1968, 425) lehnt dieses Konzept deshalb ab, weil MURRAY eigentlich die ökologische Umwelt gänzlich außer Acht lasse (vgl. hier die Kritik an BARKER - Kap.2.2.1.2 ). Die Hauptkritik bezieht sich auf die Zuordnung von needs und press (MEISTER, 1978). Das eigentliche Übersetzungsproblem (schulische Umwelt - individuelles Verhalten) sei nicht angesprochen worden, sondern wird im Gegenteil sogar verdeckt (WALTER 1972, 428f): "Wie kommt nach MURRAYs bzw. STERNs Vorstellungen konkretes Verhalten zustande? Sie haben ... die äußeren und inneren Faktoren säuberlich in Press und Need getrennt". Konkretes Verhalten entsteht durch das Treffen einer bestimmten Umweltbedingung auf eine bestimmte Bedürfnisstruktur. Damit drückt sich dieses Parallelitätskonzept der Need-Press-Passung (Person-Environmental-Fit) recht elegant um den Graben zwischen sozialen und psychischen Faktoren und damit um die eigentliche Übersetzungsproblematik herum: "Alle Umweltreize begegnen ... prästabilisierten Verhaltensdispositionen" (vgl. MISCHEL, 1968; ROTTER, 1955). Die Folge davon sei, dass Autoren, die die Fragebogenkonstruktion mit MURRAY oder STERN begründen, "wesentliche Anliegen institutioneller Sozialisation von voreherein ausblenden" (WALTER, 1976, 212; vgl. MOOS, 1979b). Das ist wohl auch der Grund, warum das Konzept MURRAYs in der empirischen Umsetzung wenig erfolgreich war. Das Konzept, das eigentlich keine Theorie darstellt, erscheint zu abstrakt, hat allerdings zumindest heuristischen Wert für die Umweltcharakterisierung durch press (HOEFERT, 1982a, 90). Theorie im eigentlichen Sinne ist es nicht (vgl. HECKHAUSEN, 1980, 103). (Weitere Anmerkungen s. SEIFFKE-KRENKE & TODT, 1977; dort wird MURRAY als Vertreter der Motivationspsychologie diskutiert; s.a. HECKHAUSEN, 1980, 101f; HERBER,1976).




Der ökologische Ansatz Urie BRONFENBRENNERs[Bearbeiten]

Die bisher vorgestellten Theorien fassen Umwelt als Begriff ohne innere hierarchische Differenzierung auf. Eine Konzeption, die dieses versucht, ist die von U. BRONFENBRENNER, die in diesem Abschnitt näher beleuchtet werden soll.


Während LEWIN den Lebensraum mit Hilfe topologischer Begriffe in verschiedene 'Regionen' eingeteilt und diese Regionen durch verschiedene Nähe zum Individuum (Bedeutsamkeit, 'Valenz', vgl. den Ansatz BRUNSWIKs) beschrieben hat, spezifizierte der stärker empirisch orientierte BRONFENBRENNER die doch recht abstrakt formulierten Regionen LEWINs näher (LÜSCHER, 1976, 20). BRONFENBRENNER selbst bezeichnet LEWIN als "brilliant denkenden Giganten" (1977, 1981), und die ökologische Umwelt betrachtet er "als verschachtelte Anordnung von Strukturen ..., von denen jede wiederum in der nächsten enthalten ist" (1976b, 5; 1978, 35).


BLAU (1979), der sich viele Jahre mit sog. 'structural effects' beschäftigte, kommt zu einer Forderung, die auch von BRONFENBRENNER stammen könnte: Man solle nicht nur Kontexteffekte mit Individuen untersuchen, sondern annehmen, dass Kontexte selbst wiederum Bestandteile von Kontexten seien, deren Effekte Gegenstand von Untersuchungen werden sollten (s.a. WEGNER, 1978). Es ergeben sich nach BRONFENBRENNER vier 'levels': das Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosystem (vgl. HESS & HOWARD, 1981; BATTEGAY, 1974).Das Mikrosystem ist die kleinste, unmittelbar auf die Person bezogene Einheit und lässt sich durch die Elemente Ort, Zeit, physikalische Eigenschaften, Tätigkeit, Teilnehmer und Rolle beschreiben. Es ist somit dem behaviour setting von BARKER eng verwandt. BRONFENBRENNER kritisiert allerdings an BARKER, dass die ausschließliche Beschränkung auf das setting "zwar für die Erforschung tierischen Verhaltens ganz brauchbar sei", aber für den Menschen kaum ausreiche (1978, 34; 1981, 37), denn "der entscheidende Terminus in der Definition des Mikrosystems sei das Wort 'erlebt'" (BRONFENBRENNER, 1981, 38).


Zwei Forderungen BRONFENBRENNERs in Bezug auf die empirische Forschung zum Sozialklima erscheinen wesentlich: Zum einen dürfen zu analysierende Interaktionen nicht nur auf zwei Personen beschränkt sein, vielmehr müssen die Interaktionen zwischen allen Personen des Mikrosystems als wesentlicher Bestandteil der Umwelt berücksichtigt werden. Zum anderen muss die indirekte Wirkung physikalischer Faktoren auf das Verhalten stärker mit einbezogen werden.


Die nächsthöhere Ebene ist das Mesosystem, welches durch ein System von Settings gebildet wird. Welche Settings für das Individuum wichtig sind, und zueinander in Beziehung stehen, kann individuell je nach Lebensalter und -lage verschieden sein. Für Schüler allerdings sind die drei wichtigsten Settings meist Schule, Elternhaus und Peers. BRONFENBRENNER unterscheidet dabei 'Soziale Netzwerke' und 'Institutionen' (1976c, 203). Für die Ökologie des Individuums sind die indirekten Beziehungen zwischen den Settings sehr bedeutsam: So kann z.B. eine Scheidung der Eltern erheblichen Einfluss auf schulische Leistungen haben.


Die Forderung BRONFENBRENNERs, alle für die Person wichtigen Settings in die Analyse mit einzubeziehen, ist nicht so einfach zu erfüllen: Wer soll bestimmen, welche Settings für das Individuum wichtig sind? Der Forscher kann von außen leicht Fehlurteilen unterliegen, so dass nur der subjektive Zugang über die Person selbst bleibt. Dieser Weg ist aber von BRONFENBRENNER nicht vorgesehen.


Die Ausweitung des Mesosystems ist das Exosystem. Die Person ist im Exosystem nicht direkt beteiligt. Das Exosystem umfasst formelle und informelle Strukturen, die in die Settings einwirken, diese evtl. sogar ganz determinieren. Dazu gehören z.B. Massenmedien, Arbeitswelt, Nachbarschaft und Regierungsinstitutionen. BRONFENBRENNER spricht dem Exosystem für die Forschung eher überordnende Funktion zu (1977, 1978).


Das allumfassende, übergeordnete System ist das Makrosystem. Damit sind die "ökonomischen, sozialen, erzieherischen, juristischen und politischen Systeme" (1978, 36) gemeint. BRONFENBRENNER spricht auch von einem 'ideologischen System' (1976c, 204). Die konkreten Manifestationen des Makrosystems sind die darunter liegenden Exo-, Meso- und Mikrosysteme. Das Gesamtmodell ist in Abb. 2.15 in einer Version von BERTRAM (1982) dargestellt. BRONFENBRENNER spezifiziert mit seinen 'lower' bzw. 'higher order units' (SCHEUCH, 1969) Umwelt sehr anspruchsvoll. Dies mag an seiner guten Kenntnis verschiedener Kulturen gelegen haben (geboren in Moskau, in den USA lebend, deutsche Ehefrau), wobei ihn seine Reiselust, die ihn durch die ganze Welt führte, wohl zu der Erkenntnis gelangen ließ, dass es sehr wohl kulturabhängige Umweltmerkmale gibt (vgl. LÖSCHER, 1976; und die Arbeit von BRONFENBRENNER & MAHONY, 1975).


So liegt auch der Wert der Konzeption BRONFENBRENNERs besonders im interkulturellen Vergleich. Es bleibt unbestritten, dass die verschiedenen Umweltbereiche einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten haben. Zieht man allerdings das Verhalten von Schülern einer Klasse heran (also von Personen im einem objektiv identischen Mikrosystem), so liegen die Ursachen für interindividuell verschiedenes Verhalten nicht nur im Mikrosystem (vgl. schon JOLK, 1957; WEISS, 1967). Wohl aber kann das Mesosystem der Schüler (Familie, Bezugsgruppen) Aufschluss über Wahrnehmungsdivergenzen geben (EPSTEIN, 1981d; MOOS & DAVID, 1981). Dies erfordert aber für die empirische Praxis kaum zu bewältigende Forschungsvorhaben.


Es erscheint sicherlich fragwürdig, BRONFENBRENNERs Modell als subjektivistischen Ansatz zu charakterisieren. Er selbst leistet aber dieser Charakterisierung Vorschub, wenn er meint, dass seine Ökologie die bisher von Soziologen und Psychologen so vernachlässigte These vertrete, dass "die Umwelt für Verhalten und Entwicklung bedeutsam ist, wie sie wahrgenommen wird, und nicht, wie sie in der 'objektiven' Realität sein könnte" (1981, 20). Dies mag STOKOLS zu der Kritik geführt haben, dass BRONFENBRENNER die physikalische Umwelt nicht berücksichtige (1981, 395).


BRONFENBRENNER versucht, die gesamte Entwicklungspsychologie auf die subjektive Komponente zu konzentrieren: Entwicklung sei die "dauerhafte Veränderung der Art und Weise, wie die Person die Umwelt wahrnimmt und sich mit ihr auseinandersetzt" (1981, 19). Er spricht in diesem Zusammenhang auch von der "Entfaltung" der Vorstellung der Person über ihre Umwelt (1981, 25), wobei auch "unterschiedliche Dispositionen der Situationsbeurteilung" (so HECKHAUSEN, 1980, 15) entwickelt werden. Diese Ansicht spielt aber nicht nur für die Klimaforschung eine große Rolle, sondern hat sich auch schon in jüngeren Forschungsgebieten wie z.B. in der Gerontologie (FOOKEN, 1980) etabliert.


Abb. 2.15: Das Systemmodell von U. BRONFENBRENNER (n. BERTRAM, 1979, 1982)




Das Isomorphiekonzept von OERTER et al.[Bearbeiten]

Zum Abschluss einer Reihe eher verhaltenssoziologisch oder -psychologisch orientierter Theorien wird im folgenden der mögliche Einfluss des Isomorphiekonzeptes von OERTER et al. auf das Sozialklimakonzept diskutiert.


Aus einer gänzlich anderen Richtung als die bisherigen Ansätze - nämlich aus der Denkpsychologie - kommt eine eindrucksvolle Bestätigung der Bedeutung der subjektiv wahrgenommenen Umwelt: der Isomorphie-Ansatz von OERTER, DREHER & DREHER (1977). Die Autoren begründen ihren Ansatz damit, dass die meisten denkpsychologischen Untersuchungen aus dem unmittelbaren Zusammenhang herausgelöst sind (1977, 11). Ziel ist es, die individuelle kognitive Struktur im Hinblick auf ihre Abbildfunktion der objektiven Umwelt zu untersuchen. In Anlehnung an BRUNSWIK fordern die Autoren, repräsentative Stichproben der Ökologie des Individuums einzubeziehen. Dazu werden zwei Begriffe geprägt und erklärt: die 'Subjektive Struktur' (SS) und die 'Objektive Struktur' (OS). In der letzteren ist die natürliche Umwelt sowie die Kultur im weitesten Sinne enthalten. Hinzu kommt die Ökonomie. Letztlich ist die OS die Gesellschaft im weiteren Sinne.


Die SS ist die Repräsentation der OS im Individuum. Sie ist ebenso wie die OS ein System von Elementen und Relationen, wobei die Elemente der SS und der OS miteinander korrespondieren. (Besonders beim letzten Gedanken fällt die Parallele zum vorher erwähnten Need-Press-Modell von MURRAY auf.)


Wenn ein Element der OS umkehrbar eindeutig einem Element der SS zugeordnet ist, so spricht man von 'Isomorphie' (vgl. MURRAY: Thema). Die kognitive Sozialisation "verläuft in Richtung auf Herstellung von Isomorphie" zwischen beiden Strukturen (1977, 17).


Der Prozess des Aufbaues der SS zielt wechselseitig einmal auf die Veränderung der SS und zum anderen auf die Veränderung der OS. Damit ist im Grunde ein altes Problem neu angerissen: Wie verläuft dieser Prozess? Die Autoren berufen sich auf das Tätigkeitskonzept von LEONTJEW (1977). Isomorphie zwischen den beiden Polen wird durch Tätigkeit erreicht. Dadurch wird m.E. das Problem aber nicht unbedingt klarer, da man aus der Tätigkeit nicht ersehen kann, was SS oder was OS ist.


Drei weitere Konzepte sollen an dieser Stelle weiterhelfen: Die 'Exekutive' ist eine aus der SS ausgelagerte Instanz, in der die verschiedenen Aktivitäten des Individuums enthalten sind. Es hat damit die Aufgabe, Teile der SS zu objektivieren, "also in materielle oder ideelle Anteile der OS zu transponieren" (OERTER et al. 1977, 20). Das 'Resultat' ist ein objektives Kriterium, das der Umwelt signalisiert, wieweit die Isomorphie zwischen OS und SS schon gediehen ist. Das Individuum erhält positive Rückmeldung beim Isomorphie-Fortschritt, negative beim Gegenteil. Auch werden eigene Orientierungsmaßstäbe gesetzt ('interner Sollwert'), was in etwa dem Gewissen entspricht. Struktur der OS und interner Sollwert werden mit dem Resultat verglichen, um Rückmeldung zu erhalten. Die 'Situation' wird bei diesem Konzept subjektiv gefasst. Dies entspricht auch dem Ansatz von MISCHEL (1973a), in dem individuell einmalige Reizäquivalente die Situation ausmachen (OERTER et al., 1977, 23), wobei sie immer als Ausschnitt aus der OS zu verstehen ist. Dieses Konzept der Isomorphie erlaubt zwar die "Einordnung interaktionistischer Ansätze" (1977, 26), bringt aber im Hinblick auf die beschriebenen Institutionen und Prozesse nichts Neues, denn sie sind im Grunde bekannt und nur mit neuen Begriffen versehen. Der Ansatz hilft deshalb insbesondere bei der Klimaforschung nicht weiter: Bei zunehmender Isomorphie müsste die Wahrnehmung der Schüler einer Klasse sich bei gleicher Situation annähern und später sogar deckungsgleich werden, eine Annahme, die jegliche Plausibilität vermissen lässt.



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