Soziologische Klassiker/ Druckversion

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Soziologische Klassiker



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Das soziologische Dorf[Bearbeiten]

Einleitung[Bearbeiten]

Das Projekt „Soziologisches Dorf“ stellt eine Theory Map der Theorielandschaft in der Soziologie dar. Es wurde versucht, auf einer visuellen „Landkarte“ die wichtigsten soziologischen Theorien darzustellen und kurz sowie prägnant zu beschreiben.

Begonnen wurde die Arbeit mit der Einteilung der Theorien in Mikro- und Makrostrukturen. Während Mikrostrukturen sich vornehmlich mit dem Individuum und der interpersonellen Interaktion beschäftigen, erarbeitet die Makrosoziologie Theorien zu übergeordneten abstrakten Organisationen, Strukturen und Kulturen. Darauf folgte eine weitere Einteilung in die vier Paradigmen der Soziologie:

1. Normatives Paradigma

2. Strukturtheoretisches Paradigma

3. Utilitaristisches Paradigma

4. Interpretatives Paradigma

Jedem dieser Paradigmen wurden in Form von Häuschen Theorien zugeordnet, wobei sich die Vertreter/inn/en in den einzelnen Fundamenten bzw. Stockwerken befinden.
Wichtige Vertreter wie Max Weber, Emile Durkheim und Karl Marx befinden sich auf Schiffen auf dem Fluss, da sie zu zwei oder mehreren Paradigmen Theorien entworfen haben und somit nicht eindeutig einem Paradigma zu zuordnen sind.

Wir hoffen, mit diesem Beitrag einen Überblick über die vernetzte Theorielandschaft der Soziologie und dem/der Leser/In auch etwas Orientierung mitgeben zu können.

Themen dieser alternativen Einleitung zu den soziologischen Klassikern[Bearbeiten]

Normatives ParadigmaSystemtheorieKritische TheorieKonflikttheorieStrukturalismusStrukturfunktionalismusNeofunktionalismusStrukturtheoretisches ParadigmaStructural SociologyUtilitaristisches ParadigmaAustauschtheorieInterpretatives ParadigmaPhänomenologieSymbolischer InteraktionismusChicagoer SchuleEthnomethodologieWissenssoziologieDescartesFergusonHobbesHumeKantLockeMillarRousseauMontesqieuSmithSoziologische Klassiker/ Merton, Robert K.Soziologische Klassiker/ Parsons, TalcottSoziologische Klassiker/ Spencer, HerbertSoziologische Klassiker/ Durkheim, EmileSoziologische Klassiker/ Parsons, TalcottSoziologische Klassiker/ Luhmann, NiklasSoziologische Klassiker/ Alexander, JeffreySoziologische Klassiker/ Eisenstadt, Shmuel NoahSoziologische Klassiker/ Smelser, NeilSoziologische Klassiker/ Parsons, TalcottSoziologische Klassiker/ Levi-Strauss, ClaudeSoziologische Klassiker/ Habermas, JürgenSoziologische Klassiker/ Adorno, Theodor W.Soziologische Klassiker/ Marcuse, HerbertSoziologische Klassiker/ Horkheimer, MaxSoziologische Klassiker/ Marx, KarlSoziologische Klassiker/ Dahrendorf, RalfSoziologische Klassiker/ Coser, A. LewisSoziologische Klassiker/ Simmel, GeorgSoziologische Klassiker/ Marx, KarlSoziologische Klassiker/ Das soziologische Dorf/ Ahnengalerie - HobbesSoziologische Klassiker/ Blau, Peter M.Soziologische Klassiker/ Merton, Robert K.Soziologische Klassiker/ Lazarsfeld, Paul FelixSoziologische Klassiker/ Parsons, TalcottSoziologische Klassiker/ Lindenberg, SiegwartSoziologische Klassiker/ Esser, HartmutSoziologische Klassiker/ Wippler, ReinhardSoziologische Klassiker/ Coleman, JamesSoziologische Klassiker/ Homans, George C.Soziologische Klassiker/ Blau, Peter M.Soziologische Klassiker/ Das soziologische Dorf/ Ahnengalerie - SmithSoziologische Klassiker/ Luckmann, ThomasSoziologische Klassiker/ Luckmann, ThomasSoziologische Klassiker/ Berger, PeterSoziologische Klassiker/ Berger, PeterSoziologische Klassiker/ Schütz, AlfredSoziologische Klassiker/ Scheler, MaxSoziologische Klassiker/ Mannheim, KarlSoziologische Klassiker/ Blumer, HerbertSoziologische Klassiker/ Mead, GeorgeSoziologische Klassiker/ Garfinkel, HaroldSoziologische Klassiker/ Park, Robert EzraSoziologische Klassiker/ Ogburn, William F.Soziologische Klassiker/ Simmel, GeorgSoziologische Klassiker/ Mead, George HerbertSoziologische Klassiker/ Thomas, William I.Soziologische Klassiker/ Marx, KarlSoziologische Klassiker/ Weber, MaxSoziologische Klassiker/ Durkheim, EmileTheoryMap-SoziologischesDorf.jpg
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Der Einfluss von Weber, Durkheim und Marx[Bearbeiten]

Wie oben beschrieben, ist der Einfluss von Weber, Durkheim und Marx sehr weitreichend. Um dies noch genauer darzustellen, sind in der folgenden Bearbeitung der Theory Map ihre Einflüsse gekennzeichnet:

Normatives ParadigmaSystemtheorieKritische TheorieKonflikttheorieStrukturalismusStrukturfunktionalismusNeofunktionalismusStrukturtheoretisches ParadigmaStructural SociologyUtilitaristisches ParadigmaAustauschtheorieInterpretatives ParadigmaPhänomenologieSymbolischer InteraktionismusChicagoer SchuleEthnomethodologieWissenssoziologieDescartesFergusonHobbesHumeKantLockeMillarRousseauMontesqieuSmithSoziologische Klassiker/ Merton, Robert K.Soziologische Klassiker/ Parsons, TalcottSoziologische Klassiker/ Spencer, HerbertSoziologische Klassiker/ Durkheim, EmileSoziologische Klassiker/ Parsons, TalcottSoziologische Klassiker/ Luhmann, NiklasSoziologische Klassiker/ Alexander, JeffreySoziologische Klassiker/ Eisenstadt, Shmuel NoahSoziologische Klassiker/ Smelser, NeilSoziologische Klassiker/ Parsons, TalcottSoziologische Klassiker/ Levi-Strauss, ClaudeSoziologische Klassiker/ Habermas, JürgenSoziologische Klassiker/ Adorno, Theodor W.Soziologische Klassiker/ Marcuse, HerbertSoziologische Klassiker/ Horkheimer, MaxSoziologische Klassiker/ Marx, KarlSoziologische Klassiker/ Dahrendorf, RalfSoziologische Klassiker/ Coser, A. LewisSoziologische Klassiker/ Simmel, GeorgSoziologische Klassiker/ Marx, KarlSoziologische Klassiker/ Das soziologische Dorf/ Ahnengalerie - HobbesSoziologische Klassiker/ Blau, Peter M.Soziologische Klassiker/ Merton, Robert K.Soziologische Klassiker/ Lazarsfeld, Paul FelixSoziologische Klassiker/ Parsons, TalcottSoziologische Klassiker/ Lindenberg, SiegwartSoziologische Klassiker/ Esser, HartmutSoziologische Klassiker/ Wippler, ReinhardSoziologische Klassiker/ Coleman, JamesSoziologische Klassiker/ Homans, George C.Soziologische Klassiker/ Blau, Peter M.Soziologische Klassiker/ Das soziologische Dorf/ Ahnengalerie - SmithSoziologische Klassiker/ Luckmann, ThomasSoziologische Klassiker/ Luckmann, ThomasSoziologische Klassiker/ Berger, PeterSoziologische Klassiker/ Berger, PeterSoziologische Klassiker/ Schütz, AlfredSoziologische Klassiker/ Scheler, MaxSoziologische Klassiker/ Mannheim, KarlSoziologische Klassiker/ Blumer, HerbertSoziologische Klassiker/ Mead, GeorgeSoziologische Klassiker/ Garfinkel, HaroldSoziologische Klassiker/ Park, Robert EzraSoziologische Klassiker/ Ogburn, William F.Soziologische Klassiker/ Simmel, GeorgSoziologische Klassiker/ Mead, George HerbertSoziologische Klassiker/ Thomas, William I.Soziologische Klassiker/ Marx, KarlSoziologische Klassiker/ Weber, MaxSoziologische Klassiker/ Durkheim, EmileTheoryMap-SoziologischesDorfEinfluss.jpg
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Die Beschreibung zur Vorgehensweise und weitere Anmerkungen zum Einflussnetzwerk der soziologischen Klassiker finden sich hier.

Brain Drain[Bearbeiten]

Prolog[Bearbeiten]

Definition Braindrain[Bearbeiten]

Beide angloamerikanische Begriffe würden wörtlich in etwa "Abfluss von Gehirn" bedeuten. [1] Im Allgemeinen wird Braindrain mit Abwanderung von Wissenschaftlern übersetzt . Diese Definition wird dahingehend erweitert, dass es sich bei diesen Personen um Auswanderer handelt, die besonders gut ausgebildet oder begabt sind. Im Gegensatz dazu beschreibt der Braingain u.a. den Gewinn [2] jener Länder, die diese Auswanderer aufnehmen.
Der Begriff Braindrain wurde erstmals 1960 [3] im Zusammenhang mit der Auswanderung britischer hochqualifizierter Facharbeiter sowie Wissenschaftler in die USA im Zuge einer Studie verwendet. Diese Studie diente zur Aufdeckung von Schwächen im britischen Wissenschaftssystem und um eine entsprechende Förderung zu bewirken.
Die Abwanderung erfolgt in diesem Kontext i.d.R. vom Heimatland der Betroffenen in einen neuen Kulturraum. Das erworbene Wissen aus dem Ursprungsland ist somit im eigenen Kulturraum nicht mehr verfügbar und wird im neuen Kulturraum eingebracht.
Meist bestehen mehrere Gründe für eine derartige Abwanderung. Zum einen müssen die Bedingungen für die betroffenen Personen im Heimatland bedrohlich oder aussichtslos sein, um als Motive zur Abwanderung zu dienen. Zum anderen müssen seitens der Emigranten die verfügbaren Mittel zur Verfügung stehen, um in ein anderes Land auswandern zu können. Wie wir noch weiter sehen werden, wird dieser Umstand von Ländern, die Auswanderer aufnehmen mit Anreizregelungen wie Stipendien gefördert.
Ein weiteres Problem stellte sich den Auswanderern dann oftmals im neuen Kulturraum. Dieser ist meist durch eine fremde Sprache und Sozialstruktur gekennzeichnet auf die sich der Immigrant einstellen muss. Viele Wissenschaftler in der jüngeren Geschichte der Soziologie verzichteten auf diesen Schritt[4] in der Angst, ihre spezifischen Gedankengänge nicht im entsprechenden Maße zu Papier bringen zu können, aufgrund der Sprachbarriere [5] . Auch dies zeigt, dass der Braindrain meist nicht freiwillig erfolgt ist.
Oftmals gehen technische und wirtschaftliche Hochkonjunkturen auf Einwanderungswellen, also dem Braigain zurück. Im Umkehrschluss zeigen sich viele Niedergänge in den Ländern in denen abgewandert wurde, aufgrund der Emigration der talentiertesten Köpfe vertriebener Minderheiten oder Ethnien. Man könnte dies als Wettbewerb der klügsten Köpfe bezeichnen, bei dem jedoch die Länder, die nicht über die nötigen Anreizregelungen verfügen das Nachsehen haben [6].
Neueren Ansätzen zur folge, ist der Braindrain kein angeschlossener Prozess, sondern unterliegt immer öfter Pendelbewegungen. So erfolgt die Migration dieser Eliten zyklisch in einer Hin – und Herbewegung. Es kommt vor, dass die Auswanderer wieder in Ihre Heimat zurückkehren und das im Ausland erworbene Wissen, sowie deren Netzwerke zur Verfügung stellen und somit zu einer Entwicklung beitragen. Diese Bewegung wird auch |Braincirculation bezeichnet [7].
Richard Florida spricht in neueren Arbeiten von der kreativen Klasse, die durch ihren kreativen Output ein wichtiger Faktor des Wirtschaftswachstums einer bestimmten Region ist. Diese kreative Klasse zeichnet sich durch überdurchschnittliche Mobilität aus. Daher sind viele dieser Eliten in attraktiven Ballungsräumen zu finden. Diese Konzentration der kreativen Köpfe geht oftmals mit einer Steigerung des Wohlstandes und Wachstums einher. Ein Beispiel ist hier sicherlich die USA insbesondere New York, Silicon Valley oder Los Angeles [8]

Braindrain Theory Map of Sociology: Themeneingrenzung[Bearbeiten]

Wie wir bei den Hintergründen zum Braindrain in die USA einleitend gesehen haben, unterliegt der Braindrain in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg einer Reihe von Voraussetzungen und strukturellen Erfordernissen. Ohne das philanthropische Verhalten beispielsweise der amerikanischen Industriellen hätte es wohl dennoch Immigration in die USA gegeben, jedoch nicht die große Unterstützung talentierter Wissenschaftler. Des Weiteren waren die neuen technischen Hilfsmittel wie z.B. das Telefon, Vorraussetzung für den regen Austausch der Wissenschaftler zwischen den USA und Europa. Dies hätte jedoch nicht Früchte tragen können, wenn René Worms die europäischen Soziologen nicht zumindest teilweise vereint hätte, um so auch zentralisierten Austausch zu ermöglichen.


Ziel dieser Theory Map ist es einen Überblick zu geben, welche aufstrebenden Soziologen aus Österreich und Deutschland abgewandert sind. Hier wird auch Bezug genommen, welche Gründe die Abwanderung hatte. Des Weiteren wollen wir untersuchen, welches soziologische Fundament diese Wissenschaftler in die Exilländer mitgebracht haben und wie es sich dort weiterentwickelte.
Dieses Wissen, gebündelt in soziologische Theorien, soll sowohl in ihren Ursprüngen als auch auf etwaige Pendelwirkungen (Braincircualtion) hin analysiert werden. Dies schließt auch die Untersuchung mit ein, was diese Theorien bewirkt haben und welche Beeinflussungen draus entstanden sind.
Konkret werden fünf soziologische Theorien und deren Urheber beleuchtet, die in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Braindrain vor dem zweiten Weltkrieg in Zusammenhang stehen.

Visualisierung des Braindrain[Bearbeiten]

Globale Bewegung spezifischer Theorien[Bearbeiten]

Einen übersichtlichen visuellen Zugang zu den Theorien und deren Hauptprotagonisten bietet die folgende Theory Map:

Prozess der ZivilisationEliasKritische TheorieHorkheimerAdornoPollock (Wikipedia-Link)MarcuseKonfliktfunktionalismusCoserLebensweltSchützLuckmannBergerSozialforschungLazarsfeldWanderung soziologischer Theorien.jpg
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Bewegung spezifischer SoziologenInnen[Bearbeiten]

Tabellarische Übersicht:[Bearbeiten]
Name Geburtsort Geburtsdatum Auswanderungsland 1
Adorno, Theodor W. Frankfurt am Main (GER) 11.09.1903 1934 England
Arendt, Hannah Linden / Hannover (GER) 14.10.1906 1933 Frankreich
Baumann, Zygmunt Posen (PL) 19.11.1925 1938 Sowietunion
Berger, Peter Wien (AUT) 17.03.1929 1946 USA
Blau, Peter M. Wien (AUT) 07.02.1918 1939 USA
Coser, A. Lewis Berlin (GER) 27.11.1913 1941 USA
Eisenstadt, Smuel Noah Warschau (PL) 10.09.1923 1958 USA
Erikson, Erik H. Frankfurt am Main (GER) 15.06.1902 1933 USA
Etzioni, Amitai Köln (GER) 04.01.1929 1936 Palästina
Elias, Norbert Breslau (PL) 22.06.1897 1933 Frankreich
Geiger, Theodor München (GER) 09.11.1891 1933 Schweden
Gorz, Andrè Wien (AUT)  ??.02.1923 1938 Schweiz
Horkheimer, Max Zuffenhausen (GER) 14.02.1885 1934 USA
Joas, Hans München (GER) 1948 1994 USA
Luckmann, Thomas Jesenice (SI) 14.10.1927 1950 USA
Lazarsfeld, Paul Felix Wien (AUT) 13.02.1901 1933 USA
Marcuse, Herbert Pommern (GER) 19.07.1898 1933 Schweiz
Mises, Ludwig von Lemberg (damals AUT) 29.09.1881 1934 Schweiz
Pollock, Friedrich Freiburg im Breisgau (GER) 22.05.1894 1934 USA
Oppenheimer, Franz Berlin (GER) 30.03.1864 1938 Japan
Schütz, Alfred Wien (AUT) 13.04.1899 1938 Frankreich
Sherif, Muzafer Izmir (TK) 29.07.1906 1935 USA
Strauss, Claude Levi Brüssel (BE) 28.11.1908 1941 USA
von Wiese, Leopold Glatz (PL) 02.12.1876 1934 USA
Wolff, Kurt H. Darmstadt (GER) 20.05.1912 1933 Italien
Znaniecki, Florian Świetniki (PL) 15.01.1882 1939 USA
Name Auswanderungsland 2 Rückkehr Sterbedatum Ort des Todes
Adorno, Theodor W. 1938 USA 1949 06.08.1969 Visp (CH)
Arendt, Hannah 1941 USA 04.12.1975 New York (USA)
Baumann, Zygmunt
Berger, Peter
Blau, Peter M. 12.03.2002 New York (USA)
Coser, A. Lewis 08.06.2003 Cambridge (USA)
Eisenstadt, Smuel Noah 1959 Isreal
Erikson, Erik H. 12.05.1994 Harwich (USA)
Etzioni, Amitai 1957 USA
Elias, Norbert 1935 England 01.08.1990 Amsterdam (NL)
Geiger, Theodor
Gorz, Andrè 1949 Frankreich 22.09.2007 Vosnon (FRA)
Horkheimer, Max 1949 07.07.1973 Nürnberg (GER)
Joas, Hans
Luckmann, Thomas 1965 Deutschland
Lazarsfeld, Paul Felix 30.08.1976 New York (USA)
Marcuse, Herbert 1934 USA 29.07.1979 Starnberg (GER)
Mises, Ludwig von 1940 USA 10.10.1973 New York (USA)
Pollock, Friedrich 1950 16.12.1970 Montagnola (CH)
Oppenheimer, Franz 1940 USA 30.09.1943 Los Angeles (USA)
Schütz, Alfred 1939 USA 20.05.1959 New York (USA)
Sherif, Muzafer 1939 USA 16.10.1988 Alaska
Strauss, Claude Levi 1947 Frankreich
von Wiese, Leopold 1935 Deutschland 11.01.1969 Köln (GER)
Wolff, Kurt H. 1939 USA 2003 Ohio (USA)
Znaniecki, Florian 23.03.1958 USA


Diese Tabelle beinhaltet eine Auswahl emigrierter SoziologenInnen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Grafische Darstellung der Bewegung spezifischer SoziologInnen:[Bearbeiten]

Wiederum eine Auswahl aus dieser Tabelle wurde mit Hilfe einer Google Map dargestellt, die unten noch einmal schematisch dargestellt und verlinkt ist:

http://maps.google.de/maps/ms?hl=de&ie=UTF8&msa=0&msid=106728747970798974214.00045a9179a149f8de6f3&z=2Karte 01.jpg
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Mit der verlinkten Google Map sollen die geografischen Bewegungen einzelner SoziolgenInnen und deren wichtigste Daten sowie Aufenthaltsorte auf einer Landkarte veranschaulicht werden. Tabelle und Grafik veranschaulichen, dass die Vereinigten Staaten in den meisten Fällen das Ziel und auch die Endstation der Emigrationsbewegungen waren. Dies ist mit Sicherheit auf die spezifischen Bedingungen, welche die USA der wissenschafltichen Sphäre zu bieten im Stande waren, zurückzuführen.

Spezielle Theorien im Zuge des Braindrain[Bearbeiten]

Strukturerklärung der anschließenden spezifischen Theorien

  • Anfang und Genese
Hier wird Bezug genommen auf die Ursprünge der relevanten soziologischen Theorien, deren Entstehungsgschichte und ihrer Umwelt. Des Weiteren werden biografische Daten der wichtigsten Vertreter in ihren Heimatländern aufgezeigt und auf Entwicklungen eingegangen. Z.B. welche Schulen die Theorienentwickler besucht haben oder von wem sie beeinflusst wurden.
  • Emigration und Exil
In diesem Punkt werden die näheren Umstände der Emigration fokussiert. Z.B. ob es Zwischenstationen gegeben hat und ob diese die Soziologen beeinflusst haben.
  • Theoretisches Wirken im neuen Umfeld
Sehr wichtig bei unserer hermeneutischen Herangehensweise ist festzustellen, in wieweit sich das mitgebrachte Wissen im neuen Umfeld integriert. Wird es offen angenommen? Gab es Widerstände und synthetische Prozesse? Wurden neue Schulen gegründet? Usw.
  • Wirkungsgeschichte der Theorie – Rückkehr nach Europa
Zahlreiche Soziologen kamen nach dem Naziregime wieder nach Österreich und Deutschland zurück, viele blieben in ihrer neuen Heimat. Hier interessiert uns, wie das erweiterte und durch die Emigration veränderte theoretische Wissen angenommen wird. Gab es Widerstände? Konnte der relevante Soziologe Fuß fassen in der neuen/alten Umgebung? Wie veränderte dies seine wissenschaftliche Karriere? usw.
  • Vertreter
Hier werden die relevanten Vertreter der vorgestellten Theorie aufgezählt.

Theorien[Bearbeiten]

Kritische Theorie[Bearbeiten]

Anfang und Genese[Bearbeiten]

In den 20er Jahren der Nachkriegszeit in Europa entwickelte sich neben der Handlungstheorie und der Systemtheorie -als Pendant zur Mikro- und Makrosoziologie- ein dritter Weg, die „Kritische Theorie“, mit dem nach dem "Zweiten Weltkrieg" verwendeten Pseudonym „Frankfurter Schule“. Grundlage waren marxistische Studien und trotz der gescheiterten Revolutionen in Deutschland und Russland, sowohl den Wirren der Nachkriegszeit des „Ersten Weltkriegs“, ging der Weg zurück zu Marx. Aufgrund der damaligen Zeitgeschichte herrschte eine bürgerlich-wissenschaftlich Abneigung der etablierten Soziologie gegenüber einer marxistischen Orientierung. Demnach etablierten sich die Anfänge in spontanen „freischwebenden“ Studentengruppen. Eine der bekanntesten war der Horkheimer-Kreis, der sich 1922 zum ersten Mal traf. 1923 ging daraus die Stiftung des "Instituts für Sozialforschung" hervor, die sich schließlich 1924 an der Frankfurter Universität institutionalisierte.

Trotz der ablehnenden Haltung des Frankfurter Bürgertums und wegen der durchwegs großbürgerlichen Herkunft der Studenten des Horkheimer-Kreises, konnte sich dieser neue verpönte Denkansatz als Alternative durchsetzen. Der Fokus in der marxistischen „Kritischen Theorie“ war die Frage, wieso es der Arbeiterschaft nicht möglich war, sich der Ausbeutung durch den Kapitalismus zu erwehren. 1930 wurde schließlich Max Horkheimer (1875 - 1973) Direktor in Frankfurt am "Institut für Sozialforschung" und gab der marxistischen Denkweise eine neue interdisziplinäre sozialphilosophische Denkweise, vermied damals in Europa aufgrund der politischen Situation jedoch das Wort „Klasse“. Erst durch diese Berufung Horkheimers bekam das Institut ansehliches Profil. Aufgrund des ihm 1931 ins Leben gerufenen Programms des interdisziplinären Materialismus, wo er eine andauernde Arbeitsgemeinschaft von Intellektuellen aus den verschiedensten Disziplinen einlud wurde schließlich ein universalistischer ganzheitlicher Ansatz ins Leben gerufen. Dieses Programm wurde in der von Horkheimer herausgegebenen "Zeitschrift für Sozialforschung" in den Jahren 1931 bis 1941 veröffentlicht.[9],[10], [11]

Emigration und Exil[Bearbeiten]

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 änderte sich die Situation für den Horkheimer-Kreis des Instituts für Sozialwissenschaften sowie jüdischen Sozialwissenschaftlern spontan. Dabei ist das Wort Emigration kritisch betrachtet dispositioniert, da es ein gewisses Maß an Freiwilligkeit suggeriert und beispielsweise im Fall von Norbert Elias, der Deutschland innerhalb eines Tages mit lediglich einer Reisetasche und einer Schreibmaschine verlassen musste, nicht zutreffend scheint.

Tatsache ist auch, dass die Bedrohung durch den Nationalsozialismus und dessen Konsequenzen nicht ernst genug genommen wurde. Beispielhaft wäre hier Theodor W. Adorno ein späterer Protagonist der "Frankfurter Schule", zu erwähnen. Adorno und Max Horkheimer lernten sich bereits 1922 in einem Seminar ihres Doktorvaters Hans Cornelius in Frankfurt kennen, Adorno wurde aber erst 1938 auf der Flucht ein richtiges Mitglied des "Instituts für Sozialforschung". Ein Grund war, dass Adorno wie erwähnt den Nationalsozialismus unterschätze und sogar nach der Machtergreifung - zwar in der Kritik den Umständen angepasst - nicht ins Exil ging, sondern sich als Musikkritiker durchzuschlagen. 1934 erkannte er schließlich doch den Ernst der Lage und floh über England - damals neben Paris Dreh und Angelpunkt für Emigranten - in die USA. Nur bei praktisch orientierten Personen, wie Friedrich Pollock der genug Erfahrung mit Administration in der Wissenschaft zu tun hatte, dämmerte eine böse Vorahnung und es wurden rechtzeitig Gelder - vorzüglich in die Schweiz - transferiert was eine Fortführung des Instituts im Ausland ermöglichte.

Das Institut selbst wurde von der SA besetzt und bestand lediglich ca. nur mehr sechs Wochen nach der Machtübernahme, es wurde am 13.März geschlossen. Diese Entwicklung setzte sich später auch an anderen Universitäten in Deutschland und Österreich fort. Durch das Gesetz "Zur Wiederherstellung des Berufbeamtentums" wurden Beamte aus rassistischen oder politischen Gründen trangsaliert und entlassen. So kehrte sich Alfred Weber klar vom Nationalismus ab und verbot das Hissen der Hakenkreuzflaggen auf seinem Institut, wurde dafür aber promt in die vorzeitige Pensionierung gezwungen. Leopold von Wiese musste seine "Kölner Vierteljahresschrift für Soziologie" einstellen, er sagte später aus, er hätte sich nicht gängeln lassen, schweigen sei würdiger gewesen. Von Wieses Einfluss auf die Soziologie wurde durch den Nationalsozialismus stark beschnitten und nach dem Kriege versuchte er sich mit der nordamerikanisch orientierten Sozialforschung und der augkommenden Systemtheorie durch Hilfe seiner Beziehungslehre zu messen, wurde aber 1950 emeritiert.

Die Horkheimers machten sich indessen über Genf und Paris auf die Flucht und 1934 erfuhr die „Kritische Theorie“ eine neue Heimat in den USA, an der „New York University“, wo alsbald die „New School for Social Research“ – bestehend bis heute als Ort der kritischen Theorie - gegründet wurde.

1936 erschien in Paris ein umfangreicher Band mit dem Titel „Studien über Autorität und Familie“. Es sind die zusammengefassten und vielfältigen Forschungsansätze der Frankfurter Schule, besonders mit den Forschungsberichten und Grundsatzartikeln von Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Erich Fromm. Die Hauptaussage darin lautet, dass durch die Familie im Allgemeinen und durch die Autorität des Vaters in der hochkomplexen Industriegesellschaft und daraus abgeleitet der Autorität der Ökonomie im Speziellen, kapitalistische Herrschaftssysteme reproduziert werden. Horkheimer nennt dies ein Existenzurteil.[12], [13],[14]

Theoretisches Wirken im neuen Umfeld[Bearbeiten]

In New York angekommen führte Max Horkheimer die Tradition der Frankfurter Schule, insbesondere die „Zeitschrift für Sozialforschung“ fort. Darin erschien 1937 Max Horkheimers Aufsatz „Von der traditionellen zur kritischen Theorie“. Gegen die Meinung vieler der damaligen Zeit wird darin die Botschaft publiziert, dass wissenschaftliche Aussagen immer auch gesellschaftliche Tatsachen sind, soll heißen, Theorien haben immer auch eine Form von gesellschaftlicher Praxis und spricht sich somit gegen das Postulat der Werturteilsfreiheit von Max Weber aus. Aufgrund der engen Verbindung zwischen Sigmund Freuds Psychoanalyse und marxscher Gesellschaftskritik wird die "Kritische Theorie" im angloamerikanischen Sprachraum auch als "Freudomarxismus" bezeichnet. Horkheimer greift in seinem Aufsatz weiters die Geschichtsinterpretation von Karl Marx auf und sympathisiert mit dessen Marxismus. Nun nach vielen Jahren seiner Gründung und einem Leben im Exil spricht der Horkheimer Kreis erstmals offen über eine Klassenanalyse bzw. über ein Klassenbewusstsein. Aus Angst vor dem Nationalsozialistischen Terrors hatte Horkheimer 1931 bei seiner Antrittsrede als Direktor des "Institutes für Sozialforschung" noch darauf verzichtet, aus Rücksichtnahme bezüglich der Universität, auf das damals sensible Bürgertum in Frankfurt und aus Angst vor Komplikationen mit seinen Geldgebern und Sponsoren. Was sich also schon in Frankfurt latent ankündigte, nahm nun unter vorteilhafteren Bedingungen schärfere und klarere Züge an, die "Kritische Theorie" erfuhr kam durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus einen Aufschwung. Viele Studenten des Hormheimer-Kreises wollten rationale Erklärungen für die unbegreiflichen Geschehnisse zwischen 1933 und 1945. Mit der Rezeption der historisch – materialistischen Geschichtsauffassung von Karl Marx verwirft Horkheimer die unzähligen Versuche, Soziologie als eine relative autonome Einzeldisziplin zu verstehen und widmet sich einem universalistischen gesamtheitlicheren Ansatz. Der entscheidende Unterschied zu Marx liegt in Horkheimers Auffassung in einem anderen Verhältnis von Basis und Überbau und zwar geht die „Kritische Theorie“ von einer Wechselwirkung beider aus. Im Gegensatz zu Max Horkheimer und Theodor W. Adorno blieb Herbert Marcuse Anfang der 50er Jahre in den USA und äußerte sich dort bestimmt und energisch in der Öffentlichkeit über den Zusammenhang von kapitalistischen Produktionsmethoden und den Folgen für das alltägliche Leben. Er nahm die Arbeiterschaft aufgrund ihres befriedenden zugeteilten Wohlstands aus dem revolutionären Potential heraus und sah die neue Hoffnung in den freischwebenden Kräften der Außenseiter, also Studenten, Intellektuelle bis hin zu den Außenseitern der Slums. Nur darin – dokumentiert in seinen Büchern „Der eindimensionale Mensch“ und „Triebstruktur und Gesellschaft“ – sieht er die Hoffnungsträger für gesellschaftliche emanzipierte Entwicklung und somit gilt dieses Element der „Kritischen Theorie“ auch als „Material“ bzw. als Wegweiser für die studentischen Aktionsgruppen in den 1960er Jahren, als auch den damalig aufkeimenden Bürgerinitiativen.[15],[16]

Wirkungsgeschichte der Theorie – Rückkehr nach Europa[Bearbeiten]

  • Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verließen schließlich in den 50er Jahren die USA und kehrten nach Westdeutschland zurück. Ihr Entsetzen über den Nationalsozialismus sowie über das Schicksal der Intellektuellen äußerte sich in vehementen Pessimismus. Sie waren geprägt vom Holocaust und sahen darin, die „Wirklichkeit als Hölle“ in Bezug auf Max Weber stahlhartem Gehäuse. Des Weiteren fanden sich beide Anfang der 50er Jahre aufgrund der gegenwärtigen Umstände in einer antikommunistischen Gesellschaft wieder. Somit hielten sie sich in ihren marxistischen Denkansätzen vorerst zurück. Trotzdem führten sie in den späten 50er und Anfang der 60er Jahren eine akademische Linke fort. In den 1950er Jahren kam es durch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zu einer Neugründung des "Instituts für Sozialforschung" (IfS) an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.Somit werden Horkheimer und Adorno – ähnlich wie Herbert Marcuse in den USA – in Europa als Vorreiter der Studentenbewegung der 60er Jahre gesehen, denn ihr Einfluss bei den kritischen Intellektuellen war groß. So waren sie es, die unter Wenigen den gängigen Fortschrittsglauben eines westlichen Wohlfahrtsstaates der damaligen Zeit hinterfragten und gegen die Vorstellung, es sei die Beste aller Welten arbeiteten. Diese Ansicht war noch immer geprägt von den Nachwehen des Holocaust. Horkheimers kritische frühe Schriften musste man sich jedoch zu jener Zeit aufgrund seiner oppositionellen Haltung als Raubdruck oder private Kopie organisieren.
  • Jürgen Habermas (geb. 1929) übernahm schließlich die Tradition der „Kritischen Theorie“ und führte sie bis heute fort und dies obwohl seine erste Arbeit am Institut für Sozialforschung in Frankfurt mit dem Titel „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gerade vom „Urvater“ der „Kritischen Theorie“ Max Horkheimer nicht akzeptiert wurde. Habermas richtete sich schließlich in Marburg an Wolfgang Abendroth. Die "Kritische Theorie" von Horkheimer und Adorno und anderen wird als "Ältere kritische Theorie" getitelt, die "Jüngere kritische Theorie" die ihren Höhepunkt in der 68er Bewegung erfuhr, wurde hauptsächlich Jürgen Habermas zugeschrieben. Er plädiert auf die Vernunftbezogenheit der Diskussion über die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule unter Berücksichtigung weltlicher und historischer Theorien. Dies führte er weiter über den herrschaftsfreien Diskurs und dessen aufklärerischen Potenz und gibt somit der Sprache eine zentrale Bedeutung. An diesem Punkt kommt er in Berührung mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann und kritisiert diese, indem Habermas in Bedacht auf den herrschaftsfreien Diskurses, Luhmann`s Ansatz des kommunikativen sinnhaften Handelns Entpolitisierung und Herrschaftslegitimisierung bestehender Systeme und deren Autopoesis vorwirft. Habermas vertritt somit eine klare Position hinsichtlich der Emanzipation des Menschen.

Vertreter (alphabetisch)[Bearbeiten]


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Online Übersetzungsprogramm Leo Online: Verfügbar über: [1]
  2. Dieser Gewinn kann u.a. volkswirtschaftlich, sozial oder politisch determiniert sein
  3. Vgl. Hunger, 2003, S.10
  4. Und das obwohl eine höhere Reputation zu erwarten gewesen wäre
  5. Bsp. Simmel oder Luhmann
  6. Vgl. o.A. Artikel Braindrain in Wikipedia: Braindrain
  7. Vgl. Hunger, 2003, S.9
  8. Vgl. o.A. Kreative Klasse im Raum
  9. Vgl. Korte (2004a), Seite 82ff
  10. Vgl. o.A. Artikel "Kritische Theorie" in Wikipedia: Kritische Theorie
  11. Vgl. Kaesler (2003), Seite 630
  12. Vgl. Korte (2004a), Seite 83ff
  13. Vgl. Korte (2004b), Seite 129, 120ff, 134ff
  14. Vgl. Kaesler (2003), Seite 630
  15. Vgl. Korte (2004a), Seite 84ff
  16. Vgl. o.A. Artikel "Kritische Theorie" in Wikipedia: Kritische Theorie
  17. Vgl. Korte (2004a), Seite 91ff
  18. Vgl. o.A. Artikel "Kritische Theorie" in Wikipedia: Kritische Theorie

Prozess der Zivilisation[Bearbeiten]

Anfang und Genese[Bearbeiten]

1977 wurde Norbert Elias (1897 – 1990) in der Stadt Frankfurt am Main der Theodor W. Adorno Preis verliehen und dies, obwohl dieser nicht klassisch zum Horkheimer und Adorno Kreis der Frankfurter Schule gehörte. Dies ist umso ungewöhnlicher, da beide Kreise an derselben Thematik mit dem Schwerpunkt der zu erklärenden Moderne, arbeiteten. Geboren wurde Norbert Elias am 22.06.1897 als bis dahin einziges Kind von Hermann und Sophie Elias im schlesischen Breslau und ist in einer meist sorglosen und behüteten Jugend vor dem Ersten Weltkrieg aufgewachsen. Den Juden zu jener Zeit ging es gut und man fühle sich relativ sicher. Die sorglose Zeit änderte sich jedoch mit Beginn des Ersten Weltkriegs und Elias meldete sich als Freiwilliger - damals selbstverständlich - zum Kriegseinsatz mit 18 Jahren. Elias Welt änderte sich durch dieses Ereignis, er schreibt in seinen Notizen zum Lebenslauf:

"Der Krieg hat dann alles verändert. Als ich zurückkam, war es nicht mehr meine Welt. (...) Denn ich hatte mich auch selbst verändert" [1]

Es sind jedoch nicht die Geschehnisse über Gewalt und Tod die ihn prägen, sondern die relative Machtlosigkeit des Einzelnen im Gesellschaftsgefüge, eine Prägung die sein ganzes Denken speziell aus soziologischer Sichtweise verändert. Norbert Elias ist somit unter der Erfahrung eines jüdischen Elternhauses mit humanistischer Bildung und harter intellektueller Arbeit mit Selbstdisziplin zu sehen. Elias bekam durch die Wirtschaftskrise die die Rente seines Vaters aufzehrte keine finanzielle Unterstützung mehr und arbeitete in einer Fabrik für Kleineisenteile. Somit lernte Elias nun nach dem Elend des Krieges auch die das Elend der Arbeiterschaft kennen, was ihn deutlich prägte. 1917 studierte er zunächst seinem Vater zuliebe Medizin und ab 1919 Philosophie und er kam schließlich im Sommer 1919 nach Heidelberg, wo er sich endgültig der Soziologie zuwandte.


Die "akademischen Kreise" der damaligen Zeit bestanden aus Historikern sowie Sozialphilosophen, unter anderem kam er mit Talcott Parsons und Alfred Weber in Berührung, aber vor allem mit Karl Mannheim, beide waren beinahe gleichaltrig und befreundet. Elias wurde 1930 sein Assistent und Vermittler zu den Studentenkreisen. Es gab jedoch soziologische Gegensätze zwischen einer idealistischen Position Alfred Webers und im Vergleich dazu materialistischen Position Karl Mannheims, die sich auf dem VI. Deutschen Soziologentag 1928 in Zürich entluden.

Ein Jahr später übernahm Mannheim den Lehrstuhl für Soziologie in Frankfurt, damals Teil des "Instituts für Sozialforschung", wo Max Horkheimer – Mitbegründer der kritischen Theorie – Direktor geworden war. Horkheimer hatte Mannheim einige Räume überlassen, Ziel jener Einrichtung Anfang der 30er Jahre war ein Buch über den Liberalismus. Elias wurde nun endgültig Mannheims Assistent, auch um seine Habilitation zu schreiben. Horkheimer und Mannheim arbeiteten aber inhaltlich kaum zusammen. Mannheim hielt Horkheimer für zu links und Horkheimer Mannheim für zu rechts. Vermittlungsversuche gab es nur zwischen Elias und Leo Löwenthal als sein "Gegenspieler".

Der aufkommende Rassismus der nationalistischen Partei erfuhr hier kein Interesse, sowie auch die anderen Mitglieder des "Instituts für Sozialforschung" keine Beunruhigung wahrnahmen, auch deshalb, weil das im Jahr 1923 gegründete Institut auf die Marxschen Studien zurückgeht, soll heißen, man verhielt sich unproblematisch, unpolitisch und baute keine Opposition auf.

Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 kam aber alles anders, als erwartet. Der Versuch einer parlamentarischen Demokratie war gescheitert. Die neuen "Herren" hatten andere Ideen und bald galten Juden, kritische Intelligenz, explizit die des linken Spektrums als "vogelfrei" und Gejagte. Aus heutiger Sicht gesehen schwer vorstellbar, damals aber Realität war die Tatsache, dass von der nationalistischen Entwicklung viele Menschen - auch diejenigen aus den intellektuellen Kreisen der Universitäten - völlig überrascht wurden; man kann von einer arglosen Gesellschaft im universitären Elfenbeinturm sprechen. Man nahm zwar eine Bedrohung seit Ende der 1920er Jahre wahr, ähnlich dem Unbehagen eines aufziehenden Sturms, diese wurde auch ablehnend diskutiert, ernst genommen wurde sie jedoch zu wenig. Somit war es wohl eine gewisse Blindheit gegenüber den Absichten, Zielen und der schnell voranschreitenden Dynamik einer nationalsozialistischen Bewegung, denen viele Intellektuelle in die Falle gingen. Um dies zu verdeutlichen eignet sich ein Brief von Norbert Elias an Sven Papcke:

"Man diskutierte schon gelegentlich den italienischen Faschismus, aber den Nationalsozialismus unter Hitler nahm man in den akademischen Kreisen, die ich kannte, als politische Bewegung nicht ganz ernst. Weil er vulgär, barbarisch und mit seinen schrillen Stimmen, seiner Philosophie für Halbgebildete, seinen schreienden Symbolen auf Menschen der alten Bildungstradition eigentlich recht fremdartig wirkte,(...)fiel es, soweit ich mich entsinnen kann, niemanden ein, ihn zum Thema soziologischer Veranstaltungen oder Untersuchungen zu machen." [2], [3], [4]

Emigration und Exil[Bearbeiten]

Norbert Elias schaffte es nicht mehr seine Habilitationsschrift "Der höfische Mensch“ - an der er drei Jahre schrieb und sie 1932/33 einreichte - bei Mannheim zu beenden. Ihm fehlte nur mehr die Antrittsvorlesung, dies sollte ihm erst 1969 gelingen. Nach der Machtergreifung am 30.01.1933 musste Elias, Sohn jüdischer Eltern, wie viele seiner sozialwissenschaftlichen Kollegen vor dem Nationalsozialistischen Regime flüchten. Auch er erkannte den Ernst der Lage relativ spät und im Unterschied zum Horkheimer Kreis führte ihn sein Weg nicht nach Übersee, sondern zunächst im März 1933 nach Paris und im Herbst 1935 nach England wo er bis 1960 blieb. Das "Institut für Soziologie" erfuhr das gleiche Schicksal wie das Frankfurter "Insitut für Sozialforschung" und wurde geschlossen. Dessen Direktor Karl Mannheim -von den Nationalisten stark bedroht, da er als linker Machthaber galt und Jude war, ging er ins Exil - wie Elias - nach England und lehrte hier weiter an der "London School of Economics" und später an der "University of London". Er selbst nahm die Gefahr anfangs im vollem Umfang noch nicht wahr und ein Schüler Mannheims berichtet, dass er Mannheim, als er ihn Anfang Februar auf der Straße traf, dieser ihn bat, er solle emigrieren. Daraufhin habe er geantwortet, dass Hitler verrückt sei und sich niemals an der Macht halten könne, was in akademischen Kreisen eine weit verbreitete Meinung war, sich aber bald als Irrtum herausstellte.

Es wurden jedoch nicht alle Soziologen entlassen. Diejenigen, die sich mit dem System arrangierten, konnten weiterhin ihres Amtes walteten. So wurde Helmut Schelsky als "Regimefreund" sogar 1937 Mitglied der NSDAP. Somit gab es Soziologen, die das neue System "begrüßten" und den linken Liberalismus eines Ferdinand Tönnies - der als Vorsitz der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie" (DGS, gegründet von Rudolf Goldscheid 1909, bis 1946 aber meist inaktiv) abgesetzt wurde - ein Ende setzen wollten oder auf Kompromisse hofften. So verhielt sich Hans Freyer ambivalent gegenüber dem Dritten Reich und wurde Tönnies Nachfolger. Dieser galt als regimetreu und passte sich dem Sprachgebrauch der Nazis an, weil er es für richtig hielt, wenn wissenschaftliche Begriffe der gesellschaftlichen Realität angepasst werden. Herrschaft wird bei ihm von Führerschaft im Sinne eines kollektiven Volkswillen abgelöst. Somit glaubte er an eine gesellschaftliche Vision ausgelöst durch die Krise am Ende der "Weimarer Republik". Freyer ging 1938 unter den Wirren des aufkommenden Krieges schließlich nach Budapest ins Exil.[5],[6], [7]

Theoretisches Wirken im neuen Umfeld[Bearbeiten]

In England angekommen schreibt Elias in zwei Jahren eine seiner wichtigsten Schriften. Im Lesesaal des britischen Museums in London - gerade in jenem traditionsreichen Raum wo auch Karl Marx "Das Kapital" geschrieben hatte, entsteht sein klassisches Werk „Über den Prozess der Zivilisation (1936)“. Der Anstoß dazu war eine völlig neue Umwelt, eine Sprache die er noch nicht beherrschte, neue Sitten und der Versuch der neuen Schwierigkeiten der Exilierung durch hartes wissenschaftliches Arbeiten zu entkommen. Die Ideen entstanden jedoch auch durch zufälliges Studieren von Benimmbüchern aus verschiedenen Epochen, in denen er einen Prozess der ungeplanten und langfristigen Veränderungen von Gesellschaften erkannte. Elias findet in der Schweiz einen Exilverlag der eine kleine Auflage seines Werkes 1939 druckt, da nach der Besetzung der Tschechoslowakei dies dort nicht mehr möglich war. Aufgrund der deutschen Sprache im angelsächsischen Raum wird das Werk jedoch kaum wahrgenommen und auch am europäischen Kontinent, wo sich der Nationalsozialismus immer mehr ausbreitete, wird Elias durch seine jüdische Abstammung nicht wahrgenommen. Über Wasser gehalten hat er sich durch ein kleines Stipendium einer Flüchtlingsorganisation. Nach bitteren Jahren im Exil in denen er sich auch mit Unterricht in Volkshochschulen in den Londoner Vororten durchschlug, schafft es Elias - bereits 57 jährig - 1954 endlich eine Dozentenstelle am neugegründeten "Department of Sociology" der University of Leicester zu bekommen, wo er bis 1962 unterrichtet. Viele namenhafte Studenten der heutigen Zeit studierten zu dieser Zeit bei Elias, darunter auch Persönlichkeiten wie Anthony Giddens, Martin Albrow oder Eric Dunning. 1963 verlässt Elias England für eine Gastprofessur in Ghana und kehrt schließlich 1965 - 32 Jahre nach seiner Flucht - wieder nach Deutschland als Gastprofessor an der Universität in Münster zurück. Er verbrachte insgesamt ein Drittel seines Lebens im Ausland. [8], [9]

Wirkungsgeschichte der Theorie – Rückkehr nach Europa[Bearbeiten]

Als Gastprofessor an der Universität in Münster war Elias zu dieser Zeit aber noch immer weitgehend unauffällig und sein Werk "Über den Prozess der Zivilisation" hatte aus Gründen wie ein relativ hoher Preis der Leinenausgabe und vor allem durch den Zeitpunkt seiner zweiten Auflage 1969 keinen Namen und blieb ein Geheimtipp unter Kennern. Zu jener Zeit erlebten die Sozialwissenschaften im Allgemeinen und Westdeutschland im Speziellen durch die intensive Marx-Rezeption in Verbindung mit der "Kritischen Theorie" einen enormen Aufschwung und erlebte ihre Blütezeit. Erst durch das Abfluten dieses historisch materialistischen marxistischen Ansatzes rückt Elias langsam ins Blickfeld der Sozialwissenschaften. 1976 erscheint eine Taschenbuchausgabe die innerhalb weniger Monate (20 000 Exenplare) beinahe ausverkauft ist. Die Nachfrage bleibt bis heute aktuell, sein Werk - mittlerweile in zwanzig Sprachen übersetzt - bleibt ein Bestseller. 1993 erscheint ein dritter Band seiner gesammelten Schriften als eine kritisch durchdachte Ausgabe vor. Seine Kernthese "Über den Prozess der Zivilisation" hatte er bereits in den 30er Jahren konzipiert, damals verkannt - heute mehr als bekannt.[10], [11]

Vertreter (alphabetisch)[Bearbeiten]


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Norbert Elias: Notizen zum Lebenslauf, in: Norbert Elias über sich selbst. Seite 23, zitiert aus Kaesler (2003), Seite 316
  2. Vgl. Sven Papcke, 1986: 188, Anm. 89 zitiert aus Korte (2004b), Seite 134)Vgl. Korte (2004a), Seite 122ff
  3. Vgl. Korte (2004b), Seite 134ff
  4. Vgl. Kaesler (2003), Seite 315ff
  5. Vgl. Korte (2004a), Seite 123
  6. Vgl. Korte (2004b), Seite 125ff, 135
  7. Vgl.Kaesler (2003), Seite 320ff
  8. Vgl. Korte (2004a), Seite 123ff
  9. Vgl. Kaesler (2003), Seite 315ff
  10. Vgl. Korte (2004a), Seite 123ff
  11. Vgl. Kaesler (2003), Seite 315ff

Lebenswelt und soziale Konstruktion der Wirklichkeit[Bearbeiten]

Anfang und Genese[Bearbeiten]

Dieser Abschnitt zur Lebenswelt und zur sozialen Konstruktion der Wirklichkeit könnte ebenso gut unter der Bezeichnung sozial-konstruktivistische- oder phänomenologische Soziologie stehen. Auch Ausdrücke wie (sinn-)verstehende Soziologie oder hermeneutische Sozialforschung stehen thematisch sehr nahe und könnten als gemeinsamer Nenner dienen. Die hier gewählte Bezeichnung verfügt lediglich über einen Vorteil: Sie ist semantisch klarer und für sich selbst sprechender, als die übrigen. Warum dieser theoretische Zugang unter dem übergeordneten Thema „Brain Drain soziologischer Theorien“ zu behandeln ist, hat nicht ausschließlich aber wesentlich mit dem österreichischen Soziologen Alfred Schütz zu tun. Er hat sich dieser Thematik zugewandt, verschiedene Denkansätze aufgegriffen, kombiniert und weitergeführt und dabei ein eigenständiges Paradigma in die soziologische Theorie etabliert. Dieser Prozess vollzog sich keinesfalls geradlinig sondern über eine (Ab-)Wanderung der Schützschen Ideen aus dem deutschsprachigen Raum in die USA (und somit ins Englische) und schließlich über die zunehmende Rezension und eine nachfolgende Schülergeneration wieder zurück nach Europa. Früh verstorben konnte Schütz einen großen Teil der Wanderung seiner Ideen nicht mehr miterleben.
Die soziologische Theorie „an sich“ spielt in dieser Arbeit eine untergeordnete Rolle. Ins Zentrum gerückt werden die beeinflussenden Umfeldbedingungen und die biografischen Umstände, welche die Entfaltung dieser Theorien nachhaltig beeinflusst haben. Ein kompakter Abriss der einzelnen Soziologen und deren Werk und Wirkung kann andernorts in diesem Wikibook gefunden werden. Zur theoretischen Problemskizze sei folgendes gesagt: Die soziale Welt wird von den Menschen, die in ihr Leben oder besser gesagt, von jenen Menschen, die die soziale Wirklichkeit ausmachen bzw. als Kollektiv darstellen, selbst erzeugt und hervorgebracht. Menschliche Akteure konstruieren ihre eigene soziale Wirklichkeit. Dabei ist das Sinnverstehen von zentraler Bedeutung. Intellektuelle Herausforderung ist der Weg vom einzelnen Bewusstsein zu einem Wissen, das dahingehend objektiv ist, dass es intersubjektiv als gültig betrachtet wird. Diese Intersubjektivität ist möglich, weil Menschen in einer gemeinsamen Lebenswelt leben. [1] Man unterstellt den Mitmenschen ein dem eigenen ähnliches Welterleben, wodurch der/die andere einen versteht. Dieses gemeinsame Erleben wird durch gleiche Sinnzuschreibungen und ähnliche Wissensvorräte ermöglicht. Die Soziologie bezeichnet dies als Reziprozität der Perspektiven. Dass diese Reziprozität der Perspektiven zeitlich, räumlich und auch kulturell begrenzt bzw. unterschiedlich ausgeprägt ist, liegt auf der Hand und wird aus eigenen Erfahrungen bekannt sein. Es kann also im Fremdverstehen immer zu Missverständnissen kommen, was eine Überprüfung (Plausibilitätsprüfung) und Anpassung der Perspektiven bedingt. Alfred Schütz spricht in diesem Zusammenhang von ‘Comon Sense’ der sich in den pragmatischen Zusammenhängen des Alltags generiert. Daher gilt auch, dass die Grundstrukturen der menschlichen Erfahrung und der Interaktion sich nicht am besten in der Sphäre der Wissenschaft rekonstruieren lassen, denn sie ist hierfür eine viel zu späte und zu spezifische Kulturerscheinung.
Schütz ist zu einer Generation zu zählen, die sowohl den 1. als auch den 2. Weltkrieg miterleben musste. Als er 1918 aus dem Kriegsdienst zurückkehrt, findet er Wien als von radikalen Umbrüchen, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Inflation u. dgl. geplagte Hauptstadt eines an Größe drastisch geschrumpften Österreichs vor. Eine Umbruchsituation die sich in zahlreichen kulturellen und wissenschaftlichen Bereichen, durch einen Bruch mit traditionellen Stiel- und Denklinien äußert. Z.B. in der Ökonomie durch die Grenznutzenschule, in der Philosophie durch den Neopositivismus des Wiener Kreises oder durch Sigmund Freuds’ Psychoanalyse. [2] An dieser Stelle könnte die Vermutung geäußert werden, dass ein gewisser Verlust an Erwartungssicherheit auch seine fruchtbaren Auswirkungen mit sich bringt. Jedenfalls sehen wir, dass Schütz bereits in jungen Jahren, durch äußere Umstände hervorgerufen, erleben musste, wie seine persönliche Konstruktion der Wirklichkeit drastische Veränderungen erfuhr, sowohl auf gesamtgesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene und demnach umgestaltet werden musste. Im späteren Lebensverlauf wird diese Erfahrung durch eine zweifache Emigration, erst nach Frankreich und später in die USA, noch verstärkt. Wir können somit annehmen, dass seine Abhandlungen „Der Fremde“ (1944) und „Der Heimkehrer“ (1945) diese Erlebnisse unmittelbar verarbeiten. Aber auch sein Gesamtwerk kann im Lichte dieser Eindrücke gesehen werden.
1921 beendet Schütz sein rechts- und sozialwissenschaftliches Studium an der Universität Wien und erlangt den Grad eines Doktors der Jurisprudenz. Noch im selben Jahr beginnt er eine berufliche Tätigkeit als Sekretär der Bankvereinigung in Wien. Von nun an bleibt seine wissenschaftliche Betätigung beinahe Zeit seines Lebens, also auch im Exil, auf die übrige Zeit neben der beruflichen Pflichterfüllung beschränkt. Das wissenschaftliche Schaffen und Publizieren muss von chronischem Zeitmangel geprägt gewesen sein. Dies äußert sich in der Tatsache, dass Schütz neben zahlreichen, verstreut erschienen Aufsätzen lediglich ein Buch selbst zur Veröffentlichung bringt: „Der Sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“. Neben diesen Arbeiten bilden zwei posthum veröffentlichte Manuskripte über „Das Problem der Personalität in der Sozialwelt“ und zum „Problem der Relvanz“ die Grundlage für seine Analyse der Lebenswelt. [3] Über die Frage, warum Schütz keine Habilitation und somit keine akademische Karriere angestrebt hat, kann eigentlich nur gemutmaßt werden. Dennoch ist anzunehmen, dass bereits vor der Machtübernahme der Nazis in Österreich eine gewisse antisemitische Selektion bei der Verleihung der Professorenwürde betrieben wurde. Dies führt dann zur logischen Konsequenz, dass bei manchen Anwärtern/Innen Habilitationsabsichten erst gar nicht entstehen. [4]
Theoretischen Ausgangspunkt für Schütz bildet Max Weber, der als gegenständlichen Bezugspunkt der verstehenden Soziologie „soziales Handeln“ postuliert. Also Handlungen mit denen Handelnde einen subjektiven Sinn verbinden, Handlungen, die sich auf das Verhalten anderer beziehen und ihren Ablauf daran orientieren. [5] Schütz verleiht seinem sinnhaften Aufbau den Untertitel „Eine Einführung in die verstehende Soziologie“. Dies legt den Schluss nahe, dass Schütz seine Arbeit als unmittelbar an Weber angrenzend betrachtete.
Webers Ansatz kombiniert Schütz mit volkswirtschaftlichem Gedankengut der Österreichischen Grenznutzentheorie. In diesem Kontext ist vor Allem Ludwig Mises zu erwähnen, dessen Privatseminar Schütz nach seiner Universitätsausbildung einige Jahre besucht. Handlungen seien nach Mises Mittel- und Zweck- orientiert und wissenschaftlich müsse von Handlungen Einzelner ausgegangen werden. Die Zeitpräferenz spiele als Element des Handelns und um soziale Prozesse begreifen zu können eine wesentliche Rolle. Mises erblickt das Wesen des Handelns im Vorziehen und Zurückstellen. Das Wichtige werde dem Wenigerwichtigen vorgezogen. Um den Sinn von Handlungen zu erfassen, müsse man den Sinn der Zielsetzungen erfassen und hier gerät die Konzeption an ihre Grenzen, insofern der subjektive Sinn dem wissenschaftlichen Verstehen unzugänglich ist. Die objektive Erfassung subjektiver Wertorientierungen könne somit ausschließlich a priori bzw. vernunftwissenschaftlich erfolgen. [6] Auf dieser von Mises und Weber vorgelegten mikrosoziologischen Basis versucht Schütz eine eigenständige theoretische Perspektive zu realisieren oder zutreffender formuliert versucht er eine philosophische Grundlegung dieser Ansätze zu liefern. Der Sinn, den Menschen ihren Handlungen und der Wirklichkeit zuschreiben, entsteht aus den Handlungen selbst. Diesen Zusammenhang zu durchleuchten, auch in methodischer Hinsicht, kann bei Schütz als zentrales Anliegen erkannt werden. Als Vehikel dienen ihm dabei die pragmatisch orientierte Lebensphilosophie von Henri Bergeson sowie die Phänomenologie Edmund Husserls, die die Konzeption seines frühen Hauptwerkes „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“ maßgeblich beeinflusste. [7]
Henri Bergeson zählt zu den führenden französischen Philosophen des 20. Jhdts. und war in Wien nach dem 1. Weltkrieg ein viel gelesener Autor. Bergeson entwickelt eine Art Theorie der Struktur des Bewusstseins. Der Mensch sieht sich in der Orientierung im unablässigen Geschehensfluss zwischen Instinkt und Intellekt, zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her gerissen. Die menschliche Existenz ist instabil und unsicher, der Mensch muss wählen und bewirken. [8] Wenn auch keine Analogie zu Schütz, so sehen wir bei Bergeson doch die Auseinandersetzung mit einigen zentralen Begriffen (z.B. Raum und Zeit), die Schütz hinsichtlich deren lebensweltlicher Struktur in seinem sinnhaften Aufbau der sozialen Welt beschäftigen. Die Problematik in der Erfassung des subjektiven Sinnes wurde oben bereits erwähnt. Dennoch sieht Schütz eine verstehende Soziologie auf eine adäquate Rekonstruktion subjektiver Sinnsetzungen angewiesen. Hierbei erscheint ihm Husserls Phänomenologie als geeignetes methodisches Instrumentarium.
Husserl beabsichtigte mit seiner Phänomenologie, die Philosophie aus einer Krise in der er sie sah, herauszuführen und als strenge Wissenschaft neu zu begründen. Auch Husserl war jüdischer Herkunft und bekam dies im zweiten Weltkrieg zu spüren. Er wird 1933 von seiner Professorenstelle beurlaubt, später (1937) sogar aus Freiburg vertrieben. Wissenschaftlich fordert Husserl bei der Analyse von Problemen den Fokus auf das was die Dinge an sich sind, zu richten. Dabei spielt das Bewusstsein in seiner Gerichtetheit auf einen Gegenstand (Sachverhalt) eine entscheidende Rolle (Intentionalität). Alle Akte des Bewusstseins sind sinnstiftend und konstituieren oder konstruieren erst Gegenstände oder Sachverhalte und somit die Wirklichkeit. [9] Die phänomenologische Konstitutionstheorie Husserls ordnet der Einheit des subjektiven Sinns eine Genese zu. Somit lässt sich der Aufbau der sozialen Welt in die immanenten Schichten subjektiver Sinnorientierung zurückverfolgen und das Problem des adäquaten Sinnverstehens gewinnt eine zeitliche Dimension. Hierbei führt Husserl den Begriff der Reflexion ein, welchen Schütz ebenso verwendet. Denn das ursprüngliche Erlebnis unterscheidet sich von der Reflektierten Form dieses Erlebnisses, nicht nur durch die zeitliche Differenz zwischen aktuellem Vollzug und nachträglicher Erfassung sondern auch, weil im Zuge des reflexiven Deutungsprozesses auf intersubjektiv konventionalisierte Sinnzuschreibungen (Typisierungen) zurückgegriffen werden muss. Schütz sieht demnach die Sozialwissenschaften auf das zentrale Problem der Typisierung verwiesen. [10] Ein weiterer Begriff, den Schütz und Husserl gemeinsam verwenden ist jener der Lebenswelt bzw. der Lebensweltanalyse. Husserl fordert in seinen späteren Werken eine Ontologie der Lebenswelt rein als Erfahrungswelt. Während dieser Ansatz bei Husserl das Entwurfstadium nicht verlassen hat, liefert Schütz’ Lebenswelttheorie hierbei detaillierte Analysen. [11] „Die Lebenswelt ist eine intersubjektiv geteilte Welt, ein Wissensvorrat, bestehend aus Typisierungen, Fähigkeiten, wichtigen Kenntnissen und Rezepten zum Betrachten und Interpretieren der Welt und zum Agieren in dieser Welt.“ [12] Wichtig ist es an dieser Stelle, einem gängigen Missverständnis vorzubeugen. Die Begriffe Lebenswelt und Alltagswelt sind keinesfalls Synonym zu verstehen. Die Lebenswelt umfasst alle möglichen Sinnbezirke, die vom Bewusstsein erfasst werden können, sie bildet den umfassenden Sinnhorizont für die mannigfaltigen Wirklichkeiten. Die Lebenswelt des Alltags ist hingegen nur eine Ordnung innerhalb dieses umfassenden Sinnhorizonts der Lebenswelt. Dennoch erfährt die Alltagswelt in vielerlei Hinsicht eine besondere Bedeutung. Mit der Veröffentlichung des sinnhaften Aufbaus der sozialen Welt (Frühjahr 1932) in Wien gewinnt Schütz Zugang zur phänomenologischen Bewegung und zu ihrem Begründer Edmund Husserl. In den folgenden Jahren finden mehrmals persönliche Treffen zwischen Schütz und Husserl statt. Eine nachhaltige Wirkung des sinnhaften Aufbaus bleibt jedoch vorerst aus. [13] In Europa bedarf es hierfür noch einiger Jahre und des Umweges über das Exil in Amerika.

Emigration und Exil[Bearbeiten]

Im März 1938 erfolgte der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich und nur wenige Tage später wurde der Anschluss Österreichs an das Dritte Reich verkündet. Die Machtergreifung der Nazis in Deutschland und schlussendlich auch in Österreich brachte für Sozialwissenschaftler und somit auch für Soziologen eher ungünstige Forschungsbedingungen mit sich, insbesondere wenn diese, so wie Schütz, jüdischer Abstammung waren. Bereits 1933 urteilte Mises über die Lage: „Wahrscheinlich werde, wenigstens für eine Generation lang, jede intelligente Wirtschaftsforschung unmöglich werden, und die Nazis würden ihre eigenen ökonomischen Theorien entwickeln, die auf falschen Prämissen errichtet seien. [14] Diese Einschätzung ist leider sehr realistisch und zutreffend. Der (sozial-)wissenschaftliche Schaden, den das Dritte Reich in der europäischen akademischen Landschaft angerichtet hat, kann kaum eingeschätzt werden. Was hier für Europa als Schaden bezeichnet wird stellt natürlich auf der anderen Seite des Atlantiks einen Gewinn bzw. eine Bereicherung dar und wie wir in den Bedingungen zur Emigration in die USA ausführlich dargestellt haben, befanden sich dort für Soziologen die eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollten grundsätzlich offenere Strukturen und eine wesentlich besser ausgeprägtes Selbstverständnis für das Fach an sich. In Zahlen ausgedrückt lässt sich sagen, dass z.B. in Wien 75% der soziologischen Universitätsabsolventen ins Ausland Emigrierten. In Frankfurt gar 81%, Heidelberg 70% und in Kiel und Freiburg immerhin über 50%.[15] In sehr vielen Fällen hielten sich die betreffenden Personen ohnehin bereites im Ausland auf (meist im Zuge eines amerikanischen Stipendienprogramms) und beschlossen dann spontan, auf Grund der veränderten politischen Lage, (zumindest vorerst) nicht mehr zurückzukehren.
Alfred Schütz hält sich zur Zeit des deutschen Truppeneinmarsches in Österreich geschäftlich in Frankreich (Paris) auf und wohnt bei Aron Gurwitsch. Dieser rät ihm auf Grund seiner jüdischen Herkunft, nicht nach Wien zurückzukehren. Schütz folgt diesem Rat und verbringt die folgenden 16 Monate in Paris. Seiner Frau Ilse und den beiden Kindern gelingt es sehr bald, Österreich zu verlassen und ebenfalls nach Paris zu kommen. In Paris lernt Schütz einige bedeutende Phänomenologen dieser Zeit kenn. Zu erwähnen sind Paul Ludwig Landsberg, Jean Wahl, Maurice Marleau-Ponty und Raymond Aron. [16] Dieses erste Exil endet kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges und mündet direkt in das zweite, wesentlich länger andauernde Exil der Familie Schütz. Am 14. Juli 1939 verlässt die Familie Paris und siedelt in die USA, nach New York. Sowohl der Aufenthalt in Paris als auch die Emigration nach New York waren für Schütz nicht nur politische Erwägungen. Beiden Reisen war auch eine berufliche Notwendigkeit inhärent, was eine durchgehende finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte und existentielle Engpässe vermied.

Theoretisches Wirken im neuen Umfeld[Bearbeiten]

Schütz bringt durchaus Vorkenntnisse über das soziologische und philosophische Diskussionsfeld in Amerika mit. Er beginnt in weiterer Folge, diese Kenntnisse kontinuierlich zu erweitern. Insbesondere die Bedeutung des pragmatischen Motivs für die Analyse der Sinnstrukturen der sozialen Wirklichkeit zieht sich durch sein Werk und äußert sich in entsprechenden Bezügen auf Georg Herbert Mead, William James und John Dewey. [17] Vor allem William James stellt für Schütz einen möglichen Anknüpfpunkt dar. Schütz kannte die Korrespondenz zwischen James und Bergeson ebenso, wie die Bewunderung Husserls’ für James. Noch 1939 beginnt er mit der Arbeit an der Abhandlung „ William James’s Concept of the Stream of Thought“, auch war es ihm ein Anliegen, die in den USA so gut wie unbekannten Gedanken Husserls’ zu etablieren. Grundsätzlich gelingt es Schütz relativ schnell in den USA wissenschaftlichen Anschluss zu finden, insbesondere eben zu dem kleinen Kreis amerikanischer Phänomenologen um Marvin Faber und Dorion Cairns, die er beide aus dem Freiburger Husserl-Kreis kennt. Hat Schütz im Juli 1939 erstmals amerikanischen Boden betreten, beteiligt er sich bereits Ende dieses Jahres an der Gründung der „International Phenomenological Society“ und wird Mitglied ihres Councils. Auch unterstützt er ab 1940 die Herausgabe der neu gegründeten Zeitschrift „Philosophy an Phenomenological Research“. [18]
Talcott Parsons, der 1937 „The Structure of Social Action“ veröffentlicht, muss ebenso erwähnt werden. Es ist wohl anzunehmen, dass dazumal Parsons’ voluntaristische Handlungstheorie ein zentraler Punkt der sozialwissenschaftlichen Diskussionen insbesondere in Amerika war, als gesichert kann gelten, dass sich Alfred Schütz dafür interessierte. Schütz war bereits 1938 ein Exemplar dieses Buches zugesandt worden, welches er eingehend studierte und zugleich bewunderte. Nachdem er Europa verlassen hatte verfasste er eine der frühesten Rezensionen über „The Structure of Social Action“. Im April 1940 wird Schütz eingeladen, vor der Interdepartment Conference of Harvard University einen Vortrag zum Thema „The Problem of Rationality in the Social World“ zu halten. Dabei kommt es zu einer persönlichen Begegnung zwischen Schütz und Parsons und auch zu einer willkommenen Gelegenheit für Schütz, sich mit der amerikanischen Behandlung der Theorie und Methodologie der Sozialwissenschaften vertraut zu machen, und andererseits einen eigenen Beitrag zu präsentieren. [19] Nachdem Schütz sein Manuskript zu Parsons „The Structure of Social Action“ diesem zum Lesen übermittelt hatte, begann im Herbst eine in Briefform stattfindende Korrespondenz zwischen Schütz und Parsons. Leider muss diese Diskussion als eher unergiebig bzw. gänzlich unausgegoren angesehen werden, was bei derart komplexer Materie, der räumlichen Distanz zwischen Schütz und Parsons, der Reduktion auf die Schriftform und nicht zuletzt sprachlichen sowie kulturellen Barrieren verständlich erscheint. Sowohl Schütz als auch Parsons beklagen in ihren Briefen, dass der jeweils andere einen nicht verstehe. Schützt weist Parsons darauf hin, dass „The Structure of Social Action“ bereits für Menschen deren Muttersprache Englisch ist, sehr schwer zu lesen sei und räumt ein, dass es durchaus möglich sei, dass ihm dort oder da der eigentliche Sinn verborgen bliebe. [20] An anderer Stelle äußert Schütz die Vermutung, dass die Begriffe „Methodologie“ und „Epistemologie“ in Amerika in viel engerem Sinne gebraucht würden als etwa im deutschsprachigen Raum, ebenfalls ein missverständlicher Punkt zwischen Schütz und Parsons. [21] Die wissenschaftlichen Fronten zwischen Schütz und Parsons sind sehr schnelle herausgestellt, dennoch kommt es zu keiner konstruktiven Aufarbeitung und der Kontakt zwischen den beiden bricht schließlich ab. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass Parsons voluntaristisches Paradigma, zum Strukturfunktionalismus ausgebaut, einen dominanten Platz in der soziologischen Diskussion der weiteren zwei Jahrzehnte einnehmen wird. Insofern hat Schütz ein schweres Los gezogen, mit seinen (davon abweichenden) Ideen und Ansätzen, genau zu dieser Zeit in den USA das akademische Milieu betreten zu haben.
Schütz war zwar nie Stipendiat der Rockefeller Foundation, dennoch kamen ihm die günstigeren Bedingungen in den amerikanischen Universitäten zu gute. Auch der bereits mehrfach erwähnte Umstand, dass in den USA ein ganz anderes Selbstverständnis über die Soziologie als anerkanntes akademisches Fach herrschte, kann nicht als Nachteil gewertet werden. In diesem Kontext gelingt Schütz neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit auch die institutionelle Anbindung im universitären Milieu. Ab 1943 übt Schütz eine Lehrtätigkeit an der 1933 von Alvin Johnson für europäische Exilanten gegründeten „Graduate Faculty“ der „New School for Social Research“ in New York aus. Die „Graduate Faculty“ hat es zu einer gewissen Berühmtheit geschafft und entwickelt sich zu einem der produktivsten Auffangbecken für vertriebene europäische Intelligenz, in dem europäische geisteswissenschaftliche Tradition fortgeführt wird. 1944 wird Schütz an der „New School“ zum Visiting Professor und 1952 zum Full Professor für Soziologie und Sozialpsychologie ernannt. Ab 1956 unterrichtet Schütz sowohl am „Sociologie Department“ als auch am „Philosophy Department“ der New School. [22] Im Zuge seiner Lehrtätigkeit bildet sich ein Kreis von Studenten heraus, die Schütz’s Veranstaltungen regelmäßig besuchen und auf die er einen starken Einfluss ausübt. Zu ihnen zählen Thomas Luckmann, Peter L. Berger und Maurice Natanson. Alle drei, jedoch besonders Luckmann werden in weiterer Folge Schütz’ Ansatz aufgreifen und diesem zu einer angemessenen Reputation verhelfen. 1957 zeigen sich bei Schütz erste Anzeichen gesundheitlicher Probleme. Er realisiert, dass es ihm nicht vergönnt sein wird, eine zusammenfassende Darstellung seiner Lebenswelttheorie, für die er den Titel „Strukturen der Lebenswelt“ wählt, fertig zu stellen. Er arbeitet jedoch eine exakte Gliederungsstruktur aus und hinterlässt neben mehreren Notizbüchern, in denen er die Inhalte stichwortartig ausführt, genaue Anweisungen über die Fertigstellung seiner Arbeit. Im Mai 1959 stirbt Alfred Schütz, Todesursache sind Herzprobleme auf Grund eines zuvor unerkannt gebliebenen Infarktes. Das Werk das Alfred Schütz hinterlässt, ist also zum Teil nur fragmentarisch vorhanden.

Wirkungsgeschichte der Theorie – Rückkehr nach Europa[Bearbeiten]

Das bekannte Sprichwort: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“ bewahrheitet sich an der Person Alfred Schütz nur zu gut. Der Verlust einer derartigen soziologischen Kapazität an die USA lässt sich zudem nicht auf diese eine Person reduzieren, denn auch der unmittelbare Wirkkreis, die unmittelbaren theoretischen Anstöße und Impulse, die ersten Rezeptionen und eine Reihe an Forschern, die von Schütz inspiriert seine Ansätze Weiterentwickeln und sein begonnenes Werk vorantreiben bzw. vollenden, all diese Aspekte müssen als verlorenes Potential berücksichtigt werden. Aber auch in Amerika vergehen einige Jahre, bis die Idee von der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit zum soziologischen Mainstream avanciert. Wie weiter oben bereits angedeutet muss in den 1940er und 1950er Jahren in der Soziologie von einer Dominanz der Theorien Talcott Parsons gesprochen werden. Er versucht die Funktion hinter den normativen Strukturen aufzuzeigen, die einen Zwang auf das Individuum ausüben. Dennoch setzt sich im Laufe der Zeit immer mehr eine kritische Gesinnung gegenüber der Dominanz Parsons in den soziologischen Diskussionen durch, bis schließlich von einer neuen Ära bzw. einem Paradigmenwechsel in der soziologischen Theorienlandschaft gesprochen werden kann, so dass eine verstärkte Auseinandersetzung und Rezeption von Alfred Schütz stattfindet. Es wechselt der Fokus von der Funktion hinter den normativen Strukturen, hin zum wesentlichen Sinn, den verschiedene Lebensmuster und die Vorgänge gemeinsam haben, nach denen die Menschen diesen Sinn herstellen.
Es wäre übertrieben zu behaupten, dass Schütz Zeit seines (viel zu kurzen) Lebens keine wissenschaftliche Reputation in soziologischen und philosophischen Kreisen erfahren hätte, aber die gravierende Tragweite seiner Gedanken für die soziologische Theorie blieb weitgehend unerkannt. Der Verlauf seiner (in diesem Aufsatz letztlich ausführlicher als ursprünglich angedacht dargestellten) Biografie und die damit einhergehende zerstreute sowie auf zwei Kontinente und Sprachräume verteilte Publikationstätigkeit spielt dabei sicherlich eine entscheidende Rolle. 1932 erscheint „Der sinnhafte Aufbau der Realität“ im Wiener Springerverlag. Erst 1960 erfolgt eine Neuauflage und 1967 die Übersetzung ins Englische. „Der sinnhafte Aufbau der Realität“ ist das Resultat einer 12 jährigen intensiven Forschungstätigkeit und gewissermaßen das Fundament, in dem Schütz die meisten seiner zentralen wissenschaftlichen Anliegen, die ihn Zeit seines Lebens beschäftigen sollten, bereits angelegt und umrissen hatte. Dennoch erfährt dieses Werk im deutschsprachigen Raum sehr wenige Rezensionen und geht schließlich in den politischen und militärischen Wirren des 2. Weltkrieges mehr oder minder unter. In englischer Sprache liegt dieses Werk erst 35 Jahre nach dessen Erstveröffentlichung vor, wobei Schütz bereits 8 Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilt.
Was zur Einleitung einer angemessenen Rezeptionsphase neben der Übersetzung des sinnhaften Aufbaus ins Englische ebenso unerlässlich ist, ist die Veröffentlichung von Schütz’ „collected papers“ durch seine Frau Ilse Schütz. Diese Publikationen erfolgen 1962, 1964 und 1966 und ermöglichen gemeinsam mit dem sinnhaften Aufbau erstmals einen Blick auf das weit verstreut publizierte Werk, allerdings vorerst nur in englischer Sprache. (Die gesammelten Werke erscheinen 1971 und 1972 in deutscher Sprache was zugleich die Rezeption Schütz’ Werk im deutschen Sprachraum einleitet.) Im Anschluss an diese Publikationen formiert sich die Argumentationsfront gegen den Strukturfunktionalismus zu der Soziologen wie Natanson, Berger und Luckman, in weiterer Folge Harold Garfinkel, Kurt H. Wolff, Tamotso Shibutani, und Erving Goffman zu zählen sind. [23] Thomas Luckmann ist für das Thema „Brain Drain soziologischer Theorien“ in mehrfacher Hinsicht relevant. Zum einen wegen seiner Biografie, die ihn ebenso von Europa nach Amerika (und schließlich wieder zurück) führt und zum anderen wegen seines theoretischen Wirkens, im Zuge dessen er das unvollendete Werk Schütz’ fertig stellt und seine eigenen Konzepte zur Protosoziologie auf diesem Fundament errichtet. Luckmann wird 1927 in Jesenice (Slowenien) geboren. Seine Mutter ist slowenischer Abstammung während sein Vater Österreicher ist. So wächst Luckmann zweisprachig auf und lernt von Kindesbeinen an, die Welt in verschiednen Wirklichkeitskonstruktionen zu betrachten. Während des Zweiten Weltkrieges wird Slowenien von Hitlerdeutschland annektiert und der Ostmark eingegliedert, Luckmann wird dadurch formell deutscher Staatsbürger und natürlich auch wehrpflichtig. Er wird direkt von der Schule zu den so genannten Flakhelfern bei einer Flugzeugabwehr-Batterie im Wienerwald eingezogen. [24] Nach dem Krieg macht Luckmann seine Matura nach und beginnt in Wien zu studieren. Österreich war in Besatzungszonen geteilt und Luckmann Inn- und Ausländer zugleich, was die Studienbedingungen nicht gerade verbesserte, und so kam das, was kommen musste, Luckmann entschließt sich nach Amerika auszureisen wo er letztlich an der "New School" als Student von u.a. Alfred Schütz landet und auch Bekanntschaft mit Peter L. Berger macht.
Luckmann wird schließlich von Ilse Schütz beauftragt die fragmentarisch ausgeführte Darstellung der Schütz’schen Lebenswelttheorie zu vollenden. So erscheinen 1979 und 1984 die zwei Bände zu den "Strukturen der Lebenswelt", in denen Schütz und Luckmann das entfalten, was gemeinhin als Konstitutionsanalyse der Lebenswelt bezeichnet wird. Die Lebensweltanalyse stellt die Beschreibung allgemein menschlicher Universalien (z.B. die Zeitlichkeit), jenseits bzw. vor jeder Kultur dar. [25] In den Strukturen der Lebenswelt bleibt natürlich das philosophische bzw. phänomenologische Element dieses soziologischen Ansatzes enthalten, jedoch tritt auch deutlich eine anthropologische Sichtwiese hinzu. Eine phänomenologische Konstitutionsanalyse und eine erfahrungswissenschaftliche Rekonstruktion menschlicher Wirklichkeitskonstruktionen ergänzen sich dabei. „Einerseits ist der Mensch mit seinem Körper Natur, zugleich besitzt er aber Geist, ein Selbst, und damit ein von der Natur verschiedenes und unabhängiges, ihr sogar entgegenstehendes Prinzip. Aufgrund dieser naturgegebenen Existenzform, seiner Instinktreduktion und der daraus sich begründenden ‘Weltoffenheit’ ist das biologische ‘Mängelwesen’ zur Ausbildung einer ‘zweiten Natur’ gezwungen. [26] Mit der Lebensweltanalyse leiten Schütz und Luckmann auch eine Trendwende in der Wissenssoziologie ein. Während die klassische Wissenssoziologie ihre Untersuchungen primär als eine Analyse weltanschaulichen und wissenschaftlichen Wissens betreiben, lenken Schütz und Luckmann (unterstützt durch wesentliche Impulse aus dem symbolischen Interaktionismus) deren Augenmerk erstmals auf das Alltagswissen der Handelnden. Unser gesamtes Wissen von der Welt enthält Konstruktionen, alle Tatsachen sind immer schon interpretierte Tatsachen und die Tatsachen tragen ihren interpretativen inneren und äußeren Horizont mit sich, da wir jeweils bloß bestimmte ihrer Aspekte erfassen, sofern sie für uns relevant sind. [27]
Auch Peter L. Berger muss im Kontext der Schützrezeption und auch im Zusammenhang mit dem Brain Drain soziologischer Theorien erwähnt werden. Ebenso wie Luckmann ist auch Berger in Österreich, jedoch als Sohn einer jüdischen und zum Protestantismus konvertierten Familie geboren und nach Amerika ausgewandert. Beide treffen sich an der "New School", studieren bei denselben Lehrern (u.a. Schütz) und entdecken ihre Übereinstimmung in fundamentalen wissenschaftlichen Fragen. Dennoch sind weder Luckmann noch Berger als „abgewandertes Wissen“ oder „verloren gegangenes Potential“ zu betrachten. Eher könnte man sagen, dass sie es waren, die das verlorene Wissen wieder heimgeholt haben. Luckmann und Berger können vereinfacht als Botschafter des Schütz’schen Ansatzes bezeichnet werden. Dies trifft sowohl in geografischer als auch in wissenschaftlicher Hinsicht zu. 1963 erscheint Berger’s „Einladung zur Soziologie“ als deutschsprachige Übersetzung, die konsequent entlang der Alltagserfahrung konzipiert ist. [28] Gemeinsam verfassen Luckmann und Berger die berühmt gewordene Schrift „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“, die eine Synthese zwischen Herbert Meads symbolischem Interaktionismus und der phänomenologischen Fundierung einer Strukturanalyse der Lebenswelt darstellt. Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit erscheint 1969 als deutschsprachige Auflage und spätestens ab diesem Zeitpunkt ist die Relevanz und Fruchtbarkeit Alfred Schütz’ für die Soziologie auch in Europa unbestreitbar. Die beiden eben genannten Werke ermöglichen auch die Karriere einer qualitativen Sozialforschung, zu deren wesentlichen Anregungspolen das Werk von Schütz nach wie vor zählt. Im Zuge dieser Publikation etabliert sich ohne Intension der Autoren der Begriff des ‘Sozialkonstruktivismus’, der jedoch nicht mit einem (radikalen) Konstruktivismus im Sinne einer wissenschaftstheoretischen Richtung verwechselt werden darf. Es geht also nicht um die Behauptung alles sei (aus lediglich einem Prinzip wie beispielsweise der Kommunikation heraus) konstruiert oder gar konstruierbar. Es geht viel mehr um die Frage: Wie kann aus subjektiven menschlichen Erfahrungen eine objektive Welt sozialer Tatsachen hervorgehen? Die Wissenssoziologie rückt dabei ins Zentrum einer neu ausgerichteten Handlungs- und Gesellschaftstheorie. [29]
Jürgen Habermas liefert 1967 in seiner Schrift „Zur Logik der Sozialwissenschaften“ erstmals im deutschen Sprachraum eine unabhängige und systematische Rezeption der Arbeiten von u.a. Schütz sowie Berger und Luckmann. Er macht dabei wirkkräftig auf die interpretative alltags- und sprachsoziologische Wende in der Soziologie aufmerksam. Weiter Anregungen liefert die phänomenologische Fundierung verstehender Soziologie von Schütz für die Ethnomethodologie Garfinkels, für diverse interaktionsanalytische Ansätze (Goffman, Blumer) und für die kognitive Soziologie Cicourels. [30] Martin Endreß sieht im Wesentlichen vier Tendenzen in der gegenwärtigen Diskussion der soziologischen Theorie, die dem Werk von Schütz aktuelle Relevanz verleihen. (1) Der Einfluss in die aktuellen spiel- und entscheidungstheoretischen Konzeptualisierungen in der Soziologie (ausgehend von Schütz Orientierung an der Grenznutzenschule). (2) Die erneute Ausrichtung der theoretischen Diskussion der Soziologie am Handlungsbegriff (das pragmatische Motiv, das den Einzelnmenschen in seinen Bemühungen, mit der Welt in seiner Reichweite zurechtzukommen, leitet). (3) Die gegenwärtige Renaissance von Autoren des klassischen angelsächsischen Pragmatismus (Peirce, James, Mead, Dewey) und (4) eine zunehmende Bedeutung oder gar Priorität der Zeitdimension für das Verständnis sozialer Phänomen (Schütz konzeptualisiert das Sinnproblem als ein Zeitproblem). [31]

Vertreter (alphabetisch)[Bearbeiten]

Berger, Peter L.
Garfinkel, Harold
Garthoff, Richard
Luckmann, Thomas
Natanson, Maurice
Schütz, Alfred
Srubar, Ilja
Wolff, Kurt H.


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Münch (2003): S. 191f.
  2. vgl. Welz (1996): S. 118ff.
  3. vgl. Endreß in Kaesler (2006): S.340f.
  4. vgl. Fleck (2007): S. 214ff.
  5. vgl. Weber (1972): S.1.
  6. vgl. Endreß (2006): S.32ff.
  7. vgl. Endreß (2006): S.14f.
  8. vgl. Russel (2007): S.806ff.
  9. vgl. Schnettler (2006): S47ff.
  10. vgl. Endreß (2006): S.37ff
  11. vgl. Welz (1996): S. 199ff.
  12. Münch (2003): S. 201.
  13. vgl. Endreß (2006): S.15f.
  14. vgl. Fleck (2007): S. 172.
  15. Fleck (2007): S. 207.
  16. vgl. Endreß (2006): S.16.
  17. vgl. Endreß (2006): S.28.
  18. vgl. Endreß (2006): S.17.
  19. vgl. Schütz / Parsons (1977): S. 15f.
  20. vgl. Schütz / Parsons (1977): S. 112.
  21. vgl. Schütz / Parsons (1977): S. 114f.
  22. vgl. Endreß (2006): S.17f.
  23. vgl. Endreß (2006): S.128.
  24. vgl. Schnettler (2006): S18ff.
  25. vgl. Schnettler (2006): S77ff.
  26. vgl. Plessner in Schnettler (2006): S82.
  27. vgl. Schütz in Endreß (2006): S.101.
  28. vgl. Schütz in Endreß (2006): S.129.
  29. vgl. Schnettler (2006): S86ff.
  30. vgl. Endreß (2006): S.130
  31. vgl. Endreß in Gabriel (2004): S 223f.

Sozialforschung, Sozialstruktur, Organisation[Bearbeiten]

Anfang und Genese[Bearbeiten]

  • Einleitung

Für Heinz Hartmann galt Paul Lazarsfeld als ein Superstar unter den Soziologen. Und bald schon nach seinem Tod im Jahre 1976 zählte er zu den Klassikern der Soziologie. Winfried Lerg bezeichnete ihn auch als den Gründervater der modernen Kommunikationsforschung. Auch für Christian Fleck ist er eine bedeutende Persönlichkeit. Er handelt Lazarsfeld als bedeutendste Person bei der Entstehung der empirischen Sozialforschung. Nach Max Weber spricht ihm Fleck den höchsten Status der Anerkennung zu. Auch bei den Kategorien Sichtbarkeit und Produktivität ist er in den ersten Reihen. Aus diesem Grund dreht es sich in diesem Kapitel ausschließlich um Paul Lazarsfeld.[1][2]

  • Drei Umstände für den Beginn

Für Lazarsfeld waren nach seinen autobiografischen Aufzeichnungen zu Folge drei Umstände in Wien für die weitere Entwicklung ein Anstoß. Erstens war es das politische Klima in der damaligen Zeit. Zweitens sein Interesse an der damaligen Psychologie. Und abschließend die Beschäftigung mit der sogenannten Erklärung.

Sein politisches Interesse galt dem Sozialismus, der allerdings in Wien im Rückgang war. Er fand dafür auch eine Erklärung. So braucht gemäß Marx eine Revolution vor allem den wirtschaftlichen Nährboden. Eine erfolgreiche Revolution benötige Ingenieure wie die Sowjetunion. Schließlich braucht eine fehlgeschlagene Revolution die Psychologie wie in Wien.

Während seines Studiums wurde sein sozialwissenschaftlich entscheidend durch zwei Personen gewendet, die an die Wiener Universität berufen wurden. Es handelt sich um Charlotte und Karl Bühler, deren Beiträge die experimentelle Psychologie stark veränderten. Dort konnte Lazarsfeld, der in angewandter Mathematik schließlich promovierte, Vorlesungen über die Statistik halten. Allmählich weitete er seine Arbeit an der Universität aus und wollte schließlich eine eigene Abteilung für Sozialpsychologie gründen. Er erhoffte sich dabei Forschungsaufträge durchführen zu können. Schließlich entstand dann ein unabhängiges Forschungszentrum, als deren Präsident Karl Bühler vorstand. Lazarsfeld kümmerte sich um die angewandten Studien. Gleichzeitig veröffentlichte er Arbeiten über Statisik.[3]

  • Die Arbeitslosen von Marienthal als Auslöser

Im Jahr 1930 begann Lazarsfeld mit der Studie über die Arbeitslosen in einem Dorf südlich von Wien. Diese Arbeit hatte die Rockefeller-Stiftung mit Sitz in Paris auf ihn auf aufmerksam gemacht. Aufgrund der Qualität erhielt nun Lazarfeld ein Stipendium für die USA. Im Jahr 1934 wurde die Verfassung in Österreich geändert und der Faschismus zog ein. Daraufhin verlor er seine Arbeitsstelle als Lehrer im höheren Schulwesen, nur die Anstellung an der Universität blieb erhalten. Das war vorteilhaft für die Verlängerun seines Stipendiums in den USA. Aber selbst nach Ablauf dieser versuchte er 1935 in den USA zu bleiben. Über Robert Lynd an der Columbia University erhielt er eine Arbeitsstelle. Bereits im Jahr 1936 übernahm er eine neu angelegte Forschungsstelle dieser Universität, das nach dem Muster des Instituts in Wien ausgerichtet war. Im Auftrag der Rockefeller-Stiftung kam nun eine Forschungsstelle für Rundfunkforschung noch hinzu, die 1939 sogar an die Columbia University verlegt wurde. Später entstand daraus das Institut für angewandte Sozialforschung. Im Jahr 1940 wurde Lazarsfeld außerordentlicher Professor.[4]

  • Die Wurzeln der neuen Forschung

Lazarfseld selbst sieht drei Komponenten in der Entwicklung des neuen Forschungsstils:

Die Ideologie: Es geht hier um die politische Motivation der Arbeiten von Lazarsfeld, der stark vom Sozialismus geprägt war. Für ihn war die soziale Schichtung ein wichtiges Thema bei sämtlichen Arbeiten. Psychologische Studien über Jugendliche aus derselben Zeit beziehen ausschließlich auf die mittleren Schichten. Mit der Arbeit über Jugend und Beruf setzte Lazarsfeld die Arbeiterjugend in den Mittelpunkt und machte auf sie aufmerksam. Er wollte auf die sozialen Differenzen dieser Gruppen aufmerksam machen. Seine These lautete, dass die Arbeiterjugend durch den frühen Einstieg in das Arbeitsleben gewisse positive Erfahrungen nicht machen können, die der Mittelschichtjugend vorbehalten blieb. Wie die Arbeiterjugendforschung war auch die Marienthalstudie selbst marxistisch angehaucht. Allein die Auswahl, dass ein ganzes Dorf und nicht der Einzelne untersucht wurde, ist auf den politischen Hintergrund zurückzuführen. Die Analyse der Sozialstruktur ähnelt dem Kollektivgedanken. Weiters ergab es sich, dass eine spätere Mitarbeiterin von Lazarsfeld mit einem Experten für Marktforschung in Kontakt kam. In Österreich war die Marktforschung noch nicht bekannt. Lazarsfeld nutzte dann das Material zu Konsumentenentscheidungen von Seife für seine statistischen Analysen. Es ging ihm eigentlich um den Entscheidungsprozess und dabei vorallem um den politischen. Der Austromarxismus lehnte die Gewalt ab und bevorzugte den demokratischen Apparat. Dafür interessierte es Lazarsfeld, welche Schicht welche Partei wählt. An der konservativen Universität hätte aber niemand die Wahlentscheidungsprozesse erforscht.

Das Intellektuelle: Lazarsfeld war vorwiegend durch Karl Bühlers beeinflusst. Dieser versuchte stets verschiedene psychologische Ansätze zu integrieren. Gerade die Verbindung von einzelnen Ansätzen war dessen Hauptaufgabe. Diese Technik übernahm Lazarsfeld besonders in seinen Marktforschungen. Das Ergebnis formulierte er dann in integrierenden Konzepten. Er stellte vier Grundsätze auf: 1. Jedes soziale Phänomen hat seine objektive Beobachtungen. 2. Einzelne Fallstudien und statistische Daten sollen zusammen geführt werden. 3. Querschnittsdaten sollen mit der Entwicklungsgeschichte ergänzt werden. 4. Experimentelle Daten (in Tests erhoben) und natürliche Daten (ergeben sich natürlich aus dem Alltag ohne Eingriff von Forschern) sollen kombiniert werden. Damit zeigt sich, dass ihm die reine Beschreibung nicht ausreichte. Für eine erfolgreiche Studie musste der Forschungsgegenstand umfassend erforscht werden. Die Theorie der integrierenden Konzepte entstand auch aus dem Bedürfnis der Rechtfertigung der empirischen Sozialforschung.

Das Persönliche: Auch das Persönliche von Lazarsfeld spielt eine entscheidende Rolle. Sein Wunsch war es, eine Verbindung zwischen der reinen Statistik und der Beobachtung zu schaffen. Das begann er bereits bei den Arbeiten für Charlotte Bühler. So versuchte er bei den kinderpsychologischen Studien eine Kombination zwischen der reinen statistischen Beobachtung von Gesell ohne weiterer Auswertung und den halbexperimentellen Forschungen von Piaget zu erreichen. Das war auch das Ziel der Studie Marienthal, worin auch geschildert wird, dass die Forschung in den USA (Chicago) diese Synthese noch nicht geschafft hat. Ein weiterer Aspekt ist die fast zu persönliche Präferenz der arbeitenden Schicht aufgrund seiner sozialistischen Einstellung, wodurch die Soziologie auch eine gewisse politische Dimension erlangte. Dabei geht es um die Ergebnisse der Daten und deren Folgen. Charlotte Bühler kritisierte diese Einstellung, worauf er sich um mehr Objektivität bemühte. [5]

Emigration und Exil[Bearbeiten]

  • Reisestipendium als Auslöser

Durch Lazarsfelds Studien über Jugend und Beruf sowie die Arbeitslosen von Marienthal wurde er im Ausland bekannt. Nach Pollak wurde seine Marktforschung über Seife der Auslöser für das Reisestipendium in die USA über das Rockefeller-Institut im Jahr 1932. In den USA angelangt, fand er ein Aufstreben der angewandten Sozialforschung vor. Die Politik förderte mit starken Geldmitteln die Sozialforschung, um die Ergebnisse für die politischen Strategien zu nutzen.[6]

  • Unfreiwillige Emigration

Im ersten Stipendienjahr hielt er vor allem Kontakte zu Marktforschungsinstituten. Universitäre Kontakte bestanden vorwiegend zu statistischen Psychologen. Besondere Verbindung hatte er zum Soziologen Robert Lynd, der ihm umfangreich während der Stipendienzeit half. In Österreich gab es mittlerweile Bürgerkrieg, ein katholischer Faschismus breitete sich aus und die Sozialistische Partei wurde veboten. Es emigrierten bereits erste Sozialisten und Marie Jahoda wurde verhaftet. Darum befand sich Lazarsfeld ungewollt im Emigrantenstatus.[7]

  • Vorteile in den USA

Lazarsfeld hatte sich sofort nach Ankunft in den USA mit der vorliegenden Situation angefreundet. Er knüpfte viele Kontakte und sah hier einen Aufstieg. Auf der Wiener Universität wäre für ihn kein Aufstieg möglich gewesen, da dort ein rassistisches und reaktionäres Klima herrschte. Er brachte aber genügend mit, um an den amerikanischen Universitäten erfolgreich zu sein. Vorteilhaft war zudem, dass die amerikanischen Intellektuellen ein spezifisches Bild von der europäischen Arbeiterbewegung hatte, die den liberalen Universitätskreisen entsprach. Auch seine deutschsprachige Kultur war in den USA angesehen und gefragt. Auch seine jüdische Herkunft war von Vorteil, da diese soziokulturelle Gruppe damals gerade dabei war, in Konkurrenz zu den white anglo-saxon protestants die Universitäten zu erobern.[8]

Theoretisches Wirken im neuen Umfeld[Bearbeiten]

  • Abfall von der politischen Einstellung

Betrachtet man das Leben und Werk von Lazarsfeld, so fällt ein besonderer Einschnitt durch die Emigration auf. Vor dieser war er im besonderen Maße durch den Marxismus geprägt und er wollte diesen mit der Sozialpsychologie vereinbaren. In den USA lies er aber seine politischen Ambitionen fallen und er wandte sich einem unpolitischen Empirismus zu.

Dafür gibt es zwei Hypothesen für diese Abwendung vom Marxismus. Die erste Hythothese geht davon aus, dass sich Lazarsfeld in den USA an den politischen wie universitären Kontext angepasst hat. Diese Hypothese betont sein politisches Engagement in Österreich. In Teamarbeit entstanden so die Marienthalstudie über Arbeitslose und eine Studie über Jugend und Beruf. Die übrigen Studien, vorwiegend die Marktforschungen, werden als reiner Broterwerb für die Forschungsstelle aufgefasst. Da in den USA andere Bedingungen herrschen wie in Wien, passt er sich an die unpolitischen Strukturen dort an.

Die zweite Hyopthese sieht keinen Bruch in der Forschungsbiografie von Lazarsfeld. Sie geht von einer Kontinuität aus. Diese Hypothese setzt das Hauptaugenmerk nicht auf seine Nähe zur Sozialdemokratie, sondern auf die Konzeption rationaler Planung mit der Hilfe der Sozialwissenschaft. Dabei werden Wissenschaft und gängig gesellschaftliche Praxis kombiniert. Damit wird die vorliegende politische Situation nicht so wichtig, wie es eine institutionelle Sozialforschung ist. Die Ideen des Wiener Kreise, deren Einfluss Lazarsfeld selbst verneint und auf die gleiche Entstehungssituation hinweist [9], und der Sozialdemokratie in Österreich und Deutschland gingen in dieselbe Richtung. Sie lehnten die Revolution ab und wollten eine Verbesserung der Situation für die Arbeiter durch staatliche Einrichtungen. Gerade durch die Sozialforschung sollten die Strategien dafür herausgefunden werden. Damit bekommt die Forschungsstelle von Lazarsfeld eine neue Bedeutung, neben dem Gelderwerb.

Aus den autobiografischen Betrachtung von Lazarsfeld wird keine der vorliegenden Hypothese vollständig bestätigt noch dementiert. Denn einerseits zeigt sich eine gewisse Nostalgie gegenüber dem Austromarxismus in seiner Jugendzeit, allerdings erscheint es als ob er sich lediglich dem vorliegenden Angebot aufgeschlossen verhielt. Andererseits blieb seine Wissenschaftsauffassung stets die gleiche und förderte die Institutionalisierung der Sozialforschung in der Welt, um der Rationalität zu helfen.[10]

  • Günstiger Nährboden in den USA

Gerade mit der Auswanderung der Elite der österreischen Sozialwissenschaft wanderte auch die empirische Sozialwissenschaft selbst aus. Das bedeutete einen Verlust in Österreich und einen Gewinn in den USA mit Lazarsfeld. Die Bedingungen in den USA waren allerdings günstiger, denn die dortige Orientierung war stärker pragmatisch, empirisch und behavoristisch geprägt als in Wien. Auch wenn es beispielsweise in Chicago Widerstände gegen die Errichtung eines Bureau of Social Research gab, war das Land für die Erneuerung bereits vorbereitet. Lazarsfeld wurde in den USA dann zum wichtigsten Vermittler der Wiener empirischen Tradition und Repräsentanten der empirischen Soziologie der Vereinigten Staaten. In den USA war gab es bereits enge Verknüpfung von Soziologie, Kulturanthropologie und Sozialpsychologie. Außerdem waren amerikanische Soziologen an den wichtigen Social Surveys beteiligt. Beide Umstände war für Lazarsfeld vorteilhaft.

Schließlich arbeitete Lazarsfeld mit Merton an der Columbia University zusammen und so wurde Empirie und Theorie verbunden. Er wurde grundsätzlich zum Vermittler zwischen Europa und Amerika und trug auch zum Reimport bei. Zudem entstand durch ihn eine Verbindung der Soziologie und Kommunikationswissenschaft. Das geschah jedoch eher zufällig. Lazarsfeld selbst verstand sich bereits in Wien wie auch in den USA als Soziologe, hielt aber in Wien am Institut für Zeitungswissenschaft Vorträge. Im Jahr 1931 begann er mit einer Rundfunkhöhrerforschung in Zusammenarbeit mit der RAVAG. Die Kommunikationswissenschaft in den USA hatten schon rudimentäre Verbindungen zur Soziologie und Psychologie. Lazarsfelds Leistung bestand darin, dass er die quantitative Analyse sowohl in die Soziologie sowie mittels der empirischen Kommunikationsforschung auch in andere Disziplinen gebracht hat. So auch in die Kommunikationswissenschaf in den USA.[11]

  • Kontakt zur Frankfurter Schule verläuft ergebnislos

Bereits noch in Europa gab es zwischen dem Frankfurter Institut und Lazarsfeld einen wissenschaftlichen Kontakt. Obwohl im gesellschaftlichen Werdegang zwischen Adorno und Lazarsfeld extreme Unterschiede vorlagen, kam es in den USA sogar zur Zusammenarbeit. So wurde Adorno zum Leiter der Music Study innerhalb des Radio Research Projects gewählt, da Horkheimer für Adorno eine Arbeit suchte und Lazarsfeld im Gegenzug zur Unterstützung von Horkheimer handelte. Jedoch näherte sich das Bühlersche Wiener Institut und die Frankfurter Schule in gänzlich unteschiedlicher Weise der Realität an. Deswegen scheiterte auch die Zusammenarbeit, da es zu methodischen Konflikten kam. Lazarsfeld stimmte allerdings unter der Hand Adornos Theorie zu, bemängelte aber dass dieser die Theorie nicht anhand von empirischen Tests belegen wollte. Darin war Adorno beleidigt, seine Theorie in überprüfbare Fragen zu übersetzen, da er sein Konzept nicht als bloße Spekulation dahin gestellt haben wollte. Es blieb also die Frage nach der Evidenz offen und das von Seiten Adornos bewusstermaßen. So warf Adorno dem Bureau vor, lediglich an empirischen Daten, aber nicht an der Erklärung der Phänomene interessiert zu sein. Adorno wurde eine aggressive und undiplomatische Weise gegenüber den Kunden nachgesagt. Diese Haltung lag an der Ablehnung der Kommerzialisierung der soziologischen Wissenschaft, die Lazarsfeld in den USA begann.

Lazarsfeld hatte eine aktive politische Vergangenheit in der Sozialdemokratie, während die Vertreter der Frankfurter Schule kaum konkrete aktive Erfahrungen in der Politik hatten und eher Linksintellektuelle waren. Sowohl Lazarsfeld wie auch die meisten Vertreter der Frankfurter Schule entstammten dem Judentum, was eigentlich verbindlich wäre. Jedoch kam Lazarsfeld aus dem jüdischen Kleinbürgertum, während die Frankfurter dem jüdischen Großbürgertum entstammten. Damit war eine unterschiedliche Herkunft gegeben. Horkheimer sorgte immer dafür, dass sein Institut in New York im besonderen intellektuell in der Tradtion der deutschen Aufklärung geprägt war. Zudem sahen die Mitglieder der Frankfurter Schule ihre Emigration als zeitlich begrenzt an. Sie verfassten ihre Werke in deutscher Sprache und hatten anfänglich einen Widerwillen in Englisch zu schreiben. Sie empfanden sich als reine Europäer und galten deswegen als arrogant. Auch Lazarsfeld galt als solcher am Anfang, jedoch gelang es ihm sich anzupassen. So verfasste er auch seine Werke in Englisch.

Das Ergebnis dieser Kontroverse zwischen zwei professionellen und intellektuellen Strategien war eine grundsätzlich Spaltung der Soziologie. Auf der einen Seite stand die empirische Richtung, die sich politisch anpasste und nicht auffallen wollte, vorwiegend Daten sammelte und sich auf die Statistik konzentrierte. Die andere Richtung war die Sozialkritik, die sich nicht um die Konfrontation mit der Wirklichkeit scherte. Es zeigte sich mit dieser grundsätzlichen Verschiedenheit auch die Veränderung der Intellektuellen insgesamt. Adorno stand noch in der Tradition der europäischen Gebildeten. Dieser Intellektuellentypus wurde aber allmählich durch den Forschungstechniker ersetzt, zu denen Lazarsfeld zählte. So blieb es beim Konflikt zwischen der philosophischen Tradition der Intellektuellen und den wissenschaftlich forschenden Experten.[12]

Wirkungsgeschichte der Theorie – Rückkehr nach Europa[Bearbeiten]

Paul Lazarsfeld ist nach seiner Emigration nicht mehr in seine Heimat zurückgekehrt. Doch auch in Europa hat er einen entscheidenden Einfluss ausgeübt. Als deutschsprachige Werke gibt es lediglich die Marienthalstudie, die als Pionierwerk auch heute noch eine lebhafte Rezeptionsgeschichte auslöst. Von den Werken die in den USA entstanden sind nur wenige auf Deutsch übersetzt worden. Aber sein gesamtes Werk umfasst 24 Bücher, als Herausgeber von 14 Anthologien und mehr als 200 wissenschaftliche Artikel sowie in etwa 300 noch nicht veröffentlichte Schriften. Bisher scheiterten jedoch die Versuche sein Werk in eine Gesamtausgabe zu verarbeiten. Sein Werk ist gekonnt geschrieben, allerdings ohne einer spezifischen Fachsprache. Somit stellt sich die Frage, ob er wirklich zu den Klassikern zählt. Im deutschen Sprachraum könnte man ihn eher als einen unerkannten Klassiker bezeichnen.[13]

Vertreter (alphabetisch)[Bearbeiten]


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Langenbucher, Wolfgang: Vorwort. Der unerkannte Klassiker, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  2. Fleck, Christian: Transatlantische Bereicherungen. Zur Erfindung der empirisichen Sozialforschung, Frankfurt a.M. 2007.
  3. Lazarsfeld, Paul: Eine Episode in der Geschichte der empirischen Sozialforschung: Erinnerungen, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  4. Lazarsfeld, Paul: Eine Episode in der Geschichte der empirischen Sozialforschung: Erinnerungen, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  5. Lazarsfeld, Paul: Eine Episode in der Geschichte der empirischen Sozialforschung: Erinnerungen, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  6. Pollak, Michael: Paul F. Lazarsfeld - Gründer eines multinationalen Wissenschaftskonzerns, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  7. Pollak, Michael: Paul F. Lazarsfeld - Gründer eines multinationalen Wissenschaftskonzerns, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  8. Pollak, Michael: Paul F. Lazarsfeld - Gründer eines multinationalen Wissenschaftskonzerns, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  9. Lazarsfeld, Paul: Eine Episode in der Geschichte der empirischen Sozialforschung: Erinnerungen, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  10. Pollak, Michael: Lazarsfelds Einfluss auf die internationale Verbreitung der empirischen Sozialforschung. Kontinuität und/oder Wandel eines wissenschaftlichen Projekts, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul F. Lazarsfeld. Die Wiener Tradition der empirischen Sozial- und Kommunikationsforschung, München, 1990.
  11. Reimann, Horst: Paul Lazarsfeld und die Entstehung der Massenkommunikationsforschung als Verbindung europäischer und amerikanischer Forschungstraditionen, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul F. Lazarsfeld. Die Wiener Tradition der empirischen Sozial- und Kommunikationsforschung, München, 1990.
  12. Pollak, Michael: Paul F. Lazarsfeld - Gründer eines multinationalen Wissenschaftskonzerns, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.
  13. Langenbucher, Wolfgang: Vorwort. Der unerkannte Klassiker, in: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld - Leben und Werk. Anstatt einer Biografie, Wien, 2008.

Konfliktfunktionalismus[Bearbeiten]

Anfang und Genese[Bearbeiten]

Die Entwicklung der Theorie des Konfliktfunktionalismus hat viele geistige Vorläufer. Sie alle stehen in deren Anfängen der europäischen Traditionslinien zu Grunde [1]. Allen Voran war es Karl Marx, welcher in seinem umfangreichen Werk den Konflikt in spezieller Weise aufgegriffen hat. Es sah den Klassenkampf zwischen Proletariat und Kapitalisten - also den sozialen Kampf im Kontext des Kapitalismus - als notwendig an und zwar nicht etwa in den Köpfen von Philosophen sondern in der Realität. Es mündete u.a. in die Märzrevolution 1848 -1849.

Max Weber beschäftige sich ebenso wie Marx u.a. mit den Ursprüngen und Auswirkungen des Kapitalismus. Anders wie Marx, der u.a. durch den erfolgreichen Klassenkampf ein versöhnliches Ende des Kapitalismus erhofft, sieht Weber religiöse Motive als Grundlage desselben und attestiert in diesem Prozess eher eine innerweltliche Aufopferung des Akteurs. Weber nennt dies innerweltliche Askese. In der Begriffsdefinition des Kampfes beschreibt Weber eine soziale Beziehung, die das Handeln an der Absicht der Durchsetzung des eigenen Willens gegen den Widerstand des oder der Partner orientiert ist [2].

Für Emilé Durkheim, auch ein Vordenker in Bezug des Konfliktfunktionalismus, sind wachsendes Volumen, und zunehmende materielle und moralische Dichte Gründe für einen verschärften Überlebenskampf. Um den Hobbschen Kampf aller gegen aller zu entgehen, wird Druck zur Teilung der Funktionen und Spezialisierung von Berufen ausgeübt. Jedoch kann diese funktionelle Spezialisierung nicht die kapitalistischen Grundzüge moderner Gesellschaften aufheben. Diese art der Differenzierung kann auch zu verschärften Wettbewerb und Konkurrenz und somit zu neuerlichen Konflikt führen. Durkheim unterscheidet drei Formen von anomaler Arbeitsteilung. In diesem Kontext interessiert uns die erzwungene Arbeitsteilung, beispielsweise bei ungerechten Verträgen. Hier folgert Durkheim ähnlich wie Marx mit dem Klassenkampf. Die Anomie der Krise der Gesellschaft ist jedoch nicht Zwang und Ausbeutung wie bei Marx sondern die Herausbildung von Regeln zur Arbeitsteilung zur Quelle organischer Solidarität und sozialer Integration so Durkheim. Mit welchen Mitteln und durch welche konkreten Schritte diese Funktionsteilung erfolgen soll, bleibt er letztlich schuldig [3].

Ein weiterer Wegbereiter dieser Theorie war Georg Simmel. Simmels Werk "Der Streit" von 1908 wird heute zu den klassischen Texten der Konfliktsoziologie gezählt. Für ihn haben soziale Konflikte eine notwendige Funktion, um das Gesamtbestehen von sozialen Strukturen (Bsp. Gruppe oder Gesellschaft) zu sichern. Zu guter letzt folgert Kaesler als Basis des Konfliktfunktionalismus die Arbeiten von Max Scheler und Siegmund Freud [4].

Nach dem gedanklichen Fundament können wir nun Bezug nehmen auf den Begründer dieser Theorie. Es war Lewis A. Coser, der mit seinem Werk bzw. Dissertation „The Functions of Social Conflict“ eine analytische Neuerklärung des Begriffs „sozialer Konflikt“ vor. Dabei untersucht er den Stand der US – amerikanischen Sozialforschung in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts und schuf dabei ein richtungweisendes Werk. Coser selbst, geboren am 27.11.1913 mit dem Namen Ludwig Cohen in Berlin [5]. Obwohl sein wissenschaftliches Werk erst umfassend in den USA begann, wurde er geprägt durch die europäische soziologische Tradition wie auch die Traditionslinien seiner Theorie belegen. Nicht zuletzt weil er in Paris ab 1933 studierte und dort bis zu seiner Flucht verweilte.

Emigration und Exil[Bearbeiten]

Ludwig Cohen, der später aufgrund des zunehmenden antisemitischen Klimas seinen Namen auf Lewis Alfred Coser änderte, war Sohn eines Börsenmaklers. Im Alter von 20 Jahren entschied sich Coser auch aufgrund seiner marxistischen Einstellung nach Frankreich zu übersiedeln und dort in Sorbonne zu studieren. Anfangs war sein Hauptfach die Belletristik. Jedoch schützte ihn die Übersiedelung nach Paris nicht vor einem deutschen Internierungslager. Dennoch schaffte es Coser 1941 über Portugal in die vereinigten Staaten (New York) auszuwandern. Dies gelang jedoch nur durch die Hilfe von Rose Laub, ebenfalls gebürtige Berlinerin, die ihm die Genehmigung zur Einreise in die USA verschaffte. Sie hatte zwei Jahre zuvor Deutschland verlassen. Ein Jahr später heirateten sie und blieben bis zum Tod Laubs im Jahre 1994 eine Ehe - und Arbeitsgemeinschaft. Zunächst hatte das Paar eine beengte Lebenssituation in der neuen Heimat. Coser schlug sich mit Jobs als Packer, Garderobier und Übersetzter durch. Doch es gelang ihm ein Doktorat an der Columbia-University zu erlangen. Dies war der Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere[6].

Coser veröffentlichte zahlreiche Artikel und rund 20 Bücher welche zu Beginn keineswegs nur der Soziologie zuordenbar gewesen sind. Er nahm rege an politisch-ideologischen Auseinandersetzungen teil. Zusammen mit Irving Howe gründete er marxistisches Magazin, wobei seine Intention mehr ethisch als politisch gewesen ist. Er war zeit seines Lebens sowohl wissenschaftlich als auch politisch engagiert.

Coser war für folgende Universitäten im Laufe seiner Karriere tätig[7]:

Theoretisches Wirken im neuen Umfeld[Bearbeiten]

Eine weitere Persönlichkeit, die sowohl dieser Theorie als auch Coser als Wegbereiter diente, war Robert K. Merton. Merton war selbst Sohn von jüdischen Einwanderern aus Osteuropa. Er war Schüler und Beeinflusster von Talcott Parsons. Parsons hat seine Handlungstheorie zum Strukturfunktionalismus weiterentwickelt und wurde so zu einem der einflussreichsten Soziologen in den USA. Zwischen Ihm und Merton bestanden jedoch immer unterschiedliche Denkweisen welche sich in Ihren Werken auch deutlich machen [8]. Merton war auch ein Mitarbeiter bei Projekten von Paul F. Lazarsfeld, ebenfalls ein Betroffener des Braindrains. Coser schaffte es, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts vorherrschende soziologische Paradigma der strukturfunktionalistischen Theorie der US – Amerikaner mit dem damals stark abweichenden europäischen Theorieerbe des 19. Jhdt, allen voran Georg Simmels zu verbinden. [9]

Coser grenzt sich bei seiner Analyse von Tacott Parsons radikal ab, der dem Konflikt die Eigenschaft einer „Krankheit“ zusprechen würde und ihm keine Funktion zur Veränderung für den sozialen Wandel zuspricht. Auch entwarf Coser keine radikale Konflikttheorie wie etwa Ralf Dahrendorf, die den Kampf um Macht und Ausübung von Zwang in dem Mittelpunkt soziologischen Denkens in diesem Kontext rückt. Er entwarf im engeren Sinne keine Konflikttheorie sondern untersuchte die positiven Funktionen des sozialen Konfliktes für Gruppen sowie der Gesellschaft. [10] [11]

Im Vorwort der deutschen Fassung seines Hauptwerkes „Theorie sozialer Konflikte“ 1965 heißt es

Das vorliegende Buch versucht den Begriff des sozialen Konflikts zu klären und dabei gleichzeitig die Anwendung dieses Begriffs in der empirischen Sozialforschung zu untersuchen." (Coser, 1965, S.9)

Für Dahrendorf definiert sich der soziale Konflikt als Kampf um Werte und Anrecht auf Status, Macht und Mittel. Ein Kampf, in dem zuwiderlaufende Interessen einander entweder neutralisieren, verletzen oder ganz ausschalten. Coser entwirft eine neue Hypothese dass Konflikte nicht allein als negativ oder dysfunktional für Akteure, Gruppen oder Gesellschaften wirken, sondern als funktional. Der soziale Konflikt kann eine Reihe positiver Funktionen erfüllen, wie z.B. die Aufrechterhaltung von Gruppengrenzen. Hier übernimmt er Simmels Sichtweise die dem sozialen Konflikt eine Funktion der Sozialisation gibt. [12]

Coser bezieht sich in seinem Werk auf den Titel "Der Streit" als viertes Kapitel von Georg Simmel. Er beginnt jedes Kapitel mit einer Aussage von Simmel und untersucht diese zum einen welche die Konfliktintensität steigern oder verringern könnten und zum anderen in Bezug zu den intern und extern integrativen Funktionen des Konflikts für die daran Beteiligten.

Münch folgert 22 Thesen aus den Einsichten von Coser:

Konfliktintensität[13]

1. Je mehr Möglichkeiten für das offene Ausdrücken von Unzufriedenheiten in einer sozialen Beziehung vorhanden sind, je mehr Institutionen es dafür in einer Gesellschaft gibt […], und je weniger die Verschiebung sozialen Wandel verhindert und die ursprüngliche Unzufriedenheit verstärkt, umso unwahrscheinlicher ist es, dass ein Konflikt in einer höchst intensiven, feindseligen und störenden Form zum Ausbruch kommt."

2. Je mehr Alternativen der Konfliktaustragung ein Akteur hat, um ein spezifisches Ziel zu erreichen, desto weniger intensiv wird der Konflikt ausgetragen.

3. Je frustrierter ein Akteur aus seiner früheren Erfahrung heraus ist, desto intensiver wird er seine Feindseligkeit gegen irgendein beliebiges Objekt richten.

4. Je mehr ein realistischer sozialer Konflikt mit allgemeinen feindseligen Impulsen verbunden wird, desto intensiver wird dieser Konflikt ausgetragen.

5. Wann immer man eine enge Beziehung eingeht, weist diese Beziehung gleichzeitig positive und negative Gefühle auf.

6. Je enger eine Beziehung, desto intensiver der Konflikt.

7. Je mehr ein Konflikt über eine spezifische Angelegenheit ideologische Positionen mit einbezieht, desto intensiver wird der Konflikt ausgetragen.


Interner Konflikt und interne Integration[14]

8. Je mehr Möglichkeiten zur Konfliktaustragung in lose strukturierten Gruppen und offenen Gesellschaften vorhanden sind, und je mehr grundlegende Übereinstimmung über Werte herrscht und der ideologische Konflikt innerhalb dieser Grenzen gehalten wird, desto mehr führt die Austragung des Konflikts zur Wiederherstellung von Einheit und Konsens.

9. Je stärker und stabiler eine soziale Beziehung ist, desto weniger wird ihre Integration durch einen offenen Konflikt gefährdet und desto mehr Raum lässt sie für eine offene Austragung des Konflikts.


Externer Konflikt, interne Integration und Identität[15]

10. Je mehr soziale Gruppen in Konflikte mit anderen Gruppen involviert sind, desto mehr werden ihre Grenzen und ihre Identität immer wieder neu bestätigt.

11. Je mehr zwischen einer sozialen Gruppe und einer anderen Gruppe ein externer Konflikt besteht, desto mehr wächst der innere Zusammenhalt der Gruppe.

12. Je kleiner eine soziale Gruppe, je weniger fest sie etabliert ist und je mehr sie in externe Kämpfe mit der Außenwelt verstrickt ist, desto intoleranter sie im Inneren und desto mehr wird sie interne Abweichungen und Konflikte unterdrücken.

13. Je strenger eine soziale Gruppe geführt ist, und je schwächer und instabiler ihre originäre Solidarität ist, desto mehr wird ihre Führung Konflikte mit einem äußeren Feind bzw. mit einem einlernen Abweichler provozieren, um einen Druck der Gruppe in Richtung von internem Gruppenkonformismus zu erzeugen.


Externer Konflikt und externe Integration[16]

14. Je mehr soziale Gruppen in einer Gesellschaft miteinander im Konflikt stehen, desto mehr werden wie ihre Grenzen bestätigen und desto mehr werden sie die soziale Mobilität minimieren; somit stabilisieren sie die bestehende soziale Struktur.

15. Je mehr Menschen oder Gruppen sich zusammenfinden, um Konflikte auszutragen, desto mehr knüpfen sie sozialer Bande untereinander, die gegenseitigen Respekt und Achtung entstehen lassen und zur Institutionalisierung gemeinsamer Normen der Konfliktaustragung führen.

16. Je mehr die Menschen bei geregelten Sportwettkämpfen zusammenkommen, desto mehr knüpfen sie freundschaftliche Beziehungen.

17. Je mehr eine Gesellschaft Konflikte über Normen in normativ geregelten Verfahren austrägt, desto mehr wird sie zur Einrichtung gemeinsamer Normen gelangen und dadurch neue soziale Bande schaffen.

18. Je mehr eine Gesellschaft Konflikte mit Abweichlern austrägt, desto mehr bestätigt sie ihre Normen und die bestehenden sozialen Bande neu.

19. Je mehr Gruppen das Verhalten ihrer Gegner vorhersehen wollen, desto mehr werden sie an ihrer Einheit interessiert sein.

20. Je mehr Gruppen gegenseitig ihre Kräfte in der Konfliktaustragung messen, desto mehr werden sie in der Lage sein, die Kräfte ihrer Gegner richtig einzuschätzen und so ein Gleichgewicht der Kräfte herzustellen.

21. Je mehr eine Gruppe sich in einem Konflikt mit einer gegnerischen Gruppe befindet, desto mehr wird sie vorhandene Vereinigungen und Koalitionen mit anderen Gruppen bestätigen oder neue eingehen.

22. Je mehr Vereinigungen und Koalitionen über den spezifischen Grund der gegenseitigen Hilfe hinausreichen und frühere Beziehungen und gemeinsame Standpunkte involvieren, desto dauerhafter werden diese Vereinigungen und Koalitionen sein.

Wirkungsgeschichte der Theorie – Rückkehr nach Europa[Bearbeiten]

Cosers Konfliktfunktionalismus steht dem Funktionalismus näher als allgemeinen Konflikttheorien[17]. Möglicherweise ist hier seine Biografische Entwicklung – zuerst Europa dann USA – mitverantwortlich. Geprägt durch den Marxismus und den europäischen Soziologen des 19. Jhdt. allen voran Georg Simmel erweiterte Coser sein theoretisches Wissen durch Merton und Lazarsfeld sowie in negativer Abgrenzung zu Parsons [18] um den Funktionalismus. Das Ergebnis ist eine Synthese beider Denktraditionen in Form einer eigenständigen Theorie, welche nur wenigen Wissenschaftlern möglich war. Auch Ralf Dahrendorf konnte an Coser und Simmel bei seiner Konflikttheorie nicht vorbei, auch wenn er dem Funktionalismus hierzu wenig Erklärungskraft attestiert. Für Dahrendorf sei der Konflikt im Funktionalismus lediglich eine Abweichung gegenüber den Integrations- und Harmonieleistungen des Systems [19].

Coser erregte mit zwei weiteren Büchern 1965 aufsehen: In "Men of Ideas - A Sociologist's View" und "Masters of Sociological Thought. Ideas in Historical and Social Context" recherchiert er, dass von 258 US – amerikanischen soziologischen Klassikern vor dem ersten Weltkrieg 61 evangelische Theologie studiert hatten und 18 weitere in evangelischen Akademien geschult wurden [20] .

Scheuch folgert weiter:

„Vor dem Ersten Weltkrieg kann die Soziologie in den Vereinigten Staaten als eine säkularisierte Form engagierten Protestantismus verstanden werden, das nur innerweltlich gesellschaftliche Probleme durch Analysen bewältigen wollte.“ (Vgl. Scheuch, 2003, verfügbar über [2])

Diese verzerrte Lage der wissenschaftlichen Herangehensweise an soziologische Probleme konnte durch den Braingain aus Europa ausgeglichen werden. Coser lieferte auch einen Beitrag zur Wissenschaftssoziologie insbesondere in Bezug auf den Braindrain in der NZ – Zeit. In dem Werk "Refugee Scholars in Amerika" 1984 veröffentlichte er den Lebensweg von Intellektuellen, die aus ihrer Heimat auswandern mussten und in die USA immigrierten. Unter ihnen waren Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Leo Strauss oder Paul Tillich. Coser wies darauf hin, dass die Soziologen Teil eines wissenschaftlichen Klimas sind, das sich mit Wissenschaft im spezielleren Sinne nicht interpretieren lässt[21].

Coser glänzte zu seinen Lebzeiten mit einem sehr breiten Wissen sowohl in Bezug auf die Soziologie als auch über die Literatur des 19. und 20 Jhdt. Er wollte den US – amerikanischen Soziologen so literarisch anspruchsvolle Beschreibungen über Sachverhalte liefern, die in der Soziologie wohl aufgegriffen wurden, jedoch nicht so eindrucksvoll geschildert werden. Sein Ziel war es, dass die Beziehungen zwischen der Soziologie und den Kulturwissenschaften ernst genommen wurden[22]. Anhand des Stellenwertes der heutigen Soziologie als fester Bestandteil der Kulturwissenschaften kann man eine gelungene Zielsetzung diagnostizieren.

Coser lieferte in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts unfreiwillig Lösungsansätze gesellschaftlicher Probleme in den USA. Diverse Bewegungen, u.a. „civil rights movement“ und Studentenbewegungen, die die jüngere Generation von Soziologen beschäftigte. Cosers Ergebnis, dass Konflikte ein Gesellschaftssystem gefährden könnte, wenn es sich starr und unbeweglich in Interessenkonflikten verhielt, wurde von vielen der 68er Bewegung als Aufforderung zur Zerstörung von diesen Systemen falsch verstanden. [23]

Der Konfliktfunktionalismus und Lewis Coser hinterließen keine direkte Schulen sowie keine direkten Vertreter. Man kann feststellen, dass bei allen Werken zur Konflikttheorie eine Auseinandersetzung mit Cosers Werk unabdingbar ist. Dies gilt sowohl für US – amerikanische als auch europäische Soziologen. Coser kehrte seiner alten Heimat für immer den Rücken.

Kaesler unterstreicht trotz mancher missverstandener Erkenntnisse in den 60er Jahren:

„[...]Dennoch behält „The Functions of Social Conflict“[...] seinen unbestrittenen klassischen Platz als Beitrag zur theoretischen Konfliktforschung in der internationalen Soziologie.“
(Kaesler / Vogt, 2000, S.83)

Vertreter (alphabetisch)[Bearbeiten]

Vorläufer der Konfliktfunktionalismus

Wegbereiter Cosers:


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Kaesler/Vogt, 2000, S.81
  2. Vgl. Weber, 1984, S.65f
  3. Vgl. Kaesler, 2003, S.158f
  4. Vgl. Kaesler/Vogt, 2000, S.81
  5. Vgl. Scheuch, 2003, verfügbar über | In memoriam Lewis A. Coser
  6. Vgl. Scheuch, 2003, verfügbar über | In memoriam Lewis A. Coser
  7. Vgl. Münch, 2004, S.331
  8. Vgl. Scheuch, 2003, verfügbar über | In memoriam Lewis A. Coser
  9. Vgl. Kaesler / Vogt, 2000, S.80f
  10. Vgl. Münch, 2004, S.331f
  11. Vgl. Kaesler / Vogt, 2000, S.81
  12. Vgl. Kaesler / Vogt, 2000, S.81
  13. Münch, 2004, S.333f
  14. Münch, 2004, S.336
  15. Münch, 2004, S.337f
  16. Münch, 2004, S.339ff
  17. Vgl. Münch, 2004, S.345
  18. Vgl. Scheuch, 2003, verfügbar über | In memoriam Lewis A. Coser
  19. Balla, Bálint zitiert in :Endruweit/ Trommsdorff, 2002, S.282
  20. Vgl. Scheuch, 2003, verfügbar über | In memoriam Lewis A. Coser
  21. Vgl. Scheuch, 2003, verfügbar über | In memoriam Lewis A. Coser
  22. Vgl. Scheuch, 2003, verfügbar über | In memoriam Lewis A. Coser
  23. Vgl. Kaesler / Vogt, 2000, S.82f

Epilog und Rezeption[Bearbeiten]

Hier werden Parallelen und innovative Erkenntnisse der bearbeiteten Theorien herausgearbeitet und dokumentiert.
  • Resümee zu den Anfängen der nordamerikanischen Soziologie

Am 3. Februar 1890 wurde um 17:00 Uhr im „Department of Sociology“ an der „University of Kansas“ von Frank Wilson Blackmar zum ersten Mal eine Vorlesung zum Thema „Elements of Sociology“ gehalten. Blackmar war Professor für Soziologie und Geschichte. Tatsächlich gab es bereits viele Soziologen schon vor dem Ersten Weltkrieg und seit der Jahrhundertwende war die Soziologie in den USA fester Bestandteil des geregelten Unterrichts.

Ein wesentlicher Unterschied zur Soziologie in Europa lag jedoch darin, dass die Soziologie in Nordamerika bis in die 1920er Jahre als „Social Gospel“ verstanden wurde, einer Mischung aus christlicher Gesinnung, Wissenschaft und Weltverbesserung, mit dem Anspruch durch Auswertung und Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse Lösungen zu erarbeiten. So mancher Soziologe war ein baptistischer Pfarrer wie Charles R. Henderson oder Albion W. Small. Die Notwendigkeit entstand vordergründig aus den spezifischen „Hot Spots“ jener Zeit, wie es sie beispielsweise in Chicago gab und durch Robert E. Park in seinem Buch „The City“ beschrieben wurden. Beispiele sind dafür Immigration und Masseneinwanderung aus allen Teilen der Welt, vorzüglich jedoch aus Europa, das rasche Wachstum der Städte und vor allem auch die Rassenproblematik. Ein entscheidendes Problem war auch die nicht vorhandene sozialpolitische Absicherung. Es fehlte an jeglicher Sozial- und Krankenversicherung, Wohlfahrtspflege und Krankenvorsorge. An dieser und ähnlicher Problematik versuchte die nordamerikanische Soziologie der damaligen Zeit durch wissenschaftliche Kenntnisse Herr zu werden.

Theoretisch wurde sie hierbei entscheidend durch die europäische Soziologie beeinflusst. Sei es durch Herbert Spencer, Ferdinand Tönnies oder Max Weber. Ein besonderes Augenmerk lag auf Georg Simmel, der durch seine Konfliktsoziologie die Chicagoer Schule maßgeblich beeinflusste. Die Verwissenschaftlichung der nordamerikanischen - bis dahin als teilweise „unredlich“ titulierten Soziologie - begann initial mit Robert E. Park. Sie orientierte sich auch stark an der europäischen Wissenschaft, wo Forschung einen hohen Stellenwert hatte und das empirisch gehaltene „Social Gospel“ wurde mehr und mehr durch theoretisch abgesicherte Begriffe ersetzt und führte so zu einer typisch nordamerikanischen Stadtsoziologie und Sozialökologie, die in einer empirischen Orientierung begründet lag. Obwohl die nordamerikanische Soziologie fortan abstrakter wurde, wurde ihr Fokus auf soziale Problemfelder und reale Tätigkeiten beibehalten. Dieser Aufschwung hielt bis in die Mitte der 1930er Jahre, wandelte sich dann der Schwerpunkt von Chicago an die Universität von Harvard, denn dort begann der Augstieg des seit dort 1931 unterrichtenden Talcott Parsons (1902 – 1979), dessen Theorien die soziologischen Debatten bis in die 1960er Jahre dominierten.


  • Synchrone und divergierende Verläufe der Frankfurter Schule und der Wiener Empirie

Bei der Beschäftigung mit der Kritischen Theorie der Frankfurter sowie der Wiener Empirie sind weniger die inhaltlichen Parallelitäten als vielmehr die äußeren Umstände als auffällig zu sehen. Und der Beobachter fragt sich schließlich, warum es hier nicht zu einer Synthese kommen konnte, da sie beide nach New York emigriert sind und noch andere Parallelitäten aufweisen.

Dafür sollen zunächst die Parallelitäten aufgezeigt werden. Noch in Europa gab es bereits einen wissenschaftlichen Austausch zwischen Lazarsfeld und der Frankfurter Schule. Und auch in den USA ergab sich eine Zusammenarbeit, da Adorno in die USA folgte und Arbeit suchte. Deswegen erhielt er von Lazarsfeld die Leitung der Music Study in seinem Forschungsprogramm, da Horkheimer ihn unterstützte. Lazarsfeld und auch die meisten Vertreter der Frankfurter Schule haben jüdische Wurzeln und allesamt sind sie in die USA nach New York emigriert. Ihre politische Richtung war gleichermaßen linksorientiert und vom Marxismus geprägt.

Jedoch, und das sind nun die gravierenden Unterschiede, kam Lazarsfeld aus dem Kleinbürgertum, während die Frankfurter aus dem Großbürgertum stammten. Dadurch war eine unterschiedliche soziale Herkunft gegeben. Horkheimer sorgte stets dafür, dass sein Institut in New York dem intellektuellen Ansprach entsprach und sah sich in der Tradition der deutschen Aufklärung. Neben der philosophischen Tradition sahen sie auch ihren Aufenthalt in den USA als vorübergehend an. Sie lehnten die Erstellung ihrer Werke in englischer Sprache ab und wollten sich nicht integrieren. So empfanden sie sich als Europäer, weshalb sie auch als arrogant galten. Anders Lazarsfeld, der günstige Bedingungen in den USA sah und sich anpasste. Er schrieb seine dortigen Werke in englischer Sprache. Auch wenn beide eine linkspolitische Einstellung hatten, so gestaltete sich ihre politische Arbeit gänzlich unterschiedlich. Lazarsfeld betätigte sich aktiv in der Sozialdemokratie und legte diese Tätigkeit allerdings in den USA nieder. Die Frankfurter waren Linksintellektuelle, die kaum auf Erfahrungen aktiver politischer Betätigung zurückgreifen können. Sie behalten in den USA diese intellektuelle Ansicht bei. Da sich beide Richtungen in verschiedener Weise der Realität annäherte, kam es unweigerlich auch zu methodischen Konflikten. Diese zeigten sich in der Zusammenarbeit von Adorno und Lazarsfeld. Dabei warf Lazarsfeld Adorno vor, dass dieser seine Theorie nicht anhand der Empirie überprüfen lassen wolle. Er forderte Evidenzen für dessen Theorie. Adorno hingegen lehnte die Kommerzialisierung der Forschung, wie sie in der Marktforschung geschah, entschieden ab. Er sah in dieser Forschung nur eine Datensammlung, aber nicht die Erklärung von sozialen Phänomenen. Zudem fühlte er sich beleidigt, dass seine Theorie zur reinen Spekualation werde, die sich mit der Empirie erst bestätigen müsse.

Das Ergebnis dieser Kontroverse war schließlich, dass es zu keiner weiteren Zusammenarbeit kam und die Spannung aufrecht blieb. Es zeigt sich, dass trotz ähnlicher Emigrationsverläufe noch andere Faktoren in der Forschung mitspielen. Zudem ist auch die soziale Herkunft von Bedeutung. Interessant ist, dass dieser Konflikt eigentlich kennzeichnend für die Soziologie der Nachkriegszeit war. Auf der einen Seite stand die empirische Richtung, die sich politisch anpasste und nicht auffallen wollte, vorwiegend Daten sammelte und sich auf die Statistik konzentrierte. Die andere Richtung war die Sozialkritik, die sich nicht um die Konfrontation mit der Wirklichkeit kümmerte. Während Adorno noch in der Tradition der europäischen Gebildeten stand, zählte Lazarsfeld zu den Forschungstechniker, die erstere allmählich ersetzen.


  • Resümee zum Ansatz "Lebenswelt und soziale Konstruktion der Wirklichkeit"

Der wohl interessanteste Aspekt an der Entstehung und Wanderung dieses theoretischen Ansatzes ist die Verflochtenheit der Lebensumstände der relevanten Akteure mit ihrer Auffassung von den sozialen Strukturen der Wirklichkeit und wie eine Theorie, die diese zwar manifesten aber veränderlichen Strukturen beschreibt, ausgerichtet sein müsse. Die wichtigsten Vertreter wie Schütz, Berger, Luckmann haben alle bereits in ihrer Herkunftsnation, fundamentale Umgestaltungen der gesellschaftlichen Strukturen durch politische und militärische Umwälzungen erfahren müssen. Ihre Emigration nach Amerika bestätigt diese Erfahrungen und zeigt den Akteuren erneut auf, wie das gesellschaftliche Gefüge aus veränderlichen Faktoren der Reziprozität von Perspektiven und Relevanzen, der Erwartungssicherheit und aus aufgeschichteten Wissens- und Erfahrungssphären in unterschiedlichen Gegebenheiten von Zeitlichkeit und Räumlichkeit besteht. Das Leben in einer „stabilen“ oder vielleicht „konservativen“ Gesellschaft, in der Institutionen manifest und unabänderlich sind, in der tradiertes Wissen etabliert und wenig Bewegung im Sinne von strukturellen Veränderungen (Erneuerungen) gegeben ist, ein derartiges Umfeld würde die Sicht auf eine soziale Konstruktion der Wiklichkeit hinter der vermeintlichen Stabilität und (Erwartungs-)Sicherheit verbergen.

Das Verhältnis zu anderen soziologischen Theorien ist im Falle der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit ein durchaus verbindendes. Bereits der Briefwechsel zwischen Schütz und Parsons zeigt, dass Schütz nicht der Auffassung war sich in einem Widerspruch zum Strukturfunktionalismus zu befinden. Leider haben die beiden Autoren es nicht vollbracht, einen wissenschaftlichen Konsens zu erarbeiten. Luckmann gelingt es schließlich ein Konzept vorzustellen, das unter Bewahrung der Weber’schen sinnverstehenden Tradition (ausgehend vom Individuum), den Versuch eines Brückenschlages unternimmt, von einer Handlungstheorie hin zu einer Gesellschaftstheorie. Es sind Individuen, die handeln, und Handlungen, welche die Wirklichkeit konstruieren. Ihren objektiven Charakter erhält die Wirklichkeit erst indem sie von mehreren geteilt wird, also intersubjektiv ist. So lassen sich neben der individuellen Handlungsmotivation auch Normen bzw. soziale Tatsachen in das Konzept einbinden. 1965 remigriert Luckmann nach Deutschland und folgt einem Ruf an die Universität Frankfurt, wo er sich nun Seite an Seite mit der ebenfalls remigrierten Kritischen Theorie wieder findet. Die Kritische Theorie (Frankfurter Schule) vertritt eine ganz andere Auffassung von der Aufgabe der Soziologie als Wissenschaft als Luckmann dies tat. Ihr geht es um das „falsche Bewusstsein“, um den Kampf wahrer gegen falsche Lebensform und so ist es kein Wunder, dass Luckmann relativ bald seinen Wirkungsort verlagerte.

Die Wirkungsweise der Begriffe ‘Braindrain’ und ‘Braingain’ zeigt sich in im Ansatz zur sozialen Konstruktion der Wirklichkeit in beinahe mustergültig ausgeprägter Form, ebenso kommt die Zeitverschiebung im Zugänglich-werden wissenschaftlichen Wissens, durch v.a. sprachliche Barrieren, bestens zum Ausdruck. Schütz publiziert sein Erstwerk 1932 in deutscher Sprache, erst 1967 wird es in Englisch aufgelegt. 1971 und 1972 gelangen Schütz’ „collected papers“ auf den deutschsprachigen Buchmarkt, das heißt, dass im deutschsprachigen Raum erst in den 70er Jahren eine spracheinheitliche Gesamtschau auf sein Werk möglich war. Der US-Soziologie war dabei ein mehrjähriger Vorsprung vergönnt. Dennoch sollte man davon Abstand nehmen, von Vorteilen oder Nachteilen für den einen oder anderen Sprachraum zu sprechen. Gerade im Falle dieser Theorie liegt der Schluss nahe, dass gerade der Umstand der Emigration das Fundament für den theoretischen Zugang bildet. Und der Gewinn teilt sich letztlich auf alle Sprachräume und auf die Soziologie "an sich" auf.

Literaturverzeichnis[Bearbeiten]

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  • Russel, Bertrand (2007):
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  • Weber, Max (1984):
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  • Weber, Max (1972):
    "Wirtschaft und Gesellschaft."
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    Tübingen, Mohr Siebeck.
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    " Kritik der Lebenswelt. Eine soziologische Auseinandersetzung mit Edmund Husserl und Alfred Schütz."
    Opladen, Westdeutscher Verlag.

Einzelnachweise[Bearbeiten]


Migrationssoziologie[Bearbeiten]

Einleitung[Bearbeiten]

[1]

Das Thema Fremdheit betrifft nicht nur einzelne Individuen oder Teilaspekte unserer Lebenswelt bzw. ist keineswegs ausschließlich ein Phänomen unserer aktuellen „multikulturellen - pluralen Gesellschaft“ . Vielmehr ist und war der Fremde schon immer Teil unserer Geschichte, wobei sich über die Jahrhunderte hinweg die Einstellung und Bewertung diesem gegenüber verändert hat. So lassen sich im Laufe der Geschichte die Sammler-und Jägerkultur, die Nomaden- und Völkerwanderung bzw. die unfreiwillige Massensauswanderung der Arbeitskräfte aus Afrika nach Nordamerika (z.B. Sklavenhandel im 17 Jhd.) und viele Beispiele mehr anführen.

Das heißt, bereits historisch - sei es durch Kriege, Eroberungen, Vertreibung oder durch den Handel - war der Fremde gesellschaftlich immer präsent. Auch in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft ist das Thema der Fremdheit auf unterschiedliche Art und Weise mit differenzierten Schwerpunktsetzungen beleuchtet und diskutiert worden. So hat beispielsweise die Politik im Bezug auf die heute viel diskutierte Asylproblematik oder Integrationsfrage sowie die Wissenschaft - sei es in der Psychologie, Soziologie oder Pädagogik - immer wieder Interesse an dieser Thematik gezeigt. Auch kulturell - im Theater, im Film oder in der Musik - wurde die Frage gestellt, was Fremdheit bedeutet, welche Emotionen ausgelöst werden und wie bzw. ob diese überhaupt überwunden werden kann. Fremdheit ist damit ein „globales Phänomen“ das nicht nur den Fremden welcher in der Fremde verkehrt, sondern auch jenen, der in seiner vertrauten Lebenswelt verharrt, betrifft. Demzufolge ist die Aktualität und Wichtigkeit des Themas durch die immer fortwährende direkte oder indirekte Konfrontation mit dem Fremden oder der Fremdheit begründet.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass es Migrationsbewegungen wie gerade festgestellt wurde zwar schon lange gibt, jedoch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser erst in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA begonnen hat. Die Soziologie beschäftigte sich damals mit der systematischen soziologischen Migrationsforschung erstmals an der Universität Chicago. Zu den klassischen Theoretikern der Migrationssoziologie sind eine Reihe an Namen wie Milton M. Gordon, Shmuel N. Eisenstadt, Alfred Schütz usw. zu nennen, die für aktuelle Migrationstheorien und Forschungsrichtungen einen überaus wichtigen Grundstein gelegt haben. Die Unterteilung zwischen der klassischen Entwicklungslinie der Migration sowie neueren Migrationstheorien findet sich in der weiter unten dargestellten Theorienmappe wieder.


Visualisierung der Migrationstheorien[Bearbeiten]

Einen übersichtlichen Zugang zu den Themen dieses Abschnittes bietet die folgende Theory Map (in der alle beschrifteten Elemente klickbar sind):

KlassikerEsserHoffmann-NowotnyGoffmanBaumannParsonsSimmelSchützGordonEisenstadtNeue TheorienMigration von FrauenSystemtheorieEthnisch plurale GesellschaftTransnationalismusAssimilation & AbsorptionWirtschaftswissenschaftGrundbegriffeMigrationstypenGründe für MigrationGrundlagenPsychosoziale FolgenMarginalisierungFolgen von MigrationMigrationstheorien2.png
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  1. sämtliche Ausführungen im Text beziehen sich sowohl auf das weibliche als auch auf das männliche Geschlecht.

Musiksoziologie[Bearbeiten]

Einleitung[Bearbeiten]

''Es ist durchaus möglich, Musik während des ganzen Lebens folgenlos zu ignorieren; besser: es scheint möglich zu sein. Zum anderen verfügt Musik über die Eigenheit, sich immer und überall auf zwingende Weise mit dem Menschen zu zeigen- in jedem wirtschaftlichen, sozialen, politischen System, unbeschadet der Zeitalter, der geografischen, der klimatischen Bedingtheiten, unabhängig von bestehenden oder nicht bestehenden Sorgen und Problemen. Nicht Arbeitslosigkeit und nicht Hungersnot, nicht Terrorismus und nicht Naturkatastrophen sind geeignet, eine Menschheit ohne Musik hervorzubringen. [1]


Die Musiksoziologie ist eine noch junge Wissenschaftsdisziplin innerhalb der Soziologie. Das vorliegende Projekt stellt einen Versuch dar, den derzeitigen Forschungsstand dieses sehr bunten Fachgebietes im Blick auf die wissenschaftstheoretischen Hintergründe zu untersuchen. Die Darstellung der Methoden der Musiksoziologie soll zunächst in die Problematik des Verstehens von Musik aus soziologischer Sicht einführen. Zur Aufbereitung der theoretischen Fundamente der Musiksoziologie werden in einem weiteren Schritt die Klassiker der Soziologie, deren Vordenker und Erben, im Hinblick auf ihren Beitrag zu diesem musiksoziologischen Grundgerüst, chronologisch untersucht. Die nachstehende Theory-Map, welche wie ein Musikstück nach der Sonatenhauptsatzform von der Einleitung über Exposition, Durchführung und Reprise hin zur Coda führt, soll dazu einen Überblick geben. Dabei wird der historische Werdegang der Musiksoziologie in Relation zu den jeweiligen soziologischen Theorien aufgezeigt, wobei versucht wurde, „Theoriestränge“, die einander rückblickend stark geprägt oder bedingt haben, in einer Linie darzustellen. Soziologen, die das Themenfeld des musikalischen Handelns im Speziellen behandelt haben, wurden rot, jene, die die Musiksoziologie „nur“ indirekt geprägt haben, schwarz gekennzeichnet. Anhand der an die Theory Map anschließenden Tabelle, sollen in der Folge die bearbeiteten Themenfelder der Musiksoziologie noch einmal gebündelt dargestellt werden. Auf dieser Seite findet sich also ein anschaulicher Überblick über die Musiksoziologie sowie ein ausführlicher Literaturhinweis wieder. Die konkrete inhaltliche Auseinandersetzung mit der Thematik und damit die vollständige Version der Arbeit wurde aus urheberrechtlichen Gründen auf die Homepage der Universität Salzburg verlegt.

Übrigens: Die über die Theory Map verlinkte Langform dieser Arbeit können Sie auch als stringent formatiertes PDF lesen.

Theory Map[Bearbeiten]

In der folgenden Theory Map sind alle Namen und sonstigen Inhaltselemente auf die entsprechende Stelle in der Langform dieser Arbeit (die wie oben schon erwähnt aus urheberrechtlichen und praktischen Gründen auf einem Server der Univ. Salzburg liegt) verlinkt. Das Laden der Datei hinter den Links in der Theory Map kann aufgrund ihrer Größe manchmal etwas länger dauern.


InhaltVorwortMethodenPlatonDescartesSchützTenbruckMertonBourdieuLuhmannGoffmanMarxDarminCompteTardeSpencerSimmelVeblenCombarieuAdornoDahrendorfHabermaasEngelMüllerSilbermannKlausmeierBlaukopfKneifBühlRommenhöllerKadenEngelGabrielSchlusswortLiteraturMeadDurkheimWeberAsanger.carmen.musiksoziologie.png
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Übersicht über die Themenfelder des Musiksoziologie[Bearbeiten]

Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht darüber, welche Soziolog/inn/en sich mit welchen Themen der Musiksoziologie beschäftigt haben. Jeder Vermerk hat seine Entsprechung in der Langform dieser Arbeit. Auf eine Verlinkung wurde hier verzichtet, weil die vielen dafür nötigen Links diese Seite sehr langsam machen würden.


Asanger carmen musiksoziologie themenfelder.png

Eine auch als Tabelle formatierte und teilweise auch verlinkte Version dieser hier als Bild formatierten Tabelle können Sie hier aufrufen.

Literaturliste[Bearbeiten]

„Solange auch nicht die geringste Einigkeit darüber zu erzielen ist, was denn Musiksoziologie eigentlich sei, welchen Stellenwert sie innerhalb der Musikwissenschaft einnehme, welche Wissenschaftstheorien, welche Methoden die ihr angemessenen seien, solange wird eine musiksoziologische Literaturliste immer unvollständig bleiben." [2]


  • Adorno, Theodor, W. (1959):
    "Klangfiguren. Musikalische Schriften I."
    Frankfurt.
  • Adorno, Theodor, W. (1962):
    "Einleitung in die Musiksoziologie."
    Frankfurt.
  • Adorno, Theodor, W. (1969):
    "Dissonanzen, Musik in der verwalteten Welt, 4. Ausgabe."
    Göttingen.
  • Adorno, Theodor, W. (1969):
    "Impromptus. Zweite Folge neu gedruckter musikalischer Aufsätze, 2.Auflage."
    Frankfurt.
  • Almer, Wolfgang (2002):
    "Strukturen und Strategien der Musikwirtschaft im Umgang mit verallgemeinerten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen."
    Linz.
  • Blaukopf, Kurt (1982):
    "Musik im Wandel der Gesellschaft. Grundzüge der Musiksoziologie."
    München, Zürich.
  • De la Motte-Haber, Helga/ Neuhoff, Hans (Hrsg):
    "Musiksoziologie. Handbuch der systematischen Musikwissenschaft, Band 4:"
    Lappersdorf.
  • Bühl, Walter Ludwig (2004):
    "Musiksoziologie Band 3 aus: Krakauer, Peter Maria (Hrsg.)."
    Bern.
  • Descartes, Renatus (1992):
    "Musiceae Compendium. Leitfaden der Musik herausgegeben und ins Deutsche übersetzt von Johannes Brockt, 2. unveränderte Auflage."
    Darmstadt.
  • Engel, Gerhard (1980):
    "Musik und Wissenschaft. Zur Wissenschaftslehre, Ästhetik und Didaktik der Musik aus der Sicht des neueren Kritizismus in: Jakoby, Richard (Hrsg.): Schriftenreihe zur Musikpädagogik."
    Frankfurt am Main. Berlin. München.
  • Engel, Gerhard (1990):
    "Zur Logik der Musiksoziologie. Ein Beitrag zur Philosophie der Musikwissenschaft"
    Tübingen.
  • Engel, Hans (1960):
    "Musik und Gesellschaft. Bausteine zu einer Musiksoziologie."
    Berlin. Halensee.
  • Engel, Hans (1986):
    "Musik der Zeiten und Völker. Eine Geschichte der Musik von den Anfängen bis zur Gegenwart."
    Wiesbaden.
  • Gabriel, Manfred (1994):
    "Zwischen den Stühlen: Das zeitgenössische Musiktheater und sein Komponist. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg."
    Salzburg.
  • Gabriel, Manfred (1997):
    "Musik und Paradigma. Eine soziologisch-handlungstheoretische Erklärungsskizze mit Fallbeispielen aus der Neuen Musik nach 1945 in: Fischer, Michael/ Hoyningen-Huene, Paul (Hrsg.) Paradigmen. Facetten einer Begriffskarriere, Band 17 der Salzburger Schriften zur Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie."
    Frankfurt am Main.
  • Großmann, Rolf (1991):
    "Musik als Kommunikation. Zur Theorie Musikalischer Kommunikationshandlungen Band XIV in: Barsch, Achim/Linke, Peter/ Hauptmeier, Helmut/ Kindt, Walther/ Meutsch, Dietrich/ Rusch, Gebhard/ Schmidt, Siegfried/ Viehoff, Reinhold/ Zobel, Reinhard (Hrsg.): Konzeption Empirische Literaturwissenschaft."
    Braunschweig.
  • Haselauer, Elisabeth (1980):
    "Handbuch der Musiksoziologie."
    Wien.
  • Kaden, Christian (1984):
    "Musiksoziologie"
    Wilhelmshaven.
  • Klausmeier, Friedrich (1978):
    "Die Lust, sich musikalisch auszudrücken. Eine Einführung in sozio-musikalisches Verhalten, 1.Auflage."
    Reinbek bei Hamburg.
  • Kneif, Tibor (1971):
    "Musiksoziologie."
    Köln.
  • Müller, Renate (2003):
    "Soziokulturelle Musikpädagogik – unreflektiert? Eine Entgegnung auf Vogts Frage „Empirische Forschung in der Musikpädagogik ohne Positivismusstreit?“. In: Zeitschrift für Kritische Musikpädagogik, Als elektronischer Artikel 2003, S. 4 [3], abgerufen 7. Mai 2009
  • Müller Renate (2004):
    "Musiksoziologische Grundlagen", In: Hartogh, Theo/Wickel, Hans Hermann (Hrsg.):Handbuch Musik in der sozialen Arbeit
    Juventa.
  • Parzer, Michael (2007):
    "Zur Musik der Gesellschaft. Zur Interdisziplinarität musiksoziologischer Forschung, Bericht der 3. Jahrestagung der Arbeitsgruppe Musiksoziologie/Sektion Kultursoziologie der DGS. Universität für Musik und darstellende Kunst."
    Wien.
  • Rummenhöller, Peter (1978):
    "Einführung in die Musiksoziologie in: Schaal, Richard (Hrsg.): Taschenbücher zur Musikwissenschaft."
    Wilhelmshaven.
  • Vogt, Jürgen (2003):
    "Empirische Forschung in der Musikpädagogik ohne Positivismusstreit? Zum 100. Geburtstag Theodor W. Adornos. In: Vogt, Jürgen (Hrsg.) Zeitschrift für kritische Musikpädagogik. Elektronischer Artikel. www- Dokument: http://home.arcor.de/zfkm/vogt5.pdf, abgerufen am 06.12.2008.
  • Weber, Max (1973):
    "Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre."
    Tübingen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Haselauer, Elisabeth (1980): Handbuch der Musiksoziologie. Wien, S.49.
  2. Rummenhöller, Peter (1978): Einführung in die Musiksoziologie in: Schaal, Richard (Hrsg): Taschenbücher zur Musikwissenschaft; Wilhelmshaven, S.248.

Soziale Ordnung[Bearbeiten]

GesellschaftsvertragInstitutionenInternalisierungKonflikteKonventionenSoziale Ordnung Start.png
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Einleitung[Bearbeiten]

[1]

Als eine der grundlegenden Fragen der Soziologie kann die folgende betrachtet werden: Wie ist soziale Ordnung möglich?

Wir leben in einer Welt in der unendlich viele Individuen mit unendlich vielen verschiedenen Charaktereigenschaften koexistieren. Deshalb haben sich einige der „Soziologen“ (zu dieser Zeit noch Philosophen, da der Begriff „Soziologe“ noch nicht vorhanden war) vorerst mit dem Naturzustand beschäftigt. Wie ist der Mensch? Ist er gut? Ist er schlecht? Wieso kooperiert er mit anderen Individuen? Wäre es nicht besser, wenn er seinen Weg egoistisch und alleine gehen würde?

In dieser alternativen Einleitung des Wikibooks "Soziologische Klassiker" soll näher auf diese Frage eingegangen werden. Beispiele, wie soziale Ordnung erklärt wird, bieten die folgenden: Soziale Ordnung aufgrund

  • der Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft
  • des Wunsches nach Interessenverwirklichung
  • von Strukturen und Sozialisation
  • von sozialen Beziehungen
  • von Verstand

Spannungen zwischen Individuen und Gesellschaft

Hierauf wird näher im Bereich „Gesellschaftsvertrag“ eingegangen. Die hier bearbeiteten Philosophen beschäftigten sich stark mit dem Naturzustand und der Entwicklung einer Gesellschaft, entweder formell oder informell, wobei zu erwähnen ist, dass sie äußerst unterschiedliche Meinungen aufweisen. Thomas Hobbes beispielsweise behauptet, dass der Mensch von Natur aus schlecht sei und nur durch eine Vereinbarung mit den anderen in Zaum gehalten werden kann. Im Gegensatz dazu sagt etwa Jean-Jacques Rousseau, dass der Gesellschaftsvertrag den Menschen seiner ursprünglich vorgesehenen Freiheit beraubt. Dennoch wird er entwickelt, da es Situationen gibt, in denen der Mensch von anderen abhängig ist.

Der Wunsch nach Interessenverwirklichung

Die schottischen Moralphilosophen wie David Hume, Adam Ferguson oder Adam Smith beschäftigen sich mit der Interessenverwirklichung als Grund für soziale Ordnung. Es ist der Wunsch des Menschen, seine eigenen Interessen durchzusetzen, er will seinen eigenen Nutzen maximieren. Dies führt zu Konkurrenz, sobald zwei Individuen dasselbe wollen, also zu einem Konflikt. Deshalb merkt der Akteur, dass suboptimale Lösungen für beide Seiten die optimale kollektive Lösung bedeuten können. Das Individuum lernt aus Erfahrungen, internalisiert diese und behält diese Handlungsweisen so lange bei, bis sie sich nicht mehr bewähren.
Somit ist soziale Ordnung dadurch möglich, dass der Akteur merkt, dass man gewissen Schemata folgen muss (beispielsweise in Formen der Kooperation mit anderen Individuen), um seine eigenen Interessen verwirklichen zu können.

Struktur und Sozialisation

Soziologen wie Emile Durkheim suchten die Erklärung für soziale Ordnung im System. Durkheim sagt, dass die Strukturen das Handeln vorgeben, und die Menschen diesen Strukturen folgen. Erlernt werden die vorgegebenen Werte und Normen über Sozialisation durch die Familie, die Schule und weitere, welche ebenso Mitglieder der Gesellschaft sind, und den gleichen Werten und Normen folgen. Diese werden dann vom Individuum internalisiert und umgesetzt. Es ist mit hohen Kosten verbunden, sich gegen das System zu stellen, und für das Individuum demnach am kostengünstigsten/leichtesten, dem System zu folgen. Über den Wandel der Zeit ändern sich die gesellschaftlichen Strukturen, mit ihnen die Werte und Normen der Menschen und somit auch die Sozialisation der Kinder.

Soziale Beziehungen

Eine weitere Erklärung für soziale Ordnung bieten soziale Beziehungen. Auch wenn Immanuel Kant im Bereich des Gesellschaftsvertrages behandelt wurde, stellt sein Kategorischer Imperativ ein gutes Beispiel für diese Erklärung. „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Soziale Ordnung erklärt sich über Reziprozität, über den Wunsch nach Akzeptanz, über die Tatsache, dass der Mensch in gewisser Weise doch kein Einzelgänger ist. Seine Koexistenz mit anderen Individuen erfordert ein gewisses Maß an Ordnung. Georg Simmel spricht von Wechselwirkungen, Max Weber von sozialen Beziehungen und George Herbert Mead von Kommunikation.

Verstand

Soziologen wie Peter L. Berger & Thomas Luckmann beschäftigen sich ebenfalls mit dem Menschen als vernünftigen Wesen. Es wird eine Handlung durchgeführt, sie bewährt sich, wird habitualisiert und institutionalisiert. Somit erleichtert sich das Individuum das Leben, indem es wiederum Strukturen folgt die funktionieren. Es typisiert all das für ihn Sichtbare, da es zu schwer wäre, alles neu kennenzulernen. Sozusagen werden Schubladen erstellt, in welche ein bestimmter Typ einsortiert werden kann, da unsere Kapazität nicht ausreicht, um jedem „Ding“ eigene Eigenschaften zuzuordnen. Diesen Institutionen folgt ein bestimmter Teil der Gesellschaft. Und diese Institutionen können als „Ordnungsschublade“ betrachtet werden.


Themen dieser alternativen Einleitung zu den soziologischen Klassikern[Bearbeiten]


Literatur[Bearbeiten]

  • Abels, Heinz (2007):
    "Einführung in die Soziologie. Bd.1: Der Blick auf die Gesellschaft. 3.Auflage"
    Wiesbaden
  • Gabriel, Manfred (2008):
    "Vorlesung Geschichte der Soziologie. Sommersemester 2008"
    Paris-Lodron-Universität Salzburg


  1. sämtliche Ausführungen im Text beziehen sich sowohl auf das weibliche als auch auf das männliche Geschlecht

Der Begriff der Moral bei den Klassikern der Soziologie[Bearbeiten]

Einleitung[Bearbeiten]

Das hier überblicksmäßig vorgestellte Projekt stellt den Versuch einer systematischen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Moral bei den soziologischen Klassikern dar. Das vollständige Projekt im Rahmen einer Bachelorarbeit wurde aus urheberrechtlichen Gründen auf die Homepage der Universität Salzburg verlegt.

Zur Stellung der Moral in der Soziologie[Bearbeiten]

Interessanterweise gibt es keine Monographien bzw. Speziallexika, die sich systematisch mit den soziologischen Moraltheorien beschäftigen, so wie es Monographien oder Lexika zum Thema „Tourismussoziologie“ oder „Umweltsoziologie“ gibt. Wer in allgemeinen Soziologielexika[1] zum Stichwort „Moral“ nachliest, bekommt vermittelt, dass nur ausgesprochen wenige SoziologInnen relevante Beiträge zu diesem Thema geschrieben hätten und man sich besser in der Sozial- und Entwicklungspsychologie umzusehen habe. Dies ist insbesondere deshalb verwunderlich, weil Moralvorstellungen eine wichtige handlungsanleitende Funktion haben und damit soziologisch höchst relevant sind. Moralisches Handeln unterscheidet sich wesentlich von anderen Handlungstypen, etwa von zweckrationalem Handeln: "Geht man davon aus, daß die Begleitumstände identisch sind, so werden die ersteren eher größere Opfer bringen, weil sie mehr Motivation haben. Sie werden auch bei aufkommendem Widerstand eher weitermachen, weil sie die Werte internalisiert haben, die ihre Handlungsweise rechtfertigen."[2] Ähnlich argumentiert Berger[3], indem er betont, dass „eine aus zweckrationalen Motiven innegehaltene Ordnung ungleich labiler ist als eine mit dem Prestige der Verbindlichkeit auftretende.“

Das vorliegende Projekt soll zeigen, dass die soziologische Auseinandersetzung mit der Moral umfangreicher und inhaltlich vielfältiger ist, als dies in Lexika vermittelt wird. Außerdem wird ein Vorschlag für eine Systematik der verschiedenen Theorien unterbreitet.

Zum Begriff der Moral in der Soziologie[Bearbeiten]

Wenn man sich mit der Moral im soziologischen Kontext auseinandersetzt, ist es wichtig, zwischen der normativen und der deskriptiven Moral zu unterscheiden. Erstere beschäftigt sich damit, wie Normen vernünftig und moralisch begründet werden können bzw. mit der Frage, was moralisch richtig oder falsch ist. Die deskriptive Moral dagegen beschreibt „die Handlungsregeln und Ziele … die in einer Grupppe oder Gesellschaft faktisch handlungsleitend oder verbindlich sind.“[4] Ob diese faktisch geltenden Handlungsregeln moralisch „richtig“ sind, ist nicht Gegenstand der deskriptiven Moral und damit auch nicht Gegenstand der Soziologie. Wenn sich die Soziologie mit der Richtigkeit von moralischen Normen beschäftigt (und dies geschieht leider immer wieder) bzw. verschiedene Moralen wertend vergleicht, überschreitet sie ihre Kompetenz bzw. ihren Aufgabenbereich und wird unglaubwürdig. Denn eigentlich sollte die Soziologie wertfreie Beschreibungen liefern.[5]

Theory Map[Bearbeiten]

Weiter unten wird eine Systematik der soziologischen Moraltheorien skizziert. Diese Theory Map bietet einen übersichtlichen Zugang dazu.

Moralische GrundbegriffeMoral als SystemMoral in der konkreten SituationKlassiker der Soziologie Moral.jpg
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Versuch einer Systematik[Bearbeiten]

Moralische Grundprinzipien und -begriffe[Bearbeiten]

Weber, Simmel und auch Habermas beschäftigen sich mit der Moral insofern auf einer Meta-Ebene, als sie sich überwiegend mit moralischen Grundprinzipien bzw. –begriffen beschäftigen. Ihre Grundgedanken werden im Folgenden kurz vorgestellt. Für genauere inhaltliche Auseinandersetzungen mit den einzelnen Moraltheorien bitte den Links folgen.


Max Weber beschäftigt sich in den Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie[6] ausführlich mit der „Prägung von Wirtschaftsstilen durch das religiöse Ethos der tragenden Schichten“[7] , und zwar sowohl im christlichen wie auch im nicht-christlichen Kontext. Döbert[8] meint zwar, dass alle diese religionssoziologischen Texte auch als moralsoziologische Texte gelesen werden können, weil historisch Moral immer Religion war. Da es in dieser Arbeit jedoch ganz spezifisch um den Begriff der Moral geht, und weil ein Vergleich der verschiedenen Religionen und deren Auswirkungen auf die Gesellschafts- bzw. Wirtschaftsordnung zu umfangreich würde, werden im vorliegenden Projekt nur die die Moral direkt betreffenden, allgemeineren Punkte herausgefasst. So werden etwa Webers Begriffe der Wertrationalität, der Virtuosen- und Massenethik, der magischen und der ritualistischen Ethik und der Gesetzes- und Gesinnungsethik näher erklärt. >> weiter

Simmels Auseinandersetzung mit der Moral ist auf weiten Strecken mehr moralphilosophisch als soziologisch geprägt und relevant. Interessant für die Soziologie sind sicher vor allem seine Aussagen über sittliches Sollen, Altruismus, Verdienst und Schuld sowie über das Verhältnis von objektiven Normen und Freiheit des Individuums.[9] >> weiter

Habermas streicht in seiner universalpragmatischen Handlungstheorie[10]diejenigen grundlegenden (moralischen) Normen heraus, die kommunikatives Handeln (und damit auch jegliches andere Handeln) überhaupt möglich machen. >> weiter

Moral als System[Bearbeiten]

Durkheim, Parsons, Etzioni und Luhmann beschreiben die Moral auf der Makro-Ebene als System mit einer bestimmten Struktur bzw. Funktion. Ihre Grundgedanken werden im Folgenden kurz vorgestellt. Für genauere inhaltliche Auseinandersetzungen mit den einzelnen Moraltheorien bitte den Links folgen.

Durkheim sieht die Moralordnung als Grundlage für die Gesellschaftsordnung überhaupt an. Er unterscheidet die häusliche/familiale Moral (die Aufzeichnungen über diese gingen jedoch leider verloren) von der Berufsmoral und der staatsbürgerlichen Moral.[11] Außerdem beschäftigt er sich ausführlich mit der Moralerziehung, insbesondere mit den Elementen der Moralität (Geist der Disziplin, Anschluss an soziale Gruppen, Autonomie des Willens).[12] >> weiter

Auch für Parsons[13] hat die Moral eine herausragende Funktion: Sie integriert die Persönlichkeit und das soziale System sowie das Wertesystem mit den letzten Zwecken. Die institutionalisierte Moral garantiert also die Integration der Gesellschaft. >> weiter

Der Kommunitarist Etzioni[14] thematisiert die gelebte Moral als Grundlage für ein gutes soziales Leben. >> weiter

Für Luhmann[15] ist die Moral zwar ebenfalls ein System, das alle anderen Teilsysteme durchdringt („interpenetriert“), sie hat aber nicht eine derart einzigartige Sonderfunktion wie bei den oben genannten Soziologen. Er beschreibt die Moral als System von Achtungs- und Missachtungsbekundungen mit einer bivalenten Struktur. >> weiter

Moral in der konkreten Situation[Bearbeiten]

Andere SoziologInnen behandeln die Moral auf der Mikroebene. Hier geht es darum, auf welche Weisen sich die Moral in konkreten Situationen, im konkreten Handeln zeigt. Dabei können vor allem Vertreter des interpretativen Paradigmas und Vertreter der Rational Choice Theory (bzw. des utilitaristischen Paradigmas) gefunden werden, deren Grundgedanken hier kurz vorgestellt werden. Für genauere inhaltliche Auseinandersetzungen mit den einzelnen Moraltheorien bitte den Links folgen.


Bei den Vertretern des interpretativen Paradigmas sind die Zugänge sehr vielfältig.

Becker[16] beschäftigt sich mit den moralischen UnternehmerInnen, die auf "moralische Kreuzzüge" gehen und versuchen, neue moralische Regeln einzuführen bzw. durchzusetzen. >> weiter

Berger/ Luckmann[17] meinen, dass die Moral keineswegs aus der heutigen Gesellschaft verschwunden sei, sondern sich nur wie die Religion in den Privatbereich zurückgezogen habe. Sie setzen sich mit den Charakteristika moralischer Kommunikation bzw. des Moralisierens auseinander. >> weiter

Garfinkel[18] untersucht anhand von Krisenexperimenten die moralische Empörung, die auf den Bruch des interpretativen Vertrauens folgt. >> weiter

Goffman[19] beschreibt die Moral als etwas, das von den Handelnden in der konkreten Situation immer neu gestaltet und repariert werden muss. >> weiter

Mead[20] beschäftigt sich mit der Rolle von moralischen Konflikten sowie mit dem moralischen Bewusstsein und dessen Bedeutung für die Ich-Identität. >> weiter


Bei den VertreterInnen des utilitaristischen Paradigmas ist die ganz spezifische Frage wichtig, wie moralisches Handeln als rationales Handeln erklärt werden könnte. Dabei wird moralisches Handeln entweder implizit mit zweckrationalem Handeln gleichgesetzt, wie dies bei Homans oder Coleman der Fall ist.[21] >> weiter

Oder das moralische Handeln wird wie bei Lindenberg[22]als eigener Handlungstyp aufgefasst, nämlich als wertrationales Handeln. Wichtig ist hier, dass Lindenberg dem Rational Choice Gedanken durchaus treu bleibt, weil er auch dem wertrationalen Handeln eine instrumentelle Rationalität zugrunde legt. >> weiter

Literaturliste[Bearbeiten]

  • Abend, Gabriel (2008):
    "Two main problems in the sociology of morality. In: Theory and Society. Vol 37, No.2, pp 87-125."
  • Becker, Howard S. (1981):
    "Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens."
    Frankfurt am Main.
  • Berger, Johannes (1998):
    "Das Interesse an Normen und die Normierung von Interessen. Eine Auseinandersetzung mit der Theorie der Normentstehung von James S. Coleman. In: Müller, Hans-Peter / Schmid, Michael (Hg.): Norm, Herrschaft und Vertrauen. Beiträge zu James S. Colemans Grundlagen der Sozialtheorie. S. 64-78."
    Opladen/Wiesbaden.
  • Berger, Peter L. / Luckmann, Thomas (1995):
    "Modernität, Pluralismus und Sinnkrise. Die Orientierung des modernen Menschen."
    Gütersloh.
  • Burns, Tom (1992):
    "Erving Goffman."
    London.
  • Coleman, James S. (1991):
    "Grundlagen der Sozialtheorie. Band 1. Handlungen und Handlungssysteme."
    München.
  • Coleman, James S. (1994):
    "Grundlagen der Sozialtheorie. Band 3. Die Mathematik der sozialen Handlung."
    München.
  • Cook, Gary Allan (1985):
    "Moralität und Sozialität bei Mead. In: Joas, Hans (Hg.): Das Problem der Intersubjektivität. Neue Beiträge zum Werk George Herbert Meads. S. 131-155."
    Frankfurt am Main.
  • Döbert, Rainer (2000):
    "Moral. In: Reinhold, Gerd (Hg.): Soziologie-Lexikon. 4. Auflage. S. 445-449."
    München u.a.
  • Durkheim, Emile (1973):
    "Erziehung, Moral und Gesellschaft. Vorlesungen an der Sorbonne 1902/1903. Herausgegeben von Heinz Maus, Friedrich Fürstenberg und Frank Benseler."
    Neuwied am Rhein / Darmstadt.
  • Durkheim, Emile (1991):
    "Physik der Sitten und des Rechts. Vorlesungen zur Soziologie der Moral."
    Frankfurt am Main.
  • Dux, Günter (2004):
    "Die Moral in der prozessualen Logik der Moderne. Warum wir sollen, was wir sollen."
    Weilerswist.
  • Etzioni, Amitai (1994):
    "Jenseits des Egoismus-Prinzips. Ein neues Bild von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft."
    Stuttgart.
  • Etzioni, Amita (1997):
    "Die Verantwortungsgesellschaft. Individualismus und Moral in der heutigen Demokratie."
    Frankfurt am Main.
  • Gethmann, Carl F. (2004):
    "Universalpragmatik. In: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie. Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 1., unveränderte Sonderausgabe. S. 415-416."
    Stuttgart / Weimar.
  • Greve, Jens (2003):
    "Handlungserklärung und die zwei Rationalitäten? Neuere Ansätze zur Integration von Wert- und Zweckrationalität in ein Handlungsmodell. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Bd. 55, Nr. 4, S. 621-653."
  • Habermas, Jürgen (1983):
    "Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln."
    Frankfurt am Main.
  • Habermas, Jürgen (2001):
    "Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft."
    Stuttgart.
  • Heritage, John (1984):
    "Garfinkel and Ethnomethology."
    Oxford.
  • Kambartel, Friedrich (2004a):
    "Moral. In: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie. Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 2., unveränderte Sonderausgabe. S. 932-933."
    Stuttgart / Weimar.
  • Kambartel, Friedrich (2004b):
    "Moralität. In: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie. Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 2., unveränderte Sonderausgabe. S. 933-934."
    Stuttgart / Weimar.
  • Lübbe, Weyma (2004):
    "Weber. In: Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Enzyklopädie. Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 4., unveränderte Sonderausgabe. S. 631-633."
    Stuttgart / Weimar.
  • Luckmann, Thomas (1998):
    "Gesellschaftliche Bedingungen geistiger Orientierung. In: Luckmann, Thomas (Hg): Moral im Alltag. Sinnvermittlung und moralische Kommunikation in intermediären Institutionen. S. 19-46."
    Gütersloh.
  • Luhmann, Niklas (1978):
    "Soziologie der Moral. In: Luhmann, Niklas / Pfürtner, Stephan H. (Hg): Theorietechnik und Moral. S. 8-116."
    Frankfurt am Main.
  • Mead, George Herbert (1980):
    "Gesammelte Aufsätze. Band 1. Herausgegeben von Hans Joas."
    Frankfurt am Main.
  • Müller, Hans-Peter / Schmid, Michael (Hg.) (1998):
    "Norm, Herrschaft und Vertrauen. Beiträge zu James S. Colemans Grundlagen der Sozialtheorie."
    Opladen/Wiesbaden.
  • Parsons, Talcott (1994):
    "Aktor, Situation und normative Muster. Ein Essay zur Theorie sozialen Handelns. Herausgegeben von Harald Wenzel."
    Frankfurt am Main.
  • Opp, Karl-Dieter (2002):
    "Rational Choice Theory / Theorie der rationalen Wahl. In: Endruweit, Günter / Trommsdorff, Gisela (Hg.): Wörterbuch der Soziologie. 2., völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage. S. 424-427."
    Stuttgart.
  • Schluchter, Wolfgang (1988):
    "Religion und Lebensführung. Band 1. Studien zu Max Webers Kultur- und Werttheorie."
    Frankfurt am Main.
  • Simmel, Georg (1989):
    "Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe Bd. 1. Gesamtausgabe Bd. 3. Herausgegeben von Klaus Christian Köhnke."
    Frankfurt am Main.
  • Simmel, Georg (1991):
    "Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe Bd. 2. Gesamtausgabe Bd. 4. Herausgegeben von Klaus Christian Köhnke."
    Frankfurt am Main.
  • Weber, Max (1956):
    "Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Bd. 1. Herausgegeben von Johannes Winckelmann"
    Tübingen.
  • Weber, Max (1963):
    "Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. 1-3."
    Tübingen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. zum Beispiel Döbert 2000, S. 447
  2. Etzioni 1994, S. 108-109.
  3. Berger 1998, S. 73.
  4. Kambartel 2004a, S. 932.
  5. vgl. Abend 2007, S. 88.
  6. Weber, Max (1963): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. 1-3. Tübingen. Der erste Band enthält unter anderem die vielleicht am besten bekannte protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.
  7. Lübbe 2004, S. 632.
  8. vgl. Döbert 2000, S. 446.
  9. vgl. Simmel 1991; Simmel 1989.
  10. vgl. Gethmann 2004.
  11. vgl. Durkheim 1991.
  12. vgl. Durkheim 1973.
  13. vgl. Parsons 1994.
  14. vgl. Etzioni 1994; Etzioni 1997.
  15. vgl. Luhmann 1978.
  16. vgl. Becker 1981
  17. vgl. Berger/Luckmann 1998; Luckmann 1998; Funiok o.J.
  18. vgl. Heritage 1984
  19. vgl. Burns 1992
  20. vgl. Cook 1985; Mead 1980
  21. vgl. Berger 1998; Coleman 1994; Homans 1972
  22. vgl. Greve 2003

Geschlechterforschung[Bearbeiten]

Einleitung[Bearbeiten]

Geschlechtersoziologie

Ist ein Teilbereich der Gender Studies, befasst sich mit sozialen und kulturellen Größen des Geschlechterverhältnisses. Beobachtet werden die gegenwärtige Regelmäßigkeiten und Strukturen sozialer Handlungsabläufe zwischen den beiden Geschlechtern.

In der biologisch geprägten Soziologie geht man davon aus, dass die Geschlechterdifferenzierung auf Grund der biologischen Unterschiede basiert und spricht daher von dem „natürlichen Unterschied“.

Die Theorie der Sozialisation zeigt hingegen wie Menschen, bedingt durch die Erziehung und Milieueinflüsse in der Kindheit und Jugend, zu „Frauen“ und „Männern“ werden.

Durch die Geschlechterforschung soll erfasst werden, welches Verhalten erwartet wird, damit die Geschlechteridentität anerkannt wird. Sie beschäftigt sich damit, in wie weit es zu einer sozialen Ungleichheit im Alltag kommt, resultierend von dem Handeln von Männern und Frauen.

Anhand der Sozialstrukturanalyse wird verdeutlicht, welchen unterschiedlichen Positionen die Geschlechter durch die Arbeitsdifferenzierung, vor allem bei der Erwerbs- und Reproduktionsarbeit einnehmen.

Die soziologische Geschlechterforschung befasst sich sowohl mit der Mikrosoziologie (Geschlecht in der Interaktion), der Mesosoziologie (Geschlecht in Organisationen) so wie auch auf der Ebene der Makrosoziologie (Geschlecht im gesamt-gesellschaftlichen Kontext). Da das Geschlechterverhältnis in der Gesellschaft an immer größerer Bedeutung gewinnt, wird diese Thematik zunehmend interessant für die Soziologie.

Theory Map zur Geschlechtersoziologie[Bearbeiten]

In der Theory Map, werden Thesen und Theorien wichtiger Soziolog/inn/en zum Thema des Geschlechterverhältnisses vorgestellt. Es sind sowohl klassische (Parsons, Durkheim, Tönnies, Simmel, Goffman) als neuzeitlichere (Meuser, Ostner, Otten, Hagemann-White, Butler, Honegger, Gilligan, Connell) Soziolog/inn/en und deren unterschiedlichen Stellungnahmen vertreten. Folgende Teilbereiche des Geschlechtersoziologie sollen nähren Aufschluss über das bestehende Geschlechterverhältnis geben.

GeschlechterrolleMännlichkeitGeschlechterspezifische SexualitätDominanz und Macht im GeschlechterverhältnisSozialisationMoralArbeitsteilungZukunftsorientiertes GeschlechterverhältnisTheorymap Braindrain auf Google Maps
Über dieses Bild

Zugänge zur Geschlechtersoziologie[Bearbeiten]

Übersicht der einzelnen SoziologInnen[Bearbeiten]

In diesem Kapitel werden die Theorien der einzelnen SoziologInnen in einer Übersicht dargestellt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Fuchs-Heinritz, Lautmann, Rammstedt, Wienold [Hrsg.] (2007)
    Lexikon zur Soziologie
    Vierte Auflage
    Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden
  • Carol Hagemann-White (1984)
    Sozialisation: weiblich-männlich?
    Leske Verlag und Budrich GmbH Meisenheim
  • Hartfiel und Hillmann [Hrsg.] (1982)
    "Wörterbuch der Soziologie"
    Dritte Auflage
    Alfred Kröner Verlag Stutgart
  • Heinz-Jürgen Dahme und Klaus Christian Köhnke [Hrsg.] (1985)
    Georg Simmel Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter
    Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
  • Ilona Ostner (1978)
    Beruf und Hausarbeit: Die Arbeit der Frau in unserer Gesellschaft'
    Campus Verlag Frankfurt/New York
  • Ilona Ostner [Hrsg.] (1987)
    Sozialisation der Geschlechterverhältmisse
    Soziologische Revue, Sonderheft 2 Oldenbourg
  • Michael Meuser (1998)
    Geschlecht und Männlichkeit: Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster'
    Leske + Budrich, Opladen
  • Dieter Otten (2000)
    Männerversagen: Über das Verhältnis der Geschlechter im 21.Jahrhundert'
    Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach
  • Matina Löw und Bettina Mathes [Hrsg.] (2005)
    Schlüsselwerke der Geschlechterforschung'
    Erste Auflage
    VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden

Adorno, Theodor W.[Bearbeiten]

Adorno (rechts) gemeinsam mit Horkheimer

Biographie in Daten[Bearbeiten]

 Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno

  • geboren am 11.09.1903 in Frankfurt a.M. (Deutschland)
  • jüdische Herkunftsfamilie, Vater konvertierte zum Protestantismus
  • Studium der Soziologie, Philosophie, Musikwissenschaft und Psychologie
  • 1934 - 1937 in Oxford (England)
  • Habilitation
  • Einladung von Max Horkheimer nach New York
  • 1938 - 1940 in New York (USA)
  • Tätigkeit in Horkheimer Max`s Institute for social research
  • Forschungsprojekt zu Massenkommunikation
  • musiksoziologische Studie
  • 1941 - 1949 in Los Angeles (USA)
  • 1943 USA-Staatsbürgerschaft
  • Zusammenarbeit mit Max Horkheimer
  • Dialektik der Aufklärung: Kritische Theorie
  • empirische Überprüfung der kritischen Theorie durch ein Forschungsprojekt zu Ursachen für antisemitische Vorurteile
  • 1949 - 1969 in Frankfurt a.M. (Deutschland)
  • Direktor am Institut für Sozialforschung
  • Professor für Soziologie und Philsophie
  • Beteiligung am Positivismusstreit
  • gestorben am 06.08.1969 in Visp (Schweiz)

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Modernisierung[Bearbeiten]

Der Prozess der Modernisierung beschreibt in der Soziologie einen sozialen Wandel von Gesellschaftsformen. Für die Moderne ist es der Wandel von der traditionalen Gesellschaft in eine moderne, nämlich die Industriegesellschaft. Mit diesem Prozess haben sich viele Soziologen in der Zeit der beginnenden Modernisierung beschäftigt, unter anderen Auguste Comte, Karl Marx, Emile Durkheim und Max Weber. Die Soziologie hat ihren Ursprung in den Veränderungen durch die Moderne.


Kapitalismus[Bearbeiten]

Der Kapitalismus ist eine durch Privateigentum und Marktwirtschaft gekennzeichnende Wirtschaftsordnung. Er hat seine Ursprünge am Ende des Mittelalters und ging mit der Entwicklung der Industrialisierung einher. Im Besonderen hat sich Karl Marx mit diesem Phänomen beschäftigt, aber auch Max Weber mit seiner religiösen Protestantismusthese, ebenso Ludwig von Mises.


Faschismus und Bolschewismus[Bearbeiten]

Als Faschismus versteht man ursprünglich die in Italien unter Benito Mussolini entstandene politische Strömung, die durch einen nationalistischen und populistischen Führerkult gekennzeichnet ist. Erst später wurde Faschismus auf ähnliche Formen wie dem Nationalsozialismus übertragen und damit zum Sammelbegriff für national- und sozialrevolutionäre Bewegungen mit totalitärem Gepräge. Für den Faschismus galt der Bolschewismus als bedrohlich. Der Bolschewismus hat seinen Ursprung bei Lenin, der damit eine politisch-weltanschauliche Lehre aufstellte. Sie ist politisch-ideologisch durch den Marxismus-Leninismus und philosophisch durch den Dialektischen Materialismus gekennzeichnet.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Karl Marx[Bearbeiten]

Karl Marx (1818 - 1883) war ein deutscher Soziologe, Philosoph und politischer Journalist. Sein Hauptinteresse galt dem Modernisierungsprozess. Insbesondere beschäftige er sich mit dem Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft.

Für Karl Marx ist die Soziologie die Wissenschaft, die die sozialen Verhältnisse durch die ökonomische Basis erklärt. Seine Leitfrage ist, was den Gesellschaftswandel antreibt. Sein Erklärungsmodell ist ein historisch-materialistisch-dialektisches. Als Basiseinheit dienen ihm die Arbeitsverhältnisse. Für ihn geht die Gesellschaft dem Individuum voraus. Den Modernisierungsprozess versteht er als Domestizierung und die Produktivkraftentfaltung als treibendes Veränderungsprinzip. Durch die Modernisierung entsteht schließlich Entfremdung, eine Warenfocusierung und die kapitalistische Krise.


Max Weber[Bearbeiten]

Max Weber (1864 - 1920) war ein deutscher Soziologe, Jurist und Nationalökonom. Sein Hauptinteresse galt ebenfalls dem Modernisierungsprozess.

Für Max Weber ist die Soziologie die Wissenschaft von den Ursachen und Folgen sozialer Handlungen. Seine Leitfrage ist, die Bestimmung des modernen Ethos und wie er sich in Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft äußert. Sein methodologischer Individualismus, seine verstehende Soziologie und seine Handlungstheorie dienen als Erklärungsmodell. Die Basiseinheit sind bei Max Weber die sozialen Akteure und ihre sozialen Handlungen. Ebenso wie bei Marx geht die Gesellschaft dem Individuum voraus. Modernisierung bedeutet für Max Weber Rationalisierung und der protestantische Ethos (Religion) ist das treibende Veränderungsprinzip. Als Folge der Modernisierung entsteht Entzauberung und Sinnverlust.

Max Horkheimer[Bearbeiten]

Max Horkheimer (1895 - 1973) war deutscher Soziologe und Sozialphilosoph. Sein Hauptinteresse galt dem erweiterten Modernisierungsprozess. Horkheimer gründete zusammen mit Theodor Adorno die Kritsche Theorie und die Frankfurter Schule.

Für Max Horkheimer ist die Soziologie die Analyse der objektiven Gesetze der Gesellschaftsbewegungen. Seine Leitfrage ist, weshalb sich die Gesellschaft trotz steigender Aufklärung zum Unmenschlichen entwickelt. Sein Erklärungsmodell ist ein an Hegel und Marx angelehnter dialektischer Materialismus. die Basiseinheit sind kapitalitische Tauschverhältnisse. Im Gegensatz zu Marx und Weber sieht Horkheimer das Individuum von der Gesellschaft bestimmt. Modernisierung ist für ihn (noch stärker als für Marx) eine verstärkte Domestizierung. Das treibende Veränderungsprinzip ist einerseits die instrumentelle Naturbeherrschung und andererseits das Profitgesetz.

Werke[Bearbeiten]

  • Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. Tübingen 1933
  • Willi Reich, Alban Berg. Mit Bergs eigenen Schriften und Beiträgen von Theodor Wiesengrund- Adorno und Ernst Krenek, Wien, Leipzig, Zürich 1937
  • Max Horkheimer u. Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Amsterdam 1947
  • Philosophie der neuen Musik. Tübingen 1949
  • T.W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson, R. Nevitt Sanford, The Authoritarian Personality. New York 1950
  • Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Berlin, Frankfurt a.M. 1950
  • Versuch über Wagner. Berlin, Frankfurt a.M. 1952
  • Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. Berlin, Frankfurt a.M. 1955
  • Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Studien über Husserl und die phänomenologischen Antinomien. Stuttgart 1956
  • Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt. Göttingen 1956
  • Aspekte der Hegelschen Philosophie. Berlin, Frankfurt a.M. 1957
  • Noten zur Literatur I. Berlin, Frankfurt a.M. 1958
  • Klangfiguren. Musikalische Schriften I. Berlin, Frankfurt a.M. 1959
  • Mahler. Eine musikalische Physiognomie. Frankfurt a.M. 1960
  • Noten zur Literatur II. Frankfurt a.M. 1961
  • Einleitung in die Musiksoziologie. Zwölf theoretische Vorlesungen. Frankfurt a.M. 1962
  • Max Horkheimer u. Theodor W. Adorno, Sociologica II. Reden und Vorträge. Frankfurt a.M. 1962
  • Drei Studien zu Hegel. Frankfurt a.M. 1963
  • Eingriffe. Neun kritische Modelle. Frankfurt a.M. 1963
  • Der getreue Korrepetitor. Lehrschriften zur musikalischen Praxis. Frankfurt a.M. 1963
  • Quasi una fantasia. Musikalische Schriften II. Frankfurt a.M. 1963
  • Moments musicaux. Neu gedruckte Aufsätze 1928–1962. Frankfurt a.M. 1964
  • Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie. Frankfurt a.M. 1964
  • Noten zur Literatur III. Frankfurt a.M. 1965
  • Negative Dialektik. Frankfurt a.M. 1966
  • Ohne Leitbild. Parva Aesthetica. Frankfurt a.M. 1967
  • Berg. Der Meister des kleinsten Übergangs. Wien 1968
  • Impromptus. Zweite Folge neu gedruckter musikalischer Aufsätze. Frankfurt a.M. 1968
  • Sechs kurze Orchesterstücke op. 4 <1929>. Milano 1968
  • Theodor W. Adorno u. Hanns Eisler, Komposition für den Film. München 1969
  • Stichworte. Kritische Modelle 2. Frankfurt a.M. 1969


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Was ist die Grundfrage von Adorno?[Bearbeiten]

  • Grundlage zur Leitfrage

Grundsätzlich beschäftigte sich Adorno wie Horkheimer und Marx mit dem Modernisierungsprozess. Sie alle verstehen ihn als einen Prozess der Domestizierung, also der Naturbeherrschung durch den Menschen. Marx sah diesen Prozess als einen konstruktiven an, der Fortschritt für die Gesellschaft bedeutet. Anders für Adorno und die Frankfurter Schule. Für sie geht es dabei um Verfall. Der Kapitalismus wurde - wie Marx meinte - nicht überwunden, es gab keine Revolution, die diesen endgültig beseitigte.


  • Die Leitfrage

Daraus ergibt sich die Leitfrage von Adorno. Warum also konnte die Menschheit nicht vom Kapitalismus befreit werden und in einen menschlichen Zustand übertreten? Stattdessen gerät sie in einen noch schlimmeren Zustand. Weshalb bleibt aber die Revolution aus und warum erkennen die Menschen ihre Situation nicht mehr?


  • Grundsätzliche Antwort

Adorno kommt zu dem Schluss, dass die Verlierer des Modernisierungsprozesses aus dem Grund keine revolutionären Gedanken hegen, da sie vollständig in den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess eingebunden sind. Sie sind in den Prozess der Beibehaltung der sozialen Ordnung integriert und das nun auch mit ihrem Bewusstsein. Sie sehen ihre Gesellschaft als eine solche an, die so sein soll. Er nimmt damit einen universellen Verblendungszusammenhang an.


Wie geht Adorno bei der Beantwortung der Grundfrage vor?[Bearbeiten]

  • Bruch mit "Sein prägt das Bewusstsein"

Marx war der Auffassung, dass das Sein das Bewusstsein prägt. Das bedeutet, dass die ökonomische Situation die gesellschaftlichen Vorstellungen beinflusst und sie sogar bestimmt. So ist die Kultur ein Ergebnis der Ökonomie. Er ging davon aus, dass die Proletarier erkennen würden, dass es eine Kluft zwischen dem Überfluss der Güter und dem Mangel in ihrem Leben gibt. Er schrieb ihnen genug Intelligenz zu, dass sie erkennen würden, dass ihre elende Situation beseitigt werden kann.

Anders die Kritische Theorie. Sie sieht den gesellschaftlichen Überbau wie Kultur, Recht, Staat oder Philosophie nicht durch die ökonomische Situation verursacht. Dieser Überbau hat demnach eine eigene Dynamik. "Hatte die materialistische Kritik der Gesellschaft dem Idealismus einst entgegengehalten, daß nicht das Bewußtsein das Sein, sondern das Sein das Bewußtsein bestimme, daß die Wahrheit über die Gesellschaft nicht in ihren idealistischen Vorstellungen von sich selbst, sondern in ihrer Wirtschaft zu finden sei, so hat das zeitgemäße Selbstbewußtsein solchen Idealismus mittlerweile abgeworfen. Sie beurteilen ihr eigenes Selbst nach seinem Marktwert und lernen, was sie sind, aus dem, wie es ihnen in der kapitalistischen Wirtschaft ergeht. Ihr Schicksal, und wäre es das traurigste, ist ihnen nicht äußerlich, sie erkennen es an." [Band 3: Dialektik der Aufklärung: Zwei Welten. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1481 (vgl. GS 3, S. 238)

Weiters sieht sie die Persönlichkeit der Menschen als bedeutend an.

"Wären Menschen kein Besitz mehr, so könnten sie auch nicht mehr vertauscht werden. Die wahre Neigung wäre eine, die den anderen spezifisch anspricht, an geliebte Züge sich heftet und nicht ans Idol der Persönlichkeit, die Spiegelung von Besitz." 

[Band 4: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Moral und Zeitordnung. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1790 (vgl. GS 4, S. 89) http://www.digitale-bibliothek.de/band97.htm ]

Deswegen wird auch von einem sogenannten Freudomarxismus gesprochen, da auch sozialpsychologische Elemente hinzugezogen werden. Beispiel: Wer in einer von Angst und Abhängigkeit geprägten Umgebung aufwächst, wird eine schwache Ich-Stärke entwickeln und später kaum Widerstand leisten, sondern sich vielmehr Anpassung und einordnen.


  • Interdisziplinärer Materialismus

Der Interdisziplinäre Materialismus ist ein sozialphilosophisches Konstrukt. Es wurde von Horkheimer in den frühen 1930ern entwickelt und sollte als Programm für das Frankfurter Institut für Sozialforschung dienen. Als solches wurde es allerdings niemals zur Gänze umgesetzt. Das lag einerseits an den politischen Umständen (Nationalsozialismus, Faschismus), andererseits auch an den ökonomischen (Wirtschaftskrise), die eine empirische Sozialforschung mit einem großen Sinnfragezeichen versah.

Das Konzept hat das Basis-Überbau-Modell von Marx zur Grundlage. Da die Revolution ausblieb, wurde der Persönlichkeitsaspekt hinzugefügt. Die ökonomische Situation beinflusst demnach die Persönlichkeitsstruktur, die wiederum durch Sozialisationsprozesse entsteht. Die Transformation der ökonomischen Situation erfolgt dann über die Persönlichkeitsmuster.

Der Zusammenhang der nun drei Pole Wirtschaft, Kultur und Persönlichkeit ist nun Ziel der Forschung, kann allerdings nur durch die Zusammenarbeit der betroffenen Disziplinen geschehen, also interdisziplinär. Konform mit Marx werden die Produktionsverhältnisse als Grundlage der Gesellschaft bezeichnet, daher also materialistisch.


  • Tauschverhältnisse

Marx und auch ursprünglich Adorno wie Horkheimer sahen in der Entwicklung der Produktivkräfte den Maßstab für die Verhältnisanalyse (Produktionsverhältnisse). Nun meinten sie, dass ein Problem bei der Domestizierung der Natur besteht. Die Betrachtung Subjekt - Natur wurde deswegen beibehalten, jedoch waren nicht mehr die Produktionsverhältnisse sondern die Tauschverhältnisse interessant. So kam es zum Tausch von den Produktions- zu den Tauschverhältnissen.

Das Tauschverhältnis geht von einem Identitätsprizip aus. Dieses Prinzip nivelliert die spezifischen Eigenschaften und lässt sie gleich erscheinen. Das erfordert den Abschied von qualitativen Eigenschaften. Es zählen nur noch vergleichende, also rechnerische Aspekte, also quantifizierende. Wenn etwas nicht ident ist, kann es als Äquivalent getauscht werden.

Im Kapitalismus geht es um einen Warentausch. Dabei können Bodenschätze aber auch Menschen die Ressource sein. Das Profitgesetz wird zur Dynamis, also zur treibenden Kraft der Entwicklung in der Gesellschaft. Es entsteht eine Herrschaft des Instrumentellen, die durch das Identitätsdenken verstärkt wird.


  • Kritik am Positivismus

Da der Positivismus die vorliegende (schlechte) Situation legitimiert, spricht sich Adorno gegen eine positivistische Soziologie aus. Sie verfahre nämlich, wie der Kaptialismus mit dem Identitätsprinzip und bekräftigt damit die Lage. Außerdem erkennt sie nicht, dass die Begrifflichkeiten für die gegebenen sozialen Phänomene selbst aus der Gesellschaft heraus entstanden sind. So darf ein Begriff nicht die vorliegende Situation einengen, sondern muss auch andere Möglichkeiten eröffnen. Denn die Situation könnte auch anders sein. Damit sind nicht nur die Begriffe veränderlich, sondern auch das was damit beschrieben wird.


  • Denken in Konstellationen

Adorno fordert stattdessen, dass die gesellschaftlichen Phänomene aufgedeckt werden müssen. Die Gesellschaft fasst er als ein System auf, das zur Gänze betrachtet und gedacht werden muss. Die Soziologie kann das allerdings nicht allein, weswegen durch ein Denken in Konstellationen mittels wechselnder wissenschaftlicher Perspektiven die Phänomene aufgedeckt werden. Gerade im Gegensatz zum Identitätsprinzip hält man nicht mehr starr an Begriffen fest, sondern legt sie flexibler fest.


  • Soziologie von Adorno in Abgrenzung zur Aufklärung

Damit hat Adorno eine strukturtheoretische Auffassung von der Gesellschaft. Durch die genaue Analyse der sozialen Phänomene kann letztlich auf die Gesellschaft geschlossen werden. Gesellschaft begründet sich allein in dem Prozess, in dem gesellschaftliche Gesetze die Menschen und sozialen Beziehungen bestimmen. Damit enthält seine Soziologie das Subjektive, das Verstehen nach Weber und die Perspektivität der Akteure.

Begriffe haben nach Adorno eine historische Eigenschaft. Sie sind in einem geschichtlichen Kontext entstanden. Das was nicht identisch ist, kann durch konstellatives Denken erkannt werden. Eine soziologische Wahrheit hat somit einen sogenannten Zeitkern, der sich im Laufe der Zeit ändern kann. Damit steht Adorno in der Gegenposition zur klassischen Aufklärung, die von überzeitlich geltenden Begriffen ausgeht. Andererseits bildet die Kritische Theorie eine pessimistische Grundhaltung heraus und widerspricht damit sowohl der klassischen Aufklärung sowie auch Marx.

Wie analysiert Adorno die Geschichte der Gesellschaft?[Bearbeiten]

  • Differenzen zu Karl Marx

Adorno wie auch Marx betrachteten die Gegenwartsgesellschaft im Hinblick auf ihre geschichtliche Entwicklung. Marx kam dabei zu dem Beschluss, dass die Entwicklung von der Sklavengesellschaft der Antike bis zur bürgerlichen Gesellschaft die Geschichte der Produktionsverhältnisse ist. Adorno sieht das als geblendete Betrachtung an und hält das für zu kurz, hat aber mit Marx den Aspekt der Domestizierung gemeinsam. Weitere Differenzen sind:


  • Instrumentelle Rationalität

Jedoch geht Adorno in der Frage der Naturbeherrschung noch einen Schritt zurück. Für ihn stellte sich die Frage, wie ein Subjekt in der Beziehung zur Natur erst zu einem solchem wird. Der Mensch ist ursprünglich der Natur unterworfen gewesen. Die Angst vor ihr hat den Menschen angetrieben sie zu domestizieren. Dieser Prozess gelang mit der Aufklärung zur Gänze. In historisch früheren Gesellschaften geschah dies durch die Mythenbildung. Horkheimer und Adorno nennen es Instrumentelle Rationalität. Damit ist die Bestimmung von effizienten Zweck-Mittel-Relationen gemeint. Es ist dies derselbe Begriff wie Weber ihn entwickelt hat. Er unterscheidet sich jedoch darin, dass diese Rationalität einen Selbstzweck hat und nicht auf ein Ziel hin bestimmt ist. Die Instrumentelle Rationalität ist konsequent gedacht auch eine Ursache für den Kapitalismus.


  • Krisen im Kapitalismus

Im Gegensatz zu Marx sehen Adorno und Horkheimer anstatt einer Produktivkraftsteigerung eine Steigerung der Instrumentellen Rationalität. Die gegenwärtige bürgerliche Gesellschaft ist damit nicht die von Marx gesehene Vorstufe zum Kommunismus. Marx sah in den Krisen der Gesellschaft das Ende der bürgerlichen Gesellschaft und des Kapitalismus. Denn eine Revolution sollte diese umstürzen. Adorno meinte hingegen, dass nur eine Totalisierung der instrumentellen Rationalität dies leisten könne.


  • Phasen des Kapitalismus

Die erste Phase des Kapitalismus ist die konkurrenzkapitalistische, mit der sich Marx vorwiegend beschäftigte. Sie lässt sich mit der Konkurrenz der Unternehmer in einem freien Markt beschreiben. Marx und Engels sahen hier die Gefahr für die Monopolbildung durch Kartelle und Trusts. Dies definiert bereits die zweite Phase, die monopolkapitalistische. Damit wird der Markt durch politische Einflüsse Interventionen konfrontiert und ist damit nicht mehr unabhängig. Der Marxismus betonte die dominante Rolle der Ökonomie gegenüber der Politik. Politik war die reaktive Tätigkeit durch die bestimmende Ökonomie. Die Frankfurter Schule (darin vorwiegend Friedrich Pollock) sieht nun eine weitere Phase, die staatskapitalistische. Es ist dies eine Fortführung der marxistischen Phasen. Wie Marx glaubte auch Pollock, dass Krisen in der kapitalistischen Ökonomie lediglich durch planerische Maßnahmen behoben werden können. Der Kapitalismus an sich ist aber nicht grundsätzlich dem Untergang geweiht. Andererseits bedeutet diese so genannte Planwirtschaft nicht unbedingt auch Sozialismus. Die Staatskapitalismustheorie zeichnet grundsätzlich eine kapitalistische Planwirtschaft. Darin steuert der Staat die Ökonomie und behält sowohl die Klassentrennung als auch das Profitgesetz bei. Dabei kann dieser Kapitalismus entweder demokratisch und reformistisch oder auch totalitär sein.


  • Autoritärer Staat, Nationalsozialismus, Bolschewismus

Mit dem Staatskapitalismus übernimmt nun die Politik die Führung über die Ökonomie. Der entstandene autoritäre Staat durchdringt mit seinem bürokratischen Apparat die Gesellschaft vollends. Damit soll die Krise des Kapitalismus überwunden werden. Marx focusierte die Entwicklung der Produktivkräfte und interpretierte das Ende des Kapitalismus sowie den Sozialismus als Vorstufe für den Kommunismus. Beides ist nicht eingetreten und nach der Frankfurter Schule falsch. Vielmehr geht es um die Steigerung der Instrumentellen Rationalität. So erklärt die Frankfurter Schule die Entwicklung zum Nationalsozialismus und Bolschewismus. Beide beschreiben eine Erweiterung der Instrumentellen Naturbeherrschung, die nicht mehr zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Natur differenziert. Diese Entwicklung ist in der Theorie eine logische Fortführung der Geschichte.


  • Beantwortung der Leitfrage

Die Leitfrage von Adorno lautete, warum sich der Mensch nicht traut eine Revolution zu seiner eigenen Befreiung zu organisieren. Zum Einen erklärt er es mit der faschistischen Gewaltherrschaft, die einen Widerstand nahezu unmöglich machte. Sie verängstigte die Menschen, so dass sie sich in das System einfügten und nur für ihre Selbsterhaltung lebten. Juden galten dann als Objekte und Sündenböcke, an denen die Aggression abgeladen werden konnte. Das Sündenböckprinzip ist ein Ventil für die eigene nicht aushaltbare Situation und dient als gesellschaftlicher Stabilisator.

Das erklärt jedoch die Leitfrage nicht zur Gänze. So bleibt die Frage, warum die Menschen nicht einmal ein Bewusstsein für ihre unerträgliche Situation entwickeln. Die Frankfurter Schule erklärt dies mit einer sogenannten Kulturindustrie. Damit wird die Kultur in zweierlei Hinsicht instrumentalisiert. Einerseits gehorcht sie dem ökonomischen Rationalprinzip auf Profitmaximierung und andererseits dient sie dazu, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zu sichern. Kultur ist damit sinnentleert und nur noch für den Genuss in der Freizeit und zur Wiederherstellung der Kräfte für die Arbeit. Damit zeichnet sich ein totales System, das Adorno und die Frankfurter Schule kritisieren.


Zu welchem Ergebnis kommt Adorno?[Bearbeiten]

  • Problem des instrumentellen Naturbezuges

Adorno sieht die Domestizierung an sich bereits als pathologisch an. Der Mensch beginnt die Natur zu beherrschen und beherrscht sich selbst. Dabei zerstört er sich selbst in soweit, als dass er sich erfahrungsunfähig macht. Durch diesen instrumentellen Naturbezug steigt letztlich die instrumentelle Herrschaft an, die sich gegen die Menschen selbst richtet.


  • Totale Herrschaft als Folge der Aufklärung

Die totale Herrschaft ist die Konsequenz der Moderne. Sie bezeichnet nicht ein Unfall oder Rückfall in eine alte Zeit, sondern eine Folge der Bürokratie und Industrialisierung. Beides ist durch die Aufklärung entstanden. Damit ist ein gewisser Webermarxismus erkennbar. Weber sah einen Sinnverlust und Verlust der Handlungsmöglichkeiten sowie -gründe für eine konstruktive Lebensführung als Diagnose. Marx gab die Konzeption vor. Die Kombination aus beiden kann als "Entzauberungsprozess" begriffen werden. Mit fortschreitender Aufklärung steigert sich die instrumentelle Rationalität und damit die Versachlichung der sozialen Verhältnisse. Das äußert sich in einer totalen Bürokratiesierung und einer Anerkennung der bestehenden Herrschaft. Die Natur wird ausgebeutet, ebenso die Mitmenschen. Gerade die totale Herrschaft ist unabhängig von Gefühlen und daher höchst rational. Die versachlichte Natur führt damit unweigerlich zur Versachlichung des Menschen. Es entsteht ein System, das sich nur noch selbst reproduziert, die bestehenden Verhältnisse konserviert und keinen Ausweg daraus mehr ermöglicht. Es entsteht eine totale Integration.


  • Universaler Verblendungszusammenhang

Die Gesellschaft blockiert sogar ein Bewusstwerden der Situation. Deswegen sprach Adorno von einem universellen Verblendungszusammenhang. Dabei geht es nicht mehr nur um das Marxsche falsche Bewusstsein der Betroffenen.

Zunächst beschrieb Marx für die beginnende Moderne dieses falsche Bewusstsein. Es beinhaltet eine normative Vorgabe, nämlich falsch zu sein und ist damit Grundlage für eine Revolution, genau dann, wenn es von den Betroffen wirklich als falsch aufgefasst wird. Als Beispiel möge ein Arbeitsvertrag dienen, der eine Identitätsgleichung von Arbeit und Geld herstellt. Falsch daran ist, dass die Arbeitskraft nicht wie eine Ware behandelt werden kann. Der Vertrag kommt aber dennoch zu stande, da die Beteiligten ihn als richtig ansehen. Wenn aber die negativ betroffenen Menschen das falsche erkennen, entwickeln sie ein revolutionäres Bewusstsein und die Grundlage für eine Revolution ist geschaffen.

Die entwickelte Moderne kennt aber kein falsches Bewusstsein mehr und hier setzt Adorno an. Durch die totale Integration kann kein Bewusstsein der Falschheit mehr entwickelt werden. Falsch daran ist nun die Überzeugung der Menschen, dass es keine anderen Möglichkeiten mehr gibt. Es entsteht damit ein restringiertes Bewusstsein.

Der universale Verblendungszusammenhang beruht nach Adorno auf Ursachen. Eine davon liegt im dritten Pol des Konzepts der Kritischen Theorie, nämlich der Kultur. Durch eine Kulturindustrie wird die Gesellschaft reproduziert. Das bestehende Bewusstsein wird gefestigt und verstärkt. Andererseits bewirkt genau diese Kulturindustrie die völlige Integration der Individuen in die vorliegende Gesellschaft. Die Menschen entwickeln erst gar nicht das Bedürfnis die bestehende Situation umwälzen zu wollen. Die Kulturindustire produziert ein leibliches Fundament mit Motiven und Impulsen und lenkt damit die Menschen innerhalb eines festen Rahmens.

So ist die Kulturindustrie ein Herrschaftsmittel, denn sie lenkt einerseits die Menschen in ihren Befriedigungen und andererseits stellt sie gleichzeitig die Mittel für deren Befriedigung zur Verfügung. Durch die Instrumentelle Rationalität handelt es sich dann um Konsum und die kulturellen Erzeugnisse haben einen Warenwert.


  • Die Kritische Theorie nach dem Ende der totalitären Staaten

Das Ende der totalitären Staaten bedeutet in gewisser Weise nun eine Überprüfung der Kritischen Theorie. Adorno meinte allerdings, dass auch nach dem Ende derselben, ein totalitärer Charakter noch vorhanden ist. Er sprach von einer Fassade der liberal-demokratischen Staaten. Das bedeutet einerseits, dass solange ein Staatskapitalismus vorliegt auch eine Rückkehr des Faschismus jederzeit möglich ist. Der Kapitalismus ist also unmittelbar mit dem Faschismus verknüpft. Andererseits besteht eine latente Totalität. Sie äußert sich im Wesen der Gesellschaft durch die bürokratisierte Kontrolle der Staaten über seine Mitglieder. Diese Menschen sind völlig integriert und an das System gebunden.


  • Mimesis (Nachahmung) der Natur

Adorno zeichnete allerdings eine gewisse Hoffnung für den Menschen. Durch ein sogenanntes mimetisches Verhalten soll sich an die Natur als Gegenüber angelehnt werden. Das bedeutet nicht die völlige Aufgabe der Vernunft oder das Ergeben an die Natur, sondern eine andere Auffassung der Natur als die instrumentelle Vernunft es tut.


  • Kunst als Indikator

Für Adorno ist die Kunst ein gewisser Rückzugsort. Dort kann der Mensch durch ästhetische Erfahrungen noch einen Naturbezug spüren. Dadurch könnte er erfahren, dass die Instrumentelle Rationalität grausam ist. Kunst ist daher ein Indikator für das Bewusstsein der Menschen, ob sie ihr Leid und gesellschaftliche Alternativen noch erkennen.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Frankfurter Schule[Bearbeiten]

Als Frankfurter Schule wird eine Gruppe von neomarxistischen Forschern beschrieben, die sich im Institut für Sozialforschung in Frankfurt a.M (D) niedergelassen haben. Besonders hervorgetan haben sich dabei Max Horkheimer und Theodor Adorno, die die Kritische Theorie entwickelten. Sie hatte enorme gesellschaftliche Wirkung in Deutschland, insbesondere auf die Außerparlamentarische Opposition, die Studierendenbewegung der späten 60ger Jahre und auf die Neue Linke.

Das Institut für Sozialforschung wurde ab 1931 von Max Horkheimer geleitet. Er führte die Zeitschrift für Sozialforschung ein. Darin wurde die Kritische Theorie ausführlich öffentlich diskutiert. Bedeutende weitere Persönlichkeiten waren unter anderen Theodor Adorno, Herbert Marcuse, Erich Fromm und Friedrich Pollock. Im Jahr 1933 musste das Institut unter dem Nationalsozialismus geschlossen werden und verlegte den Hauptsitz nach New York. Nach dem Krieg kehrten 1949 Max Horkheimer und Theodor Adorno wieder nach Frankfurt a.M. zurück und gründeten das Institut für Sozialforschung neu. Die Zeit des Nationalsozialismus und der Holocaust prägten die Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie enorm.


Extremer Pessimismus[Bearbeiten]

Die Kritische Theorie ist von einem extremen Pessimismus gekennzeichnet. Dieser hat sich besonders auf die deutsche Gesellschaft ausgewirkt. Dieser extreme Pessismus kann im Sinne der Kritischen Theorie selbst als zeitgeprägt aufgefasst werden. Die Theorie wurde durch den Nationalsozialismus im Besonderen geformt. Im Pessimismus kommt dann dieses (nationalsozialistische) machttheoretisch geprägte apokalyptische Bild von der Gesellschaft hervor.


Jürgen Habermas[Bearbeiten]

Jürgen Habermas zählt zu den Vertretern der Frankfurter Schule. Er lebt aber zeitlich etwas später.

Critical legal studies[Bearbeiten]

Die critial legal studies oder auch Kritische Rechtslehre wurde durch die Kritische Theorie verursachend beeinflusst. Sie entstand in den späten 60gern und hatte ihre Blützeit in den 80-igern. Dabei wurden die Ideen von Marx, Adorno und Marcuse auf das Recht angewandt. Die Bewegung verwendete die Kritische Theorie für das Rechtssystem und kam so beispielsweise zu dem Ergebnis, dass das Recht den Mächtigen und Reichen nutze und diskriminierte Personen wie Arme, Frauen, Homosexuelle oder Personen der Arbeiterklasse benachteilige und damit die bestehenden Verhältnisse stabilisiere.

Literatur[Bearbeiten]

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Internetquellen[Bearbeiten]

Podcast-Tipp[Bearbeiten]

Soziopod #020: Frankfurter Schule – Die Verflüssigung der Macht

Alexander, Jeffrey[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Alexander Jeffrey


Ausbildung:
  • B. A. Harvard College, 1969, Abschluss mit "Cum Laude"
  • Ph. D. University of California, 1978


Beruflicher Werdegang:
  • Dozent an der University of California, Berkely von 1974 bis 1976
  • Ass.-Prof. an der University of California, Los Angeles von 1976 bis 1981
  • Professor an der University of California, Los Angeles von 1981 bis 2001, danach Emeritierung
  • Dozent an der "School of Social Science" des dortigen Instituts für Advanced Studies in Princeton, New Jersey von 1985 bis 1986
  • Dozent am Schwedischen Collegium für Advanced Study der Sozialwissenschaften in Schweden in den Jahren 1992 und 1996
  • Dozent am Center for Advanced Study der Verhaltensforschung in Stanford von 1998 bis 1999
  • Professur an der Yale University von 2001 bis 2004


  • Lilian Chavenson Saden Professor of Sociology an der Yale University seit 2004
  • Ständiger Gastprofessor an der Universität Konstanz seit 2004


Weitere Tätigkeiten:
Gastprofessuren: Nankai University (1989), Hebrew University (1993), University of Bordeaux (1994), Ecole des Hautes Etudes des Siences Politiques (1993), Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (1994, 2001), Konstanz University (2002).
Mit Ron Eyeerman zusammen ist er Co-Direktor des Center for Cultural Sociology (CCS)


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Als Student des Harvard Colleges und als Hochschulabsolvent der University of California (vom Ende der 1960er bis Anfang der 1970er) nahm Alexander an diversen Studentenprotestbewegungen teil und entwickelte sich in seinen ersten beiden Studienjahren in Berkeley zu einem intellektuellen Marxisten. Er wurde darüber hinuas mit dem Gedankengut des Sozialwissenschafters Fred Block vertraut und beschäftigte sich intensiv mit der Zeitschrift "Socialist Revolution" (später "Socialist Review").

Großen Einfluss auf seine Entwicklung hatten sicherlich die Studentenbewegungen in den 60ern und 70ern sowie der Watergate-Skandal in den frühen 70ern. Letzteren nahm er zum Anlass, über die kulturellen Werte der Amerikaner sowie über die stark geteilte Amerikanische Gesellschaft nachzudenken. Er befasste sich mit der Entstehung der Verfassungskrise und versuchte diese zu erklären.

Nachdem er sich politisch vom Revolutionär zum demokratischen Sozialisten (und mitunter zum Linksliberalen) entwickelt hatte, stellte er nach und nach fest, dass er in diesen ersten drei Jahren eine entscheidende intellektuelle Phase durchlebt hatte. Dies verdankte er u.a. Neil Smelser, Robert Bellah und Leo Lowenthal, bei denen er Kurse besuchte und deren Werke er schließlich auch in seiner Disseration reflektierte.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Alexander beruft sich, wie auch andere Neofunktionalisten, auf Talcott Parsons, eine in den 50er Jahren konkurrenzlose Leitfigur soziologischer Theorie. Während Alexander versucht, die Theorie Parsons weiterzuentwickeln, zählt er gleichzeitig zu dessen Kritikern. Einerseits konnte, so Alexander, Parsons Modell vom Sozialsystem nur in den fünfziger Jahren, als die USA als Wirtschaftswunder galt, nicht jedoch in den darauf folgenden Krisenjahren bestätigt werden. Einen weiteren Problempunkt sieht Alexander in Parsons Theorie „Veränderungen am Zustand eines Gleichgewichts als Idealzustand zu messen“, was Parsons allerdings als früherer Dozent für Ökonomie nur als heuristisches Modell verstanden hatte. Alexander gilt neben anderen Neofunktionalisten als einer der wenigen Weiterdenker von Parsons. Neben einer allgemeinen Wiederbesinnung auf den soziologischen Klassiker soll eine Einbeziehung der historischen Dimension stattfinden.

Auch Emile Durkheims Schaffen hatte auf Alexanders Werk Einfluss. Vor allem seine Ausführungen über Religion zur Erklärung des Wandels der Bewertungen haben seinem Aufsatz über den "Watergate Skandal" eine zusätzliche intellektuelle Dimension verliehen.


Werke[Bearbeiten]

Publikationen:
Theoretical Logic in Sociology (University of California Press and Routledge Kegan Paul, 1982-1983)
vol. I: Positivism, Presuppositions, and Current Controversies
vol. II. The Antinomies of Classical Thought. Marx and Durkheim.
vol. III: The Classical Attempt at Syntheesis: Max Weber.
vol. IV: The Modern Attempt at Synthesis: Talcott Parsons.
auch in japanischer Übersetzung
Twenty Lectures: Sociological Theory Since World War II (Columbia University Press, Hutchinson, 1987)
auch in ungarischer, spanischer, koreanischer und chinesischer Übersetzung
Action and Its Environments: Towards a New Synthesis (Columbia University Press, 1988)
Structure and Meaning: Relinking Classical Sociology (Columbia University Press, 1989)
Fin-de-Siècle Social Theory: Relativism, Reduction and the Problem of Reason (Verso, 1995)
auch in chinesischer Übersetzung"
Neofunctionalism and After. (Basil Blackwell, 1998)
auch in chinesischer und portugisischer Übersetzung"
Zuletzt veröffentlicht:
The Meanings of Social Life: A Cultural Sociology. (Oxford University Press, 2003)
Cultural Trauma and Collective Identity mit Eyerman, Giesen, Smelser und Sztompka (University of California Press, 2004)
The Civil Sphere (Oxford University Press, 2006)
Essaysammlungen in Übersetzung
Sociología cultural. Formas de clasificación en las sociedades complejas. (Barcelona: Anthropos, 2000)
La Réduction: Critique de Bourdieu (Paris: le Cerf, 2000)
Neo kino shugi to shimin shakai (Neofunctionalism and Civil Society) (Tokyo: Koseisha-Koseikaku Co., Ltd., 1996)
Soziale Differenzierung und kultureller Wandel: Studien zur Neofunktionalistischen Gesellschaftstheorie (Frankfurt: Campus Verlag, 1993)
Teoria sociologica e mutamento sociale. Un'analisi multidimensionale della modernità. (Rom: Franco Angeli, 1990)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Von Anbeginn seiner soziologischen Tätigkeit beschäftigt sich Alexander mit dem sozialen Handeln. Heute sieht er Handeln als „multidimensional“ an, da er „Handeln nicht als entweder instrumentell oder normativ“ begreift, „sondern als beides zu gleich“. Handeln solle auch nicht als eindimensional gelten, sondern durch interne und externe Strukturen geordnet dargestellt werden. Als Analyseinstrument, welches sich sowohl für Mikro- als auch für Makroprozesse eignet, hat Alexander folgenden Handlungsbezugsrahmen ausgearbeitet: personality, cultural system & social system -> action (interpretation/strategization). Es ist unschwer zu erkennen, dass Alexander diese 3 Handlungsumwelten von Parsons übernommen hat, der erstmals die Unterscheidung zwischen Persönlichkeitssystem, kulturellem und sozialem System vorgenommen hat.

Immer wieder hat sich Alexander mit kulturellen Werten (am Beispiel des Watergate-Skandals, des Holocaust, etc.)beschäftigt und dazu Kultur als "für das Verhalten begrenzend wirkend" definiert. Unser Verhalten wird durch die Verinnerlichung von kulturellen Standards sowie durch das Empfinden verschiedener Erwartungen von außen, gehemmt. Damit grenzt sich Alexander von Parsons Sichtweise über das Wirken von Normen auf das Verhalten ab.

Auszüge aus einem Interview mit Jeffrey Alexander[Bearbeiten]

I: Warum die Wendung zur Kultur in der Amerikanischen Soziologie, und warum erst vor kurzem?

A: Es gibt kein bestimmtes tragisches Ereignis oder einen soziologischen (social) Grund. Sinnsuche war immer schon ein zentrales Thema in den Humanwissenschaften. Es soll zentral sein und war es auch, von Dewey and Mead zu Parson. Die Frage ist warum, sie im Interregnum von Anfgang der 70er bis in die Mitte der 90er gefehlt hat. Die Antwort war eine Rebellion gegen den Parsonianismus. Genau dieser Rebellion hat er sich in „Twenty Lectures: Sociological Theory since World War II“ gewidmet.

I: Im zunehmenden Interesse an der Kultursoziologie scheint es ein gleichzeitiges Aufleben vom Spätschaffen Durkheims zu geben. Vor 17 Jahren haben Sie die Kollektion „Durkheimian Sociology“ herausgegeben worin sie beschreiben wie viele prominente Geisteswissenschaftler, die sich von Durkheim beeinflussen ließen, diesen Einfluss aber dann nicht zugaben. Welche Rolle spielt Durkheims Religionssoziologie in der Theorie heute und geben diese Wissenschaftler nun zu, dass er Einfluss auf ihre Arbeiten hatten?

A: Wie Philip Smith und ich in der Einleitung zu „The Cambridge Companion to Durkheim“ – die in den nächsten Monaten herauskommen soll – gab es eine dramatische Verschiebung was die Interpretation Durkheims betrifft. Eben die spätere Arbeit, die Religionssoziologie ist nun im Mittelpunkt. Die früheren und mittleren Arbeiten, die mehr soziologischen und mechanischen Schriften sind heute weniger interessant und gewichtig. Das ist eine sehr wichtige Verlagerung und sie reflektiert neue theoretische Interessen in der Soziologie und Anthropologie. Welche Rolle dieser späte Durkheim heute spielt ist schwierig zu sagen. Wenn wir diesen Einfluss durchdringen durch die Zeichensprache, Rituale und Diskurse, wie ich glaube, dass wir es tun müssten, dann hat diese späte Arbeit einen ziemlich weiten Einfluss erlangt. Und, ja, Autoren geben es nun zu zB. Randall Collins.

I: Sie scheinen sehr kampfbereit in Ihrem paradigmatischen Ringen einerseits zu fördern andererseits eine Sinn-orientierte Kultursoziologie in den US zu begründen (Gregor McLennan beschreibt diese Ringen als „ein Bemühen die „neue Amerikanische Kultursoziologie“ als die führende Marke im kulturtheoretischen Marktplatz zu begründen). Wie erfolgreich war ihr Projekt bisher, und worin hat sich dieser Erfolg am meisten manifestiert? Weiters, was sind für Sie die hauptsächlichen Hindernisse um das Ziel Legitimität für das „strong program“ (starke, engerische Programm) in der Kultursoziologie als Bereich zu geben? Für einen Außenstehenden scheint dies ein sehr anspruchsvolles Bestreben zu sein, vor allen wenn man sich die momentan dominante Annäherung der „Entstehung von Kultur“ (production of culture) ansieht.

A: Ich kann nicht sagen ob es bisher erfolgreich war – was meine Anstrengungen eine Alternative zur „Entstehung von Kultur“ zu kreieren - betrifft. Wenn Sie sich die Serien, die ich bei Cambridge herausgegeben habe ansehen (Cultural Social Studies), sehen Sie 50 Bücher, von denen keine auf die entstehungsorientiert ist. Diese Reihe hatte einen ziemlichen Einfluss auf die Amerikanische Soziologie and gab den Nährboden für eine strengere Programmannäherung. Amerikanische Soziologie, wie die Britische oder Französische ist sehr auf Reduzierung ausgerichtet, wenn es um Kultur/Ideologie geht – ich habe das als „schwache Programm“-Annäherung bezeichnet. Es gibt offensichtliche Gründe dafür in der soziologischen Konzeption selbst. Es gibt ein Bestreben die Soziologie in eine Naturwissenschaft zu verwandeln.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Immer wieder beschäftigt sich Alexander in seinen Aufsätzen mit realen Sachverhalten, wie dem oben bereits erwähnten "Watergate-Skandal". "Für uns", so schreibt Erwin K. Scheu, "wird aber gerade am Erklärungsgegenstand Skandal Watergate der Verdacht dichter, es handle sich hier weitgehend nicht um den Vorschlag einer weitergehenden Erklärung, sondern um eine façon de parle."


Internetquellen[Bearbeiten]

Allport, Gordon W.[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Allport Gordon Willard


  • geboren am 11. Nov. 1897 in Montezuma, Indiana als jüngster von vier Brüdern (Harold, Floyd, Fayette and Gordon)


  • Vater: John Edwards Allport (* 1863), Landarzt; Mutter: Nellie Edith (Wise) Allport (* 1862), Lehrerin

Allport wuchs in Glenville (Cleveland), OH auf. Er beschrieb sein Elternhaus später als gekennzeichnet durch Einfachheit, protestantischer Frömmigkeit und harte Arbeit. Er galt als eher ruhig und introvertiert und war von frühester Kindheit an hauptsächlich umgeben von Krankenschwestern und Patient/inn/en.

Sein älterer Bruder Floyd (1890 – 1978) besuchte ebenso wie Gordon die Harvard Universität und lehrte später Sozialpsychologie und politische Psychologie an der Syracuse University’s Maxwell School of Citizenship and Public Affairs. Er gilt als Mitbegründer der zeitgenössischen Sozialpsychologie. Die Zusammenarbeit zwischen ihm und Gordon beschränkte sich auf zwei frühe Arbeiten in den 1920er Jahren. Ihre Zugänge zur Psychologie veränderten sich später in unterschiedliche Richtungen und sie verzichteten auf weitere gemeinsame Veröffentlichungen. Nichtsdestotrotz vertraute Gordon immer auf Floyds Rat und objektive Kritik.

1915 beendet Allport die Glenville Highschool als Zweitbester von 100 Schülern.

1915-1919 studiert er an der Universität in Harvard mit besonderem Interesse an Psychologie und Sozialethik. Während dieser Zeit betätigt er sich ehrenamtlich in der Sozialarbeit, betreibt Feldforschung im Westen Bostons und in einigen Organisationen u.a. dem Phillips Brooks House.

1919-1920 lehrt er Englisch und Soziologie am Robert College in Istanbul

1920: trifft er Sigmund Freud in Wien, bei dem Freud eine Beobachtung Allports falsch interpretiert. Diese Erfahrung führt bei Allport zu einer lebenslangen Vorsicht gegenüber zu raschen psychoanalytischen Urteilen und einer kritischen Betrachtung der Tiefenpsychologie.

1920-1922 arbeitet Allport an seiner Doktorarbeit in Psychologie. 1922 erhält er seinen Ph.D. für seine Arbeit „An Experimental Study of Traits of Personality: With Special Reference to the Problem of Social Diagnosis”

1922-1924: Allport reist für weitere Studien nach Europa: 1922 – 1923 studiert er in Berlin und Hamburg, 1923-1924 an die Cambridge University, UK. Während seiner Zeit in Deutschland erlangt Allport ein tiefes Verständnis der damaligen deutschen psychologischen Forschungen. Er schreibt später, dass Deutschland ihn von seinem (jugendlichen) Vertrauen in den Behaviorismus befreite und er dort eine Psychologie fand nach der er immer suchte, von der er aber nicht wusste, dass sie tatsächlich vorhanden war. In England beschäftigte er sich vor allem mit den zuvor in Deutschland gewonnenen Eindrücken und Erfahrungen zur Psychologie.

1925 heiratet Allport Ada Lufkin Gould. Ihr gemeinsamer Sohn, Robert, wurde später Kinderarzt.

1924–1926 arbeitet er als Dozent in Sozialethik an der Harvard Universität. 1924/1925 hält er die erste Vorlesung zum Thema „Personality: Its Psychological and Social Aspects“ in Harvard (die erste zu diesem Thema angeboten Vorlesung in den gesamten USA)

1926–1930: Assistenzprofessor der Psychologie am Dartmouth College (Einführungskurse, Sozial- und Persönlichkeitspsychologie)

1930-1967 lehrt Allport an der Universität Harvard (bis 1937 Assistentsprofessor, 1937-1942 außerordentlicher Professor, 1942–1967 Professor)

1939–1946 Vorsitzender des „Psychological Departments“ in Harvard

1937–1948 Herausgeber des „Journal of Abnormal and Social Psychology“

1939 Präsident der „American Psychological Association“ (APA)

1944 Präsident der „Society für the Psychological Study of Social Issues“ (SPSSI)

1946 Mitbegründer des “Department of Social Relations” in Harvard (ua. mit Talcott Parsons), welches die Sozial-, Persönlichkeits- und klinische Psychologie kombinierte mit Kulturanthropologie und Soziologie.

1964 erhält Allport den “Distinguished Scientific Contribution Award to Psychology” der American Psychological Association

9. Okt. 1967 stirbt Gordon W. Allport in Cambridge, MA an Lungenkrebs

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Gordon Allport hatte eine sehr behütete und ruhige Kindheit. Sie war geprägt von dem Glauben seiner Mutter, harter Arbeit und einem medizinischen Umfeld.

In seiner Zeit als Student in Harvard arbeitet er ehrenamtlich in verschiedenen Sozialeinrichtungen. Diese Erfahrungen weckten in ihm das Interesse für Persönlichkeitswesenszüge und deren Auswirkung auf das soziale Verhalten.

Allport war Zeit seines Lebens ein religiöser Mensch. Ein besonderes Interesse für Religionspsychologie entwickelte er allerdings zur Zeit des zweiten Weltkrieges. Die Ereignisse dieser Zeit in Europa weckten in Allport das Interesse an Korrelationen zwischen Antisemitismus bzw. Rassismus, Persönlichkeitsmerkmalen und Religion. In dieser Zeit entstanden auch seine Arbeiten zur Vorurteilsforschung.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

In seiner Zeit als Student wurde Allport vor allem von Hugo Münsterberg beeinflusst. Dieser gilt zusammen mit William Stern, Walter Dill Scott und Jean-Maurice Lahy als Gründer der Angewandten Psychologie.

Mit 22 Jahren besuchte Allport Sigmund Freud in seiner Praxis in Wien. Dieser hat Allport,wider Erwarten, mit Schweigen erwartet. Um das Eis zu brechen, erzählte Allport von einer Beobachtung eines Jungen mit Schmutzphobie, die er zuvor gemacht hatte. Freud entgegnete ihm darauf mit der Frage, ob Allport selbst dieser Junge sei. Diese Fehlinterpretation von Freud, der das Motiv für die Erzählung dieser Geschichte verkannte, brachte Allport zur Erkenntnis, dass die Tiefenpsychologie vielleicht in gewissen Bereichen „zu tief“ graben würde anstatt zuerst augenscheinliche und manifeste Motive zu erkennen. Diese Einsicht spiegelt sich später auch in Allports Konzept der „funktionellen Autonomie“ wider.

Die entscheidenden Eindrücke für seine Auffassung und Sicht der Psychologie erhielt Allport während seiner Europareise 1922 – 1924. In Hamburg lernte er William Stern kennen, in Berlin studierte er mit den Gestaltpsychologen Wertheimer, Stumpf und Köhler. Diese prägten Allports Betrachtung der Gesamtheit der Persönlichkeit. Auch Eduard Sprangers Arbeiten zu Wertvorstellungen beeinflussten den jungen Wissenschaftler. Später entwickelte Allport gemeinsam mit Philip Vernon einen Test („A Study of Values“ 1960) um Sprangers Unterscheidung in sechs verschiedene Wertebegriffe empirisch zu bestätigen. Neben der Ganzheitlichkeit der Persönlichkeit lernte er in Deutschland auch eine geistige Haltung kennen, die den Menschen als selbstbestimmende Quelle von Handlungen und zielgerichteten Akteur begreift. Dieses Verständnis der Persönlichkeit geht zurück auf Leibniz und wurde von Kant und dem deutschen Idealismus wieder aufgegriffen und erweitert. Allport wurde von dieser geistigen Haltung stark beeinflusst. In Frankreich studierte er mit Frederik Barlett und Ivor A. Richards.

1924 bis 1926 lehrte Allport im Rahmen einer Dozentenstelle Sozialethik in Harvard. In dieser Zeit wurde er stark von Richard Clarke Cabot (1868 – 1939), Mediziner und Professor für Kardiologie und Sozialethik in Harvard, geprägt. Dieser begründete in Harvard eine psychologische Ausbildung für Theologen, die im Bereich der Seelsorge tätig waren. Sowohl Cabot als auch Allport vertraten die Ansicht, dass der Mensch in sich eine Sehnsucht nach einer Beziehung zu Gott tragen würde.

Darüber hinaus wurde Allport von William James, geprägt, dessen psychologische Studien u.a. Grundideen der Gestaltpsychologie vorwegnahmen und als wichtige Grundlage für die Religionspsychologie dienten. Weiters wurde Allport von William McDougall beeinflusst, der die Bedeutung des inneren Antriebs und zielorientierten Verhaltens sowie des Bewusstseins hervorgehoben hatte.


Werke[Bearbeiten]

Allport, G.W. (1937): Personality: A psychological interpretation. New York: Henry Holt.

Allport, G.W. (1942): The use of personal documents in psychological science. (Bulletin 49). New York: Social Science Research Council.

Allport, G. W. (1950): The individual and his religion. New York: Macmillan.

Allport, G. W. (1954): The nature of prejudice. Reading, MA: Addison-Wesley.

Allport, G. W. (1955): Becoming: Basic considerations for a psychology of personality. New Haven: Yale University Press.

Allport, G. W. (1960): Personality and social encounter. Boston, MA: Beacon

Allport, G. W. (1961): Pattern and growth in personality. New York: Holt, Rinehart and Winston.

Allport, G. W. (1965): Letters from Jenny. New York: Harcourt, Brace and World.

Allport, G. W. (1968): The person in psychology: Selected essays by Gordon W. Allport. Boston, MA: Beacon Press. (postum erschienen)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Allports Verständnis der Psychologie[Bearbeiten]

Die Psychologie Mitte des letzen Jahrhunderts war wie bereits erwähnt von vielen gegensätzlichen Ansätzen geprägt. Allport nahm aktiv an der Diskussion über Richtungen der Psychologie teil. Er sah die Vielfalt an Strömungen und Ansichten in der Psychologie grundsätzlich als positiv an. Für ihn befand sich die Psychologie im Anfangsstadium, in dem jede Wissenschaft versuchen sollte, zum Einen eine breite Basis zu schaffen, von welcher einzelne Arbeitsbereiche ausgingen und zum Anderen eine Übereinstimmung zu finden, welche Bestandteile die Psychologie haben sollte, um sich von anderen Wissenschaften abzugrenzen.

Wogegen sich Allport allerdings strikt aussprach waren Richtungen in der Psychologie die versuchten, Dogmen aufzustellen, womit sie andere Sichtweisen prinzipiell und in jedem Fall ablehnten. Diese Bestrebungen sah er vor allem in jenen Richtungen gegeben, die auf dem Empirismus und Sensualismus John Lockes und David Humes aufbauten: Behaviorismus, Reiz-Reaktions-Psychologie, Tier-Psychologie, Positivismus und logischer Empirismus.

Allports Auffassung nach verkannten jene Sichtweisen, die den Menschen als anfängliche tabula rasa, als unbeschriebene Tafel, verstanden, welche durch spätere Erfahrungen „beschrieben“ werden sollte und den Menschen lediglich als ein Opfer der Bedürfnisse des eigenen Organismus darstellten, gewisse Aspekte wie Eigenstreben, Wertorientierung, Zielsetzungen und Absicht. Sie wären somit nur unzureichend in der Lage, die Persönlichkeit in ihrer Vielschichtigkeit zu erklären.


Forschung und Methode[Bearbeiten]

Empirie

Durch die Forschung gewonnene Daten stellten für Allport „Rohmaterial“ dar, das dazu dienen sollte Hypothesen zu stützen bzw. zu verifizieren. Erst in einer Kombination von Hypothesen und empirischen Studien sah er eine Möglichkeit, die herrschende Uneinigkeit über die Persönlichkeit zu verringern und der wahrscheinlichen Wahrheit näher zu kommen. Ohne Empirie müsste man These und Gegenthese als gleichberechtigt ansehen, da einem jegliche Möglichkeit zur Festigung der These gegenüber Kritikern fehlen würde.

Trotz der Anerkennung des Stellenwertes empirischer Untersuchungen wies er aber darauf hin, dass der moderne Positivismus, welcher nur solche Begriffe in die Psychologie aufzunehmen bereit ist, auf die unmittelbar durch Untersuchungen geschlossen werden kann, als Instrument zur Erklärung der komplexen Zusammenhänge der Persönlichkeit unzureichend ist.

Allport vertrat also die Ansicht, dass weder die spekulative noch die streng empirische Methode in der Lage wäre, den bisherigen Erkenntnisstand der Psychologie fruchtbar zu erweitern. Er sprach diesen Methoden allerdings keinesfalls ab, dass sie in gewissen Bereichen durchaus ihre Berechtigung hätten, allerdings wären sie zu beschränkt um die Gesamtheit einer Persönlichkeit zu erfassen.


Nomothetischer und idiographischer Ansatz

Allport sah die Persönlichkeitsforschung in einem besonderen Spannungsfeld zwischen dem wissenschaftlichen Streben nach Erforschung allgemein gültiger Gesetze und der individuellen Komplexität menschlicher Persönlichkeit. Die Wissenschaft als nomothetische Disziplin will Gesetzmäßigkeiten erforschen, die Individualität kann wiederum nur idiographisch, durch Erfassung des Menschen in seiner Einzigartigkeit, untersucht werden.

Allport kritisierte die nomothetische Methode insofern, als sie seiner Ansicht nach,nicht in der Lage sei, die innere, einzigartige Konstellation einzelner Eigenschaften, spezifischer Abhängigkeiten und Zusammenhänge zu erfassen. Eine Beschreibung von Personen mit Hilfe allgemeiner Eigenschaften berühre allenfalls die Oberfläche. Die Persönlichkeit war für Allport auch keinesfalls eine Überschneidung einzelner quantitativer Variablen.

Doch Allport verkannte auch die Vorteile der nomothetischen Methode nicht und gestand ihr sogar in bestimmten Bereichen der Psychologie großen Nutzen zu. Er kritisierte lediglich jene Psychologen, die diesen Zugang zur Materie als einzig möglichen Weg begriffen haben.


Allports eigene Psychologie[Bearbeiten]

Allport selbst beschreibt seine Psychologie als humanistisch, insofern, als damit die uneingeschränkte Betrachtung aller Aspekte des Seins hervorgehoben wird und in der Weise als personalistisch, als es ihr Ziel ist die Entwicklung konkreter einzigartiger Personen zu begreifen und vorherzusagen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich Allport für eine breite Betrachtung der Persönlichkeit aussprach, die sowohl universelle, kulturelle oder gruppenspezifische aber auch individuelle Aspekte berücksichtigt.


Arbeitsgebiete[Bearbeiten]

Persönlichkeitspsychologie[Bearbeiten]

Gordon Allports Ziel war eine Persönlichkeitstheorie die ein theoretisch entwickeltes, empirisch verifiziertes und praktisch umsetzbares Modell der Wirkung von Persönlichkeitswesenzügen auf das soziale Verhalten zum Ausdruck bringen sollte.


Das „Proporium“

Im Laufe seiner Arbeit beschäftigte sich Allport u.a. mit Strömungen der Persönlichkeitsforschung, die Menschen als reaktives Wesen verstanden und Begriffe wie Selbst, Seele oder Ich aus ihrer Psychologie verbannten. Grund für diese Verbannung war die Anfälligkeit jener Worte für überirdische, mystische Zuschreibungen. In weiterer Folge versuchte man das Streben der Menschen ohne eine innere Instanz, das Selbst, zu erklären. Bald wurde allerdings erkannt, dass dieser Ansatz nicht in der Lage war bestimmte beobachtbare Verhaltensweisen im Menschen zu erklären.

Allport kam durch seine Beschäftigung mit diesen Ansätzen zu Ansicht, dass nur durch eine Beachtung eines für das Individuum zentralen Bereiches der Persönlichkeit („Sein“, „Seele“, „Ich“) bestimmte beobachtbare Zusammenhänge verschiedener Handlungen und Verhaltensweisen zureichend erfasst werden könnten. Er war sich allerdings dem Mangel an Objektivität und Wissenschaftlichkeit der zuvor genannten Begriffe durchaus bewusst, dies veranlasste ihn zu einer Begriffsneubildung: dem „Proporium“.

Allport betont, dass das Proporium keinesfalls als überirdische Instanz zu verstehen sei, der alle Phänomene zuzuschreiben wären, die man nicht erklären kann. Er versucht dieses vielmehr als Funktion der Gesamtpersönlichkeit zu begreifen, die es dem erwachsenen Menschen erlaubt sein Leben eigenbestimmt und aktiv zu führen, auf innere und äußere Eindrücke kreativ zu reagieren, Werte zu bilden und „für die Zukunft zu planen.“

Das Proporium ist nicht von Kindesalter an voll ausgebildet, es macht eine Entwicklung durch, die Allport in sieben Prozesse unterteilt:

  1. Wahrnehmung des körperlichen Selbst: Die Wahrnehmung des eigenen Körpers, das Körpergefühl entwickelt sich während der ersten beiden Lebensjahre.
  2. Selbst-Identität: Sie entwickelt sich ebenfalls in den ersten beiden Lebensjahren. Das Kind begreift sich als fortdauerndes und individuelles Wesen.
  3. Selbstachtung: Zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr erkennt der Mensch u.a. dass er für sich und andere einen bestimmten Wert hat.
  4. Selbstausdehnung: Während des vierten bis sechsten Lebensjahres beginnt das Kind sich mit bestimmten Dingen zu identifizieren („mein“) und erweitert so seine Wahrnehmung des Selbst.
  5. Selbstbild: Einhergehend mit der Selbstausdehnung entwickelt sich auch unser Selbstbild. Es ist die Erkenntnis darüber, wie man von anderen gesehen wird, wie man auf also auf andere wirkt.
  6. Das rationale Ich: Zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr lernt das Kind Probleme rational und effektiv zu lösen.
  7. Eigenstreben, propriates Streben: Eigenstreben entwickelt der Mensch meist ab dem zwölften Lebensjahr. Er definiert Ziele und Pläne und sucht nach dem Zweck seines Daseins. Der Höhepunkt dieses Strebens wird für Allport erreicht, sobald der Mensch sich seines Daseins und seiner Möglichkeiten vollkommen bewusst ist. Dadurch ist er in der Lage, sein Leben selbstbestimmt zu führen („Selbst als Wissender“).
    Achtung: Es ist nicht ganz klar, ob das „Selbst als Wissender“ eine weiter Entwicklungsphase darstellt, oder rein als „vollendete“ Form des Eigenstrebens zu verstehen ist.

Die Existenz eines proprialen Bereiches ist für Allport auch eine essentielle Voraussetzung für humane Handlungen, die den Menschen vom Tier abgrenzen. Diese Funktion ermöglicht ihm, sich in bestimmten Bereichen über die biologische Veranlagung hinwegzusetzen. Diese Fähigkeit nötigt den Mensch wiederum dazu, sich durch „etwas“ selbst zu bestimmen. Dieses „etwas“ nennt Allport das Proporium.


Funktionelle Autonomie

Mit dem Konzept der funktionellen Autonomie verweist Allport auf die Unabhängigkeit vieler Motive von Primärantrieben und Grundbedürfnissen. Es stellt damit einen direkten Gegenpol zum Behaviorismus und zur Tiefenpsychologie dar.

Allport bezweifelte, dass der einzelne Mensch durch einen Blick in seine Vergangenheit verstanden werden könne. Er sah dessen heutige Motive im Gegensatz zu anderen bekannten Psychologen als funktionell unabhängig von ihren Ursprüngen. Mit zunehmender Reife des Individuums werden Motive aus der Vergangenheit immer schwächer und der Grad an Autonomie der individuellen Kräfte kennzeichnet für ihn die Reife eines Menschen.

Ein Mensch kann sich in jungen Jahren zum Beispiel für einen bestimmten Beruf entscheiden, weil er mit einer besonderen Arbeitsplatzsicherheit oder hohem Verdienst verbunden ist, später bleibt er allerdings in diesem Beruf weil er ihm Spaß macht.

Ein Motiv kann seinen Ursprung zwar in den spannungsreduzierenden Motiven der Kindheit/Jugend haben, jedoch im Erwachsenenalter davon unabhängig werden. Dienten die Handlungen ursprünglich der Befriedigung eines Triebes oder eines Bedürfnisses, so dienen sie im späteren Leben sich selbst bzw. der Identität.

Allport unterscheidet zwei Arten der funktionellen Autonomie:

  • persevative funktionelle Autonomie: diese bezieht sich auf Gewohnheiten: das ursprüngliche Motiv bestimmter Verhaltensweisen ist bereits verschwunden, trotzdem werden sie beibehalten (z.B. jemand fängt aufgrund von Gruppenzwang in der Jugend an zu rauchen, er hört als Erwachsener allerdings nicht mehr damit auf. oder: Der Ausspruch „Gesundheit“ hatte früher, als Niesen noch ein Symptom für die Pest sein konnte eine andere Bedeutung als heute)
  • propriate funktionelle Autonomie: diese bezeichnet Motivsysteme die stark an die Persönlichkeit gebunden sind (zB. Werte, Interessen, Lebensstil).

Die „propriate funktionelle Autonomie“ bezeichnet Motive eines Erwachsenen, die bestimmten internalisierten Werten entspringen. Ein solcher Wert kann Motiv für eine bestimmte Zielsetzung und damit verbundene Handlungen sein. Dies hat zur Folge, dass gewisse Handlungen erst durch ein Wissen über die individuellen Wertsetzungen von Anderen plausibel begründet werden können.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Vernon und Lindzey entwickelte Allport aufbauend auf dem Konzept der „propriaten funktionellen Autonomie“ Tests, um Werteinstellungen (in Anlehnung an Sprangers sechs Dimensionen der Persönlichkeitswerte) empirisch erfassen zu können.

Allports Motivationstheorie unterscheidet sich zwar von anderen Theorien, die jegliche Motivation durch Triebe bedingt sehen, dennoch anerkennt er, dass dies in den ersten Lebensjahren des Kindes und auch in begrenzten Bereichen des Erwachsenenlebens durchaus Bedeutung hat. Zur Erklärung jeglicher Motivationen sieht er sie allerdings als unzureichend. Allport weißt aber auch darauf hin, dass das Motiv-System der funktionellen Autonomie nur einen Teil der menschlichen Motive betrifft und nicht die Gesamtheit einer Persönlichkeit oder ihrer Motive erklärt. Diese Art der Motivation setzt erst mit Beginn der Pubertät ein.


Persönlichkeitswesenszüge (Dispositionen, Merkmale, engl: traits)

Unter Dispositionen versteht Allport einmalige, persönliche Eigenschaften, die im Menschen veranlagt sind. Nach außen treten diese Eigenschaften in Form von bestimmten, wieder zu erkennenden Mustern in unseren Handlungen.

Allport nennt drei verschiedene Arten von Wesenzügen:

  • Zentrale Merkmale: Sie bilden das „Fundament der Persönlichkeit“ und werden von anderen verwendet, um eine Person zu beschreiben (z.B. schlau, dumm, wild, zurückhaltend). Meist vereint ein Mensch fünf bis zehn solcher Merkmale in sich.
  • Sekundäre Merkmale: Sie sind weniger offensichtlich, allgemein und konsistent als zentrale Merkmale. Vorlieben, Einstellung, situative Merkmale sind Beispiele für sekundäre Merkmale (z.B. er wird sauer wenn man ihn kitzelt).
  • Kardinalmerkmale: Sie stellen ein, eine Persönlichkeit in ihrer Gesamtheit beeinflussendes Merkmal dar und kennzeichnen grundsätzlich das gesamte Leben eines Menschen (z.B. jemand strebt sein Leben lang nach Ruhm und Geld). Meist bilden Menschen nur wenige oder gar kein solches Merkmal aus.

Darüber hinaus weißt Allport auch auf die Bedeutung der jeweiligen Situation hin. In gewissen Situationen kommen gewisse Eigenschaften zum Vorschein, oder aber auch nicht. Selbst ein introvertierter Typ wird in gewissen Situationen aus sich herausgehen und auch ein Spaßvogel wird, wenn es die Situation ausdrücklich verlangt ernst sein. Um ein Verhalten adäquat zu interpretieren bedarf es also zum einen dem Konzept der Wesenzüge als auch einer Betrachtung der konkreten Situation.


Psychologische Reife

Verfügt jemand über ein gut entwickeltes Proporium und einen reichhaltigen Schatz an Dispositionen, hat er die psychologische Reife (im Sinne von Allport) erreicht. Er nennt sieben Merkmale:

  • kontinuierliche Erweiterung des Selbst (der Selbst-Erkenntnis)
  • Fähigkeit zu warmen Beziehungen (Vertrauen, Intimität, Mitgefühl)
  • emotionale Selbstbeherrschung und Sicherheit
  • Fähigkeit zur objektiven Wahrnehmung und Einschätzung
  • Fähigkeit zur Entwicklung von Problemlösungsstrategien
  • Selbstobjektivierung (Fähigkeit sein eigenes Verhalten objektiv zu beurteilen)
  • Existenz einer individuellen, stimmigen Lebensphilosophie

Der Grad der Reife, der erreichten (bzw. noch zu erreichenden) Reife variiert von Mensch zu Mensch.

Vorurteilsforschung[Bearbeiten]

Vorurteilsforschung wurde zum ersten Mal in den 1920er Jahren betrieben. Damals galt das Vorurteil als eine Art krankhafte, fehlerhafte Funktion menschlicher Entwicklung. Mitte der 1950er Jahre wurde die Betrachtung von Vorurteilen als normalen Prozess zur Entwicklung des Selbst-Bildes, der Identität, zurückgedrängt. Als herausragendes Werk zu diesem Thema gilt Allports „The Nature of Prejudice“.

Vorurteile sind laut Allport eng mit der notwendigen Kategorisierung der unmittelbaren Umwelt zu vergleichen. Aufgrund der begrenzten Kapazitäten ist es für den Menschen wichtig bestimmte Informationen zu kanalisieren und zu sortieren, sich seines Platzes im sozialen Gefüge bewusst zu werden und ein dementsprechendes Selbstbild zu formen. Durch diese Betrachtung verringerte Allport die moralische Färbung der Vorurteilsforschung hin zu einer analytischen Forschung.


Die Allport-Skala

In seinem Werk „The Nature of Prejudice“ stellt Allport eine Skala vor, die Vorurteile innerhalb einer Gesellschaft nach den Graden der Diskriminierung unterscheidet:

  1. Abschätzige Bemerkung (Verleumdung): Die Vorurteile werden gegenüber anderen (Gleichgesinnten aber auch Fremden) uneingeschränkt geäußert.
  2. Vermeidung: Der Kontakt mit der abgelehnten Gruppe wird vermieden, auch wenn dafür Unannehmlichkeiten in Kauf genommen werden müssen.
  3. Diskriminierung: Es gibt Bestrebungen Mitglieder der abgelehnten Gruppe von jeglichen öffentlichen Einrichtungen (z.B. Erziehungs- und Erholungseinrichtungen, soziale Einrichtungen) fernzuhalten und ihnen Zugänge zu gewissen Privilegien und Rechten, aber auch Berufen und Wohngegenden zu verwehren. Die institutionalisierte Form der Rassendiskriminierung ist die Rassentrennung.
  4. Körperliche Gewaltanwendung: Mit steigender Intensität der Emotionen steigt auch die Gewaltbereitschaft gegen die abgelehnte Gruppe (z.B. Zerstörung von Eigentum, körperliche Attacken, etc.)
  5. Vernichtung: z.B. Massenmorde und Völkermord

Ein weiteres Arbeitsgebiet Allports im Zusammenhang mit seiner Vorurteilsforschung war die Religionspsychologie. Ihn interessierte besonders die Frage, wie religiöse Einstellung und Grad der Religiosität mit Vorurteilen und Intoleranz zusammenhängen. Zu diesem Zweck entwickelte er 1967 gemeinsam mit Michael Ross die „Religious Orientation Scale“ (ROS). Diese Skala wurde aufgrund von Fehlern bei der Operationalisierung stark kritisiert und war am Ende nicht dazu geeignet, die von Allport beabsichtigten Inhalte zu überprüfen.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Allport kann als Gründungsvater und Wegebereiter der humanistischen Psychologie bezeichnet werden, als deren Hauptvertreter Abraham Maslow (1908 – 1970) gilt. Neben dem Konzept der funktionellen Autonomie Allports hat diese Richtung ihre Wurzeln u.a. im Existentialismus und der Phänomenologie und versteht sich als dritte Kraft neben der Tiefenpsychologie und dem Behaviorismus.

Ein Teil seiner Bedeutung für die Psychologie von heute, lässt sich aus seiner Beeinflussung zahlreicher Studenten in Harvard ableiten: zu diesen gehörten u.a. Philip Vernon, Gardner Lindzey, Hadley Cantril, Jerome Bruner, Anthony Greenwald, Stanley Milgram, Mr. Brewster Smith, Leo Postman und Thomas Pettigrew. Sein Buch “Personality: A Psychological Interpretation” galt in der Persönlichkeitspsychologie lange Zeit als Standardlektüre.

Ebenfalls von Allports Arbeiten beeinflusst, im Speziellen durch seine lexikalische Studie in Zusammenarbeit mit Oddbert, wurde das Fünf-Faktorenmodell der Persönlichkeit („Big Five“). Bei den lexikalischen Studien extrahierten Allport und Oddbert insgesamt ca. 18.000 persönlichkeitsrelevante Begriffe aus einem Wörterbuch und fassten diese in 4 Kategorien zusammen. Das spätere Fünf-Faktorenmodell (Big-Five) postuliert darauf aufbauend fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für Erfahrung.

Allports Tests zu den Wertvorstellungen bildeten die Grundlage einer Vielzahl von Persönlichkeitstests. Zum Beispiel werden Abwandlungen dieser Tests heute dazu verwendet, um Kinder und Jugendliche bei Berufs- und Ausbildungsentscheidungen zu unterstützen.

Allports Arbeiten der Vorurteilsforschung gelten noch heute als richtungsweisend. Er war der erste der herausarbeitete, dass Vorurteile durch verschiedene Kategorien strukturiert sind und diese Kategorisierung massiv vom sozialen Umfeld abhängt. Diesen Erkenntnissen folgten weitreichende und anregende Diskussionen und Forschungen zu Vorurteilen und der Kontakthypothese (Kontakte wirken vorurteilsreduzierend). Auch folgende Untersuchungen zur sozialen Identität bauen auf dem Konzept der 1950er Jahre auf und gipfeln später in der „Social Identity Theory“ von Tajfel und dessen Kollegen.

Darüber hinaus bildete die vielfach kritisierte „Religious Orientation Scale“ die Basis für eine Vielzahl von darauf aufbauenden, sie modifizierenden oder zu ihr gegensätzlich stehenden Arbeiten. Nicht zuletzt erlangte die Religionspsychologie durch die bekannten und vieldiskutierten Forschungen Allports internationales Ansehen.

Im Diskurs über die Methodik der Psychologie brachte die ausdauernde Vertretung der idiographischen Methode neue Aspekte in die vorher fast ausschließlich von statistischen Methoden geprägte amerikanische Psychologie. Die idiographische Methode, heute meist als qualitative bezeichnet, ist aus der psychologischen Forschung nicht mehr wegzudenken.

Nichtsdestotrotz wurden Allports Ansätze in der Psychologie auch kritisiert. So warf man ihm vor, dass er weder für sein Konzept der funktionellen Autonomie noch für die Einzigartigkeit des Individuums empirische Nachweise liefern könne. Auch wurde bemängelt, dass Beziehungen zwischen den Annahmen seiner Theorien meist nicht nachvollziehbar bzw. sogar gegensätzlich wären. Weiters wurde kritisiert, dass Allport ein zu positives Menschenbild vertrete und zu stark auf das Vorhandensein eines, seiner christlichen Moral entsprechenden, Wertesystems vertraue.

Doch trotz dieser Kritikpunkte ist Gordon W. Allports Stellenwert in der Entwicklung der Psychologie durch die von ihm angeregten Themen und betonten Prinzipien unbestritten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Pervin, Lawrence A. (2005):
    Persönlichkeitstheorien. 5., vollst. überarb. und erw. Auflage."
    München.
  • Heine, Susanne (2005):
    Grundlagen der Religionspsychologie: Modelle und Methoden."
    Göttingen.


Internetquellen[Bearbeiten]

Archer, Margaret[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Archer Margaret

  • geboren am 20.01.1943 in Grenoside (United Kingdom)


Eltern:

  • Vater: Richard Archer
  • Mutter: Margaret Sutherland

Kinder:

  • Francesca Archer
  • Andrew Archer
  • Julian Archer
  • Virginia Archer

Geschwister:

  • Rosemary Archer
  • Veronica Archer


Ausbildung:

  • 1964 Bachelor of Science in London (Soziologie)
  • 1967 Doktor der Philosophie in London, danach weiterführendes Studium an der ‚Ecole Pratique des Hautes Etudes’ und Abschuss mit Doktor in ,Troisième Cycle’ (einjähriges Spezialstudium) im Bereich 'Sciences Administratives'


Berufliche Daten:

  • 1964 – 1966 Abteilungsleitung im Christ’s College in Cambridge
  • 1965 – 1966 diplomierte Betreuerin in der London School of Economics
  • 1966 – 1973 Dozentin an der University of Reading
  • 1973 – 1979 Lekorin an der University of Warwick
  • seit 1979 Professorin an der University of Warwick


Derzeitige berufliche Aktivitäten:

  • Mitglied (Gründungsmitglied) der ,Academy of Learned Societies for the Social Sciences’
  • Mitglied bei ,Academia Europea’
  • Mitglied beim ,European Amalfi Prize Committe’
  • Mitglied beim ,Programme Committee of international Sociological Association’
  • Mitglied bei der ,International Jury for the Austrian Academy of Sciences’
  • Vizedirektorin für das ,Centre for Critical Realism’
  • Mitarbeiterin im ,Bureau International de Socialogie’ in Paris
  • Mitarbeiterin im ,International Institute of Sociology’
  • Mitarbeiterin bei ,Editorial Boards of International Journals’


Weitere wichtige Tätigkeiten:

  • 1986 – 1990 Präsidentin der ‚International Sociological Association’ (erste Frau in dieser Position)
  • 1994 – 2004 Mitglied der ‘Pontifical Academy of Social Sciences’ und des leitenden Rates


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Margaret Archers eigentliches Fachinteresse, ihre Faszination für Struktur – der Frage nach der Entstehung und den Veränderungen derselben – entspringt aus jener Zeit, die sie als "post-doctoral student" in Paris an der Sorbonne verbrachte. Es war dies die Zeit um 1968.

Schlechte Studienbedingungen und unzufriedene Student/inn/en in der überfüllten neuen Universität Paris-Nanterre setzten die "événements de mai" in Gang. Es handelte sich um eine Art Jugendrevolte, die von den geburtenstarken Jahrgängen der späten Kriegs- und frühen Nachkriegsjahre getragen wurde. Im Anschluss folgten Studenten-Demonstrationen und Straßenschlachten mit der Polizei; bald auch Streiks und Fabriksbesetzungen der Arbeiter. Die Unruhen im Mai 1968 zeigten eine breite Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der wirtschaftlichen Lage und der politischen Stagnation des Staats. Reformvorschläge des damaligen Präsidenten Charles de Gaulle fanden keinerlei Unterstützung mehr und als sein Gesetzentwurf für die Regional- und Parlamentsreform im April 1969 durch ein Referendum abgelehnt wurde, folgte darauf sein Rücktritt.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Es finden sich viele Soziolog/inn/en und auch Wissenschaftler/innen anderer Disziplinen, die Margaret Archer in ihrem Werk beeinflusst haben.

Inspiration fand sie vor allem in den Arbeiten von Pierre Bourdieu und Basil Bernstein – mit beiden arbeitete sie auch einen Sommer lang in London zusammen – Karl Popper, Ernest Gellner und Tom Bottomore – die drei letztgenannten waren ihre Professoren an der London School of Economics.


Anthony Giddens

Das Werk, im speziellen die Theorie der Strukturierung, des englische Soziologen Anthony Giddens prägt die Arbeiten von Margaret Archer.


Werke[Bearbeiten]

Culture and Agency: The place of culture in social theory. Cambridge: Cambridge University Press, 1988

Realist social Theory: The morphogenetic approach. Cambridge: Cambridge University Press, 1995

Being Human: The problem of agency. Cambridge: Cambridge University Press, 2000

Structure, agency and the internal conversation. Cambridge: Cambridge University Press, 2003


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Kritik an der wechselseitigen Konstitution von Handeln und Struktur

In Verwendung der Bezeichnungen „downward conflation“ und „upward conflation“ kritisiert Archer, ähnlich wie dies Giddens tut, die reduktionistischen Traditionen der Theoriebildung. Diese Begriffe bezeichnen zum einen, dass die Struktur (Kultur) das Handeln bestimmt, und zum anderen die gegensätzliche Variante, nämlich, dass das Handeln die Struktur bestimmt. Allerdings betrachtet Archer auch Giddens Lösungsansatz der Identifikation von Struktur mit dem Handeln („central conflation“) auch nicht als zielführend. Margaret Archers Auffassung nach müssen soziale Praktiken die Bezugnahme des Handelns auf differenzierte Phänomene zulassen, denn nur so sei man imstande Phänomene als autonom, als emergente Phänomene zu identifizieren, und deren ontologische Realität anzuerkennen. Erst basierend darauf, kann das Zusammenwirken von Struktur und Handlung analysiert werden. Archer stellt fest, dass soziale Phänomene strukturierte Ordnungen bilden, die einerseits durch Handlungen entstehen, andererseits aber auch eine eigene Identität aufweisen.


Emergente Phänomene

Um soziale Prozesse in unterschiedliche Einzelphänomene aufschlüsseln zu können und so eine Erklärung über deren Entwicklung des Zusammentreffens bzw. Zusammenwirkens abgeben zu können, ist nach Archer die Emergenz der Phänomene unumgänglich. Emergente Phänomene sind dabei nicht mit jenen gleichzusetzen, mit denen ein Akteur während des Handelns konfrontiert ist. Sie weisen vielmehr eine interne homogene und notwendige Beziehung auf. Ihr zufolge werden drei Formen unterschieden: kulturell emergente Phänomene, strukturell emergente Phänomene und emergente Phänomene, die sich auf Akteure und deren Handlungen beziehen. Die begrifflichen Unterscheidungen dienen der Identifikation bestimmter sozialer Prozesse, in denen die „emergent properties“ umgestaltet und/oder reproduziert werden. Im so genannten morphogenetischen Zyklus, der 4 Zeitpunkte umfasst, entsteht die Transformation bzw. Reproduktion.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Margaret Archers „morphologischer Ansatz“ stellt eine eigenständige Perspektive basierend auf der Theorie der Strukturierung dar. Ihre Argumentation entspricht einem bedeutenden Fortschritt in der Formulierung eines theoretischen Bezugsrahmens, der es ermöglicht, komplexe soziale Phänomene zu erkennen, und der es vermag, diese in ihrem Zustandekommen und in ihrer Funktionen zu erklären, ohne vorauszusetzen, dass soziale Integration die eigentliche Ursache für deren Bestehen ist. Im Zentrum ihres Themenschwerpunktes steht der Versuch, soziale Prozesse als Handlungszusammenhänge zu erklären, wobei gerade diese Tatsache das Problem der Begriffsfindung für diese Phänomene aufwirft. Indem die Existenz von Phänomenen immer als unabhängig von den Handlungen angenommen wird, entsteht die Gefahr, dass Prozesse vorausgesetzt werden, denen das Bestehen der Phänomene vermeintlich zugeschrieben wird


Literatur[Bearbeiten]

  • Balog, Andreas (2001):
    "Neue Entwicklungen in der soziologischen Theorie: Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis der Grundprobleme."
    Stuttgart

Internetquellen[Bearbeiten]

Arendt, Hannah[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

 Hannah Arendt

  • geboren am 14. Oktober 1906 in Linden (Hannover), gestorben am 4. Dezember 1975 in New York.
  • Johanna Arendt ist das einziges Kind des Ingenieurs Paul Arendt und dessen Frau Martha (geb. Cohn). Hannah wächst in einem typisch deutsch-jüdisch assimilierten Elternhaus in Königsberg auf.


Familie[Bearbeiten]

  • Hannah Arendt selbst war zweimal verheiratet:
    • 1929: Heirat mit Günther Stern – Scheidung: 1937,
    • 1940: Heirat mit Heinrich Blücher


Werdegang[Bearbeiten]

  • 1924: externes Abitur, da sie aufgrund eines Schülerstreiks von der Schule verwiesen wurde.
  • 1924–1928: studierte sie Philosophie, Theologie und klassische Philologie vorerst in Marburg bei Martin Heidegger, mit dem sie von 1925–1930 eine Affäre hatte, später in Freiburg bei Edmund Husserl und zuletzt in Heidelberg bei Karl Jaspers, der ihr Mentor wird und mit dem sie bis zu dessen Tod (1969) freundschaftlich verbunden bleibt.
  • 1928: Promotion zum Dr. phil. in Heidelberg bei Karl Jaspers mit der Arbeit „Der Liebesbegriff bei Augustin“.
  • 1933–1943: Mitglied der World Zionist Organization
  • 1946–1948: Lektorin beim Salman Schocken Verlag. N.Y.
  • 1949–1952: Geschäftsführerin der Jewish Cultural Reconstruction. N.Y.
  • 1951: Erhalt der amerikanischen Staatsbürgerschaft
  • 1955: Gastprofessorin an der University of California
  • 1958: korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Wirtschaft
  • 1959: Gastprofessorin an der Princeton University
  • 1960–1961: Gastprofessorin an der Columbia University, Northwestern University und Wesleyan University
  • 1961: Teilnahme am Eichmannprozess in Jerusalem als Reporter für die die Zeitschrift „The New Yorker“
  • 1963–1967: Professorin an der University of Chicago
  • 1964: Aufnahme in das National Institute of Arts and Letters
  • 1965: Gastprofessorin an der Cornell University, N.Y.
  • 1967–1975: Professorin an der Graduate Faculty der New School for Social Research, N.Y. für Sprache und Dichtung
  • 1968: Vizepräsidentin des Institutes for Arts and Letters
  • 1973: Vorstandsmitglied am amerikanischen PEN-Zentrum

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1959: Erhalt des Lessing Preises der Stadt Hamburg
  • 1967: Erhalt des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie
  • 1975: Erhalt des Sonning-Preises von der dänischen Regierung für Beiträge zur europäischen Kultur


posthum

  • 1992: Ihre Memoiren werden veröffentlicht
  • 1994: der Hannah Arendt Preis wird ins Leben gerufen
  • 1999: Eröffnung des „Hannah Arendt-Zentrums“ an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg (D).

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Hannah Arendt ist im Kaiserreich geboren und wuchs in einer für Juden problematischen Zeit auf. Zur Zeit der Weimarer Republik hat sie an renommierten Universitäten bei bedeutenden Dozenten Philosophie studiert. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde sie als Jüdin verfolgt und diskriminiert. Ab 1933 arbeitete sie für die „Zionistische Vereinigung für Deutschland“ und recherchierte fortan über die beginnende Judenverfolgung. Gefördert von der „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ beginnt sie mit Forschungsarbeiten über das Problem der deutsch-jüdischen Assimilation, deren Ergebnisse aber erst 1959 mit dem Titel „Rahel Varnhagen – Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ erschienen ist. Mit diesem Buch wollte sie dazu aufrufen, sich der eigenen Geschichte bewusst zu werden.

Arendts Wohnung in Berling diente Flüchtlingen als Zwischenlager. Noch im selben Jahr wurde sie von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet. Bereits nach acht Tagen kam Arendt frei und floh nach Paris, wo sie nun ihre Tätigkeit als Sozialarbeiterin begann. 1937 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, worauf 1940 eine mehrwöchige Internierung im Aufganglager Gurs erfolgt, da sie für eine „feindliche Ausländerin“ gehalten wird. Nach einer Flucht gelingt es Arendt, gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Mutter nach New York zu emigrieren, wo sie politische Kolumnen für das deutsch-jüdische Magazin „Aufbau“ schreibt. Es folgen Vorlesungen und Vorträge an verschiedenen New Yorker akademischen Einrichtungen.

Als sie erstmals nach dem Krieg wieder nach Deutschland kommt, erlebt sie Realitätsflucht und Verdrängung der Tatsachen. Arendt ist verblüfft über die öffentliche Dummheit und die Abstandnahme vom eigenständigen Denken und folgert daraus, dass das Böse eine Folge von Dummheit ist. Arendts persönliche Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus spiegeln sich in ihren wichtigsten Werken über diesen (Eichmann in Jerusalem, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft) wider.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Arendt pflegte Kontakte mit den größten Denkern ihrer Zeit und las Werke bedeutender Philosophen. Bereits mit 14 Jahren liest sie Immanuel Kant, was einen großen Einfluss auf ihre späteren Werken nimmt. Ihre Professoren waren u.a. Martin Heidegger und Karl Jaspers , die sie sehr prägten und mit denen sie zeitlebens in Kontakt blieb. Der Einfluss Heideggers ist am deutlichsten spürbar in ihrem Werk: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Mit ihren Kommilitonen Benno von Wiese und Hans Jonas verband sie eine enge Freundschaft, wobei Jonas sie später im Bezug auf ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ schwer kritisierte.

Intensive Freundschaften pflegte sie u. a. auch mit Mary McCarthy sowie mit Uwe Johnson, deren Briefwechsel 1995 bzw. 2004 veröffentlicht wurden. Von großer Bedeutung war für sie zudem Kurt Blumenfeld, der Geschäftsführer einer Zionistischen Organisation. Ihm verdankte sie die persönliche Auseinandersetzung mit ihrem „Uudendasein“ – so Arendt in einem Brief an Blumenfeld, der 1951 veröffentlich wurde. Weiters war ihr zweiter Mann, Heinrich Blücher, im Hinblick auf ihr politisches Denken sehr prägend.

Werke[Bearbeiten]

Aufstellung der wichtigsten Werke

  • Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation. Berlin 1929.
  • The burden of our time. London 1951.
  • The origins of Totalitarianisms. New York 1951.
  • Hermann Broch: Dichten und Erkennen. Zürich 1955.
  • Die Krise in der Erziehung. Bremen 1958.
  • Elemente totaler Herrschaft. Frankfurt/Main 1958.
  • Rahel Varnhagen. The life of a Jewess. London 1958.
  • The human condition. Chicago 1958
  • Vita activa oder Vom tätigen Leben. Stuttgart 1960 und München 1960.
  • Karl Jaspers: The Great Philosophers, Vol. 1–2. New York 1962 und London 1962.
  • Eichmann in Jerusalem. A report on the banality of evil. New York 1963 und London 1963.
  • On Revolution. New York 1963.
  • Men in dark times. New York 1968
  • Macht und Gewalt. München 1970.
  • Crises of the Republic: Lying in Politics – civil disobedience – on violence – thoughts on politics and revolution. New York 1972.
  • Wahrheit und Lüge in der Politik: Zwei Essays. München 1972.

Posthume Veröffentlichungen

  • The Life of the Mind, 2 Bde. New York 1978 und London 1978.
  • Vom Leben des Geistes, 2 Bde. München 1979.
  • Lectures on Kant's political philosophy. Chicago 1982.
  • Briefwechsel 1926–1969 (Mit Karl Jaspers). München 1985
  • Die Krise des Zionismus. Essays und Kommentare 2. Berlin 1989.
  • Menschen in finsteren Zeiten. München 1989.
  • Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß. München 1993.
  • "...in keinem Besitz verwurzelt". Die Korrespondenz (mit Kurt Blumenfeld). Hamburg 1995.
  • Briefe 1925 bis 1975 und andere Zeugnisse aus den Nachlässen. (an Martin Heidegger) Frankfurt/Main 1998.
  • Denktagebuch 1950–1973, 2 Bde., München 2002.

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Was Hannah Arendt in ihren Büchern immer wieder zum Ausdruck brachte, ist der Mut zur Wahrheit. In ihren Thesen darüber lehnt sie sich oft an Immanuel Kant, Thomas Hobbes und Karl Jaspers an. Es muss möglich sein, die Wahrheit öffentlich aussprechen zu können und nicht bloß Kritik im stillen Kämmerchen zu äußern, so Arendt. Weiters war sie, so schreibt sie selbst, keine Anhängerin von Ideologien, denn die absolute Wahrheit existiere, so Arendt, nicht. Arendt verlangte nicht nach einer allgemeinen Akzeptanz ihrer Gedankengänge. Dies wird auch in folgenden Werken deutlich:


Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft[Bearbeiten]

An dem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ hat Arendt über 10 Jahre lang gearbeitet. Es wird nicht zuletzt deshalb auch als ihr Hauptwerk bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen umfangreichen zeitdiagnostischen Text des 20. Jahrhunderts, mit dem sie eine Diagnose der politischen Desaster der 1. Hälfte des 20. Jahrhundert vorlegt – betreffend Nationalsozialismus und Stalinismus. Viele Autoren widmeten sich der Frage nach den Ursachen des Nationalsozialismus, wobei Arendts Buch als eines der wenigen in englischer Sprache 1951 in den USA publiziert wurde. Nach mehreren Ausgaben (1966, 1986…) wurde das Werk schließlich in drei Teile gegliedert: Antisemitismus, Imperialismus und Totale Herrschaft.

Merkmal totaler Herrschaft ist der Terror, der durch die Vernichtung ideologisch fiktiver Gegner an Stärke zunimmt und politisches Denken dahingehend zerstört, dass sie ihre Opfer manipuliert. Am deutlichsten bemerkbar wird dies durch die Konzentrationslager, in denen Arendt die eigentliche zentrale Institution totaler Machtausübung sieht. Voraussetzung aber dafür sei der „Untergang der Klassengesellschaft“ und die Aufspaltung der orientierungslos gewordenen Masse. Die Vernichtung in den Konzentrationslagern veranlasst Arendt zu dem Standpunkt, dass eine Menschheit, welche heimatlos und überflüssig erscheint, völlig ausrottbar ist.

Sie stellte sich unter anderem auch die Frage, wie totalitäre Staaten charakterisiert werden können, wobei sie zum Schluss kommt, dass diese sich dadurch kennzeichnen, dass sie politischen Zwang, sei es durch die Geheimpolizei oder durch Konzentrationslager, ausüben und die Massenmedien manipulativ verwenden.

Die ersten Teile des Buches, Antisemitismus und Imperialismus, sollen aufzeigen, weshalb es in der europäischen Geschichte der letzten 200 Jahre zu Elementen kam, die rückblickend als Anzeichen der totalitären Form politischer Macht in der Geschichte gesehen werden können. Die Degeneration der staatlichen Sitten, wie der erste Weltkrieg aufzeigt, analysiert sie unter dem Begriff Imperialismus.

Der Rassenbegriff des 19. Jahrhunderts verlieh dem Antisemitismus Radikalität und ließ den modernen Rassismus zu einem der Mittelpunkte totaler Herrschaft werden, dessen Ausmaß sich erst nach 1933 voll enthüllte. Arendt kam zu der These, dass der Verfall des Nationalstaats mit dem Ende der Menschenrechte einhergehe. Mit diesem Buch wollte sie aufzeigen, wie wichtig es ist, geschichtliche Abläufe zu reflektieren und das Aufzuhaltende aufzuhalten, um die persönliche Handlungsfreiheit der Menschen offen zu halten.

Eichmann in Jerusalem – Eine Banalität des Bösen[Bearbeiten]

Für die Zeitschrift „New Yorker“ nahm Hannah Arendt als Prozessberichterstatterin am Eichmann-Prozess in Jerusalem teil. Die Staatsanwaltschaft erhob in 15 Punkten Anklage gegen Otto Adolf Eichmann. Während des Naziregimes, besonders aber während des zweiten Weltkrieges, hatte dieser Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen begangen. Eichmanns Antwort auf jeden im vorgeworfenen Punkt war: „Nicht schuldig im Sinne der Anklage.“ Trotzdem hatte man mit dem Todesurteil gerechnet und ist deshalb kaum von der Öffentlichkeit kritisiert worden, bis bekannt wurde, dass die Israelis das Urteil vollstreckt hatten. Die Proteste waren zwar nur von kurzer Zeit, kamen jedoch von vielen Richtungen, wobei dahingehend argumentiert wurde, dass die Taten Eichmanns die Grenzen denkbarer Bestrafung durch ein irdisches Gericht überschritten hätten.


Arendts Aufzeichnungen zu diesem Prozess wurden 1963 in Buchform in den USA veröffentlicht, wodurch Themen an die Öffentlichkeit geraten sind, die mitunter besser im Verborgenen geblieben wären. Arendt provozierte nämlich darin mit zahlreichen provokanten Thesen, sodass schon vor der Veröffentlichung eine organisierte Gegenkampagne in die Wege geleitet wurde. So wurde ihr beispielsweise vorgeworfen, sie würde Eichmanns Taten verharmlosen wollen. Arendt meinte dazu, dass es den Eindruck erwecke, als würde hier nicht ein bestimmter Mensch auf der Anklagebank sitzen, sondern das deutsche Volk insgesamt oder der Antisemitismus in all seinen Formen.


Arendt, die selbst auch jüdisch war und dies alles nicht miterlebte, weil sie vorher in die USA emigrierte, musste sich unter anderem vom Religionswissenschaftler Gershom Sholem vorwerfen lassen, dass es ihr an der Liebe zu den Juden mangle. Vor allem aber kritisierte er Arendts Ansicht über die Judenräte, denn sie kam zu der These, dass die Juden selbst eine gewisse Mitschuld am Holocaust zu tragen hätten.
Sie widmete dem Angeklagten ein ganzes Kapitel und befasste sich darin ausschließlich mit Eichmanns Leben. Arendt ist überzeugt dass Eichmann weder geistesgestört, noch ein verhetzter Antisemitist ist, sondern ein „normaler“ Mensch, der ausschließlich die Befehle des Führers ausführte. (Später wurde ihr vorgeworfen, sie habe die Motive unterschätzt)


Trotz aller Umstrittenheit dieses Werkes, beschäftigt es das Denken heutiger Menschen und zeigt auf, dass die „verdrängte Vergangenheit“ weder ein deutsches noch ein jüdisches Phänomen ist, sondern auch noch heute unvergessen und unbewätigt ist.

Über die Revolution[Bearbeiten]

Arendt analysiert darin die französische und amerikanische Revolution und kritisiert die daraus entstandenen Gesellschaften.
Während sich die französischen Revolutionäre mit der sozialen Frage konfrontiert sahen und die Aufmerksamkeit auf die Beseitigung der Not lenkten, war Amerika ein Land mit verhältnismäßigem Wohlstand, in dem die Frage der Armut durch die Ansiedelung des Westens kanalisiert wurde. Somit konnte sich die amerikanische Revolution auf die politischen Ziele konzentrieren. Sie postulierte außerdem, dass die französische Revolution am Versuch das soziale Elend zu eliminieren gescheitert sei.


Weiters stellte Arendt die These auf, dass das Räteprinzip, welches sie als den eigentlichen politischen Neuansatz der Revolution und gleichsam als institutionelle Konkretisierung ihres Begriffs der „öffentlichen Freiheit" ausweist, in jeder Revolution zu finden sei. Dass sich dieses aber dennoch nicht durchsetzen konnte führt sie auf das Machtstreben der revolutionären Parteien zurück.


Macht und Gewalt[Bearbeiten]

Beeinflusst durch den Vietnam-Krieg, sowie durch die Studentenunruhen der 60er Jahre, erforscht Arendt die Verbindung von Macht und Gewalt. Ihre Ergebnisse erschienen 1970 als Buchform mit dem Titel „Macht und Gewalt“. Im Gegensatz zu manch anderen Denker/inne/n, wie z.B. Max Weber , entsteht für sie Gewalt erst wo Macht bereits verloren ist. Mit anderen Worten, wer über Macht verfügt braucht keine Gewalt. Wenn ein Politiker Macht hat, tritt er den Demonstranten friedlich gegenüber, wenn er aber nicht mehr in Besitz von Macht ist, so wird er Gewalt einsetzen.
"Nackte Gewalt tritt auf, wo Macht verloren ist. Macht ist ersetzbar durch Gewalt, doch der Preis dafür ist sehr hoch, denn sowohl Sieger als auch Besiegter bezahlen mit dem Verlust der Macht."


Auch betonte Arendt, dass kein Einzelmensch über Macht verfügt. Politische Macht entsteht aus einer großen Anzahl von Menschen, die sich zusammenschließen. Würde sich das gesamte Volk gegen einen Herrscher stellen, so würde er keine Macht mehr haben. Folglich stellen Macht und Gewalt für Arendt Gegenbegriffe dar, die sich selbst wechselseitig ausschalten.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Das Hannah Arendt-Zentrum

1999 wurde das „Hannah Arendt-Zentrum“ an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg eröffnet. Darin ist der größte Teil des Nachlasses von Hannah Arendt archiviert. Weiters liegt der Gesamtbestand der „Hannah Arendt Papers“ auf. Das Hannah Arendt Zentrum darf sich als einziges Archiv in Europa nennen, welches Zugang zur digitalisierten Version des Nachlasses hat, die in der Library of Congress erstellt wurden. Hinzu kommen noch eine eigene Buchreihe, die so genannten „Hannah Arendt–Studien“ und zusätzlich werden Vorträge, Kolloquien und Tagungen zu Arendts Werken angeboten.

Seit wenigen Jahren erleben Hannah Arendts Werke eine beachtliche Renaissance, ihr Buch „Über die Revolution“ war auf der Liste der wiederkehrenden Bücher an der Spitze. Zunehmend interessieren sich Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen für ihr Werk, des weiteren wurden zahlreiche Schulen nach ihr benannt.
Hat ihr freies Denken zu Lebzeiten immer für Kritik gesorgt, so finden ihre Werke in der Gegenwart immer mehr Annerkennung. Ralf Dahrendorf beispielsweise zählt Hannah Arendt zu den wenigen eigenständigen Denker/inne/n des letzten Jahrhunderts.


Literatur[Bearbeiten]

  • Ettrich, Frank (2001):
    "Arendt, Hannah – Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. In: Oesterdiekhoff, W. Georg (Hrsg.): Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden
  • Bohrmann, Hans (2001):
    "Arendt, Hannah – Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. In: Oesterdiekhoff (Hrsg.): Schlüsselwerke der Soziologie"
    Wiesbaden
  • Genett, Timm (2001):
    "Arendt, Hannah – Über die Revolution. In: Oesterdiekhoff (Hrsg.): Schlüsselwerke der Soziologie"
    Wiesbaden
  • Arendt, Hannah (1965):
    "Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen"
    München

Internetquellen[Bearbeiten]

Aron, Raymond[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Aaron Raymond

  • geboren am 14. März 1905, gestorben am 17.Oktober 1983
  • Eltern:
    • Vater: Gustave Aron (Professor der Rechtswissenschaften)
    • Mutter: Suzanne Aron (Hausfrau)
  • Ehe: Suzanne Gauchon
  • Kinder: Dominique-Françoise Aron und Laurence Aron
  • Religion: jüdisch


Werdegang[Bearbeiten]

  • 1905: am 14. März als dritter Sohn in Paris geboren
  • 1924-1928: Philosophiestudium an der École Normale Supérieure in Paris
  • 1928: agrégation de philosophie als Jahrgangsbester
  • 1930-1933: Studienaufenthalt in Deutschland
  • 1930-1931: Lektor für französische Literatur an der Universität Köln
  • 1931-1933: Studien in Berlin
  • 1933-1934: Professor am Lycée du Havre in Le Havre
  • 1934-1940: Leben in Paris
  • 1934-1939: Secrétaire des Centre de Documentation Sociale der École Normale Supérieure und Professeur an der École Normale Supérieure d'Enseignement Primaire in Paris
  • 1939: Dozent der Sozialphilosophie an der Faculté des Lettres der Université Toulouse
  • 1939-1940: Soldat der französischen Armee
  • 1940-1945: Exil in London
  • 1940-1944: Engagement für die "Forces Françaises Libres"; Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift "La France Libre".
  • 1944: Rückkehr nach Frankreich
  • 1945-1947: Professor an der École Nationale d'Administration in Paris
  • 1948-1954: Professeor am Institut d'Études Politiques de Paris
  • 1945-1983: verschiedene journalistische Tätigkeiten:
    • 1946-1947: Mitarbeiter und zeitweise Herausgeber der Zeitung Combat, sowie Mitarbeiter der Zeitschrift Les Temps Moderne
    • 1947-1983: Mitarbeiter der Zeitschrift Le Figaro, zunächst als Leitartikelschreiber
    • 1965-1966: Präsident der Redakteursgesellschaft
    • 1975-1976: Mitglied des Direktoriums der Geschäftsführung
    • 1976-1983: politischer Direktor der Zeitung
    • 1977-1983: Präsident des Herausgeberkomitees der Zeitung Express, sowie Kolumnist
    • 1968-1972: Berichterstatter beim Radiosender Europe n° 1
  • 1955-1968: zunächst Lehrbeauftragter und ab 1958 Professor für Soziologie an der Sorbonne in Paris
  • 1960-1983: Außerdem Directeur d'Études an der École pratique des hautes études in Paris
  • 1970-1983: Professor für Soziologie der modernen Kultur am Collège de France in Paris
  • 1983: am 17. Oktober in Paris gestorben


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Raymond Aron wurde am 14. März 1905 in Paris, rue Notre-Dame-des-Champs, als dritter Sohn einer Familie des mittleren Bürgertums jüdischer Herkunft geboren. Er besuchte erst das Lycée von Versailles und das classes préparatoire am Pariser Lycée Condorcet, um danach das Philosophiestudium an der École normale supérieure in Paris aufzunehmen, wo er 1928 mit der agrégation de philosophie als Jahrgangsbester abschloss.

Die Jahre 1930 bis 1933 verbrachte er nach dem Militärdienst in Deutschland, wo er bis 1931 zunächst als Lektor für französische Literatur an der Universität Köln tätig war, dann als Stipendiat des Französischen Akademikerhauses in Berlin. 1938 wurde Aron an der Sorbonne mit den Abhandlungen: "Introduction à la philosophie de l'histoire: essai sur les limites de l'objectivité historique" und "Essai sur la théorie de l'histoire dans l'Allemagne contemporaine: La philosophie critique de l'histoire" zum doctor d'État promoviert. 1940 erhielt er eine Stelle als maître de conférence an der Universität von Toulouse, konnte sie aber wegen des Kriegesbeginns nicht mehr wahrnehmen.

Nach der Kapitualition Frankreichs entschloss er sich, den Kampf gegen Hitlerdeutschland fortzusetzen und setzte nach Großbritannien über. Dort schloss er sich aber nicht, wie er es eigentlich geplant hatte, einer kämpfenden Einheit der von Charles de Gaulle geführten France libre an, sondern übernahm die Schriftleitung der gleichnamigen Zeitschrift der Bewegung. Unmittelbar nach der Befreiung von Paris kehrte Aron im Sommer 1944 nach Frankreich zurück. Da er zum Wiederaufbau des Landes beitragen wollte und glaubte, das nur in Paris tun zu können, kehrte er nicht auf seinen Posten an der Universität von Toulouse zurück und lehnte auch eine Stelle an der Universität von Bordeaux ab.

In den folgenden Jahren arbeitete Aron stattdessen als Journalist. Nach einem kurzen Zwischenspiel beim u.a. von Albert Camus gegründeten Combat wurde er 1947 Leitartikelverfasser der liberalen Tageszeitung Le Figaro, für die er bis 1977 schrieb. Von 1977 bis zu seinem Tod im Jahr 1983 verfasste er Leitartikel für das Nachrichtenmagazin L'Express. Bis zur Mitte der Fünfziger Jahre gelang es Aron nicht, eine Professur in Paris zu erhalten. Gleichwohl lehrte er in dieser Zeit an der École nationale d'administration und am Institut d'études politiques de Paris.

Erst 1955 wurde er auf eine Professur für Soziologie an der Sorbonne gewählt, eine Wahl, die von der marxistisch geprägten Mehrheit der Professoren beinahe noch verhindert worden wäre. Aron lehrte bis 1968 an der Sorbonne und wechselte dann an die École pratique des hautes études. Im Jahr 1970 wurde er schließlich auf einen Lehrstuhl am Collège de France berufen, den er bis zu seinem Tod inne hatte.


Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 1957: Opium für Intellektuelle oder Die Sucht nach Weltanschauung
  • 1963: Paix et guerre entre les nations (dt.: Frieden und Krieg: Eine Theorie der Staatenwelt)
  • 1964: Dix-huit Leçons sur la société industrielle (dt.: Die industrielle Gesellschaft: 18 Vorlesungen)
  • 1965: Démocratie et totalitarisme (dt.: Demokratie und Totalitarismus)
  • 1970: Progress and disillusion (dt.: Fortschritt ohne Ende?)
  • 1979: Les étapes de la pensée sociologique (dt.: Hauptströmungen des modernen soziologischen Denkens: Durkheim, Pareto, Weber und Hauptströmungen des klassischen soziologischen Denkens: Montesquieu, Comte, Marx, Tocqueville)
  • 1980: Penser la guerre, Clausewitz (dt.: Clausewitz, den Krieg denken)
  • 1984: Les dernières années du siècle (dt.: Die letzten Jahre des Jahrhunderts)
  • 1985: Mémoires (dt.: Erkenntnis und Verantwortung: Lebenserinnerungen)
  • R.A. Soutou, Georges-Henri (Hg) Les articles de politique internationale dans "Le Figaro" de 1947 a 1977 Paris: Éditions de Fallois
    • Bd.1: La Guerre froide. Juin 1947 à mai 1955. Présentation et notes par Georges-Henri Soutou. 1990
    • Bd.2: La Coexistence. Mai 1955 à février 1965. Présentation et notes par Georges-Henri Soutou. 1994
    • Bd.3: Les Crises. Février 1965 à avril 1977. 1997
  • R.A. De Giscard à Mitterrand 1977 - 1983 Préf. Jean-Claude Casanova. Paris: Éd. de Fallois, 2005, frz. (éditoriaux parus dans l'Express)

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Frieden und Krieg - eine Theorie der Staatenwelt[Bearbeiten]

In seinem Buch Frieden und Krieg, eine Theorie der Staatenwelt, versucht Raymond Aron Klarheit und Ordnung in die Fülle der außenpolitischen Ereignisse, Entwicklungen und Theorien zu bringen. Anhand der geschichtlichen Entwicklung seit der Antike, aber mit besonderer Berücksichtigung des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts versucht Aron, die Konstanten des politischen Geschehens herauszuarbeiten. Seine Methode ist >probabilistisch< und vielseitig: Er gründet seine Darstellung nicht auf die Wirtschaft, die Politik, das Soziale oder den Zeitgeist allein. Er verbindet vielmehr jeweils alle in Betracht kommenden Faktoren und erklärt das Ereignis aus deren Zusammenspiel.


Fortschritt ohne Ende?[Bearbeiten]

In Fortschritt ohne Ende entzaubert Aron die Ideologie des absoluten Fortschritts. Laut ihm, ist Fortschritt kein selbstständiger Mechanismus, er müsse vielmehr bewusst erarbeitet werden.

Aron weist auf die Ähnlichkeiten in der Schichtung sozialistischer und kapitalistischer Gesellschaften hin. Wirklich frei kann seiner Meinung nur eine Klassengesellschaft sein, da nur in ihr natürliche Gegensätze leidlich gerecht ausgetragen werden.

Die Frage nach Bewusstsein und Zukunft einer völlig säkularisierten Wettbewerbsgesellschaft beantwortet Aron mit der These von der Unzulänglichkeit der marxistischen Heilsbotschaft. Man kann den Menschen nicht dadurch mit seinem Schicksal versöhnen, dass man ihm eine Ideologie aufzwingt, die ständig die Wirklichkeit zurechtbiegen muss, sondern dadurch, dass man sein intellektuelles Niveau hebt und ihn fähig macht, den Zusammenhang des eigenen Lebens mit dem gesellschaftlichen Sein zu verstehen. Dann, so Aron, wird der Mensch das Gefühl der Entfremdung überwinden, auch wenn er erkennt, dass jeder Lösungsversuch auf allen anderen Gebieten notwendig unvollkommen bleiben muss. Die moderne Gesellschaft ist nicht scharf fixiert, sie hat keine fest umrissene Ordnung, kein eigenes Gesetz. Und vor allem: sie bewegt sich nicht auf ein vorausbestimmtes Endziel zu. Das Verständnis dieser Gesellschaft ist nur möglich im Begreifen ihres >>permanenten Entstehens<<.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

  • Raymond Aron war wohl einer der bedeutendsten liberalen politischen Denker, im Frankreich des 20. Jahrhunderts.Ebenso war er einer der ersten französischen Intellektuellen und Gelehrten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Aussöhnung mit Deutschland einsetzten.
  • 1979 verlieh ihm Frankfurt am Main den Goethepreis.
  • Einer seiner bekanntesten Schüler ist Henry Kissinger (US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Politiker).

Literatur[Bearbeiten]

  • Aron, Raymond (1970)
    "Fortschritt ohne Ende?"
  • Aron, Raymond (1986)
    "Krieg und Frieden. Eine Theorie der Staatenwelt"

Internetquellen[Bearbeiten]

Balla, Balint[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Balla Bálint

  • geboren am 7.7.1928 in Budapest
  • Sohn des Rechtsanwaltes Lóránt Keil (*1897) und der Künstlerin Gabriella Keil (*1903)


  • Balla ist Professor am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin, sowie Mitbegründer und langjähriger Leiter der Sektion „Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich der soziologischen Theorie und Kultursoziologie, wobei er sich auf Osteuropa spezialisiert hat.
  • Ballas Vater stammte aus einer kleinbürgerlichen Familie. Diese ermöglichte es ihm, als erstes Familienmitglied, Rechtswissenschaften zu studieren. In wirtschaftlich schlechten Zeiten versuchte er sich dann als Rechtsanwalt selbstständig zu machen, was allerdings trotz seines Fleißes und seiner Bescheidenheit erfolglos blieb. Nach zahlreichen Misserfolgen als Rechtsanwalt ließ er sich in einem Verkehrsbetrieb einstellen, wo er letztendlich auch bis zur Pensionierung geblieben ist.
  • Die Mutter stammte aus einer gutbürgerlichen Budaer Familie. Der begeisterten Kunstliebhaberin wurde es von der Familie nicht gestattet Kunst zu studieren. Jedoch bemühte sie sich um Kontakte und Zusammenarbeiten mit bekannten Künstler/inne/n, die politisch liberal bis linksprogressiv waren und welche ihr dabei geholfen haben ihre eigenen Kunstwerke auszustellen und sich politisch zu engagieren. 1949 ist sie der Kommunistischen Partei beigetreten. Als emanzipierte, aufgeschlossene und experimentierfreudige Kunstliebhaberin und miserable Haushälterin pflegte sie jüdische Bekannt- und Freundschaften.
  • 1943 bekam Balint einen Bruder.
  • 1944 besuchte Balint Balla das Piaristengymnasium (Abitur mit Auszeichnung).
  • 1946 begann Balint Balla sein Studium als Staats- und Rechtswissenschaftler an der Peter Pármány Universität in Budapest. Den Rat des Vaters befolgend, entschied er sich für das juristische Studium, unterbrach es jedoch für einen gewissen Zeitraum, in welchem er, um Geld zu verdienen, gearbeitet hat.
  • 1947-1949 erfolgten seine Tätigkeiten im Ungarischen Studentenverband. Nach dem Ausstieg aus diesem Studentenverband setzte er sein Studium fort.
  • 1949 war er in der Elektronik-Handelsfirma Ravill zunächst als Lagerarbeiter eingestellt und wurde nach Beendigung seines Studiums in die Rechtsabteilung versetzt. Dort konnte er das ungarische Rechtssystem kennenlernen.
  • 1951 promovierte Balint Balla in den Staats- und Rechtswissenschaften.
  • 1954 wurde er Abteilungsleiter der Vertriebsabteilung von Ravill.
  • 1955 erfolgt die Magyarisierung in den heutigen Nachnamen Balla.
  • 1956 übernahm er während der Revolutionsereignisse verschiedene politische Funktionen und begann sich erstmals für Soziologie zu interessieren. Die Gründe dafür waren Gedanken des Umbruches nach der Revolution und der Hunger nach positivistischen Veränderungen.
  • 1959 wechselte er zu der Firma Videotron in Stuhlweißenburg, zu einem ehemaligen Rüstungsbetrieb, welcher elektronische Konsumgüter produzierte und startete den Versuch die ungarische Marktwirtschaft mit dem Humanismus in Verbindung zu setzen.
  • 1962 unternahm er erste industrie- soziologische Untersuchungen. Bis 1965 arbeitete er in der Fabrik Tungsram, einer der bedeutendsten kapitalistischen Industriebetriebe Ungarns. Seine Versuche ungarische Betriebe zu reformieren sind auf Grund seiner niedrigen Positionierung nicht gelungen. Jedoch schaffte er es, soziologische Untersuchungen im Betrieb durchzuführen. Dafür stand ihm eine kleine Gruppe junger Frauen zur Verfügung, mit welchen er verschiedene Gespräche, Untersuchungen und Experimente vorgenommen hatte. Von da an begann auch sein Interesse für ungarische Soziologie, und beschäftigte sich damit, wie das Sowjetsystem verändert werden konnte. 1956 schaffte es der ungarische Ministerpräsident András Hegedüs, der bis zum Aufstand 1956 ungarischer Premierminister war und später als Soziologe arbeitete, ein soziologisches Institut in Ungarn aufzubauen. Im Institut waren vorerst nur Philosophen und Volkswirte eingestellt, da es bis dahin noch kein Soziologiestudium gab.
  • 1965 erfolgte mit einem zweijährigen Touristenvisum der Aufbruch zu einem Studium der Soziologie nach Deutschland.
  • 1965-1967 begann Balla sein soziologisches Studium an der Universität Münster und arbeitete in einer Sozialforschungsstelle in Dortmund bei Prof. Dr. Helmut Schelsky, den er neben weiteren Soziologen wie György Széll, einem Professor für Soziologie an der Universität Osnabrück und einem Mitglied des Wissenschaftlichen Rates der Osnabrücker Friedensgespräche, Rene König, ebenfalls Soziologe in Köln, Herausgeber der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ und Präsident der International Sociological Association und Schlüsselfigur bei der internationalen Vernetzung der deutschen Soziologie, Niklas Luhmann, ein Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle der Universität Münster und Professor für Soziologie in Bielefeld, kennen lernen durfte. Helmut Schelsky war zu diesem Zeitpunkt Assistent von Hans Freyer an der Universität Münster und bekam von 1960-1965 eine Stelle als Ordentlicher Professor der Soziologie an derselben Universität. Als Direktor der Forschungsstelle Dortmund der Universität Münster erwarb er sich bei der Gründung der Universität Bielefeld große Anerkennung. Balint Balla beschäftigte sich mit den drei soziologischen Lehren, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland aufgebrochen waren (einerseits die Lehre des Empirikers und Positivisten René König und andererseits die Lehre des Marxismus und Neomarxismus der Schelskyaner).
  • 1967 gab der Soziologe seinen ungarischen Pass ab, da sein Visum nicht verlängert werden konnte. Auf Grund seiner guten deutsprachigen Kenntnisse und seiner „deutschstämmigen“ Herkunft wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft anerkannt. Im selben Jahr vollzog er die Eheschließung mit Waltraud Jäger, welche er in Duisburg kennenlernte. Zusammen lebten sie in Berlin.
  • 1968 arbeitete Balint Balla als Wissenschaftlicher Oberassistent an der Technischen Universität Berlin und ist nach Westberlin gesiedelt.
  • 1969 war er Mitbegründer der Európai Protestáns Magyar Szabadegyetem (Freie Akademie der Ungarn in Europa).
  • 1971 wurde er Professor für Allgemeine Soziologie am Institut für Soziologie der TU, es erfolgte außerdem die Habilitation über die Kaderverwaltung.
  • 1972-1974 wurde er zum Präsidenten der Vereinigung der Európai Protestáns Magyar Szabadegyetem.
  • 1978 war er erstmals wieder in Ungarn.
  • 1980 hielt er eine Gastvorlesung an der kirchlichen Hochschule Berlin.
  • 1990 war er Mitbegründer und Vorsitzender der Sektion Ost- und Ostmitteleuropa der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, mittlerweile gilt er als Ehrenvorsitzender.
  • 1991 erhielt er die Auszeichnung mit der Imre Nagy Plakette.
  • 1992 und 1993 hielt er Gastvorlesungen an der Universität Leipzig.
  • 1993 erfolgte die Veröffentlichung seines Werkes „Kultursoziologie“, in welchem er die Soziologie Ost- und Mitteleuropas behandelt und versucht, Theorien über den Postkommunismus aufzustellen.
  • Von 1994 stammt sein Werk „Sociologia Internationalis“, in welchem er das Thema „Aufstieg und Niedergang des Sowjetsystems“ behandelt.
  • Bis 1998 bot Balla Lehrveranstaltungen an.
  • 2001 ist ein Sammelband seiner Schriften erstmals in deutscher Sprache erschienen.
  • 2002 wurde ihm das Ehrendoktorat der Juristischen Fakultät für ein überragendes wissenschaftliches und humanistisches Engagement verliehen. Im selben Jahr ist seine Ehefrau Waltraud verstorben.
  • 2003 hielt er Gastvorlesungen an der Universität Klausenburg in Rumänien.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Die Sowjetunion, welche als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist und vom Kommunismus bestimmt war, erlitt Ende der 80er Jahre und Anfang der 90er einen Zusammenbruch. Innerhalb kurzer Zeit kam es zu einem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Absturz, zur Auflösung der Planwirtschaft und zur Abschaffung staatlichen Eigentums. Die Gründe dafür lagen in erster Linien in der Unorganisiertheit der Planwirtschaft, in ethnischen und religiösen Konflikten wie auch im politischen Vorhaben, die im Zweiten Weltkrieg erworbene Länder von einander und vor allem von der Sowjetunion abhängig zu machen. 1991 wurde nach zahlreichen Reformenvorhaben von Seiten Gorbatschows und zahlreichen Revolutionen von Seiten der Bevölkerung die Auflösung der Sowjetunion beschlossen. 15 Unionsrepubliken schlossen sich zu Staaten unabhängiger Gemeinschaft (GUS) zusammen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Der Zusammenbruch und der Systemwandel des Sowjetsystems stellten für die Soziologie bei der Erforschung der Strukturfragen und der Modernisierungsprobleme einen herausfordernden Gesellschaftsbereich dar.

Balint Balla zufolge kann im Rückblick neuerlich festgestellt werden, dass sozialwissenschaftliche Forschungen völlig unvorbereitet und konzeptlos von den tiefgreifenden Wandlungsprozessen in Osteuropa überrascht worden sind. Die westliche Soziologie hat dem Geschehen in den damals kommunistisch beherrschten osteuropäischen Gesellschaften in den zurückliegenden Jahrzehnten viel zu wenig Beachtung geschenkt. Durch diesen Umbruch mit einer gewaltigen Tragweite wurden theoretische Grundlagen wie auch empirische Forschungsmethoden der Soziologie auf den Kopf gestellt.

Vor diesem Hintergrund wurde eine internationale Tagung an der Universität Miskolc in Ungarn der Sektion „Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie“ abgehalten, mit der Absicht Rückwirkungen dieser Vorgänge auf das allgemeine soziologische Denken festzustellen, wie auch auf die Entwicklung der Soziologie in den ost- und ostmitteleuropäischen Staaten aufmerksam zu machen.

Als Mitglied der Arbeitsgruppe „Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, welche zentrale Fragen des sozialen Umbruchs und der postkommunistischen Entwicklung in Osteuropa analysiert, behandelt Balint Balla in seinem Werk „Soziologie Ost- und Ostmitteleuropas als Beitrag zur Allgemeinen Soziologie“ genau diese Thematik.

Balint Balla versucht u.a. das Ignorieren osteuropäischer Entwicklungen als eine Schwäche der Soziologie darzustellen und begründet dies mit der Tatsache, dass sich die Soziologie insbesondere mit der Mikroebene zu beschäftigen pflegt. Er unternimmt außerdem den Versuch, den Niedergang des Sowjetsystems mit der Knappheitsproblematik zu begründen und mit Hilfe eines handlungstheoretischen Ansatzes verstehend zu erklären.


Werke[Bearbeiten]

Deutschsprachige Werke[Bearbeiten]

  • Balla, Balint: Kaderverwaltung, Stuttgart 1972
  • Balla, Balint: Soziologie der Knappheit, Stuttgart 1978
  • Balla, Balint: Kultur als Daseinssphäre von Knappheitsbekämpfung, in: Lipp, W. (Hrsg.): Kulturtypen, Kulturcharaktere, Berlin 1987
  • Balla, Balint: Das Sowjetsystem an seinen Grenzen, in: Bonk, S. (Hrsg.): Ideen zu einer Integralen Anthropologie, München 1991
  • Balla, Balint: Soziologie und Gesellschaft in Ungarn (Bd. 1 Historische Entwicklung und sozialer Wandel; Bd. 2 Marxistische Soziologie, Politik und Planung; Bd. 3 Familie, Jugend und Bildungssystem; Bd. 4 Vom Agrarland zur Industriegesellschaft) Stuttgart 1974


Artikel[Bearbeiten]

  • Balla, Balint: Postkommunismus; Gedankenfrage über einen möglichen Forschungsgegenstand einer soziologischen Arbeitsgruppe – und darüber hinaus, in: Kultursoziologie, Heft 1, Leipzig 1993, S. 110-126
  • Balla, Balint: Zu einer handlungstheoretischen Analyse vom Aufstieg und Niedergang des Sowjetsystems, in: Sociologia Internationalis, 32. Band, Heft 1, 1994, S. 77-101
  • Balla, Balint: Der Fall des Sowjetsystems; zu einer makrosoziologischen Analyse auf handlungstheoretischer Basis, in: Balla, B./Geier, W. 1994a, S. 27-36
  • Balla, Balint: Postkommunismus: Nach dem Zusammenbruch eines epochalen Wertsystems, 1995a, in: Fünf Jahr nach der Wende – Bilanz in Mittel- und Südosteuropa, Hrsg. R. Schönfeld, Südosteuropa-Gesellschaft, München 1995, S.49-57
  • Balla, Balint: Mitteleuropa aus der Sicht des ungarischen Dauerdilemmas „zwischen Ost und West“, in: Ungarn-Jahrbuch. Zeitschrift für die Kunde Ungarns und verwandte Gebiete, Band 18, München 1991, S. 237-251


Werke in Zusammenarbeit mit anderen Autoren[Bearbeiten]

  • Balla, Balint/Sterbling, Anton (Hrsg.): Soziologie und Geschichte – Geschichte der Soziologie. Beiträge zur Osteuropaforschung, Hamburg 1995

Dieser Band enthält die Beiträge der Tagung der Arbeitsgruppe „Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in welchem die Beziehung von Geschichte und Soziologie unter den für die Forschungsgruppe relevanten Aspekten aufgezeigt wird.

  • Balla, Balint/Sterbling, Anton: Zusammenbruch des Sowjetsystems. Herausforderung für die Soziologie, Hamburg 1996
  • Balla, Balint/Geier, Wolfgang (Hrsg.): Zu einer Soziologie des Postkommunismus. Kritik, Theorie, Methodologie, Münster/Hamburg 1994
  • Balla, Balint/Ilja Srubar/Martin Albrecht: Pitirim A. Sorokin. Leben, Werk und Wirkung, Hamburg 2002


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Theorie der Knappheit[Bearbeiten]

Im Allgemeinen fasst Balint Balla die Knappheit als ein Phänomen auf, welches durch rationales Handeln verringert und regulierbar ist. Das Menschenbild ist das des homo oeconomicus, welcher mit der Knappheit zu wirtschaften weiß. Die Sozialbeziehungen sind neutral und versachlicht.

Dabei geht es um knappe materielle und immaterielle Güter und um die Knappheit als existentieller Grundbestand des Menschen. Der Mensch sei Balla zufolge ein „Mängelwesen“ und zugleich ein „Mensch der Knappheit“, sodass jede individuelle Handlung als eine knappheitsbekämpfende Handlung anzusehen ist. Für soziales Handeln ist die Art und Weise wie knappe Güter beschafft werden von großer Bedeutung. Unterschiedliche Arten der Knappheitsbekämpfung führen zu einer Klassifikation der Handlungen, welche in außer- und innergesellschaftliche Idealtypen eingeteilt werden.

Als erster Idealtyp gilt die direkte Leistung als Güterbeschaffung, die persönliche Bedürfnisse reguliert. Für weitere Idealtypen stehen Entzug, Austausch und die Handlung des Helfens und Schenkens, wobei der Entzug in einen horizontalen und einen hierarchischen eingeteilt werden kann.

Alle Typen werden durch das Zusammenwirken der Grundmerkmale: Knappheitsbezug, Menschenbild und kollektive Bewertung der sozialen Beziehungen realisiert. Aus emotionaler und ethischer Sicht wird der Austausch als neutral, der Entzug als negativ und das Schenken von Gütern als positiv bewertet.

Der Entzug wird als einseitiges, unentgoltenes Nehmen knapper Güter in akut eingeschätzten Knappheitslagen betrachtet, wobei der horizontale Entzug den Entzug zwischen Gegnern, die beide Macht zum Entziehen verfügen, mittels Gewalt beschreibt und der Hierarchische eher zwischen zwei bezüglich Macht ungleichen Gegnern zustande kommt. Der Machtlose wird entweder durch Strafandrohung oder durch Entzugshingabe (einseitiges Leisten, Zahlen oder Dienen) dazu gedrängt, seine knappen Ressourcen an den Mächtigeren weiterzugeben.

Der Austausch wird durch das Geben und Nehmen knapper Güter charakterisiert, jedoch unter den Bedingungen der Gegenseitigkeit, der Freiheit und der Gleichheit der jeweiligen Interaktionspartner. In diesem Fall verfügen beide über knappe Güter.

Beim Helfen wird die Knappheit zugunsten des Anderen bekämpft. Dieses freiwillige und unentgoltene Handeln wird, wenn es auf materielle Güter bezogen wird, als Schenken bezeichnet, wobei der Helfende seine eigene Knappheitssituation außer Acht lässt. Oft werden Güter geschenkt, die beim Helfenden im Überfluss vorhanden sind. Innerhalb der Beziehung lässt sich ein „Wir-Gefühl“ feststellen.

Der Sinn und Zweck dieser genannten Grundmerkmale liegt darin, die Makrostruktur zu durchleuchten und soziale Gegebenheiten nicht allein auf individuelle Handlungen zu reduzieren.


Literatur[Bearbeiten]

  • Balla, Bálint (2005):
    "Knappheit als Ursprung sozialen Handelns"
    Hamburg
  • Balla, Bálint(1978):
    "Soziologie der Knappheit. Zum Verständnis individueller und gesellschaftlicher Mängelzustände"
    Stuttgart
  • Balla, Bálint [Hrsg.](1996):
    "Zusammenbruch des Sowjetsystems. Herausforderung für die Soziologie"
    Hamburg
  • Beetz, Stephan [Hrsg.](2003):
    Soziologie über die Grenzen : europäische Perspektiven ; Festschrift für Bálint Balla zum 75. Geburtstag"
    Hamburg

Kursiver Text

Baudrillard, Jean[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Baudrillard Jean

  • geboren am am 20. Juli 1929 in Reims, war ein Soziologe, Philosoph, Medientheoretiker und Photograph. Bekannt ist er als ein einflussreicher Vertreter des Postmodernismus und Poststrukturalismus. Er starb im März 2007 in Paris.


  • Nach dem Abschluss des Deutschstudiums an der Sorbonne, unterrichtete Baudrillard Deutsch an einem Gymnasium. Unter anderem arbeitete er auch als Übersetzter und studierte Philosophie und Soziologie.

Er habilitierte 1972 und wurde Professor an der Universität Paris-X Nanterre.


Ausbildung

  • 1958-1966 Studium der Germanistik an der Sorbonne
  • 1966-1987 Studium er Philosophie und Soziologie an der Universität Paris-Nanterre
  • 1968 Promotion mit der Arbeit „Le Système des Objets“ (Das System der Dinge)
  • 1987 Habilitation mit der Arbeit „L’Autre par lui-même“ (Das Andere selbst)


Beruflicher Werdegang

  • 1958 – 1966 Deutschlehrer an einem Gymnasium
  • 1958 - 1966 Literaturkritiker und Übersetzer
  • 1968 Lehrstuhl für Soziologie an der Paris-Nanterre
  • 1866 – 1970 Maître Assistant (Eine Dienstbezeichung im französischen Bildungssystem)
  • 1970 - 1972 Maître de Conférences für Soziologie (Eine Dienstbezeichung im französischen Bildungssystem, vergleichbar mit dem deutschen akademischen Rat)
  • 1987 Professor für Medien und Kultur an der European Graduate School (Saas-Fee, Schweiz)
  • 1986 – 1990 Directeur Scientifique


Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1995 - Siemens-Medien-Preis (100 Tausend DM)


Besondere Ereignisse[Bearbeiten]

  • 1981 Die Sozialisten kommen in Frankreich an die macht. Baudrillard kritisiert die Linken. Die Regierung wirft ihm vor, dass seine Theorien bei den "Neuen Rechten" anklang finden.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Baudrillard war der Sohn eines Beamten. Seine Großeltern waren bäuerliche Grundeigentümer. Er war der erste in der Familie, der die Universität besuchte. Baudrillards Jugend war geprägt vom algerischen Krieg, der in den 50er und 60er Jahren stattgefunden hatte. Anlass für seine Marxistischen Texte für die Zeitung „Utopie“, waren die Studentenrevolten an der Nanterre Universität 1968.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Baudrillard interessierte sich für Roland Barthes. Sein Werk „The Object System 1968“ ist vom Barthes’ Theorien stark beeinflusst. Marshall McLuhan, der die Wichtigkeit der Massenmedien von der Soziologischen Perspektive analysierte, sollte auch sehr wichtig sein, für Baudrillards Theorien. Er schrieb zahlreiche theoretische Arbeiten über das kapitalistische System. Seine Werke waren geprägt vom strukturellen Marxismus, Anarchismus und von der Medientheorie.

Weiters wurde er beeinflusst von:

  • Durkheim, Mauss: im Hinblick auf Objektivität und die lingustisch-soziologische-Verbindung,
  • Batailles und seinen Werken über die Surrealität und Erotik,
  • Sartre,Dostojevski, Nietzsche und deren Gedanken zu Situationismus und Surrealismus,
  • Freud und dessen Psychoanalyse,
  • und dem Marxismus.

Baudrillards Denken verläuft in drei Phasen:

  • 1. Postmarxismus (1961-71)
  • 2. Soziolinguistik (1972-77)
  • 3. Postmodernismus (1978-2007)


Werke[Bearbeiten]

  • Le Système des objets; (Gallimard, 1968 - Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen)
  • La Sociètè de consommation; (Denoel, 1970)
  • Pour une critique de l'èconomie politique du signe; (Gallimard, 1976)
  • L'Èchange symbolique et la mort; (Gallimard, 1976 - Der symbolische Tausch und der Tod)
  • Oublier Foucault; (Galilee, 1977)
  • L'Effet Beaubourg; (Galilee, 1977)
  • À l'ombre des majorites silencieuses; (Denoël, 1978)
  • Le PC ou les paradis artificiels du politique; (Cahiers d'Utopie, 1978)
  • De la seduction; (Galilee, 1979)
  • Simulacred et Simulation; (Galilee, 1981)
  • Lasst euch nicht verführen (Merve 1983)
  • Les Stratègies fatales; (Grasset, 1983 - Lasst euch nicht verführen)
  • La Gauche divine; (Grasset, 1984 - Die göttliche Linke)
  • Le Miroir de la production; (Galilee, 1985)
  • Amèrique; (Grasset, 1986)
  • L'Autre par lui-même, Habilitation; (Galilee, 1987)
  • Cool Memories I; (Galilee, 1987)
  • Cool Memories II; (Galilee, 1990)
  • La Transparence du mal; (Galilee, 1990)
  • La Guerre du Golfe n'a pas eu lieu; (Galilee, 1991)
  • L'Illusion de la fin; (Galilee, 1992)
  • Le Crime parfait; (Galilee, 1994)
  • Figures de l'altèrite avec Marc Guillaume; (Descartes et Cie, 1994)
  • Fragments, Cool Memories III; (Galilee, 1995)
  • Das perfekte Verbrechen (Matthes & Seitz 1996)
  • Der unmögliche Tausch (Merve 2000)
  • Ècran total; (Galilee, 1997)
  • Le Paroxyste indifferent, entretiens avec Philippe Petit; (Grasset, 1997)
  • L'Echange impossible; (Galilee, 1999)
  • Les mots de passe; (Pauvert, 2000)
  • Der Geist des Terrorismus (Passagen 2003)
  • Einzigartige Objekte (Passagen 2004)
  • Gesprächsflüchtlinge (Passagen 2007)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Baudrillard ist ein Theoretiker der Postmoderne. Er hat zahlreiche Werke über Virtualität, Simulation, Hyperrealität, Fundamentalismus, Terrorismus, Globalisierung sowie über das Ende des Geschichte geschrieben.


Über den Konsum[Bearbeiten]

Für Baudrillard sind Gebrauchsgegenstände „reine Zeichen“ und werden in ihrer ideellen Dimension auch als solche konsumiert. Zum Beispiel sind ein englischer Ledersessel oder ein orientalischer Teppich keine Gegenstände des Gebrauchs sondern die Vorstellung von britischer Behaglichkeit und Souvenirs aus dem Morgenland. Der Konsum ist in diesem Zusammenhang, eine idealistische Praxis.


Reqiem für die Medien[Bearbeiten]

Für Baudrillard gibt es keine Medientheorie. Die „Simulationstheorie“ von Baudrillard beschäftigt sich mit den Bildern der „Wirklichkeit“, die über die Massenmedien gezeigt werden. Diese Bilder sind nach seiner Ansicht „wichtigkeitsmächtiger“ geworden als das Reale geschehen selbst. Der Simulakrum (= die Scheinwelt) der Medien verdrängt die wirkliche Welt immer mehr. Die sogenannte „Rede ohne Antwort“ macht es dem Konsumenten nicht möglich diese Macht kritisch gegenüberzustehen.


Der symbolische Tausch und der Tod[Bearbeiten]

Hier wird die moderne Gesellschaft auf Veränderungen ihres Symbolsystems untersucht. Dieses System wird von einem strukturalistischen Zeichensystem bestimmt „Signifikat und Signifikant“. Signifikat heißt „das bezeichnete Vorstellungsbild“ und Signifikant „die Bedeutsamkeit“. Die Zeichencodes der Städte, Medien und der Werbung sind reiner Selbstzweck und dienen dazu, dass „jeder an seinem Platz bleibt.“

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

In den letzten Jahren ist Baudrillard als Prophet der Implosion bekannt geworden, mit der sich der postmoderne Zustand beschäftigt.


Literatur[Bearbeiten]

  • Falko Blask (1995):
    "Baudrillard zur Einführung"
  • Rene Derveaux Jean Baudrillard (2002):
  • "Wahrheit, Realität, Simulation, Hyperrealität"
  • Stephan Moebius, Lothar Peter (2004):
  • "Französische Soziologie der Gegenwart"
  • Jochen Venus (1997):
  • "Referenzlose Simulation? Argumentationsstrukturen postmoderner Medientheorie am Beispiel von Jean Baudrillard
  • Michael Schetzsche, Christian Vähling (2006):
  • "Jean Baudrillard"


Internetquellen[Bearbeiten]

Bauman, Zygmunt[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Zygmunt Bauman

  • geboren am 19. November 1925 in Posen in Polen. Bauman ist ein polnisch-britischer-jüdischer Soziologie und Philosoph. Er ist verheiratet mit der Autorin Janina Bauman, mit der er drei Töchter Anna, Irena und Lydia hat. Bauman lebte bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges in Posen.


  • 1939 Flucht vor den Nazis in die Sowjetunion. Nach einer militärischen Karriere beim polnischen Militär Habilitation an der Universität Warschau.
  • 1954 Professur für Soziologie in Warschau.
  • 1968 aus politischen Gründen: Verlust seiner Stellung als Professor für Soziologie an der Warschauer Universität und als Vorstand der Fakultät der Allgemeinen Soziologie. Im selben Jahr verlässt Bauman Polen und emigriert nach Israel. In den Jahren 1969-1971 hält er Vorlesungen an den Universitäten in Tel-Aviv und Haifa.
  • 1971 Ruf an den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds (Großbritannien),diesen besetzt er bis 1990 und lehrt darüber hinaus als Gastprofessor an zahlreichen anderen Universitäten, darunter Berkeley und Yale, in Canberra, St. John's und Kopenhagen.
  • 1989 erhält Bauman den Amalfi-Preis für Sozialwissenschaften für sein Werk "Modernity and the Holocaust"("Die Moderne und der Holocaust").
  • 1998 bekommt er den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt a. M. verliehen.

Heute lebt Zygmunt Bauman als emeritierter Professor noch immer in Leeds und geht seiner Publikationstätigkeit nach.

Historischer Kontext[Bearbeiten]

"Ich habe in einem langen Leben in den verschiedensten Gesellschaftssystemen mit ihren Hoffnungen und Ängsten gelebt. Vielleicht ist es meine einzige Art von Weisheit, sicher zu sein, dass auf Erden eine gute Gesellschaft nicht existiert. " [1]

Baumans Werke sind stark geprägt von den Erfahrungen des 2. Weltkriegs und dem Holocaust. Er selbst war Jude und musste aus politischen Gründen nach dem Krieg Polen verlassen. Die Emigration nach Israel, hat Baumans Sichtweise verändert und geprägt. Der häufige, z.T. ungewollte Wohnsitzwechsel, hat Baumans Leben gezeichnet, besonders in der Erfahrung, als Fremder in einem Land, fern von der eigenen Heimat, zu leben. Nach dem Krieg teilte Zygmunt Bauman das Ziel vieler anderer Menschen seiner Generation und Situation, nämlich die einzigartige Tradition der polnischen Wissenschaft wieder aufzubauen. Heute wohnt er in Leeds(Großbritannien).


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Bei näherer Betrachtung wird Baumans intellektuelle Nähe zur Strömung des Neopragmatismus, und dabei ganz besonders zu Richard Rorty, erkennbar. Bauman kann sich v.a. mit dem verkündeten Interpretationspluralismus, von Rorty, identifizieren. Dies muss man immer im Zusammenhang mit den ethisch-moralischen Fragen, die Bauman beschäftigen, sehen, was auch seine eigenwillige Interpretation des Holocaust erklärt.


Werke[Bearbeiten]

  • 1957: Zagadnienia centralizmu demokratycznego w pracach Lenina [Fragen des demokratischen Zentralismus in den Werken Lenins]. Warszawa: Książka i Wiedza.
  • 1959: Socjalizm brytyjski: Źródła, filozofia, doktryna polityczna [Der britische Sozialismus: Quellen, Philosophie, politische Doktrin]. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.
  • 1960: Klasa, ruch, elita: Studium socjologiczne dziejów angielskiego ruchu robotniczego [Klasse, Bewegung, Elite: Eine soziologische Studie zur Geschichte der englischen Arbeiterbewegung]. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.
  • 1960: Z dziejów demokratycznego ideału [Aus der Geschichte des demokratischen Ideals]. Warszawa: Iskry.
  • 1960: Kariera: cztery szkice socjologiczne [Karriere. Vier soziologische Skizzen]. Warszawa: Iskry.
  • 1961: Z zagadnień współczesnej socjologii amerykańskiej [Fragen der modernen amerikanischen Soziologie]. Warszawa: Książka i Wiedza.
  • 1962 (mit Szymon Chodak, Juliusz Strojnowski, Jakub Banaszkiewicz): Systemy partyjne współczesnego kapitalizmu [Parteisysteme des modernen Kapitalismus]. Warsaw: Książka i Wiedza.
  • 1962: Spoleczeństwo, w ktorym żyjemy [Die Gesellschaft, in der wir leben]. Warsaw: Książka i Wiedza.
  • 1962: Zarys socjologii. Zagadnienia i pojęcia [Umriss der Soziologie. Fragen und Begriffe]. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.
  • 1964: Zarys marksistowskiej teorii spoleczeństwa [Umriss der marxistischen Gesellschaftstheorie]. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.
  • 1964: Socjologia na co dzień [Soziologie für den Alltag]. Warszawa: Iskry.
  • 1965: Wizje ludzkiego świata. Studia nad społeczną genezą i funkcją socjologii [Visionen einer menschlichen Welt. Studien über die gesellschaftliche Genese und Funktion der Soziologie]. Warszawa: Książka i Wiedza.
  • 1966: Kultura i społeczeństwo. Preliminaria [Kultur und Gesellschaft. Preliminarien]. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.
  • 1972: Between Class and Elite. The Evolution of the British Labour Movement. A Sociological Study. Manchester: Manchester University Press ISBN 0719005027 (polnisches Original 1960)
  • 1973: Culture as Praxis. London: Routledge & Kegan Paul. ISBN 0761959890
  • 1976: Socialism: The Active Utopia. New York: Holmes and Meier Publishers. ISBN 0841902402
  • 1976: Towards a Critical Sociology: An Essay on Common-Sense and Emancipation. London: Routledge & Kegan Paul. ISBN 0710083068
  • 1978: Hermeneutics and Social Science: Approaches to Understanding. London: Hutchinson. ISBN 0091325315
  • 1982: Memories of Class: The Pre-history and After-life of Class. London/Boston: Routledge & Kegan Paul. ISBN 0710091966
  • c1985 Stalin and the peasant revolution: a case study in the dialectics of master and slave. Leeds: University of Leeds Department of Sociology. ISBN 0907427189
  • 1987: Legislators and interpreters – On Modernity, Post-Modernity, Intellectuals. Ithaca, N.Y.: Cornell University Press. ISBN 0801421047
  • 1988: Freedom. Philadelphia: Open University Press. ISBN 0335155928
  • 1989: Modernity and The Holocaust. Ithaca, N.Y.: Cornell University Press. ISBN 080142397X
    (dt. Übers. Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1992. ISBN 3-434-50015-4)
  • 1990: Paradoxes of Assimilation. New Brunswick: Transaction Publishers.
  • 1990: Thinking Sociologically. An introduction for Everyone. Cambridge, Mass.: Basil Blackwell. ISBN 0631163611
    (dt. Übers. Vom Nutzen der Soziologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, ISBN 3-518-11984-2)
  • 1991: Modernity and Ambivalence. Ithaca, N.Y.: Cornell University Press. ISBN 0801426030
    (dt. Übers. Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg: Junius, 1992, ISBN 3-88506-204-6)
  • 1992: Intimations of Postmodernity. London, New York: Routhledge. ISBN 0415067502
    (dt. Übers. Ansichten der Postmoderne, Hamburg: Argument-Verlag 1995, ISBN 3-88619-239-3)
  • 1992: Mortality, Immortality and Other Life Strategies. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745610161
    (dt. Übers. Tod, Unsterblichkeit und andere Lebensstrategien, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch-Verlag, 1994, ISBN 3-596-12326-7)
  • 1993: Postmodern Ethics. Cambridge, MA: Basil Blackwell. ISBN 0-631-18693-X
    (dt. Übers. Postmoderne Ethik, Hamburg: Hamburger Edition, 1995, ISBN 3-930908-22-0)
  • 1995: Life in Fragments. Essays in Postmodern Morality. Cambridge, MA: Basil Blackwell. ISBN 0631192670
    (dt. Übers. Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, Hamburg: Hamburger Edition, 1997, ISBN 3-930908-30-1)
  • 1996: Alone Again – Ethics After Certainty. London: Demos. ISBN 1-898-30940-X
  • 1997: Postmodernity and its discontents. New York: New York University Press. ISBN 0745617913
    (dt. Übers. Das Unbehagen in der Postmoderne, Hamburg: Hamburger Edition 1999, ISBN 3-930908-45-X)
  • 1998: Work, consumerism and the new poor. Philadelphia: Open University Press. ISBN 0335201555
  • 1998: Globalization: The Human Consequences. New York: Columbia University Press. ISBN 0745620124
    (dt. Übers. Der Mensch im Globalisierungskäfig, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, ISBN 3518121251).
  • 1999: In Search of Politics. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745621724
    (dt. Übers. Die Krise der Politik. Fluch und Chance einer neuen Öffentlichkeit, Hamburg: Hamburger Edition 2000, ISBN 3-930908-60-3)
  • 2000: Liquid Modernity. Cambridge: Polity Press ISBN 074562409X
    (dt. Übers. Flüchtige Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, ISBN 3-518-12447-1)
  • 2001: Community. Seeking Safety in an Insecure World. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745626343
  • 2001: The Individualized Society. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745625061
  • 2001 (mit Keith Tester): Conversations with Zygmunt Bauman. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745626645
  • 2001 (mit Tim May): Thinking Sociologically, 2nd edition. Oxford: Blackwell Publishers. ISBN 0631219293
  • 2002: Society Under Siege. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745629849
  • 2003: Liquid Love: On the Frailty of Human Bonds, Cambridge: Polity Press. ISBN 0745624898
  • 2003: City of fears, city of hopes. London: Goldsmith's College. ISBN 1904158374
  • 2004: Wasted Lives. Modernity and its Outcasts. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745631649
    (dt. Übers. Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne, Hamburg: Hamburger Edition 2005, ISBN 3-936096-57-0)
  • 2004: Europe: An Unfinished Adventure. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745634036
  • 2004: Identity: Conversations with Benedetto Vecchi. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745633080
  • 2005: Liquid Life. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745635148
  • 2006: Liquid Fear. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745636802
  • 2007: Liquid Times: Living in an Age of Uncertainty. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745639879
  • 2007: Consuming Life. Cambridge: Polity Press. ISBN 0745639798 (März)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Baumans Werke haben einen klaren Fokus auf die Mehrdeutigkeit der Moderne, die an verschiedenen Beispielen deutlich wird – wie zum Beispiel auch an der Assimilation der Juden in Europa.


"Modernity and the Holocaust"[Bearbeiten]

(Die Moderne und der Holocaust)

In seinem Buch "Modernity and the Holocaust“ erläutert Bauman den Holocaust „als Folge einer ungewöhnlichen Häufung von Fakten, die einzeln gesehen ganz gewöhnlich und normal sind - doch die Verantwortung für eine derartige Häufung muss dem modernen Staat zugeschrieben werden“.

Andererseits kritisiert Zygmunt Bauman die Moderne und distanziert sich auch klar von der Postmoderne. Er schreibt dazu u.a.: "Postmoderne ist die erregende Freiheit, jedes beliebige Ziel zu verfolgen und die verwirrende Unsicherheit darüber, welche Ziele es wert sind, verfolgt zu werden, und in wessen Namen man sie verfolgen sollte.” “Die Postmoderne gibt der Welt zurück, was die Moderne ihr in ihrer Anmaßung genommen hat; sie verzaubert die Welt wieder, die die Moderne mit aller Kraft zu entzaubern suchte”. [2]

Zygmunt Bauman sieht das Buch selbst als einen Einblick in die „in verschiedenen Stadien des postmodernen Diskurses, entstandene Ansichten und Einblicke – im Bewußtsein, jeweils nur einen Teil betrachtet zu haben und auch nur einen von vielen Standpunkten – zusammen ergeben sie doch grundlegende Einsichten.“

In dem Werk werden zwei grundlegende Aspekte betrachtet:

  • Die Soziologie als Wissenschaft, die von der Moderne beeinflusst und entwickelt wurde. Bauman findet eine neue Qualität in der Gesellschaft, die er von unterschiedlichen Ausgangspunkten heraus untersucht und klarerweise ständig mit der Moderne vergleicht.
  • In dem Kapitel „Gesetzgeber und Interpreten“ beschreibt Baumann, die Haltung in der Moderne als „Gesetzgeber“ und bringt damit klar zum Ausdruck, dass man der postmodernen pluralistischen, toleranten Gesellschaft, eine interpretierende Rolle zuordnet. Heutzutage verstehen sich Gestalter nicht mehr als Lehrer und Erzieher, die eine Formung der Menschen mit dem Blick auf die Zukunft heranstreben. Stattdessen legen sie andere Kulturen und deren Einflüsse für das Hier und Jetzt aus.

Baumans Belege für die neue Wirklichkeit der Gesellschaft sind keine empirischen Untersuchungen, jedoch versucht er sie, abstrakt zu erklären. Damit verbessert er auch das Verständnis für die derzeitige Gesellschaft.

  • Er beleuchtet außerdem den systemimmanenten Kontext, der den Kommunismus vernichtet. Dies beschreibt er mit dem Exempel, dass der Staat sein Universalitätsbestreben sogar auf das Gebiet des Persönlichen, Privaten ausgeweitet hat (Totalitarismus). Dadurch werden umgekehrt „persönliche Probleme“ auf den Staat umgewälzt, wodurch eine Emotionalität wächst, die Unberechenbares und Gefährliches mit sich bringt. Dies ist natürlich lediglich ein geringer Aspekt, aus einem von vielen Themenbereichen.

"Wasted Lives. Modernity and its Outcasts"[Bearbeiten]

(Verworfenes Leben)

In seinem Buch „Verworfenes Leben“ behandelt Bauman das Thema der Mittellosigkeit in der heutigen globalisierten Gesellschaft. Baumans These trifft den Kern der neuzeitlichen Rationalität: Ein - wenn nicht sogar das zentrale Ergebnis von Modernisierungsprozessen- besteht in der Exklusion von Menschen aus den sozialen, nationalstaatlichen und kulturellen Zusammenhängen. Im Schicksal von heimatlosen Migranten, Flüchtlingen und für "überflüssig" gehaltenen Menschen manifestiert sich die Tatsache, dass in der Entwicklung der modernen Gesellschaften in ökonomischer und politischer Hinsicht, die Integration aller verabsäumt wird. Die Moderne wirkt sich mehr noch, höchst selektiv aus; Deprivation ist ihr besonderes Kennzeichen. Bauman zeigt auf, wie Exklusion mit der Modernisierung und Globalisierung einhergeht.(siehe auch Klappentext)


"Modernity and Ambivalence"[Bearbeiten]

(Moderne und Ambivalenz)

Die Moderne hat sich eine unlösbare Aufgabe gestellt. Ihr Anspruch, die Welt durchschaubar zu machen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil er die grundsätzliche Ambivalenz der Welt und die Zufälligkeit unserer Existenz, unserer Gesellschaft und unserer Kultur leugnete. Jeder Versuch, diese Tatsache aus der Welt zu schaffen, hat immer nur neue Ambivalenz erzeugt - ein Teufelskreis, der schließlich mit dem Nationalsozialismus in den Versuch mündete, alles Ambivalente zu vernichten. Erst die Postmoderne verabschiedet sich von dem Versprechen, eine übersichtliche Welt zu schaffen. Sie erkennt, dass der Wille, die unabänderliche Zweideutigkeit menschlicher Existenz zu beheben, gleichbedeutend ist mit dem Willen, den Menschen seiner Freiheit zu berauben.(siehe auch Klappentext)


"Die gesellschaftliche Konstruktion der Ambivalenz":

Bauman beschäftigt sich in dem Text mit der sozialen Schließung, sprich der Inklusion und Exklusion von Fremden an. Er bezieht sich darin vor allem auf das Beispiel der Juden. Der Versuch von Juden, sich anzupassen, endete in seinem Text nach Marthe Roberts sarkastischer Zusammenfassung so: „Bei sich zu Hause leben, denken, fühlen und schreiben die jungen Leute aus Prag wie Deutsche, äußerlich den anderen gleich, doch außerhalb ihrer Viertel täuscht sich niemand. Die anderen erkennen sie sofort an ihrem Gesicht, ihrem Benehmen, ihrem Akzent. Gewiss sind sie assimiliert, doch nur in dem geschlossenen Raum ihres geborgten Deutschtums, oder anders gesagt, sie sind an ihre eigene Entwurzelung ´assimiliert´.“Für Bauman waren die Juden die prototypischen Fremden in Europa. Er nannte sie die „sich selbst vermehrenden Unkräuter in der Welt, die aus sorgfältig gepflegten Gärten bestanden, Nomaden unter den Sesshaften – nur Zigeuner teilten diese Eigenschaft mit den europäischen Juden – und also mussten sie, für Hitler, auch deren letztes Schicksal teilen.“ Sie waren universale Fremde, denn ihre Fremdheit war nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt. Sie waren auch keine Besucher aus einem anderen Land, denn dieses „andere Land“ existierte nicht, und es gab eigentlich gar kein Land, in dem sie das Recht beanspruchen konnten, keine Besucher oder Fremde zu sein. Juden waren „die „verkörperte Fremdheit, die ewigen Wanderer, der Inbegriff der Nicht-Territorialität, das Wesen der Heimatlosigkeit, ein nicht exorzierbares Gespenst der Konventionalität im Haus des Absoluten, eine nomadische Vergangenheit in der Ära der Sesshaftigkeit.“

Franz Kafka schrieb in einem Brief an Max Brod über die Generation der zu Deutschen gemachten Juden (zu denen er selbst gehörte) folgende Selbstdiagnose:

„Mit den Hinterbeinchen klebten sie noch am Judentum des Vaters und mit den Vorderbeinchen fanden sie noch keinen neuen Boden. Die Verzweiflung darüber war ihre Inspiration.“

Bauman war der Ansicht, dass „ein Fremder zu sein bedeutet, fähig zu sein, ständige Ambivalenz zu leben, ein Ersatzleben der Verstellung.“[3]


Liquid Modernity[Bearbeiten]

(Flüchtige Moderne)

Die in der Französischen Revolution erhobene Forderung nach "Verdampfung aller Stände" sollte dazu führen, dass neue Stabilitäten geschaffen werden. Nach über zweihundert Jahren des Kampfes um Freiheit und Emanzipation müssen wir einsehen, dass eine Kluft zwischen dem befreiten Individuum de jure und seinen Einflussmöglichkeiten de facto entstanden ist. Zygmunt Bauman entwirft das Bild einer Moderne, die sich durch exterritorial und mobil gewordene Machtstrukturen auszeichnet. Das Individuum ist zwar in die Freiheit entlassen, muss das soziale Gewebe jedoch in Heimarbeit selbst herstellen. Es gibt kein Schaltzentrum der Macht mehr, die Strukturen sind flüchtig, die Freiheit beliebig. (siehe auch Klappentext)


In Search of Politics[Bearbeiten]

(Die Krise der Politik)

Ist Deregulierung das Tor zur wahren menschlichen Freiheit? Mit ihrem Verzicht darauf, zumindest den Rahmen der Entscheidungen, die den Einzelnen offen stehen, festzulegen, ist die Politik immer mehr zum Spielball der Gesetzte des Marktes geworden. Angesichts dieser Trennung von Macht und Politik erinnert Bauman an eine verloren gegangene Vermittlungsinstanz zwischen den privaten und den öffentlichen Interessen. Der entscheidende Schritt zur Autonomie wurde getan, als die Griechen ihren Gesetzen die Präambel voranstellten: "Es ist dem Rat und dem Volk gut erschienen". Mit dieser bescheidenen Formulierung errangen die Griechen das Bewußtsein, daß sie selbst für ihre Institutionen verantwortlich waren. Und diese Selbstverantwortlichkeit brauchte einen Raum, um Entscheidungen zu diskutieren : die agora, den Marktplatz, auf dem die Vermittlung zwischen dem privaten Bereich des Hauses, dem oikos, und der ekklesia, der Volksversammlung, stattfand. Solche öffentlichen Räume der Kommunikation bestehen gegenwärtig nicht.(siehe auch Klappentext)


Thinking Sociologically[Bearbeiten]

(Vom Nutzen der Soziologie)

In Deutschland gilt es gegenwärtig als chic, die Soziologie für unfruchtbar und überholt zu halten. Gegen die Argumente von Verächtern soziologischer Analysen zeigt dieses Buch, daß der einzelne tägliche in seinen Handlungen und Überlegungen soziologische Kategorien verwendet. Was es bedeutet, soziologisch zu denken, erklärt Bauman, indem er von den alltäglichen Erfahrungen ausgeht.(siehe auch Klappentext)


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Bauman wird oft zu den bekanntesten und angesehensten Soziologen und Philosophen gezählt. Er wird auch als einer der bedeutensten Urheber des Konzepts der „Postmoderne“ bezeichnet. Die Themen seiner wesentlichen Arbeiten betreffen vor allem die zeitgenössische Kultur in all ihren Erscheinungsformen sowie die damit verbundenen Prozesse.

Obwohl Bauman 1968 Polen aus politischen Gründen verlassen musste, blieb er dort weiterhin bekannt und beliebt, als Autor zahlreicher Bücher und Lehrbücher, die sich mit der Soziologie befassten und als herausragender Lehrer der Soziologiestudenten sowie als Chefredakteur der „Studiow Socjologiczniych“(„Soziologische Studien“).

Sein wissenschaftliches Denken perfektionierte er v.a. in der Emigration. Viele Werke Baumanns, die er auch in englischer Sprache verfasst hat, werden in England, den USA und vielen europäischen Ländern verkauft.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bauman, Zygmunt (2005):
    "Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne."
    Hamburg:
  • Bauman, Zygmunt (2005):
    "Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit."
    Hamburg
  • Bauman, Zygmunt (2003):
    "Flüchtige Moderne"
    Frankfurt am Main
  • Bauman, Zygmunt (2000):
  • "Die Krise der Politik. Fluch und Chance einer neuen Öffentlichkeit"
    Hamburg
  • Bauman, Zygmunt (1999):
    "Vom Nutzen der Soziologie"
    Frankfurt


Internetquellen[Bearbeiten]


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bauman, Zygmunt, 2005
  2. Bauman, Zygmunt (1989):Die Moderne und der Holocaust, S.5
  3. Bauman,Zygmunt (1993): Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit; Hamburg, S.45 ff.

Beck, Ulrich[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Beck Ulrich


  • geboren am 15. Mai 1944 in Stolp/Pommern, aufgewachsen in Hannover
  • Beruf: Soziologe
  • Familienstand: verheiratet mit Elisabeth Beck-Gernsheim (Soziologin)

Ausbildung

  • 1966 Beginn des Studiums der Rechtswissenschaft; danach jedoch Wechsel des Studienfaches auf Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft an der Universität München
  • 1972 Promotion in Soziologie (München)
  • 1979 Habilitation an der Universität München; Erteilung der Lehrbefugnis für das Fach Soziologie; und Ernennung zum Professor für Soziologie an der Universität Münster (Fachbereich Wirtschaftswissenschaften und Sozialwissenschaften)

Berufliche Daten

  • 1981-92 Professor für Soziologie in Bamberg;

Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, wobei sich die Schwerpunkte auf Forschung und Lehre; Soziologie sozialer Ungleichheit; Berufs- und Arbeitssoziologie, Industrie- und Organisationssoziologie bezogen

  • Seit 1992 Professor für Soziologie in München
  • Seit 1995 Autor in der Süddeutschen Zeitung

Andere Tätigkeiten

  • Seit 1980 Herausgeber der Zeitschrift „Soziale Welt“
  • 1986 Veröffentlichung der Risikogesellschaft
  • 1995-97 Mitglied der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen
  • 1997 Kultureller Ehrenpreis der Stadt München
  • Seit 1997 verstärktes Engagement in der Politikberatung

Werke[Bearbeiten]

    • Risikogesellschaft, auf dem Weg in eine andere Moderne Frankfurt a.M., 1986
    • Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit, Frankfurt a.M., 1988
    • Das ganz normale Chaos der Liebe (mit E. Beck-Gernsheim), Frankfurt a.M., 1990
    • Politik in der Risikogesellschaft, Frankfurt a.M., 1991
    • Die Erfindung des Politischen - Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung Frankfurt a.M., 1993
    • Was zur Wahl steht, Frankfurt am Main, 2005
    • Die feindlose Demokratie, Stuttgart, 1995
    • Eigenes Leben-Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, München, 1995
    • Reflexive Modernisierung - Eine Debatte (mit A. Giddens und S. Lash), Frankfurt a.M., 1996
    • Was ist Globalisierung? Frankfurt a.M., 1997
    • Politik der Globalisierung, Frankfurt a.M., 1998
    • Perspektiven der Weltgesellschaft (Hsgb.), Frankfurt a.M., 1998
    • Schöne neue Arbeitswelt, Frankfurt a.M./New York, 1999
    • Freiheit oder Kapitalismus, Frankfurt a.M., 2000
    • Individualization (mit E. Beck- Gernsheim), GB, 2002
    • Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter, Frankfurt a.M., 2003 (: neue weltpolitische Ökonomie)
    • Der kosmopolitische Blick, Frankfurt a.M., 2003
    • Das kosmopolitische Europa (mit E. Grande), Frankfurt a.M., 2004
    • Riskante Freiheiten - Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse in der Moderne (zusammen mit E.Beck-Gernsheim). 1994 (Hrg.)
    • World Risk Society, GB/USA, 1999
    • Kinder der Freiheit, 1997 (Hrg.)
    • Die Erfindung des Politischen - Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung, 1993
    • Riskante Freiheiten - Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse in der Moderne (gemeinsam mit Elisabeth Beck-Gernsheim),1994
    • Die soziale Konstitution der Berufe. Materialien zu einer subjektbezogenen Theorie der Berufe (zusammen mit Michael Brater), 1977 (Hrg.)
    • Berufliche Arbeitsteilung und soziale Ungleichheit. Eine historisch- gesellschaftliche Theorie der Berufe (zusammen mit Michael Brater), 1978
    • Berufswahl und Berufszuweisung. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zur sozialen Verwandtschaft von Ausbildungsberufen (zusammen mit M. Brater und B. Wegener), 1979
    • Eigenes Leben - Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben (zusammen mit W. Vossenkuhl, U.E. Ziegler, Fotos von T. Rautert), 1995

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Ulrich Becks Beitrag bezieht sich hauptsächlich zu Themen wie: Globalisierung, Idividualisierung, gesellschaftlicher Wandel,Reflexivität, Moderne, Risiko(Risikogesellschaft) und Zukunft. Diese, von ihm beschriebenen Bereiche, sind generell für das gesellschaftliche Leben von Interesse und besitzen eine ereignisungebundene Relevanz.


Risikogesellschaft[Bearbeiten]

Becks Ausführungen zur Risikogesellschaft zählen zu den bedeutensten Büchern der jüngeren Soziologie nach 1945. Ausgangspunkt ist dabei die These, dass unsere Existenz durch ungeheure Risiken bedroht wird, die nicht vor irgendwelchen sozialen Grenzen stoppen, sondern das Leben von allen zum Risiko machten.Der Erfolg des Buches "Risikogesellschaft" war wahrscheinlich an die aktuellen Ereignisse von Tschernobyl geknüpft. Beck hat sich aus gegebenem Anlass in seinem Vorwort auch konkret auf diese Katastrophe bezogen. Er sieht in der Explosion die Bestätigung der Schlüsselvorstellungen: Nichtwahrnehmbarkeit von existenzbedrohenden Gefahren, die Bedeutung des Wissens um dieselben, deren Übernationalität, die „ökonomische Enteignung“ und der Umschlag von Normalität und Absurdität.


Grundthese: "In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken. [Hervorhebungen in dem Original] [...] Die Verteilungsprobleme und -konflikte der Mangelgesellschaft [werden] überlagert durch die Probleme und Konflikte, die aus der [...] Verteilung wissenschaftlich-technisch produzierter Risiken entstehen"; es kommt zu einem "Wechsel von der Logik der Reichtumsverteilung [...] zur Logik der Risikoverteilung" [1]

Unter den Begriff "Risiken" fasst Beck sowohl "naturwissenschaftliche Schadstoffverteilungen", als auch "soziale Gefährdungslagen" (Arbeitslosigkeit). Relevant ist hier, dass die entsprechenden Risiken meist nicht mehr nach Klassengrenzen verteilt sind, sondern es kann „Jedermann“ betreffen.


Reflexive Modernisierung[Bearbeiten]

Weiters ist die „reflexive Modernisierung“ ein sehr relevanter Begriff, der von Beck behandelt wurde. Reflexive Modernisierung bedeutet eine „Selbsttransformation der Industriegesellschaft“. Eine Auf- und Ablösung der ersten Moderne (die Zeit ab der Aufklärung, zumal der Industrialisierung und der mit ihr voranschreitenden Bürokratie) durch eine zweite Moderne (Individualisierung, umfasst den Prozess der Globalisierung), deren Konturen und Prinzipien es zu entdecken und zu gestalten gilt. Strukturen nationalstaatlicher Industriegesellschaften werden in einem radikalen Sinne umgearbeitet.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Ulrich Becks Konzeptionen der Moderne weisen eine große Ähnlichkeit mit denen von A. Giddens auf und werden auch teilweise in Zusammenarbeit entwickelt. Auch Anthony Giddens spricht von „Zweiter Moderne“ bzw. „reflexiver Moderne“. Ebenso wird der von Beck geprägte Begriff der „Welt-Risikogesellschaft“ von Giddens aufgegriffen.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Ulrich Beck ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der London School of Economics. Der Name des Soziologen wird meist mit dem Begriff der Risikogesellschaft verbunden, mit dem der Wissenschaftler bereits vor zwei Jahrzehnten unsere Gesellschaft beschrieben hat. Beck äußert sich meist zu Bereichen, die generell von Interesse für das gesellschaftliche Leben sind und somit auch eine ereignisungebundene Relevanz besitzen.

Ulrich Beck ist einer der bekanntesten deutschen Soziologen der Gegenwart und wurde 2005 mit dem Schader-Preis ausgezeichnet, der höchstdotierten Auszeichnung für Gesellschaftswissenschaftler in Deutschland.


Literatur[Bearbeiten]

  • Oesterdiekhoff, Georg [Hrsg.] (2001):
    "Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden
  • Beck, Ulrich (1986):
    "Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne"
    Frankfurt

Internetquellen[Bearbeiten]

Institut für Soziologie der Universität München

Referat im Seminar Soziale Ungleichheit am Institut für Sozialwissenschaften

 Ulrich Beck

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Beck,Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne; Frankfurt am Main, S. 25

Beck-Gernsheim, Elisabeth[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Beck-Gernsheim Elisabeth

  • geboren 1946 in Freiburg
  • Studium der Soziologie, Psychologie und Philosophie in München
  • Postgraduierten-Stipendien: Doktorandenstipendium der Universität München; interkulturelles Austauschstipendium der Stiftung Studienkreis; Habilitationsstipendium der DFG; Heisenbergstipendium der DFG
  • Nach der Habilitation (1994) Gastprofessur für Mikrosoziologie an der Universität Gießen; Gastprofessur für Sozialpsychologie an der Universität München
  • Professorin für Soziologie zunächst an der Universität Hamburg, dann (seit 1994) an der Universität Erlangen-Nürnberg
  • Fellowships: 1996 Universität Cardiff; 1997 - 1998 Wissenschaftskolleg zu Berlin; 2002 - 2003 Hamburger Institut für Sozialforschung
  • Familienstand: verheiratet mit Beck Ulrich (Soziologe)

Forschungsschwerpunkte:

  • Arbeit und Beruf
  • Familie und Geschlechterverhältnisse
  • Migration und multikulturelle Gesellschaft
  • Technik und Technikfolgen

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Während ihres Studiums in München wurde Beck- Gernsheim Zeitzeugin der umtriebigen 60-er Jahre, die die Universität in einen Ort verwandelten, an dem häufige Demonstrationen und Revolutionen stattfanden. Diese Unruhen brachten herkömmliche Weltanschauungen ins Wanken und führten u.a. zur Entstehung der Frauenbewegung, die die alte Geschlechterordnung in Frage stellte. In den 70-er Jahren thematisierten Politik, Medien und Öffentlichkeit den Geburtenrückgang, der bereits 10 Jahre zuvor eingesetzt hatte. Besonders spannend empfand Beck- Gernsheim die beiden einander radikal entgegengesetzten Positionen der Frauen einerseits, die sich von ihrer traditionellen Unterdrückung befreien wollten („Mein Bauch gehört mir“) und der Machthaber in Politik, Wissenschaft und Medien andererseits, die die sinkende Anzahl an Geburten beklagten und die wachsende Selbstverwirklichung der Frauen dafür verantwortlich machten. Der gesellschaftliche Wandel der Frauenbiographien motivierte Beck- Gernsheim dazu, ihre Habilitation über Geburtenrückgang und Kinderwunsch zu verfassen. Sie selbst beschrieb diese Zeit als turbulent, da sie sich an eine Thematik heranwagte, die gesellschaftlich wirksame Weltbilder und Werte und damit auch die dahinter stehenden Machtstrukturen der Geschlechterverhältnisse hinterfragte. Auch die aktuellen Interessen von Beck- Gernsheim decken sich mit den neueren gesellschaftlichen Entwicklungen: Sie bindet die Herausforderungen der Medizin- und Gentechnologie, die den Begriffen Schwangerschaft, Mutterschaft und Elternschaft eine neue Bedeutung verleihen, ebenso in ihren weiteren Forschungsbereich ein wie die globalen Migrationsbewegungen, deren soziologische Konsequenzen sie wissenschaftlich herausfordern und faszinieren. Was sie allerdings als Einschränkung empfindet, ist die universitäre Innovations- Ideologie (Bologna- Prozess u.ä.), die durch ihre starke Bürokratisierung Forschungsprozesse verzögert und damit motivationshemmend wirkt.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Im Jahre 1968 lernte Beck- Gernsheim bei der Vorbereitung für ein Proseminar ihren Mitstudenten und zukünftigen Ehemann Ulrich Beck kennen, mit dem sie über aktuelle soziologische und gesellschaftliche Themen diskutierte. Er wurde zu einem wichtigen Wegbegleiter, der ihr stets als kompetenter Gesprächspartner zur Seite stand und sie auch in schwierigen beruflichen Situationen unterstützte. Einen nicht geringen Einfluss auf Beck- Gernsheims Schaffen hatte auch der sie bei der Promotion betreuende Professor Karl Martin Bolte, bei dem sie ihre erste Assistentenstelle antrat und der sie für die Leitung des Projekts „Frau und Beruf“ gewinnen konnte. In dieser Phase kooperierte sie mit Ilona Oster, mit der sie lebhafte und intensive Diskussionen über die gesellschaftliche Lage von Frauen führte. Im Rahmen dieses Projekts kam es auch zu Beck-Gernsheims feministischer Inspiration. Karl Martin Bolte war es auch, der sie in eine Kommission zum Thema Geburtenrückgang berief, die für Beck- Gernsheim eine intensive Auseinandersetzung mit den Gebieten der Bevölkerungsentwicklung und des Geburtenrückgangs zur Folge hatte. Das eigenständige Forschungsprojekt „Elternschaft und gesellschaftliche Individualisierungsprozesse“ entstand in Zusammenarbeit mit Maria S. Rerrich, die beruflich wie privat äußerst fruchtbar war.

Werke[Bearbeiten]

Dissertation und Habilitationsschrift[Bearbeiten]

  • Wissenssoziologie im Bezugsrahmen des Theoretischen Pluralismus: Untersuchungen zur wechselseitigen Kritik von Wissensoziologie, Wissenschaftstheroie und Sozialpsychologie, München 1973
  • Geburtenrückgang und Kinderwunsch. Zur Sozialgeschichte der Mutterschaft im 19. und 20. Jahrhundert, München 1986

Bücher[Bearbeiten]

  • Der geschlechtsspezifische Arbeitsmarkt. Zur Ideologie und Realität von Frauenberufen. Aspekte-Verlag und Campus:Frankfurt 1976
  • Mitmenschlichkeit als Beruf. Eine Analyse des Alltags in der Krankenpflege (zusammen mit Ilona Ostner). Campus: Frankfurt 1979
  • Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie. Fischer: Frankfurt 1980
  • Vom Geburtenrückgang zur Neuen Mütterlichkeit? Über private und politische Interessen am Kind. Fischer: Frankfurt 1984. Eine japanische Übersetzung mit eigenem Vorwort ist 1992 im Verlag Keisho Shobo,Tokio erschienen.
  • Die Kinderfrage. Frauen zwischen Kinderwunsch und Unabhängigkeit. C.H. Beck: München 1988
  • Mutterwerden - der Sprung in ein anderes Leben. Fischer: Frankfurt 1989
  • Das ganz normale Chaos der Liebe. (zusammen mit Ulrich Beck) Suhrkamp: Frankfurt 1990
  • Technik, Markt und Moral. Über Reproduktionsmedizin und Gentechnologie. Fischer: Frankfurt 1991
  • Bundesminister für Forschung und Technologie (Hrsg.): Die Erforschung des menschlichen Genoms. Ethische und soziale Aspekte. Erster Bericht des vom Bundesminister für Forschung und Technologie einberufenen Arbeitskreises Genforschung. Campus: Frankfurt 1991 (der Band ist das gemeinsame Produkt der Mitglieder des Arbeitskreises)
  • Riskante Freiheiten. Zur Individualisierung der Lebensformen in der Moderne. Suhrkamp: Frankfurt 1994 (herausgegeben zusammen mit Ulrich Beck)
  • Welche Gesundheit wollen wir? Dilemmata des medizintechnischen Fortschritts. Suhrkamp: Frankfurt 1995
  • Was kommt nach der Familie? Einblicke in neue Lebensformen. Beck: München 1998
  • Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften. Im Dschungel der ethnischen Kategorien. Suhrkamp: Frankfurt 1999
  • Mujeres y transformaciones sociales (Frauen und soziale Transformationen). El Roure: Barcelona 2001 (zusammen mit Judith Butler und Lidia Puigvert. Eine englische Übersetzung ist 2003 bei Peter Lang (New York u.a.) erschienen. Titel der englischen Ausgabe: Women and Social Transformation.
  • Individualization. Institutionalized Individualism and its Social and Political Consequences. Sage: London 2001(zusammen mit Ulrich Beck). Eine spanische Übersetzung ist 2003 bei Paidós (Barcelona-Buenos Aires_Mexiko)erschienen. Eine italienische und eine koreanische Übersetzung erscheinen 2006. Teilweise wiederabgedruckt in Hugh Lauder/Phillip Brown/Jo-Anne Dillabough/A.H.Halsey (Hrsg.): Education, Globalization & Social Change. Oxfprd: Oxford University Press 2006, S.143 - 151
  • Wir und die anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten. Frankfurt: Suhrkamp 2004
  • Die Kinderfrage heute. Über Frauenleben, Kinderwunsch und Geburtenrückgang. München: Beck 2006


Neben den oben genannten Werken liegen zahlreiche Beteiligungen an Herausgeberschaften und eine Vielfalt von soziologisch relevanten Aufsätzen vor.

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Das halbierte Leben (1980)[Bearbeiten]

Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Arbeitsteilung, die in Beruf und Familie vorherrscht, auf Männer und Frauen auswirkt. Beide Geschlechter werden in stereotypes Rollenverhalten gezwängt (Männer im Beruf, Frauen im Haushalt) und damit in ihrem Entwicklungspotential eingeschränkt. Doch Frauen, die ausbrechen und Karriere machen wollen, kommen meist im Privatleben zu kurz und haben keine Zeit für eine eigene Familie. Beck- Gernsheim fordert Änderungen im gesellschaftspolitischen Bereich, etwa eine familiengerechtere Organisation des Berufslebens, um Familie und Beruf für Männer wie Frauen kompatibel zu machen.

Zitat: "Die Berufsarbeit ist nicht so sehr zugeschnitten auf den »familienfreien Mann«, sondern genauer auf den »familienfreien Ehemann«. Idealtypisch gefordert ist eine Ehebeziehung, in der keinerlei Anforderungen und Ansprüche an den Mann herangetragen werden, im Gegenteil möglichst nur Entlastung und Befreiung von allen Alltagssorgen erfolgt. Dies freilich scheint eine sehr einseitige und eingeschränkte Ehebeziehung, und die Versuchung liegt nahe, sie als andere, perfektere Version von Junggesellendasein zu bezeichnen." <Beck-Gernsheim, Elisabeth (1980): Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie; Frankfurt, S.72</ref>

Die Kinderfrage (1988)[Bearbeiten]

Das Buch beschäftigt sich mit der Entscheidung von Frauen in der heutigen Gesellschaft, ein Kind zu bekommen. Oftmals wird Nachwuchs bewusst verhindert oder geplant. Familiengründung ist zu einer ambivalenten Angelegenheit geworden: einerseits erinnert das Muttersein an traditionelle Rollenaufteilung und Abhängigkeit vom Mann, andererseits ermöglicht es ein Entkommen aus dem rationalisierten Berufsalltag. Beck- Gernsheim gibt fundierte Einblicke in das Dilemma von modernen Frauen, die an sie gestellten, zum Teil unerfüllbaren Erwartungen und ihre individuellen Lösungsstrategien und stellt klare Forderungen an die Politiker.

Wir und die Anderen (2004)[Bearbeiten]

Beck- Gernsheim erklärt die angebliche Traditionsorientierung der Einwanderer mit der "reaktiven Ethnizität", d.h. die Tradition ist ein Rückgriff auf die Kultur des Heimatlandes aufgrund der Reaktionen der Mehrheitsbevölkerung und der Politik im Einwanderungsland. Um sich in ihrer Identität zu bestärken, brauchen Migrant/inn/en andere Menschen gleicher Herkunft, weswegen die Familie in ihrer Bedeutung noch zunimmt. Gleichzeitig aber zeigt Beck-Gernsheim, dass Migrant/inn/en ständig mit der Mehrheitskultur in Kontakt stehen, etwa in Öffentlichkeit, Kultur und Beruf und dadurch zu einer Balanceleistung gezwungen sind, in zwei Welten gleichzeitig zu leben. Diese besondere Leistung beschreibt Beck- Gernsheim als eine äußerst kreative. Somit entlässt sie MigrantInnen aus der üblichen Opferrolle und spricht ihnen eine sehr aktive Rolle in der Gestaltung ihrer Identität zu.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Elisabeth Beck- Gernsheim gehört zur ersten Generation von Professorinnen an der Universität. Zudem beschäftigt sie sich mit einem neuen Wissenschaftsbereich an den Hochschulen, nämlich der Frauen- und Geschlechterforschung, wo sie sich stets vor einer männlichen Mehrheit bewähren musste. Sie führte bei all ihren soziologischen Perspektiven die Geschlechterperspektive ein und gilt daher zusammen mit Kolleginnen aus ihrer Generation (Ulrike Vogel, Ute Gerhard u.a.) als Pionierin in der Soziologie und der Frauen- und Geschlechterforschung, in der ihre Thesen zu Frauen im Spannungsverhältnis zwischen Beruf und Familie, Migrant/inn/en, multikultureller Gesellschaft und der Triade Technik, Macht und Moral für die Gegenwart bedeutsam sind.

Laufende Lehrveranstaltungen an der Universität Erlangen-Nürnberg:

  • Bevölkerungsentwicklung

Forschungsprojekte:

  • Wer ist Jude? Wer ist Schwarzer? Wer ist Deutscher? Zur sozialen Konstruktion von Nationalität und Ethnizität

Literatur[Bearbeiten]

  • Vogel, U. [Hrsg.](2006):
    "Wege in die Soziologie und die Frauen- und Geschlechterforschung. Autobiographische Notizen der ersten Generation von Professorinnen an der Universität"
    Wiesbaden
  • Beck- Gernsheim, E. (1980):
    "Das halbierte Leben. Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie"
    Frankfurt
  • Beck- Gernsheim, E. (1988):
    "Die Kinderfrage. Frauen zwischen Kinderwunsch und Unabhängigkeit"
    München
  • Beck- Gernsheim, E.(2004)
    "Wir und die anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten"
    Frankfurt

Internetquellen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]


Becker, Howard[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Becker Howard Saul

  • geboren am 18.04.1928 in Chicago-Illinois


Schulbildung:

  • 1946: BA an der Universität von Chicago
  • 1949: MA an der Universität von Chicago
  • 1951: PhD an der Universität von Chicago

Berufliche Tätigkeiten:

  • 1951-1953: Forschungsmitarbeiter am Chicago – Area – Projekt
  • 1951-1953: Lehrer für Soziologie und Sozialwissenschaft an der Universität von Chicago
  • 1953-1955: Dozent an der Universität von Illinois
  • 1955-1962: Projektleiter von „Community Studies“ in Kansas City
  • 1962-1965: Forschungsmitarbeiter am „Institute for the Study of Human Problems“ an der Stanford Universität
  • 1965-1991: Soziologieprofessor an der Northwestern University
  • 1961-1964: Herausgeber der soziologischen Fachzeitschrift “Social Problems”
  • 1964-1965: Vizepräsident von „Pacific Sociological Association“
  • 1965-1966: Präsident der “Society for the Study of Social Problems”
  • 1969-1970: Dozent im Center of Advanced Studies in the Behavioral Sciences
  • 1974: Gastdozent an der Universität von Manchester
  • 1976: Gaststudent am ”Museum National” in Rio de Janeiro
  • 1977-1978: Präsident der “Society for the Study of Symbolic Interaction”
  • 1978-1979: Guggenheimdozent
  • 1980: Erhalt der Auszeichnung "Charles Horton Cooley Award" für “Society for the Study of Symbolic Interaction”
  • 1981: Erhalt der Auszeichnung: "Common Wealth Award"
  • 1982-1991: Mac Arthur Professor für Kunst und Wissenschaft an der Northwestern University
  • 1985: Erhalt der Auszeichnung "Cooley/Mead Award" für den Bereich Sozialpsychologie, American Sociological Association
  • 1987: Erhalt der Auszeichung "George Herbert Mead Award" für “a Career of Distinguished Scholarship” und für “Society for the Study of Symbolic Interaction”
  • 1990: Gelehrter am ”Museum National” in Rio de Janeiro
  • 1991-1999: Tätigkeit als Professor für Soziologie an der Universität von Washington
  • 1995-1999: Tätigkeit als Assistenzprofessor für Soziologie an der „School of Music“ (Universität von Washington)
  • 1995: Erhalt des Ehrendoktorates (Doktor Honoris Causa) an der Universität in Paris
  • 1999: Erhalt des Ehrendoktorates an der Universität Pierre-France, Grenoble


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Howard Becker hat sich stark mit den Fragen der Soziologie im Bereich des abweichenden Verhaltens, des Bildungs- und Ausbildungswesens, der Kleingruppenforschung sowie unter anderem mit der Kunstsoziologie (Photographie und Musik) beschäftigt. Er kam schon in seiner Kindheit bzw. Jugend auf den „Geschmack der Sozialforschung“. Sehr prägend für seine eingeschlagene Berufslaufbahn waren sein „Mentor“ in der Grundschule – Everett Hughes (welcher damals schon an der Universität von Chicago Soziologie unterrichtete) und sein „hero“ Alfred Lindesmith (welcher sich die meiste Zeit seines Lebens mit seiner Studie über Opiatsüchtige beschäftigte).

Howard Becker erkennt selbst, dass seine Studien dem Einfluss von Max Weber, Durkheim, Halbwachs, Tönnies und Malinowski unterliegen. Ürsprünglich übernimmt Becker beispielsweise den Begriff des Ideapltypus von Max Weber wandelt diesen dann jedoch in die Bezeichnung des "constructed type" (konstruierten Typus) um. Im Gegensatz zum Idealtypus, der nur "objektiv möglich" sein muss, hat Beckers konstruierter Typus "objektiv wahrscheinlich" zu sein.


Werke[Bearbeiten]

  • 1961: Boys in White (Forschungen über eine Studentenkultur in der medizinischen Fakultät)
  • 1963: Outsiders (Studien über die Soziologie von abweichendem Verhalten)
  • 1986: Art Worlds (Buch über Kunstsoziologie)
  • 1986: Writing for social Scientist (Ein Leitfaden zur Gestaltung von Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Texten)
  • 1997: Tricks of the Trade (How to think about your research while you`re doing it)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Howard Becker wird zu den Theoretikern des symbolischen Ineraktionismus gezählt und ist bekannt für seine Etikettierungstheorie.

Outsiders (Außenseiter) - Studien zur Soziologie abweichenden Verhaltens:

Mit diesem Werk wurde Becker als Soziologe bekannt und anerkannt. Er beschreibt darin, wie die Gesellschaft abweichendes Verhalten schafft, indem sie Regeln aufstellt, aus deren Verletzung erst ein abweichendes Verhalten entstehen kann. Der "Regelbrecher" wird durch die Sanktionen der Gesellschaft zum Außenseiter. Das abweichende Verhalten bezieht sich aber nicht auf die Qualität der Handlung die die Person ausübt, sondern ist schlichtweg das Resultat der Regelanwendung durch andere. Außenseiter werden damit erst zu Außenseitern, indem man sie für solche hält und sie dementsprechend auch als solche behandelt. Howard Becker bezieht sich in seinem Buch auf die Labeling-Theorie (Etikettierungstheorie), in der die soziale Zuschreibung sowie die Reaktionen der sozialen Umwelt auf ein bestimmtes Verhalten im Vordergrund stehen.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Howard Becker ist für die Soziologie der Gegenwart von großer Bedeutung. Seine Labeling-Theorie bzw. die Theorie abweichenden Verhaltens ist nach wie vor aktuell. Becker Howard beschäftig sich darüber hinaus aber auch mit anderen Problem der "neuen Zeit" und steht daher mit der Aktualität seiner Forschungen an vorderster Spitze. Er behandelt u.a. anderem Themen wie z.B.: Kinder und ihr Verhältnis zum Geld, Drogen - und was als Droge zu definieren ist. Außerdem setzt er sich der Förderung der Soziologie als eine gesellschaftlich relevante Wissenschaft auseinander.


Literatur[Bearbeiten]

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Internetquellen[Bearbeiten]

Benjamin, Walter[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Benjamin Walter Bendix Schönflies

  • geboren am 15. Juli 1892 in Berlin; gestorben am 26. September 1940 in Port Bou. Walter Benjamin war deutscher Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer.


  • Walter Benjamin wird in Berlin als Sohn des Antiquitäten- und Kunsthändlers Emil Benjamin und dessen Frau Pauline (Geborene Schoenflies) geboren. Er wächst in einem großbürgerlichen jüdisch-assimilierten Elternhaus auf.
  • 1912: Abitur an der Kaiser-Friedrich-Schule, anschließend beginnt er in Freiburg Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren.
  • 1917: Heirat mit Dora Sophie Pollak.
  • 1917-1919: Fortsetzung des Studiums in Bern.
  • 1918: Geburt des gemeinsamen Sohnes Stefan Rafael (11. April 1918 - 6. Februar 1972).
  • 1919: Promotion »summa cum laude« in Bern bei Richard Herbertz mit der Dissertation über den »Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik«.
  • 1920: Rückkehr nach Berlin. Wirtschaftliche Schwierigkeiten.
  • 1921: Zeitschriftenprojekt »Angelus Novus«.
  • 1923: Bejamin beginnt mit seiner Habilitationsschrift über das deutsche Barock-Trauerspiel, in der er die Bedeutung der Allegorie mit der Krtik am neuzeitlichen Subjektbegriff verbindet. Er lernt Gretel und Theodor W. Adorno kennen und kommt so mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung in Kontakt.
  • 1926: Übersetzung Prousts, zusammen mit Franz Hessel. Mehrmonatiger Aufenthalt in Paris. Beginn journalistischer Tätigkeit für »Die Frankfurter Zeitung« und »Die literarische Welt«.
  • 1926-1927: Dezember/Januar: Moskaureise, Wiedersehen mit Asja Lacis.
  • 1927: Beginn des Passagen-Werks in Paris. Treffen mit Scholem, Palästina-Pläne. Erste Haschischexperimente.
  • 1930: Scheidung von Dora Benjamin. Plan der Zeitschrift »Krise und Kritik« zusammen mit Bertolt Brecht und Bernard von Brentano.
  • 1933: Aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten muss Benjamin ins Exil nach Paris.
  • 1939: Rückkehr aus dem Exil.
  • 1940: Auf der Flucht vor der erneuten Auslieferung an die Deutschen begeht Benjamin (vermutlich) Selbstmord durch Morphium.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Benjamins Familie gehört dem assimilierten Judentum an. Seine Kindheit verbringt Benjamin in Berlin. Als Heranwachsender engagiert er sich im Kreise der Jugendbewegung von Gustav Wyneken, wo er auch seinen Jugendfreund, den Dichter Christoph Friedrich Heinle kennenlernt.

Im Jahr 1917 übersiedelt Benjamin, wegen einer drohenden Einberufung zum Militär nach Bern, wo er zwei Jahre später mit der Arbeit "Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik bei Richard Herbertz" promoviert.

1926 und 1927 hält sich Benjamin in Paris auf, wo er, teilweise gemeinsam mit Franz Hessel, an der Übersetzung der Werke von Marcel Proust (insbesondere "Auf den Spuren der verlorenen Zeit") arbeitet. Sein im Jahr 1924 beginnendes Interesse für den Kommunismus führt Benjamin im Winter 1926/27 nach Moskau, wo er seine Freundin Asja Lacis besucht. Trotz einer zunehmenden Sympathie mit der kommunistischen Bewegung bewahrt sich Benjamin Zeit seines Lebens ein, wie er es nannte, "linkes Außenseitertum".

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwingt Benjamin, im März 1933 nach Paris ins Exil zu gehen. Hier trifft er auch Hannah Arendt, die den fast mittellosen Benjamin unterstützt.

Von 1937-1939 ist Benjamin Mitglied des von Georges Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois gegründeten Collège de Sociologie sowie Batailles Geheimgesellschaft Acéphale, obgleich er den Bestrebungen des Collège, den Faschismus mit seinen eigenen Mitteln zu bekämpfen, kritisch gegenübersteht. Ein geplanter Vortrag Benjamins über die Mode kann wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr stattfinden. Benjamin wird für drei Monate mit anderen deutschen Flüchtlingen in einem Sammellager bei Nevers interniert.

Nach der Rückkehr aus der Haft im November 1939 schreibt Benjamin seinen letzten Text, die Thesen über den Begriff der Geschichte. Benjamin flüchtet nach Lourdes, von wo er zunächst weiter nach Marseille reist, bevor er im September 1940 den vergeblichen Versuch unternimmt, über die Grenze nach Spanien zu gelangen. Im Grenzort Portbou, wo er die Auslieferung an die Deutschen unmittelbar bevorstehen sieht, nimmt er sich in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 durch Morphium das Leben.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Benjamin Walter beschäftigte sich sehr mit Kant und dem Neukantianismus sowie mit der Literatur der deutschen Romantik. Durch seinen Freund Scholem wird er mit der jüdischen Religion vertrauter. Weiters wird er von seinem Lehrer Gustav Wynekers beeinflusst. Als dieser sich zunehmend für den Krieg begeistert führt dies zum Bruch ihrer Freundschaft.

Im Jahr 1924 beginnt Benjamins Interesse für den Kommunismus. Trotz seiner zunehmenden Sympathie mit der kommunistischen Bewegung bewahrt sich Benjamin ein, wie er es selber nannte, "linkes Außenseitertum".

In der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg interessiert sich Benjamin sehr für die "neuen Medien". Er tritt in zahlreichen Rundfunksendungen auf und gestaltet Sendungen für den "Kinderfunk", die "Bücherstunde" sowie Erzählungen und Hörspiele.


Werke[Bearbeiten]

  • Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik, Verlag A. Francke, Bern 1920
  • Charles Baudelaire, Tableaux Parisiens. Deutsche Übertragung mit einem Vorwort über die Aufgabe des Übersetzers. Verlag von Richard Weißbach, Heidelberg 1923
  • Einbahnstraße, Rowohlt, Berlin 1928
  • Ursprung des deutschen Trauerspiels, Rowohlt, Berlin 1928
  • Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen. Auswahl und Einleitungen von Detlef Holz [Pseudonym]. Vita Nova Verlag, Luzern 1936
  • Zur Kritik der Gewalt, in: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, 1921
  • Goethes Wahlverwandtschaften, in: Neue Deutsche Beiträge 1924/1925
  • Der Sürrealismus, in: Die literarische Welt, 1929
  • Zum Bilde Prousts, in: Die literarische Welt, 1929
  • Karl Kraus, in: Frankfurter Zeitung, 1931
  • Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages, Auszüge in: Jüdische Rundschau, 21. Dezember und 28. Dezember 1934
  • Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Zeitschrift für Sozialforschung, 1936 [franz. Übers.]
  • Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows, in: Orient und Occident, 1936
  • Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker, in: Zeitschrift für Sozialforschung, 1937
  • Über einige Motive bei Baudelaire, in: Zeitschrift für Sozialforschung, 1939
  • Über den Begriff der Geschichte, in: Die Neue Rundschau, 1950
  • Das Passagen-Werk, hrsg. von Rolf Tiedemann, 2 Bände, Suhrkamp Frankfurt am Main 1983 [Taschenbuchausgabe]
  • Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Mit einem Nachwort von Theodor W. Adorno und einem editorischen Postskriptum von Rolf Tiedemann. Fassung letzter Hand und Fragmente aus früheren Fassungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987
  • Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Gießener Fassung, hrsg. und mit einem Nachwort von Rolf Tiedemann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Bedeutend ist vor allem Benjamins Auseinandersetzung mit dem "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" . Der Titel dieser Arbeit von 1935 ist zu einer Art "geflügeltem Wort" geworden. Die unbegrenzte Vervielfältigung von Musik, Malerei, ja aller bildenden Künste führt nach Benjamin zum Verlust ihrer Aura. Damit betont er auch den veränderten Rezeptionszusammenhang. Während sich die Kunstliebhaber früher in ein Konzert oder in eine Galerie begeben mussten, um ihrer Leidenschaft nachzugehen, wurde durch die technischen Reproduktionen, seien es Schallplatten-, Radioaufnahmen oder Kunstdrucke, eine "Entwertung des Originals" herbeigeführt. Während Benjamin diese Entwicklung in erster Linie positiv bewertet, so kehrt Adorno diese These in der dialektischen Betrachtung um und arbeitet vor allem die Regression und den Fetischcharakter der Massenkunst heraus.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Nachdem Adorno und Scholem nach dem Zweiten Weltkrieg Benjamins Schriften neu, zum größeren Teil erstmalig ediert hatten ( Von 1970 bis 1989 erschien eine umfangreiche, praktisch vollständige Ausgabe seiner „Gesammelten Schriften“) erfuhr Benjamins Wirkung von der, zu Lebzeiten erfahrenen, Erfolgslosigkeit hin zu einer gewissen öffentlichen Anerkennung. Während Benjamins Dissertation im Jahr 1920 von der Fachwelt kaum wahrgenommen und seine Habilitationsschrift von der Frankfurter Universität sogar abgelehnt wurde, wirkte er nach seinem Tod durch seinen gesellschaftskritischen Impetus durchaus anregend für verschiedene geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer. In neuester Zeit wurde Benjamins Sprachphilosophie als indirekt dem Poststrukturalismus vorgreifend bezeichnet. In den USA wurde Benjamin der akademischen Öffentlichkeit Anfang 1969 durch den von Hannah Arendt herausgegebenen, bearbeiteten und mit einem Vorwort versehenen Sammelband unter dem Titel "Illuminations. Walter Benjamin: Essays and Reflections", bekannt.


Internetquellen[Bearbeiten]

Berger, Peter[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Berger Peter Ludwig

  • geboren am 17. März 1929 in Wien


  • seit 1946 lebt er in den USA, wo er Soziologie und Philosophie studierte (Wagner-College und New School for Social Research in New York).
  • 1949: er graduiert am Wagner College zum Bachelor of Art, anschließend studierte er an der New School for Social Research in New York
  • 1950: Abschluss des Studiums mit M.A. und 1952 mit Ph.D. (für Soziologie)
  • 1955 - 1956: Arbeit an der Evangelischen Akademie Bad Boll
  • 1956 - 1958: Lehre und Forschung als Assistenzprofessor an der University of North Carolina
  • 1958 - 1963: Arbeit am Hartford Theological Seminary, darauf Professuren an der New School for Social Research in New York, der Rutgers University (New Brunswick, NJ) und dem Boston College, außerdem Associate Professor für Sozialethik am Hartford Theological Seminary.
  • 1981: Berger wird Professor für Soziologie und Theologie an der Boston University
  • seit 1985: Direktor des Institute for the Study of Economic Culture (heute: Institute on Culture, Religion and World Affairs)

'''Auszeichnungen:'''

  • 1992: Auszeichnung mit dem Manès Sperber Preis in Wien


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Bergers Betonung der Wichtigkeit der Sprache als "das wichtigste Zeichensystem der menschlichen Gesellschaft", ist Hegel's Auffassung vom Geist ähnlich.

Berger war, wie Thomas Luckmann, Schüler von Alfred Schütz, welcher deren spätere Arbeiten stark beeinflusste. Berger hat sich beispielsweise in Anlehnung an die Phänomenologie von Alfred Schütz, sehr um die Entfaltung einer gegenwartsnahen Soziologie bemüht.

Weiters beeinflusst wurde er von:

  • Max Weber hinsichtlich des subjektiv gemeinten Sinnes
  • George Herbert Mead hinsichtlich der Identitätsbildung und
  • Arnold Gehlen hinsichtlich der Institutionslehre.


Werke[Bearbeiten]

  • Invitation to Sociology: A Humanistic Perspective (dt.: Einladung zur Soziologie). 1963
  • Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie (zusammen mit Thomas Luckmann). 1966
  • Sociology - A Biographical Approach (zusammen mit seiner Frau Brigitte Berger). (dt.: Individuum & Co.). 1972
  • The Homeless Mind. Modernization and Consciousness (zusammen mit B. Berger und H.Kellner). (dt.: Das Unbehagen in der Modernität). 1973
  • Wir und die Gesellschaft. 1976
  • Sociology Reinterpreted (zusammen mit H.Kellner) (dt.: Für eine neue Soziologie). 1981
  • The War over the Family (zusammen mit B. Berger) (dt.: In Verteidigung der bürgerlichen Familie). 1983
  • Redeeming Laughter: The Comic Dimension of Human Experience. 1997

Werke zur Religionssoziologie

  • The Sacred Canopy: Elements of a Sociological Theory of Religion (dt.: Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft). 1967
  • A Rumor of Angels: Modern Society and the Rediscovery of the Supernatural (dt.: Auf den Spuren der Engel). 1970
  • Heretical Imperative: Contemporary Possibilities of Religious Affirmation. (dt.: Der Zwang zur Häresie). 1979
  • Other Side of God. 1981
  • A Far Glory: The Quest for Faith in an Age of Credibility. 1992
  • The Desecularization of the World: Resurgent Religion and World Politics. 1999
  • Sehnsucht nach Sinn. Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit. 1999
  • Peter Berger and the Study of Religion. 2001
  • Questions of Faith: A Skeptical Affirmation of Christianity. 2003

Werke zur Theorie des Kapitalismus

  • Many Globalizations: Cultural Diversity in the Contemporary World (zusammen mit Samuel P. Huntington). 1974
  • Pyramids of Sacrifice: Political Ethics and Social Change (dt.: Die Welt der Reichen, die Welt der Armen). 1974
  • The Capitalist Spirit: Toward a Religious Ethic of Wealth Creation. 1990
  • The Capitalist Revolution (dt.: Die kapitalistische Revolution). 1982
  • The Limits of Social Cohesion: Conflict and Mediation in Pluralist Societies : A Report of the Bertelsmann Foundation to the Club of Rome


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Berger ist bekannt für seine Meinung, dass soziale Wirklichkeit eine Form des Bewußtseins ist. Zentral in seinem Werk ist die Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum. In Bergers Werk die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, welches er gemeinsam mit Luckmann verfasste, entwickeln die beiden eine soziologische Theorie von "Gesellschaft als subjektive Realität und als objektive Realität". Ihre Analyse der Gesellschaft als subjektive Realität beschreibt den Prozess, in welchem die Auffassung der Realität vom Individuum und dessen Interaktion mit den Sozialstrukturen produziert wird. Sie schreiben darüber, wie neue menschliche Konzepte oder Erfindungen ein Teil unserer Realität werden und bezeichnen diesen Vorgang dals "reification" (= übersetzt Vergegenständlichung/Verdinglichung). Die objektive Wirklichkeit konstituiert sich vor allem daraus, dass sie intersubjektiv geteilt wird. Mit dieser Akzeptanz und dem gemeinsamen Wissensvorrat kann man schließlich von einer objektiven Realität sprechen. Wirklichkeit wird definiert als die Qualität von Phänomenen, ist ungeachtet unseres Wollens vorhanden. Wissen wird definiert als die Gewissheit, dass Phänomene wirklich sind und bestimmte Eigenschaften haben. Im ersten Teil des Buches geht es um die Grundlagen des Wissens in der Alltagswelt u.a. wird die These „Die Alltagswelt ist strukturiert durch eine bestimmte Wirklichkeitsordnung“ behandelt. Der zweite Teil befasst sich mit der Gesellschaft als objektive Wirklichkeit und der dritte Teil widmet sich dem Thema Gesellschaft als subjektive Wirklichkeit. Eine der zentralen Thesen dabei ist Bedeutung der Sprache für die Konstruktion der Wirklichkeit. Sprache und Wirklichkeit decken sich. Damit existiert nur, was auch sprachlich gefasst werden kann da im umgekehrten Sinne die Sprache zur Vermittlung von Wirklichkeit verwendet wird.

Das zentrale Arbeits- und Forschungsfeld Bergers ist die Religionssoziologie. Seine Zugang zu dieser kennzeichnet sich nicht durch eine religiöse Unmusikalität,wie dies z.B. Max Weber von sich sagt, sondern Berger beschreibt seinen Zugang zur Religion durchaus auch auf sehr persönliche Weise.

Auch Bergers Beiträge zur Familiensoziologie waren äußerst fruchtbar, insbesondere deshalb, weil sie einseitige Orientierungen bei der Frage nach höheren Geburtenraten aufbrochen haben.

Bekannt wurde Berger u.a. auch durch sein gemeinsam mit Brigitte Berger (Long Island University) und Hansfried Kellner (TH Darmstadt) publiziertes Werk "Das Unbehagen in der Modernität" (engl. The Homeless Mind" Modernization and Consciousness), in welchem wissenssoziologisch bereits im Jahre 1973 die "Globalisierungsdebatte" und die Debatte um die "Wissensgesellschaft" vorweggenommen wurde. Sowohl in Bergers "Invitation to Sociology" (dt. Einladung zur Soziologie) als auch in dem 1981 gleichfalls mit Hansfried Kellner publizierten Buch "Sociology Reinterpreted; An Essay on Method and Vocation" (dt. "Für eine neue Soziologie" 1984) wird eine an Max Weber orientierte wissenssoziologische Sicht der Soziologie vorgestellt.

Im Jahr 2000 erhielt Berger den Ludwig Wittgenstein-Preis der Österreichischen Forschungsgemeinschaft.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Viele der einflußreiche Figuren im Feld der Religionssoziolgie von heute wurden durch Bergers Wirken geformt, so auch sein Kollege Robert Hefner von der Boston University, ehemalige Kursteilnehmer Michael Plekhon und Nancy Ammerman, sowie Christopher Marsh, Direktor des J.M. Dawson Institute of Church-State Studies an der Baylor University.

Berger ist Doktor "honoris causa" der Universitäten Loyola, München, Notre Dame, Genua und des Wagner College und außerdem Ehrenmitglied vieler wissenschaftlicher Organisationen.


Literatur[Bearbeiten]

  • Berger, Peter / Luckmann, Thomas (1980):
    "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit"
    Frankfurt
  • Hillmann, Karl-Heinz (1994):
    "Wörterbuch der Soziologie"
    Stuttgart
  • Treibel, Anette (1993):
    "Einführung in die soziologische Theorie der Gegenwart"
  • Weiß, Johannes (2007):
    "Familie, Ehe und Kinder. in: Allgemeine Soziologie II. Vorlesung an der Universität Salzburg"
    Salzburg
  • Weiß, Johannes (2007):
    "Zum alten und neuen Zentralproblem: fortschreitende Säkularisierung oder „Wiederkehr der Götter“. in: Religionssoziologie. Vorlesung an der Universität Salzburg"
    Salzburg


Internetquellen[Bearbeiten]

Blau, Peter M.[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Peter M. Blau

Blau Peter Michael

  • Geboren am 7. Februar 1918 in Wien
  • Gestorben am 12. März 2002 an einer akuten Lungenentzündung in New York


  • 1939 Emigration in die USA
  • 1942 Bachelor-Abschluss am College in Elmshurst/Illinois
  • 1943 Erhalt der amerikanischen Staatsbürgerschaft
  • 1943-1945 Kriegseinsatz für die US-Army im Kampfgebiet in Europa, er erhielt dafür eine militärische Auszeichnung.
  • 1952 Erwerb des Doktorgrades - PhD - an der Columbia University, New York
  • 1953-1970 Lehrtätigkeit an der University of Chicago
  • 1970 Rückkehr an die Columbia University, wo er bis 1988 forschte und lehrte.
  • 1972-1973 war Peter M. Blau Präsident der American Sociological Association


Familie[Bearbeiten]

  • Die Eltern waren "weltliche" Juden.
  • Er hatte eine Schwester.
  • Seine Familie kam 1942 im KZ Auschwitz ums Leben.
  • Mit seiner ersten Frau Zena Smith Blau hatte er eine Tochter Pamela.
  • Seine zweite Frau Judith Blau ist Kultur-Soziologin und auch ihre gemeinsame Tochter Reva interessiert sich für Kunst und Literatur.

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Als Sohn jüdischer Eltern in Wien am Ende der Österreich-Ungarischen Monarchie geboren verfolgte er mit Interesse und Sorge den Aufstieg des Faschismus.

Bereits als Student verfasste er einige Artikel für die Untergrundzeitung der Sozialistischen Partei Österreichs und wurde mit 17 Jahren inhaftiert, weil er sich gegen das repressive Regime der damaligen Regierung ausgesprochen hatte. Er kam allerdings bald darauf wieder frei.

Als Hitler 1938 in Wien einmarschierte wurde bald klar, dass die Familie in Österreich keine Zukunft haben würde. Mit Hilfe seines Lehrers Fritz Redl gelingt ihm die Flucht, über Frankreich per Schiff nach Amerika. Hier freundete er sich mit Lewis Coser an und, obgleich er in Wien ursprünglich Medizin studiert hatte, interessierte er sich nun für Soziologie.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Peter M. Blau wurde stark beeinflusst von seinem Lehrer und Mentor Robert K. Merton, von Paul Lazarsfeld, Talcott Parsons und Pitirim Sorokin. Er befasste sich intensiv mit den Arbeiten von Max Weber, Emile Durkheim und Georg Simmel. Studienkollegen an der Columbia University waren: Lewis Coser, James S. Coleman, Alvin Gouldner, Elihu Katz und Philip Selznick.


Werke[Bearbeiten]

  • 1964: Exchange and Power in Social Life
  • 1967: The American Occupational Structure
  • 1970: A Formal Theory of Differentiation in Organisations
  • 1977: Inequality and Heterogeneity: a primitive theory of social structure
  • 1984: Crosscutting Social Circles: Testing a Macrostructural Theory of Intergroup Relations, with Joseph E. Schwarz


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Peter Michael Blau lieferte Erklärungen für viele soziologische Phänomene. Ein Beispiel: Die Hingabe an eine Idee, Sache, Person oder Gruppe nannte er Commitment. Das Commitment zu einer Verbindung mit anderen Akteuren ist die Hingabe zu dieser Vereinigung und somit Blau zufolge diejenige Kraft, die das Suchen nach und Erforschen von möglichen Handlungsalternativen mit besseren Gewinnaussichten außerhalb der Verbindung einschränkt. Blau liebte Gegensätzliches und war in "Dilemmas und Paradoxe" vernarrt.

Blau war außerdem der erste, der einer breiten Vielzahl von Sozialkräften Raum gab, dem sogenannten "Blau-Space". Er konzeptualisiert Struktur dabei rein quantitativ als Verteilung von sozialen Positionen, die Einfluss auf Interaktion und Rollenbeziehungen (Rollenhandeln) von Menschen haben. Sozialstruktur ist für ihn ein multidimensionaler Raum sozialer Positionen, in dem es eine Verteilung von Ressourcen wie Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen etc. gibt. Diese Sozialkräfte strukturieren die Handlungsmöglichkeiten der Akteure.

Peter M. Blau veröffentlichte


zahlreiche Studien[Bearbeiten]

  • zur Bürokratie (Blau 1955/1963, 1956/1971),
  • zur Austauschtheorie (Blau 1964),
  • zur Beschäftigungsstruktur der amerikanischen Gesellschaft (Blau und Duncan 1967),
  • sowie über die Gesetzmäßigkeiten, die den typischen strukturellen Kontexten innewohnen (Blau 1977).
  • Für das 1967 mit Otis D. Duncan veröffentlichte Buch "The American Occupational Structure" erhielt Blau den Sorokin-Forschungspreis der American Sociological Association.


Wichtigste Werke[Bearbeiten]

Exchange and Power in Social Life

Blau will die Austauschtheorie über die rein ökonomischen Grenzen hinaus erweitern, indem er versucht, eine Theorie des sozialen Austausches für soziale Beziehungen bzw. Gemeinschaften zu entwickeln und auf größere Sozialgebilde (Gesellschaften) anzuwenden. Er ergänzt das ökonomische Denken durch einen Ansatz, der die Tatsache berücksichtigt, dass sozialer Austausch zwischen Personen und Gruppen im Kontext eines komplexen Netzwerks von Makrostrukturen steht. Blau geht der Frage nach, welche Kräfte Menschen zusammen bringen oder sie auseinander treiben. Seine erste Antwort: Gegenseitige Anziehung. Menschen schließen sich zusammen, weil sie aus dieser Verbindung eine Belohnung erwarten und so ihren Gewinn erhöhen. Die Verbindung zwischen Menschen lässt sich, so Blau, als Austausch von Belohnungen betrachten.

Blau sagt hier in Übereinstimmung zur Theorie von George C. Homans (1961): "Sozialer Austausch, so wie der Begriff hier verwendet wird, bezieht sich auf freiwillige Handlungen von Individuen, die durch Gegenleistungen motiviert sind, die sie erwartungsgemäß einbringen sollen und typischerweise auch einbringen." [1]

Blau erklärt weiters, dass sozialer Austausch einen natürlichen Trend zur Gegenseitigkeit besitzt, der nur sekundär durch eine Norm der Reziprozität verstärkt wird. An diesem Punkt steht Blau im Widerspruch zu Alvin Gouldner. Für Blau und andere Tauschtheoretiker, wie etwa den Klassiker der Soziologie Georg Simmel, ist die Gegenseitigkeit der Interaktion dasjenige Element, welches dem sozialen Leben Struktur, Ordnung und Vorhersehbarkeit gibt. Reziprozität ist die eigentliche Grundlage von Interaktionen. Reziprozität lässt sich so gut wie überall beobachten:

"Tauschvorgänge auf Gegenseitigkeit gibt es nicht nur in Marktbeziehungen sondern auch in der Freundschaft und in Liebesbeziehungen [...] und in allen möglichen anderen Kontakten zwischen diesen Extremen. Nachbarn tauschen kleine Hilfen, kleine Freundlichkeiten, Spielzeuge aus und hüten gegenseitig ihre Kinder; Kollegen helfen sich; Bekannte schenken sich Höflichkeit und Aufmerksamkeit; Politiker handeln mit Zugeständnissen, Diskutanten mit Ideen, Hausfrauen mit Rezepten." [2]

Blau unterscheidet ausdrücklich zwischen dem sozialen Austausch, der viel weniger genau festgelegt ist, und dem streng ökonomischen Austausch. Er verweist auf Bronislav Malinowskis Analyse des Schenkens bei den Kula Pazifik-Inselbewohnern, bei denen das Schenken normativ geregelte Formen des Austausches sind und somit institutionalisiert ist. Auch nimmt er Bezug zu dem von Marcel Mauss erwähnten Beispiel von den Kwakiutl und anderen Indianerstämmen, die zeigen, dass man durch Schenken soviel Dominanz aufbauen kann, die der Gegenseite keine andere Wahl lässt als die Überlegenheit der schenkenden Seite anzuerkennen und sich ihrer Macht unterzuordnen.

Eine weitere Kraft, die sich in Austauschverhältnissen bemerkbar macht, ist die Macht. Während sich Max Weber in seinen Ausführungen über Macht und Herrschaft auf soziales Handeln bezieht, so betont Peter M. Blau die Entstehung von Macht durch sozialen Beziehungen, Verbindungen und Organisationen. Ungleichgewichte in Verpflichtungen, die in sozialen Interaktionen eingegangen werden, produzieren Unterschiede an Macht. Wiederholte Vergünstigungen, die nicht erwidert werden, verpflichten den Empfänger, sich den Anforderungen des Versorgers zu beugen und verleihen damit dem letzteren die Macht. Menschen, sagt Blau, neigen dazu, sich in ihren Beziehungen zueinander von ihrem Wunsch nach sozialen Belohnungen verschiedenster Art leiten zu lassen und der daraus resultierende Austausch von Begünstigungen formt die Struktur sozialer Beziehungen. Für Menschen, die über ihr eigenes Schicksal entscheiden wollen, ist es frustrierend, einer überlegenen Macht unterworfen zu sein. Sie werden versuchen, sich dieser Macht zu widersetzen oder ihr zu entgehen.

Welche Faktoren stabilisieren die etablierte Macht? Hier greift Blau auf Max Weber (1922/1976: 122-124) zurück, der argumentierte, dass nur diejenige Macht eine stabile Grundlage haben kann, die in legitimer Autorität wurzelt. In Übereinstimmung mit Parsons (1937/1968) sieht Blau letzlich die Quelle für die legitime Autorität in ihrer Verankerung in den gemeinsamen Normen und Werten einer Gesellschaft. Macht, die in legitimer Autorität wurzelt oder in eine solche verwandelt werden kann, erfährt die Zustimmung der ihr unterworfenen Menschen.

In seiner Untersuchung des indirekten Austauschs spricht Blau über die eingeschränkte Gültigkeit der Profitproposition für die Analyse des sozialen Austauschs, die komplexere Makrostrukturen beinhaltet. Er beginnt mit einer Analyse des "Gefangenendilemmas". Zwei Verdächtige, die nicht miteinander kommunizieren können, erfahren, dass sie die Wahl haben, ein Geständnis abzulegen oder nicht. Sollte einer gestehen, der andere aber nicht, so wird der erste auf freien Fuß gesetzt und der andere wird zu zehn Jaheren Haft verurteilt. Wenn beide gestehen werden beide zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Sollten sich beide weigern, ein Geständnis abzulegen, werden beide wegen Mangel an Beweisen nur für ein Jahr eingesperrt. Im letzteren Fall erhalten sie die einjährige Haftstrafe für das geringere Vergehen, dessen sie überführt wurden. Die rationalste individuelle Wahl eines jeden Verdächtigen ist, ein Geständnis abzulegen, weil jeder das Geständnis des anderen und somit eine zehnjährige Haftstrafe befürchten muss. Was sie in diesem Fall bekommen, wären acht Jahre, also das zweitschlimmste Ergebnis. Könnten sie miteinander kommunizieren, so könnten sie sich absprechen, nicht gestehen und ein erheblich besseres Resultat erzielen als wenn sie getrennt voneinander entscheiden müssen. Blau nimmt das Beispiel der wenig einträglichen Folgen einer isolierten rationalen Wahl, um auf die Notwendigkeit hinzuweisen, Verhalten durch gemeinsame Normen und Werte in komplexen, interdependenten Kontexten zu steuern, wo eine direkte Steuerung nicht funktioniert. Hier ersetzt der indirekte den direkten Austausch. Das Handeln einer Person wird nicht länger nur von Belohnungen bestimmt, die sie aufgrund einer bestimmten Handlungswahl in Bezug auf eine andere Person und nur in Bezug auf diese erwartet. Eine breitere Gemeinschaft tritt auf den Plan und wird zur wichtigsten Quelle für Belohnungen. Diese Gemeinschaft gibt ihre Zustimmung zu einem Verhalten, das ihren üblichen Normen entspricht und missbilligt ein Verhalten, das nicht konform ist.


Inequality and Heterogeneity: a primitive theory of social structures

Die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Status ist eines der interessantesten Charakteristika ihrer Sozialstruktur. Blau hebt besonders zwei Merkmale hervor: Einmal die Heterogenität einer Bevölkerung (ihre Zusammensetzung zB. nach Altersschichtung, Religion und Ethnozität), zum anderen den Grad ihrer Ungleichheit (Ausmaß der Unterschiede hinsichtlich Wohlstand, Einkommen oder Macht). In einer Gesellschaft mit hoher Heterogenität würde man beispielsweise in etwa gleich viele Individuen aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen erwarten. In einer Gesellschaft mit hoher Ungleichheit würde man eine große Anzahl Arme und wenige außerordentlich Reiche finden. Blau ist der Ansicht, dass ein hoher Grad von Heterogenität die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen begünstigt, beispielweise Heiratsbeziehungen.
Am Beispiel der Situation einer Frau, die in Japan lebt, wird gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Nicht-Japaner heiratet, äußerst gering ist. Wenn diese Frau nun nach Berlin umzöge, würde sich das wahrscheinlich ändern. Allein die Heterogenität macht es wahrscheinlicher, dass sie eine Beziehung mit einem Nicht-Japaner eingeht.
Auch der Grad sozialer Ungleichheit einer Bevölkerung hat Folgen für die Sozialbeziehungen, hier zwischen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten. Beispiel: Eine Schülerin in einem privaten Gymnasium. In dieser Umgebung gibt es keine Möglichkeit, Männer aus anderen sozialen Schichten kennen zu lernen. Falls diese Schülerin nach dem Abitur an eine Massenuniversität geht, wird die Wahrscheinlichkeit steigen, dass sie auch Männer aus anderen sozialen Verhältnissen kennen und lieben lernt.

Makrostrukturelle Muster einer Gesellschaft beeinflussen also die Interaktionen und Sozialbeziehungen von Menschen auch unabhängig von psychologischen Motivationen. Blau behauptet, dass genau in dem Maße, in dem Menschen aus strukturellen Gründen in Kontakt zu anderen sozialen Gruppen treten (so zu unterschiedlichen Ethnien oder Einkommensgruppen), Zwischengruppenbeziehungen gefördert werden. Er schließt daraus, dass soziale Kooperationsbeziehungen zwischen unterschiedlichen Gruppen (in Bildungseinrichtungen, im Beruf, bei Dienstleistungen) große und komplexe Bevölkerungen besser integrieren helfen.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Peter Michael Blau gehört zu den herausragenden Vertretern der Soziologie an der Columbia University, New York. Während seiner gesamten akademischen Laufbahn befasste er sich mit der Untersuchung der institutionellen Struktur des sozialen Lebens.
Structural Sociology: Strukturen wirken auf das Handeln. Verteilungen und Restriktionen strukturieren die Handlungsmöglichkeiten der Akteure. Soziale Strukturen sind ein Raum von Positionen, es gibt eine Verteilung von Ressourcen, Raum, Geschlecht, Alter etc. und diese strukturieren die Handlungsmöglichkeiten. Blaus Ansatz wurde im deutschen Sprachraum wenig rezipiert. Erst neuere Theoriediskurse über soziale Ungleichheit schenkten dem Ansatz von Blau wieder mehr Beachtung. Peter M. Blau wendet sich einerseits gänzlich gegen den psychologischen Reduktionismus eines George C. Homans, befindet sich aber andererseits in einer unerbittlichen Frontstellung gegenüber dem "Kulturalismus" eines Talcott Parsons. Erwartungen und Wertorientierungen von Akteuren, subjektive Präferenzen und Strategien von Akteuren werden letztendlich gänzlich ausgeblendet. Man kann hier von Strukturdeterminismus sprechen.

Blau griff die Ansichten von Weber, Merton u.a. in einem hochgradigen Forschungsprogramm von Methoden auf, die von der ethnographischen Beobachtung bis zu vergleichbarer statistischer Analyse reicht.

Blau gehörte zu den den Gründern der Austauschtheorie und beeinflusste den Aufstieg der Rational Choice Theorie. Er wollte, ähnlich wie Max Weber, die Machtverteilung in einer Gesellschaft verstehen. Peter Michael Blau stellt in seinem Buch Exchange and Power in Social Life keine eigene Theorie auf, aber es gelingt ihm, die zunächst mikrosoziologisch entwickelte Theorie der Austauschprozesse auf makrosoziologische Probleme zu übertragen. Auch wenn Blau selber diesen Ansatz als unzureichend für die Erklärung makrosoziologischer Probleme verworfen hat, wurde die Übertragung doch später von Richard M Emerson, Karen S. Cook und Toshio Yamagishi weitergeführt.

Blau arbeitete weit über seinen formalen Ruhestand hinaus durch Vortragstätigkeit. Er war ein dynamischer und anspornender Lehrer mit einem aktiven Interesse an der Welt. Er hat lebenslang seinen starken Wiener Akzent beibehalten und galt als sehr umgänglich und charmant.


Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst, Wiebke in Kaesler, Dirk/Vogt, Ludgera [Hrsg] (2007):
  • "Hauptwerke der Soziologie"
    S. 44-47.
  • Gabriel, Manfred (2006):
  • "Stand der Forschung. Vorlesung Hauptgebiete der Soziologie an der Universität Salzburg"
    Salzburg
  • Joas, Hans [Hrsg] (2001):
  • "Lehrbuch der Soziologie"
    Frankfurt, S. 103, 115.
  • Münch, Richard (2002):
"Soziologische Theorie. Band 2, Handlungstheorie."
  • Frankfurt, S. 63-88.


Internetquellen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Blau, Peter (1964): S. 91
  2. Blau, Peter (1964): S. 88

Blumer, Herbert[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Blumer Herbert

  • geboren am 7. März 1900 in St. Louis, Missouri
  • gestorben am 13. April 1987, der Leichnam wurde nie gefunden
  • Seine Kindheit verbrachte Herbert Blumer in St. Louis, Missouri.
  • Er macht seinen A.B und A.M an der University of Missouri und arbeitete dort als Dozent.
  • 1928 : Doktorat an der University of Chicago. Dort war er auch Schüler von George H. Mead.
  • 1925-52: Lehrauftrag an der University of Chicago. Während dieser Zeit schlug er außerdem seine Laufbahn als Profi-Footballspieler ein.
  • 1930-35: Schatzmeister der  American Sociological Association. Blumer hatte zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Gastprofessuren an Universitäten z.B: 1936 an der University of Michigan und 1939 and der University of Hawaii.
  • Ab 1934: Herausgeber der "Prentice-Hall sociology series".
  • Während des zweiten Weltkrieges diente Blumer als Verbindungsoffizier des Informationsdienst und des "Bureau of Economic Warfare". Zusätzlich übernahm er den Vorsitz des öffentlichen Ausschußes des "War Labor Board".
  • In den späten 30er Jahren übernahm Blumer Meads Kurse, da dieser wegen einer Krankheit nicht mehr unterrichten konnte.
  • Ab 1952 unterrichtete Blumer an der University of California, wo er auch das soziologische Institut leitete.
  • 1956 wurde Blumer, nach zahlreichen anderen Positionen, zum Präsidenten der American Sociological Association gewählt.
  • 1983 wurde er durch den Award for a Career of Distinguished Scholarship geehrt.

Blumer war Zeit seines Lebens sozial engagiert und versuchte soziale Probleme durch sein soziologisches Wissen zu lösen.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Anhänger der American Sociological Association, wie Robert E. Park, Louis Wirth, Florian Znaniecki, und andere amerikanische Soziologen, darunter auch John Dewey, William James, W.I. Thomas, Charles H. Cooley, beeinflussten Blumer in seinen Werken.

Herbert Blumer wurde bekannt durch sein Bestreben, den symbolischen Interaktionismus als eigenständiges soziologisches Paradigma zu etablieren. George H. Meads Gedanken zur Identitätsbildung und Interaktion bilden den Grundstock des symbolischen Interaktionismus.


Werke[Bearbeiten]

  • Movies and Conduct - 1933
  • An Appraisal of Thomas Znaniecki's: The Polish Peasant - 1939
  • Symbolic Interactionism: Perspective and Method - 1969


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Blumer’s Werk „Symbolic Interactionism. Perspective and Methode” (1969) gilt als das Manifest des Symbolischen Interaktionismus und besteht aus 12 Aufsätzen, die in den 30er, 40er, 50er, und 60er Jahren entstanden sind. Der Begriff „Symbolischer Interaktionismus“ wurde 1937 von Blumer in einem Aufsatz eingeführt. In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erlangte dieser große Anerkennung, da der naturalistische Ansatz, welcher den Individuen Kreativität und einen eigenen freien Willen zuspricht, gut zur Stimmungslage der Flower-Power Generation passte. Aufbauend auf der Theorietradition von George Herbert Mead bildete Blumer eine Kritikplattform gegenüber der traditionellen Sozialpsychologie. Der Symbolische Interaktionismus stellte nunmehr ein konkurrierendes Paradigma zum funktionalistischen Mainstream dar.

  • Im ersten und zweiten Aufsatz fasst Blumer die Gedanken von Georg H. Mead in drei Prämissen zusammen:

1. Handlungen von Menschen beziehen sich immer auf die Bedeutung, die Objekte (vom Ball bis zu Mitmenschen) für sie haben. 2. Diese Bedeutung entwickelt sich aus sozialer Interaktion. 3. In interpretativen Prozessen werden diese Bedeutungen von Akteuren definiert.

Dieser Prozess der Interpretation und Definition führt dazu, dass Menschen ihre Handlungen an fortlaufende Handlungen anpassen.

  • Der dritte Aufsatz beschreibt die Gesellschaft als symbolische Interaktion. Soziale Ordnung stellt nur den Rahmen dar, in dem Akteure ihre Handlungen kreieren.
  • Die Aufsätze Vier bis Zwölf beschäftigen sich mit detaillierteren Fragen. So behandelt Blumer im sechsten Aufsatz die Studie „The Polish Peasant in Europe and America“ von Znaniecki, Florian und Thomas, William I .

Blumer diskutiert darüber hinaus die methodologische Probleme der Soziologie und grenzt sich klar von der traditionellen wissenschaftliche Methoden ab. Im Gegensatz zu der objektivistischen Vorgangsweise, plädierte Blumer für eine Methode, die auf strukturierte Fragebögen und statistische Datenanalysen verzichtet. Der Symbolische Interaktionismus geht nämlich von einer weiteren Ebene zwischen Subjekt und Objekt aus. Diese Ebene besteht aus dem subjektivem Prozess der Interpretation. Die Bedeutung, die Akteure Objekten zuteilen, wird durch andere Akteure bestätigt oder widerlegt. Also kann ein Akteur nicht alleine entscheiden, welche Bedeutung ein Objekt hat. Die Bedeutungszuteilung ist im ablehnenden, wie im zustimmenden Fall, ein Resultat der Interaktion. So werden die Bedeutungen von Handlungen durch den Verlauf der Interaktion bestimmt. Der Prozess der Symboldeutung ist eine dauernde wechselseitige Anpassung der Interpretationen der Akteure. Sobald Akteure Objekten Bedeutungen zuweisen, werden ihre Handlungen von deren Bedeutungen bestimmt.

Blumer entwickelt weiters ein Bewusstsein dafür, dass sich die Situativität des Handeln in der Moderne verändert hat und verweist auf die daraus resultierenden Probleme für die empirische Sozialforschung. Als einer der Ersten betritt er das neue empirische Feld, der "Massenkommunikation". Blumer beschreibt, wie die Strukturen sozialer Organisation loser werden und mit ihnen die Routinisierung abnimmt. Das soziale Handeln wird vernetzter und komplexer, dadurch verliert die Handlungssituation an Stabilität. Nach Blumers Auffassung reproduzieren sich die sozialen Organisationen einer Gesellschaft durch soziales Handeln. Es wird immer wichtiger, die Realität des sozialen Handelns immer wieder neu zu konstruieren, als sich an Normen und Regeln zu halten. Dadurch nimmt die Reziprozität des sozialen Handelns, die Gewissheit, dass die Interaktionspartner sich an gemeinsame Regeln halten, ab. Die Aufgabe der Rollenübernahme wird immer anspruchsvoller, da die kooperationssichernde Antwort, die dem generalisierten Anderen gegeben wird, mit dessen Komplexität (der, der sozialen Organisation einer Gesellschaft) riskierter und selektiver werden muss.

Das Phänomen der Massenkommunikation ist ein wichtiger Teil der Forschung im Symbolischen Interaktionismus. Blumer führte zwei Studien über die Wirkung von Kinofilmen durch. „Movies and Conduct“, “Movies, Delinquency and Crime”. Die Massenkommunikation bekam relativ viel Beachtung, da hier die interpretativen Prozesse der Rollenübernahme des generalisierten Anderen deutlich sichtbar und erkennbar werden.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Blumer gilt als Begründer der Schule des Symbolischen Interaktionismus.


Literatur[Bearbeiten]

  • Kaesler, Dirk/Vogt, Ludgera [Hrsg.] (2000):
    "Hauptwerke der Soziologie"
    Stuttgart
  • Münch, Richard (2003):
    "Soziolgische Theorie, Band 2: Handlungstheorie"
    Frankfurt/ New York
  • Oesterdiekhoff, Georg [Hrsg.] (2001)
    "Lexikon der soziologischen Werke, 1. Auflage"

Bolte, Karl Martin[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Bolte Karl Martin

  • geboren am 29. November 1925 in Wernigerode/Harz
  • 1946 Abitur am Gymnasium in Wernigerode
  • 1947-1950 Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität Kiel
  • 1950 Diplomvolkswirt an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel
  • 1952 Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Kiel (Doktorarbeit "Bevölkerungsentwicklung und Leistungspotential")
  • 1957 Habilitation für Soziologie an der Universität Kiel


Funktionen und Ämter

  • 1950-1957 Assistent bei Gerhard Mackenroth
  • seit 1952 Dozententätigkeit im Bereich sozialwissenschaftlich ausgerichteter Erwachsenenbildung
  • 1957-1961 Universitätsdozent an der Universität Kiel
  • 1961-1964 Professor für Soziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg
  • 1962-1964 Leiter der Hochschule für Wirtschaft und Politik und Honorarprofessor an der Universität Hamburg
  • 1964-1992 Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Vorstand des Instituts für Soziologie


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es so etwas wie eine "Neugeburt" der Soziologie. An ihr waren namhafte Personen wie Helmut Schelsky, René König, Helmut Plessner oder Max Horkheimer und auch Karl Martin Bolte beteiligt. Sie alle haben sich für die Etablierung der Soziologie als Universitätsfach in Deutschland eingesetzt. Gegen Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre erfuhr die Soziologie schließlich einen starken Aufschwung, was unter anderem auch daran lag, dass es ein Bestreben gab, Sozialkunde bzw. Staatsbürgerkunde als Schulfach einzuführen. Dabei sollten die Soziologen, gemeinsam mit Politik- und Wirtschaftswissenschaftlern die Schullehrer für dieses Fach ausbilden.

In den 70er Jahren erreichte die Soziologie dann einen weiteren Höhepunkt, sie galt regelrecht als "Mode-Studienreichtung" der damaligen Zeit, stand aber auch oft im Fadenkreuz der Kritik, da ihr vorgeworfen wurde, sie sei eine "linke Studienrichtung". Karl Martin Bolte selbst wirkte zu dieser Zeit als Berater der Bundesregierung und war somit einer der ersten Sozialwissenschafter, die ihre Theorien und Erkenntnisse auf direktem Wege in die Politik einfließen lassen konnten.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Karl Martin Bolte gilt als einer der wichtigsten Schichtungssoziologen. Zu ihnen zählen beispielsweise auch Theodor Geiger und Ralf Dahrendorf Geiger ist der Begründer des modernen "Schicht"-Begriffes. Er teilte die Gesellschaft in eine unbestimmte Zahl von sozialen Schichten, welche nach Merkmalen wie Beruf, Bildung, Erziehung, Lebensstandard, Macht, Art der Kleidung, Religion, Rasse, politischer Meinung und Organisation definiert werden. Eng damit verbunden ist auch der Begriff der sozialen Mobilität, also der Bewegung der Einzelpersonen zwischen den Schichten bzw. Klassen. Dahrendorf baute ebenso wie Bolte auf diesen Erkenntnissen auf und entwickelte auch ein Schichtungsmodell für Deutschland, ähnlich wie die Bolte-Zwiebel, welches bekannt als "Dahrendorfhäuschen" lange Zeit als Denkmodell für die Schichtungslehre diente.


Werke und Herausgeberschaften[Bearbeiten]

  • (Hrsg. zusammen mit Friedhelm Neidhardt) Soziologie als Beruf. Erinnerungen westdeutscher Hochschulprofessoren der Nachkriegsgeneration, Baden-Baden: Nomos, 1998.
  • Führung und Zusammenarbeit im Betrieb (zusammen mit Jürgen Rink und Manfred Timmermann), Düsseldorf: Stahleisen, 1995.
  • Wertewandel - Lebensführung - Arbeitswelt, München: Oldenbourgh, 1993.
  • Soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik Deutschland (zusammen mit Stefan Hradil), Opladen: Leske und Budrich, 1988.
  • Bevölkerung. Statistik, Theorie, Geschichte und Politik des Bevölkerungsprozesses (zusammen mit Dieter Kappe und Joseph Schmid), Opladen: Leske und Budrich, 1980.
  • Leistung und Leistungsprinzip, Opladen: Leske + Budrich, 1979.
  • Soziale Ungleichheit (zusammen mit Dieter Kappe und Friedhelm Neidhardt), Opladen: Leske und Budrich, 1975.
  • Arbeitnehmer in der Industriegesellschaft. Berufssoziologische Aspekte (zusammen mit Michael Brater und Sabine Kudera), Stuttgart u.a.: Kohlhammer, 1974.
  • Bundesrepublik wohin?, Bad Harzburg: Verl. WWT, 1974.
  • Der Einfluß ergänzenden Nahunterrichts auf den Lernerfolg im Rahmen von Fernlehrgängen (zusammen mit Gisela Böhme und Klaus-Günter Schwier), Hannover: Schroedel, 1974.
  • Der achte Sinn. Gesellschaftsprobleme der Gegenwart; Soziologie, Wandel, Freiheit, Jugendunruhe, Mitbestimmung, Bad Harzburg: LinkVerlag für Wissenschaft, Wirtschaft u. Technik, 1971.
  • Die gesellschaftliche Situation der Gegenwart. Ausgewählte Eigenarten der heutigen Gesellschaftsstruktur und die Stellung des Menschen in der Gesellschaft (zusammen mit Karin Aschenbrenner), Opladen: Leske und Budrich, 1970.
  • Beruf und Gesellschaft in Deutschland. Berufsstruktur und Berufsproblem, Opladen: Leske und Budrich, 1970.
  • Deutsche Gesellschaft im Wandel, Opladen: Leske 1966.
  • Sozialer Aufstieg und Abstieg. Eine Untersuchung über Berufsprestige und Berufsmobilität, Stuttgart: Enke: 1959.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Karl Martin Bolte hat sich hauptsächlich mit der Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt und diese auch im historischen und internationalen Vergleich beleuchtet. Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit waren Arbeits- und Industriesoziologie, Bevölkerungssoziologie und vor allem auch die Soziologie sozialer Ungleichheiten. Von daher stammt auch seine berühmteste These, nämlich das Bild der Zwiebel als Darstellungsform der Gesellschaft (bekannt als "Bolte-Zwiebel"). Bolte entwarf diese, um die Verteilung der verschiedenen Schichten in Deutschland darzustellen, welche seiner Meinung nach dadurch entstehen, dass die Gesellschaft nach folgenden drei Kriterien eingeteilt wird:

  • Höhe des Einkommens
  • Berufsprestige
  • Bildung

Dabei müssen aber nicht zwingend immer alle drei Kriterien erfüllt werden. Die Zwiebelform ensteht deshalb, weil es eine sehr breite Mittelschicht gibt (natürlich mit gewissen Abstufungen) und eine kleine Ober- und Unterschicht. Bolte entwickelte das Modell zwar damals in den 60er Jahren für die Bundesrepublik Deutschland der damaligen Zeit, aber in einem Ende 1998 geführten Interview bestätigte er, dass er in der aktuellen Situation in Deutschland keinesfalls eine Veränderung dieser Verteilung sehe, da sich über 70% der Menschen in einer breiten Masse befänden. Diese Schätzung gleicht seinen Ergebnissen der 60er Jahre. Bolte kam zu folgenden Prozentwerten für die damalige Zeit:

  • Oberschicht 2%
  • obere Mittelschicht 5%
  • mittlere Mittelschicht 14%
  • untere Mittelschicht 29%
  • unterste Mittelschicht bzw. oberste Unterschicht 29%
  • Unterschicht 17%
  • sozial Verachtete 4%


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Karl Martin Bolte ist für die gegenwärtige Soziologie immer noch von großer Bedeutung und wird es auch in Zukunft noch sein, gerade wenn es um aktuelle Themen wie die Bevölkerungsentwicklung geht (Ausländeranteil in der Gesellschaft, Pluralisierung der Lebensformen, Geburtenrückgang, "Vergreisung" der Gesellschaft, usw.).


Internetquellen[Bearbeiten]

Boudon, Raymond[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Boudon, Raymond

  • geboren am 27. Jänner 1934 in Paris


Familie:
Eltern: keine Daten vorhanden
Familie: 1961 heiratete er die aus Bayern stammende Rosemarie Riessner.


Karriere:
Boudon hat die Oberstufe in den besten Gymnasien, Condorcet und Louis le Grand besucht. Später geht er auf eine lehrerbildende Hochanstalt, die er 1958 mit der Berechtigung Philosophie zu unterrichten abschließt.

  • 1985-1960 Mitarbeit bei der CERPA (Dienst psychologischer Forschungsarbeiten der französischen Armee).
  • 1961-1962 ist er mit einem Stipendium der Ford-Gründung an Université de Columbia in New York.
  • 1962 tritt er dem CNRS (nationales Zentrum der wissenschaftlichen Forschung) bei. Von dem er 1963 als Dozent in Bordeaux eingesetzt wird.
  • 1964-1965 hält er sich in Harvard auf.
  • 1967 wird er an der Sorbonne zum Professor ernannt.

Raymond Boudon lehrte an zahlreichen ausländischen Universitäten, insbesondere in: Genf (1971-1995), Chicago, Columbia, Florenz, Harvard, Quebec, Lissabon, Mailand, Montreal, Moskau, Oxford, Sankt Petersburgin, Santiago, Sao Pauloach, Stockholm, Hongkong.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Boudon leistete während des Algerienkrieges (1954-1962) seinen Wehrdienst und bekam daduch die Möglichkeit sich von 1958-1960 an der Arbeit der CERPA (Dienst psychologischer Forschungsarbeiten der französischen Armee)zu beteiligen. Ein anderes, prägendes Ereignis im Bezug auf den Krieg, bekam er von seiner Frau vermittelt, deren Familie 1945, als sie selbst noch ein Kind war, sich weigerte den eigenen Grund und Boden zu verlassen, um diesen der sowjetischen roten Armee Rußlands zu überlassen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Boudons handlungstheoretisches Konzept basiert auf den Vorarbeiten älterer Klassiker wie Pareto, Durkheim und Marx, aber auch auf neueren Beiträgen, wie etwa jene von Parsons, Merton, Lazarsfeld und Homans. Boudons betrachtet sowohl dynamische als auch statische Aspekte. Seine Unterscheidung in "soziologisch orientiert" und "ökologisch orientiert" kann parallel zu Max Webers Unterscheidung zwischen "wertrational" und "zweckrational" gesehen werden.


Werke[Bearbeiten]

  • La Logique du Social, 1978, Librairie Hachette, Paris
  • L'Inégalité des chances, Paris, Armand Colin, 1973 (publication poche : Hachette, Pluriel, 1985).
  • Effets pervers et ordre social, Paris, PUF, 1977 (en poche : Quadrige, 1993).
  • La Logique du social, Paris, Hachette, 1979 (en poche : Hachette, Pluriel, 1983).
  • Dictionnaire critique de la sociologie, (avec F. Bourricaud), Paris, PUF, 1982.
  • La Place du désordre. Critique des théories du changement social, Paris, PUF, 1984 (en poche : Quadrige, 1991).
  • L'Idéologie, ou l'origine des idées reçues. Paris, Fayard, 1986 (en poche : Seuil/Points, 1992).
  • L'Art de se persuader, des idées douteuses, fragiles ou fausses, Paris, Fayard, 1990 (en poche : Seuil/Points).
  • Le Juste et le Vrai : études sur l'objectivité des valeurs et de la connaissance, Paris, Fayard, 1995.
  • Le Sens des valeurs, PUF, 1999.
  • L'Explication des normes sociales, coéd. avec P. Demeulenaere et R. Viale, Paris, PUF, 2001.
  • (avec Robert Leroux), "Y a-t-il encore une sociologie", Paris, Odile Jacob, 2003.
  • Tocqueville aujourd'hui, Odile Jacob, 2005
  • Pourquoi les intellectuels n'aiment pas le libéralisme, Odile Jacob, 2004. 252 pages. ISBN 273811398 (Ouvrage tiré d'une conférence donnée en 2003 à l'invitation du parti libéral suisse).
  • Renouveler la démocratie. Éloge du sens commun, Odile Jacob, 2006


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Die Logik des gesellschaftlichen Handelns[Bearbeiten]

Boudon geht bei seinem Konzept von Paretos Idee aus, dass nicht-logisch orientierte Handlungen von einer soziologisch orientierten Wissenschaft untersucht werden, logische orientierte Handlungen dagegen von ökonomisch orientierter Wissenschaft. Analog dazu ist, so Boudon, auch Webers Unterscheidung in Zweckrationalität und Wertrationalität zu sehen. Um jedoch diesen Dualismus zwischen logisch und nicht-logisch zu überwinden stellt Boudon folgende drei Thesen auf:

  1. Jene Phänomene, die Soziologen interessieren, lassen sich durch den Aufbau des Interaktionssystems erklären, in dem sie stattfinden.
  2. Erst wenn die Verhaltensweisen eines Individuums als zweckrational verstanden werden, lässt sich ein Kausalzusammenhang zwischen den Eigenschaften des Interaktionssystems und dem Verhalten des Individuums erklären.
  3. Um individuelle Handlungen zu erklären, muss die Soziologie komplexe Analyseschemata anwenden, die über eine einfache Unterscheidung in Kosten und Nutzen hinausgehen.

Die erste These greift zurück auf den methodologischen Individualismus, hinter dem das Postulat steckt, dass Erklärungen in der Soziologie nur durch Rückgriff auf die jeweiligen Akteure und deren Interaktionssystem gefunden werden können. Boudon unterscheidet bei der Betrachtung des Interaktionssystems aber auch zwischen Interaktionen funktionaler und Interaktionen interdependenter Art. Bei der funktionalen Art ist es notwenig, dass die Person eine Rolle innehat, die ein Charakteristikum für ein Bündel an Normen darstellt. Ein Beispiel dafür ist eine Frau, die die Rolle der Familienmutter hat und ihre Handlungen in Beziehung zu dieser Rolle setzt. Wenn Handlungen aber nicht direkt mit einer Rolle im Zusammenhang stehen, beizeichnet Boudon diese Interaktionen als interdependent.

Die zweite These befasst sich damit, dass Individuen zielorientiert handeln. Diese Zielorientierung wird durch ein Abwägen von Kosten und Nutzen gefunden. Das Interessante ist aber, dass es in einem Interdependenzsystem auch immer nicht-intendierte Folgen gibt, die von absichtlichen Handlungen herrühren. Diese Folgen, die Boudon auch als „Emergenzeffekte“ bezeichnet werden, wirken sich auf die Makroebene aus. Ein gutes Beispiel hierfür ist, wenn viele Leute bei ihrer Bank, die in Insolvenzverdacht steht, ihr gesamtes Guthaben abheben und somit als Summe ihrer Handlungen eine nicht-intendierte Insolvenz auslösen. Diese Effekte müssen sich aber nicht wie im obigen Beispiel immer negativ auswirken, sie können genauso auch positiv oder neutral sein. Weiters müssen die Effekte auch nicht immer sofort auftreten, sondern können auch verzögert sein.

Durch die nicht-intendierten Folgen absichtlichen Handelns wird auch Boudons dritte These unterstützt, die besagt, dass komplexe Sachverhalte nicht nur nach ihren zweckrationalen Entscheidungen analysiert werden können. Boudons handlungstheoretisches Konzept beschränkt sich aber nicht nur auf statische Prozesse. Vielmehr wird beschrieben, dass sozialer Wandel sich durch das Ergebnis aus individuellen Handlungen zu allgemeinen Strukturen konkretisiert. All die dynamischen Variablen sind Teil der globalen Kategorie Umwelt. Für Boudon sind das vor allem institutionelle Gegebenheiten historischer als auch ökonomischer Art, die gleichzeitig den Rahmen für das Interdependenzsystem bzw. Interaktionssystem der Akteure darstellen. Nach diesem Konzept handeln Individuen also auf Grund bestimmter Bedingungen, die in ihrer Umwelt herrschen.

Ein Kritikpunkt an Boudons Position ist, dass er von einer "untersozialisierten" Akteurskonzeption ausgeht. Weiter beleuchtet er den Stellenwert von individuellen Netzwerken nicht systematisch genug. Auch wird ihm zu Lasten gelegt, dass sowohl die individuelle Motivation als auch die historische Prägung der Individuen unberücksichtigt lässt.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Gemeinsam mit Pierre Bourdieu, Edgar Morin und Alain Touraine gehört Boudon zu den wenigen zeitgenößischen französischen Soziologen, die internationale Anerkennung genießen; und dies obwohl seine Vorstellung einer liberalen Welt im Kontrast zu diversen sozialistischen Visionen in Frankreich standen und mitunter immer noch stehen. Damit hat Boudon eine besondere Stellung in der französischen Soziologie. Obwohl er darüber hinaus, als ein herausragender Vertreter des methodologischen Individualismus, international bekannt geworden ist, wurde seit Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs von Rowohlt (1988) kein einziges Werk mehr herausgegeben. Boudon steht somit nach wie vor im Schatten anderer Soziologen, zumindest im Bezug auf gesellschaftliche Debatten. In dem 2003 erschienenen Interviewband, gibt Boudon Auskunft über seinen Bildungsweg, die Grundlagen des methodologischen Individualismus, über die großen Soziologen u.v.m. Eines der 8 enthaltenen Interviews ist gratis einsehbar unter: Y a-t-il encore une sociologie?.


Literatur[Bearbeiten]

  • Oesterdiekhoff, Georg W. [Hrsg.] (2001):
    "Boudon, Raymond. In: Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden
  • Reinecke, Jost (2001):
    "Boudon, Raymond. In: Papcke, Sven / Oesterdiekhoff, Georg W. [Hrsg.]: Schlüsselwerke der Soziologie"
    Wiesbaden, S. 54-56.


Internetquellen[Bearbeiten]

Bourdieu, Pierre[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Pierre-Fèlix Bourdieu

  • geboren: Denguin, Pyrénées Atlantiques 1. August 1930
  • gestorben: Paris 23. Januar 2002

französischer Soziologe


  • Eltern
    • Vater: Albert Bourdieu, zuerst Landwirt, dann Postangestellter
    • Mutter: Noémie Bourdieu, geborene Duhau, Hausfrau
  • Ehe: 1962-1983 mit Marie-Claire Brizard
  • Kinder:
    • Jérome Bourdieu (Wirtschaftswissenschaftler)
    • Emmanuel Bourdieu (Philosoph, Drehbuchautor & Regisseur)
    • Laurent Bourdieu (Physiologe)


Biographie[Bearbeiten]

  • 1930: am 1. August in Denguin, einem kleinen Ort im französchischen Departement Pyrénées-Atlantiques geboren
  • 1941-1947: Besuch des Lycée in Pau, Pyrénées-Atlantiques
  • 1948-1951: Besuch des Lycée Louis-le-Grand in Paris, 1951: Baccalauréat
  • 1951-1954: Studium an der Eliteschule École Normale Supérieure sowie Philosphiestudium an der Faculté des Lettres an der Sorbonne in Paris (Diplomarbeit über Leibnitz als Kritiker von Descartes mit Auszeichnung)
    • 1954: Agregation de Philosophie
  • 1954-1955: Philosophielehrer am Lycée von Moulins, Alliers
  • 1955-1958: Militärdienst in Algerien
  • 1958-1960: Forschungsprofessur in Algiers
  • 1960-1961: Assistenzprofessur an der Faculté des Lettres an der Sorbonne in Paris bei Raymond Aron (1905-1983)
  • 1961-1964: Maître de Conférences (Dozent) an der Faculté des Lettres in Lille, Nord
  • 1964-1984: Directeur d′Études (Studiendirektor) an der École de Hautes Etudes en Sciences Sociales (Paris) und Professeur de Faculté des Lettres (Sociologie) ebenda.
  • 1968-1988: Directeur des von ihm initiierten Centre de Sociologie de l'Éducation et de la Culture, ein mit dem Centre National de la Recherche Scientifique assoziiertes Forschungsinstitut.
  • 1982-2002: Professeur titulaire de Sociologie am College de France in Paris.
  • 1985-2002: Directeur des Centre de Sociologie Européenne (CSE) am Collège de France und der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
  • 2002: am 24 Januar stirbt Bourdieu in Paris an Krebs.


Auszeichnungen & Ehrungen[Bearbeiten]

  • 1989: Ehrendoktor der Freien Universität Berlin
  • 1993: Médaille d'or du Centre National de la Recherche Scientifique CNRS, höchste akademische Auszeichnung in Frankreich
  • 1996: Erving Goffman - Preis der Universität Berkeley (Kalifornien)
  • 1996: Ehrendoktor der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt
  • 1996: Ehrendoktor der Universität Athen
  • 1997: Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen
  • 1999: Ehrendoktor der Universität Joensuu (Finnland)
  • 2000: Huxley - Medaille des Königlichen Anthropologischen Instituts London


Andere Tätigkeiten[Bearbeiten]

  • Seit 1981 war Bourdieu als Berater der Gewerkschaft "Confédération Française Démocratique du Travail" (C.F.D.T.) tätig.
  • In den 1990er Jahren hat er zunehmend damit begonnen, in den öffentlichen Diskurs einzugreifen. Bei der im Dezember 1995 stattgefundenen Streikwelle des öffentlichen Dienstes ist Bourdieu demonstrativ auf Seite der Protestierenden aufgetreten und hat somit seine Position als wichtigstes intellektuelles Sprachrohr der französischen linken Bewegung gefestigt.

Um eine möglichst breite Wirkung seiner Sozialkritik zu erwirken, gründete er eine Schriftenreihe um in einfacher und verständlicher Form die Probleme der Zeit der französischen Bevölkerung aufzuzeigen. Dabei verwies er immer wieder auf die Gefahren der Globalisierung und der damit verbundenen zügellosen Ausbreitung des globalen Kapitalismus als Ursachen sozialer Spannungen.

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Pierre Bourdieu wurde in Dengiun, einem kleinen französichen Ort in den Pyrenäen zur Welt gebracht. Die Bewohner dieses Ortes waren Bauern oder einfache Handwerker. Sein Vater, selbst aus bäuerlichen Verhältnissen stammend, war jedoch Briefträger und später Leiter des ortsansässigen Postamtes. Der Aufstieg vom Bauernsohn zum Beamten ließ ihn gleichzeitig zum Verräter des eigenen Standes werden, was Bourdieu als Sohn des Überläufers schon zu spüren bekam. Als Pierre Bourdieu von 1941 bis 1947 in ein Internat ins 14 Kilometer benachbarte Pau wechselte, lernte er diese soziale Grenze von der anderen Seite her kennen: nun stand er als Kind vom Lande den Bürgersöhnen aus der Stadt gegenüber. Die wunderbare Möglichkeit, an einer guten Ausbildung teilzuhaben stand im Widerspruch zu seiner geringen gesellschaftlichen Anerkennung seitens seiner Mitschüler. Diese Erfahrungen verarbeitet er u.a. auch in seinen Werken Die Illusion der Chancengleichheit (1971) und in Die feinen Unterschiede (1982c).

Bourdieu wurde außerdem vor allem durch seinen Kriegs- und später Forschungseinsatz in Algerien geprägt, im Laufe dessen er ethnologische Studien und Feldforschung über die Kultur der Berber betrieb. Die für ihn daraus gewonnenen Ergebnisse finden sich in vielen seiner empirischen methodologischen Werke wieder und haben seinen Bekanntheitsgrad als Soziologe wesentlich unterstützt.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Wegbereiter von Bourdieus Soziologie waren insbesondere Claude Levi - Strauss (Strukturalismus / Objektivismus) und Jean Paul Sartre (Subjektivismus), Émile Durkheim (soziale Tatbestände), Karl Marx (Klasse / Kapital / Kampf) und Max Weber (Begriff der Macht).


Werke[Bearbeiten]

  • Bourdieu, Pierre. 1958. Sociologie de l'Algérie. Paris: Presses Universitaires de France.
  • Bourdieu, Pierre. 1968. Sociologie de l'éducation. Paris: Centre national de la recherche scientifique.
  • Bourdieu, Pierre. 1970. Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Bourdieu, Pierre. 1971. "Genèse et structure du champ religieux." Revue française de sociologie, 12, Nr. 3, S. 295-334.
  • Bourdieu, Pierre. 1972. Esquisse d'une théorie de la pratique, précédé de trois études d'ethnologie kabyle. Geneve: Droz. (Erweiterte deutsche Übersetzung: 1979. Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1977. Algérie 60. Structures économiques et structures temporelles. Paris: Minuit. (Deutsche Übersetzung: 2000. Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft. Konstanz: Universitäts-Verlag.)
  • Bourdieu, Pierre. 1979. La distinction. Critique social du jugement. Paris: Minuit. (Deutsche Übersetzung: 1982c. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1980a. Questions de sociologie. Paris: Minuit. (Deutsche Übersetzung: 1993. Soziologische Fragen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1980b. Le sens pratique. Paris: Minuit. (Deutsche Übersetzung: 1987. Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1981 "La représentation politique. Eléments pour une théorie du champ politique." Actes de la recherche en sciences sociales, Nr. 36/37, S. 3-24.
  • Bourdieu, Pierre. 1982a. Leçon sur la leçon. Paris: Minuit. (Deutsche Übersetzung: 1984a. Sozialer Raum und Klassen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1982b. Ce que parler veut dire. L'économie des échanges linguistiques. Paris: Librairie Arthème Fayard. (Deutsche Übersetzung: 1990. Was heißt sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tausches. Wien: Braumüller.)
  • Bourdieu, Pierre. 1984b. "Espace social et genese de ´classes´." Actes de la recherche en sciences sociales, Nr. 52-53, S. 3-15.
  • Bourdieu, Pierre. 1984c. Homo Academicus. Paris: Minuit. (Deutsche Übersetzung: 1988. Homo Academicus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1986. "Three Forms Of Capital." In: John G. Richardson (Hg.), Handbook of Theory and Research for Sociology of Education. New York: Greenwood Press. S.241-258.
  • Bourdieu, Pierre. 1988. L'ontologie politique de Martin Heidegger. Paris: Minuit. (Deutsche Übersetzung: 1988. Die politische Ontologie Martin Heideggers. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1989a. La Noblesse d'état. Grandes écoles et esprit de corps. Paris: Minuit.
  • Bourdieu, Pierre. 1989b. Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen. Berlin: Wagenbach.
  • Bourdieu, Pierre. 1992a. Les règles de l'art. Genèse et structure du champ littéraire. Paris: Éd. du Seuil. (Deutsche Übersetzung: 1998a. Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1992b. Rede und Antwort. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1992c. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur I. Hamburg: VSA.
  • Bourdieu, Pierre. 1993. La misère du monde. Paris: Éditions du Seuil. (Deutsche Übersetzung: 1998b. Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1996. Sur la télévision; suivi de l'emprise du journalisme. Paris & Dijon-quetigny: Édition Liber. (Deutsche Übersetzung: 1998c. Über das Fernsehen. Frankfurt a. M.:Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 1997b. Méditations pascaliennes. Éléments pour une philosophie négative. Paris: Éditions du Seuil. (Deutsche Übersetzung: 2001. Pascalianische Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre. 2002. Entwurf für eine Selbstanalyse. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Vgl. Bourdieu, Jerome (Hrsg.): Esquisse pour une auto-analyse, Verlag Raison d'agir, 2004.
  • Bourdieu, Pierre et. al. 1963. Travail et travailleurs en Algérie. Paris & Den Haag: Mouton.
  • Bourdieu, Pierre et. al. 1968. Le métier de sociologue. Paris: Minuit. (Deutsche Übersetzung: 1991. Soziologie als Beruf. Wissenschaftstheoretische Voraussetzungen soziologischer Erkenntnis. Berlin/New York: De Gruyter.)
  • Bourdieu, Pierre et. al. 1981. Titel und Stelle. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)
  • Bourdieu, Pierre/Passeron, Jean-Claude. 1964. Les héritiers: Les étudiants et la culture. Paris: Minuit.
  • Bourdieu, Pierre/Passeron, Jean-Claude. 1970. La reproduction. Paris: Minuit.
  • Bourdieu, Pierre/Passeron, Jean-Claude. 1971. Die Illusion der Chancengleichheit. Stuttgart: Klett.
  • Bourdieu, Pierre/Sayad, Abdelmalek. 1964. Le déracinement. La crise de l'agriculture traditionelle en Algérie. Paris: Minuit.
  • Bourdieu, Pierre/Wacquant, Loic. 1992. Réponses. Pour une anthropologie réflexive. Paris: Éditions du Seuil. (Deutsche Übersetzung: 1996. Reflexive Anthropologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Theorie und Praxis[Bearbeiten]

  • Zwischen Theorie und Praxis besteht ein Verhältnis der Reflexivität.

Klasse, Praxis, Habitus und Reproduktion[Bearbeiten]

  • soziales Handeln ist kein isoliertes Ereignis, sondern bedeutet "Praxis", die zwischen individuellen und kollektiven Interessen auf der einen Seite und Sozialstruktur, Organisation und Kultur auf der anderen Seite vermittelt.
  • Praxis ist eine organisierte Aktivität, die den wirtschaftlichen Wohlstand, die Sozialstruktur und die Kultur einer Gesellschaft einerseits, sowie die individuelle Persönlichkeit andererseits produziert und reproduziert.
  • Die Beziehung zwischen Sozialstruktur und Praxis wird durch den Habitus vermittelt.
  • Ein Habitus bezeichnet eine bestimmte Art, die Welt zu betrachten und in einer bestimmten Situation zu handeln.
  • Der Habitus ist die Verkörperung der dauerhaften Sozialstruktur und -organisation innerhalb einer Persönlichkeit.
  • Eine Person teilt ihren Habitus mit jenen Personen, die die gleichen Lebensbedingungen haben: Gruppen, Schichten und Klassen.
  • Gleiche Lebensbedingungen und die gleiche gesellschaftliche Stellung lassen denselben Habitus entstehen. So teilen z.B. die Arbeiter als Klasse einer Gesellschaft dieselben Lebensbedingungen (Klassensituation).
  • Die Klassensituation wird durch die entsprechende Klassenposition (Klassenhierarchie) in der Gesellschaft ergänzt. Beide führen zum Habitus.
  • Der Lebensstil einer Klasse ist ein Produkt ihrer Praktiken und ihrer Arbeit sowie ihrer Einstufung durch ihre Mitglieder und die Mitglieder anderer Klassen.


Feld und Kampf um Distinktion[Bearbeiten]

  • Es gibt drei Felder im sozialen Raum, in welchen Praxis stattfindet, und in denen die Gesellschaft produziert und reproduziert wird: ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital
  • Soziale Felder sind durch eine asymetrische Verteilung der Kapitalien und Güter geregelt
  • Kapitalsorten:

1.) Ökonomisches Kapital (alle Formen materiellen Reichtums), 2.) Kulturelles Kapital a) objektivierter Zustand: z.B. Bücher/ Gemälde b)Inkorporierter Zustand:z.B. Bildung/Titel/Schulabschlüsse), 3.) Soziales Kapital (Beziehungen, Netzwerke)

  • Produktion, Reproduktion und Verteilung beinhalten Zusammenarbeit und Wettbewerb.
  • Je mehr ökonomisches, soziales oder kulturelles Kapital man investieren kann, desto mehr wird man seinen Konkurrenten gegenüber Erfolg haben.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Soziologische Klassiker produzieren zu öffentlich relevanten Problemen oder Fragestellungen Schlüsselbegriffe, die als Konzepte übernommen werden und in die weitere Diskussion eingehen. Insofern gilt auch Pierre Bourdieu mit den von ihm erörterten Begriffen wie Habitus, Feld, kulturelles Kapital, Distinktionsgewinn etc. als Soziologischer Klassiker


Literatur[Bearbeiten]

  • Moebius, Stephan (2006):
    "Pierre Bourdieu - Zur Kritik der symbolischen Gewalt" In: Moebius, Stephan/Quadflieg, Dirk (Hg.), "Kultur. Theorien der Gegenwart"
    Wiesbaden:, S. 51-66
  • Münch, Richard (2004):
    "Habitus, Feld und Kapital: Pierre Bourdieus Theorie der Sozialen Praxis" In: Münch, Richard: "Soziologische Theorie. Band 3: Gesellschaftstheorie"
    Frankfurt am Main, S.417 -454
  • Bohn, Cornelia/Hahn, Alois (1999):
    "Pierre Bourdieu" In: Kaessler, Dirk (Hg.), "Klassiker der Soziologie", Band II
    München, S. 252 - 271


Internetquellen[Bearbeiten]

 Pierre Bourdieu

Podcast-Tipp[Bearbeiten]

Soziopod #032: Bourdieu und der Fluch der sozialen Ungleichheit

Burgess, Ernest W.[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Ernest Watson Burgess

  • geboren am 16. Mai 1886 in Tilbury, Ontario, Kanada
  • gestorben am 27. Dezember 1966

Soziologe, Vertreter der sozialökologisch orientierten  Chicagoer Schule der Soziologie

  • Eltern
    • Vater: Edmund J. Burgess, Priester in der Kongregationisten Kirche
    • Mutter: Mary Ann Jane Wilson Burgess


Lebenslauf[Bearbeiten]

  • 1886 Umzug in die USA
  • 1908 B.A. (Bakkalaureus der philosophischen Fakultät) am Kingfisher College in Kingfisher, Oklahoma,
  • 1908-1913 Studium der Soziologie an der Universität von Chicago
  • 1913 Verleihung der Doktorwürde
  • 1912-1913 Dozent für Soziologie an der Universität von Toledo (Ohio)
  • 1913-1915 Assistenz - Professor an der Universität von Kansas
  • 1915-1916 Assistenz - Professor an der Ohio State University
  • 1916-1957 Professuren an der Universität von Chicago
  • 1916 Assistenz – Professor für Soziologie an der Universität von Chicago. Burgess war einer der ersten "richtigen"
    Soziologen, da die Professoren zuvor aus anderen Bereichen in die Soziologie übergewechselt hatten.
  • 1921 Assoc. Professor an der Universität von Chicago
  • 1921-1930 Geschäftsführender Herausgeber der  American Sociological Society
  • 1927 Ordentlicher Professor für Soziologie an der Universität von Chicago
  • 1930-1939 Direktor des Behavior Research Fund in Chicago
  • 1934-1943 Schriftführer des Chicago Area Project
  • 1934 Präsident der  American Sociological Society
  • 1936-1940 Herausgeber des  American Journal of Sociology
  • 1938 Gründungsmitglied der National Conference on Family Relations
  • 1942 Präsident der Sociological Research Association
  • 1942 Präsident der National Conference on Family Relations
  • 1945-1946 Vorsitzender des Social Science Research Council
  • 1946-1952 Burgess ist Vorsitzender der Abteilung für Soziologie an der Universität von Chicago,er bleibt noch ein Jahr über seine Emeritierung hinaus Vorsitzender der Abteilung.
  • 1951 Burgess emeritiert
  • 1952 Gründung des „Family Study Centers“, dieses sollte später in „Family und Community Study Center“ umbenannt werden.
  • 1953 Präsident der Society for the Study of Social Problems


Weitere Tätigkeiten[Bearbeiten]

Burgess war im Laufe seiner Karriere Mitglied in folgenden Organisationen:

  • American Law Institute
  • Vincent Astor Foundation
  • Chicago Crime Commission
  • Committee of Fifteen
  • Douglas Smith Fund
  • Illinois Citizens Committee on Parole
  • Illinois Academy of Criminology
  • National Recreation Commission
  • International Congress of Criminology
  • The City Club


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Chicago wies um die Jahrhundertwende ein sehr starkes Wachstum auf. Die Stadt vergrößerte sich von 10 EinwohnerInnen im Jahre 1830, auf ca. 500 000 im Jahre 1880 und erreichte im Jahre 1930 eine Bevölkerungsanzahl von ca. 3,4 Millionen Menschen. Dementsprechend vergrößerte sich auch das Stadtgebiet von 10 Quadratmeilen im Jahre 1837 auf 225 Quadratmeilen im Jahre 1960.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Burgess wurde in seiner Forschung maßgeblich von den Theorien und Arbeitsweisen William Isaac Thomas’, Robert Ezra Parks und George Herbert Meads beeinflusst. Insbesondere Meads Theorien über die Identität und die sozialen Rollen prägten Burgess' Denken. So entwickelte er aus diesen Ansätzen die Vorstellung, dass Familieneinheiten aus der Interaktion und der Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern entstünden.

Thomas und Park betrieben außerdem Feldforschungen über das Zusammenleben der Menschen in den Städten

Weiters entwickelte Burgess, gemeinsam mit R. D. Mc Kenzie, Theorien darüber, wie Strukturen der Tier- und Pflanzenwelt auf menschliche Gesellschaften übertragen werden könnten. Sie gingen dabei von einem absolutistischen Raumkonzept aus, welches besagt, dass der Raum eine vom menschlichen Handeln getrennte Größe sei. Ausgangspunkt für diese Theorie war die Vorstellung, dass der Mensch sich seiner natürlichen Umgebung anpassen müsse.


Werke[Bearbeiten]

  • 1921 Introduction to the Science of Sociology (gemeinsam mit Robert E. Park)
  • 1925 The City (gemeinsam mit Robert E. Park und Roderick D. Mc Kenzie)
  • 1926 The Family as a Unity of Interacting Personalities
  • 1926 The Romantic Impulse an Family Disorganization
  • 1926 The Urban Community: Selected Papers From the Proceedings of the American Sociological Society (Burgess,Hrg.)
  • 1928 Factors Determining Success or Failure on Parole
  • 1928 Family Tradition an Personality Development
  • 1928 The Family and the Person
  • 1939 Predicting Success and Failure in Marriage (gemeinsam mit Leonard S. Cottrell)
  • 1945 The Family: From Institution to Companionship (gemeinsam mit Harvey J. Locke und Mary M. Thomas)
  • 1953 Engagement and Marriage (gemeinsam mit Paul Wallin)
  • 1954 Courtship, Engagement and Marriage (gemeinsam mit Paul Wallin und Gladys D. Schultz)
  • 1955 Council of State Governments: The State and Their Older Citizens, eine Studie von Burgess und Sidney Spector
  • 1960 Aging in Western Societies (Burgess, Herausgeber)
  • 1964 Contributions to Urban Sociology (Burgess und Donald J. Bogue, Herausgeber)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Die Forschungsschwerpunkte von Burgess waren Ehe und Familie mit besonderem Bezug auf das Alter, die Stadtentwicklung sowie die Systeme der vorzeitigen Haftentlassung.


Familie und Ehe[Bearbeiten]

Burgess konzipierte die Ehe und Familie als „a unity of interacting personalities“ (Burgess (1926a. In weiterer Folge erarbeitete er, angeregt durch frühere Forschungen über den Erfolg oder das Versagen von Haftentlassungsmodellen, Testverfahren welche die Erfolgschancen einer Ehe vorhersagen sollten. Dazu befragte Burgess die Verlobten über ihre Einstellungen zur Ehe, ihre persönlichen Interessen, sowie ihre sozialen Charaktere. Burgess kam zu dem Schluss, dass gleichartige Einstellungen und eine gleichartige Herkunft wesentliche Elemente zum Gelingen einer Ehe wären.

In weiterer Folge befasste sich Burgess mit der Ehe und Familie im Alter, seine wesentlichen Forschungsinteressen hierbei waren, die finanzielle Situation von Senior/innen, das Verhältnis der Eheleute zueinander, insbesondere nach der Pensionierung des Ehemannes, sowie das Verhältnis zu den Kindern.


Die Stadtentwicklung[Bearbeiten]

Burgess untersuchte die moderne Stadtentwicklung anhand der Stadt Chicago. Er entwickelte 1925/29 das so genannte  Zonenmodell (oder auch Ringmodell), welches das erste der klassischen Stadtstrukturmodelle darstellte. Burgess ging dabei davon aus, dass sich die Stadt kreisförmig um das Stadtzentrum („Loop“, benannt nach dem Gleisviereck der Hochbahn) zur Peripherie hin ausdehne. Die verschiedenen Zonen würden hierbei unterschiedlich genutzt:

  • Loop: CBD, Central Business District, der zentrale Geschäftsbereich
  • Zone in Transition: Übergangszone, in unmittelbarer Nähe zum Loop, Ghettos, Slums, Leichtindustrie
  • Zone of Workingmen’s Home: Arbeiterwohngebiete, MigrantInnen der 2. Generation
  • Residental Zone: Wohngebiete, Einfamilienhäuser, Mittelschicht
  • Community Zone: Pendlergebiet, vorwiegend statushohe Bevölkerung


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Burgess berücksichtigte in seinem Zonenmodell nur ein Zentrum („Loop“), die Wirkung von Subzentren oder die Wirkung von verkehrsbedingten Unterschieden auf die Stadt(teil)- oder Zonenentwicklung fanden nur wenig Berücksichtigung. 1939 entwickelte H. Hoyt ein Sektorenmodell, 1945 entwickelten C. D. Harris und E. L. Ullman ein Mehrkernmodell, welche auch auf diese Einflüsse eingingen.

Die Jährliche Verleihung eines Burgess Awards des National Conference on Familiy Relation für hervorragende Leistungen in der Forschung über Familien zeugt von dessen Bedeutung in diesem Spezialfeld soziologischer Forschung.


Literatur[Bearbeiten]

  • Bernsdorf, Wilhelm/ Knospe Horst [Hrsg.] (1980):
    "Internationales Soziologenlexikon, Bd. 1, 2. Aufl."
    Stuttgart 1980
  • Sills, David L. (1968):
    "International Encyclopedia of the Social Sciences, Vol. 2, The Macmillan Comp. & The Free Press


Internetquellen[Bearbeiten]

Butler, Judith[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Butler Judith

  • geboren am 24. Februar 1956 in Cleveland, Ohio
  • 1974-1976 Bennington-College, Vermont
  • 1978 B.A. in Philosophie, Yale University
  • 1978/79 Studienaufenthalt in Heidelberg (Schwerpunkt deutscher Idealismus)
  • 1982 M.A in Philosophie, Yale University
  • ab 1982 Lehrtätigkeit in der Philosophie an der Yale University
  • seit 1983 Lehre als assistant und dann full professor an verschiedenen Universitäten der USA
  • 1984 PhD in Philosophie, Yale Universität mit einer Arbeit über Hegel’s Begriff der Begierde (Subjects of Desire: Hegelian Refelctions in Twentieth Century France)
  • 1986-89 Assistenzprofessorin für Philosophie an der George-Washington Universität
  • 1990 Buch: Gender trouble: Feminism and the Subversion of Identity;
  • 1991 Professur für Humanwissenschaften an der Johns-Hopkins-Universität
  • 1992 Gemeinsam mit Joan W. Scott Herausgeberin des Sammelbandes Feminists Theorize the Political, New York: Routledge
  • seit 1994 Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California in Berkeley; dort auch beteiligt an den Women’s Studies. Schwerpunkte in der Lehre sind Literaturtheorie, französische Philosophie des 20. Jahrhunderts und des deutschen Idealismus; Hegel, Nietzsche, Kierkegaard, Cultural theory, Politische Philosophie, Psychoanalyse, Theorie der Rhetorik, Feministische Theorien.
  • 1993 Erscheinung ihres Buches Bodies that Matter: on the Discursive Limits of „Sex“,
  • 1993 Buch: Der Streit um Differenz: Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart
  • 1997 Buch: Excitable Speech: A Politics of the Performative
  • 1997 The Psychic Life of Power: Theories in Subjection erschien in diesem Jahr.
  • 1998 Forschungs- und Lehraufenthalt in Deutschland und Ungarn
  • 2000 Auseinandersetzung mit dem normativen Begriff Familie und Verwandtschaft in: Antigone’s Claim: Kinship Between Life and Death, Schriften zur politischen Theorie „Contingency, Hegemony, Universality“
  • 2001 Berlin Fellow, German-American Academy Berlin;Erörterung des Verhältnisses von Begierde, Anerkennung und Subjektwerdung in „Politics and Kinship. Antigone for the Present“
  • 2002 Spinoza Gastdozentur an der Universität Amsterdam
  • 2002 Amnesty International Lecuture on „Sexual Rights“, Oxford University
  • 2002 Adorno-Vorlesungen, Frankfurt/M.; Erste Veröffentlichung zur Moralphilosophie (“Giving an Account of Oneself”).
  • 2004 Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Kriegs auf Sprache und Gedanken in Precarious Life: Powers of Violence and Mourning, Ebenso erschien Undoing Gender

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Aufgewachsen in einer jüdischen Familie mit ungarischen und russischen Wurzeln, kommt Judith Butler früh mit philosophischen und theologischen Schriften in Berührung. Während ihres Studiums der Philosophie in Yale beschäftigt sie sich vorwiegend mit der Phänomenologie und setzt ihren Schwerpunkt, bei ihrem späteren Studienaufenthalt in Heidelberg, schließlich auf den deutschen Idealismus.

Die theoretischen Grundlagen ihrer Positionen liefert der Poststrukturalismus[4]. Dieser ist typisch für die kritische Herangehensweise an Denkkonzepte unter Verwendung sprachphilosophischer und psychoanalytischer Begriffe, die gesellschaftlich konstruiert sind. Das selbstbestimmte, autonome Individuum wird in Frage gestellt. Es stellt vielmehr ein Bündel von Fremdeinwirkungen dar. So ist beispielsweise die Diskursanalyse zu den poststrukturalistischen Methoden zu zählen.

Mit ihrer Methode rekurriert Butler stark auf den Dekonstruktivismus, denn ihrer Ansicht nach meint „Dekonstruktion nicht verneinen oder abtun, sondern in Frage stellen“. Der Begriff ist eine subversives Prinzip der Annäherung an Texte von innen her.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Judith Butler verwendet in ihren Analysen Theorien und Forschungsansätze (uA) von Michel Foucault, Sigmund Freud, Jacques Derrida und Louis Althusser. Sie versucht das Verständnis der Verbindung von Subjekt und Macht, sowie von Physischem und Diskursivem in der Materialität des Körpers hervorzubringen. Körper materialisieren sich, hier lehnt sich Butler an Aristoteles an, nie unabhängig von ihrer kulturellen Form. Die Materialität des Körpers ist also immer an die jeweilige kulturspezifische Wahrnehmung gebunden, die zugleich konstitutiv für das Sujet (Materie) selbst ist.

Besonders in der Begrifflichkeit der Performativität lehnt sich Butler an John L. Austin an, der Sprechakte als performativ bezeichnet, wenn sie das Benannte umsetzen und Handlungscharakter besitzen (Beispiel: Ehezeremonie: Ja-Wort).

In ihrer Schrift „Kritik der ethischen Gewalt“ greift Butler die Motive Adornos auf und verbindet sie mit dem Gedankengut, welches sie auch bei Michel Foucault und Emanuel Lévinas wieder findet.

In ihrer Subjekttheorie bezweifelt Butler das „cartesianische Subjekt“, womit sie indirekte Kritik an Descartes („Ich denke, also bin ich“) übt. Anhänger des Poststrukturalismus sprechen nicht vom cartesianischen Subjekt, sondern „vom Tod des Subjekts“ oder vom „Tod des Menschen“. Der Mensch wird als ein sprachliches Konstrukt gesehen. So wird behauptet, „daß es keinen Täter hinter der Tat gibt“. „Niemand ist für sein Handeln vollkommen verantwortlich. Die Subjekte sind nur Effekte der diskursiven Macht.“ [1] In ihrem Buch "Das Unbehagen der Geschlechter" bezieht sich Butler außerdem auf Mary Douglas und stellt darin fest: „Douglas Analyse legt nahe, daß die Schranke des Körpers niemals bloß durch etwas Materielles gebildet wird […]“ [2]


Werke[Bearbeiten]

  • Butler, Judith, Paul Rabinow. Dialogue: Antigone, Speech, Performance, Power. In S. I. Salamensky (ed). Talk, Talk, Talk: The Cultural Life of Everyday Conversation. Routledge. New York, 2001.
  • Butler, Judith. The End of Sexual Difference? In Elisabeth Bronfen, Misha Kavka (eds). Feminist Consequences: Theory for the New Century. Gender and Culture. Columbia University Press. New York, 2001.
  • Butler, Judith. How Can I Deny That These Hands and This Body Are Mine? In Tom Cohen, Barbara Cohen, J. Hillis Miller, Andrzej Warminski (eds). Material Events: Paul de Man and the Afterlife of Theory. University of Minnesota Press. Minneapolis, 2001.
  • Butler, Judith: Antigones Verlangen: Verwandtschaft zwischen Leben und Tod. Suhrkamp. Frankfurt, 2001
  • Butler, Judith. Psyche der Macht. Suhrkamp. Frankfurt, 2001
  • Butler, Judith. Antigone's Claim: Kinship between Life and Death. Wellek Library Lecture at the University of California, Irvine. Columbia University Press. New York, October 2000
  • Butler, Judith, Ernesto Laclau, Slavoj Zizek. Contingency, Hegemony, Universality: Contemporary Dialogues on the Left. Verso. Phronesis. London & New York, 2000
  • Butler, Judith, John Guillory, Kendall Thomas (eds). What's Left of Theory? New Work on the Politics of Literary Theory. Essays from the English Institute. Routledge. New York, July 2000.
  • Butler, Judith. Excitable Speech: A Politics of the Performative. Routledge. NewYork, London, February 1997.
  • Butler, Judith. The Psychic Life of Power: Theories of Subjection. Stanford University Press. Stanford, June 1997.
  • Butler, Judith. For a Careful Reading. In Feminist Contentions: A Philosophical Exchange. Thinking Gender. Routledge. London, New York, February 1995.
  • Butler, Judith. Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlects. Berlin Verlag / Suhrkamp. Berlin / Frankfurt, 1995 / 1997.
  • Butler, Judith. Bodies that Matter: On the Discursive Limits of 'Sex'. Routledge. London, New York, October 1993
  • Butler, Judith and Maureen MacGrogan (eds), Linda Singer. Erotic Welfare: Sexual Theory and Politics in the Age of Epidemic. Thinking Gender. Routledge, London, New York, 1993.
  • Butler, Judith, Joan W. Scott (ed). Feminists Theorize the Political. Routledge. London, New York, 1992.
  • In Feminist Contentions: A Philosophical Exchange. Thinking Gender. Routledge. London, New York, February 1995.
  • Butler, Judith. Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Thinking Gender. Routledge. London, New York, 1990/1999.
  • Butler, Judith. Subjects of Desire: Hegelian Reflections in Twentieth-Century France. Columbia University Press. New York, 1987/1999.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Subjekttheorie[Bearbeiten]

Judith Butlers Subjekttheorie befasst sich mit dem Thema Geschlecht und Identität. Sie hinterfragt die Natürlichkeit und Unvoreingenommeneheit/Sachlichkeit der Geschlechteridentität. Hierbei lenkt sie ihre Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Normprozesse, die bestimmte Formen von Identitäten zulassen und andere wiederum ausschließen. Butler sieht demnach das Geschlecht als eine sprachliche, interaktionale Konstruktion an. Ein Beispiel dazu: Wenn man sagt oder annimmt, dass alle Frauen dazu bestimmt sind, Mütter zu sein, so schließt man gleichzeitig Frauen aus die keine Kinder haben können oder wollen. Ausschlüsse entstehen laut Butler durch Differenzierungen zwischen Normen oder Gesetzen. Sie will aber keineswegs „Frau“ abschaffen, vielmehr spricht sie sich gegen eine vollständig definierte und unabänderbare Kategorie wie „Frau“.

Queer Politics[Bearbeiten]

„Die feministische Theorie ist zum größten Teil davon ausgegangen, dass eine vorgegebene Identität existiert, die durch die Kategorie „Frau(en)“ ausgedrückt wird“, schreibt Judith Butler. Aber „im Grunde herrscht […] kaum Übereinstimmung darüber, was denn die Kategorie „Frau(en)“ konstituiert und konstruieren sollte. Die Unklarheit, auf die Judith Butler versucht zu verweisen, resultiert aus der politisch zunehmend sichtbar gewordenen Vielfalt von weiblichen Geschlechtsidentitäten: Sexuelle, altersspezifische, ethnische, regionale, religiöse und klassenbezogene Identitäten sind immer und immanent sowohl miteinander als auch mit der „weiblichen“ Geschlechtsidentität verwoben [3] Judith Butler versucht nun die Begriffe Identität, Subjekt, Sexualität, Macht, Handlungsfähigkeit zu problematisieren, um dann neue Deutungen dieser Begriffe vorzuschlagen. Besonders berühmt ist das Wort „Queer“, wenn es um Butlers feministische Positionen geht. Butler gilt ja gewissermaßen als eine der Begründerin der so gennanten Queer Politics, Queer Theory oder auch Queer Studies [4] Umstritten ist noch immer was queer eigentlich bedeutet. Im Englischsprachigen Raum bedeutet der Begriff: abwertend, schräg, seltsam, verdächtig oder eigenartig. Queer war auch eine Abkürzung für die eigene, „andere“ Identität und entwickelte sich so vom Schmimpfwort zu einer positiven Bezeichnung. Es steht häufig für lesbisch-schwul oder wird als Synonym für politische oder kulturelle Aktivitäten auf Grundlage homosexueller Identität verwendet. Queer ist aber nie als ein Synonym von lesbisch-schwul anzusehen, da man nie sagen kann, was lesbisch oder schwul eigentlich ist. Butler sieht es kritisch an, Identitäten (Frau, Mann,…) so hinzunehmen, als seien sie bereits gegeben und in Zusammenhang stehend. Ihr Vorschlag daher, die Queer Politik als eine Politik des Vorläufigen, Uneigentliche, des Als-ob in Anführungszeichen anzusehen. Eine weitere Komponente der Queer Theorie/Politik beinhaltet die Parodie der subversiven Strategie. Hierzu führt Butler das Beispiel der Travestie an welches für sie eine paradigmatische Form des politischen „Gender Trouble“ ist: „Ich behaupte […], daß die Travestie auch die Unterscheidung zwischen seelischem Innen- und Außenraum grundlegend subversiert und sich sowohl über das Ausdrucksmodell der Geschlechtsidentität als auch über die Vorstellung von einer wahren geschlechtlich bestimmten Identität lustig macht.“ “Als Imitationen, die die Bedeutung des Orignials verschieben, imitieren sie den Mythos der Ursprünglichkeit selbst."[5]

Politik des Performativen (Hate speech)[Bearbeiten]

Hate speech: Das ist jene Form der Rede, die verletzt, droht, demütigt. Hierbei geht es nicht um eine harmlose Beleidigung, sondern um ein Geflecht von Worten, welches im Zusammenhang mit konkreten Taten (historisch, zukünftig oder potentiell) steht. Butler beschreibt in "Hass spricht", 3 konkrete Phänomene. Ein Beispiel daraus, welches den Umgang mit Homosexualität in der US-Amerikanischen Armee zeigt:

  • Army Angestellte dürfen beispielsweise keine sprachliche Äußerung über ihre Homosexualität vornehmen, da diese Äußerung bereits als homosexuelle Tätigkeit gewertet werden würde. [6]

Entscheidend für die Äußerung ist also der Kontext und nicht das Wort selber: „Das Sprechen wird nämlich durch den gesellschaftlichen Kontext nicht nur definiert, sonder zeichnet sich auch durch die Fähigkeit aus, mit diesem Kontext zu brechen […]“ [7]

Materielle Körper[Bearbeiten]

Butler geht von einer materialisierenden Wirkung von kulturellen Normen aus, denn durch Wiederholung und durch das Performativ der kulturellen Normen entsteht erst der Körper. Dabei versucht sie den Dualismus von Kultur und Natur zu trennen. Materialisierung bezeichnet also den Prozess, bei dem zum Beispiel aus Diskursen zur Geschlechtsidentität (gender) vergeschlechtlichte Körper (sex) werden. Allerdings wird Materie bei Butler nicht nur als diskursives Konstrukt gesehen, sondern als eine eigenlogisches Gestalt (oder Morphe). [8] Sie spricht sich also auch für eine Vervielfältigung des Begriffs der Materie aus. In Bezug auf den Geschlechtskörper beschreibt Butler den Prozess der Materialisierung in Anlehnung an Lacan als Morphogenese; jeder Geschlechtskörper hat demnach eine biografische und soziale Geschichte. Vielmals wurde kritisiert, dass sie die körperliche Erscheinung des Geschlechts zu negieren versucht oder vielmehr zu leugnen was es bedeutet körperlich ein Mann oder eine Frau zu sein. Weiters eine wichtige Rolle im Rahmen der Kritik an Butler: Gibt es nicht auch körperliche Unterschiede zwischen Mann und Frau? Beispielsweise: Hormone, unterschiedliche Chromosomenpaare, äußerliche Erscheinungen (Bart, …) [9] Die Behauptung Butlers „das biologische Geschlecht sei bereits durch die Geschlechtsidentität kulturell konstruiert“ lässt viel Raum für Kritik. Um die Materialität des Körpers erklären zu können greift sie zunächst den(feministischen) Konstruktivismus auf. Sie geht also davon aus, dass das am Geschlecht Relevante kulturell und sozial konstruiert wird. Der Dualismus von sex/gender ist für Butler nicht nur sachlich falsch, sondern auch „phallogozentrisch“. So bedeutet „phallogozentrisch“, dass dem Männlichen das geistige und dem weiblichen das Körperliche zugeschrieben wird. Butler ist auch der Ansicht, dass Geschlecht, Sexualität oder Körper als Konstruktion auch die Berücksichtigung von Zwängen, Einschränkungen, Verwerfung und Macht verlangt.
„Daß ein Leben, Sterben, Atmen und Altern der Körper stattfindet, ist unbestritten. Die Behauptung, dies alles seien soziale und diskursive Praktiken, bedeutet ja nicht, dass diese Phänomene grundsätzlich zu leugnen seien […]“ [10]

Diskurs und Sprache[Bearbeiten]

Butler setzt ihr Hauptaugenmerk auf Sprache beziehungsweise Diskurs [5] als Prämisse der Konstruktion sozialer Wirklichkeit. Diskurs ist demnach:

„[…] nicht bloß gesprochene Wörter, sondern ein Begriff der Bedeutung; nicht bloß, wie es kommt, daß bestimmte Signifikanten bedeuten, was sie nun mal bedeuten, sondern wie bestimmte diskursive Formen Objekte und Subjekte in ihrer Intelligibilität ausdrücken. In diesem Sinne benutze ich das Wort ‚Diskurs’ nicht in seiner alltagssprachlichen Bedeutung, sondern ich beziehe mich damit auf Foucault. Ein Diskurs stellt nicht einfach vorhandene Praktiken und Beziehungen dar, sondern er tritt in ihre Ausdrucksformen ein und ist in diesem Sinne produktiv“ [11]

Diskurse sind also nicht (nur) gesprochene Sprache, sondern auch Systeme des Denkens und Sprechens, die das wahrgenommene konstituieren, indem sie die Art und Weise der Wahrnehmung prägen. Identität wird durch wiederholtes Tun verwirklicht und ist nicht etwas, das man einfach hat. Dieses wiederholte Tun geschieht auch durch „performative Sprechakte“, durch Sprechakte also, welche die Handlung nicht beschreiben, sondern vollziehen. Als Beispiel führt sie hier die Trauung die nur Priester oder Standesbeamten legitim vollziehen können.

„Der illuktionäre Sprechakt vollzieht die Tat im Augenblick der Äußerung. Da dieser jedoch ritualisiert ist, handelt es sich niemals bloß um einen einzelnen Augenblick. Der ritualisierte Augenblick stellt vielmehr eine kondensierte Geschichtlichkeit dar […]“ [12]

So ist für Butler Identität (Mann/Frau, hetero- oder homosexuell) nicht etwas, das man einfach hat, sondern etwas, das durch wiederholtes Tun verwirklicht wird. Dies geschieht nicht zuletzt durch "performative Sprechakte", also sprachliche Äußerungen, die Handlungen nicht so sehr beschreiben als vielmehr vollziehen. Ein Beispiel: Die Aussage „Es ist ein Mädchen“ nimmt in diesem Kontext den Charakter einer sozialen Tatsache an. Dem Körper wird ein Geschlecht zugeordnet (also in diesem Beispiel Mädchen) und das „ES“ wechselt also zum „SIE“. Die Performativität der Aussage besteht in den Wiederholungen und Handlungsweisen.


Intelligible Geschlechter[Bearbeiten]

Viele Kritiker behaupten, Feministische Theorien seien zu sehr pauschalisiert und verkörpern eher das Bild der „westlichen, weißen Frau“. Der Feminismus sei aus dieser Perspektive zu sehr rassistisch veranlagt und beziehe sich darüber hinaus hauptsächlich auf heterosexuelle Frauen. Viele Frauen fühlen sich daher vom Feminismus nicht angesprochen. So knüpft das das Konzept von Judith Butler in ihrem Postament an der Kritik der feministischen Theorie an und stellt die Kategorien („sex“ und „gender“) stark in Frage. Sex soll die körperlichen und biologischen Unterschiede darstellen wohingegen gender die sozialen Unterschiede(kulturelle, institutionelle) kennzeichnen soll. Demnach sind „Geschlechtsunterschiede nicht direkt "im Vorhandensein bestimmter Organe begründet", sondern indirekt "mit der Reaktion der anderen auf diese Organe“. Butler will so auch die Gleichheit und Unterschiedlichkeit zwischen Frauen verstanden wissen: es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Frauen, die sie von Männern unterscheiden, es gibt aber simultan Unterschiede, die zur Gemeinsamkeit nicht einfach nur hinzuaddiert werden dürfen. Zur bildlichen Veranschaulichung lässt sich diese Sichtweise mit den zwei verschiedenen Gesichtern aus der Wahrnehmungspsychologie vergleichen. Es können sowohl ein Krug als auch zwei Gesichter wahrgenommen werden. Butler orientiert sich in dieser Hinsicht an Michel Foucault insbesondere an seinem Buch „Der Wille zum Wissen“ sowie an seiner These, dass Macht produktiv ist. Durch die gesellschaftliche Konstruktion und Einteilung der Geschlechter wird Macht erst produziert und aufrechterhalten. Allerdings versteht Butler den Diskurs nicht als vielstimmig (wie Foucault), sondern sie führt die Geschlechterverhältnisse auf ein zentrales Gesetz zurück, auf einen bestimmenden Diskurs, aus dem kein Entkommen ist.
Butler greift im Zusammenhang mit intelligible Geschlechter auch das Beispiel der Travestie heraus, um zu zeigen, dass jede Inszenierung des Geschlechts dem Muster der Imitation folgt. [13]
„Ich behaupte, darüber hinaus, daß die Travestie auch die Unterscheidung zwischen seelischem Innen- und Außenraum grundlegend subvertiert und sich sowohl über das Ausdrucksmodell der Geschlechtsidentität als auch über die Vorstellung von einer wahren geschlechtlichen Identität (gender identity) lustig macht.“ [14]

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Nur wenige Autoren haben in den vergangenen Jahren so viele kontroverse Diskussionen, Kritiken an Begrifflichkeiten und politischen Wirbel verursacht wie Judith Butler. Seit der zweiten Frauenbewegung wurde kaum eine andere Autorin so wahrgenommen wie sie. Ihre Einflüsse reichen von feministischen Theorien, Feuilletons in Tageszeitungen, Kunstausstellungen, Popkultur bis hin zur Belletristik. Obwohl sie wenig gesellschaftsrelevante Themen wie die ökonomische Benachteiligung, die Förderung der Familie und Beruf etc. wahrnimmt, löste sie (besonders Anfang der 90er) einen regelrechten Boom aus. Den Grund für ihren Ruhm sehen Experten an den subkulturellen Phänomenen, die politische Strategien verwurzeln (Bsp.: Homosexualität). Gerade seit den 90er Jahren wird Sexualität für kommerzielle Zwecke genutzt. Androgynie, Bisexualität waren besonders angesagt und so fand Butler mit ihren Theorien fruchtbaren Boden. Das zweite gesellschaftliche Phänomen, welches zu Beginn der 1990er Jahre festgestellt wurde und möglicherweise Mitverantwortung zum Butler-Boom beitrug, war die Debatte um die Postmoderne. Hier sei allerdings angemerkt, dass Butler in ihren Theorien dem Poststrukturalismus nahe steht, allerdings oft irrtümlich mit dem Begriff der Postmoderne gleichgesetzt wird.

Es finden sich auch genügend Kritiker an Butlers Thesen. Oftmals wird ihr unterstellt, sie werfe die Begriffe Differenz und Ungleichheit in einen Topf und betonen dabei, dass diese beiden Begriffe eben nicht deckungsgleich sind. Der Vorwurf, eines Mangels an Empirie in ihren Theorien ist im Hinblick auf den Konstruktivismus gar nicht unbegründet. So äußern Kritiker, sie beantworte die Frage nach der Konstruktion des Geschlechts auf der diskursiven und textimmanenten Ebene. Häufig wird bemängelt, ihr Argumentationen seien postmodern, weil sie sich vom „Ich als Subjekt einer Lebensgeschichte verabschiedet“ habe. [15] Butler kontert dazu: Sie wisse nicht was der Terminus postmodern bedeute, doch sie würde ihre Thesen eher dem Poststrukturalismus zuordnen. [16]

Benhabib wirft Butler, Determinismus vor, denn sie stellt die Frage, wie feministische Positionen entstehen, wenn alle Subjekte von den vorherrschenden, nicht-feministischen Diskursen konstituiert sind? Die Antwort auf diese Frage lautet: Performative Sprechakte. Diese sind potentiell auch feministisch, weil sie prinzipiell scheitern können und dies oft auch tun. [17]

Wirft man einen näheren Blick auf den Begriff Gender, so verbindet Butler damit ausschließlich Geschlechtsidentität. Insofern fallen bei ihr gesellschaftliche Komponenten, die im deutschen Sprachraum als soziales Geschlecht verankert sind, weg. Es ist damit oft unklar, auf welcher Ebene sich der Begriff Identität bei ihr verorten lässt. Weiters kommt die Frage auf, muss die Identität immer totalisierend sein, im Sinne von vereindeutigt und mit sich selbst identisch?

Besonders ungewöhnlich scheint, dass Butlers Werke auffallend ahistorisch sind, da aktuelle wissenschaftskritische und historische Arbeiten zur modernen, bürgerlichen „Ordnung der Geschlechter“ [18] nicht einbezogen werden.


Literatur[Bearbeiten]

  • Villa, Paula-Irene (2003):
    "Judith Butler"
    Frankfurt am Main


Internetquellen[Bearbeiten]

Podcast-Tipp[Bearbeiten]

Soziopod #025: Geschlecht und Macht – Immer noch das alte Spiel?

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.die-grenze.com/
  2. (Villa, S. 101)
  3. Butler, Judith, Unbehagen der Geschlechter, S. 35
  4. vgl. Jagose, 2001, S. 108
  5. Butler Judith, Unbehagen der Geschlechter, S.201
  6. (vgl Villa, S. 122)
  7. (vgl Villa, 2003, S. 119 ff)
  8. vgl. Villa, S. 77
  9. vgl. Villa, S. 79
  10. (Butler 1993c zit. n Villa, S.88)
  11. Für ein sorgfältiges Lesen, S. 129 zit. n Villa, S.20
  12. Butler, Judith, Hass spricht, S.11, zit. n Villa, S. 28
  13. vgl. Villa, S.60
  14. Butler 2003, S. 201
  15. Benhabib, 1993a, S. 15, zit. n Villa, S. 144.
  16. vgl. Butler 1993a, S. 36, zit. n. Villa, S.145
  17. vgl. Villa, S. 147
  18. Honegger, 1992, zit. n Villa, S. 149

Cicourel, Aaron[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Cicourel Aaron Victor

  • geboren am 29.8.1928 in Atlanta/USA, lebt in San Diego, California


  • Seit 1989 ist Cicourel Leiter der sich neu gebildeten Fakultät für Kognitivismus, wo regelmäßig Treffen für Sozial- und Naturforscher sowie für Humanwissenschaftler stattfinden


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Die Soziologie seiner Zeit war in der Blüte einer naturwissenschaftlich orientierten, auf strengen Methoden und harte Daten setzenden Wissenschaft. Später folgten Diskussionen um die Grundlagen empirischer Sozialwissenschaften, welche zumal in der "qualitativen" Sozialforschung bis heute nachwirken.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Cicourels Auffassungen ist durch Husserls phänomenologisch begründete Lebensweltanalyse, sowie durch phänomenologisch-hermeneutische, d.h. historische und empirische (was bedeutet, dass alle Aussagen und Zusammenhänge durch andere Menschen als Erfahrung nachvollzogen werden können ->Garfinkel,Schütz) wie auch durch sprachphilosophische Ansätze (Wittgenstein) beeinflusst. Ausgehend von diesen theoretischen Positionen versucht Cicourel die verschiedenen Methoden der Sozialforschung - die teilnehmende Beobachtung, das Interview, den standardisierter Fragebogen, die demographische Methode, die Inhaltsanalyse und das Experiment - als pragmatische Mittel zu betrachten.

Cicourel besuchte die Methodenvorlesungen von W.S.Robinson an der University of California, Los Angeles. Dort entwickelte er auch eine analytische Sensibilität für den problematischen Zusammenhang zwischen Theorie und Messung. Zum Anderen lernte er an derselben Universität H. Garfinkel kennen, dessen damals noch weitgehend unpubliziertes ethnomethodologisches Werk ihn nachhaltig prägte und wodurch er Zugang zur Phänomenologie von A.Schütz erhielt.


Werke[Bearbeiten]

  • Method and Measurement in Sociology,1964
  • The Social Organization of Juvenile Justice, 1968
  • Cognitive Sociology, 1973 ("Sprache in der sozialen Interaktion")


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Cognitive Sociology[Bearbeiten]

Darinanalysiert vor allem den Zusammenhang von Sprache und Handeln und die stillschweigenden Voraussetzungen verbaler und nonverbaler Verständigung. Es ist eine Sammlung von fünf Aufsätzen, die tiefe Einblicke in eine etwa achtjährige Schaffensperiode (1964/65-1972) dieses Ethnomethodologen verleiht.

Im ersten Aufsatz unterzieht Cicourel die soziologisch etablierten Begriffe "Status" und "Rolle" einer erneuten Analyse. Er argumentiert, dass soziale Strukturen wie Status und Rolle auf der Basis kognitiver Prozesse und kontextueller Bedeutungen geschaffen werden. Cicourel macht in diesem Aufsatz (gegen die bis Anfang der 60er Jahre vorherrschende Theorie des Strukturfunktionalismus) deutlich, dass Handeln nicht mit der Befolgung von Normen allein erklärt werden kann, sondern immer Interpretation dieser und anderer Bedingungen des Handelns beinhaltet. Normative Regeln repräsentieren nur eine "oberflächliche Struktur" variierender moralischer Imperative. Die tiefere Ebene, um die es eigentlich geht, sind die sog. "interpretativen Verfahren" ("interpretative procedures")


Der zweite Aufsatz untersucht die Aneignung sozialer Struktur.


Im dritten Aufsatz beschreibt Cicourel, die interpretativen Verfahren, über welche den Interaktionssituationen soziale Bedeutung zugeordnet wird.


Zuletzt schildert Cicourel sein Verständnis von Ethnomethodologie. Er versteht darunter die Untersuchung der Interpretationsverfahren und oberflächigen Regeln in alltäglichen sozialen Praktiken und wissenschaftlichen Aktivitäten.


Thesen[Bearbeiten]

Cicourel problematisiert das Messen in den Sozialwissenschaften, den Akt der Datenkonstitution, der in der Analogie zu den Naturwissenschaften Objektivität sichern soll. Für ihn seien die Struktur und Logik des Meßverfahrens und die Strukturen des sozialwissenschaftlichen Gegenstandsbereichs inkompatibel.


Literatur[Bearbeiten]

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Internetquellen[Bearbeiten]

Coleman, James[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

James Samuel Coleman

  • geboren am 12. Mai 1926 Bedford, Indiana, USA
  • gestorben am 25. März 1995 in Chicago, Illinois, USA


  • Vater: James Fox Coleman
  • Mutter: Maurine Coleman, geborene Lappin
  • Geschwister: keine


  • Kinder: Thomas Sedgwick Coleman; John Samuel Coleman; James Stephen Coleman; Daniel Wlodzimierz Coleman
  • 1.Ehe: 1949 Lucille Richey
  • 2.Ehe: 1973 Zdzislawa Walaszek


Ausbildung:[Bearbeiten]

  • 1944-1946: Studium am Emory & Henry College in Emory, Virginia
  • 1946-1949: Studium an der Purdue University in West Lafayette, Indiana; 1949 B.S. (Chemical Engineering).
  • 1951-1955: Studium der Soziologie an der University of Columbia in New York, N.Y. wurde von Paul F. Lazarsfeld stark beeinflusst.
  • 1955: Ph.D. (Soziologie) an der University of Columbia in New York, N.Y.


Berufliche Daten:[Bearbeiten]

  • 1949-1951: Chemiker bei Eastman Kodak in Rochester, New York.
  • 1953-1955: Research Associate am Büro für soziale Zweckforchung der Columbia University in New York.
  • 1955-1956: Altassistent am Center für Höhere Studien in der Verhaltensforschung in Palo Alto, California.
  • 1956-1959: Assistenz-Professor der Soziologie an der University of Chicago in Chicago, Illinois.
  • 1959-1973: Mitglied der Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland: zuerst außerordentlicher, dann ordentlicher Professor of Social Relations.
  • 1973-1995: Professor der Soziologie an der Universität von Chicago, Illinois.


Andere Tätigkeiten:[Bearbeiten]

  • 1959: Gründung das Department of Social Relations
  • 1966: Vorsitzender der Commission, die "Equality of Educational Opportunity" veröffentlichte, den sogenannten Coleman Report an den U.S. Congress.
  • 1972-1983 Mitglied des Scientific Advisory Committee von General Motors.
  • 1973-1995: Daneben Director des nationalen Meinungsforschungscenter.
  • 1978/79 und 1988/89: Gastprofessor am Institut für Höhere Studien in Wien.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Coleman war einer jener Soziologen, die den Utilitarismus Herbert Spencer´s als mikroökonomisches, utilitaristisches Paradigma, das den Menschen als rationales, nutzenmaximierendes Wesen annimmt, in die Soziologie übertragen haben. Gemeinsam mit George Homans steht Coleman für diese mikrosoziologische Denkschule, die auch als "Rational- Choice- Ansatz" bezeichnet wird, da das Hauptkriterium ihrer Handlungtheorie die rationale Wahl aus Handlungsalternativen darstellt.

Coleman profitierte von der wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Paul F. Lazarsfeld und dessen methodischen Arbeitsweisen. Ausserdem war er Schüler und Mitarbeiter von Robert K. Merton.


Werke[Bearbeiten]

  • Community conflict. Glencoe, Ill.: Free Press, 1957.
  • Introduction to mathematical sociology. London-New York, N.Y.: Collier-Macmillan / Free Press of Glencoe, 1964.
  • Models of change and response uncertainty. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall, 1964.
  • Equality of educational opportunity. (A publication of the National Center for Educational Statistics.) [Washington, D.C.]: U.S. Department of Health, Education, and Welfare, Office of Education, 1966, 2 Bände:
Volume 1: Report, 1966.
Volume 2: Supplemental appendix to the survey, 1966.
  • Equality of educational opportunity. (Summary report.) [Washington, D.C.]: U.S. Department of Health, Education, and Welfare, Office of Education, 1966. (Bekannt als "Coleman report on equality of educational opportunity".)
  • The evaluation of equality of educational opportunity. Santa Monica, Calif.: Rand Corporation, 1968.
  • Resources for social change. Race in the United States. New York, N.Y.: Wiley-Interscience, 1971.
  • The mathematics of collective action. Chicago, Ill.: Aldine, 1973.
  • Youth. Transition to adulthood. Report. [Washington, D.C.]: Office of Science and Technology, 1973.
  • Power and the structure of society. New York, N.Y.-London: Norton, 1974.
  • Longitudinal data analysis. New York, N.Y.: Basic Books, 1981.
  • Coleman report on public and private schools. The draft summary and eight critiques. Arlington, Va.: Educational Research Service, 1981.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

James Coleman befasste sich vorallem mit der Anwendung mathematischer Modelle auf das Sozialverhalten und leistete damit einen hervorragenden Beitrag zur Weiterbildung der quantitativen Methodik. Seine Untersuchungen erstreckten sich von der Beschreibung des politischen Pluralismus in der Gewerkschaft, über die Verbreitung von Wissen medizinischer Neuheiten, bis hin zur Frage der Gleichheit der Ausbildungmöglichkeiten in amerikanischen Schulen. Die letztgenannte Arbeit ist als "Coleman- Report" bekannt geworden, der heftige Kontroversen in Kreisen der amerikanischen Sozial- und Erziehungswissenschaften hervorrief. Es handelt sich hierbei um eine Erhebung der EEOS (Equality of Educational Opportunity Survey), die 1964 stattfand. Diese lieferte Informationen zur Leistung von über 600.000 amerikanischen Schülerinnen und Schüler in der Primar- und Sekundarstufe. Die Analyse der Daten dokumentierte die enorme Variation der Leistung von Schülern eines Altersjahrgangs, legte aber zugleich auch die methodischen Probleme einer solchen Erhebung offen. In dieser Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Schulleistung einerseits und ethnischen sowie sozialen Hintergründen andererseits wurde die Schuleffektivität näher beleuchtet.


Rational- Choice- Ansatz

Coleman ist der bekannteste Vertreter der ökonomischen Sozialtheorie. Er erklärt den Großteil der sozialen Phänomene durch Anwendung des ökonomischen Transaktion- Modells. Akteure entscheiden sich zwischen Alternativen durch rationale Wahl, die als Ergebnis den maximalen Nutzen bringt. Soziale Phänomene werden durch ökonomisches Denken in den Kategorien Kosten- Nutzen- Abwägung beschrieben. Die Rational-Choice-Theorie ist somit eine Sozialtheorie aus der ökonomischen Perspektive. Coleman schlägt mit diesem theoretischen Ansatz eine Brücke zwischen Mikro- und Makrosoziologie.


3-Stufen-Modell

Colemansche Badewanne.png

Die Colemansche „Badewanne“ bzw. das 3-Stufen Modell beschreibt die reziproke Interaktion der Makro- und der Mikroebene. Die gesellschaftlichen Phänomene (1), die auf der Makroebene verzeichnet sind, beeinflussen das Verhalten der Akteure (2 und 3) auf der Mikroebene. Weiters determiniert dieses Verhalten der Akteure wiederum die Makroebene bzw. die Gesellschaft (4). So kann man ableiten, dass ein Makrophänomen (1) im weiteren Sinne wieder ein anderes Makrophänomen (4) erzeugt, indem es zuerst das Verhalten der Akteure beeinflusst und Randbedingungen generiert, an denen sich die Akteure orientieren (2). Aus dieser Orientierung resultieren die tatsächlichen Handlungen der Akteure (3), die sich dann subsumieren und in der Gestalt neuer Makrophänomene (4) manifestieren.


Beispiel

Anhand Max Webers These der Beziehung zwischen der protestantischen Lehre und dem Kapitalismus zeigt Coleman, durch Anwendung des 3-Stufen Modells, welche Auswirkungen auf der Mikro-, als auch auf der Makroebene erkennbar werden und was der Ursprung dieses Zusammenhangs ist. Die protestantische Religionslehre ist ein Makrophänomen und beinhaltet bestimmte Werte, die auf das Treffen von Entscheidungen des einzelnen Protestanten auf der Mikroebene Wirkung hat, wie hart zu arbeiten oder in Tauschbeziehungen vertrauenswürdig zu sein. Durch Einhalten der gegebenen Werte wird das Verhalten des Individuums positiv gewertet, somit erfolgt also eine Nutzenmaximierung. Wird dieses Verhalten von einer größeren Anzahl von Personen angenommen und erfolgreich angewandt, werden Arbeit und Vertrauenswürdigkeit als Bestandteil des modernen rationalen Kapitalismus institutionalisiert, was bedeutet, dass das Individuum Einfluss auf die Makroebene hat.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Der Rational- Choice- Ansatz von Coleman ist mit seiner ökonomischen Erklärungweise ein wichtiger Bestandteil der Sozialforschung und Ausgangspunkt für weitere soziologische Theorien. Der deutsche Soziologe Hartmut Esser verbindet den Rational- Choice- Ansatz mit der quantitativen Sozialforschung und vertritt somit eine kausal erklärende Soziologie.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ritzer, George / Goodman, Douglas S. (2003):
    "Sociological theory, 6th edition"
  • Bernsdorf, Wilhelm / Kospe, Horst (1984):
    "Internationale Soziologenlexikon, Band 2, 2., neubearbetete Auflage"
    Stuttgart
  • Kaesler, Dirk / Vogt, Ludgera (2000):
    "Hauptwerke der Soziologie"
    Stuttgart
  • Münch, Richard (2003):
    "Soziologische Theorie, Band 2"
    Frankfurt am Main
  • Oesterdiekhoff, Georg W. (2001):
    "Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden
  • Hillmann, Karl-Heinz (1994):
    "Wörterbuch der Soziologie,4., überarbeitete und ergänzte Auflage"
    Stuttgart
  • Kaesler, Dirk (2003):
    "Klassiker der Soziologie,Band 2., 4. Auflage"
    München


Internetquellen[Bearbeiten]

 James Coleman

Collins, Randall[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Er wurde 1941 in den USA geboren - wuchs aber im Ausland auf, da sein Vater Offizier im Außenamt war. Seine ersten Kindheitserinnerungen hat er vom zerstörten Berlin am Ende des 2. Weltkrieges - danach war sein Vater (mit der ganzen Familie) in verschieden Orten Deutschlands und auch in Moskau und Südamerika stationiert. "...And we agreed that this experience made us receptive toward the ideas of Erving Goffman, because there’s nothing like the diplomatic world for this stark contrast between what happens on the very formal idealized front stage and what happens back stage." (Auszug aus einem Interview von 2000)


Ausbildung:

  • A.B. Harvard College, 1963
  • M.A. (psychology) Stanford University, 1964
  • M.A. (sociology) University of California, Berkeley, 1965
  • Ph.D. (sociology) University of California, Berkeley, 1969


Anstellungen :

  • Professor of Sociology, University of Pennsylvania, 1997-present
  • Member of the Graduate Group in Comparative Literature, 1999-
  • Member of the Graduate Group in History and Sociology of Science, 1999-
  • Professor, University of California, Riverside, 1985-97; Chair of the Department of Sociology, 1987-89
  • Visiting Professor, Harvard University, fall 1994
  • Visiting Professor, University of Chicago, spring 1985
  • Visiting Professor, University of California, Riverside, winter 1984-winter 1985
  • Visiting Professor, University of Southern California, winter l983
  • Visiting Professor, University of California, Los Angeles, winter 1982
  • Visiting Professor, University of Arizona, Fall 1981
  • Private scholar and author, 1982-85
  • Professor of Sociology, University of Virginia, 1978-82
  • Private scholar and author, 1977-78
  • Assistant and Associate Professor, University of California, San Diego, 1969-77
  • Instructor, University of Wisconsin, Madison, 1968-69
  • Acting Instructor, University of California, Berkeley, 1967-68


"Professional Activities":

  • Member, American Sociological Association
  • Member, Society for Social Studies of Science
  • Member, Pacific Sociological Association
  • Member, American Association for the Advancement of Science
  • Member, History of Science Society
  • Member, Crime Writers’ Association (Great Britain)
  • Member, International Society for Research on Emotion
  • Member, International Network for Social Network Analysis
  • Member, Society for the Scientific Study of Sexuality;
  • Founder and Editor, Theory and Society 1973-75
  • Editor, Sociological Theory 1980-84
  • Consulting Editor, American Journal of Sociology 1976-78, 1990-92.
  • Editorial Board, American Sociological Review 1995-7
  • Associate Editor, Social Forces l979-82
  • Advisory Editor, State, Culture, and Society 1984-
  • Consulting Editor, Knowledge and Society: Studies in the Sociology of Science, 1986-88.
  • Advisory Editor, Sociological Quarterly 1987-89
  • Comité de rédaction, Actes de la recherche en sciences sociales, 1991-
  • Associate Editor, Sociological Perspectives, 1992-
  • Comité de lecture, Enquête: anthropologie, histoire, sociologie, 1995-
  • Editorial Board, Vremia mira (Moscow), 1996-
  • Elected Member, Committee on Nominations, American Sociological Association, 1981-82
  • Distinguished Contribution to Scholarship Award Committee, American Sociological Association, 1981-83
  • Committee on Publications, American Sociological Association, 1980-85
  • Nominations Committee, Theory Section, American Sociological Association, 1987
  • Theory Prize Committee, Theory Section, American Sociological Association, 1987
  • Overseers’ Committee to Visit the Department of Sociology, Harvard University, 1985-88
  • Program Committee, Sociology of Emotions Section of the American Sociological Association, 1988-9
  • Nominations Committee, Sociology of Emotions Section American Sociological Association, 1991-3
  • Chair, Nominations Committee, Pacific Sociological Association, 1993
  • Visiting Professor, Institute for Advanced Studies, Vienna, Austria, 1986
  • Visiting Lecturer, Course in the Science of Organization, Associazione Istituzione Libera
  • Università Nuorese, Nuoro, Sardinia, 1992; 1994; 1996; 1997.
  • Visiting Professor, National Research Course in Sociology, University of Bergen, Norway, 1994.
  • Directeur associé, École des Hautes Études en Sciences Sociales, SHADYC (Sociologie, Histoire, Anthropologie des Dynamiques Culturelles), Marseille, 1995
  • Visiting Research Scholar, Sonderforschungsbereich, Universität Bremen, 1995.
  • Visiting Professor, Short course in Micro-sociology, University of Orebro, Sweden, August 1996.
  • Professeur invité, École Normale Supérieure Paris, March 1997
  • Visiting lecturer, Nankai University, Tianjin, People’s Republic of China, May 2000.
  • Teaching Workshop: Graduate Theory Courses. Annual Meeting of the American Sociological Association, Chicago. August 2002.


Auszeichnungen:

  • Visiting Fellow, Institute for Advanced Study, Princeton, N.J., 1974-75
  • Member of the Center of Advanced Study, University of Virginia, 1978-1982
  • Elected Chair, Theory Section of the American Sociological Association, 1979-80
  • Elected Chair, Sociology of Education Section of the Americal Sociological Association, 1982-83
  • Elected Member, Sociological Research Association
  • Theory Prize, awarded by the Theory Section of the American Sociological Association, 1982, for
  • “Micro-foundations of Macro-sociology,” American Journal of Sociology 1981.
  • Elected Member of Council, American Sociological Association, 1987-90.
  • Elected Fellow of the American Association for the Advancement of Science, 1989.
  • Citation *reads: “For work on the theory of social conflict, and for research on education and stratification, and on the sociology of science.” Fellow, Swedish Collegium for Advanced Study in Social Science, Uppsala, Fall 1989.
  • Paul Hanly Furfey Lecturer, Association for the Sociology of Religion, 1991.
  • Bruce C. Mayhew Memorial Lecturer, University of South Carolina, 1992.
  • President, Pacific Sociological Association, 1992-3.
  • Distinguished Faculty Research Lecturer, University of California, Riverside, 1993.
  • Taft Lecturer, University of Cincinnati, 1994.
  • Distinguished Visiting Professor, Amsterdam School for Social Research, June 1996.
  • Distinguished Paper Award, Sociology of Religion Section, American Sociological Association, 1998, for “An Asian Route to Capitalism: Religious Economy and the Origins of Self-Transforming Growth in Japan,” American Sociological Review 1997.
  • Distinguished Scholarly Publication Award, American Sociological Association, 1999, for The Sociology of Philosophies
  • Association of American Publishers Scholarly Publishing Annual Award in the Category of Sociology and Anthropology, 1999, for The Sociology of Philosophies
  • Fritz Nova Memorial Lecturer, Villanova University, April 2000.
  • Fellow of the American Academy of Arts and Sciences (elected 2000).
  • Pitt Professor of American History and Institutions, University of Cambridge, 2000-2001
  • Vincent Woo Distinguished Visiting Scholar, Lingnan University, Hong Kong, Nov. 2001.
  • Ludwik Fleck Prize, for best recent book, Society for Social Studies of Science, 2002, awarded for The Sociology of Philosophies.


Romane:

  • 1979. The Case of the Philosophers’ Ring. New York: Crown Publishers; British edition, London: Harvester Press, 1980; Spanish edition, Madrid: Valdemar Ediciones, 1989
  • . .... er hat nach eigenen Angaben vor irgendwann nochmal einen Roman schreiben ...sometimes...

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Er erlebte als kleines Kind Europa am Ende des zweiten Weltkriegs hautnah. Berlin war noch voll von Bombenkratern und toten Körpern. Er erlebte auch Moskau am Höhepunkt des Kalten Krieges während der Koreakrieg ausbrach. Er wuchs also in einer Welt voller Gewalt und Machtkämpfe auf und vermutete selber, dass dies in ihm das Interesse an Max Weber entfachte und da besonders der Teil dem in jener Zeit kaum jemand Aufmerksamkeit schenkte - nämlich die Texte von Weber die Machtpolitik behandeln. Er geht davon aus dass auch sein geopolitisches Interesse darin begründet liegt.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Spurred on by an admittedly eclectic reading of Max Weber, Collins insists — in opposition to all presentist myopias — that sociologists with nomological ambitions should turn their attention to variation in the structure and culture of societies over the longue durée of human history and in distancing himself from the tendency of mainstream researchers to embrace — if only in the interests of parsimony — overly simplified models of human action, Collins grounds his theorization in a complex action-theoretical framework that, in his view, takes into consideration the emotional and semiotic contours of human action as these are revealed through phenomenological investigation.

This framework, which revolves around the notion of "interaction ritual chains," marries insights from Goffman and from the Durkheim of The Elementary Forms to produce an image of individuals as strategic pursuers of "emotional energy" whose interactional choices take shape in an interactional economy where solidarity is the unit of exchange.

Rather, they superimpose an analytical focus on moral consciousness onto a broadly Weberian understanding of status group conflict, which Collins sees as a central dynamic in all social life.

Werke[Bearbeiten]

Publikationen (Bücher) :

  • 1968. State and Society, co-editor with Reinhard Bendix et. al. (Boston: Little, Brown; re-issued, University of California Press, 1974.
  • 1972. The Discovery of Society , with Michael Makowsky. New York; Random House; second edition, 1978; third edition, l983; fourth edition, 1988; fifth edition, 1992; Dutch edition, 1979;
  • Italian Edition, 1980; Japanese edition, 1987; Chinese edition, 2004.
  • 1975. Conflict Sociology: Toward an Explanatory Science. New York: Academic Press; Italian edition, 1981; Japanese edition 1991. Partial translations in Romanian, Korean, and Chinese.
  • 1979. The Credential Society: An Historical Sociology of Education and Stratification. New York: Academic Press; Japanese edition 1984; Spanish edition 1989; Italian edition 1994; Chinese and Portuguese editions forthcoming; partial translation in Serbo-Croatian.
  • 1981. Sociology since Mid-century: Essays in Theory Cumulation. New York, Academic Press; Italian edition 1993.
  • 1982. Sociological Insight: An Introduction to Non-obvious Sociology. New York: Oxford University Press; Japanese edition 1991; Spanish and Chinese editions forthcoming. Second edition 1992.
  • 1985. Three Sociological Traditions. New York: Oxford University Press. Italian edition 1987;Japanese edition 1990. Second edition Four Sociological Traditions 1994. Mexican edition 2000; Japanese edition 1997; Italian edition 1999; Portuguese edition 1999.
  • 1985. Three Sociological Traditions: Selected Readings (edited volume) New York: Oxford University Press. Second edition Four Sociological Traditions: Selected Readings 1994.
  • 1985. Sociology of Marriage and Family: Gender, Love and Property. Chicago: Nelson-Hall. Second edition 1988. Third edition with Scott Coltrane 1991. Fourth edition 1994. Fifth edition 2000.
  • 1985. Max Weber: A Skeleton Key. Beverly Hills: Sage. Japanese edition 1988. Danish edition 2000.
  • 1986. Weberian Sociological Theory. Cambridge and New York: Cambridge University Press.
  • 1988. Theoretical Sociology. San Diego: Harcourt, Brace, Jovanovich. Italian edition 1992; India edition 1996.
  • 1998. The Sociology of Philosophies: A Global Theory of Intellectual Change. Cambridge: Harvard University Press. Russian edition 2002. Chinese edition 2004. Italian, Chinese and Spanish editions forthcoming. - (Eine global angelegte wissenssoziologische Analyse über Entwicklungen der Philosophie in Asien und Europa von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert.)
  • 1999. Macro-History: Essays in Sociology of the Long Run. Stanford: Stanford University Press.
  • 2002. co-editor with Mauro Guillen, Paula England, Marshall Meyer. The New Economic Sociology: Developments in an Emerging Field. New York: Russell Sage Foundation.
  • 2004. Interaction Ritual Chains. Princeton University Press.


in Arbeit:

  • Violent Conflict: A Micro-Sociological Theory with Macro-sociological Extensions.


Artikel und Mitarbeiten in Büchern:

  • 1965. “Facilitation as a Function of Temporal Spacing of Stimuli in Intracranial Selfstimulation,” with J.A. Deutsch. Nature 208: 592-93.
  • 1966. “A Comparative Study of Academic Freedom and Student Politics,” with J. Ben-David, Comparative Education Review 10: 220-249.
  • 1966. “Social Factors in the Origins of a New Science: the Case of Psychology,” with J. Ben-David, American Sociological Review 31: 451-465. Reprinted in Bobbs-Merrill series and elsewhere.
  • 1968. “A Comparative Approach to Political Sociology,” in R. Bendix et.al. (eds.), State and Society. Boston: Little, Brown, 42-67.
  • 1968. “Competition and Social Control in Science,” Sociology of Education 41: 123-140. Reprinted in Bobbs-Merrill series.
  • 1971. “Functional and Conflict Theories of Educational Stratification,” American Sociological Review 36: 1002-1019. Reprinted in Warner Module series and elsewhere. Translations into Italian and Japanese.
  • 1971. “A Conflict Theory of Sexual Stratification,” Social Problems 19: 3-21. Reprinted in H.P. Drietzel (ed.). Recent Sociology #4. New York: Macmillan, 1972, and elsewhere.
  • 1974. “Reassessments of Sociological History: the Empirical Validity of the Conflict Tradition,” Theory and Society 1: 147-178.
  • 1974. “Where are Educational Requirements for Employment Highest?” Sociology of Education 47: 419-442.
  • 1974. “Three Faces of Cruelty: Towards a Comparative Sociology of Violence,” Theory and Society 1: 415-440.
  • 1974. “The Basics of Conflict Theory, Conflict Sociology”. New York: Academic Press, pp.56-61.
  • 1975. “Outline of Organizations in Conflict Sociology, "Organizations" in Conflict Sociology: Toward an Explanatory Science”. New York: Academic Press.
  • 1976. “Educational Credentialism and the Future of Social Inequality,” The Center Magazine 9 (November/December), 66-74.
  • 1977. “Some Comparative Principles of Educational Stratification,” Harvard Educational Review 47: 1-27. Serbo-Croatian translation: “Usporedno Istrazivanje Principa Obrazovne Stratifikacije,” in Sergej Flere (ed.), Proturjecja Suvremenog Obrazovanja. Zagreb, 1986.9
  • 1978. “Some Principles of Long-term Social Change: the Territorial Power of States,” in Louis Kriesberg (ed.), Research in Social Movements, Conflicts, and Change, Vol. 1. Greenwich, Conn.: JAI Press, 1-34.
  • 1979. “Erving Goffman and the Development of Modern Social Theory,” in Jason Ditton (ed.). The View from Goffman. London: Macmillan.
  • 1979. “The Late Twentieth-Century Credential Crisis, The Credential Society”. New York: Academic Press, pp. 191-204.
  • 1980. “Weber’s Last Theory of Capitalism: A Systematization,” American Sociological Review 45: 925-942.
  • 1981. “On the Micro-foundations of Macro-sociology,” American Journal of Sociology 86: 984-1014. Winner of the Theory Prize of the Theory Section, American Sociological Association, *l982. German translation in Hans-Peter Müller and Steffen Sigmund (eds.), Zeitgenössische amerikanische Soziologie. Opladen: Leske & Budrich, 2000.
  • 1981. “Micro-translation as a Theory-building Strategy,” in Karin Knorr-Cetina and Aaron V. Cicourel (eds.), Advances in Social Theory and Methodology: Towards an Integration of Micro- and Macro-sociology. London: Routledge and Kegan Paul, 81-108.
  • 1981. “The Comparative Sociology of Philosophy: Oriental Materials,” International Society for the Sociology of Knowledge Newsletter 7 (May) 29-32.
  • 1981. “Does Modern Technology Change the Rules of Geopolitics?” Journal of Political and Military Sociology 9: 163-177.
  • 1982. “Mathematics and Civilization,” with Sal Restivo. The Centennial Review 26: 277-301.
  • 1982. “Fluttuazioni e crisi dei mercati delle credenziali educative,” in Fanny S. Cappello, Marcello Dei, and Maurizio Rossi (eds.), L’immobilita Sociale: Stratificazione Sociale e Sistemi Scolastici. Bologna: Il Mulino, 27-52.
  • 1983. “Robber-barons and Politicians in Mathematics: A Conflict Model of Science,” with Sal Restivo. Canadian Journal of Sociology 8: 199-227.
  • 1983. “The Weberian Revolution of the High Middle Ages,” in Albert James Bergesen (ed.) Crises in the World System. Beverly Hills: Sage, 205-226.
  • 1983. “Upheavals in Biological Theory Undermine Sociobiology,” Sociological Theory 1983. San Francisco: Jossey-Bass, 306-18.
  • 1983. “Conflicts and Developments in the Sociology of Science,” with Sal Restivo. The Sociological Quarterly 24: 185-200.
  • 1983.”Micro-methods as a Basis for Macro-sociology,” Urban Life 12: 184-202.10
  • 1983. “Alienation: Micro or Macro?” Western Sociological Review 14: 16-26. Italian translation: “Alienazione: Micro o Macro?” Studi di Sociologia 22 (1984): 109-126.
  • 1984. “Statistics versus Words”. Sociological Theory 1984. San Francisco: Jossey-Bass, 329-62.
  • 1984. “Riflessioni sul passagio delle generazioni intellectuali,” Rassegna Italiana di Sociologia 25: 351-368. Translation: “Reflections on the Death of Erving Goffman.” Sociological Theory 1986) 4: 106-113.
  • 1984. “The Role of Emotion in Social Structure” In: Ekman, Paul / Scherer, Klaus R. / Erlbaum, Lawrence [1984] Approaches to Emotion, Chapter 18 New Jersey London
  • 1985. “The Mega-historians,” Sociological Theory 3: 114-122.
  • 1986. “Is 1980s Sociology in the Doldrums?” American Journal of Sociology 91: 1336-55.
  • 1986. “Three Sociological Traditions: On Creating the Future while Creating the Past.” In James S. Coleman, Siegwart Lindenberg, and Stefan Nowak (eds.), Approaches to Social Theory. Yew York: Russell Sage Foundation.
  • 1986. “The Borkenau Thesis and the Rise of the West.” Sociological Forum 1: 379-388.
  • 1986. “A Dynamic Simulation of Marx’s Model of Capitalism.” (with Robert Hanneman.) in Norbert Wiley (ed.), The Marx/Weber Debate. Beverly Hills: Sage Publications.
  • 1986. “Historical Perspectives on Religion and Regime: Some Sociological Comparisons of Buddhism and Christianity.” In Jeffrey K. Hadden and Anson Shupe (eds.), Prophetic Religions and Politics. New York: Paragon House.
  • 1986. “Sociology as the Land of Oz.” California Sociologist 9 :33-57.
  • 1987. “Looking Forward or Looking Back?: Reply to Denzin.” American Journal of Sociology 93: 180-84.
  • 1987. “A Micro-Macro Theory of Creativity in Intellectual Careers: the Case of German Idealist Philosophy.” Sociological Theory 5: 47-69.
  • 1987. “Schließungsprozesse und die Konflikttheorie der Professionen.” Österreichische Zeitschrift für Soziologie 12, No. 2: 46-60. Translation: “Market Closure and the Conflict Theory of the Professions,” in Michael Burrage and Rolf Torstendahl (eds.), Professions in Theory and History: Rethinking the Study of the Professions in Europe and North America. London: Sage, 1990, 24-43.
  • 1987. “Interaction Ritual Chains, Power and Property.” In Jeffrey C. Alexander (ed.), The Micro-Macro Link. Berkeley: University of California Press.
  • 1988. “Theoretical Continuities in Goffman’s Work.” In Paul Drew and Anthony Wooton (eds.), Erving Goffman: Exploring the Interaction Order. Oxford: Polity Press. 11
  • 1988. “The Durkheimian Tradition in Conflict Sociology.” In Jeffrey C. Alexander (ed.), Durkheimian Sociology. New York: Cambridge University Press.
  • 1988. “Women and Men in the Class Structure.” Journal of Family Issues 9: 27-50. Reprinted in Rae Lesser Blumberg (ed.), Gender, Family and Economy. Newbury Park, CA: Sage, 1990; revised version in Michele Lamont and Marcel Fournier (eds.), Cultivating Differences: Symbolic Boundaries and the Making of Inequality. Chicago: University of Chicago Press,
  • 1992. Translation: “Femmes, stratification sociale et production de la culture.” Sociologie et Sociétés 21 (1989): 27-45.
  • 1988. “The Micro Contribution to Macro Sociology.” Sociological Theory 6 (Fall): 242-53.
  • 1988. “Toward a Micro Theory of Structuring,” with Jonathan H. Turner. In Jonathan H.Turner (ed.), Theory-Building in Sociology. Newbury Park, Ca.: Sage: 118-130.
  • 1988. “For a Sociological Philosophy.” Theory and Society 17: 669-702.
  • 1989. “Sociology: Pro-Science or Anti-Science?” American Sociological Review 53: 124-139. Russian translation in Thesis No. 4, 1994.
  • 1989. “Toward a Neo-Meadian Sociology of Mind.” Symbolic Interaction 12: 1-31. “Response” [to commentaries on the preceeding] Symbolic Interaction 12: 111-119.
  • 1989. “Sociological Theory, Disaster Research, and War.” In Gary Kreps (ed.), Social Structure and Disaster: Conception and Measurement. University of Delaware Press, 365-385. Revised version: “Violent Conflict and Social Organization: Some Theoretical Implications of the Sociology of War.” Amsterdams Sociologisch Tijdschrift 16 (1990): 63-87. Translation in J.Goudsblom (ed.), Hoofstukken uit de sociologie, Amersterdam University Press, 1995.
  • 1989. “Toward a Theory of Intellectual Change: the Social Causes of Philosophies.” Science, Technology and Human Values 14: 107-140.
  • 1989. “Future Organizational Trends of the ASA” u 17 (No. 6, September): 1-6. with J. McCarthy, M. Meyer, P. Oliver, and J. Turner. [Newsletter of the American Sociological Association]
  • 1990. “Stratification, Emotional Energy, and the Transient Emotions.” in Theodore D. Kemper (ed.), Research Agendas in the Sociology of Emotions. Albany: SUNY Press, 27-57.
  • 1990. “Webers tes nygranskad: religios kapitalism i Kina,” Sociologisk Forskning 14: 6-19. [Swedish]
  • 1990. “Changing Conceptions in the Sociology of the Professions.” In Michael Burrage and Rolf Torstendahl (eds.), Knowledge, State and Strategy. The Formation of Professions in Europe and North America. London: Sage, 11-23. 12
  • 1990. “Conflict Theory and the Advance of Macro-Historical Sociology.” In George Ritzer (ed.), Frontiers of Social Theory. New York: Columbia University Press, 68-87. Translation: in Filosofskaia i Sotsiologicheskaia Mysl [Russian]
  • 1990. “The Dimensions of Micro-interaction.” American Journal of Sociology 96: 32-68 (with Theodore Kemper).
  • 1990. “Market Dynamics as the Engine of Historical Change.” Sociological Theory 8: 111-35.
  • 1990. “The Organizational Politics of the ASA.” The American Sociologist 21: 311-5.
  • 1991. “Historical Change and the Ritual Production of Gender.” in Joan Huber (ed.), Micro-Macro Linkages in Sociology. Newbury Park CA: Sage, pp. 109-120.
  • 1991. “Implicaciones Ontologicas del Teoria del Conflicto: La Energia Emocional de los Rituales de Interaccion y el Culto a la Voluntad.” In Teresa Gonzalez de la Fe (ed.), Sociologia. Unidad y Diversidad. Madrid: Servicio de Publicaciones del Consejo Superior de Investigaciones Cientificas, pp. 93-116.
  • 1991. “Las Cadenas Rituales de Interaccion y la Produccion del orden Social Estratificado.” In Teresa Gonzalez de la Fe (ed.), Sociologia. Unidad y Diversidad. Madrid: Servicio de Publicaciones del Consejo Superior de Investigaciones Cientificas, pp. 223-232.
  • 1991. “The Confusion of the Modes of Sociology” in Steven Seidman and David G. Wagner (eds.), Postmodernism and Social Theory. Oxford: Basil Blackwell, pp. 179-198.
  • 1991. “Altruism and Culture as Social Products.” Voluntas 2, No. 2: 1-16. (with Neal Hickman)
  • 1992. “The Romanticism of Agency/Structure versus the Analysis of Micro/Macro.” Current Sociology 40, No. 1: 77-97.
  • 1992. “Conflict Theory.” The Encyclopedia of Sociology. New York: Macmillan: 288-90.
  • 1992. “On the Sociology of Intellectual Stagnation: The Late Twentieth Century in Perspective.” Theory, Culture and Society 9: 73-96.
  • 1992. “Thoughts in Slow Motion.” Times Higher Education Supplement [London] June 26 (pp. 15, 17).
  • 1992. “What Theories Predicted the State Breakdowns and Revolutions of the Soviet Bloc?” (with David Waller). In Louis Kriesberg (ed.), Research in Social Movements, Conflicts and Change. Vol. 14: 31-47. German translation in Hans Joas and Martin Kohli (eds.), Der Zusammenbruch der DD: Frankfurt: Suhrkamp.
  • 1992: “The Rise and Fall of Modernism in Religion and Politics.” Acta Sociologica 35: 171-86. 13
  • 1992. “The Geopolitical and Economic World-systems of Kinship-based and Agrarian-coercive Societies.” Review 15 (summer): 373-88. Russian translation in Vremia Mira 2001: 462-476.
  • 1992. “Weber's Last Theory of Capitalism: A Systematization” In: Granovetter, Mark / Swedberg, Richard [1992] The Sociology of Economic Life, Chapter 3. Westview Press.
  • 1992. Foreword In: Hilbert, Richard A. [1992] The Classical Roots of Ethnomethodology: Durkheim, Weber and Garfinkel. University of North Carolina Press.
  • 1993. “The Rationality of Avoiding Choice.” Rationality and Society 5: 58-67.
  • 1993. “Emotional Energy as the Common Denominator of Rational Choice.” Rationality and Society 5: 203-230.
  • 1993: “Maturation of the State-centered Theory of Revolution and Ideology.” Sociological Theory 11 (March): 117-28.
  • 1993: “Toward an Integrated Theory of Gender Stratification” Sociological Perspectives 36 (Fall): 185-216. (with Janet Chafetz, Rae Lesser Blumberg, Scott Coltane, and Jonathan Turner).
  • 1993: “What Does Conflict Theory Predict about America’s Future?” Sociological Perspectives 36: 289-313.
  • 1993: “Ethical Controversies of Science and Society: a Relation between Two Spheres of Social Conflict.” in Thomas Brante, Steve Fuller and William Lynch (eds), Controversial Science. Albany NY: SUNY Press, pp. 301-17.
  • 1993. “Quattro macrostrutture in conflitto.” in Paolo Ammassari (ed.), Talcott Parsons e La Tradizione Sociologica in Europa Occidentale e Nel Nord-America. Napoli: Guida Editori, pp. 135-172.
  • 1993: “Heroizing and Deheroizing Weber.” Theory and Society 22: 861-70.
  • 1993. “Liberals and Conservatives, Religious and Political: A Conjuncture of Modern History” In: Sociology of Religion 54(2):127.
  • 1994. “Did Social Science Break Down in the 1970s?” (with David Waller). In Jerald Hage (ed.), Formal Theory in Sociology: Opportunity or Pitfall? Albany: State University of New York Press, pp. 15-40.
  • 1994: “The Geopolitics of Ethnic Mobilization: Some Theoretical Projections for the Old Soviet Bloc”. (with David V. Waller) in John H. Moore (ed.), Legacies of the Collapse of Marxism. Arlington VA: George Mason University Press, pp. 79-104.
  • 1994. “Why the Social Sciences Won’t Become High-Consensus, Rapid-Discovery Science.” Sociological Forum 9: 155-77. Reprinted in Stephen Cole (ed.) What’s Wrong with Sociology? Princeton: Princeton University Press (forthcoming).
  • 1995. “German-Bashing and the Theory of Democratic Modernization.” Zeitschrift für Sociologie 24: 1-19. Dutch translation: Amsterdams Sociologisch Tijdschrift 21 (1995).
  • 1995. “Prediction in Macro-sociology: the Case of the Soviet Collapse.” American Journal of Sociology 100: 1552-93. 14
  • 1995. “Introduction.” to Max Weber, The Protestant Ethic and the Spirit of Capitalism. Los Angeles: Roxbury.
  • 1995: “Discovering Theory Dynamics by Computer Simulation: Experiments on State Legitimacy and Imperialist Capitalism.” (with Robert A. Hanneman and Gabriele Mordt) Sociological Methodology 25: 1-46.
  • 1995: “Les traditions sociologiques.” Enquête: anthropologie, histoire, sociologie 2: 11-38.
  • 1996. “Can Rational Action Theory Unify Future Social Science?” in Jon Clark (ed.), James S. Coleman. London: Falmer Press, pp. 329-43.
  • 1996. “Disasters, Natural and Man-Made: Sociological Reflections on Kobe and Hiroshima.” Kobe Law Journal 45: 809-26.
  • 1997. “Stark and Bainbridge, Durkheim and Weber: Theoretical Comparisons.” in Lawrence A. Young (ed.), Rational Choice Theory and Religion. Routledge.
  • 1997 “An Asian Route to Capitalism: Religious Economy and the Origins of Self-Transforming Growth in Japan” American Sociological Review 62 (Dec.): 843-65.
  • 1997. “The Transformation of Philosophy.” in Johan Heilbron, Lars Magnusson, and Björn Wittrock (eds.), The Rise of the Social Sciences and the Formation of Modernity. Kluwer.
  • 1997. “A Sociological Guilt Trip: Comment on Connell.” American Journal of Sociology 106: 1558-64.
  • 1998. “The Sociological Eye and its Blinders.” Contemporary Sociology 27 (Jan.): 2-7.
  • 1998. “Democratization in World-Historical Perspective.” In Ralph Schroeder, ed. Weberian Political Sociology: Democracy, Nationalism and Modernization. London: Macmillan.
  • 1998. “Modelling Interaction Ritual Theory of Solidarity.” (with Robert Hanneman). in Patrick Doreian and Tom Farraro (eds.) The Problem of Solidarity: Theories and Models. Gordon and Breach.
  • 1999. “Capitalism.” Encyclopedia of Political Revolutions. Jack Goldstone, Editor. Washington D.C.: Congressional Quarterly Books.
  • 1999. “The European Sociological Tradition and Twenty-First Century World Sociology.” In Janet Abu-Lughod (ed.), Sociology for the Twenty-first Century. Chicago: University of Chicago Press.
  • 1999. “Applying Contemporary Religious Sociology to Early Christianity.” Religious Studies Review 25 (April): 136-139. 15
  • 1999. “Socially Unrecognized Cumulation.” American Sociologist 30 (summer): 41-61.
  • 1999. “The Golden Age of Macrohistorical Sociology.” [in Russian translation] in Nikolai Rozov (ed.), Vremia Mira. Novosibirsk.
  • 2000. “Situational Stratification: A Micro-macro Theory of Inequality.” Sociological Theory 18: 17-43. Chinese translation 2002.
  • 2000. “Vier Makro-Strukturen von Konflikten.” In Dieter Bogenhold (ed.), Moderne Amerikanische Soziologie, Stuttgart: Universitäts-taschenbucher (Lucius & Lucius). 99-134.
  • 2000. “Comparative and historical patterns of education.” In Maureen T. Hallinan (ed.), Handbook of the Sociology of Education. New York: Kluwer Academic/Plenum Publishers, 213-239.
  • 2000. “The Sociology of Philosophies: a Précis.” Philosophy of the Social Sciences 30: 157-201.
  • 2000. “Reply to Reviewers and Symposium Commentators.” Philosophy of the Social Sciences 30: 300-326.
  • 2000. “Reflexivity and Embeddedness in the History of Ethical Philosophies.” in Martin Kusch (ed.), The Sociology of Philosophical Knowledge. New Synthese Historical Library, Kluwer Publishers.
  • 2000: “The Multidimensionality of Social Evolution and the Historical Pathways of Asia and the West.” Amsterdams Sociologisch Tijdschrift 26; also in Iranian Social Science Journal
  • 2000. “Predictions of Geopolitical Theory and the Modern World-System,” in Georgi M. Derluguian and Scott L. Greer (eds.), Questioning Geopolitics: Political Projects in a Changing World-System. (with David Waller), Praeger Publishers, 51-68.
  • 2000. Über die mikrosozialen Grundlagen der Makrosoziologie in "Zeitgenössische amerikanische Soziologie" Hans-Peter Müller/Steffen Sigmund (Leske + Budrich, Opladen 2000)
  • 2000. Collins R. & Walter, David V.: Predictions of Geopolitical Theory and the Modern World-System In: Derluguian, Georgi M. / Greer, Scott, L.: Questioning Geopolitics: Political Projects in a Changing World-System, Chapter 4. Westport/London: Praeger.
  • 2000. “The Multiplie Fronts of Economic” Sociology Editorial essay in the Economic Sociology Section of the ASA
  • 2001. “Social Movements and the Focus of Emotional Attention.” In Jeff Goodwin, James M. Jasper, and Francesca Polletta (eds.), Passionate Politics: Emotions and Social Movements. Chicago: University of Chicago Press
  • 2001. “Ethnic Change in Macro-Historical Perspective.” In Elijah Anderson and Douglas S. Massey (eds.), The Problem of the Century: Racial Stratification in the United States. New York: Russell Sage.
  • 2001. “Emotion as Key to Reconstructing Social Theory.” In Jack Barbalet and Margot Lyon (eds.), Emotion in Social Theory: Cross-disciplinary Perspectives. Boulder, CO: Rowman and Littlefield.
  • 2001. “Weber and the Sociology of Revolution.” Journal of Classical Sociology 2: 171-194. 16
  • 2001. “Civilizations as zones of prestige and social contact.” International Sociology 16: 421-437.
  • 2002. “On the Acrimoniousness of Intellectual Disputes.” Common Knowledge 8: 47-70.
  • 2002. “Geopolitics in an Era of Internationalism.” Social Evolution and History Journal vol. 1
  • 2002. Rössel, Jörg and Randall Collins: “Conflict Theory and Interaction Ritual: the Microfoundations of Conflict Theory.” In Jonathan Turner (ed.), Handbook of Sociological Theories. New York: Plenum Publishers.
  • 2002. “Introduction.” with Mauro Guillen, Paula England, Marshall Meyer. in The New Economic Sociology: Developments in an Emerging Field. New York: Russell Sage Foundation.
  • 2002. “Credential Inflation and the Future of Universities.” In Steve Brint (ed.), The Future of the City of Intellect. Stanford: Stanford University Press. Excerpted in Chronicle of higher Education, Sept. 2002.
  • 2002. “Black’s Contributions to a General Theory of Conflict.” [review essay] Contemporary Sociology 31: 655-58.
  • 2003. “A Network-location Theory of Culture.” Sociological Theory 21: 69-73.
  • 2003. “Fuller, Kuhn, and the Emergent Attention Space of Reflexive Studies of Science.” Social Epistemology 17: 145-150.
  • 2003. “Interaction rituals and sociological explanation of intellectual creativity.” [in Russian] Komparitivistika 2: 33-57.
  • 2003. “Sociology and Philosophy.” in Craig Calhoun, Chris Rojek, and Bryan Turner (eds.) International Handbook of Sociology. London: Sage.
  • 2004. “The Durkheimian Movement in France and in World Sociology.” in Jeffrey Alexander and Phil Smith (eds.) The Cambridge Companion to Durkheim. Cambridge Univ. Press.
  • 2003. “Mann’s Transformation of the Classical Sociological Traditions.” In John A. Hall and Ralph Schroeder (eds.), An Anatomy of Power: The Social Theory of Michael Mann. Cambridge Univ. Press.
  • 2004. “Rituals of solidarity and security, and processes of mass hysteria, in the wake of terrorist attack.” Sociological Theory 22: 53-87.
  • 2004. “Lenski’s power theory of economic inequality: a central neglected question in stratification research.” Sociological Theory 22: 219-228. 17
  • 2004. “Commonality and Divergence of World Intellectual Structures in the Second Millenium CE.” in Immanuel Wallerstein (ed.), The Modern World-System in the Longue Durée. Boulder CO: Paradigm Publishers.


von ihm empfohlenes Werk für jeden Soziologen:

Ulysses von James Joyce woraus den meisten ja nur der Bloomsday bekannt ist


Sekundärliteratur:

  • Jörg Rössel, 1999: “Konflikttheorie und Interaktionsrituale. Randall Collins' Synthese von Emotionssoziologie und Konflikttheorie.” Zeitschrift für Soziologie 28: 23 - 43.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Für Collins ist der Konflikt notwendige Konsequenz der natülichen Ungleichheit der Macht. Diese Ungleichheit werde verursacht durch:

  • die Arbeit, durch welche die Gesellschaft in Klassen geteilt wird
  • das soziale Umfeld
  • die Politik, in der sich verschiedene Parteien gegenüberstehen.

Courses taught: Sociological theory, social conflict, stratification, economic and network sociology, formal organizations, micro-sociology, sociology of emotions, sociology of eligion, sociology of science, sociology of culture, social change, historical/comparative sociology, qualitative methods, introductory sociology, literary theory.

Not content, however, to remain within the confines of action theory, Collins has mobilized the notion of interaction ritual chains to explore a wide-range of macro topics, from the structure of organizations to the geo-political situations of states, from social stratification to long-term developments in philosophical thought.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Er wird als führender Theoretiker der Konfliktheorie bezeichnet, der sich einerseits auf Karl Marx bezieht, andererseits die Soziologie von Max Weber erweitert und außerdem an Émile Durkheim anschließt.

Randall Collins is widely regarded as a leading figure in contemporary sociological theory. Eschewing interpretivist visions of the sociological project, Collins is an unabashed advocate of positivism and attempts, in his theoretical work, to formulate "generalized, causal, empirical explanations" for social phenomena.

Comte, Auguste[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Comte Isidore Marie Auguste François Xavier


  • Geboren am 19. Januar 1798
  • Gestorben am 5. September 1857


  • Geburtsort: Montpellier, im südwesten Frankreichs
  • Eltern: katholisch monarchisch gesinnt, Vater: mittlerer Beamter der Steuerkasse


  • 1807-1814: Gymnasium mit Internat
  • 1814-1816: Studium an der Ecole Polytechnique
  • 1817: Sekretär von Saint-Simon
  • 1819-1825: Herausgabe einiger Zeitschriften und Bücher
  • 1825: Heirat mit Caroline Massin
  • 1826: Vorlesungen über die „Philosophie positive“
  • 1826-1827: Nervenkrise, Nervenheilanstalt, Selbstmordversuch
  • 1829-1842: Comte schreibt verschiedene Bücher, hält Vorlesungen
  • 1842: Trennung von seiner Frau
  • 1844: lernt Comte Clotilde de Vaux kennen und verliebt sich in sie, sie will jedoch nur Freundschaft
  • 1846: Clotilde de Vaux stirbt
  • 1848: Gründung der positivistischen Gesellschaft [1]


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Comte wuchs in einer katholischen Familie auf. Seine Eltern waren überzeugte Christen, der Glaube war nicht nur unreflektierte Tradition. Sie konnten nicht kirchlich heiraten, weil viele Priester geflohen waren und die Kirchen weltlichen Zwecken gewidmet wurden, oder in den Händen neuer revolutionärer Bekenntnisgemeinschaften waren. In Montpellier herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen königstreuen und revolutionären Strömungen. Die kleinbürgerlich-kleinliche Lebensauffassung bringt Comte in Widerspruch mit jener seiner seiner Familie. Comte findet in Daniel Encontre, einem protestantischen Mathematiklehrer ein Vorbild für sein Denken und Unterrichten. Auch viele seiner weiteren Lehrer beeinflussten ihn nachhaltig, so zum Beispiel: Petit, Thenard, Poisson und Ampere, allesamt hervorragende Wissenschaftler ihrer Zeit. Bei seinen Studien lernt Compte ein Weltbild kennen, in dem Gott und Übernatürliches keinen Platz mehr haben. Nur was mit der Naturwissenschaft begreifbar und erklärbar ist hat auch Wert. In späteren Schriften ändert sich seine Einstellung.

Das Denken Comtes ist geprägt von einer geschichtlich gesellschaftlichen Krise. Die französische Revolution und die Versuche, wieder zu einer sozialen Ordnung zu gelangen spielten eine wichtige Rolle. Comte sagt es gibt zwei grundlegende Kräfte, die nebeneinander beziehungsweise gegeneinander wirken. Die eine Kraft will soziale Auflösung und politische und moralische Anarchie. Die andere Kraft will einen geordnet-endgültigen sozialen Zustand der Menschheit. Das Problem besteht für Compte im gleichzeitigen Wirken dieser beiden Kräfte. Er stellt fest, dass die Zerstörung des theologischen Systems bereits weit fortgeschritten ist, jedoch ohne dass ein neues System des Denkens und der Sozialordnung installiert wurde.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Buchholz ist ein wichtiger Denker dieser Zeit und geht wie Comte in eine Richtung der positiven Philosophie. Comte wird auf Kant und Hegel aufmerksam. Wichtige Vorläufer waren Hume, Condorcet, de Maistre, Bichat und Gall und noch einen Schritt weiter zurück Bacon, Descartes, Leibnitz und Thomas von Aquin.


Werke[Bearbeiten]

Hauptwerke:

  • 1822: opuscule fondamentale oder auch premiersysteme de politicque positive
  • 1830-1842: Cours de philosophie positive (sechs Bände)
  • 1851-1854: Systeme de politicque posive (vier Bände)
  • 1852: catechisme positiviste
  • 1855: Appel aux conservateurs

Comte hat auch einige Aufsätze, Briefe und kleinere Werke geschrieben, wie beispielsweise Discours sur le´esprit positiv, seperation generaleentre les opinions et les desirs u.v.m.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Comte ist der Meinung, dass die öffentliche Moral verfällt, wenn keine allgemeinen Maximen beachtet werden. Es braucht gemeinsam geteilte, moralische und kognitive Orientierungen, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Meinungsstreit und Divergenz herrschen deshalb, weil drei miteinander unverträgliche Denkweisen (die theologische, die metaphysische und die positive) nebeneinander angewendet werden. Die Krise entstand, Comtes Ansicht nach, historisch, weil das mittelalterliche Nebeneinander von weltlicher und spiritueller Macht zerstört und jeglicher spiritueller Autorität Absage erteilt wurde.

Nach Comte mangelt es den modernen Gesellschaften nicht nur an allgemein gültigen Orientierungen und Maximen, sondern es fehlt ihnen auch an einer selbständigen spirituellen beziehungsweise geistigen Macht, die diese Orientierungen und Maximen vertreten und lehren könnte.

Die Lösung des Problems sieht Comte in einer neuen Doktrin, in einem neuen „Code von politischen und moralischen Anschauungen“, der von allen sozialen Klassen angenommen und akzeptiert werden kann. Ein neuer Geist, der das Ende des revolutionären Zustandes herbeiführen sollte. Dieser neue Geist muss mit wissenschaftlichen Mitteln entworfen werden. Politische und soziale Phänomene müssen nach naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Politik muss nach Art der Physik behandelt werden. Die positive Philosophie wird die geistige und moralische Integration der Gesellschaft erbringen. Diesem „Neuen Geist“ schreibt Comte eine erlösende Funktion zu, er wird die Revolution beenden und ein ruhiges geordnetes Zusammenleben ermöglichen. Erst wenn diese neue Doktrin durchgesetzt ist, kann nach Comte an eine Änderung des Regierungssystems, also an eine Erneuerung der Institutionen gedacht werden.

Compte ist darüber hinaus bekannt für das „Dreistadiengesetz“. Demzufolge durchläuft das menschliche Denken, (die Vorstellung und die Erkenntnis nacheinander), drei Stadien. Zu Beginn steht das theologische beziehungsweise fiktive Stadium, dann das metaphysische beziehungsweise abstrakte Stadium, um schließlich das wissenschaftliche beziehungsweise positive Stadium zu erreichen.

In späteren Jahren tritt Comte nicht mehr als Begründer der Soziologie, sondern als Begründer der Religion der Humanitè und als Hohepriester der Glaubensgemeinschaft auf. Es erfolgt eine umfassende Systematisierung aller Aspekte der menschlichen Existenz, Gefühle und Liebe spielen eine dominierende Rolle.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Comtes Stil wirkt umständlich und „unelegant“. Er verwendet lange Satzkonstruktionen und stellt alles äußerst umfänglich und vollständig dar. Die zögernde Rezeption von Comtes Schriften wird auf die „Breite und Schwerfälligkeit, ja Verschwommenheit“ ihrer Darstellung zurückgeführt. Dies wurde auch von seinen Zeitgenossen des öfteren kritisiert. Für viele von ihnen pendelte Comte zwischen Genie und Wahnsinn. Stuart Mill stellte ihn beispielsweise auf eine Ebene mit Größen wie Descartes und Leibnitz.

Dogmengeschichtlich gilt Comte bis heute als wichtig. Nach Arnaud ist er aus der Mode gekommen ohne jemals in Mode gewesen zu sein. Die Soziologie hat sich hauptsächlich mit dem ersten Teil seines Werkes beschäftigt, obwohl auch das Spätwerk durchaus soziologisch relevante Gedanken enthält.

Der Positivismus ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer weltweiten Bewegung geworden. Der Gedanke, dass der soziale Fortschritt auf Wirklichkeitsorientierung und Verzicht auf Spekulation in den Wissenschaften angewiesen sei, fand eine breite Gefolgschaft. Comtes Gedanke, dass gesellschaftliche Vorgänge mittels der Soziologie als Wissenschaft berechenbar und planbar werden hat sich in den Sozialwissenschaften durchgesetzt. Comte behauptete mit der von ihm entwickelten Soziologie, die Krisen der Gesellschaft beheben zu können. Auch die Soziologie heutzutage begründet vor der Öffentlichkeit ihre Existenz damit, dass mit dem von ihr bereitgestellten Wissen die Krisen des sozialen Lebens gelöst werden können.

Emile Durkheim ist ein begeisterter Anhänger von Comte und Saint-Simon. Die von Mill und Littrè vorgenommene Teilung von Comtes Schriften in ein wissenschaftlich bedeutsames Hauptwerk und ein religiös versponnenes Spätwerk hat sich in der Rezeption durchgesetzt.


Literatur[Bearbeiten]

  • Aron, R. (1979):
    "Hauptströmungen des klassischen soziologischen Denkens"
    Reinbek bei Hamburg
  • Fuchs-Heinritz, W. (1998):
    "Auguste Comte"
    Opladen/Wiesbaden
  • Repplinger, R. (1997):
    "Zu Auguste Comtes Krisendiagnosen"
    Tübingen
  • Wagner, G.(2001):
    "Auguste Comte zur Einführung"
    Hamburg

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Aron, 1979, S. 112 ff

Cooley, Charles Horton[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Cooley Charles Horton

  • geboren am 17. August 1864 in Ann Arbor, Michigan
  • gestorben am 8. Mai 1929 in Ann Arbor, Michigan


  • US-amerikanischer Soziologe
  • Mutter: Mary Elizabeth Cooley (geboren Horton), Beruf: Hausfrau
  • Vater: Thomas McInyre Cooley, Beruf: Professor der Rechte, Mitglied des „Supreme Court of Michigan“
  • Geschwister: Edgar Arthur Cooley, Fannie Carrie Cooley, Thomas Benton Cooley, Frances Eugene Cooley, May B. Cooley
  • Ehe: 1890 Elsie Jones, Tochter eines Universitätsprofessors der Medizin
  • Kinder: Margaret Horton Cooley (verheiratet Kennedy), Rutger Horton Cooley, Mary Elizabeth Cooley


Lebensdaten[Bearbeiten]

  • 17.8.1864 geboren als das Vierte von insgesamt sechs Kindern in Ann Arbor, Michigan. Cooley war bereits während in seiner Jugendzeit kränklich
  • 1880-1887: Besuch des Colleges in Ann Arbor; 1887 B.A.
  • 1887-1890: Leben in Washington, D.C. als Statistiker bei der Interstate Commerce Commission tätig, später beim Bureau of the Census in Washington, D.C.
  • 1890-1929: Leben in Ann Arbor, Michigan; Studium der Nationalökonomie und Soziologie an der Universität Michigan in Ann Arbor
  • 1894: Ph.D. (Political Economy), Dissertation: "The theory of transportation"
  • 1892-1929: Mitglied der Universität Michigan in Ann Arbor
  • 1892-1895: Instructor am Department of Political Science
  • 1899-1904: Assistant Professor für Nationalökonomie an der Universität Michigan
  • 1904-1907: Associate Professor of Political Economy
  • 1907-1929: Full Professor of Sociology

Charles Horton Cooley lebte vorwiegend in Ann Arbor und verbrachte die Sommermonate in Crystal Lake in Northern Michigan. Er lebte ein eher zurückgezogenes und wenig abenteuerliches Leben. Cooley lehnte diverse berufliche Angebote, wie etwa ein bedeutendes Angebot der Columbia University in New York, ab. Im Jahr 1905 wurde er Mitbegründer der "American Sociological Association".

  • Am 8.Mai 1929 starb Charles Horton Cooley an Krebs in Ann Arbor, Michigan.


Werke und Publikationen[Bearbeiten]

  • Report on transportation business in the United States at the Eleventh Census. (Washington, D.C.,1890) – mit Henry Carter Adams, Ephraim Douglass Adams & Thomas Jondrie Vivian.
  • The theory of transportation. - Zugleich Philosophische Dissertation (University of Michigan, Ann Arbor 1894).
  • Genius, fame, and the comparison of races. (Philadelphia, 1897).
  • Human nature and the social order. (New York, 1902).
  • Social organization. A study of the larger mind. (New York, 1909).
  • Social process. (New York, 1918).
  • Life and the student. Roadside notes on human nature, society, and letters. (New York, 1927)
  • Sociological theory and social research. Being selected papers of Charles Horton Cooley. (New York, 1930).
  • Introductory sociology (Charles Horton Cooley, Robert Cooley Angell und Lowell Juilliard Carr, New York, 1933).
  • On self and social organization. (Chicago, University of Chicago Press 1998).


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Charles Horton Cooley gilt als einer der Mitbegründer des Symbolischen Interaktionismus. Er war Anhänger der Theorie über die soziale Evolution von Herbert Spencer, allerdings distanzierte er sich von dem Individualismus Spencers, welcher vor allem in seinem ökonomischen Liberalismus zum Ausdruck kam. George Herbert Mead und Charles Cooley beeinflussten sich gegenseitig.


Cooley verstand die menschliche Natur und die Persönlichkeit als sozial generiert. Für Cooley ist die menschliche Natur ein Produkt der Kommunikation. Erst wenn der Mensch sein "Selbst" durch die Interaktion mit seinen Mitmenschen entwickelt, wird er zur menschlichen Person. Hier betont Cooley die Bedeutung der Primärgruppe, in welcher sich diese Kommunikation und Interaktion abspielt. Die Kommunikation gilt als das Instrument der Sozialisation des Individuums und als der Mechanismus, durch welchen sich soziale Beziehungen erst entwickeln und existieren können. Anhand der Kommunikation werden verschiedene Vorstellungen, die Menschen voneinander haben, ausgetauscht. Dabei versteht Cooley die Kommunikation als aktiven Prozess interdependenter Verhaltens- und Erfahrungsweisen.


"Looking-Glass Self"[Bearbeiten]

Nach dem Verständnis von Cooley erarbeitet man sich das „Selbst“ in der Interaktion mit anderen. Das „Selbst“ beruht auf der Organisation der wahrgenommenen Vorstellungen im Bewusstsein („Spiegelbild-Selbst“). Cooley versteht die Gegenseitigkeiten der Vorstellungen, die Menschen voneinander haben, als die (so genannten) „harten Tatsachen“, mit denen sich die Soziologie befasst. Analog dazu sind diese Vorstellungen die Verknüpfung zwischen dem „self“ und „society“. Diese Vorstellungen sind Bestandteile eines soziomentalen Prozesses. In diesem Zusammenhang spricht Cooley auch von „social mind“, was inhaltlich mit dem, was Émile Durkheim mit dem Begriff „Kollektivbewusstsein“ ("conscience collective") bezeichnet, vergleichbar ist. Diese Vorstellung begreift er wiederum als einen Teil des Kommunikationsprozesses. Demnach sind diese – in eine Interaktion integrierten – Wahrnehmungen einem ständigen Wandeln unterlegen. Cooley beschreibt das Selbst und die Gesellschaft als dynamische Prozesse. Ebenso wie bei George Herber Mead gibt es bei Cooley keine klare Trennung von Selbst und Gesellschaft, er sieht sie als „Zwillinge“ und „wie zwei Seiten einer Medaille“ an. Selbst und Gesellschaft sind ineinander übergehende Prozesse und gehören beide zur intersubjektiven Konstitution der Wirklichkeit. Das Selbst entsteht ab dem Zeitpunkt, wenn ein Kind zu reflektieren beginnt, welche Wirkung es auf seine Mitmenschen hat und sobald es auf die Bewertung anderer reagieren kann.


Primär- und Sekundärgruppen[Bearbeiten]

Die Primärgruppe (primary group)[Bearbeiten]

Primärgruppen haben eine besondere Bedeutung für die Ausformung der Sozialnatur des Menschen.

  • Sie sind die ersten Gruppen und die wichtigsten, die einem Individuum eine komplette Erfahrung vom sozialen Ganzen geben.
  • Das Individuum erfährt zeitlich am frühesten und am intensivsten, dass noch andere Menschen da sind und es von ihnen abhängig ist.
  • In Primärgruppen gibt es eine dauerhafte face-to-face-Interaktion.
  • Die Funktion der Primärgruppe im Hinblick auf ein größeres soziales Ganzes ist die Integration des Individuums in das größere Ganze.
  • Das Ziel der Primärgruppe ist die Vermittlung eines Wir-Gefühls.
  • Primärgruppen sind die Quelle des Individuums als soziales Wesen und die Verbindung des Ichs zur Gesamtgesellschaft. Ebenso sind sie auch Quelle und Ursprung aller sozialen Institutionen.
  • Die Primärgruppe ist die Kinderstube (nursery) der menschlichen Natur.
  • Primärgruppen sind universal, was bedeutet, dass es sie zu allen Zeiten und an allen Orten gibt. Allerdings haben sie von Gesellschaft zu Gesellschaft eine unterschiedliche Prägung. Aufgrund dieser Prägung entsteht ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein.
  • In Primärgruppen werden Normen und Werte vermittelt, welche in der Gesamtgesellschaft gültig sind.
  • Émile Durkheims soziale Tatsachen (fait sociaux) werden in den Primärgruppen begründet. Primärgruppen selbst sind universale Tatsachen.
  • Die wichtigste Primärgruppe ist die Familie.


Die Sekundärgruppe (secundary group)[Bearbeiten]

Primärgruppen beanspruchen das gesamte Individuum, die Sekundärgruppe hingegen beansprucht den Menschen nur unter bestimmten Aspekten. Das bedeutet, dass die Primärgruppe die gesamte Identität eines Individuums umfasst, während die Sekundärgruppe nur eine bestimmte Rolle beansprucht (z.B.: Schüler). Beide Gruppen können sich (auch ineinander) wandeln. Die Primärgruppe kann sachlich werden, die Sekundärgruppe kann sich zur emotionalen Gruppe entwickeln.


Die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärgruppe entspricht auch Ferdinand Tönnies' Einteilung in Gemeinschaft und Gesellschaft. Beides bezieht sich auf zwei unterschiedliche Formen des Zusammenlebens und Zusammenwirkens von Menschen und des Zusammenhandelns bzw. des Zusammenwollens.


Ebenso lassen sich die Pattern variables von Talcott Parsons anwenden um den Unterschied zwischen Primärgruppe und Sekundärgruppe zu veranschaulichen.


Folgt man Parsons' Pattern variables, so gelten für die Gemeinschaft bzw. Primärgruppe folgende Eigenschaften:

  • diffus
  • partikularistisch
  • zuschreibungsorientiert
  • kollektivorientiert
  • affektiv

Für Gesellschaft bzw. Sekundärgruppe gilt:

  • spezifisch
  • universalistisch
  • leistungsorientiert
  • selbstorientiert
  • affektiv neutral


Cooley's Gegenwartsdiagnostik[Bearbeiten]

Charles Cooley sieht die amerikanische Gesellschaft geprägt von einer starken, ökonomisch begründeten Unsicherheit. Cooley unterscheidet hier in zwei verschieden Arten von Ungleichheit. Einerseits die Ungleichheit aufgrund der Kaste (der soziale Status wird vererbt), andererseits die Ungleichheit durch die Klasse (der Status wird aufgrund von Beruf, Einkommen und Lebensstil erworben). Cooley ortet das Problem moderner Gesellschaften auf der einen Seite in dem Widerspruch von Familientraditionen und Familieninteressen, auf der anderen Seite in der individuellen Chancengleichheit (gesellschaftliches Ideal). Für moderne Gesellschaften typisch, sei die Abnahme an Bedeutung der Primärgruppe und das Zunehmen der Sekundärgruppe, sowie auch die moderne Massenkommunikation. Cooley mein weiters, dass das soziale System Amerikas funktionaler und gerechter werden würde, sich also somit verbessern würde. In Zukunft von großer Bedeutung wäre es also, die Verknüpfung zwischen Primär- und Sekundärgruppen wiederherzustellen. Weiters wäre es wichtig ein Programm für soziale Reformen und Erziehung zu entwickeln, durch welches Sekundärbeziehungen näher an „primary relations“-Ideale herangeführt werden könnten.


Literatur[Bearbeiten]

  • Marshall, Cohen J. (1982):
  • "Charles Horton Cooley and the Social Self in American Thought"
    New York


Internetquellen[Bearbeiten]

Coser, A. Lewis[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Lewis Alfred Coser

  • geboren am 27. November 1913 in Berlin (GER)
  • gestorben am 8. Juli 2003 in Cambridge/Massachusetts (USA)


  • 1913 mit dem Namen Ludwig Cohen als Sohn eines Börsenmaklers in Berlin geboren. Sein Vater entschied sich auf Grund des aufkommenden Antisemitismus für die Anglisierung des Namens Lewis.
  • 1933 Beginn des Studiums an der Sorbonne in Paris, um als überzeugter Marxist der Judenverfolgung zu entkommen. Eines seiner Hauptfächer war Belletristik.
  • 1941 gelang es Coser, von einem deutschen Internierungslager nach Portugal zu flüchten, um von dort aus in die USA zu emigrieren.
  • 1942 heiratete er Rose Laub, die drei Jahre zuvor Deutschland verlassen hatte, und ihn durch die Genehmigung zur Ausreise in die USA gerettet hatte.
  • 1944 Erwerb des Doktorats an der Columbia University, nachdem er als Garderobier, Packer und Übersetzer gearbeitet hatte.
  • 1951-68 Professur an der Brandeis University in Boston, an der er die soziologische Abteilung begründete. Danach war er Professor an der State University of New York. Coser veröffentlichte nahezu zwanzig Bücher und zahlreiche Artikel.
  • 1974-75 war er Präsident der American Sociological Association.
  • 1994 Tod seiner Frau Rose Laub.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Lewis A. Coser wurde 1913 in Berlin geboren. Im Alter von 20 Jahren entschied er sich nach Frankreich zu gehen, um dem an Stärke gewinnenden Antisemitismus zu entfliehen und begann dort an der Sorbonne zu studieren. Als er auch in Frankreich nicht mehr vor deutschen Internierungslagern sicher war, versuchte er 1941 Frankreich über Portugal zu verlassen, um von dort in die Vereinigten Staaten einzureisen. In den USA gelang es ihm ein Doktorat zu erwerben, weiters begann er an politisch-ideologischen Auseinandersetzungen teilzunehmen. Wie er selbst in seinem Werk "The Functions of Social Conflict" schreibt, griff er das Thema Konflikt auf, um den damals in der amerikanischen Soziologie negativ geprägten Begriff, zu kritisieren und neu einzuführen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

1956 veröffentlichte Lewis A. Coser sein Werk über die Konflikttheorie „The Functions of Social Conflict“(beeinflusst durch Karl Marx, Max Weber, Emile Durkheim, Georg Simmel, Sigmund Freud, M. Scheler) und vollendete damit das in der amerikanischen Soziologie bereits oft diskutierte Thema über den Sinn des Konflikts. Im Gegensatz zu Dahrendorf, der den Konflikt als Ausübung der Macht formulierte, stellte Coser Theorien über einen sozialen Konflikt auf. Coser übernahm Georg Simmels Theorien, die jener 1908 unter dem Titel „Der Streit“ publizierte, und versuchte damit zu einer positiveren Ansicht des Konflikts zu kommen. Er kritisierte in seinem Buch Talcott Parsons Theorien, die den Konflikt als eine „Krankheit“ darstellen und allein dysfunktionale und desintegrative Wirkungen aufzeigen. Für Coser hatte der Konflikt eine integrative Funktion für Gruppen und die Gesamtgesellschaft. Konflikt trug für ihn zur Gruppenbildung und zum Gruppenerhalt bei.


Werke[Bearbeiten]

  • The Functions of Social Conflict (Theorie sozialer Konflikte), 1965
  • Sociological Theory, 1964
  • Men of ideas, 1965
  • Political Sociology, 1967
  • Continuities in the study of Social Conflict, 1967
  • Masters of Sociological Thought, 1970
  • Greedy Institutions, 1974
  • The Idea of Social Structure, Papers in Order of R. K. Merton, 1975
  • The Uses of Controversy in Sociology, 1976
  • Refugee Scholars in America, 1984
  • Conflict and Consensus, 1984


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Cosers 16 Thesen zur Theorie sozialer Konflikte:

1. Gruppenfestigende Formen des Konflikts. Auf der anderen Seite tritt die durchaus positive und integrierende Rolle des Antagonismus an Fällen hervor, wo die Struktur durch die Schärfe und sorgfältig konservierte Reinheit sozialer Einteilungen und Abstufungen charakterisiert wird.

2. Gruppenerhaltende Funktion des Konflikts. So ist die Opposition eines Elementes gegen eine ihm vergesellschaftetes schon deshalb kein bloß negativ sozialer Faktor, weil sie vielfach das einzige Mittel ist, durch das uns ein Zusammen mit eigentlich unaushaltbaren Persönlichkeiten noch möglich ist.'

3. Echter und unechter Konflikt. Ein anderer Grenzfall scheint gegeben, wenn der Kampf ausschließlich durch Kampflust veranlasst ist. Beim unechten Konflikt geht es nicht darum eine Lösung zu finden, sondern nur um die Vernichtung des anderen (unterdrückter Konflikt, das wirkliche Problem wird nicht angesprochen). Echte Konflikte sind produktive oder rationale Konflikte, bei denen es darum geht, Lösungen zu finden.

4. Konflikt und feindselige Impulse. Feindselige Impulse allein reichen zur Erklärung von Konflikten nicht aus.

5. Feindseligkeit in engen sozialen Beziehungen. Erotische Beziehungen bieten die häufigsten Beispiele. Wie oft erscheinen sie uns zusammengewebt aus Liebe und Achtung.

6. Das Vorhandensein von Konflikten kann ein Zeichen für die Stabilität von Beziehungen sein.

7. Je enger die Beziehung desto intensiver der Konflikt.

8. Konflikte innerhalb von Gruppen wirken reinigend und verhindern Spaltungen.

9. Konflikte mit Fremdgruppen verstärken den inneren Zusammenhalt.

10. Der Konflikt mit einer anderen Gruppe bestimmt die Gruppenstruktur und die Reaktion auf inneren Konflikt.

11. Im Kampf erprobte Gruppen sind auf die Suche nach Feinden angewiesen.

12. Ideologische Konflikte sind oft besonders hart. Hierbei besteht ein unechter Konflikt (Weltanschauungs- oder Identitätskonflikt).

13. Konflikt bindet Gegner aneinander. Arbeitskonflikte, Konfliktfreundschaft.

14. Interesse an der Einigkeit des Feindes

15. Konflikt schafft und erhält Gleichgewicht der Macht.

16. Konflikt schafft Vereinigungen und Koalitionen.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Die amerikanische Soziologie befasste sich in den 50er Jahren nur wenig mit dem Thema „Konflikt“. Für deren Vertreter galt der Konflikt als mehr störend denn funktional. Konflikt musste unter Kontrolle gebracht werden, da dieser zu Spannungen in der Gesellschaft führen würde. Cosers Dissertation, die er 1954 an der Columbia University im Umfeld der Theorieschule um Robert K. Merton verfasste und weiterentwickelte, griff damit ein klassisches soziologisches Problem auf. Coser verband die damals dominanten strukturfunktionalistischen Theorien mit jenen von europäischen Autoren (wie Georg Simmel), die Konflikt als „funktional“ betrachteten.

Durch Cosers Theorien ergab kam es zur Weiterentwicklung des Strukturfunktionalismus. Coser beeinflusste durch sein Werk sämtliche Bewegungen in den USA, wie das „civil rights movement“ Ende der 60er Jahre. Die „68er-Generation“ (miss)brauchte jedoch die Gedanken Cosers als Anleitung zur Zerstörung von Systemen. Für Coser sollten Konflikte aber nur dann dysfunktionale Wirkung haben, wenn sich ein System starr und inflexibel gegenüber Interessenkonflikten verhalten würde.

Neben Ralf Dahrendorfs „Class and Class Conflict in Industrial Society“, das 1959 veröffentlicht wurde und die Theorien Cosers mitbeinhaltet, zählen Cosers 16 Thesen zu den wichtigsten Beiträgen der internationalen Konfliktsoziologie.


Literatur[Bearbeiten]

  • Dirk Kaesler[Hrsg.] (2000):
    "Hauptwerke der Soziologie"
  • Bernsdorf Wilhelm [Hrsg.] (1959):
    "Internationales Soziologenlexikon"
  • Oesterdiekhoff Georg [Hrsg.] (2001):
    "Lexikon der soziologischen Werke"


Internetquellen[Bearbeiten]

Dahrendorf, Ralf[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Ralf Gustav Dahrendorf, auch unter dem Pseudonym "Wieland Europa" bekannt


  • geboren am 1. Mai 1929 in Hamburg, gestorben am 17. Juni 2009 in Köln


  • Eltern: Gustav Dahrendorf (ehemaliger SPD-Reichstagsabgeordneter)


  • Studium der Philosophie und der klassischen Philologie an der Universität Hamburg.
  • 1952 Promotion zum DR. phil. mit einer Arbeit über Karl Marx.
  • 1957 Promotion in Soziologie an der London School of Economics.
  • 1957 Habilitation an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.
  • Seit 1958 Professor für Soziologie in Hamburg, Tübingen und Konstanz.


  • Nach Kriegsende Parteimitglied der SPD, und kurzzeitig auch Mitglied des SDS. Trotz der Tatsache Angehöriger dieser Parteien gewesen zu sein, wurde er als Vordenker des Liberalismus bekannt.
  • 1967 Endgültiger Wechsel zur FDP, nachdem er auf einer regionalen Liste für Freidemokraten kandidiert hatte. Gemeinsam mit Generalsekretär Karl Hermann Flach war er stark an der Neuausrichtung der FDP in den späten 60ern und frühen 70ern beteiligt.
  • 1969 Einzug in den Bundestag für die Liberalen; kurzzeitiges Amt als Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt.
  • 1970 Wechsel zur europäischen Kommission in Brüssel.


  • 1974-1984 Leitung der London School of Economics.
  • 1982-1987 Vorstandsvorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann- Stiftung.
  • 1989 erhält er den Siegmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.
  • 1987-1997 Rektor des St. Anthony’s College in Oxford, 1991-1997 Prorektor der dortigen Universität.
  • Ernennung zum „Sir“, und 1993 zum „Baron of Clare Market“ als Life Peer durch Königin Elisabeth II.
  • Seit 2005 Forschungsprofessor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.


Außerdem war Dahrendorf Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Heute ist Dahrendorf nicht mehr Mitglied der FDP, sondern wegen seines britischen Wohnsitzes Angehöriger der dortigen Liberal Democrats und ist Mitglied des englischen Oberhauses. Zudem ist er noch als Berater der Badischen Zeitung tätig.

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Ralf Dahrendorf , der als Sohn eines sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten und Widerstandskämpfers zur Welt kam, wuchs in der Zeit des Nationalsozialismus auf und war als Mitglied einer antinationalsozialistischen Schülergruppe 1944-45 selbst inhaftiert. Genau wie sein Vater, trat er später auch der SPD bei, wechselte dann 1967 aber zur FDP. Dahrendorf beschäftigte sich viel mit Themen die die EG und die EU betrafen und war 1970 selbst EU Kommissar.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Ralf Dahrendorf promovierte bereits 1952 mit einer Arbeit über Karl Marx. Dieser beeinflusste ihn auch später noch stark. In seinem Werk „Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft“ versucht Dahrendorf in Auseinandersetzung mit der Klassentheorie von Karl Marx und im Gegensatz zu funktionalistischen Ungleichheitstheorien eine eigene konflikttheoretische Variante zu finden, mit der er die Marx’schen Überlegungen weiterentwickeln wollte.

Da sich Dahrendorf mit dem Funktionalismus beschäftigte, wurde er auch durch andere Soziologen die sich mit diesem Thema befassten, so etwa Herbert Spencer, Vilfredo Pareto, Bronislaw Malinowski und Talcott Parsons, beeinflusst. Die Konflikttheorie, mit der sich Dahrendorf beschäftigte haben neben Karl Marx schon andere Klassiker der Soziologie wie Emile Durkheim, Georg Simmel und auch der neuzeitlichere Soziologe Lewis Coser aufgegriffen.

Werke[Bearbeiten]

  • Die angewandte Aufklärung: Gesellschaft u. Soziologie in Amerika. Piper, München 1962
  • Homo Sociologicus: ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen 1965
  • Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. Piper, München 1965
  • Konflikt und Freiheit: auf dem Weg zur Dienstklassengesellschaft. Piper, München 1972
  • Class and class conflict in industrial society. Stanford Univ. Press, Stanford 1973
  • Pfade aus Utopia: Arbeiten zur Theorie und Methode der Soziologie. Piper, München 1974
  • Lebenschancen: Anläufe zur sozialen und politischen Theorie. Suhrkamp-Taschenbuch, Frankfurt a.M. 1979
  • Die neue Freiheit: Überleben und Gerechtigkeit in einer veränderten Welt. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1980
  • Die Chancen der Krise: über die Zukunft des Liberalismus. DVA, Stuttgart 1983
  • Fragmente eines neuen Liberalismus. DVA, Stuttgart 1987
  • Der moderne soziale Konflikt: Essay zur Politik der Freiheit. DVA, Stuttgart 1992
  • Liberale und andere: Portraits. DVA, Stuttgart 1994
  • Die Zukunft des Wohlfahrtsstaats. Verl. Neue Kritik, Frankfurt a.M. 1996
  • Liberal und unabhängig: Gerd Bucerius und seine Zeit. Beck, München 2000
  • Über Grenzen: Lebenserinnerungen. Beck, München 2002
  • Auf der Suche nach einer neuen Ordnung: Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert. Beck, München 2003
  • Der Wiederbeginn der Geschichte: vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak; Reden und Aufsätze. Beck, München 2004
  • Engagierte Beobachter. Die Intellektuellen und die Versuchungen der Zeit, Wien: Passagen Verlag 2005.
  • Versuchungen der Unfreiheit. Beck 2006


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Dahrendorf beschäftigte sich unter Anderem mit Themen wie sozialer Wandel, Arbeitsmarktpolitik und Globalisierung. Einer seiner wichtigsten Beiträge ist jener zur Konflikttheorie der Gesellschaft. Ende der 1950er herrschte Kritik am damaligen Funktionalismus, die Kritik konzentrierte sich insbesondere auf die Frage des Konflikts und des Wandels der Gesellschaft. Dahrendorf versuchte ein Bild der Gesellschaft zu konstruieren, das sich auf Konflikt und Wandel bezieht.

Dahrendorf ist davon überzeugt, dass sich der Funktionalismus mit den Strukturen und Prozessen beschäftigt, die dazu beitragen die Gesellschaft aufrecht und im Gleichgewicht zu halten. Dem stellt er ein anderes Bild gegenüber und zeigt damit auf, was zur Destruktion der Gesellschaft führt. Dahrendorf stellt diese 2 gegensätzlichen Bilder in jeweils 4 Postulaten dar.

Die funktionalistische Sichtweise:

  1. Jede Gesellschaft ist eine relativ beständige Konfiguration von Elementen.
  2. Jede Gesellschaft ist eine gut integrierte Konfiguration von Elementen.
  3. Jedes Element einer Gesellschaft trägt zu ihrem Funktionieren bei.
  4. Jede Gesellschaft basiert auf dem Konsensus ihrer Mitglieder.

(Ralf Dahrendorf)


Die konflikttheoretische Sichtweise :

  1. Jede Gesellschaft unterliegt in jedem Augenblick der Veränderung: sozialer Wandel ist allgegenwärtig.
  2. Jede Gesellschaft erlebt in jedem Augenblick Konflikt: sozialer Konflikt ist allgegenwärtig.
  3. Jedes Element einer Gesellschaft trägt zu ihrer Veränderung bei.
  4. Jede Gesellschaft basiert auf dem Zwang, den einige ihrer Mitglieder auf andere ausüben.

(Ralf Dahrendorf)


Dahrendorf will die konflikttheoretische Perspektive zur funktionalistischen hinzufügen, sie nicht ersetzen. Er versucht die Ursprünge des Konflikts in der Struktur der Gesellschaft zu finden, da sie ein dauerhaftes Element der Gesellschaft ist. Nach Dahrendorf liegen die strukturellen Gründe für soziale Konflikte in den Herrschaftsverhältnissen einer Gesellschaft. Außerdem meint er dass jede soziale Organisation aus 2 gegnerischen Gruppen (die Herrschenden und die Beherrschten) besteht, wobei die Herrschenden, Träger positiver und die Beherrschten, Träger negativer Herrschaftsrollen sind. Die Herrschenden sollten daran interessiert sein, den Status Quo zu erhalten, und die Beherrschten sollten daran interessiert sein die Sozialstruktur dahingehend zu verändern dass die etablierte Herrschaft gestürzt wird und somit Herrschaftspositionen für sie frei werden. Man kann daraus folgern, dass es um so mehr zu sozialem Wandel kommt, je mehr die Beherrschten gegen die Herrschenden erfolgreich ankämpfen.

Dahrendorf befasst sich in seiner Rollentheorie mit sozialen Rollen, die in Gesellschaften vorhanden sind und auf die Individuen wirken. Er meint, dass die Gesellschaft ein Netzwerk sozialer Positionen ist, die mit verschiedenen sozialen Rollen behaftet sind. Im Gegensatz zur Rollentheorie des symbolischen Interaktionismus in der der Rollenbegriff ein aktives Gestaltungsmoment einnimmt, ist die Rollentheorie Ralf Dahrendorfs auf die gesellschaftlich zugewiesene Rolle zugeschnitten (der Akteur fügt sich in die vom sozialen System "angelegten" Rollen). Demnach werden soziale Rollen dem Individuum, durch die Sanktionskraft von Bezugsgruppen aufgezwungen. Soziale Rollen sind gesellschaftliche Erwartungen, die das Verhalten von Positionsträgern reglementieren. Die Verbindlichkeit dieser Erwartungen kann unterschiedlich sein (muss-, soll-, kann- Erwartungen),und damit auch die Härte der Sanktionen, die die Gesellschaft ausübt. Es ist möglich dass die Rollenerwartungen die von verschiedenen Bezugsgruppen an ein Individuum gerichtet werden, miteinander in Widerspruch geraten (Intra-Rollenkonflikt). Es kann aber auch ein Konflikt zwischen den verschiedenen Rollen, die ein Individuum spielt entstehen (Inter-Rollenkonflikt). Dahrendorf meint, je mehr Sanktionskraft eine Bezugsgruppe hat, desto besser kann sie ihre Rollenerwartungen durchsetzen.

Dahrendorf ist darüber hinaus bekannt für die Konstruktion des „homo sociologicus“, Träger sozial vorgeformter Rollen, der sein Handeln an soziale Normen anpasst.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

In der Soziologie der 50er Jahre wurde Konflikt als störend angesehen und hatte demnach keine Funktion. Ralf Dahrendorf war neben anderen wie Lewis A. Coser an einer Konflikttheorie interessiert. Sein Werk "Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft", ist neben Cosers Werk "The Functions of Social Conflict" wohl eines der Wichtigsten zum Thema Konflikttheorie. Außerdem stellte Dahrendorf in der Rollentheorie das Modell des homo sociologicus auf, das ein pendant zum homo oeconomicus darstellt und auch in der Gegenwartsoziologie noch eine wichtige Rolle spielt.


Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Münch (2004):
    "Soziologische Theorie, Band 3 Gesellschaftstheorie"
    Frankfurt am Main
  • Bernsdorf/ Knospe [Hg.] (1984):
    "Internationales Soziologenlexikon Band 2, 2. neubearbeitete Auflage"
    Stuttgart
  • Georg W. Oesterdiekhoff [Hrsg.] (2001):
    "Lexikon der soziologischen Werke"
  • Kaesler/Vogt [Hgrsg.] (2000):
    "Hauptwerke der Soziologie"


Internetquellen[Bearbeiten]

Dewey, John[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Dewey John

  • geboren am 20. Oktober 1859
  • gestorben am 01. Juni 1952


  • Eltern: Archibald Sprague Dewey (Geschäftsbesitzer; gest. 10.4.1891) und Lucina Artemesia Rich Dewey (Hausfrau; gest. 27.3.1899)
  • verheiratet mit: Harriet Alice
  • Kinder:
  • Frederick Archibald (19.7.1887 - 28.7.1967)
  • Evelyn Riggs (5.3.1889 - 12.03.1965)
  • Morris (18.10.1892 - 12.3.1895)
  • Gordon Chipman (29.5.1896 - 10.9.1904)
  • Lucy Alice (28.12.1897 - 17.5.1973)
  • Jane Mary (11.7.1900 - 19.09.1976)
  • Sabino (1905 adoptiert; ? - 22.3.1973)


  • 1859: Am 20.Oktober wird John Dewey in Burlington, Vermont, als dritter von vier Brüdern geboren. Dewey besucht die öffentliche Schule und nach seinem Schulabschluss die Universität von Vermont.
  • 1879 schließt John Dewey die Universität ab. Anschließend unterrichtet er zwei Jahre an der High School.In dieser Zeit beschäftigt er sich viel mit Philosophie und schickt ein philosophisches Essay an W.T. Harris, den Herausgeber des Journal of Speculative Philosophy.
  • 1881: Durch Harris ermutigt reist Dewey nach Baltimore, wo er an der John Hopkins Universität als Graduierter zu studieren beginnt.
  • 1884: Dewey promoviert und nimmt anschließend einen Lehrposten an der Universität von Michigan an.
  • 1886: Hochzeit mit der Studentin Harriet Alice Chipman.
  • 1887: Am 19. Juli wird ihr Sohn Frederick Archibald geboren.
  • 1888: Dewey unterbricht seine Tätigkeit in Michigan für ein Jahr, um an der Universität Minnesota zu lehren. In dieser Zeit schreibt er seine ersten beiden Bücher Psychology (1887) und Leibniz´s New Essays Concerning the Human Understanding (1888). Zurück in Michigan trifft er auf James Hayden Tufts, einen seiner wichtigsten philosophischen Partner.
  • 1889: Am 5.März kommt Tochter Evelyn Riggs zur Welt.
  • 1892: Am 18.Oktober wird der zweite Sohn, Morris, geboren.
  • 1894 folgt er Tufts an die erst kürzlich gegründete Universität Chicago, wo er Vorsitzender der Abteilung für Philosophie, Psychologie und Pädagogik wird. In Chicago gründet und leitet Dewey eine Versuchsschule, wo er Gelegenheit hat, seine Ideen direkt auf pädagogische Methoden anzuwenden.
  • 1895: Deweys Sohn Morris verstirbt am 12. März.
  • 1896: Am 29.Mai wird der dritte Sohn, Gordon Chipman, geboren.
  • 1897: Am 28.Dezember kommt Tochter Lucy Alice zur Welt.
  • 1899 wird Dewey Präsident der American Psychological Association (bis 1900).
  • 1900: Am 10.Juli kommt die dritte Tochter, Jane Mary, zur Welt.
  • 1904: Aufgrund von Unstimmigkeiten mit der Verwaltung legt Dewey seinen Posten in Chicago zurück und schließt sich dem Fachbereich Philosophie an der Columbia Universität in New York an. Auf diesem Wege kommt er mit vielen der führenden amerikanischen Philosophen und ihren unterschiedlichen Ansichten in Berührng. Nebenbei arbeitet er am Teachers College, da er nach wie vor der pädagogischen Thematik großes Interesse entgegenbringt. Am 10. September des selben Jahres verstirbt Deweys Sohn Gordon Chipman.
  • 1905: Die Deweys adoptieren einen italienischen Jungen, Sabino.
  • 1911: Dewey wird Präsident der American Philosophical Association.
  • 1919 – 1921: John Dewey unternimmt Vortragsreisen nach Japan und in die Volksrepublik China.
  • 1927: Harriet Alice Chipman Dewey verstirbt.
  • 1928 reist er in die Sowjetunion, um dort Schulen zu besichtigen.
  • 1930: Dewey zieht sich aus dem aktiven Berufsleben zurück.
  • Mitte der 30er Jahre ist Dewey Mitglied einer Kommission, die die im Moskauer Prozess gegen Leon Trotzki erhobene Vorwürfe prüfen soll.
  • 1940: Dewey setzt sich zugunsten seines Kollegen Bertrand Russell ein, als Konservative versuchen, ihn von seinem Lehrplatz am College der Stadt New York zu verdrängen.
  • 1946: Hochzeit mit Roberta Lowit Grant (gest. 6. 5. 1970).
  • 1952: Am 1. Juni verstirbt Dewey in New York.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Dewey lebte in einer sehr bewegten Zeit, einerseits erlebte er den Bürgerkrieg und seine schwerwiegenden Folgen, andererseits auch die Verbesserung der Lebensumstände durch technische Errungenschaften, den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht und die Verbreitung des Demokratiegedankens. Dewey war für den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg. Er identifizierte sich stark mit dem Demokratiegedanken.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Dewey studierte bei Sanders Pierce der neben William James als Begründer des Pragmatismus gilt.

Er beschäftigte sich mit dem deutschen Idealismus, also auch mit den Lehren Kants und Hegels, vor allem in Bezug auf die deutsche Mentalität. Hegels Idealismus war bis in die 1890er Jahre hinein sein Ausgangspunkt.

Dann erfolgte eine Wende in Richtung empirische Philosophie. In Anlehnung an die Evolutionstheorie von Darwin fragte sich Dewey, wie menschliches Wissen sich entwickelt – er kam zu dem Schluss, dass dies durch den instrumentellen Einsatz des Wissens geschieht.

Dewey war gut mit G.H. Mead befreundet, der ebenfalls dem Pragmatismus zuzureihen ist.


Werke[Bearbeiten]

  • 1897: My Pedagogic Creed was a feckin nightmare
  • 1900: The School and Society weren't cool too
  • 1902: Child and the Curriculum are both unwanted
  • 1916: Democracy and Education: An Introduction to the Philopsophy of Education
  • 1927: The Public and its Problems, for example that anyone can change text on this site
  • 1933: How We Think: A Restatement of the Relation of Reflective Thinking to the Educative Process
  • 1934: Art as Experience is kinda stupid u gotta go and do ur own thing
  • 1938: Experience and Education it is kinda ironic u know? he says learning by doing BUT here we see like 10 books of his =/
  • 1946: Problems of Men are women not realising that they already do have equal rights

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Dewey war an sich kein Soziologe, sondern ist eher den Fächern der Psychologie, Philosophie sowie der Pädagogik zuzureihen. Er beschäftigte sich intensiv mit der Entstehung des menschlichen Wissens. In Verbindung zu Dewey wird häufig der Begriff Instrumentalismus genannt, der im Prinzip eine Weiterentwicklung des Pragmatismus darstellt. Verstand und Körper stellen Mittel zur Problembewältigung dar. Sein Wissen setzt der Mensch wie ein Instrument ein.

Nach Ansicht der Vertreter des Pragmatismus beweist sich die Wahrheit einer Aussage durch ihren Nutzen. Die Wahrheit selbst stellt bloß eine brauchbare Vorstellung zur Situationsbewältigung dar. Der Pragmatismus geht davon aus, dass die Wirkung einer Idee wichtiger ist, als ihre Ursache. Alle Handlungen haben praktischen Nutzen.


Dewey war Vertreter demokratischen Gedankenguts, seiner Meinung nach ist die richtige Erziehung der Antrieb um eine Gesellschaft zu verbessern. Der Schüler stellt für ihn nicht ein bloßes Objekt dar, dem es gilt, etwas beizubringen. Vielmehr sieht er in seinen Schülern lernende Individuen. Dewey hat sich im Zuge seiner Forschungsarbeit auch mit dem symbolischen Interaktionismus auseinander gesetzt, der ebenfalls mit Lernprozessen verknüpft ist. Wir erlernen, Dingen eine Bedeutung zu geben, sie gemeinsam zu interpretieren und uns entsprechend zu verhalten.


Dewey wird der Reformpädagogik zugereiht. Er gilt als Erfinder des Projektlernens, wobei diese Methode schon vor Deweys Zeit angewandt wurde - nichtsdestotrotz hat er sich intensiv damit beschäftigt und sie weiter entwickelt. Hierbei müssen sich Schüler intensiv mit einem Thema auseinander setzen. Sie haben mehr Verantwortung, als dies beim herkömmlichen Unterricht der Fall ist - für Dewey die ideale Ausgangsbasis für dauerhaften Lernerfolg.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Einer der wichtigsten Schüler Deweys war W.H. Kilpatrick (1871 - 1965). Er beschäftigte sich genauso wie Dewey mit der Frage wie bzw. welche Erfahrungen und Handlungen Einfluss auf die Identitätsbildung von Jugendlichen haben.

In seiner Rolle als guter Freund Meads hatte Dewey diesem kurz vor seinem Tod eine Professur für Philosophie an der Columbia University verschafft, die Mead jedoch nicht mehr antreten konnte.


Literatur[Bearbeiten]

  • Wikipedia

kann man bei google angeben - kommt als erstes

Internetquellen[Bearbeiten]

de Saint-Simon, Henri[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Claude Henri de Rouvroy, Comte de Saint Simon

  • geboren 1760 in Paris


  • ab 1773: Saint- Simon verweigert die Kommunion. Er tritt den Freiheitskämpfern, die für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten kämpfen, bei.
  • ca. 1792: 11 Monate Gefängnis wegen finanzieller Verbindungen zu Graf von Redern
  • 1793: großer Reichtum und Leben im Überfluss
  • 1805: Saint- Simon steht vor dem finanziellen Ruin
  • 1806: Blutsturz wegen Überarbeitung
  • 1807: sein Werk „Einführung in die wissenschaftlichen Arbeiten des 19. Jahrhunderts“ entsteht
  • 1810: Tod seines Freundes Diard
  • 1817: „Die Industrie“ wird herausgegeben
  • 1819: „Der Organisator“ erscheint und ist ein großer Erfolg
  • 22. Mai 1825: Henri de Saint- Simon stirbt in den Armen seine Freundes Olinde Rodrigues in Paris


Historischer Kontext[Bearbeiten]

1760 wird Claude Henri de Rouvroy, Comte de Saint Simon in Paris geboren. Der Philosoph D’Alembert führt ihn in die Methoden des Denkens ein. Mit 13 Jahren verweigert Claude Henry den Kommunionempfang.

Saint- Simon definiert die Aufklärung als Theorie der Revolution. Er ist begeistertes Mitglied der geistigen Freiheitsbewegung. Deshalb schließt er sich dem Freiheitstrupp an, um für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten zu kämpfen. Von diesem Kampf erhofft er sich die "industrielle Freiheit".

Nach Beendigung des Feldzugs unterbreitet er dem Vizekönig von Mexico den Gedanken eines interozeanischen Kanals, seine Idee sollte jedoch erst im 20sten Jahrhundert in die Tat umgesetzt werden.

Nach seiner Heimkehr gibt Saint-Simon seine militärische Karriere auf, um sich ganz und gar der Wissenschaft zu widmen. Er reist nach Spanien um dort einen weiteren Kanal von Madrid bis zum Meer zu planen und zu entwerfen.

Als die Revolution ausbricht, verzichtet Saint- Simon auf Rang und Titel und fordert die Abschaffung aller adeligen und geistlichen Standesvorrechte. Er begrüßt die Revolution und ist einer ihrer stärksten Anhänger und Verfechter.

Nach Ende der Revolution ( 1793) lebt Saint- Simon gleichsam wie "wie die Götter auf Erden", im Überfluss. Er verwendet all sein Geld um teure "Gesellschaften" auszurichten. Nur die bekanntesten und gelehrtesten Leute Frankreichs werden dazu geladen. So baut er sich einen erstaunlichen Bekanntenkreis auf und fördert mit seinem Geld große Talente und Werke.

Mit 40 beginnt Saint-Simon an der Polytechnischen Schule Mathematik und an der Medizinischen Fakultät Physiologie zu studieren. Er lernt bei den größten Gelehrten seiner Zeit, die zu seinen ständigen Gästen werden.

1805 steht Saint- Simon vor dem finanziellen Ruin. Mit diesem Einschnitt beginnt seine geistige Produktivität. Er besucht nach wie vor Vorlesungen, nimmt eine Stelle als Kopist an und investiert viel Zeit in seine persönlichen Studien.

1806 kommt es wegen Überarbeitung zu einem Blutsturz. Sein alter vermögender Diener Diard gibt ihm in dieser Zeit der Krankheit Unterkunft.

1807 entsteht sein Werk „Einführung in die wissenschaftlichen Arbeiten des 19. Jahrhunderts“.

1810 stirbt Henris Freund Diardund, was wiederum eine Periode des Elends einleitet. Saint-Simons Familie bietet ihm schlussendlich eine kleine Rente an. Im Gegenzug dazu muss er jedoch auf seine Erbrechte verzichten. Saint Simon nimmt eine Anstellung als Beamter an der Nationalbibliothek an.

1813 vollendet er „ Die Denkschrift über die Wissenschaft des Menschen“ , die er an einflussreiche Personen versendet um von ihnen Unterstützung zu bekommen.

1817 ensteht „Die Industrie“ , finanziert durch die bedeutendsten Industriellen und Bankiers Frankreichs. Aufgrund der negativen Ankündigungen eines Kommenden Zusammenbruchs der alten Moral, die Saint-Simon im dritten Band schildert, entfernen sich jedoch seine Gönner, aus Angst.

1819 erscheint „Der Organisator“ und ist ein großer Erfolg. Keiner glaubte an den „Verrückten“, Saint-Simon. Doch der Dichter Béranger, der die Musik als Mittel der Volksbelehrung einzusetzen versteht, feiert ihn nun und wird zu seinem Freund und Schüler. (Der Historiker Thierry und der Philosoph Comte waren kurze Zeit seine Sekretäre.)

Trotz all des Erfolges lebt Saint-Simon stets in ärmlichen Verhältnissen. Bei einem missglückten Selbstmordversuch schießt sich Saint-Simon ein Auge aus. Zwei Monate trifft er auf den Bankier Olinde Rodrigues, der von nun an sein Gönner und Förderer wird. Saint-Simon schreibt die Verkündigungen des „Neuen Christentums“.

Von vielen Bewunderern umgeben, verfolgte er bis zu letzt seine Absichten eine Zeitschrift zu veröffentlichen.

Am 22. Mai 1825 stirbt Henri de Saint- Simon in den Armen seine Freundes Olinde Rodrigues in Paris


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Henri de Saint- Simon wurde von vielen berühmten Denkern beeinflusst. Besonders von Francis Bacon, René Descartes und John Locke die sich bereits mit der Auswertung politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Phänomene durch die Methoden der Wissenschaft, in Anwendung der Naturwissenschaften, beschäftigt haben.

Saint- Simon wurde außerdem als Begründer des „Dreistadiengesetzes“ bekannt, welches aber auf die Theorien Turgots und Condorcets zurückgeht.

Weiters wurde er in seinen Interpretationen stark von der Geschichtsphilosophie Hegels beeinflusst und übernahm viele von dessen Thesen und Gedanken.

Den meisten Einfluss hatte jedoch Napoleon auf Saint-Simons Denken. Saint- Simon wiederstrebte die Vorstellung eines Herschers der in ein Land einfällt und es zu beherrschen versucht. Darüber verfasste er auch ein Buch, „ Profession de foi du Comte de Saint- Simon au sujet de l’ivasion du territoire francaise par Napoleon Bonaparte" (1815).


Werke[Bearbeiten]

1802 : Lettres d’un Habitant de Genève

1807/ 08: Intoduction aux travaux scientifiques du XIXe siècle

1808: Lettres

1812: Mémoire introductive de M. de Saint- Simon sur sa contestation avecM. de Reder, Alecon

1813: Mémoire sur la Sience de l'Homme

1813: Travail sur la gravitation universelle

1814 : De la Réorganisation de la société européenne

1815: Profession de foi du Comte de Saint- Simon au sujet de l'ivasion du territoire francaise par Napoleon Bonaparte

1815: Opinion sur les mesures à predere contre la coalition de 1825

1817 : L'Industrie

1819: La Politique

1819 : L’Organisateur

1820: Considérations sur les mesures à predre pour terminer la revolution

1820: Lettres à M.M. les Jurés

1820-22: Du système industriel

1822: Des Bourbons et des Stuarts

1824 : Le Catéchisme des industriels

1825 (?): Opinions littéraires, philosophiques et idustrielles

1825 : Le Nouveau Christianisme


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Grundvorstellungen:

Saint-Simon gilt als Begründer des französischen Sozialismus. Er versuchte die gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Phänomene mit den Methoden der empirischen Wissenschaften zu erklären. Saint- Simon stütze sich auf den Positivismus. Er versuchte alles auf positivistisch-wissenschaftlichen Wege zu erklären und eine positive Wissenschaft über die Menschen und ihr Sozialverhalten aufzustellen.


Ökonomische These:

Saint- Simon sah den Menschen als Objekt in der physischen Ordnung an. Er war der Erste, der diese Theorie aufstellte und wurde dafür hart kritisiert. Saint-Simon hatte die Vorstellung einer natürlichen Gleichheit unter den Menschen und wollte somit die Abschaffung von Klerus und Adel, durch die Vereinigung der Politik und der Naturwissenschaften vorantreiben.

Saint- Simon beschäftigte sich außerdem mit der Aufdeckung und Propaganda sozialer Missstände. Er war immer davon überzeugt, das die Revolution nie zuende gehen würde. Saint-Simon versuchte die Menschen des „Proletariats“ direkt anzusprechen ( „Genfer Briefe“) und erklärte sich solidarisch mit den „Nichtbesitzenden“. Seiner Meinung nach stütze die arme Unterschicht die reichen Industriellen. Jedoch erging es den sozial Benachteiligten in zweierlei Sinn schlecht. Durch zu schlechte Fürsorge mussten diese physische wie auch psychisch, moralische Armut erleiden.

Saint-Simon benannte also „die Industrie“ als den Grund für die „Teilung der Gesellschaft“ in Reich und Arm. Außerdem sollte das „Proletariat“ die Verantwortung tragen die politisch Herrschenden zu legitimieren. Er forderte, dass auch „einfache Arbeiter“ als "ständige Mitglieder der Gesellschaft" gesehen werden sollten.


Religion ( Saint- Simonismus):

Saint- Simon glaubte, dass soziale Befriedigung durch eine gemeinsame Ideologie aller Klassen und Schichten herbeigeführt werden kann.

„Eine Gesellschaft kann sich ohne gemeinsame moralische Ideen nicht erhalten.“ ( Saint- Simon)

Seine neue Gesellschaft sollte von einem wissenschaftlichen Geist beherrscht werden und die Ergebnisse der positiven Wissenschaft anerkennen und nutzen. Die Wissenschaft muss, so Saint-Simon, auf die Zukunft hin orientiert werden und natürlich an eine bessere Zukunft glauben ( -> Positive Einstellung Saint- Simons). Der Aufbau seiner „Gesellschaft“ sollte folgendermaßen aussehen:

- Führungsschichten, die sich um das Wohl weniger Privilegierter sorgen und kümmern

- Anerkennung von Leistungseliten

- Jeder sollte sich als Teil einer „ Produktionswerkstatt“ sehen und zum Aufbau beitragen.


Die Basis zu dieser Idee scheint Saint-Simoner im Christentum gefunden zu haben.

„ Gott hat gesagt: Die Menschen sollen sich gegenseitig als Brüder entgegenkommen.“


Der Friedensgedanke Saint- Simons :

Saint- Simon lehnt Gewalt in jeder Hinsicht ab. Er will die Wissenschaft in den Dienst des Friedens stellen, sowohl den inneren als auch den äußeren. Dem inneren Frieden soll die organische Integration und Förderung des wachsenden Proletariats dienen. Den Äußeren Frieden will er durch seine „Theorie des neuen Christentums“ erreichen.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Wichtigster Schüler Saint- Simons war Auguste Comte Auguste Comte arbeitete mit 19 Jahren als Sekretär und Redakteur für Saint- Simon. Gemeinsam mit ihm hat Saint- Simon einige wichtige Texte herausgegeben:

1817- 1818: Redaktionsarbeit am 3. und 4. Band von „L’Industrie“

1819: Zusammenarbeit an der Zeitschrift „La Politique“

1820-1822: Zusammenarbeit an einer Reihe von Broschüren und Briefen unter dem Titel „Du Système industriel“

1823-1824: Arbeiten an den vier Heften des „Catéchisme des industriels“

(zit. nach: Emge, R., Saint Simon, S. 119)

Im Mai 1824 beendeten sie die gemeinsame Arbeit und gingen ihre eigenen Wege.

Saint- Simon gab Comte den Anstoß zu seiner Theorie über den "Positivismus"


Die Saint- Simonisten:

Um die Lehre Saint- Simons bildete sich nach seinem Tod regelrecht eine Sekte. Die Texte und Bücher, welche er in seinen letzten Lebensjahren geschrieben hatte, fanden großen Anklang, eine Gruppe von Anhängern setzt sich zusammen.

Besonders wichtig für die Saint- Simonisten ist die Theorie über die Abschaffung von adeligen und geistlichen Standesvorrechten. Sie glauben an eine Theorie der modernen, industriellen Gesellschaft. Nach Henris Tod, geben seine engsten Freunde unter dem Titel „Doctrine de Saint- Simon“ (1829) eine Sammlung seiner Ideen heraus. Sie strukturieren seine Thesen und kommen zu dem Ergebnis, dass jegliches Klassendenken abgeschafft und ein neues, soziales Eigentumsrecht eingeführt werden müsse.

Diese „Sekte“ bzw. die Gruppe von Anhängern von Saint- Simon war und ist immer stark vertreten gewesen. Sie ist auch für die heutige Soziologie noch von Bedeutung, da die Klassengesellschaft nach wie vor ein Thema ist, das die Menschen unserer Zeit beschäftigt. Heute handelt es sich zwar nicht um Adelige und Geistliche, sondern um die „Schichten“ Arm –Reich. Viele Jugendliche und Erwachsene werden aus diesem Grund heute noch zu Anhängern der Saint- Simonisten.


Literatur[Bearbeiten]

  • Muckle, F. (1908):
    "Henri de Saint- Simon. Die Persönlichkeit und ihr Werk"
    Frankfurt am Main
  • Salomon, G. (1962):
    "Exposition de la doctrine de Saint- Simon. Die Lehre Saint- Simons; G. Salomon"
    Darmstadt
  • Emge, R. (1987):
    "Saint- Simon. Einführung in ein Leben und Werk. Eine Schule, Sekte und Wirkungsgeschichte"
    München-Wien

Douglas, Mary[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Mary Douglas

  • geboren am 25. März 1921 in San Remo (Italien)


Eltern: Phyllis Margaret Twomey (1900 - 1933), Gilbert Charles Tew (1884 - 1951)

Geschwister: Pat Novy (1924)

Kinder: Janet (1951), James (1954) und Philipp (1956)


  • 1926 Besuch der Grundschule in Devon
  • 1933 Tod ihrer Mutter an Krebs und Versetzung in die „Sacred Heart Convent“ (=Klosterschule) in Roehampton
  • 1938 nach Abschluss der Klosterschule, 6-monatiger Aufenthalt in Paris (Besuch der Sorbonne und Erbwerb des „Diplôme de sivilisation francaise“)
  • 1939 – 43 Studium und Abschluss der Fächer Politik, Philosophie und Wirtschaft an der Universität Oxford, danach Beschäftigung in der Kolonialverwaltung in Burma bis 1947, dann Meldung als Student für Forschung
  • 1946 Beginn des Studiums am Oxford Institute of Social Anthropologie
  • 1949 Beginn der Feldforschung der Lele, im südlichen Belgisch-Kongo
  • 1951 Annahme eines Lehrstuhls für Anthropologie am University College London, Heirat mit James A. T. Douglas (geboren 1919), Kinder: Janet (1951), James (1954) und Philipp (1956)
  • 1953 Abschluss ihres Doktoratsstudiums
  • 1963 The Lele of Kasai
  • 1966 Purity and Danger
  • 1970 UCL, Innehabung eines persönlichen Sitzes
  • 1977 Abreise in die USA
  • 1977-81 Professorin der Grundlagenforschung von Cultural Studies am Russell Sage Institute in New York. (1978 The World of Goods, geschrieben mit Baron Isherwood)
  • 1981 Wechsel an die Northwestern University in Chicago als Professorin für Humanwissenschaften
  • 1982 Risk and Culture (geschrieben mit Aaron Wildavsky)
  • 1987 How Institutions Think, Essays: Risk and Blame, Rückkehr zu den Lele
  • 1993 In the Wilderness. A study of the book of Numbers
  • 1999 Leviticus. A Literature
  • 2004 Ableben ihres Mannes James
  • Professorin Dame Mary Douglas starb am 16. Mai 2007 im Alter von 86 Jahren.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Durch ihre Mutter und ihren Vater hatte die Anthropologin Mary Douglas (geborene Mary Margaret Tew) einerseits irische Vorfahren (christlich) und andererseits jüdische Einflüsse. Auf dem Weg zurück in ihre Heimat von Burma wurde Douglas im Urlaub ihrer Eltern in San Remo geboren. In England begann sie im Alter von 5 Jahren die Schule, aufgezogen von den pensionierten Großeltern in Totnes, Devon, während ihre Eltern in Burma waren. Mit 12 starb ihre Mutter an Krebs, Mary Douglas wurde in die Klosterschule „Sacred Heart Convent“ in Roehampton (Klosterschule)versetzt, welche auch schon ihre Mutter besuchte. Dort wurde sie von den Werten der Klosterschwestern geprägt, welche sie in vielen ihrer Werke über Institutionen, Regeln, Symbole und Hierarchie reflektierte. Nach der Klosterschule studierte sie an der Universität Oxford und schloss die Fächer Politik, Philosophie und Wirtschaft ab. Danach war sie in der Kolonialverwaltung in Burma bis 1947 beschäftigt, worauf sie sich als Student für Forschung im Oxford Institute of Social Anthropology (geleitet von E. E. Evans-Pritchard, ein Afrikanist, die beiden wurden später sogar Freunde) meldete und 1946 zu studieren begann. (Nur wenige Universitäten boten Anthropologie an, dieses Institut eignete sich als Übung, da Afrika zum Platz für Feldforschung wurde.)

1949 beginnt Mary Douglas mit der Feldforschung der Lele, im südlichen Belgisch-Kongo. 1951 nimmt sie einen Lehrstuhl für Anthropologie am University College London an, heiratet und schließt 1953 ihr Doktoratstudium ab.

1963 veröffentlicht sie ihr Buch The Lele of Kasai und 1987 kehrt sie nach Afrika zurück.

Douglas’ Buch Purity and Danger – An Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo hinterließ einen großen Eindruck außerhalb der Anthropologie, es gab unzählige Editionen und wurde in mindestens 15 Sprachen übersetzt.

Über Natural Symbols gab es verschiedene Meinungen unter Anthropologen. Es schien, als hätte Douglas die Inhalte von Purity and Danger zu weit gesteckt, manche kritisierten die Abwehrhaltung gegenüber den katholischen Traditionen.

Douglas entwickelte sich in diesen Jahren mehr und mehr zu einer “Öffentlichkeitsperson”. Sie schrieb häufig für New Society (einer sozialwissenschaftlichen Wochenzeitung) und war zu Gast bei BBC Third Programme. Viele Interviews wurden von The Listener veröffentlicht.

1970 hatte sie einen persönlichen Sitz im UCL, als eine der sehr wenigen weiblichen Professorinnen in der Sozialwissenschaft in Großbritannien.

Als sie ihre Arbeit mit Afrika "abgeschlossen" hatte, weitete sich ihr Interesse auf die dort existierende westliche Gesellschaft aus, sie veröffentlichte auch dazu einige Werke.

Douglas argumentierte, dass die Änderungen des II. Vatikanischen Konzils die Massen zur Abstinenz brachten und dies die soziale Grenzen über den Katholizismus hinaus schwächen würde. Manche der Kritiker von Mary Douglas legten ihr diesebezüglich auch zu Lasten, dass sie ihre eigene Religion zu offen darlegen würde. Eine Kritik betitelte Natural Symbols als römisch-katholische Propaganda.

1977 ging Douglas, gelangweilt vom britischen Universitätsleben, weg in die USA.

Von 1977 bis 81 war sie als Professorin der Grundlagenforschung von Cultural Studies am Russell Sage Institute in New York tätigt und wechselte dann 1981 in die Northwestern University als Professorin der Humanwissenschaften.


In ihren späteren Jahren befasste sie sich mit dem Einfluss der Modernisierung auf Religionen. Im Speziellen auf das Christentum in den USA und den Islam im Nahen Osten. Sie beschäftigte sich mit dem Alten Testament, lernte Hebräisch und befasste sich mit dessen Traditionen. Es entstand In the Wilderness. A study of the book of Numbers (1993) und Leviticus, A Literature (1999)

Ab ihrem 80. Geburtstag unternahm sie trotz Krankheit weiterhin Reisen, verfasste wissenschaftliche Lektüre und bekam Auszeichnungen.

Professorin Dame Mary Douglas starb am 16. Mai 2007 im Alter von 86 Jahren. Sie wurde in die DBE „New Year’s Honours List“ aufgenommen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Die Arbeit von Mary Douglas fusst vor allem auf dem von Emile Durkheim und ihrem Lehrer Edward E. Evans-Pritchard geprägtem Denken.


Werke[Bearbeiten]

Bücher:

1963 The Lele of the Kasai; Oxford University Press, London.

1966 Purity and Danger. An Analysis of Concepts of Pollution and Tabo; Routledge & Kegan Paul, London

1970 Natural Symbols. Explorations in Cosmology; 1973: überarbeitete Auflage; Barrie & Rockliff/Cresset Press, London

1978 The World of Goods. Towards an Anthropology of Consumption; mit Baron Isherwood; Basic Books, New York

1980 Evans-Prichar; Fontana Modern Master, Glasgow

1982 Risk and Culture: An Essay on the Selection of Technological and Environmental Danger; mit Aaron Wildavsk; University of California Press, London

1986 How Institutions Thin; Syracuse University Press, New York

1993 In the Wilderness: Doctrine of Defilement in the Book of Number; Sheffield Academic Press, Sheffield


Artikel:

1975 Implicit Meanings. Essays in Anthropolog; Routhledge & Kegan Paul, London

1982 In the Active Voic; Routhledge & Kegan Paul mit Russell Sage Foundation, London

1992 Risk and Blame: Essays in Cultural Theor; Routledge, London/New York

1992 Objects and Objection; Victoria Colleg; University of Toronto,Toronto

1996 Thought Styles, Critical Essays on Good Taste; Sage, London/New York

(1999 A study of the book of Numbers, und Leviticus; A Literature)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Erforschung der Lele:


Purity and Danger – An Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo, bezieht sich auf die Deutlichkeit der Grenzen von „Einheiten“, zu denen die Menschen gehören. (Beispiele aus Douglas’ jüdisch-christlichen Vergangenheit und zeitgenössischen Werke zur außereuropäischen Stammesgesellschaften) Das Buch ist eine wichtige Publikation der neueren Religionssoziologie und Ethnologie. Es befasst sich mit Schmutz, Reinheitsritualen und Tabuvorstellungen von Völkern, die der modernen Welt- und Lebensauffassung fremd zu sein scheinen.

Douglas beschreibt, wie eine neue, positive Ordnung entstehen kann, indem man seine Umgebung den eigenen Vorstellungen anpasst. Darin ist auch der Grundgedanke jener Maßnahmen enthalten, wie es möglich wird soziale Umgebung zu organisieren und auf einheitliche, geordnete Erfahrungen zu gründen.


Natural Symbols. Explorations in Cosmology befasst sich mit der Strenge der Regeln, die das Verhältnis der Individuen zueinander klären und damit, dass man den Begriff „Ritual“ nicht auf eine entfremdende Routinehandlung reduzieren darf. Mary Douglas versteht unter rituellem Verhalten in erster Linie eine Form der Kommunikation.

„Nur mit Hilfe von Symbolen ist Kommunikation überhaupt möglich, nur durch sie können Werte zum Ausdruck gebracht werden; sie sind die Hauptinstrumente unseres Denkens und die einzige Regulative unserer Erfahrung. Wenn überhaupt Kommunikation stattfinden soll, müssen strukturierte Symbole zur Verfügung stehen […].“ Mary Douglas

Obwohl die hierarchische Gesellschaft von starker struktureller Selektion auf „Gruppen“ und „Raster“ (grid and group) geprägt ist, wirkt sich die Schwäche des Individuums auf die Gesamtheit der Gemeinschaft aus. Die Einführung des Begriffes der „group“ and „grid“ Werkzeuge der Analyse sind Charakteristika ihrer späteren Arbeit.


Purity and Danger: befasst sich mit dem Verhältnis von Verschmutzung, Heiligkeit, Unreinheit und Hygiene. Über das Werk Natural Symbols gab es verschiedene Meinungen unter den Anthropologen. Es schien, als wurden die Inhalte von Purity and Danger zu weit gefasst, manche mochten die Abwehrhaltung gegenüber katholischen Traditionen nicht.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Hinsichtlich der Arbeiten von Mary Douglas scheiden sich die Geister. Oftmals wurde ihr Sturheit in ihrern Schlussfolgerungen vorgehalten, dennoch fanden viele ihrer Ideen und Perspektiven Eingang in die Lehre. Sie selbst dürfte sich als Außenseiterin betrachtet haben, wobei sie in der zentralen Tradition von Durkheim, einem renommierten französischen Soziologen stand. In der Nachfolge Durkheims warf Douglas ein kritisches Augenmerk auf die von Max Weber und Karl Marx vertretenen Ansichten.


Literatur[Bearbeiten]

  • Douglas, Mary (1986):
    "Ritual, Tabu und Körpersymbolik"
    Frankfurt am Main
  • Douglas, Mary (1988):
    "Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu"
    Frankfurt am Main
  • Fardon, Richard (1999):
    "Mary Douglas: an intellectual biography"
    London


Internetquellen[Bearbeiten]

Durkheim, Emile[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Durkheim Emile

Émile Durkheim
  • geboren am 15.04.1858 in Épinal (Lothringen/Frankreich)
  • gestorben am 15.11.1917 in Paris


Eltern:

Vater: Móise Durkheim, Rabbiner(Oberrabbiner von Vosges und Haute Marne)

Mutter: Mélanie Durkheim, Kaufmannstochter

Kinder:

Marie Durkheim

André Durkheim


Ausbildung:

  • Besuch des Collége d´Épinal in Épinal (studierte neben seinem normalen Schulbesuch Hebräisch, das Alte Testament und den Talmud)
  • 1874 Baccalauréat és lettres
  • 1875 Baccalauréat és sciences
  • 1875 - 1879 Fortsetzung der Schulausbildung am Lycée Louis-le-Grand in Paris; zwei vergebliche Versuche zur Zulassung an die École Normale Supérieure (1877/1878)
  • 1879 - 1882 Studium der Philosophie an der École Normale Supérieure in Paris; er hat nur wenige Freunde, darunter den späteren Sozialistenführer Jean Jaurès
  • 1882 Agrégation de Philosophie


Berufliche Daten:

  • 1882 - 1887 Professor am Lycée in Sens, Yonne; dann in Saint-Quentin, Aise; zuletzt in Troyes, Aube
  • 1885 - 1886 Unterbrechung seines Schuldienstes; sechsmonatiger Aufenthalt im Deutschen Reich, vor allem in Marburg an der Lahn, Berlin und Leipzig; dort studiert er die `Kathedersozialisten` Gustav Schmoller und Adolf Wagner; die Rechtslehren Rudolph von Iherings und Albert Posts; den Organizismus Albert Schäffeles und die Psychologie Wilhelm Wundts
  • 1887 - 1896 Rückkehr nach Frankreich an die Universität Bordeaux; Lehrbeauftragter und außerordentlicher Professor der Sozialwissenschaften
  • 1896 - 1902 ordentlicher Professor der Sozialwissenschaften; ein eigens für Durkheim eingerichteter Lehrstuhl, der erste dieser Art in Frankreich
  • 1902 Durkheim wird an die Sorbonne berufen; erst Lehrbeauftragter, dann ordentlicher Professor der Pädagogik und Soziologie


Weitere wichtige Ereignisse:

  • 1887 Heirat mit Louise Dreyfus (keine Verwandtschaft mit Hauptmann Dreyfus)
  • 1898 Gründer und bis 1917 Direktor der Zeitschrift`L´Année Sociologique`
  • April 1916 Tod seines Sohnes André


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Familiäres Umfeld

Émile Durkheim entstammte einem strengen Rabbinerhaushalt. Sein Vater Moise war ein einflussreicher Rabbi von Vosges und Haute Marne, und es galt bereits früh als ausgemacht, dass Émile die Familientradition fortführen sollte. Er entschied sich zwar gegen seine vermeintliche Berufung, dennoch prägte seine strenge orthodox-puritanisch-jüdische Erziehung Zeit seines Lebens sein Pflichtbewusstsein.

Politisches Umfeld

Émile Durkheims Leben war von der damaligen Spannung zwischen Deutschland und Frankreich bestimmt. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 war verloren, und diese sehr unruhige Zeit der Dritten Republik in Frankreich war geprägt durch zahlreiche politische Skandale und Affären.

Die Dreyfus-Affäre löste 1894-98 eine der größten innerpolitischen Krisen Frankreichs aus. Grund war der Prozess gegen den französischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der wie Durkheim jüdischer Abstammung war. Angeklagt wurde er aufgrund des Verrats militärischer Geheimnisse an das Deutsche Reich. Nach einem schnellen Prozess wurde er degradiert und zu einer lebenslänglichen Deportation verurteilt. Dies verstärkte antisemitische Stimmen in allen sozialen Kreisen Frankreichs und als sich dann auch noch die Beweise, die zu Dreyfus Verurteilung geführt hatten, als falsch erwiesen, löste dies eine Welle von Protesten und öffentlichen Debatten aus, die letztendlich zum Freispruch von Dreyfus führten. 1898 setzte sich auch Durkheim mit seinem Artikel „L´individualisme et les intellectuels“ für den jüdischen Offizier ein.

Der 1. Weltkrieg stellte einen tiefen Einschnitt in Durkheims Leben dar, der ihn nicht nur seine akademische Arbeit unterbrechen ließ, sondern auch von seiner Schule einen hohen Blutzoll forderte. Viele der jungen Talente fielen im Kampf; darunter auch 1916 sein Sohn André.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Auguste Comte

Durkheim war jener, der kundtat, dass Comte die Grundlagen der Soziologie errichtete und aus diesem Grunde zu dessen Ehre auch seine „Wissenschaft von der Moral“ mit dem Namen Soziologie belegte. Der Name wurde dann später akzeptiert, und diese neue Richtung wurde von Durkheim vertreten. Die Parallele zwischen Durkheims und Comtes Werk liegt darin, dass beide „durch das Verhältnis Individuum und Gesellschaft zentral bestimmt“ sind. Durkheims Trennung von mechanischer und organischer Solidarität basiert auf Comtes Überlegungen. Es finden sich zwar Ideen von Comte bei Durkheim, weitaus wichtiger waren bei Durkheims Arten der Solidarität allerdings Montesquieu und Rousseau.

Charles-Louis de Secondant Montesquieu

1892 beschäftigt sich Durkheim mit Montesquieus methodischen Grundlagen der Sozialwissenschaft und greift in seinem Werk „Regeln der soziologischen Methode“ von 1895 auf dessen Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten sozialen Lebens zurück. Allerdings beschränkt Durkheim den Gegenstand der Soziologie nicht auf politische Einrichtungen, sondern fasst darunter allgemein und viel weiter, alle sozialen Faktoren, Strömungen und kollektiven Vorstellungen.

Jean-Jaques Rousseau

Durkheim beschäftigt sich in seinem Werk „Über die Teilung der sozialen Arbeit“ in Anlehnung an Rousseaus Gesellschaftsvertrag mit der Auffassung, was es ist, das den Zusammenhalt der Gesellschaft ausmacht.


Weitere Inspirationen für seine Arbeiten fand Durkheim auch bei Vertretern anderer Disziplinen wie die der Philosophie, im speziellen René Descartes und Immanuel Kant, die einen mehr oder minder großen Einfluss ausübten.


Werke[Bearbeiten]

De la division du travail social: Étude sur lóganisation des sociétés supérieures. Alcan: Paris, 1893

dt.: Über die Teilung der sozialen Arbeit. Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1977

Les régles de la méthode sociologique. Alcan : Paris, 1895

dt.: Die Regeln der soziologischen Methode. Luchterhand: Neuwied/Berlin, 1961

Le suicide: Étude de sociologie. Alcan : Paris, 1897

dt.: Der Selbstmord. Luchterhand : Neuwied/Berlin, 1973

Les formes élémentaires de la vie religieuse. Alcan : Paris, 1912

dt.: Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1981

L´Allemagne au-dessus de tout: la mentalité allemande et la guerre. Colin: Paris, 1915

dt.: Deutschland über alles: Die deutsche Gesinnung und der Krieg. Payot: Lausanne, 1915


Weitere veröffentlichte Werke

Erziehung, Moral und Gesellschaft: Vorlesungen an der Sorbonne 1902/1903. Suhrkamp

Physik der Sitten und des Rechts: Vorlesung zur Soziologie der Moral. Suhrkamp

Schriften zur Soziologie der Erkenntnis. Suhrkamp

Soziologie und Philosophie. Suhrkamp

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Durkheims Werk ist in seiner Ausdrucksweise streng wissenschaftlich, manchmal sogar dogmatisch anmutend. Das Verhältnis von Autor und Werk ist komplex und kompliziert, was im Fall von Durkheim bedeutet, dass er hinter dem Werk „verschwindet“ oder anders ausgedrückt, dass das Werk seine Persönlichkeit darstellt. Die Frage „Wie ist Ordnung in der Gesellschaft möglich?“, ist in all seinen Schriften vorherrschend. In Bezug auf diese Fragestellung schrieb Durkheim seine Theorien in den verschiedenen Werken nieder.


Methodische Grundlagen der Soziologie

In „Die Regeln der soziologischen Methode“ zeigt Durkheim die Absicht, eine Theorie der Soziologie zu entwickeln. Er begreift die Soziologie in erster Linie nicht als System, sondern als Methode, die auf die einzelne andere Wissenschaften anzuwenden sei.

Weit verbreitet und sehr geläufig waren zurzeit Durkheims psychologische Theorien. Alles Geschehene wurde vom Individuum abgeleitet, von seinem Willen, seinen Bedürfnissen und Motiven. Allein das Individuum wurde für sein Handeln zur Verantwortung gezogen. Allerdings wirken Individuen mit ihrem Handeln auf ihre unmittelbare Umgebung ein, dessen Teil sie sind. Ebenso werden die vermeintlich individuellen Handlungen von allgemein gültigen Regeln bestimmt, die sich unabhängig vom Einzelnen darstellen. Durkheim erkannte diese Dichotomie und machte sie zur Grundlage für sein soziologisches Gedankengut. Einerseits existiert das Individuum, die Person, mit der sich die Psychologie beschäftigt; andererseits gibt es das Soziale, die soziale Tatsache. Nach diesem „fait social“ zu suchen und zu analysieren ist Durkheim zufolge, Aufgabe der Soziologie. Er beschreibt sie als äußerlich (dem Menschen nicht angeboren, sondern anerzogen), zwanghaft (üben auf den Willen eines jeden Druck aus), allgemein und nicht universal (weder der Natur der Menschheit noch der Natur der Menschen innewohnen) und unabhängig (gehen nicht im Verhalten von Einzelnen auf und erschöpfen sich auch nicht in der Praxis). Die soziale Tatsache steht demnach über dem Menschen, sie steuert dessen Handeln, aber sie selbst ist nicht das Handeln. Soziales kann also nicht aus Individuellem sondern nur aus Sozialem erklärt werden. Um dieses Phänomen allerdings zu verstehen, reicht nicht nur eine Beschreibung und Erklärung aus, es muss auch eine Bewertung vorgenommen werden.


Die Analyse der modernen Gesellschaft

In seinem Werk „Die Teilung der sozialen Arbeit“ stellt Durkheim eine Studie zur Organisation höherer Gesellschaften vor. Durkheim postuliert soziale Differenzierung als Strukturprinzip moderner Gesellschaft, das nicht nur in der Wirtschaft, sondern in allen Lebensbereichen Einzug gehalten hat. Wenn sich Industrie und Technologie fortentwickeln und die Bevölkerung zunimmt, muss sich auch die Gesellschaft spezialisieren, um langfristig überleben zu können. In diesem Sinne bezeichnete Durkheim diesen Prozess auch als Entwickeln zu einer höheren Gesellschaft.

Durkheim konzentrierte sich vordergründig nicht darauf, was die Teilung der Arbeit exakt ist, sondern wie sie Personen ändern, die miteinander in einer Beziehung stehen. Er war interessiert an den sozialen Folgen von fortschreitender Spezialisierung. Wenn die Spezialisierung zunimmt, trennen sich Menschen mehr und mehr voneinander, Werte und Interessen ändern sich, Normen variieren und Subkulturen werden gebildet; d.h. je individueller die Gesellschaftsmitglieder werden, desto weniger werden sie durch ein einheitliches Kollektivbewusstsein integriert. Trotzdem sah Durkheim die Teilung der sozialen Arbeit und ihre Folgen nicht als Zerstörer der Gesellschaft, sondern argumentierte, dass auf diese Art und Weise eine neue Gesellschaftsform entstünde, die er organische Solidarität nannte. Diese unterscheidet sich von der mechanischen Solidarität. Mechanische Solidarität resultiert aus der Ähnlichkeit von einzelnen Personen in einer Gesellschaft, die gleiche Riten und Routinen besitzen, wie es in archaischen Gesellschaften der Fall ist. Alle Individuen führen dieselbe oder eine einander ähnliche Tätigkeit aus. Je einfacher nun die soziale Struktur der Gesellschaft, je religiöser die Kultur und je geringer die Individualisierung sind, desto mächtiger ist demnach das Kollektivbewusstsein.


Die Analyse der modernen Kultur und der archaischen Religion

Durkheim untersucht diesen Themenschwerpunkt betreffend Struktur und Entwicklung von Wertsystemen. In seinem Werk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ von 1912 versucht Durkheim eine Analyse und Erklärung der einfachsten Religionen vorzunehmen. Dieses zuletzt verfasste große Werk gilt als eines der besten und reifsten seines Genres. Er benutzt hier hauptsächlich Erkenntnisse, die er aus Studien über australische Ureinwohner unter Berücksichtigung des Totemismus gewonnen hat. Er hatte diese Kulturen gewählt, weil sie seines Erachtens die elementarste Form der Religion darstellten. Mit seinem Werk wollte er einerseits zeigen, dass Religion nicht göttlichen oder übernatürlichen Ursprungs ist, sondern ein Konstrukt der Gesellschaft und andererseits die Gemeinsamkeiten nennen, die bei allen Religionen auftreten.

In Anlehnung an diese Erkenntnisse argumentiert er, dass die ersten Denksysteme der Menschen ihren Ursprung in der Religion haben. Demnach kann die Religion als Folge von sozialem Zusammenleben betrachtet werden; sie bildet die Grundlage von Solidarität und Identifikationsmöglichkeiten. Religion gibt seiner Ansicht nach dem Leben ein Ziel, einen Sinn und stärkt die moralischen und sozialen Normen aller, die in einer Gesellschaft leben.


Der Selbstmord

„Le Suicide“ erschien 1897. Das Krisenbewusstsein, welches das Werk wie ein roter Faden durchzieht, ist um die Jahrhundertwende keine Besonderheit.

Émile Durkheim sah die moderne Gesellschaft in einem Zustand der moralischen Krise, d.h. in einem Mangel an sozialer Ordnung und in einer normativen Orientierungskrise. Den Zustand der Gesellschaft beschreibt er als „malaise collectif“, als physiologisches Elend des sozialen Körpers. Dass Handlungen ohne normative Regulierung (anomisch) derart ausweglos miteinander kollidieren, dass Vernichtung des anderen oder die Selbstvernichtung als einzig verbleibende Alternative gesehen wird, gehört zum Erleben der Zeit Durkheims. (Klaus Dörner in: Der Selbstmord)


  • Definition
    „Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte.“ (Durkheim, S. 27)
  • Die Studie
    Die Studie über Selbstmord, die Durkheim im Jahr 1897 veröffentlichte, ist das Ergebnis einer grandiosen empirischen Untersuchung und Dokument eines streng soziologischen Zugriffs auf ein soziales Phänomen. Nicht den Selbstmord an sich will er erklären, sondern die Selbstmordrate in einer bestimmten sozialen Situation.
    Durkheim beschäftigt sich nicht mit einzelnen Selbstmordfällen und ihren individuellen Gründen, sondern mit Selbstmord als sozialem Phänomen, das er durch soziale Ursachen klären will. Er benutzte Selbstmordstatistiken zwischen 1840 und 1880, um den Selbstmord als eine harte soziale Tatsache zu behandeln, die als „Ding“ im objektivistischen Sinn untersucht werden kann, entsprechend seiner Definition des sozialen Tatbestands und seiner Vorstellung der Erforschung sozialer Phänomene mit positivistischen Methoden der empirischen und quantitativen Forschung. Durkheim vertraute dabei auch amtlichen Aufzeichnungen als Quellen für die Todesursachen. Bewusst akzeptierte er also die Interpretationen von Beamten, Ärzten und Familienmitgliedern. Verwandte geben aber oft nur ungern zu, dass ein Tod ein Selbstmord war. Offizielle Statistiken setzen daher die wahre Zahl von Selbstmorden vermutlich zu niedrig an.
  • Der Selbstmord als soziales Phänomen
    Aufgrund der gesammelten Fakten und Statistiken zog Durkheim den Schluss, dass der Selbstmord, zumindest partiell, gesellschaftlich bedingt ist. Der Selbstmord „hängt von sozialen Ursachen ab und stellt selbst eine Kollektiverscheinung dar“. Merkmale der sozialen Gruppe, der der Mensch angehört, machen einen Selbstmord mehr oder weniger wahrscheinlich, und die Selbsttötung ist nicht einfach nur ein privater Akt. Durkheim erklärte also scheinbar individuelle, private Handlungen durch kollektive Ursachen, deren sich die individuellen Akteure womöglich gar nicht bewusst sind.
    Durkheims zentrale These lautete: „Je besser die Menschen in sozialen Gruppen integriert sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie Selbstmord begehen“. Oder umgekehrt: Je geringer der Grad der sozialen Integration, desto höher die Suizidrate. (vgl. Joas, S. 40-45)
  • Typisierung des Selbstmords
    • Altruistischer Selbstmord:
      Es ist die Gesellschaft, die Druck auf die Individuen ausübt, ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil es keinen Platz mehr für sie gibt. Das Individuum ordnet sich unter die Erwartungen der Gesellschaft unter.
    • Fatalistischer Selbstmord:
      Erwächst aus einem Übermaß an Reglementierung. „Es ist der Selbstmord derjenigen, denen die Zukunft mitleidslos vermauert wird.“
    • Anomischer Selbstmord:
      Im Unterschied zum egoistischen Selbstmord, der dann auftritt, wenn sich die soziale Gruppe sich vom Individuum entfernt, tritt der anomische Selbstmord dann auf, wenn die Gesellschaft einen dynamischen Wandel durchmacht, der in Unordnung resultiert und in der Unfähigkeit, das Individuum in allgemein anerkannter Weise zu kontrollieren.
    • Egoistischer Selbstmord
      • Konfessionszugehörigkeit
        Durkheim erläutert den egoistischen Selbstmord, indem er die Statistiken hinsichtlich religiöser Konfessionszugehörigkeit und Familienstand untersucht. Die Aufzeichnungen verschiedener europäischer Länder weisen eine auffallend höhere Selbstmordrate unter den Protestanten als unter den Katholiken auf und die niedrigste Rate unter den Juden.
        Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Die Position einer Mehrheit oder Minderheit schied aus, weil Protestanten auch in einer Minderheitenposition trotzdem weitaus mehr Selbstmorde begehen. Durkheim betrachtete deshalb den Charakter der religiösen Gemeinschaften als soziale Systeme genauer.
      • Bildung
        Ein erster Hinweis auf eine derartige Erklärung ist die Tatsache, dass die Selbstmordrate mit dem Bildungsniveau zunimmt. Das Bildungsniveau der Protestanten war zu Durkheims Zeiten deutlich höher als das der Katholiken.
        In freien Berufen und höheren Einkommensklassen ist der Drang nach Bildung am meisten ausgeprägt, eine individuelle Lebensführung vorwiegend. Durkheim zweifelt nicht daran, dass der Selbstmord in den höchsten Schichten außerordentlich häufig ist.
        Frauen des ausgehenden 19ten Jahrhunderts begehen viel weniger Selbstmord, sie sind auch weniger gebildet. Sie richten sich traditionsgebunden in ihrem Verhalten nach etablierten Grundsätzen und haben keine großen intellektuellen Bedürfnisse.
        Unter allen Religionen hat der Selbstmord beim Judentum das geringste Gewicht. Trotzdem hat die Bildung nirgendwo eine so breite Basis. Der Wissensdrang hat einen ganz besonderen Grund: Bildung ist für Juden ein Mittel der Kompensation in der unglücklichen Lage, in die sie die öffentliche Meinung bringt. Bei ihnen verbinden sich die Vorteile strenger Disziplin, die kleine Gruppen auszeichnet, mit einer profunden Bildung, die das Privileg der großen Gesellschaft von heute ist. (vgl. Durkheim, S. 178-181)
      • Integration und soziale Kontrolle
        Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen Protestanten und Katholiken: Der Grad an Integration und sozialer Kontrolle. Die katholische Kirche ist fest integriert, hierarchisch aufgebaut und kontrolliert zentralistisch die Interpretation religiöser Dogmen. Sie verwaltet das religiöse Leben ihrer Mitglieder. Der Protestantismus gibt dem eigenen Denken des einzelnen Gläubigen mehr Raum, dadurch bleiben die Bindungen an die Glaubensgemeinschaft loser als bei den Katholiken. Die protestantische Glaubensgemeinschaft übt eine geringere soziale Kontrolle aus, weil die sozialen Beziehungen seltener und schwächer sind. Sie gibt einem kollektiven Dasein nicht genügend Inhalt. Die Religion schützt den Menschen also nicht vor der Selbstzerstörung, weil sie ihm die Achtung vor seiner eigenen Person predigt, sondern weil sie eine Gemeinschaft ist.
        Es ist der weitaus fortgeschrittenere Individualismus der religiösen Gruppe, die in der protestantischen Glaubensgemeinschaft höhere Selbstmordraten verursacht als in der katholischen. Es ist nicht die höhere Bildung als solche, sondern eine zu geringe Integration in der Gruppe. Dies ist der Grund, warum Durkheim ihn den egoistischen Selbstmord nennt. (Durkheim, S. 184 f)
      • Familienleben
        Ein zweiter Bereich, in dem Durkheim den egoistischen Selbstmord beobachtete, ist das Familienleben. In Gesellschaften, in denen die Familie enge Beziehungen aufweist, ist die Selbstmordrate signifikant geringer. Die Tatsache, dass mit steigender Kinderzahl die Rate sinkt, erklärt Durkheim damit, dass mit der Anzahl der Mitglieder Kollektivgefühle wachsen. Das hängt damit zusammen, dass Kollektiväußerungen häufiger erfolgen und häufiger erwidert werden. Auf diese Weise stärken sich soziale Gemeinschaften und geben dem Einzelnen Halt.
        „Die Familie ist ein mächtiger Schutz gegenüber Selbstmord und wirkt umso nachhaltiger, je fester sie gefügt ist.“ (Durkheim, S. 224)
      • Politische Gesellschaft
        Ein dritter Bereich des egoistischen Selbstmords ist der Bereich der politischen Gesellschaft. Es wird oft angenommen, dass in Kriegszeiten Selbstmorde zunähmen. Das ist aber eben nicht der Fall. Durkheim beobachtete im Gegenteil, dass in Zeiten des politischen Konflikts die Selbstmordrate zurückgeht. Seine Erklärung lautet, dass „gerade solche sozialen Prozesse Kollektivempfindungen wecken, die den Parteigeist ebenso wie den Patriotismus, den politischen Glauben wie den nationalen beleben und, indem alle Kräfte auf ein einziges Ziel konzentriert werden und wenigsten für eine Zeitlang, eine größere Integration des Ganzen zuwege bringen“. (Durkheim, S. 231)
  • Ergebnisse
    Nach seinen empirischen Untersuchungen kommt Durkheim zu folgendem Schluss: „Der Selbstmord steht im umgekehrten Verhältnis zum Integrationsgrad der Kirche, der Familie und des Staats.“ (ebd.)
    „Wenn die innere Verbundenheit einer Gruppe aufhört, dann entfremdet sich in gleichem Maße das Individuum dem Gemeinschaftsleben, und seine Ziele gewinnen Vorrang vor der Gruppe; mit einem Wort, die Einzelpersönlichkeit stellt sich über das Kollektiv. Je weiter die Schwächung in der Gruppe fortschreitet, der er angehört, um so mehr steht es demzufolge bei ihm, ob er noch andere Verhaltensregeln anerkennt als die, die in seinem Privatinteresse liegen. Wenn man also einen Zustand, in dem das individuelle Ich sich mit Erfolg gegenüber dem sozialen Ich und auf Kosten dessen behauptet mit Egoismus bezeichnen will, dann können wir diesem besonderen Typ von Selbstmord, der aus einer übermäßigen Individuation hervorgeht, als egoistisch bezeichnen.“ (Durkheim, S. 232)
    Weder an den Ergebnissen noch an deren Schlussfolgerungen aus Durkheims Studien hat sich bis heute viel verändert. Neue „normative“ Sicherheit und Wertorientierung im Hinblick auf das Denken und Handeln der Menschen in modernen Gesellschaften müssen mit emotionaler Intelligenz verbunden werden. Durkheims Ziel war die Herausbildung einer moralischen Ordnung, in der sich soziale Integration und individuelle Freiheit gegenseitig stabilisieren.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

1898 baute Durkheim seine Schule, die ,,l´équipe durkheimienne“, auf, und gründete gemeinsam mit seinem Neffen Marcel Mauss die Zeitschrift ,,L´Année Sociologique“, die eine Neuerung für die damalige Zeit darstellte, weil sie interdisziplinär ausgerichtet war.

Émile Durkheim scheint noch heute eine – im wahrsten Sinne des Wortes – unheimliche Wirkung zu haben. Bei all seiner intellektuellen Leidenschaft wirkte er auf seine Zeitgenossen kühl und unpersönlich, zurückhaltend und in sich gekehrt. Betrachtet man seine Wirkung gegenüber dem eigenen Wollen, so fällt das Fazit zwiespältig und vielleicht sogar paradox aus. René König zufolge war Durkheim ein Mann, der nichts anderes sein wollte als Soziologe, und hat dennoch seinen größten zu verzeichnenden Einfluss nicht in der eigenen Disziplin, sondern in Nachbarfächern gehabt:

    • Linguistik: Ferdinand de Saussure
    • Geschichtswissenschaft: vor allem die Annales-Schule
    • Psychologie und Moralforschung: Jean Piaget, Lawrence Kohlberg
    • Anthropologie und Ethnologie: Hier zeichnen sich seine größten Erfolge ab:

Sei es nun der Funktionalismus eines Bronislaw Malinowski oder der Strukturfunktionalismus eines Alfred Radcliffe-Browns, die sich als seine Erben titulieren; sei es der Strukturalismus von Marcel Mauss oder Claude Lévi-Strauss, sie alle ließen sich von Durkheim inspirieren; mehr noch viele seine Nachfolger knüpfen direkt an seine Erkenntnisse und Ansätze an.


Wenn auch der Einfluss auf einzelne Soziologen (wie z.B. Talcott Parsons, Robert K. Merton, Erving Goffman,…) und die Soziologie generell nicht zu übersehen ist, ist es dennoch stillschweigend üblich Durkheim nicht zu zitieren. Seine Doktrinen sind zu Selbstverständlichkeiten geworden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Durkheim, Émile (1973):
    "Der Selbstmord, herausgegeben von Heinz Maus, Friedrich Fürstenberg und Frank Benseler; mit einem Vorwort von Klaus Dörner und einem Nachwort von René König"
    Neuwied und Berlin
  • Joas, Hans [Hrsg.] (2001):
    "Lehrbuch der Soziologie, 6. und 7. Auflage"
    Frankfurt am Main
  • Alun, Jones Robert (1986):
    "Emile Durkheim: an introduction to four major works"
    London
  • Kaesler, Dirk (1999):
    "Klassiker der Soziologie. Von Auguste Comte bis Norbert Elias."
    München


Internetquellen[Bearbeiten]

  • Rüegger, Oliver: Schlüsselideen von Emile Durkheim anhand ausgewählter *Originalzitate.[6]

Ehrlich, Eugen[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Ehrlich Eugen

geboren am 14. September 1862 in Czernowitz(im damaligen Herzogtum Bukowina; heute gehört es zur Ukraine)

gestorben am 2. Mai 1922: in Wien


Familie: ledig Vater: Simon Ehrlich, Advokat aus Czernowitz


Ausbildung und Karriere:

  • Studium zuerst in Lemberg
  • 1881-1883 Studium in Wien
  • 1886 Promotion zum Doktor der Rechte in Wien
  • 1895 Habilitation für römisches Recht in Wien
  • danach Privatdozent in Wien
  • ab 1897 außerordentlicher Professor an der k.u.k. Franz-Josephs-Universität Czernowitz
  • 1900 Berufung zum ordentlichen Professor
  • 1921 Forschungsurlaub in Bukarest zur Vorbereitung auf die rumänische Sprache (mit dem Ziel wieder in Czernowitz zu lehren)


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Eugen Ehrlich musste 1914, also gleich zu Beginn des ersten Weltkriegs aus Czernowitz fliehen, denn die Stadt wurde von russischen Truppen eingenommen. Deshalb wohnte er dann in Wien und setzte sich auch von dort aus für den Erhalt der Donaumonarchie ein. Später zog er in die Schweiz. Als dann aber nach dem Krieg die Bukowina an Rumänien angeschlossen wurde, hatte er zunächst kein Interesse dorthin zurückzukehren. Da er schließlich aber nicht, wie er erhofft hatte, in Bern tätig sein konnte, plante er 1921 dennoch, nach Czernowitz zurückzukehren. Dafür musste er allerdings zuvor Forschungsurlaub nehmen, um sich auf die Vorlesungen, die in rumänischer Sprache abzuhalten waren, vorzubereiten. So zog er zunächst nach Bukarest. Aufgrund seiner plötzlichen Erkrankung an Diabetes, was damals noch unbehandelbar war, konnte Ehrlich zu guter Letzt seine Lehrtätigkeit in Czernowitz doch nicht mehr aufnehmen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Gemeinsam mit Hermann Kantorowicz (1877-1940), Ernst Fuchs (1859-1929) und Hermann Isay (1873-1938) gründete Ehrlich die sogenannte Freirechtsschule und wurde zugleich zur Galionsfigur. Ehrlich schreibt u.a. in seinen Ausführungen:

"Naturrecht versus Rechtspositivismus, Sein und Sollen sowie die daraus abgeleitete Einteilung in Seins- und Sollenswissenschaften, das Verhältnis von Recht und Gesellschaft, legal isolationism uam. – Schon Platon erwähnt in seinen „Nomoi”/Die Gesetze, dass ein Gesetzgeber, der seine Sache ernst nimmt, auch gewisse natürliche Gegebenheiten und Fakten berücksichtigen müsse: Land und Klima, Binnen- oder Seelage eines Landes, Wind, Wetter, Geographie, aber auch die Charaktereigenschaften der Menschen, das Verhältnis der Geschlechter, die politischen und historischen Rahmenbedingungen (Ausformungen) von Freiheit und Gleichheit, menschliche Altersgruppen und Zustände (Alte, Schwache, Kinder, Jugendliche) etc. Heute kennen wir verschiedenste Schutznormen/-einrichtungen: etwa das Arbeitsrecht, die Adoptionsregeln, KSchG und MRG, PHG oder Sachwalterschaft, Patientenvertretung und UbG."

Während M. Rehbinder und Th. Raiser überzeugende Publikationen verfassten, wird Ehrlich in der Literatur kaum rezipiert und, zugunsten von Nussbaums wissenschaftsgeschichtlichen Texten, kaum beachtet.


Werke[Bearbeiten]

  • Die stillschweigende Willenserklärung, 1893
  • Das zwingende und nichtzwingende Recht im Bürgerlichen Gesetzbuch für das Deutsche Reich, 1899
  • Beiträge zur Theorie der Rechtsquellen, 1902
  • Freie Rechtsfindung und freie Rechtswissenschaft, 1903
  • Die Tatsachen des Gewohnheitsrechts, 1907
  • Die Aufgaben der Sozialpolitik im Österreichischen Osten, insbesondere in der Bukowina, 1909
  • Die Rechtsfähigkeit, 1909
  • Grundlegung der Soziologie des Rechts, 1913
  • Rechtssoziologie und Rechtswissenschaft, 1915
  • Die juristische Logik, 1917
  • Recht und Leben, [Hrsg] Manfred Rehbinder, 1967
  • Die Begründung der Rechtssoziologie durch Eugen Ehrlich, [Hrsg] Manfred Rehbinder, 1986
  • Gesetz und lebendes Recht, [Hrsg] Manfred Rehbinder, 1986
  • Politische Schriften, [Hrsg] Manfred Rehbinder, 2007


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Ehrlichs Hauptwerk Grundlegung der Soziologie des Rechtes wurde 1913 veröffentlicht. Neben Max Weber (1864-1920) gilt Ehrlich als Begründer der modernen Rechtssoziologie/RS und der Rechtstatsachenforschung/RTF. Ab ca. 1903 begann Ehrlich auf die Schaffung eines Rechtssystems, bei der die Rechtswirklichkeit im Mittelpunkt stehen sollte, hinzuarbeiten. Zuvor hatte er erkannt, dass die herrschende Begriffsjurisprudenz unzureichend war. Zwar stammt der Terminus Rechtstatsachenforschung nicht direkt von Ehrlich sondern von Arthur Nussbaum(1877-1964), der als einer seiner Nachfolger gilt. Einer der Kernpunkte Ehrlichs war „lebendes Recht”, er stellte dieses dem (oft toten oder doch viel weniger bedeutsamen) Gesetzesrecht gegenüber. Veranlaßt dazu wurde er vor allem durch die Beobachtungen der Rechtswirklichkeit in Bukowina. Ehrlich spricht damals schon von „juristischen Tatsachen” („Über Lücken im Recht”). Er war damit der erste, der sich mit dieser Disziplin auseinandersetzte und leistete somit Pionierarbeit. Für Ehrlich stellte die Rechtstatsachenforschung die praktisch-empirische Seite der Rechtssoziologie dar. Mit seiner Forderung, an allen juristischen Fakultäten Lehrveranstaltungen zum Thema "Lebendes Recht", an den 31. Deutschen Juristentag, war er zu radikal und konnte sich nicht durchsetzten. Trotzdem wurde seine Forderung auch international, in erster Linie von den USA und Japan stark beachtet.


Weil der übliche Rechtsbegriff, der sich in der Regel nur auf das Gesetzesrecht bezieht, nicht ausreicht, unterscheidet Ehrlich drei Arten von Recht:

  • (1) Gesellschaftliches Recht, als die Organisationsregeln der menschlichen Verbände und deren innere Ordnung; dazu zählen Familie, Vereins- und Gesellschaftsrecht, RAO, NotO etc.
  • (2) Juristenrecht: Das sind die Entscheidungsnormen/Rechtssätze und das Verfahrensrecht nach denen die Gerichte Streitigkeiten schlichten und Anwälte und Notare etc ihre Tätigkeit orientieren.
  • (3) Staatliches Recht: Das sind die Rechtsvorschriften für Polizei, Militär, die Steuergesetze sowie die Mittel sozialer Gestaltung.

Ehrlich schätzt insgesamt die Macht des Staates, sein gesatztes Recht durchzusetzen, realistisch, gering ein. Den Juristen schreibt Ehrlich eine bedeutende gesellschaftliche Funktion zu. Ihnen Juristen obliegt es nach Ehrlich auch, zwischen den drei Arten des Rechts zu vermitteln, ihre Regeln zu verflechten und allenfalls umzuformen. Gerechte Lösungen zu schaffen ist nach Ehrlich eine hohe Kunst.

Mit folgendem Zitat gibt sich Ehrlich als Vertreter der griechischen Mesoteslehre (Solon, Platon, Aristoteles), also der Lehre von der „Mitte” zu erkennen.):

„Denn die Gerechtigkeit beruht zwar auf gesellschaftlichen Strömungen, aber sie bedarf, um wirksam zu werden, der persönlichen Tat eines Einzelnen. Sie ist darin am ehesten der Kunst vergleichbar. Auch der Künstler schöpft sein Kunstwerk, wie wir heute wissen, nicht aus seinem Innern, er vermag nur das zu formen, was ihm von der Gesellschaft geboten wird; aber ebenso wie das Kunstwerk, obwohl ein Ergebnis gesellschaftlicher Kräfte, doch erst vom Künstler mit einem Körper bekleidet werden muss, so braucht auch die Gerechtigkeit eines Propheten, der sie verkündet; und wieder gleich dem Kunstwerk, das, aus gesellschaftlichem Stoffe geformt, vom Künstler den Stempel seiner ganzen Persönlichkeit erhält, verdankt die Gerechtigkeit der Gesellschaft nur ihren rohen Inhalt, ihre individuelle Gestalt dagegen dem Gerechtigkeitskünstler, der sie gebildet hat. Wir besitzen weder eine einzige Gerechtigkeit noch eine einzige Schönheit, aber in jedem Gerechtigkeitswerk ist die Gerechtigkeit, ebenso wie aus jedem wirklichen Kunstwerk die Schönheit zur Menschheit spricht. Die Gerechtigkeit, so wie sie in Gesetzen, Richtersprüchen, literarischen Werken individuell gestaltet wird, ist in ihren höchsten Äußerungen das Ergebnis genialer Synthese der Gegensätze, wie alles Großartige, das je geschaffen worden ist.” [1]


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Ehrlich gründete bereits 1910 ein Seminar für „Lebendes Recht”, das jedoch mit keinerlei finanziellen Mitteln ausgestattet wurde. Seine Arbeitsschwerpunkte waren neben der Rechtsgeschichte, das geltende Privatrecht und die Grundlagen und Grundfragen des Rechtsdenkens und der Rechtswissenschaft.

Die praktische Wirkung von Ehrlichs Kritik an der Rechtswissenschaft seiner Zeit war beachtlich. Und sie war im nichtdeutschsprachigen Ausland noch viel größer als in Deutschland und Österreich. Nicht nur Rechtssoziologie Rechtstatsachenforschung haben ihre Wurzeln in seinen Entwürfen, sondern auch die noch heute existente und anerkannte Interessenjurisprudenz samt neueren Methodenlehren sowie auch die moderne Rechtssprechung (J. Esser, K. Larenz, W. Fikentscher).


R. Dworkins, Amerikaner, liefert vergleichbare Ansätze zu jenen von Ehrlich Eugen.


Literatur[Bearbeiten]

  • Ehrlich, Eugen (1913):
    "Grundlegung der Soziologie des Rechts"


Internetquellen[Bearbeiten]


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.uibk.ac.at/zivilrecht/buch/kap18_0.xml?section=2;section-view=true#BABJADFG, abgerufen am 19. Juni 2007

Elias, Norbert[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Elias Norbert

  • geboren am 22. Juni 1897in Breslau (heute Wroclaw)


Eltern: Herman Elias: Kaufmann und Inhaber einer Textilfabrik

Sophie Elias: Hausfrau

Kinder: keine Geschwister: keine Ehe: keine


  • 1903-1915: zunächst Hausunterricht, danach Eintritt in die öffentliche Schule; 1915: Abitur
  • 1915: freiwillige Tätigkeit als Telegrafist im ersten Weltkrieg, zunächst an der Ost-, später an der Westfront
    Zwei Jahre später ist Elias aufgrund eines Zusammenbruchs nicht mehr felddienstfähig, er wird Sanitätssoldat in Breslau
  • 1917-1924: Studium der Medizin, der Philosophie und Psychologie in Breslau, Freiburg und Heidelberg
    Zwischendurch muss Elias einer Erwerbsarbeit nachgehen, um seine Eltern aufgrund der Weltwirtschaftskrise zu unterstützen und um seine Studien zu finanzieren.
  • 1924: Dr. phil. (Philosophie) an der Universität Breslau. Sein Doktorvater: Richard Hönigswald; Dissertation: Idee und Individuum
  • 1924-1930: Heidelberg: Fortsetzung seines Studiums der Soziologie. Einverständnis von Alfred Weber für die Habilitation.
    Habilitationsschrift: "Die Bedeutung der Florentiner Gesellschaft und Kultur für die Entstehung der Wissenschaft"
  • 1930-1933: Frankfurt am Main: Elias ist Assistent bei Karl Mannheim. Keine erfolgreiche Beendigung seines Habilitationsverfahren aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten (Institut der Soziologie wird geschlossen)
    Habilitationsschrift: „Der höfische Mensch“; Die Schrift wird erst 1969 unter dem Titel "Die höfische Gesellschaft" in veränderter Form publiziert
  • 1933-1935: Exil in Frankreich
    Danach lässt er sich für sieben Jahre in London nieder
  • 1935-1990: Exil in Großbritannien; danach Annahme der britischen Staatsbürgerschaft
  • 1935-1939: Entstehung von "Über den Prozess der Zivilisation"; Unterstützung durch eine jüdische Flüchtlingsorganisation
  • 1939-1940: Er lehrt als Senior Research Assistant an der London School of Economics and Political Science in London (auch Karl Mannheim unterrichtete dort)
  • 1940-1941: Befürchtung einer Invasion der deutschen Soldaten; Internierung als feindlicher Ausländer im "Alien Internment Camp at Huyton" nahe Liverpool, dann auf der Isle of Man. Elias hält dort Vorträge; Aufführung seiner "Ballade vom armen Jakob"
  • 1941-1954: Cambridge: Lecturer bei der "Workers Educational Association" (Labour Party). Danach unterrichtet er als Lecturer Soziologie, Psychologie, Nationalökonomie und Wirtschaftsgeschichte an den Extension Courses (Volkshochschulkurse) der University of London in Leicester
    Zusammenarbeit mit Psychoanalytiker Sigmund Heinrich Foulkes
  • 1954-1975: Elias lässt sich in Leicester nieder
  • 1954-1962: Lecturer of Sociology an der University of Leicester; starke Beteiligung am Aufbau des dortigen Department of Sociology
  • 1962: Versetzung in Ruhestand
  • 1962-1964: Professor of Sociology an der University of Ghana in Accra
  • 1964-1990: Rückkehr aus Ghana; Arbeit als Privatgelehrter; Zahlreiche Gastprofessuren in Deutschland und Amsterdam
  • 1975-1990: fester Wohnsitz in Amsterdam
  • 1977: Ehrung: Er erhält den zum ersten Mal vergebenen Theodor Adorno-Preis; seit dem Exil: seine erste bedeutende öffentliche Anerkennung seiner Arbeit in Deutschland
  • 1.8.1990: gestorben in Amsterdam


Historischer Kontext[Bearbeiten]

  • Der erste Weltkrieg bricht aus und nach dem Abitur meldet sich Elias als Kriegsfreiwilliger. Seiner Meinung nach hat ihn der Krieg verändert. Er meint damit nicht Gewalt, Tod und Grausamkeit, sondern das Erlebnis "der relativen Machtlosigkeit des Einzelnen im Gesellschaftsgefüge." Außerdem lernt er durch die schrecklichen Erlebnisse, Selbstdisziplin zu entwickeln und die eigenen Ansprüche zu verringern. Diese Fähigkeiten haben ihm später bei wissenschaftlichen Arbeiten oft geholfen, an seine Wünsche und Ziele zu glauben und diese auch zu erreichen.
  • Aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten kann sein Habilitationsverfahren mit der Schrift „Der höfische Mensch“ nicht abgeschlossen werden. Das Institut der Soziologie wird geschlossen. Das Werk erscheint erst 1969 mit dem Titel „Die höfische Gesellschaft“.
  • Da Elias jüdischer Abstammung ist, hat er 1933 keine andere Wahl, als ins Exil, zuerst nach Frankreich und dann nach England, zu gehen. Es ist nicht leicht für ihn, aber aufgrund seiner starken Selbstdisziplin hält er durch. In dieser Zeit entsteht unter anderem sein bekanntes Werk „Über den Prozess der Zivilisation.“

(siehe zum historischen und theoretischen Umfeld auch den Norbert Elias gewidmeten Artikel zum Brain Drain soziologischer Theorien)

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Einen großen Einfluss auf Elias' Werk übt sein strenger Doktorvater Richard Hönigswald, insbesondere im Rahmen der Doktorarbeit mit dem Thema „Idee und Individuum. Ein Beitrag zur Philosophie der Geschichte“, aus. Elias entwickelt aufgrund seiner Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften (Medizinstudium) einen kritischen Blick gegenüber der Philosophie, insbesondere der Kantianischen Philosophie. Er entwickelt Zweifel an der Figur des „vereinzelten Menschen“. Hönigswald kann diese Kritik nicht teilen und verlangt Änderungen seiner Arbeit, die Elias durchführen muss.

An der Universität in Heidlberg macht Elias Bekanntschaften mit den Hauptvertretern des Instituts der Soziologie: Alfred Weber, der Kultursoziologe und Karl Mannheim, der junger Privatdozent ist. Außerdem lernt Elias in einer Studentengruppe Hans Gerth, Richard Löwenthal, Heinrich Taut und Svend Riemer kennen. Die teilweise gegensätzlichen Sichtweisen zwischen Alfred Weber (idealistisch) und Karl Mannheim (materialistisch) werden v.a. auf dem 6. Deutschen Soziologentag (1928 in Zürich)deutlich. Elias äußert sich öffentlich kritisch zu den beiden Soziologen und zeigt damit, dass er den Argumenten berühmter Soziologen standhalten kann. Ein Jahr darauf wechselt Mannheim nach Frankfurt und gibt Elias die Chance, als sein Assistent mitzugehen. Elias nimmt an und folgt seinem Vorbild.

(siehe zum historischen und theoretischen Umfeld auch den Norbert Elias gewidmeten Artikel zum Brain Drain soziologischer Theorien)

Werke[Bearbeiten]

  • 1924 Idee und Individuum (Dissertation)
  • 1939 Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen
  • 1969 Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie
  • 1970 Was ist Soziologie? München.
  • 1977 Zur Grundlegung einer Theorie sozialer Prozesse
  • 1982 Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen. Frankfurt a. M.
  • 1983 Engagement und Distanz. Arbeiten zur Wissenssoziologie I. Frankfurt a. M.
  • 1983 Sport im Zivilisationsprozess. Studien zur Figurationssoziologie. Münster.
  • 1983 Über den Rückzug der Soziologen auf die Gegenwart
  • 1984 Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II. Frankfurt a. M.
  • 1985 Humana condition. Betrachtungen zur Entwicklung der Menschheit am 40. Jahrestag eines Krieges. Frankfurt a. M.
  • 1987 Die Gesellschaft der Individuen
  • 1989 Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M.
  • 1990 Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a. M.
  • 1990 Elias, Norbert. Über sich selbst. Frankfurt a. M.
  • 1991 The Symbol Theory
  • 1991 Mozart. Zur Soziogenese eines Genies. Frankfurt a. M.

Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Hauptwerk: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (Zwei Bände)

Band 1

Die Dialektik zwischen höfischer Aristokratie und bürgerlicher Intelligenzschicht in Deutschland: Die Höflichkeit der gehobenen Schichten wurde als rein äußerlich und trügend entlarvt. Der Unnatur höfischer Gesellschaften stellte die deutsche Intelligenzschicht das Ideal eines natürlichen Lebens und wahre Tugend entgegen. Verinnerlichung, tiefe Gefühle und Bildung der einzelnen Persönlichkeit, anstatt Oberflächlichkeit, Zeremoniell und äußerliche Kommunikation.
Diese Dialektik spiegelt sich auch in den Ausdrücken „Zivilisation“ und „Kultur“ wider. Elias ortet die begriffliche Verwendung von „Zivilisation“ im französischen und englischen Sprachraum des 17. und 18. Jahrhunderts, während der Ausdruck „Kultur“ eher im deutschen Sprachgebrauch anzutreffen ist.

Deutschland Frankreich
Kultur“ bringt den Stolz auf die eigenen Leistungen und das eigene Wesen zum Ausdruck. Der Ausdruck bezieht sich auf geistige, religiöse oder gesellschaftliche Fakten (vgl. S90). Zivilisation“ bezeichnet den Stolz auf die Bedeutung der eigenen Nation, auf den Fortschritt des Abendlandes und der Menschheit. Sie bezieht sich auf politische, wirtschaftliche, religiöse, technische, moralische oder gesellschaftliche Fakten (vgl. S90).
Ein französisch sprechender Adel und eine deutschsprachige mittelständische Intelligenzschicht stehen sich gegenüber. Tiefgehende Bildung der Obrigkeit findet sich selten (vgl. S119). Das höfische Bürgertum und die höfische Aristokratie sprechen die gleiche Sprache, lesen die gleichen Bücher und haben annähernd dieselben Manieren (vgl. S133).
Höchste Regierungsposten bleiben ausschließlich dem Adel vorbehalten. Zutritt des Mittelstandes auch zu den höchsten Regierungsposten.
Die bürgerliche Intelligenz stellt der Obrigkeit ein radikal anderes Modell gegenüber. Anstelle der falschen Zivilisation soll eine echte Zivilisation treten (vgl. S139). Eine höfische Reformintelligenz strebt nach einer Modifikation des Bestehenden (vgl. S139).
Bürgerliche Schichten spielen keine politische Rolle. Die Intelligenzschicht ist auf die Sphäre des Geistes und der Ideen beschränkt (vgl. S142). Bürgerliche Schichten spielen auch eine politische Rolle. Man ist aktiv und reformfreudig (kurzfristig auch revolutionär) (vgl. S142).

Entscheidend ist für Elias, dass Zivilisation kein Zustand, sondern, wie der Titel seiner Abhandlung impliziert, ein Prozess ist. „Die Zivilisation, die wir gewöhnlich als Besitztum betrachten, das uns so, fertig, wie sie uns erscheint, einfach zukommt, ohne zu fragen, wie wir eigentlich dazu gekommen sind, ist ein Prozeß oder Teil eines Prozeßes, in dem wir selbst stehen.“ (S166).
Dabei ist es so, dass der Standard des guten Benehmens einer bestimmten Zeit auch durch einen ganz bestimmten Begriff repräsentiert wird. Der Prozess der Zivilisation ist anhand der Begriffe „Courtoisie“, „Civilité“ und „Civilisation“ bzw. deren Verwendung in der französischen Sprache dokumentiert. Sie markieren drei Abschnitte der gesellschaftlichen Entwicklung, wobei es grundsätzlich so ist, dass neue (gehobene) Sitten von der aristokratischen Oberschicht zum Bürgertum diffundieren. „[…] wandelt sich Empfinden und Affektlage zunächst in der Oberschicht, und der Aufbau der Gesamtgesellschaft läßt diesen veränderten Affektstandard sich langsam über die Gesellschaft hin ausbreiten.“ (S246).
Die Bedeutung des Begriffs „Civilité“ verfestigte sich im Bewusstsein der Menschen im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts, beeinflusst von einer Schrift des Erasmus von Rotterdam, mit dem Titel: „De civilitate morum puerilium“ (1530), die einen Kodex für das Benehmen der Menschen in der Gesellschaft vorstellt. Erasmus war keines Falls der erste Verfasser eines derartigen Textes. Das Mittelalter kannte eine ganze Reihe sogenannter Courtoisieschriften, deren Inhalte bei Erasmus z. T. wiederkehren, aber in erweiterter und verfeinerter Form. Der auf Formen der Beziehung und des Verhaltens hin konditionierte Affekthaushalt des Mittelalters (Courtoisie) wird somit in mancher Hinsicht und in verschiedenen Nuancen als unangebracht und peinlich dargestellt. Der Begriff „Courtoisie“ kommt im Laufe des 17. Jahrhunderts gänzlich aus der Mode und wird von „Civilité“ abgelöst. „Ja, das Wort „courtoisie“ erscheint jetzt geradezu als ein bourgeoiser Begriff.“ (S229). Ganz ähnlich verliert im Laufe des 18. Jahrhunderts langsam der Begriff „Civilité“ an Gewicht. „Civilisation“ wird zum Ausdruck einer neuen Form des Selbstbewusstseins. Er dokumentiert das Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle und der Schamgrenze, was man auch als Verfeinerung der Zivilisation bezeichnen kann. Im 19. Jahrhundert scheint der Prozess der Zivilisation weitgehend abgeschlossen. „Man möchte diesen Prozess nur noch bei anderen Völkern, eine Zeitlang auch noch bei den unteren Schichten der eigenen Gesellschaft vollziehen.“ (S230).
„[…] die Menschen [drängen] im Laufe der Zivilisierungsbewegung alle das zurück, was sie an sich selbst als „tierische Charaktere“ empfinden.“ (S253). Das peinlich gewordene wird hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlegt (z. B. die Verrichtung menschlicher Notdurft). Dies geht einher mit der Tatsache, dass zuerst Höherstehende von sozial Niedrigerstehenden (allenfalls Gleichstehenden) eine Zurückhaltung der Affekte forderten, während, nachdem bürgerliche Schichten zur Oberschicht aufgestiegen sind, die Familie zur vorherrschenden Stätte der Produktion von Triebverzicht wird. Aber nicht nur die Abflachung gesellschaftlicher Hierarchien, sondern auch das zunehmende Maß sozialer Differenzierung (und gegenseitiger Abhängigkeit (Arbeitsteilung)) spielt dabei eine gewichtige Rolle. Die Formen des Angewiesenheit und der Abhängigkeit verstärken sich. Dies trägt zur Regelung des Affektlebens in Form von Selbstzucht bzw. Selbstzwänge bei.

Im Prozess der Zivilisation sind die Zurückhaltung, die Angst, die Scham oder die Peinlichkeit gegenüber einer Übertretung gesellschaftlicher Zwänge, also Angst und Scham vor Menschen. Der Appell an die menschliche Rationalität spielt dabei kaum eine Rolle und tritt erst im 19. Jahrhundert (meist in Form von hygienischen Vorschriften) in Erscheinung. Hingegen dient seither fast ausschließlich die gesundheitliche Begründung als Instrument der Konditionierung, um Zurückhaltung und Triebverzicht zu erzwingen.

Band 2
Bevor sich in Europa absolutistische Höfe als Machtzentren etablieren konnten, war das gesellschaftliche Gefüge von einer fragilen Balance geprägt. Der Besitz von Grund und Boden (bzw. die Verfügungsgewalt darüber) galt im Umfeld einer vergleichsweise schwach ausgebildeten Geldwirtschaft als bedeutsamstes Gut. Zentralisierte, königliche Macht zeichnete sich durch eine kriegerische Unterwerfung und Eroberung von Land aus. Im Zuge der Verwaltung dieser Ländereien waren Könige darauf angewiesen, Personen ihres Vertrauens als Territorialherren einzusetzen, die aber stets bestrebt waren, sich von der Zentralgewalt zu emanzipieren. „In immer neuen Schüben schicken kriegsstarke Erobererkönige ihre Vertrauten, Verwandten, Bediensteten als Beauftragte ins Land, und in immer neuen Schüben kämpfen die Beauftragten von ehemals oder deren Nachkommen als Stammesfürsten oder Territorialherren gegen die Zentralgewalt um die Erblichkeit und die faktische Unabhängigkeit ihres Gebietes, das ursprünglich eine Art von Lehen war.“ (S28). Elias spricht dabei von dezentralisierenden oder zentrifugalen Kräften. Hingegen wurde die Zentralherrschaft geduldet, wenn diese für militärischen Schutz vor externen Bedrohungen benötigt wurde oder wenn es neu erobertes Land zu verteilen gab. Im Sinn der Stabilität wurden sie so zu kriegerischen Ausdehnungsversuchen geradezu getrieben.
Der eben beschrieben Mechanismus verunmöglichte aber zugleich die Ausbildung eines straffer organisierten Beamtentums, das einen stabilen und mit friedlichen Mitteln arbeitenden zentralen Herrschaftsapparat ermöglicht hätte. Man war in einem Automatismus gefangen der einer bestimmten Form der wirtschaftlichen Beziehungen (Naturalwirtschaft) entsprach: agrarische Selbstversorgung, geringe Entwicklung des Austausches von Produkten, unterentwickeltes Straßennetz, schlechte Transportmittel, geringe Interdependenz zwischen verschiedenen Gebieten. Anstelle einer wirtschaftlichen Integration manifestierte sich eine kriegerische Integration: „Die kriegerische Integration, der Zusammenschluss zur Abwehr gemeinsamer Feinde“ (S45).
Die Vermehrung oder die Verringerung der Bevölkerung (demographische Entwicklung) erachtet Elias als einen der wichtigsten Motoren der Veränderung im Aufbau der Beziehungen und der Institutionen. „Überbevölkerung nennen wir also zunächst ein solches Wachstum der Bevölkerung eines bestimmten Gebietes, daß bei bestehendem Gesellschaftsaufbau für immer weniger Menschen die Befriedigung ihrer Standardbedürfnisse möglich ist.“ (S54). Resultat aus diesem Zustand ist für Elias das Streben nach Kolonisation, sowohl nach außen (Inbesitznahme freier aber fern liegender Ländereien) als auch nach innen (Rodung von Wäldern, Trockenlegung von Sümpfen u. dgl.). Es beginnen sich innerhalb von Gesellschaften tiefgreifende Veränderungen zu vollziehen. „Die Bevölkerung expandiert unter dem Druck von Bodensperre und Bevölkerungswachstum nicht nur in die Weite, sie expandiert gewissermaßen auch im Innern; sie differenziert sich, sie setzt neue Zellen an, sie bildet neue Organe, die Städte.“ (S69). Jene fortschreitende Differenzierung der Arbeit, forciert auch Arbeitsteilung und steigert die zwischenmenschliche Abhängigkeit. Neben der Bildung großer Märkte wird auch Geld als universalisierbares Tauschmittel zunehmend relevant. Man braucht es umso dringender, je länger die Austauschketten innerhalb einer Gesellschaft sind.
Jene, die sich als reichere Grundherren etablieren konnten, haben in den nun vorherrschenden Bedingungsrahmen einen deutlichen Vorteil. „An den Höfen der großen Grundherren sammelt sich kraft ihrer direkten oder indirekten Verflechtung in das Handelsnetz, sei es in Naturalien, sei es in geprägtem oder ungeprägtem Edelmetall, ein Reichtum, der dem Gros der kleineren Grundherren fehlt“ (S99). Es setzt sich gewissermaßen ein Monopolmechanismus in Gang. Die langsam wachsende Monetisierung begünstigte die wenigen großen Feudal- und Gutsherren, die Lebensbedingungen der kleineren Gutsherren oder Ritter veränderten sich vorerst kaum.
An den Höfen großer Herren wächst hingegen das Verlange, ihrer Stellung durch Glanz und Schmuck des Hofes Ausdruck zu verleihen, sie erlangen dadurch kulturelle Bedeutung. Mit anderen Worten, die feudalen Höfe bilden um das 12. Jahrhundert die Zentren der Geschichtsschreibung einerseits und versammeln andererseits Dichter bzw. Minnesänger zur höfischen Unterhaltung um sich. Beide Bereiche erfüllen aber auch eine Funktion als Instrument im Machtkampf zwischen konkurrierenden Feudalhöfen. Es ist durchaus augenscheinlich, dass der Minnesang der eigentlich ritterlichen Geistesart widerspricht. Dennoch entwickelt sich in dieser höfischen Geselligkeit eine Form menschlicher Beziehungen, die bereits in der Richtung einer strengeren Regulierung von Trieben liegt. „[…] im beschränkten Kreise des Hofes und gefördert vor allem durch die Anwesenheit der Herrin werden friedlichere Umgangsformen zur Pflicht.“ (S112f). „Die Ritter wie die bürgerlichen Sänger sind sozial abhängige Existenzen; und die gesellschaftliche Basis ihres Singens, ihrer Haltung, ihrer Trieb- und Affektlage bildet das Dienstverhältnis.“ (S113).
Die Koexistenz mehrerer großer Feudalhöfe war jedoch weder durch Frielichkeit noch durch Stabilität gekennzeichnet. Elias beschreibt am Beispiel Frankreichs sehr detailiiert, wie sich über einen generationenübergreifenden und kriegerischen Prozess eine monompolisierte Herrschaft über eine großes, mit heutigen Nationalstaaten vergleichbares, Gebiet etablieren konnte. „[...], daß immer mehr aus dem Konkurrenzkampf ausscheiden müssen und in dierekte oder indirekte Abhängigkeit von einer immer kleineren Anzahl geraten.“ (S153). Elias spricht hierbei von einer Gesetzlichkeit des Monopolmechanismus. „Es ist charakteristisch für die Strenge, mit der dieser Monopolmechanismus arbeitet, daß sich analoge Prozesse annähernd zu der gleichen Zeit ziemlich in allen Territorien des westfränkischen Gebiets abspielen.“ (S170).
Während, wie weiter oben beschrieben, historisch vorausgehend eine zentralisierte Verwaltung noch nicht zu errichten bzw. für längere Zeit aufrechtzuerhalten war, spielen nun Bereichen wie Geld, Handwerk, Handel, eine bedeutsamere Rolle. „Menschengruppen, die sich mit alledem spezialistisch befassen, das Bürgertum, haben ein eigenes, soziales Schwergewicht bekommen; die Verkehrsmittel haben sich entwickelt; all das bietet der Herrschaftsorganisation eines größeren Gebietes Chancen, die früher gefehlt haben.“ (S189). Gekennzeichnet ist diese Situation durch ein gesteigertes Ausmaß an Interdependenzen und differenzierten Funktionen. „Aus dem Boden besitzenden und Boden oder Naturalernten vergebenden König ist ein Geld besitzender und Geldrenten vergebender König geworden: Das gibt der Zentralisierung eine bisher unerreichte Stärke und Festigkeit.“ (S. 285).


Stellt man Bd. 1 und Bd. 2 gegenüber, so beschreiben diese zwei Seiten ein und derselben Medaillie. Bd. 1 befasst sich mit der Psychogenese individueller Affekt- und Triebstrukturen, stellt also eine mikrostrukturelle Betrachtung dar, während Bd. 2 den Prozess der Zivilisierung hinsichtlich der Gesellschaftlichen Makrostruktur untersucht. Diese zwei Aspekte bilden eine dialektische Einheit: Der Wille und die rationale, zweckgerichtete Überlegung einzelner Menschen stehen der Zwanghaftigkeit von Entwicklungsresultaten fernab jeglicher individuellen Intention gegenüber. „[Die Veränderung] vollzieht sich als Ganzes ungeplant, aber sie vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung.“ (S323). Dies intendiert zugleich eine der zentralen Fragen, nach deren Klärung Elias strebt: „Wie kommt es überhaupt in dieser Menschenwelt zu Gestlatungen, die kein einzelner Mensch beabsichtigt hat, und die dennoch alles andere sind, als Wolkengebilde ohne Festigkeit, ohne Aufbau und Struktur?“ (S324). Den entscheidenden Faktor findet Elias dabei in der zwischenmenschlichen Interdependenz. „Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen, menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingend und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden.“ (S324). Die Genese der Zivilisation folgt zwar einer Ordnung, diese läßt sich jedoch weder naturgesetzlich noch als Resultat von Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Geistes erklären.
Die fortschreitende Differenzierung gesellschaftlicher Funktionen kann als allgemeinste Determinante dieses Transformationsprozesses herausgestellt werden. Das Verhalten von immer mehr Menschen muss aufeinander abgestimmt werden. Das Gewebe der Aktionen immer genauer und straffer durchorganisiert sein. Zwischenmenschliche Abhängigkeiten nehmen verstärkt zu. Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren. Die fortschreitende Funktionsteilung geht mit einer totalen Umorganisierung des gesellschaftlichen Gewebes Hand in Hand. Und erst daraus resultierte die Möglichkeit einer Monopolisierung von Kräften, die eine stabile Ordnung jenseits rein militärischer Integration ermöglicht. „Gesellschaften ohne stabiles Gewaltmonopol sind immer zugleich Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung relativ gering und die Handlungsketten, die den Einzelnen binden, verhältnismäßig kurz sind. Ungekehrt: Gesellschaften mit stabileren Gewaltmonopolen, verkörpert zunächst stets durch einen größeren Fürsten- oder Königshof, sind Gesellschaften, in denen die Funktionsteilung mehr oder weniger weit gediehen ist, in denen die Handlungskette, die den Einzelnen binden, länger und die funktionellen Abhängigkeiten des einzelnen Menschen von anderen größer sind.“ (S332). Während sich in der Kriegergesellschaft militärisch überlegene Akteure durchsetzten, sind mit fortschreitender Zivilisierung jene im Vorteil, die ihre Affekte unter Kontrolle haben. Wer vom eigenen Grund und Boden lebt, steht in relativ kurzen Abhängigkeitsketten und eine starke Beschränkung der Triebe und Affekt ist nicht nötig, vielleicht nichtmal hilfreich. Anders verhält es sich in einer Gesellschaft in der aus kriegerischen Rittern eine Schicht von Höflingen geworden ist. Hierin spiegelt sich der viel zitierte „Zwang zum Selbstzwang“.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

  • Es dauert lange, bis Norbert Elias die öffentliche Anerkennung in Deutschland für sein größtes Werk "Über den Prozess der Zivilisation" durch den ersten Adorno- Preis im Jahr 1977 erhielt. Nach Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung in Prag und der ungünstigen Situation in Westdeutschland, wo in den Sozialwissenschaften vorrangig Marx rezipiert wurde, blieb das Werk zunächst ein Geheimtipp unter wenigen (siehe Zitat von Thomas Mann). Schließlich tritt doch noch der große Erfolg ein, der bis heute anhält. Elias' Werk ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden.
  • Thomas Mann: „Das Buch von Elias ist wertvoller als ich dachte. Namentlich die Bilder aus dem späten Mittelalter und der ausgehenden Ritterzeit.“
  • Als Lecturer of Sociology an der University of Leicester ist er stark am Aufbau des dortigen Department of Sociology beteiligt und unterstützt somit die Verbreitung der Gesellschaftswissenschaft.
  • Elias Prozesstheorie ist vor allem für die nachkommenden Sozialwissenschaftler von großer Bedeutung und Anreiz, sich selber seine Gedanken darüber zu machen. Das kann man besonders deutlich an folgenden Sätzen erkennen:
    Die Zivilisation, sie ist noch nicht zu Ende.“(Titelblatt)
  • Und das heißt: Unsere Zukunft ist offen, die der Individuen und die der Gesellschaften, die sie miteinander bilden. Nichts ist endgültig und festgelegt.“ (Letzter Satz des zweiten Bandes)


Literatur[Bearbeiten]

  • Elias, Norbert (1997):
    Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band: Wandlung des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes.
    Suhrkamp, Frankfurt am Main.
  • Elias, Norbert (1997):
    Über den Prozess der Ziviliasation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band: Wandlung der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation.
    Suhrkamp, Frankfurt am Main.
  • Kaesler, Dirk [Hrsg.] (2003):
    "Klassiker der Soziologie, Band I Von Auguste Comte bis Norbert Elias, 4. Auflage"
    München
  • Kaesler, Dirk/ Vogt, Lydia [Hrsg.] (2000):
    "Hauptwerke der Soziologie"
    Stuttgart
  • Korte, Hermann [Hrsg.] (1995):
    "Einführung in die Geschichte der Soziologie, 3. Auflage"
    Opladen

Internetquellen[Bearbeiten]

Eisenstadt, Shmuel Noah[Bearbeiten]

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Eisenstadt Shmuel Noah

  • geboren: am 10. September 1923 in Warschau, Polen


Eltern: jüdischer Abstammung, Anhänger des Zionismus
Vater: Zahnarzt in Warschau, 1890 - 1930
Mutter: Bankangestellte in Tel Aviv, 1896 - 1986

Wohnort: Jerusalem
Familienstand: Verheiratet
Kinder: drei


  • Ausbildung:
vor 1940 Geula-Gymnasium in Tel Aviv
1940-44 Studium der Geschichte, Jüdischen Geschichte und Soziologie, Hebräische Universität Jerusalem
1947 promoviert mit der Dissertationsschrift zu "Wesen und Grenzen des Sozialen" an der Hebräischen Universität Jerusalem
1947-48 Postdoktorand an der London School of Economics


  • Berufliche Daten:
1948-49 Mitglied der Israelischen Armee
1950 Übernahme der Leitung des Fachbereichs für Soziologie, Hebräische Universität Jerusalem
seit 1958 etliche Gastprofessuren and den Universitäten in Chicago, Washington, Massachusettes, Uppsala, Hong Kong, Heidelberg, Konstanz, Erfurt, Wien u.a.
1959 Erhalt der Professur für Soziologie, Hebräische Universität Jersualem
1990 Emeritierung


  • Andere Tätigkeiten:
1960-64 Vorsitzender des "Israel Council of Community Relations"
1969-71 Präsident der "Israeli Sociological Association"
1995-99 Vorsitzender des "Academic Advisory Council", Ben Zvi Instiut

Eisenstadt ist Miglied vieler Akademien - unter anderen auch der "American Acedemy of Arts and Science". Ihm wurden neben dem Balzan und dem Maximum-Planck noch zahlreiche andere Preise zuerkannt.


  • Wichtige private Ereignisse:

Eisenstadts Vater stirbt frühzeitig und so emigriert er 1935 mit seiner Mutter nach Palästina.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

  • Zionismus
  • Gründung des Staates Israel in einer sicherheitsprekären Umwelt
  • Flucht europäischer Juden vor dem Nationalsozialismus
  • Holocaust

Eisenstadt, erlebte die Zeit des zweiten Weltkriegs in seinen Jugendjahren, welche ihn und seine Werke besonders dadurch prägte, dass er selbst ein Jude ist. Seine Eltern waren - wie auch später erselbst - Anhänger des Zionismus und nach dem frühzeitigen Tod des Vaters emigrierte Eisenstadt mit seiner Mutter nach Palästina. Als Student, zur Zeit des britischen Mandats, war er Mitglied der Hagana, einer zionistischen Bewegung in Palästina, welche für die Staatsunabhängigkeit kämpfte.

Die Entstehung der jüdischen Gemeinschaft Jischuw in Palästina, die Gründung des Staates Israel, sowie die instabile und politsch schwierige Lage des neuen jungen Staates waren Themen seiner Forschungsprojekte. Hinzu kam jedoch noch die Immigration von vielen europäischen Juden, die vor dem Nazi-Regime flüchteten, die Einwanderung Holocaustüberlebender und vor allem der starke Zustrom sogenannter "orientalischer Juden", die aus dem Nahen Osten ins Land kamen, welche zu Gegenständen seiner empirischen Forschung wurden. Besonderes Augenmerk legte Eisenstadt auch auf die Sozialisationsmuster der Jugendlichen, die in Kibuzzim oder Moschawim aufwuchsen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Einstieg in die Soziologie

Durch den Einfluss seines akademischen Lehrers, dem Religions- und Sozialphilosophen Martin Buber, welcher selbst eine persönliche Beziehung zu Georg Simmel pflegte, betrat Eisenstadt schon sehr früh und bereits mit eigenen Fragen das intellektuelle Feld der Soziologie. Er promovierte 1947 bei Buber und wurde anschließend zu seinem Assistenten. Allgemein anzumerken ist, dass sich Shmuel Noah Eisenstadts kultur- und zivilisationstheoretische Konzepte, durch das Wechselspiel zwischen theoretischer und historisch-komparativer Fragestellung und durch eine Theoriediskussion auszeichnen.


Besonders stark beeinflusst sind Eisenstadts Werke von:

Talcott Parsons (pattern variables)
Max Weber (Charisma-Begriff)
Emile Durkheim
Sowie von seinem Freund und Lehrer Edward Shils


Werke[Bearbeiten]

The Absorption of Immigrants (1954)
Form Generation to Generation, Age Groups and Social Structure (1956)
The Political System of Empires (1963)
Essays on Comparative Institutes (1965)
Modernization, Protest and Change (1966)
Israeli Society (1967)
The Protestant Ethic and Modernization (1968)
Political Sociology (1970)
Social Differentation and Stratification (1971)
Jewish Civilization (1992)
Multiple Modernities (2000)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Eisenstadt befasst sich hauptsächlich mit der Erklärung des Sozialen Wandels und mit den Entwicklung und Bestandsbedingungen sozialer Ordnung. Eisenstadt erklärt diese Phänomene anhand seiner eigenen Theorie, welche, grob ausgedrückt, eine Erweiterung des Strutkurfunktionalismus darstellt.


From Generation to Generation[Bearbeiten]

Shmuel Eisenstadt beschäftigte sich vor allem bis Mitte der 1960er Jahre mit dem Strukturfunktionalismus. In dieser Zeit galt sein Interesse besonders den jugend- und migrationssoziologischen Frühschriften, die großteils auf Parsons Konzept der "pattern variables" sowie dem AGIL Schema basieren.

"From Generation to Generation" ist der Analyse von Altersgruppen und deren Auftreten in den Gesellschaften gewidmet, welche primär auf die Frage nach Steuerungsmechanismen und Aufrechterhaltung von Gleichgewichtszuständen gerichtet ist. Eisendstadt vertritt darin die These, dass sich das Auftreten von Altersgruppen und ihrer rollenspezifischen Differenziertheit auf die Initiative einzelner Akteure und deren gesellschaftlichen Positionierungen zurückführen lässt. Einhergehend mit diesem Prozess wird auch der Umstand beleuchtet, dass es für Jugendliche zur Entstehung einer Diskontinuität zwischen der askriptiven,partikularistischen Familienrolle und der leistungsbezogenen, universalistischen Rolle in der Gesellschaft kommt. Seine strukturfunktionalistische Theorie wird in diesem Werk um akteurstheoretische Einflüsse erweitert, da Eisenstadt auch die Frage stellt, wie Jugendliche diese Diskontinuitäten überwinden und er letztendlich auf die Reduktion von psychischen Spannungen, Wahrnehmung von Identifikationsangeboten und Rollenspezialisierung verweist.

Offen bleibt, durch welche Mechanismen im Prozess der Differenzierung das Problem der sozialen Integration gelöst wird, bzw. wie unterschiedliche institutionelle Sphären ihre Grenzen konstituieren. Diese Fragestellung war ausschlaggebend dafür, dass Eisenstadt sein strukturfionalistisches Konzept um struktur- und symboltheoretische Theorien erweiterte. Dabei griff er die Theorie von Max Weberes Kultursoziologie bzw. genauer gesagt dessen Protestantimus-Kapitalismus-These auf und untersuchte die durch Ausdifferenzierung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems enstandenen Probleme.

The Absorption of Immigrants[Bearbeiten]

Shmuel N. Eisenstadt erläutert 1954 in seiner Studie: The Absorption of Immigrants A Comparative Study Based Mainly on the Jewish Community in Palestine and The State Israel” seine Theorien zur Assimilation bzw. Absorption von Migranten im Zusammenhang mit der jüdischen Migration nach Israel.


The Political System of Empires[Bearbeiten]

Dieses Werk, das sich vordergründig mit dem sozialen Wandel der Gesellschaftsstruktur beschäftigt, baut auf der Untersuchung von historischen, zentralisierten, bürokratischen Reichen - wie zum Beispiel der Han- und Tang oder Byzanz auf und gilt als Meilenstein für die neuere historische Soziol