Fruchtbringendes Wörterbuch: Historisches

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Ohne Zweifel muten viele Vorschläge in den historischen Eindeutschungslisten äußerst kurios an. Viele von ihnen dienen heute noch als Musterbeispiele dafür, daß alle Eindeutschungsversuche albern und sinnlos seien, dazu gehören der Gesichtserker, der Meuchelpuffer usw. Andere Vorschläge aber gehören heute zum selbstverständlichen Sprachgebrauch, und es scheint völlig abwegig, daß sie sich jemand ausgedacht haben könnte: Zufall, Tatsache, Geschmack, Jahrhundert, Minderheit, Brüderlichkeit, Feingefühl, Streitgespräch usw. Oftmals stammen diese Wörter aus derselben Feder wie die oben angeführten Kuriosa.

Die Motivation, Fremdwörter einzudeutschen, gründete durchaus nicht in einem nationalen Überlegenheitsgefühl, sondern vielmehr in einem Unterlegenheitsgefühl. Eine »deutsche Nation« gab es damals sowieso noch nicht: Es war die Zeit der Kleinstaaterei. Man empfand es als Defizit, bestimmte Dinge nicht auf Deutsch ausdrücken zu können und dafür auf Wörter aus anderen Sprachen zurückgreifen zu müssen.

Man wollte nichts Besseres sein, bloß eine zumindest ähnlich taugliche Sprache zur Verfügung haben wie die umliegenden Länder. Die Eindeutschungsbewegung hat auch dazu beigetragen, das Deutsche zu einer anerkannten Literatursprache zu machen. Es wäre daher ungerecht, sie zu belächeln. Es wäre auch vorschnell: Viele Wörter, die wir heute ganz natürlich verwenden und die so aussehen, als wären sie schon immer dagewesen, wurden in Wirklichkeit künstlich gemacht. Sie haben den deutschen Sprachschatz ungemein bereichert.

Erstaunlicherweise finden sich in den historischen Eindeutschungslisten oft verblüffend treffende Vorschläge, die die deutsche Sprache nicht minder bereichert hätten, beispielsweise *Schalksernst für »Ironie«. Daß sich diese Vorschläge nicht durchgesetzt haben, liegt nicht an der Qualität der Vorschläge, sondern es ist in vielen Fällen reiner Zufall. Zu den Aktivisten der Eindeutschungsbewegung gehörte der Sprachforscher Joachim Heinrich Campe. Von seinen vielen Vorschlägen haben sich etwa zwei Drittel durchgesetzt; es ist also falsch, zu glauben, daß jegliche Eindeutschungsversuche albern und hoffnungslos seien.

Im Ergebnis haben sich die Fremdwörter, die erfolgreich eingedeutscht wurden, neben den Eindeutschungen häufig erhalten. Zusammenfassend kann man also vielleicht feststellen: Es ist keineswegs aussichtslos, Fremdwörter eindeutschen zu wollen. Aussichtslos ist es aber, eine »reine Sprache« haben zu wollen. Es scheint, daß eine Sprache gar nicht genug Wörter haben kann. Machen wir ihr also einige neue zum Geschenk.



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