Zum Inhalt springen

Vektorraum: Innere direkte Summe – „Mathe für Nicht-Freaks“

Aus Wikibooks

Herleitung und Definition

[Bearbeiten]

Wir haben schon die Summe von zwei Untervektorräumen kennengelernt. Seien U und W zwei Untervektorräume, dann bildet die Summe von U und W wieder einen Untervektorraum Z=U+W. Also finden wir für jeden Vektor vZ zwei Vektoren uU und wW, sodass v=u+w gilt. Nun stellt sich die Frage: Gibt es mehrere Möglichkeiten, v als solche Kombination zu schreiben?

Die Antwort ist ja, es kann mehrere Möglichkeiten geben. Als Beispiel schauen wir uns den Vektorraum 3 an. Dieser Raum kann als die Summe der xy-Ebene und der yz-Ebene betrachtet werden. Das heißt, sei v3, dann gibt es tatsächlich mehrere Möglichkeiten, um v als Summe von Vektoren aus der xy-Ebene und der yz-Ebene darzustellen. Für den Vektor (2,3,5) haben wir z.B. (2,3,5)=(2,2,0)+(0,1,5)=(2,1,0)+(0,2,5).

Solche Darstellungen sind also im Allgemeinen nicht eindeutig. Wir wollen nun ein Kriterium für die Eindeutigkeit finden.

Angenommen wir haben zwei verschiedene Darstellungen von v, d.h. v=u+w und v=u+w mit uu und ww (wenn eins davon gleich ist, dann auch das andere). Insbesondere wissen wir uu0 und ww0. Stellen wir nun die Gleichung u+w=v=u+w um, erhalten wir uuU=wwW. Weil die linke Seite in U und die rechte Seite in W liegt, ist das ein Element in UW, das gleichzeitig kein Nullvektor ist. Also ist UW nicht nur {0}. (Der Nullvektor liegt im Schnitt, weil U und W beide Untervektorräume sind.) Das heißt, wenn die Darstellung nicht eindeutig ist, dann enthält der Schnitt UW nicht nur den Nullvektor.

Umgekehrt gilt: Wenn der Schnitt nicht {0} ist, haben wir keine eindeutige Darstellung. Sei also vUW mit v0. Dann gibt es zwei Darstellungen von v, nämlich v=v+0=0+v (einerseits v=u+w mit u=v und w=0 und andererseits v=u+w mit u=0 und w=v). Wegen v0 sind diese Darstellungen voneinander verschieden.

Also können wir eine Äquivalenz schließen: Der Schnitt UW ist genau dann {0}, wenn die Darstellung aller Vektoren in V eindeutig ist.

In diesem Fall geben wir der Summe einen speziellen Namen: Wir nennen die Summe von U und W, im Fall UW={0}, die direkte Summe von U und W und schreiben UW=U+W.

Definition (Direkte Summe)

Seien U und W zwei Untervektorräume eines Vektorraums V. Wir nennen die Summe U+W direkt, wenn UW={0} gilt. Der Untervektorraum Z=U+W heißt direkte Summe von U und W und wir schreiben Z=UW.

Beispiele

[Bearbeiten]

Summe von zwei Geraden im ℝ²

[Bearbeiten]
Die Geraden U und W

Wir betrachten die folgenden beiden Geraden im 2:

U:={(x0)x} und W:={(xx)x}

Also ist U die x-Achse und W die Gerade, die durch den Ursprung und den Punkt (1,1) verläuft. Die Summe ist U+W=2

Frage: Wieso ist U+W=2?

Wegen der Definition U+W={u+wuU,wW} können wir eine Mengenbeschreibung von U+W berechnen:

U+W={(x0)x}+{(xx)x}={(x0)x}+{(yy)y}={(x0)+(yy)x,y}={(x+yy)x,y}

Jeden Vektor in 2 können wir schreiben als (x+y,y)T mit passenden x,y. Konkret können wir für jeden Vektor (a,b)T2 Skalare x und y finden, so dass (a,b)=(x+y,y), nämlich x:=ab und y:=b. Also gilt U+W=2.

Intuitiv kann man sofort sehen, dass U+W=2. Denn U+W ist ein Untervektorraum von 2, der die Geraden U und W enthält. Die einzigen Untervektorräume von 2 sind der Nullraum, Geraden, die durch den Ursprung verlaufen, und 2. Da die Geraden U und W nicht aufeinander fallen, sondern verschieden sind, kann U+W keine Gerade sein. Deshalb muss U+W=2 gelten.

Wir wollen nun untersuchen, ob diese Summe direkt ist. Dafür müssen wir UW bestimmen. Ist v=(x,y)TUW, so wissen wir folgendes: Weil vU ist, ist y=0. Und weil vW ist, gilt x=y. Somit gilt x=y=0 und wir haben v=0. Weil UW umgekehrt auch 0 enthält, erhalten wir UW={0}. Damit ist die Summe aus U und W direkt und wir können UW schreiben.

Summe von zwei Geraden im ℝ³

[Bearbeiten]
Die Geraden U und W

Wir haben folgende Geraden im 3:

U:={(xx2x)x} und W:={(3x05x)x}

Dann ist U eine Gerade im 3, die durch den Ursprung und den Punkt (1,1,2) verläuft, und W ist eine Gerade, die durch den Ursprung und (3,0,5) verläuft. Die Summe U+W ist eine Ebene, die von den Vektoren (1,1,2)T und (3,0,5)T aufgespannt wird, also

U+W={x(112)+y(305)x,y}.

Frage: Wieso ist dies die Summe der beiden Untervektorräume?

U+W={(xx2x)x}+{(3y05y)y}={(xx2x)+(3y05y)x,y}={x(112)+y(305)x,y}

Also ist U+W eine Ebene, die von den Vektoren (1,1,2)T und (3,0,5)T aufgespannt wird.

Auch hier wollen wir bestimmen, ob die Summe direkt ist. Dafür betrachten wir einen Vektor v=(x,y,z)TUW. Dann gilt, weil vU ist, dass x=y=2z gilt; und weil vW ist, dass y=0 gilt. Somit gilt x=z=y=0 und die Summe ist direkt. Das heißt, wir dürfen UW schreiben.

Summe einer Gerade und einer Ebene im ℝ³

[Bearbeiten]
Die Gerade U3 und die Ebene W

Wir betrachten die Untervektorräume U3 und W vom 3.

U3={(xxx)x}=span{(111)}W={(0yz)y,z}

Der Untervektorraum U3 ist die Gerade durch den Ursprung und den Punkt (1,1,1), während W die y-z-Ebene darstellt. Gemeinsam spannen U3 und W den gesamten 3 auf, d.h. U3+W=3.

Frage: Warum ist die Summe von U3 und W der gesamte Raum 3?

Da U3 und W Untervektorräume von 3 sind, ist auch die Summe U3+W ein Untervektorraum von 3. Wir müssen noch zeigen, dass 3 in U3+W enthalten ist. Dafür beweisen wir, dass ein beliebiger Vektor (a,b,c)T3 in U3+W liegt. Hierfür zeigen wir, dass es ein uU3 und ein wW gibt mit (a,b,c)T=u+w.

Wir wählen u:=(a,a,a)T und w:=(0,ba,ca)T. Dann gilt u+w=(a,a,a)T+(0,ba,ca)T=(a,b,c)T. Außerdem gilt uU3 und wW.

Daher ist der gesamte 3 in U3+W enthalten. Somit ist 3=U3+W.

Nun stellt sich die Frage, ob die Summe U3+W eine direkte Summe ist. Um dies zu prüfen, müssen wir den Schnitt U3W analysieren. Wenn U3W nur den Nullvektor (0,0,0)T enthält, ist die Summe direkt.

Sei (a,b,c)T ein Vektor in U3W. Da (a,b,c)TU3, muss gelten a=b=c. Folglich können wir (a,b,c)T als (a,a,a)T schreiben. Weiterhin muss (a,a,a)TW sein, was bedeutet, dass a=0 gelten muss. Somit haben wir gezeigt, dass (a,b,c)T=(0,0,0)T ist.

Daraus folgt, dass U3W={(0,0,0)T} ist. Da der Schnitt nur den Nullvektor enthält, ist die Summe U3+W direkt. Daher können wir schließen, dass 3=U3W.

Summe von geraden und ungeraden Polynomen

[Bearbeiten]

Wir betrachten nun ein Beispiel einer direkten Summe im Vektorraum der reellen Polynome [x]. Dabei betrachten wir die Untervektorräume U und W vom Polynomraum. Der Untervektorraum U besteht aus allen ungeraden Polynome über , während W der Untervektorraum der geraden Polynome über ist. In Formeln ist das

U={i=0naix2i+1n,ai}=span{x,x3,x5,}W={i=0naix2in,ai}=span{1,x2,x4,}

Die ungeraden Polynome i=0naix2i+1 enthalten nur Monome mit ungeraden Exponenten, während die geraden Polynome i=0naix2i nur Monome mit geraden Exponenten enthalten. Zum Beispiel ist 3x18+19x12x4+8x2 ein gerades Polynom, während x10x weder gerade noch ungerade ist. Wir zeigen nun, dass die geraden und ungeraden Polynome gemeinsam den gesamten Polynomraum [x] erzeugen. In Formeln ausgedrückt: U+W=[x].

Um das zu zeigen, müssen wir beweisen, dass jedes Polynom in [x] als Summe eines ungeraden und eines geraden Polynoms geschrieben werden kann. Dafür betrachten wir ein beliebiges Polynom p=i=0naixi aus [x]. Wir müssen p als Summe eines geraden und eines ungeraden Polynoms schreiben.

p=i=0naixi=i=0n12a2i+1x2i+1U+i=0n2a2ix2iW

Daher ist p in der Summe U+W enthalten.

Nun wollen wir überprüfen, ob die Summe U+W eine direkte Summe bildet. Dafür müssen wir überprüfen, ob der Schnitt der beiden Untervektorräume UW nur den Nullvektor, also das Nullpolynom, enthält. Sei p ist ein Polynom im Schnitt UW. Dann liegt p sowohl in U, als auch in W. Wir können p als i=0naixi schreiben. Da p in U liegt, besteht p nur aus ungeraden Monomen. Deshalb müssen die Vorfaktoren der geraden Monome gleich 0 sein. Also ai=0 für alle geraden i. Da p in W liegt, besteht p nur aus geraden Monomen. Also sind ai=0 für alle ungeraden i. Dies bedeutet, dass alle Koeffizienten ai gleich null sind und p daher das Nullpolynom ist. Somit ist UW=0, und die Summe von U und W ist direkt.

Wir haben gesehen, dass [x]=UW. In anderen Worten, der Polynomraum [x] lässt sich als direkte Summe der Untervektorräume U und W schreiben, wobei U der Untervektorraum der ungeraden Polynome und W der Untervektorraum der geraden Polynome ist.

Gegenbeispiele

[Bearbeiten]

Zwei Ebenen im ℝ³

[Bearbeiten]
Die Ebenen U und W

Wir betrachten die folgenden zwei Ebenen:

U={(2xxy)x,y} und W={(02xy)x,y}

Die beiden Ebenen spannen gemeinsam den ganzen 3 auf. Die Summe ist jedoch nicht direkt, da der Schnitt eine Gerade ist und dadurch nicht nur den Nullvektor enthält. Also gilt UW{(0,0,0)T}.

Wir möchten dies rechnerisch überprüfen. Dafür suchen wir einen Vektor im Schnitt von U und W, der nicht null ist. Wir betrachten einen Vektor (a,b,c)T, der im Schnitt UW liegt. Weil dieser Vektor in U liegt, gibt es x,y gibt, sodass (a,b,c)T=(2x,x,y)T. Außerdem muss es v,w geben, sodass (a,b,c)T=(0,2v,w)T, da (a,b,c)TW.

Wir suchen nun passende Werte für x,y,v,w, um beide Bedingungen zu erfüllen. Aus a=2x und a=0, ergibt sich x=0. Wegen 2v=b=x folgt auch v=0. Weiterhin ergibt sich b=0 aus b=x. Schließlich ergibt sich y=c=w.

Eine mögliche Lösung ist x=v=0, y=1 und w=1. Somit liegt der Vektor (a,b,c)T=(0,0,1)T im Schnitt von U und W. Deshalb gilt UW{(0,0,0)T}.

Verschiedene Polynome im Polynomraum

[Bearbeiten]

Sei K ein Körper. Wir betrachten zwei Untervektorräume im Polynomraum K[X]: Sei U={fK[X]degf2} der Untervektorraum der Polynome von Grad höchstens zwei und sei

V={f=a0+a1X+anXna0++an=0}

der Untervektorraum der Polynome deren Summe der Koeffizienten 0 ist. Wir wollen untersuchen, ob die Summe U+V direkt ist. Dafür müssen wir entscheiden, ob UV=0 gilt.

Ein Element fUV ist ein Polynom f=a0+a1X++anXn, das maximal Grad 2 hat und für das a0+,an=0 gilt. Weil das Polynom Grad zwei hat, gilt a3==an=0. Daher erhalten wir a0+a1+a2=0. Das heißt, UV besteht aus allen Polynomen f=a0+a1X+a2X2, für die a0+a1+a2=0 gilt. Damit können wir ein nicht-null Element von UV finden, wenn wir die Gleichung

a0+a1+a2=0

mit nichttrivialen a0,a1,a2 lösen können. Eine Möglichkeit dafür ist a0=1,a1=1,a2=0, das heißt f=1XUV. Damit ist der Schnitt von U und V nicht Null und die Summe U+V somit nicht direkt.

Eindeutige Zerlegung von Vektoren

[Bearbeiten]

Bereits in der Herleitung haben wir uns überlegt, dass bei der direkten Summe die Zerlegung von Vektoren eindeutig ist. Das beweisen wir hier noch einmal konkret.

Satz (Äquivalente Charakterisierungen der direkten Summe)

Seien U1,U2 Unterräume von V. Dann sind folgende Aussagen äquivalent:

  1. Die Summe von U1 und U2 ist direkt (d.h. U1+U2=U1U2).
  2. U1 und U2 haben trivialen Schnitt (d.h. U1U2={0} ist der triviale Untervektorraum).
  3. Die Darstellung aller Elemente von U1+U2 ist eindeutig (d.h. wenn u=u1+u2=u1+u2 mit u1,u1U1 und u2,u2U2, dann gilt bereits u1=u1 und u2=u2).
  4. Die Darstellung der Null ist eindeutig (d.h. wenn u1+u2=0 mit u1U1 und u2U2, dann gilt bereits 0=u1=u2).

Beweis (Äquivalente Charakterisierungen der direkten Summe)

Die Definition der inneren direkten Summe ist gerade 12. Wir zeigen nun die Implikationen 2342. Dann folgt die Behauptung durch einen Ringschluss.

Beweisschritt: 23

Sei uU1+U2. Wir müssen zeigen, dass u sich auf eindeutige Weise als Summe von Elementen von U1 und U2 schreiben lässt.

Seien dazu u1,u1U1 und u2,u2U2 mit der Eigenschaft, dass u1+u2=u=u1+u2. Wir haben also zwei Darstellungen von u und müssen zeigen, dass sie gleich sind. "Gleich" bedeutet dabei, dass u1=u1 und u2=u2.

Wegen u1+u2=u1+u2 gilt u1u1=u2u2. Dieses Element liegt in U1 (wegen der Darstellung links von "=") und in U2 (wegen der Darstellung rechts von "="). Also liegt es im Schnitt U1U2. Nach Voraussetzung ist U1U2={0}. Damit folgt 0=u1u1=u2u2. Also gilt u1=u1 und u2=u2. Das ist genau, was wir zeigen wollten.

Beweisschritt: 34

Sei u1U1 und u2U2 mit u1+u2=0U1+U2. Dies ist eine Darstellung von 0U1+U2.

Andererseits ist 0=0+0U1+U2 auch eine Darstellung von 0.

Da Darstellungen nach Voraussetzung eindeutig sind, folgt u1=0 und u2=0.

Beweisschritt: 42

Sei uU1U2. Dann ist natürlich auch uU1 und uU2. Da U2 ein Untervektorraum ist, muss für jedes Element xU2 auch sein inverses Element bezüglich der Addition xU2 sein. Deshalb ist uU2.

Damit erhalten wir uU1+(u)U2=0=0U1+0U2. Aus der Eindeutigkeit der Darstellung der Null folgt damit u=0. Also ist der Schnitt trivial, d.h. U1U2={0}.

Innere direkte Summe und disjunkte Vereinigung von Mengen

[Bearbeiten]

Wir können uns die Summe von zwei Untervektorräumen als strukturerhaltende Vereinigung vorstellen: Das Bilden der Summe ist „strukturerhaltend“, weil das Ergebnis wieder ein Untervektorraum ist. Also bleibt die Vektorraumstruktur beim Summe Bilden erhalten. Wir können uns die Konstruktion als Vereinigung vorstellen, weil die Summe beide Untervektorräume enthält. Die Untervektorräume U und W sind Teilmengen der Summe U+W. Die Summe U+W ist der kleinste Untervektorraum, der die beiden Untervektorräume U und W enthält. So wie man bei Mengen Vereinigungen bilden kann, so funktionieren auch die Summen von Untervektorräumen.

Die direkte Summe ist ein Spezialfall der Summe von Untervektorräumen. Damit ist jede direkte Summe auch eine strukturerhaltende Vereinigung. „Direkt zu sein“ ist eine Eigenschaft einer Summe von Untervektorräumen. Wir wollen nun sehen, ob es eine Eigenschaft der Vereinigung von Mengen gibt, die dem Direktsein einer Summe entspricht.

Direkte Summen sind dadurch charakterisiert, dass die Zerlegung der Vektoren in der Summe eindeutig ist. Haben wir einen Vektor vUW mit v=u+w, wobei uU und wW, dann sind die Vektoren u und w eindeutig. Bei einer Vereinigung XY von Mengen X und Y liegt jedes Element aXY in X oder in Y. Das Element kann auch in beiden liegen, das heißt, wir wissen im Allgemeinen nicht eindeutig, wo sie liegen. Wir können a genau dann nicht eindeutig zuordnen, wenn aXY, also im Schnitt, liegt. Damit ist die Zuordnung von Elementen aXY genau dann eindeutig, wenn XY leer ist. Tatsächlich entspricht dieses Kriterium genau dem Kriterium, damit eine Summe direkt ist: Wir wollen, dass UW={0}, was der kleinstmögliche Vektorraum ist, der Schnitt enthält also nichts aus U und W mehr (außer der Null, die er als Vektrorraum sowieso enthalten muss). Das ist genau die Definition einer disjunkten Vereinigung. Das heißt, die direkte Summe von Untervektorräumen entspricht intuitiv der disjunkten Vereinigung von Mengen.

Basis und Dimension

[Bearbeiten]

Wir haben gesehen, dass die direkte Summe ein Spezialfall der Summe von Untervektorräumen ist. Also können wir alles, was wir über die Summe wissen, auf die direkte Summe übertragen. Wir haben schon gesehen, dass die Vereinigung von Basen von U und W ein Erzeugendensystem von U+W ist. Das bedeutet, wenn BU eine Basis von U und BW eine Basis von W ist, dann ist BUBW ein Erzeugendensystem von U+W. Wenn U und W endlich dimensional sind, gilt die Dimensionsformel

dim(U+W)=dim(U)+dim(W)dim(UW).

Damit wissen wir noch mehr, wenn die Summe U+W direkt ist, also wenn U+W=UW gilt: Dann ist UW={0}. Da dim({0})=0 ist, gilt im endlich dimensionalen Fall

dim(U+W)=dim(U)+dim(W)dim(UW)=0=dim(U)+dim(W).

Also ist die Dimension der Summe U+W die Summe der Dimensionen dim(U) und dim(W). Wenn nun BU eine Basis von U und BW eine Basis von W ist, dann können wir folgern

dim(U+W)=dim(U)+dim(W)=|BU|+|BW|.

Weil UW={0} gilt, ist die Vereinigung der Basen von U und W disjunkt, d.h. BUBW. Deshalb gilt |BU|+|BW|=|BUBW|. Weil BUBW ein Erzeugendensystem von U+W ist und dim(U+W)=|BUBW| ist, muss BUBW auch eine Basis der Summe U+W sein.

Wir haben damit gesehen, dass im Endlichdimensionalen die Vereinigung der Basen von U und W eine Basis von UW ist. Das gilt auch allgemein:

Satz (Basis der direkten Summe)

Seien U und W zwei Untervektorräume eines K-Vektorraums V. Angenommen, die Summe von U und W ist direkt; d.h. wir können UW schreiben. Sei BU eine Basis von U und BW eine Basis von W. Dann ist die Vereinigung von BU und BW disjunkt und BUBW ist eine Basis von UW.

Beweis (Basis der direkten Summe)

Wir haben schon gesehen, dass BUBW ein Erzeugendensystem von U+W ist. Wir müssen also nur noch zeigen, dass die Vereinigung disjunkt BUBW und linear unabhängig ist.

Beweisschritt: BUBW

Angenommen, es gibt vBUBW. Dann gilt vUW={0}, also ist v=0. Das ist aber ein Widerspruch zu vBU und vBW, da eine Basis nicht den Nullvektor enthalten kann. Also kann es kein vBUBW geben, d.h. BUBW=.

Beweisschritt: BUBW ist linear unabhängig

Sei

0=i=1nαiui+j=1mβjwj

für beliebige n,m, uiBU und wjBW paarweise verschieden, sowie αi,βjK. Wir müssen zeigen, dass alle αi und βj gleich 0 sind. Das entspricht genau der Definition der linearen Unabhängigkeit von BUBW.

Aus

0=i=1nαiui+j=1mβiwi

folgt

i=1nαiui=j=1mβjwj.

Dieser Term ist sowohl in U (als Linearkombination von Elementen in BU) als auch in W (als Linearkombination von Elementen in BW). Da UW eine direkte Summe ist, folgt

i=1nαiui=0=j=1mβjwj.

Aus der linearen Unabhängigkeit von BU folgt αi=0 für alle i und aus der linearen Unabhängigkeit von BW folgt βj=0 für alle j.

Wir können nun auch aus dem Satz folgern, dass

dim(UW)=dim(U)+dim(W)

gilt.

Aufgaben

[Bearbeiten]

Aufgabe

Sei K=/3 und sei V=K3. Betrachte die beiden Unterräume U=span{(1,1,0)} und W=span{(0,2,2),(0,0,1)}. Zeige, dass UW=V gilt und bestimme uU und wW, sodass (2,0,2)=u+w gilt.

Lösung

Um UW=V zu zeigen, müssen wir zwei Dinge beweisen: Erstens, dass die Summe von U und W direkt ist, d.h. UW={0}. Zweitens müssen wir zeigen, dass die Summe von U und W ganz V ergibt, d.h. U+W=V.

Beweisschritt: UW={0}

Weil U und W als Unterräume den Nullvektor enthalten, ist {0}UW klar. Für den Beweis der umgekehrten Inklusion sei vUW beliebig. Dann gilt

v=λ(110)=μ1(022)+μ2(001)

für gewisse λ,μ1,μ2K. Aus der ersten Zeile der Vektoren folgt λ1=μ10+μ20=0. Also ist λ=0 und damit v=0.

Beweisschritt: U+W=V

Es gilt U+WV. Die beiden Vektoren, die W aufspannen, sind offenbar linear unabhängig, also ist dim(W)=2. Außerdem gilt dim(U)=1 und dim(V)=dim(K3)=3. Mit der Dimensionsformel für Unterräume folgt

dim(U+W)=dim(U)+dim(W)dim(UW)=1+20=3=dim(V).

Also sind die Dimensionen der Unterräume gleich und aus U+WV folgt U+W=V.

Alternativ könnte man die Gleichheit beweisen, indem man zeigt, dass sich jedes vV als Summe von einem uU und einem wW schreiben lässt.

Wir wollen v=(2,0,2) also Summe von einem Vektor in U und einem Vektor in W schreiben. Wir suchen also λ1,λ2,λ3K=/3 mit

(202)=λ1(110)+λ2(022)+λ3(001).

Das können wir als lineares Gleichungssystem schreiben:

2=λ10=λ1+2λ22=2λ2+λ3

Aus der ersten Zeile folgt λ1=2/3. Einsetzen in die zweite Zeile ergibt λ2=2=2/3. Einsetzen in die dritte Zeile ergibt λ3=1/3. Also gilt v=u+w mit

u=2(110)=(220)Uundw=2(022)+(001)=(012)W.

Für die folgenden beiden Aufgaben solltest du wissen, was eine lineare Abbildung ist.

Aufgabe (Selbstinverse lineare Abbildungen und Unterräume)

Sei V ein -Vektorraum und f:VV eine lineare Abbildung.

  1. Zeige, dass die Teilmengen U={vVv=f(v)} und W={vVf(v)=v} Unterräume von V sind.
  2. Es gelte zusätzlich ff=idV, wobei idV die Identität auf V bezeichnet. (Eine lineare Abbildung mit dieser Eigenschaft heißt selbstinvers.) Zeige, dass dann V=UW für die beiden Unterräume aus dem ersten Teil der Aufgabe gilt.

Lösung (Selbstinverse lineare Abbildungen und Unterräume)

Lösung Teilaufgabe 1:

Wir nutzen das Untervektorraumkriterium und zeigen, dass U und W nichtleere Teilmengen von V sind, die abgeschlossen unter der Bildung von Linearkombinationen sind. Wir führen den Beweis nur für W. Der Beweis für U geht genauso, man muss nur alle Gleichungen der Form "f(v)=v" durch "f(v)=v" ersetzen.

Beweisschritt: WV

Das gilt per Definition von W.

Beweisschritt: W ist nichtleer.

Wegen f(0V)=0V=0V gilt 0VW. Also ist W nichtleer.

Beweisschritt: W ist abgeschlossen unter Bildung von Linearkombinationen.

Seien u,vW und λ,mu beliebig. Dann gilt

f(λu+μv) Linearität von f=λf(u)+μf(v) u,vWund Definition von W=λ(u)+μ(v) Distributivgesetz=(λu+μv),

also liegt die Linearkombination λu+μv ebenfalls in W.

Lösung Teilaufgabe 2:

Um UW=V zu zeigen, müssen wir zwei Dinge beweisen: Erstens, dass die Summe von U und W direkt ist, d.h. UW={0}. Zweitens müssen wir zeigen, dass die Summe von U und W ganz V ergibt, d.h. dass sich jeder Vektor vV als Summe eines Vektors uU und eines Vektors wW schreiben lässt.

Beweisschritt: UW={0}

Weil U und W als Unterräume den Nullvektor enthalten, ist {0}UW klar. Für den Beweis der umgekehrten Inklusion sei vUW beliebig. Dann gilt

v=vUf(v)=vWv,

also 2v=0, also v=0. Weil vUW beliebig war, ist damit UW={0} gezeigt.

Beweisschritt: U+W=V

Weil U und W als Unterräume Teilmengen von V sind, ist U+WV klar. Für die umgekehrte Inklusion sei vV beliebig. Dann gilt

v=12v+12v+12f(v)12f(v)=12(v+f(v))=:u+12(f(v)+v)=:w=u+w.

Weil ff=idV ist, folgt aus der Linearität von f

f(u)=f(12(v+f(v)))=12(f(v)+f(f(v)))=12(f(v)+idV(v))=12(f(v)+v)=u.

Also ist uU. Genauso zeigt man 12wW: Es ist

f(w)=f(12(vf(v)))=12(f(v)f(f(v)))=12(f(v)v)=w.

Also ist v eine Summe eines Vektors aus U und eines Vektors aus W. Da vV beliebig war, ist damit VU+W gezeigt.

Für diese Aufgabe brauchst du zusätzlich die Begriffe Kern und Bild einer linearen Abbildung.

Aufgabe (Idempotente Abbildungen)

Sei f:VV eine lineare Abbildung mit ff=f. (Eine lineare Abbildung mit dieser Eigenschaft heißt idempotent oder Projektion.) Zeige: V=im(f)ker(f).

Lösung (Idempotente Abbildungen)

Wir zeigen, dass V=im(f)+ker(f) und {0}=im(f)ker(f) gilt. Nach der Definition der direkten Summe ist die Summe ker(f)+im(f) somit direkt.

Beweisschritt: V=im(f)+ker(f)

Da sowohl der Kern als auch das Bild von f Untervektorräume von V sind, gilt ker(f)+im(f)V. Wir zeigen nun die umgekehrte Inklusion Vker(f)+im(f).

Sei vV beliebig. Wegen der Voraussetzung f=ff gilt f(v)=f(f(v)), oder in anderen Worten f(v)f(f(v))=0. Wegen der Linearität von f folgt f(vf(v))=0. Also liegt das Element vf(v) im Kern von f. Außerdem liegt das Element f(v) per Definition im Bild von f. Somit ist

v=vf(v)+f(v)=(vf(v))ker(f)+f(v)im(f)

die Summe eines Elementes aus ker(f) und eines Elementes aus im(f). Also liegt v in im(f)+ker(f). Weil vV beliebig war, haben wir Vker(f)+im(f) gezeigt.

Beweisschritt: ker(f)im(f)={0}

Weil U und W als Unterräume den Nullvektor enthalten, ist {0}UW klar. Für den Beweis der umgekehrten Inklusion sei vker(f)im(f) beliebig. Dann ist v ein Element des Kerns von f und es gilt f(v)=0. Weil v außerdem im Bild von f liegt, existiert ein wV, sodass v=f(w) ist. Weil f=ff gilt, folgt

0=f(v)=f(f(w))=f(w)=v.

Weil vker(f)im(f) beliebig war, haben wir damit ker(f)im(f)={0} gezeigt.

Im 2 können wir die Aussage aus der vorherigen Aufgabe gut veranschaulichen:

Beispiel (Projektion im 2)

Sei f:22 mit (x,y)(x,x). Dann ist f linear. Außerdem gilt ff=f: Für jeden Vektor (x,y)2 gilt

f(f(x,y))=f(x,x)=(x,x)=f(x,y).

Die Abbildung f ist also eine Projektion. Anschaulich projiziert f Vektoren im 2 entlang der y-Achse auf die erste Winkelhalbierende span{(1,1)}. Insbesondere gilt im(f)=span{(1,1)}. Außerdem bildet f die y-Achse auf den Nullvektor ab, d.h. ker(f)=span{(0,1)}. Wir sehen, dass tatsächlich 2=im(f)ker(f) gilt wie in der Aufgabe gezeigt.

To-Do:

Bild einfügen, wo gezeigt ist, was f macht und für einen Beispielvektor die Aufteilung in f(v) und v-f(v) eintragen