Umgangsformen: Kleidung
Kleidung drückt sehr stark die eigene Identität aus und beeinflusst, wie Sie von anderen Menschen wahrgenommen werden. Nicht nur passende (gut sitzende), sondern auch sozial angemessene Kleidung ist daher ein wichtiger Teil guter Umgangsformen. Sofern Sie nicht den Ausdruck Ihrer Persönlichkeit über alles und jeden stellen, gilt im Umgang mit Kleidung nur eine soziale Regel, an die Sie sich halten sollten: Kleiden Sie sich stets dem Anlass und der Umgebung entsprechend. In manchen Situationen kann es jedoch schwierig sein herauszufinden, was die einem Anlass entsprechende Kleidung ist. Wenn man sich in der Stadt in die Fußgängerzone begibt, läuft man nicht rum wie am Strand, wenn man im Supermarkt einkaufen geht, trägt man keine Jogging-Hose, wenn man in die Schule geht, takelt man sich nicht auf wie für die Disco usw.
Nacktheit
[Bearbeiten]Öffentliche Nacktheit ist zwar (in Deutschland) nicht verboten, aber meistens nur in bestimmten, gesellschaftlich akzeptierten Situationen anzutreffen (z.B. in privaten Räumlichkeiten, in der Kunst oder an öffentlichen Orten wie der Sauna, FKK-Einrichtungen oder in der Natur beim Nacktbaden bzw. Nacktwandern). Bei Demonstrationen im öffentlichen Raum wird mit der Unerwartetheit von Kleiderlosigkeit bewusst Aufmerksamkeit für politischen Protest erzeugt. Auf die ungleiche Bewertung und Behandlung der männlichen und weiblichen Brust wird u.a. durch "free-the-nipple"-Kampagnen aufmerksam gemacht. Eine gängige Behauptung ist, einfache Nacktheit stelle „Exhibitionismus“ oder gar „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ dar, was jedoch juristisch unzutreffend ist, denn diese Sexualdelikte setzen Belästigungen bzw. sexuelle Handlungen voraus, um strafrechtlich verfolgt werden zu können (§§ 183, 183a StGB). In Ihren eigenen vier Wänden unterliegen Sie ohnehin keinerlei Beschränkungen bzgl. Nacktheit, selbst dann nicht, wenn Ihre Räumlichkeiten von außerhalb einsehbar sind.
Das gesellschaftlich akzeptierte Minimum an Bedeckung in der Öffentlichkeit verhüllt in der Regel die Geschlechtsteile und die (weibliche) Brust. Eine Minimalbekleidung im Sinne guter Umgangsformen liegt jedoch über diesem Minimum. Wählen Sie Unterkörperbekleidung, die nicht nur den Schambereich selbst, sondern auch ein gutes Stück Bein bedeckt, mindestens die Hälfte des Oberschenkels. Wählen Sie Oberkörperbekleidung, die mindestens den Brustbereich vollständig bedeckt. Beachten Sie, dass bauchfrei bei Damen in vielen Situationen unerwünscht sein kann und bei Herren für gewöhnlich inakzeptabel ist. Unterwäsche ist nicht dazu da, sichtbar außen getragen zu werden; selbst ein zu einer Hose getragenes Unterhemd wird im Allgemeinen als unzureichend empfunden.
Wenn man ein Oberhemd ohne Krawatte trägt, lässt man den obersten Knopf offen. Und umgekehrt: Wer eine Krawatte trägt, schließt den obersten Knopf und zieht die Krawatte zwischen die Kragenschenkel hoch, so dass sie diesen Knopf verdeckt. Auf halb Acht hängende Krawatten sind kein Zeichen von Lässigkeit, sondern von Inkonsequenz und Nachlässigkeit.
Hinsichtlich der Entblößung der Füße gilt das Umgekehrte wie bei der Brust: In Sandalen sind - zumindest bei Herren - ausschließlich nackte Füße erwünscht, oder anders formuliert: wer Strümpfe in Sandalen trägt, gilt als spießig. Damen hingegen tragen vielerlei Schuhwerk barfuß. Ein medizinisch begründeter Trend trägt zunehmend zum Barfußgehen gänzlich ohne Schuhe bei - sowohl in der Natur und auf Barfußpfaden, als auch in städtischen Kontexten. Barfußschuhe bieten als "minimales Schuhwerk" für viele einen guten Kompromiss aus Fußfreiheit bei erhaltener Schutzfunktion. (Zehenschuhe polarisieren jedoch und stellen ein eigenes Diskussionsfeld hinsichtlich deren Ästhetik dar.)
Preisschild
[Bearbeiten]Entfernen Sie von neuen Kleidungsstücken unbedingt alle Anhänger und Aufkleber. Das Preisschild offen zur Schau zu tragen, ist ein Fauxpas. Entfernen Sie bei Anzügen und Mänteln den lose befestigten Herstellerhinweis unten am linken Ärmel und denken Sie bei Schuhen an die Aufkleber auf der Schuhsohle.
Gehobene Garderobe
[Bearbeiten]Gehobene Abendgarderobe wie Smoking und Abendkleid werden zu entsprechenden Anlässen und nur am Abend getragen. Festliche Kleidung unterstützt das festliche Ambiente einer Veranstaltung. Veranstalter geben daher meist im Voraus bekannt – beispielsweise auf den Eintrittskarten –, welche Art von Garderobe von den Gäste erwartet wird (Dresscode). Passen Sie Ihre Kleidung unbedingt an die Vorgaben des Veranstalters an, es besteht die Möglichkeit, dass Sie sonst nicht eingelassen werden!
Well-dressed welcome
[Bearbeiten]Die englische Formulierung well-dressed welcome, „Gut gekleidet willkommen“ ist die schwächste aller Vorgaben und wörtlich zu nehmen: Es ist dem Veranstalter willkommen, wenn Sie sich fein herausputzen, Pflicht ist es jedoch nicht. Lassen Sie hier Ihre Fantasie spielen. Vom Cocktailkleid bis zum Bambusröckchen mit Bananenhut und Federboa ist bei dieser Vorgabe alles erlaubt, was thematisch zum Anlass passt. Sie sollten anderen Gästen jedoch nicht den Spaß verderben, indem Sie in allzu (nach)lässiger Kleidung erscheinen.
Festliche Kleidung
[Bearbeiten]Die Angaben festliche Kleidung und festliche Abendkleidung sind üblich für festliche, aber nicht zu gehobene Anlässe. Tragen Sie als Herr entweder einen dunklen Anzug (Jackett mit Hose aus dem gleichen Stoff) oder einen Smoking (der Abendanzug schlechthin) und als Dame ein Cocktailkleid.
Die für festliche Kleidung angebotenen Abendhemden sind aus dünnen Baumwollstoffen, ohne Aufdrucke oder dergleichen, oft mit einer verdeckten Knopfleiste, beliebiger Kragenform und ohne Brusttaschen. Zum Smoking können Hemden mit verzierter Brustpartie getragen werden. Gelegentlich finden sich auch Smokinghemden, die, wie beim Frackhemd, auffällige Zierknöpfe haben. In diesem Fall ist die Knopfleiste natürlich nicht verdeckt. Dem festlichen Anlass entsprechend, werden die Armmanschetten des Hemds vorzugsweise mit Manschettenknöpfen geschlossen (beim Smoking schlichte Knöpfe in silbernem Farbton). Krawatte oder Schleife (in Kombination mit einem Anzug) oder eine Schleife (zwingend beim Smoking und beim Frack)) sind bei festlichen Anlässen Pflicht. Anzüge werden von früh bis spät zu allen Anlässen getragen, bei denen ordentliche Kleidung erwünscht ist.
Zu dunklen knielangen Strümpfen aus Baumwolle oder Seide werden schwarze Halbschuhe aus Glattleder (Kalbleder oder Chevreaux) mit Ledersohle und ohne auffällige Nähte oder Schnürsenkel getragen. Auch Lackschuhe können getragen werden. Beim Frack werden sie sogar erwartet. Als Schuhmodell kommen alle Oxford-Modelle in Frage. Derby-Modelle sind zu meiden, da sie eher rustikal oder sportlich wirken und einem eleganten festlichen Auftritt abträglich sind. Selbstverständlich sollte sein, dass die Schuhe in einwandfreiem Zustand sind: sie haben keine schief gelaufenen Absätze und sind sauber und glänzend.
Das Cocktailkleid ist ein festliches, eher schlicht gehaltenes Kleid mit Knie- bis maximal Wadenlänge, das körpernah geschnitten ist und sich zu festlichen Anlässen vielerlei Art eignet. Die bekannteste Form ist das Kleine Schwarze.
Großer Gesellschaftsanzug, Cut und Stresemann
[Bearbeiten]Die Vorgaben großer Gesellschaftsanzug, Frack, cravate blanche und white tie, beide „weiße Krawatte“, bezeichnen die vornehmste Art der Abendgarderobe. Für den Herrn ist dies die Gelegenheit für Frack, Stresemann und Gehrock oder sogar Paradeuniform, wenn Sie militärischer Würdenträger sind. Die Dame trägt ein festliches Abendkleid oder bei einem Tanzball, ein Ballkleid.
Der Frack ist der festlichste Anzug des Herrn und wird mit weißer Schleife und schwarzen Lackschuhen getragen. Der Cutaway (kurz: Cut) ist eine Sonderform des Fracks, die für morgendliche Veranstaltungen gedacht ist und Abends nicht mehr getragen wird. Der Stresemann ist eine für das Tagesgeschäft gedachte, bequemere Variante des Cutaway, die heute zu festlichen Anlässen wie Hochzeiten und Trauerfeiern getragen wird. Der Gehrock ist ein etwas veralteter knielanger, doppelreihiger Herrenrock, der mit Weste, Hemd und Hose kombiniert wird.
Fettnäpfchen
[Bearbeiten]Bedenken sie auch, dass es in vielen Kulturen und Ländern völlig andere Umgangsformen in Bezug auf Kleidung gibt und diese auch in Deutschland gelten können. Wenn sie zum Beispiel auf eine traditionelle türkische Hochzeit eingeladen werden, die in Deutschland stattfindet, gelten die entsprechenden türkischen Umgangsformen. Sie müssen als Frau zwar kein Kopftuch tragen, aber keinesfalls sollten sie einen kurzen Rock oder ein schulterfreies Kleid tragen. Auch beim Besuch etlicher religiöser Gebäude (z.B. Kirchen, Moscheen, Synagogen) gelten in aller Regel noch deutlich striktere, u.U. geschlechtsspezifische Erwartungen bezüglich der Bedeckung des Körpers oder bestimmter Körperteile.