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Sozialklima von Gruppen: Theorien zur subjektiven Umweltwahrnehmung

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Der symbolische Interaktionismus

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Im folgenden wird der symbolische Interaktionismus (im folgenden kurz: SI) daraufhin überprüft, inwieweit er einen theoretischen Beitrag zum Sozialklimakonzept geben kann. Historisch entstand der SI aus dem Behaviorismus (WATSON) und dem Pragmatismus amerikanischer Prägung. Diese Verbindung wurde von C.H. COOLEY (1926) am stärksten betrieben (HELLE, 1977, 53). COOLEY unterschied recht früh zwischen materieller und sozialer Umwelt und konzipierte entscheidend das 'Selbst' (die Darstellung des 'I', 'me', und 'Self' würde hier zu weit führen (BRUMLIK, 1973)).


HECKHAUSEN (1980, 58) bezeichnet LEWIN als den ersten, "der ein Konzept der Wechselwirkung zwischen Person und Situation formulierte". Diese Charakterisierung vernachlässigt andere, schon ältere Konzeptionen. Die Leistungen Kurt LEWINs stehen außer Zweifel (dazu 2.2.1.4), aber es muss auch W.I. THOMAS genannt werden, der als erster eine Konzeption der Wechselwirkung zwischen Person und Umwelt formulierte. Das nach ihm benannte, sehr häufig zitierte Theorem: 'If men define situations as real, they are real in their consequences' (THOMAS & THOMAS, 1928) ist Aufhänger vieler Gedanken zum Sozialklimakonzept geworden und wird im Moment wieder für die Organisationsklimaforschung aktualisiert (z.B. SCHNEIDER & REICHERS, 1983).Sein Forscherleben weist bestimmte Charakteristika auf: W.I.THOMAS (gleichaltrig mit G.H.MEAD - der 'Symbolfigur' des SI) war ursprünglich Literaturprofessor und unterrichtete Englisch, Griechisch und Naturgeschichte. Erst in seiner zweiten Promotion wendete er sich der Soziologie zu. Ein Jahr vor LEWINs Geburt besuchte THOMAS Berlin und Göttingen. Ihm ging es primär darum, die Situation zu definieren. Sein bekannt gewordenes Theorem entwickelte er maßgeblich aus seinen Forschungen über polnische Einwanderer, also über Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis kamen. Die Anpassungsprozesse der Polen innerhalb ihrer neuen Heimat waren sein zentraler Forschungsgegenstand. Die Parallele zu BRONFENBRENNER (s. 2.2.1.7) ist nicht zu übersehen.


W.I.THOMAS ist also ein wenig bekannt gewordener Mitdenker des symbolischen Interaktionismus. Als bekannter Vertreter des SI gilt G.H.MEAD; erst seine Schüler - so z.B. H.BLUMER - haben posthum die Vorlesungsmanuskripte herausgegeben.


THOMAS und sein Kollege F. ZNANIECKI (1981) bauten COOLEYs Konzeption weiter aus: Das Individuum stellt den subjektiven Faktor ('attitude'), die Gesellschaft den objektiven Faktor ('value') dar. Das Individuum interpretiert eine Situation und handelt danach, es verändert aber durch sein Handeln auch die Umwelt. Präziser ist dieser Gedanke auch bei jüngeren Konzeptionen nicht formuliert worden. Aber aktuell bleiben auch die methodischen Probleme: "die Entzweiung zwischen Subjekt und Objekt in methodisch befriedigender Weise" aufzuheben (HELLE, 1977, 73). Auf dieses Problem wird noch an weiteren Stellen eingegangen werden, da es auch bei anderen Konzeptionen auftritt.


BLUMER selbst fasst die Prämissen des SI wie folgt zusammen (1980):

  1. Die Menschen handeln aufgrund von Bedeutungen der Dinge. Der Mensch ist nicht ausschließlich reagierendes Wesen.
  2. Die Bedeutung der Dinge resultiert aus der Interaktion mit Mitmenschen. Die Bedeutung steckt nicht im Objekt, sondern wird diesem durch das Individuum verliehen. Die Bedeutung ist ein soziales Produkt.
  3. Die Bedeutung wird durch Kommunikation mit sich selbst und anderen modifiziert.


Die Punkte 2. und 3. heben die Bedeutung der Kommunikation und des sozialen Handelns für die Wechselwirkung zwischen Person und Umwelt besonders hervor. Dadurch wird dieser Ansatz für die Sozialklimaforschung wichtig.

Folgt man dem SI, dann definiert sich eine Situation als eine soziale Konstruktion von Realität (BALL, 1972), die jedoch erst bei einer übereinstimmenden Definition verschiedener Individuen zur Realität wird.


In diesem Zusammenhang ist der Hinweis auf das Thomas-Theorem ( "if men define situations as real, they are real in their consequences") - wie in der Literatur so oft geschehen - eigentlich nicht zutreffend, denn er definiert die Situation eigentlich nicht, sondern sagt etwas über die Folgen der Situation.


PERINBANAYAGAM kritisiert diesbezüglich, dass das THOMAS-Theorem nichts über die Prozesse innerhalb der Situation und innerhalb von Personen aussagt (1981, 324). THOMAS & ZNANIECKI werden aber an einer anderen Stelle viel deutlicher: "Die Situation ist ein Set von values und attitudes (s.o. - Anm. d. Verf.), mit denen das Individuum oder die Gruppe handelt, wobei dieses Handeln geplant und die Folgen des Handelns berücksichtigt werden. Jede konkrete Handlung ist die Folge einer Situation" (1981, 7, Übers.d.Verf.).


Zu jeder Situation stehen drei Datentypen zur Verfügung:

  • die objektiven Bedingungen,
  • die bereits existierende Einstellung der Person oder Gruppe,
  • die subjektive Bedeutung der Situation.


Den dritten Typus nennt THOMAS 'definition of the situation'. MOLLENHAUER (1972, 123) lehnt diese Bezeichnung ab, da sie missverständlich wirke: Die Person, so könnte man meinen, definiere erst bewusst und explizit die Situation, um dann schließlich zu handeln. Dieser Gedanke ist kaum nachvollziehbar, da THOMAS & ZNANIECKI die bewusste Definition nicht voraussetzen und auch nicht von Explizierung reden. MOLLENHAUER wollte wohl stattdessen auf seinen Begriff der Situationsdefinition (=Definition der Situation durch objektive, außersituative Verhältnisse) abheben (1974, 127f).


Dem SI stehen die Ethnomethodologie und Teile der Anthropologie sehr nahe. Das Leben mit Hilfe des 'Dramaturgischen Modells' (HARRE, 1981; OERTER, 1979) darzustellen, war vorwiegend die Idee von E. GOFFMAN. Die Beschreibung sozialer Situationen mit Begriffen aus der Theaterwelt machen in mancherlei Hinsicht Gedanken des SI deutlicher als dessen Wissenschaftssprache. Es ist in dieser Konzeption keine Frage, dass 'physical settings' zum Verhalten des 'actors' beitragen. Die Umwelt wird, soweit sie für den 'actor' bedeutungsvoll ist, als 'scene' oder auch als 'Umwelt' (im Englischen) bezeichnet (HARRE, 1981, 365):



Diese Aussage wird dann ausdifferenziert, wenn eine Person einer 'Umwelt' zwei 'Interpretationsschemata' (SM_A,SM_B) auflegt. Diese Person lebt dann in zwei 'Umwelten':



Diese Feststellung ist keine mathematische Spielerei, sondern aus intraindividueller Sicht bedeutsam. Empathie ist in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, ein zweites Interpretationsschema einer anderen Person zu rekonstruieren und sein Verhalten dann darauf einzurichten.


Nach dieser Konzeption wird ein actor überhaupt erst dann handeln können, wenn er einer Situation eine Bedeutung zugeschrieben hat. STEBBINS gibt einen Hinweis, wie man Situationen beschreiben könnte: "(1) the social scientist's picture of the objective situation in which the actor finds himself; (2) the aggregate view of the objective situation as constructed from the individual views of a number of actors in the same situation" (1981, 349). Besonders der zweite Punkt erinnert an entsprechende Vorgehensweisen in der Klimaforschung (Man vergleiche dazu die Definition in Kap. 2.1.3.).


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass von der schon älteren Konzeption des SI bedeutende Impulse für die Sozialklimaforschung möglich sind. So ist es nicht verwunderlich, dass der SI derzeit auch hier eine Renaissance erlebt, zumal er die Pädagogik und Psychologie gleichermaßen bereichern kann.




Das Lebensraum-Konzept Kurt LEWINs

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Die 'Feldtheorie' von Kurt LEWIN (1963), dem "intellektuellen Vater der modernen Sozialpsychologie" (HELMREICH, 1975), hat auf alle Versuche, menschliches Verhalten zu erklären, einen nachhaltigen Einfluss ausgeübt (BIERBRAUER, 1983; PLAUM, 1981). So ist kaum eine sozialpsychologische oder motivationspsychologische Abhandlung zu finden, in der LEWIN nicht zumindest in den einleitenden Bemerkungen zitiert wäre.


Der Grund, weswegen LEWIN in dieser Abhandlung über die Erforschung des Sozialklimas seinen Platz findet, liegt in seiner Konzeption von einer 'psychologischen Umwelt'. Er selbst gab zwar nie eine Zusammenfassung seiner Feldtheorie, andere Autoren haben diese nachgeholt (z.B. BERGIUS, 1976; HECKHAUSEN, 1980; KNÖRZER, 1976; LANG, 1979; LANGENHEDER, 1973a; PEKRUN, 1983).

Innerhalb der Feldtheorie spielt der Begriff des 'Lebensraumes' eine zentrale Rolle. LEWIN meint damit, wie später noch deutlich wird, die Situation. Der Lebensraum repräsentiert den für die einzelne Person wichtigen Ausschnitt aus der objektiven Umwelt. Er konstituiert sich durch die Wahrnehmung der realen Umwelt selbst und durch das Wissen der wahrnehmenden Person über die Umwelt. Das Verhalten des Individuums ist eine Funktion dieses Lebensraumes:



wobei der Lebensraum eine Funktion von Person und Umwelt ist,



Hieraus folgt die wohlbekannte (BRONFENBRENNER, 1981, 32) 'banale' Formel über menschliches Verhalten:



"Die Dynamik des Geschehens ist allemal zurückzuführen auf die Beziehung des konkreten Individuums zur konkreten Umwelt" (LEWIN, 1931). Alles Verhalten und Erleben ist Funktion der Person und ihrer Umwelt. Lebensraum ist also die durch die Person rekonstruierte (d.h. subjektive) Umwelt. Jedes Verhalten ist allein von der subjektiven Verarbeitung abhängig.


Der Lebensraum selbst gliedert sich in mehr oder weniger stark abgegrenzte, zeitlich und räumlich definierte Regionen. Jede Region hat für das Individuum einen bestimmten subjektiven Wert, die Valenz (MARROW, 1977). Die Bewegung von einer Region in eine andere nennt LEWIN 'Lokomotion' (1969, 67). Diese wird verursacht durch ein 'Kraftfeld', das durch die mit verschiedenen Valenzen ausgezeichneten Regionen verursacht wird. Regionen mit positiver Valenz üben eine Anziehungskraft aus, Regionen mit negativer Valenz stoßen ab. Die Lokomotion von einer Region zu einer anderen (also z.B. das Streben nach einer bestimmten Situation) wird einmal durch den Weg dorthin bestimmt. Dieser kann auch durch Regionen mit negativer Valenz führen, wenn es keine positive Alternative gibt. Zum anderen ist es sehr entscheidend, welche subjektiven Vorstellungen das Individuum über das Erreichen des Zieles hat. Nun stellt sich die Frage, warum eine Situation (LEWIN setzt den Begriff des Lebensraums dem der Situation gleich) für ein bestimmtes Individuum eine bestimmte Valenz hat. Nach LEWIN ist eine Antwort nur durch die "Analyse der Geschichte des Individuums und seiner Umwelt zu gewinnen" (LEWIN, 1969, 155). Es gelte, historische Entwicklungen und Ursachenketten zu verfolgen, also die 'historische Kausalfrage' (86) zu stellen:


"Existenz oder Nicht-Existenz und die Zeitlage eines psychischen Faktums sind unabhängig von der Existenz oder Nicht-Existenz und der Zeitlage des Faktums, auf das es sich bezieht" (1969, 58).


So ist der Vorwurf BRUNSWIKs, LEWINs Ansatz sei ahistorisch, unbegründet. Ganz im Gegenteil bestimmen vorausgegangene und zukünftige Situationen die gegenwärtige Situation (Dieser Gedanke wird hier gesondert aufgegriffen.).


Es ist nicht einfach, LEWINs Interpretationen zu seiner Formel , wie sie in seinen vielen Veröffentlichungen auftreten, zusammenzutragen. Dessen ungeachtet hat sein Konzept einen nicht zu übersehenden Einfluss auf spätere Autoren gehabt, wobei man sich noch fragen muss, ob spätere Entwicklungen eigentlich auch eine Fortentwicklung des LEWINschen Ansatzes gewesen sind. HECKHAUSEN z.B. verneint dies (1980). Die LEWINschen Werke hatten sicherlich zu seiner Zeit erst einmal einen eher irritierenden Effekt, weil er seine Gedanken durch topologische Begriffe zu fassen suchte. Aber die 'brillante Konzeption' (BRONFENBRENNER, 1978) seiner Topologie wurde schließlich doch erkannt. Ein heute noch hochaktuelles Thema bespricht LEWIN in seinem Aufsatz "Der Übergang von der aristotelischen zur galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie" (1931). Dort wird der Ursprung seiner 'dynamischen' Sichtweise deutlich (vgl. BISCHOF, 1981), und dort kritisiert er auch ausschließlich methodisch orientierte Forschung (vgl. ATKINSON, 1975, Kap 4).


LEWINs starker Forschungsdrang (MARROW, 1977) ließ ihn wohl übersehen, dass er seine originellen Gedanken zum Lebensraum nicht allzu präzise formuliert hat (LANGENHEDER, 1973a). Unklar ist insbesondere, wie sich die Lokomotion vollzieht. Heute würde man fragen, wie denn die kognitiven Zwischenprozesse aussehen. GRAUMANN spricht in diesem Zusammenhang von der "Unbestimmtheit des Kommas" (1975, 20) bzw. der Formulierung "und ihrer Umwelt" (ausführliche Kritik dazu bei HECKHAUSEN, 1980, 175f), wobei der Einfluss von KOFFKA, der zwischen psychologischer und geographischer Umwelt unterscheidet, angenommen werden darf (s. MASLOW, 1981, 56). LEWINs Ansatz kommt ein 'nur' allgemein heuristischer Wert zu, weil jeglicher Umsetzungsversuch fehlt.


LEWIN selbst lehnt auch den Begriff Theorie im strengen Sinne ab, seine Feldtheorie sei vielmehr eine "Methode der Analyse von Kausalsystemen und der Synthese wissenschaftlicher Konstrukte" (LEWIN, 1963, 87). Wohl deshalb fand LEWINs Ansatz auch keinen "Eingang in die psychologische Messung" (WAKENHUT, 1978, 11).

Mit seinem subjektivistischen Ansatz erntete LEWIN schon recht bald Kritik. Eine der fundiertesten wurde von E. BRUNSWIK formuliert. Dessen Konzeption wird deshalb Gegenstand des nächsten Kapitels sein.




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